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The Will to Power
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Herbst 1885—Frühjahr 1886 1 [201-247]

1 [201]

Mittelstand-Moral

1 [202]

Es giebt etwas Unbelehrbares im Grunde: einen Granit von factum, von vorausbestimmter Entscheidung im Maaße und Verhältniß zu uns, und ebenso ein Anrecht auf bestimmte Probleme, eine eingebrannte Abstempelung derselben auf unseren Namen.

Der Versuch, sich anzupassen, die Qual der Vereinsamung, das Verlangen nach einer Gemeinschaft: dies kann sich bei einem Denker so äußern, daß er an seinem Einzelfall gerade das Persönlichste und Werthsvolle subtrahirt und, indem er verallgemeinert, auch vergemeinert. Dergestalt ist es möglich, daß die ganze ausgesprochene Philosophie eines merkwürdigen Menschen nicht eigentlich sein Philosophie, sonder gerade die seiner Umgebung ist, von der er als Mensch abweicht, paratypisch. Inwiefern Bescheidenheit, Mangel an muthigem “Ich bin” bei einem Denker verhängnißvoll wird. “Der Typus ist interessanter als der Einzel-und Ausnahme-Fall”: insofern kann die Wissenschaftlichkeit des Geschmacks Jemanden dazu bringen, für sich nicht die nöthige Theilnahme und Vorsicht zu haben. Und endlich: Stil, Litteratur, der Wurf und Fall der Worte—was fälscht und verdirbt dies Alles am Persönlichen! Mißtrauen im Schreiben, Tyrannei der Eitelkeit des Gut-Schreibens: welches jedenfalls ein Gesellschafts-Kleid ist und uns auch versteckt. Der Geschmack feindlich dem Originellen! eine alte Geschichte.



Stil, der mittheilt: und Stil, der nur Zeichen ist, “in memoriam.” Der todte Stil eine Maskerade; bei anderen der lebendige Stil. Die Entpersönlichung.

1 [203]

Gegen einen Feind giebt es kein besseres Gegenmittel als einen zweiten Feind: denn Ein Feind — — —

1 [204]

Allzuviel auf mir, seit wann?, fast von Kindesbeinen an. Meine Philologie war nur eine begierig ergriffene Echappade: ich kann mich nicht darüber täuschen, die Leipziger Tagebücher redeten zu deutlich.— Und kein Gefährten!— Leichtfertig im Vertrauen? Aber ein Einsiedler hat immer zu viel Vorrath davon aufgehäuft, ebenso freilich auch von Mißtrauen.

1 [205]

Das tiefste Mißverständniß der Religion, “böse Menschen haben keine Religion.”

1 [206]

Russische Musik: wie kommt es, daß — — —

1 [207]

Die extreme Lauterkeit der Atmosphaere in die ich ihn gestellt habe, und mir erlaubt, Dinge — — —

1 [208]

ich bin widerstandsunfähiger gegen den phys[ischen] Schmerz geworden: und wenn jetzt Tage kommen mit den alten Anfällen, so verwandelt sich der Schmerz sogleich in eine seelische Tortur, mit der ich nichts vergleichen kann

1 [209]

Man giebt an sein Werk auch die Höhe und Güte seiner Natur weg: hinterdrein Dürre oder Schlamm. —

1 [210]

Wie das gute Gewissen und das Wohlbefinden loslöst von den tiefen Problemen!

1 [211]

Jenseits von Gut und Böse: dergleichen macht Mühe. Ich übersetze wie in eine fremde Sprache, ich bin nicht immer sicher, den Sinn gefunden zu haben. Alles etwas zu grob, um mir zu gefallen.

1 [212]

Auf braunen, gelben, grünen Purpur-Teppichen kommt

1 [213]

Wir Früh-Aufsteher, die wir auf den — — —

1 [214]

Gegensatz, es giebt Wahrheiten zum Erbrechen, materia peccans, welche man schlechterdings los werden will: man wird sie los, indem man sie mittheilt.

1 [215]

Auf die Noth der Massen sehen mit ironischer Wehmut: sie wollen etwas, das wir können—ah!

1 [216]

Ich habe den heiligen Namen der Liebe nie entweiht.

1 [217]

ausgeschlafene Kräfte

1 [218]

ächt in seiner Objektivität, in seinem heiteren Totalismus, ist er falsch und gewollt in seinen Affekten, künstlich und raffinirt im Erfassen des Einzelnen, selbst in den Sinnen

1 [219]

NB Wie im Abnehmen der Lebenskraft man zum Beschaulichen und zur Objektivität heruntersinkt: ein Dichter kann es fühlen (Sainte-Beuve).

1 [220]

Das ungeheure Genießen des Menschen und der Gesellschaft im Zeitalter L[udwigs] XIV machte, daß der Mensch in der Natur sich langweilte und verödet fühlte. Am peinlichsten war die öde Natur, das Hochgebirge.

Die Prezieusen wollten den Geist, mindestens den esprit in die Liebe bringen. Symptom eines ungeheuren Genusses am Geiste (dem hellen, distinguirenden, wie zur Zeit der Perserkriege)

Die künstlichen Formen (Ronsard, selbst die Skandinavier) machen die größte Freude bei sehr saftigen und kräftigen sinnlichen Naturen: es ist ihre Selbst-Überwindung. Auch die künstliche Moral.

Unsere Menschen wollen hart, fatalistisch, Zerstörer der Illusionen sein—Begierde schwacher und zärtlicher Menschen, welche das Formlose, Barbarische, Form-Zerstörenden goutiren (z.B. die “unendliche” Melodie—Raffinement der deutschen Musiker) Der Pessismus und die Brutalität als Reizmittel unsrer Preziösen.

1 [221]

Catilina—ein Romantiker neben Caesar, modo celer modo lentus ingressus

1 [222]

Die Gewissensfreiheit ist nur im großen Despositismus nützlich und möglich — ein Symptom der Atomisirung

1 [223]

NB Die letzte Tugend.

Wir sind die Verschwender der Tugenden, welche unsere Vorfahren angesammelt haben und, Dank ihnen, in Hinsicht auf ihre lange Strenge und Sparsamkeit, mag es eine geraume Zeit noch angehn, daß wir uns als die reichen und übermüthigen Erben [gebärden.]

1 [224]

düster oder ausgelassen, ein Geist, der in allem, was er aussinnt, Rache für etwas nimmt, das er gethan hat (oder dafür, daß er Etwas nicht gethan hat)—der das Glück nicht ohne Grausamkeit versteht

1 [225]

Hier, wo die Halbinsel ins Meer läuft

1 [226]

Wer kein Vergnügen daran hat, Tölpel tanzen zu sehen, soll keine deutschen Bücher lesen. Ich sehe eben einen deutschen Tölpel tanzen: Eugen Dühring, nach dem Anarchisten-Motto “ni dieu ni maître.” [Vgl. Eugen Karl Dühring, Sache, Leben und Feinde. Als Hauptwerk und Schlüssel zu seinen sämmtlichen Schriften. Karlsruhe; Leipzig: H. Reuther, 1882. Vgl. Louis Auguste Blanqui (1805-81), et. al. Ni Dieu ni Maître. Paris: 1880-81.]

1 [227]

Bei den Meisten ist auch heute immer noch ihre Klugheit das Ächteste, was sie haben: und nur jene Seltenen, welche wissen, welche fühlen, wie sie im Zwielichte einer alternden Cultur aufgewachsen sind — — —

1 [228]

Ich verstehe nicht, was die Laien an R[ichard] W[agner] haben: vielleicht erregt er ihre romantischen Gefühle und alle Schauer und Kitzel des Unendlichen und der romantischen Mystik—wir Musiker sind entzückt und verführt

1 [229]

Halkyonische Reden.            Cäsar unter Seeräubern.
Die Stunde, wo die Sonne hinunter ist —
Die Menschen zu lieben um Gottes Willen —
Für die, welche golden lachen.
Dankbar für das Mißverstandenwerden —
Am goldenen Gitter.
Wir Eidechsen des Glücks —
Unter Kindern und Zwergen.
An der Brücke.
Auf der alten Festung.
Das Bad.
Das größte Ereigniß —
Immer verkleidet
otium
Armut, Krankheit—und der vornehme Mensch
das langsame Auge
“Seins-Gleichen”—gegen die Vertraulichkeit
Schweigen-können
Schwer-versöhnlich, schwer-ergrimmt
Alles Förmliche in Schutz nehmen.
Frauen.— Tanz, Thorheit, kleine Schmuckkästen
der Versucher.
Vom Geblüt.
Die Maske.

1 [230]

Halkyonische Lieder.

1 [231]

Ariadne.

1 [232]

Das Problem der Rangordnung.

Vorläufige Gedanken und
Gedankenstriche

von
Friedrich Nietzsche.

1 [233]

NB. Der Schaden macht klug, sagt der Pöbel.— So weit er klug macht, macht er auch schlecht. Aber wie oft macht der Schaden dumm!

1 [234]

In wiefern ein Handwerk leiblich und geistig deformirt: ebenso Wissenschaftlichkeit an sich, ebenso Gelderwerb, ebenso jede Kunst:—der Spezialist ist nothwendig, aber gehört in die Klasse der Werkzeuge.

1 [235]

Es ist sehr interessant, einmal Menschen ohne Zügel und Grenze zu sehn: fast alle höheren Menschen (wie Künstler) fallen in irgend eine Unterwerfung zurück, sei es das Christenthum oder die Vaterländerei.

1 [236]

Wenn dies kein Zeitalter des Verfalls und der abnehmenden Lebenskraft mit viel Melancholie ist, so ist es zum mindesten eines des unbesonnenen und willkürlichen Versuchens:—und es ist wahrscheinlich, daß aus seiner Überfülle mißrathener Experimente ein Gesammt-Eindruck wie von Verfall entsteht: und vielleicht die Sache selbst, der Verfall.

1 [237]

Das Problem der Rangordnung.

Das Problem von Zucht und Züchtung.

 ìDie Zucht des Willens.
 ïDie Zucht des Gehorchens.
NB.íDie Zucht des Befehlens.
 ïDie Zucht der Unterscheidung.
 îDie Bildung, welche die Spezialität ausschließt.

1 [238]

Die tiefe Nothwendigkeit der Aufgabe, welche über allen möglichen Schicksalen jedes Menschen waltet, in dem eine Aufgabe leibhaft wird und “zur Welt kommt”—in der Mitte des Lebens begreife ich, was das Problem der Rangordnung für Vorbereitungen nöthig hatte, um in mir endlich aufzusteigen:—wie ich die vielfachsten Glücks- und Nothstände m[einer] Seele und meines Leibes erfahren mußte, nichts verlierend, alles auskostend und auf den Grund prüfend, Alles von Zufälligen reinigend und aussiebend.

1 [239]

Jede Moral, welche irgend wie geherrscht hat, war immer die Zucht und Züchtung eines bestimmten Typus von Menschen, unter der Voraussetzung, daß es auf diesen Typus vornehmlich, ja ausschließlich ankomme: kurz, immer unter der Voraussetzung eines Typus. Jede Moral glaubt daran, daß man mit Absicht und Zwang am Menschen Vieles ändern (“bessern”) könne:—sie nimmt die Anähnlichung an den maaßgebenden Typus immer als “Verbesserung” (sie hat von ihr gar keinen anderen Begriff—).

1 [240]

Über Naivetät. Die Reflexion kann noch ein Zeichen von N[aivetät] sein.

“Naiver Egoismus.”

1 [241]

das Wohl des “Nächsten” ist an sich erstrebenswerther 1) wenn Wohl erstrebenswerth ist 2) wenn feststeht, welche Art von Wohl, da es solche giebt, die sich als Ziele widersprechen und hemmen, 3) wenn schon ein Werth der Personen feststeht und klar ist, daß “der Nächste” höheren Werth als ich hat.— Die angenehmen begeisterten sentiments der Hingebung usw. müssen erbarmungslos kritisirt werden; an sich enhalten sie vermöge des Tropfens Annehmlichkeit und Begeisterung, der in ihnen ist, noch kein Argument für, sondern nur eine Verführung dazu.

1 [242]

Menschenkenntniß: es kommt darauf an, was Einer schon als “Erlebniß” faßt, fühlt; die Meisten brauchen eine plumpe Ausführlichkeit des Geschehens und hundertmalige Wiederholung, und Einige haben Keulenschläge nöthig, um da hinter ein Erlebniß zu kommen und aufmerksam zu werden

1 [243]

Die Barbarisirung des Christenthums durch die Deutschen

1 [244]

Wissenschaft als Mittel zur Erziehung. An sich getrieben eine Barbarei mehr, ein barbarisirendes Handwerk

1 [245]

Iti vuttakam
(Also sprach (der Heilige)

1 [246]

nicht betrügen
nicht Compromisse
verachten solche Unklarheit, wie Bismarck und W[agner].

1 [247]

Wie an Gott die Mensch krank waren und sich dem Menschen entfremdeten.

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