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The Will to Power
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Herbst 1885—Herbst 1886 2 [1-100]

2 [1]

Es giebt eine vornehme und gefährliche Nachlässigkeit, welche einen tiefen Schluß und Einblick gewährt: die Nachlässigkeit der überreichen Seele, die sich nie um Freunde bemüht hat, sondern nur die Gastfreundschaft kennt, immer nur Gastfreundschaft übt und zu üben versteht—Herz und Haus offen für Jedermann, der eintreten will, seien es nun Bettler oder Krüppel oder Könige. Dies ist die ächte Leutseligkeit: wer sie hat, hat hundert “Freunde,” aber wahrscheinlich keinen Freund.

2 [2]

Dieser herrliche Geist, sich selbst jetzt genug und gut gegen Überfälle vertheidigt und abgeschlossen:—ihr zürnt ihm wegen seiner Burg und Heimlichkeit und schaut dennoch neugierig durch das goldne Gitterwerk, mit dem er sein Reich umzäunt hat?—neugierig und verführt: denn ein unbekannter undeutlicher Duft bläst euch boshaft an und erzählt etwas von verschwiegenen Gärten und Seligkeiten.

2 [3]

Wir sind mitten im gefährlichen Carneval des Nationalitäten-Wahnsinns, wo alle feinere Vernunft sich bei Seite geschlichen hat und die Eitelkeit der ruppigsten Winkel-Völker nach den Rechten der Sonder-Existenz und Selbstherrlichkeit schreit—wie [kann] man heute es den Polen, der vornehmsten Artung der slavischen Welt, verargen Hoffnungen zu unterhalten und — — —

man sagt mir, daß D[eutschland] dabei das große Wort spreche.

2 [4]

Halkyonische Zwischenreden.

Zur Erholung von “Also sprach Zarathustra”
seinen Freunden geweiht

von
Friedrich Nietzsche

2 [5]

Das ausschließliche Interesse, was jetzt in Deutschland den Fragen der Macht, dem Handel und Wandel und—zu guterletzt—dem “Gut-leben” geschenkt wird, das Heraufkommen des parlamentarischen Blödsinns, des Zeitungslesens und der litteratenhaften Mitsprecherei von Jedermann über Jegliches, die Bewunderung eines Staatsmannes, der von Philosophie eben so viel weiß und hält, als ein Bauer oder Corpsstudent, und seine kühne rücksichtenlose Augenblicks-Politik durch eine alterthümliche Verbrämung mit Royalismus und Christenthum dem deutschen Geschmacke (oder Gewissen—) “acceptabler” zu machen glaubt—: alles das hat in dem unheimlichen und vielfach anziehenden Jahre 1815 seinen Ursprung. Da fiel plötzlich die Nacht hernieder für den deutschen Geist, der bis dahin einen langen fröhlichen Tag gehabt hatte: das Vaterland, die Grenze, die Scholle, der Vorfahr—alle Arten Bornirtheit begannen plötzlich ihre Rechte geltend zu machen. Damals erwachte oben die Reaktion und Beängstigung, die Furcht vor dem deutschen Geiste, und folglich unten der Liberalismus und Revolutionismus und das ganze politische Fieber,—man versteht dies Folglich. Seitdem—seit es politisirt—verlor Deutschland die geistige Führerschaft von Europa: und jetzt gelingt es, mittelmäßigen Engl[ändern], den D[eutschen] — — —

2 [6]

Die vorletzten Jahrhunderte. —

Deutschland hat erst in dem 17. und 18. Jahrhundert seine eigenste Kunst, die Musik, auf die Höhe gebracht: man vergebe es einem mitunter melancholischen Beobachter, wenn er die deutsche Musik des neunzehnten Jahrhunderts auch nur als eine glänzende vielfache und gelehrte Form des Verfalls zu erkennen vermag. Es hat in demselben vielverlästerten Jahrhundert ebenfalls in den bildenden Künsten eine verschwenderische Lust und Kraft gezeigt: der deutsche Barockstil in Kirche und Pallast gehört als Nächstverwandter zu unsrer Musik—er bildet im Reiche der Augen dieselbe Gattung von Zaubern und Verführungen, welche unsere Musik für einen anderen Sinn ist. Zwischen Leibnitz und Schopenhauer (geboren 1788) hat Deutschland den ganzen Kreis origineller Gedanken ausgedacht, also ebenfalls innerhalb jener Jahrhunderte:—und auch diese Philosophie, mit ihrem Zopf und Begriffs-Spinngewebe, ihrer Geschmeidigkeit, ihrer Schwermuth, ihrer heimlichen Unendlichkeit und Mystik gehört zu unserer Musik und ist eine Art Barokko im Reiche der Philosophie.

2 [7]

Dem Geiste, den wir begreifen—, dem gleichen wir nicht: dem sind wir überlegen!

2 [8]

Was noch jung ist und auf schwachen Beinen steht, macht immer das lauteste Geschrei: denn es fällt noch zu oft um. Zum Beispiel der “Patriotismus” im heutigen Europa, “die Liebe zum Vaterlande,” die nur ein Kind ist:—man soll den kleinen Schreihals ja nicht zu ernst nehmen!

2 [9]

An meine Freunde.

Dieses Buch, welches in einem weiten Umkreis von Ländern und Völkern seine Leser zu finden gewußt hat und irgend eine Kunst verstehen muß, durch die auch spröde und widerspänstige Ohren verführt werden: gerade dieses Buch ist meinen näheren Freunden am unverständlichsten geblieben:—es war ihnen, als es erschien, ein Schrecken und ein Fragezeichen und legte eine lange Entfremdung zwischen sie und mich. In der That, der Zustand, aus dem es entsprang, hatte genug des Räthselhaften und Widersprechenden an sich: ich war damals zugleich sehr glücklich und sehr leidend—Dank einem großen Siege, den ich über mich selbst davongetragen hatte, einem jener gefährlichen Siege, an denen man zu Grunde zu gehen pflegt. Eines Tages—es war im Sommer 1876—kam mir eine plötzliche Verachtung und Einsicht: und von da an gieng ich unbarmherzig über all die schönen Wünschbarkeiten hinweg, an die meine Jugend ihr Herz verschenkt hatte

2 [10]

Der Nationalitäten-Wahnsinn und die Vaterlands-Tölpelei sind für mich ohne Zauber: “Deutschland, Deutschland über Alles” klingt mir schmerzlich in den Ohren, im Grunde, weil ich von den Deutschen mehr will und wünsche als—. Ihr erster Staatsmann, in dessen Kopfe sich braver Grund von Royalismus und Christenthum mit einer rücksichtenlosen Augenblicks-Politik verträgt, der nicht mehr von der Philosophie berührt ist als ein Bauer oder ein Corpsstudent, erregt meine ironische Neugierde. Es scheint mir sogar nützlich, daß es einige Deutsche giebt, die gegen das d[eutsche] R[eich] gleichgültig geblieben sind: nicht einmal als Zuschauer, sondern als Wegblickende. Wohin blicken sie denn? Es giebt wichtigere Dinge, gegen welche gerechnet diese Fragen nur Vordergrunds-Fragen sind: z.B. das wachsende Heraufkommen des demokratischen Mannes und die daduruch bedingte Verdummung Europas und Verkleinerung des europäischen Menschen.

2 [11]

Das intellectuelle Gewissen.
Versuch einer Kritik der geistigeren Menschen.

Der Philosoph. Der freie Geist. Der Künstler. Der religiöse Mensch. Der Gelehrte. Der vornehme Mensch. Dionysos.

2 [12]

Inter pares: ein Wort, das trunken macht,—so viel Glück und Unglück schließt es für den ein, welcher ein ganzes Leben allein war; der Niemandem begegnet ist, welcher zu ihm gehörte, ob er schon auf vielerlei Wegen gesucht hat; der im Verkehre immer der Mensch der wohlwollenden und heiteren Verstellung, der gesuchten und oft gefundenen Anähnlichung sein mußte und jene gute Miene zum bösen Spiele aus allzulanger Erfahrung kennt, welche “Leutseligkeit” heißt,—mitunter freilich auch jene gefährlichen herzzerreißenden Ausbrüche aller verhehlten Unseligkeit, aller nicht erstickten Begierde, aller aufgestauten und wild gewordenen Ströme der Liebe,—den plötzlichen Wahnsinn jener Stunde, wo der Einsame einen Beliebigen umarmt und als Freund und Zuwurf des Himmels und kostbarstes Geschenk behandelt, um ihn eine Stunde später mit Ekel von sich zu stoßen,—mit Ekel nunmehr vor sich selber, wie beschmutzt, wie erniedrigt, wie sich selbst entfremdet, wie an seiner eignen Gesellschaft krank —.

2 [13]

Dies ist mein Mißtrauen, das immer wieder kommt, meine Sorge, die sich mir nie schlafen legt, meine Frage, welche Niemand hört oder hören mag, meine Sphinx, neben der nicht nur Ein Abgrund ist:—ich glaube, wir täuschen uns heute über die Dinge, welche wir Europäer am höchsten lieben, und ein grausamer (oder nicht einmal grausamer, nur gleichgültiger und kindsköpfischer) Kobold spielt mit unserem Herzen und seiner Begeisterung, wie er vielleicht mit Allem schon gespielt hat, was sonst lebte und liebte—: ich glaube, daß Alles, was wir in Europa heute als “Humanität,” “Moralität” “Menschlichkeit” “Mitgefühl,” Gerechtigkeit zu verehren gewohnt sind, zwar als Schwächung und Milderung gewisser gefährlicher und mächtiger Grundtriebe einen Vordergrunds-Werth haben mag, aber auf die Länge hin trotzdem nichts Anderes ist als die Verkleinerung des ganzen Typus “Mensch”—seine endgültige Vermittelmäßigung, wenn man mir in einer verzweifelten Angelegenheit ein verzweifeltes Wort nachsehen will; ich glaube, daß die commedia umana für einen epikurischen Zuschauer-Gott darin bestehen müßte, daß die Menschen vermöge ihrer wachsenden Moralität, in aller Unschuld und Eitelkeit sich vom Thiere zum Range der “Götter” und zu überirdischen Bestimmungen zu erheben wähnen, aber in Wahrheit sinken, das heißt durch Ausbildung aller der Tugenden, vermöge deren eine Heerde gedeiht, und durch Zurückdrängung jener andren und entgegengesetzten, welche einer neuen höheren stärkeren herrschaftlichen Art den Ursprung geben, eben nur das Heerdenthier im Menschen entwickeln und vielleicht das Thier “Mensch” damit feststellen—denn bisher war der Mensch das “nicht festgestellte Thier”—; ich glaube, daß die große vorwärts treibende und unaufhaltsame demokratische Bewegung Europa’s—das, was sich “Fortschritt” nennt—und ebenso schon deren Vorbereitung und moralisches Vorzeichen, das Christenthum—im Grunde nur die ungeheure instinktive Gesammt-Verschwörung der Heerde bedeutet gegen alles, was Hirt, Raubthier, Einsiedler und Cäsar ist, zu Gunsten der Erhaltung und Heraufbringung aller Schwachen, Gedrückten, Schlecht-Weggekommenen, Mittelmäßigen, Halb-Mißrathenen, als ein in die Länge gezogener, erst heimlicher, dann immer selbstbewußterer Sklaven-Aufstand gegen jede Art von Herrn, zuletzt noch gegen den Begriff “Herr,” als ein Krieg auf Leben und Tod wider jede Moral, welche aus dem Schooße und Bewußtsein einer höheren stärkeren, wie gesagt herrschaftlichen Art Mensch entspringt,—einer solchen, die der Sklaverei in irgend welcher Form und unter irgend welchem Namen als ihrer Grundlage und Bedingung bedarf; ich glaube endlich daß bisher jede Erhöhung des Typus Mensch das Werk einer aristokratischen Gesellschaft war, welche an eine lange Leiter der Rangordnung und Werthverschiedenheit von Mensch und Mensch glaubte und die Sklaverei nöthig hatte: ja daß ohne das Pathos der Distanz, wie es aus dem eingefleischten Unterschiede der Stände, aus dem beständigen Ausblick und Herabblick der herrschenden Kaste auf unterthänige und Werkzeuge, und ihrer ebenso beständigen Übung im Befehlen, Nieder- und Fernhalten erwächst, auch jenes andre geheimnißvollere Pathos gar nicht entstehen kann, jenes Verlangen nach immer neuer Distanz-Erweiterung innerhalb der Seele selbst, die Herausbildung immer höherer, seltnerer, fernerer, weitgespannterer, umfänglicherer Zustände, kurz die “Selbst-Überwindung des Menschen,” um eine moralische Formel in einem übermoralischen Sinne zu nehmen. Eine Frage kommt mir immer wieder, eine versucherische und schlimme Frage vielleicht: sei sie denen in’s Ohr gesagt, welche ein Recht auf solche fragwürdigen Fragen haben, den stärksten Seelen von heute, welche sich selbst auch am besten in der Gewalt haben: wäre es nicht an der Zeit, je mehr der Typus “Heerdenthier” jetzt in Europa entwickelt wird, mit einer grundsätzlichen künstlichen und bewußten Züchtung des entgegengesetzten Typus und seiner Tugenden den Versuch zu machen? Und wäre es für die demokratische Bewegung nicht selber erst eine Art Ziel, Erlösung und Rechtfertigung, wenn Jemand käme, der sich ihrer bediente—, dadurch daß endlich sich zu ihrer neuen und sublimen Ausgestaltung der Sklaverei—als welche sich einmal die Vollendung der europäischen Demokratie darstellen wird,—jene höhere Art herrschaftlicher und cäsarischer Geister hinzufände, welche diese neue Sklaverei nun auch—nöthig hat? Zu neuen, bisher unmöglichen, zu ihren Fernsichten? Zu ihren Aufgaben?

2 [14]

Unsre vier Cardinal-Tugenden: Muth, Mitleid, Einsicht und Einsamkeit—sie würden sich selber unerträglich sein, wenn sie sich nicht mit einem heiteren und spitzbübischen Laster verbrüdert hätten, genannt “Höflichkeit.” —

2 [15]

Grausamkeit kann die Erleichterung von gespannten und stolzen Seelen sein, von solchen, die gewohnt sind, beständig gegen sich Härten auszuüben; es ist ein fest für sie geworden, endlich einmal wehe zu thun, leiden zu sehn—alle kriegerischen Rassen sind grausam; Grausamkeit kann, umgekehrt, auch eine Art Saturnalien gedrückter und willensschwacher Wesen sein, von Sklaven, von Frauen des Serails, als ein kleiner Kitzel der Macht,—es giebt eine Grausamkeit böser und auch eine Grausamkeit schlechter und geringer Seelen.

2 [16]

Was ist vornehm?

Glaube an die Rangordnung.
Arbeit (über Künstler, Gelehrte usw.)
Heiterkeit (Symptom des Wohlgerathenseins).
Herren-Moral und Heerden-Moral.

2 [17]

Die genannten Schriften, sorgsam und langwierig befragt, möchten als Mittel benutzt werden, um vielleicht den Zugang zum Verständniß eines noch höheren und schwierigeren Typus zu erschließen, als es selbst [der] Typus des freien Geistes ist:—es führt kein anderer Weg zum Verständniß von — — —

* * *

Schriften aus der Jugend desselben Verfassers.
Die Geburt der Tragödie. 1. Auflage 1872. 2. Aufl. — — —
Unzeitgemässe Betrachtungen 1873-76.

2 [18]

Ein Gott der Liebe könnte eines Tages sprechen, gelangweilt durch seine Tugend: “versuchen wir’s einmal mit der Teufelei!”—und siehe da, ein neuer Ursprung des Bösen! Aus Langeweile und Tugend!— —

2 [19]

“Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter”—auch ein Symbolon und Kerbholz-Wort, an dem sich Seelen vornehmer und kriegerischer Abkunft verrathen und errathen. —

2 [20]

Geradezu stoßen die Adler.” Die Vornehmheit der Seele ist nicht am wenigsten an der prachtvollen und stolzen Dummheit zu erkennen, mit der sie angreift—“geradezu.”

2 [21]

Es giebt auch eine Verschwendung unsrer Leidenschaften und Begierden, nämlich in der bescheidenen und kleinbürgerlichen Art, in der wir sie befriedigen:—was den Geschmack verdirbt, noch mehr aber die Ehrfurcht und Furcht vor uns selber. Der zeitweilige Ascetismus ist das Mittel, sie zu stauen,—ihnen Gefährlichkeit und großen Stil zu geben — —

2 [22]

In Hinsicht darauf, was fruchtbare Geister zu oberst und zu unterst nöthig haben, um nicht an den Würmern ihres Gewissens zu leiden—nämlich “Eier legen, gackern, Eier brüten” und so weiter mit oder ohne Grazie—mögen sie sich mit gutem Grunde, wie es Stendhal und Balzac gethan haben,—Keuschheit zur Diät verordnen. Und mindestens darf man nicht zweifeln, daß gerade dem “Genie” das Ehebett noch verhängnißvoller sein kann als concubinage und libertinage.— Auch in vieler andrer Hinsicht—zum Beispiel, was “Nachkommenschaft” betrifft—muß man mit sich bei Zeiten zu Rathe gehn und sich entscheiden: aut liberi aut libri.

2 [23]

Lange nachgedacht über jenen Ursprungsheerd der religiösen Genialität und folglich auch des “metaphysischen Bedürfnisses,” die “religiöse Neurose”;—unwillig eingedenk jenes in Frankreich berühmten und selbst sprichwörtlichen Ausdrucks, der so viel über die “Gesundheit” des französischen Geistes zu verstehen giebt: “le génie est une neurose.” — [Vgl. Edmond and Jules Huot de Goncourt, Idées et sensations. Paris: Charpentier, 1877. Journal des Goncourt. Vol. 2. Paris: Charpentier, 1887:279. "Et le mot du docteur Moreau de Tours: 'Le génie est une névrose.'"]

2 [24]

— Und nochmals gesagt: die Bestie in uns will belogen werden,—Moral ist Nothlüge.

2 [25]

“Du scheinst mir Schlimmes im Schilde zu führen, sagte ich einmal zu dem Gotte Dionysos: nämlich die Menschen zu Grunde zu richten?”— “Vielleicht, antwortete der Gott, aber so, daß dabei etwas für mich heraus kommt.”— Was denn? fragte ich neugierig.— “Wer denn? solltest du fragen.” Also sprach Dionysos und schwieg darauf, in der Art, welche ihm zu eigen ist, nämlich versucherisch.— Ihr hättet ihn dabei sehen sollen! Es war Frühling, und alles Holz stand in jungem Safte.

2 [26]

Jenseits von Gut und Böse.

Vorspiel
einer Philosophie der Zukunft.

Von
Friedrich Nietzsche.

2 [27]

Jenseits von Gut und Böse.

Allerhand Nachdenkliches
für halkyonische Geister.

Von
Friedrich Nietzsche.

2 [28]

Mein leidlich radikales Fragezeichen bei allen neueren Straf-Gesetzgebungen ist dieses: gesetzt, daß die Strafen proportional wehe thun sollen gemäß der Größe des Verbrechens—und so wollt ihr’s ja Alle im Grunde!—nun, so müßten sie jedem Verbrecher proportional seiner Empfindlichkeit für Schmerz zugemessen werden:—daß heißt, es dürfte eine vorherige Bestimmung der Strafe für ein Vergehen, es dürfte einen Strafcodex gar nicht geben! Aber, in Anbetracht, daß es nicht leicht gelingen möchte, bei einem Verbrecher die Grad-Skala seiner Lust und Unlust festzustellen, so würde man in praxi wohl auf das Strafen verzichten müssen? Welche Einbuße! Nicht wahr? Folglich— —

2 [29]

Die Musik offenbart nicht das Wesen der Welt und ihren “Willen” wie es Schopenhauer behauptet hat (der sich über die Musik betrog wie über das Mitleiden und aus dem gleichen Grunde—er kannte beide zu wenig aus Erfahrung—): die Musik offenbart nur die Herrn Musiker! Und sie wissen es selber nicht!— Und wie gut vielleicht, daß sie es nicht wissen! —

2 [30]

Unsere Tugenden.

Allerhand Fragen und Fragwürdiges
für feinere Gewissen.

Von
Friedrich Nietzsche.

2 [31]

Unsere Tugenden.

Fingerzeige zu einer Moral der Zukunft.

Von
Friedrich Nietzsche.

Von der Stärke der Seele.
Von der Redlichkeit.
Von der Heiterkeit.
Vom Willen zur Einsamkeit.
“Was ist vornehm?”

2 [32]

Die Philosophen der Zukunft.
Eine Rede.

1.

Ist heute solch eine Größe möglich? —

2.

Aber vielleicht morgen, vielleicht übermorgen.— Ich sehe neue Ph[ilosophen] heraufkommen usw.

2 [33]

Es giebt ein Mißverständniß der Heiterkeit, welches nicht zu heben ist: aber wer es theilt, darf zuletzt gerade damit zufrieden sein.— Wir, die wir zum Glücke flüchten—: wir, die wir jede art Süden und unbändige Sonnenfülle brauchen und uns dorthin an die Straße setzen, wo das Leben sich wie ein trunkener Fratzen-Festzug—als etwas das von Sinnen bringt—vorüberwälzt wir, die wir gerade das vom Glücke verlangen, daß es “von Sinnen” bringt: scheint es nicht, daß wir ein Wissen haben welches wir fürchten? Mit dem wir nicht allein sein wollen? Ein Wissen, vor dessen Druck wir zittern, vor dessen Flüstern wir bleich werden? Diese hartnäckige Abkehr von den traurigen Schauspielen, diese verstopften und harten Ohren gegen alles Leidende, diese tapfere, spöttische Oberflächlichkeit, dieser willkürliche Epicureismus des Herzens, welcher nichts warm und ganz haben will, und die Maske als ihre letzte Gottheit und Erlöserin anbetet: dieser Hohn gegen die Melancholiker des Geschmacks, bei denen wir immer auf Mangel an Tiefe rathen—ist das nicht alles eine Leidenschaft? Es scheint, wir wissen uns selber als allzu zerbrechlich, vielleicht schon als zerbrochen und unheilbar; es scheint, wir fürchten diese Hand des Lebens, daß es uns zerbrechen muß, und flüchten uns in seinen Schein, in seine Falschheit, seine Oberfläche und bunte Betrügerei; es scheint, wir sind heiter, weil wir ungeheuer traurig sind. Wir sind ernst, wir kennen den Abgrund: deshalb wehren wir uns gegen alles Ernste.

— — — wir lächeln bei uns über die Melancholiker des Geschmacks—ach wir beneiden sie noch, indem wir sie verspotten!—denn wir sind nicht glücklich genug, um uns ihre zarte Traurigkeit gestatten zu können. Wir müssen noch den Schatten der Traurigkeit fliehen: unsere Hölle und Finsterniß ist uns immer zu nahe. Wir haben ein Wissen, welches wir fürchten, mit dem wir nicht allein sein wollen; wir haben einen Glauben, vor dessen Druck wir zittern, vor dessen flüstern wir bleich werden—die Ungläubigen scheinen uns selig. Wir kehren uns ab von den traurigen Schauspielen, wir verstopfen das Ohr gegen das Leidende; das Mitleiden würde uns sofort zerbrechen, wenn wir nicht uns [zu] verhärten wüßten. Bleib uns tapfer zur Seite, spöttischer Leichtsinn: kühle uns, Wind, der über Gletscher gelaufen ist: wir wollen nichts mehr ans Herz nehmen, wir wollen zur Maske beten.

Es ist etwas an uns, das leicht zerbricht: wir fürchten die zerbrechenden kindischen Hände? wir gehen dem Zufall aus dem Wege und retten uns — — —

2 [34]

Ich habe Richard Wagner mehr geliebt und verehrt als irgend sonst Jemand; und hätte er zuletzt nicht den schlechten Geschmack—oder die traurige Nöthigung—gehabt, mit einer mir unmöglichen Qualität von “Geistern” gemeinsame Sache zu machen, mit seinen Anhängern, den Wagnerianern, so hätte ich keinen Grund gehabt, ihm schon bei seinen Lebzeiten Lebewohl zu sagen: ihm, dem Tiefsten und Kühnsten, auch Verkanntesten aller Schwer-zu-erkennenden von heute, dem begegnet zu sein meiner Erkenntniß mehr als irgend eine andere Begegnung förderlich gewesen ist. Vorangestellt, was voran steht, daß seine Sache und meine Sache nicht verwechselt werden wollte, und daß es ein gutes Stück Selbst-Überwindung bedurfte, ehe ich dergestalt “Sein” und “Mein” mit gebührendem Schnitte zu trennen lernte. Daß ich über das außerordentliche Problem des Schauspielers zur Besinnung gekommen bin—ein Problem, das mir vielleicht ferner liegt als irgend ein andres, aus einem schwer aussprechbaren Grunde—daß ich den Schauspieler im Grunde jedes Künstlers entdeckte und wiedererkannte, das Typisch-Künstlerhafte, dazu bedurfte es der Berührung mit jenem [Manne]—und es scheint mir, daß ich von Beiden höher und—schlimmer denke als frühere Philosophen.— Die Verbesserung des Theaters geht mich wenig an, seine “Verkirchlichung” noch weniger; die eigentliche Wagner’sche Musik gehört mir nicht genug zu—ich würde sie zu meinem Glücke und zu meiner Gesundheit entbehren können (quod erat demonstrandum et demonstratum). Was mir am fremdesten an ihm war, die Deutschthümelei und Halbkirchlichkeit seiner letzten Jahre — — —

2 [35]

Eine neue Denkweise—welche immer eine neue Meßweise ist und das Vorhandensein eines neuen Maaßstabes, einer neuen Empfindungs-Skala voraussetzt—fühlt sich im Widerspruch mit allen Denkweisen und sagt, indem sie ihnen widerstrebt, beständig “das ist falsch.” Feiner zugesehn, heißt solches “das ist falsch” eigentlich nur “ich fühle darin nichts von mir,” “ich mache mir nichts daraus” “ich begreife nicht, wie ihr nicht mit mir fühlen könnt”

2 [36]

Von der Loslösung.
Von der Verhärtung.
Von der Maske.
Von der Rangordnung.
Europäisch und über-europäisch.

2 [37]

Man hat immer etwas Nöthigeres zu thun, als sich zu verheirathen: Himmel, so ist mir’s immer gegangen!

2 [38]

Jenseits von Gut und Böse.
Fingerzeige zu einer Moral der Stärksten.

2 [39]

Maske und Mittheilung.

2 [40]

Die Philosophen der Zukunft.
Zur Naturgeschichte des freien Geistes.
Unsere Tugenden.
Völker und Vaterländer.
Die Entweiblichung.
homo religiosus.

2 [41]

Zur Naturgeschichte des höheren Menschen.

Gedanken eines Erziehers.

1. Die Philosophen von Ehedem.
2. Künstler und Dichter.
3. Das religiöse Genie.
4. Wir Tugendhaften.
5. Das Weib.
6. Die Gelehrten.
7. Die “Versucher.”
8. Völker und Vaterländer.
9. Weisheit der Maske.
10. Moral-Psychologie.
Sprüche und Gedanken-Striche.
Was ist vornehm?
Anhang. Lieder des Prinzen Vogelfrei.

2 [42]

Jenseits von Gut und Böse.

Vorspiel
einer Philosophie der Zukunft.

Mit einem Anhang: Lieder und Pfeile des Prinzen Vogelfrei.

Von
Friedrich Nietzsche.

2 [43]

Zur Naturgeschichte des höheren Menschen.

Gedankenstriche eines Psychologen.

1. Der Philosoph.
2. Der freie Geist.
3. Das religiöse Genie.
4. Zur Moral-Psychologie.
5. Was ist vornehm?
6. Völker und Vaterländer.
7. Das Weib an sich.
8. Die Gelehrten.
9. Wir Tugendhaften.
10. Weisheit und Maske.
11. Die Kommenden.
12. Sprüche eines Schweigsamen.
Anhang. Lieder und Pfeile des Prinzen Vogelfrei.

2 [44]

Vorrede.
1. Was war der Philosoph?
2. Zur Naturgeschichte des freien Geistes.
3. Selbstgespräch eines Psychologen.
4. Das Weib an sich.
5. Das religiöse Genie.
6. Wir Gelehrten.
7. Wir Tugendhaften.
8. Was ist vornehm?
9. Völker und Vaterländer.
10. Die Masken.
11. Die Versucher. Dionysos
Anhang: — — —
Inhalts-Verzeichniß.

2 [45]

Nichts von Advokat: kein Parteimann, mißtrauisch gegen das, was man “Überzeugung” nennt; ungläubig gegen Unglauben; — — —

2 [46]

Zur Naturgeschichte des höheren Menschen.

Gedanken eines Müssiggängers.

Von
Friedrich Nietzsche.

2 [47]

Jenseits von Gut und Böse.

Selbstgespräche
eines
Psychologen.

Mit einem Anhang: Lieder und Pfeile des Prinzen Vogelfrei.

Von
Friedrich Nietzsche.

Anhang:
Lieder und Pfeile
des
Prinzen Vogelfrei.

1. An den Mistral.
2. An Goethe.
3. An gewisse Lobredner.
4. Sils-Maria.
5. Einsiedlers Mittag.
6. Nach neuen Meeren.
7. “Die Tauben von San Marco.”
8. Über der Hausthür.
9. Der ächte Deutsche.
10. Parsifal-Musik.
11. An Spinoza.
12. Rimus remedium.
13. Narr in Verzweiflung.
14. Nachgesang.

2 [48]

Das Weib ist so wenig sich selbst genug, daß es sich lieber noch schlagen läßt als —

2 [49]

In den meisten Lieben giebt es Einen, der spielt, und Einen, der mit sich spielen läßt: Amor ist vor Allem ein kleiner Theater-Regisseur.

2 [50]

Inhalt:

Vorrede.
1. Von den Vorurtheilen der Philosophen.
2. Der freie Geist.
3. Das religiöse Genie.            Das religiöse Wesen.
4. Das Weib an sich.            Sprüche und Zwischenspiele.
5. Zur Naturgeschichte der Moral.
6. Wir Gelehrten“Carcasse, tu trembles? Tu
7. Unsere Tugenden.tremblerais bien davantage, si tu
8. Völker und Vaterländer.savais, où je te mène.”
9. Masken.

Turenne.

10. Was ist vornehm?
Anhang: Lieder und Pfeile des Prinzen Vogelfrei.
[Vgl. Ximénès Doudan, Mélanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. 3. Paris: Calmann Lévy, 1879:31f. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Ximénès Doudan.]

2 [51]

Selbstgespräche
eines Psychologen.

Von
Friedrich Nietzsche.

Zur Naturgeschichte des höheren Menschen.
Was ist vornehm?

2 [52]

Sprüche und Selbstgespräche.

Mit einer gereimten Zuthat.

Von
Friedrich Nietzsche.

2 [53]

Jenseits von Gut und Böse
Vorspiel
einer Philosophie der Zukunft.

Einleitung.
Erstes Buch: von den Vorurtheilen der Philosophen.
Zweites Buch: Fingerzeige einer Moral-Psychologie.
Drittes Buch: wir Europäer. Eine Gelegenheit zur Selbstbespiegelung.

2 [54]

Jenseits von Gut und Böse.

Von
Friedrich Nietzsche.

2 [55]

Vorletztes Capitel

Alkuin der Angelsachse, der den königlichen Beruf des Philosophen so bestimmte:

prava corrigere, et recta corroborare, et sancta sublimare.

2 [56]

Corruption des kräftigen Naturmenschen im Zwang der civilisirten Städte (—geräth zu den aussätzigen Bestandtheilen, lernt da das schlechte Gewissen).

2 [57]

Es wird von nun an günstige Vorbedingungen für umfänglichere Herrschafts-Gebilde geben, deren Gleichen es noch nicht gegeben hat. Und dies ist noch nicht das Wichtigste; es ist die Entstehung von internationalen Geschlechts-Verbänden möglich gemacht, welche sich die Aufgabe setzten, eine Herren-Rasse heraufzuzüchten, die zukünftigen “Herren der Erde”;—eine neue, ungeheure, auf der härtesten Selbst-Gesetzgebung aufgebaute Aristokratie, in der dem Willen philosophischer Gewaltmenschen und Künstler-Tyrannen Dauer über Jahrtausende gegeben wird:—eine höhere Art Menschen, welche sich, Dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen, Reichthum und Einfluß, des demokratischen Europas bedienten als ihres gefügigsten und beweglichsten Werkzeugs, um die Schicksale der Erde in die Hand zu bekommen, um am “Menschen” selbst als Künstler zu gestalten.

Genug, die Zeit kommt, wo man über Politik umlernen wird.

2 [58]

ich glaube, wir ermangeln der politischen Leidenschaft: wir würden es unter einem demokr[atischen] Himmel so gut als unter einem abs[olutistischen] mit Ehren aushalten.

2 [59]

Zu 1

Zuletzt aber: wozu müßte man das, was kommen wird, so laut und mit solchem Ingrimm sagen! Sehen wir es kälter, ferner, klüger, höher an, sagen wir es, wie es unter uns gesagt werden darf, so heimlich, daß alle Welt es überhört, daß alle Welt uns überhört ... Nenne man es eine Fortsetzung.

2 [60]

Wie? Das Drama ist der Zweck, die Musik immer nur das Mittel? Das mag W[agner]s Theorie sein: seine Praxis war dagegen: die (dramatische) Attitüde ist der Zweck, die Musik nur ein Mittel zu einer Attitüde (zu ihrer Verdeutlichung, Verstärkung, Verinnerlichung—)

2 [61]

[Vgl. Carl Wilhelm von Nägeli, Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre. Mit einem Anhang. 1. Die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniss. 2. Kräfte und Gestaltungen im molecularen Gebiet. München; Leipzig: Oldenbourg, 1884.]

Die Entwicklung der mechanistisch-atomistischen Denkweise ist sich heute ihres nothwendigen Ziels immer noch nicht bewußt;—das ist mein Eindruck, nachdem ich lange genug ihren Anhängern zwischen die Finger gesehen habe. Sie wird mit der Schaffung eines Systems von Zeichen endigen: sie wird auf Erklären verzichten, sie wird den Begriff “Ursache und Wirkung” aufgeben.

2 [62]

Nicht täuschen wollen—und sich nicht täuschen lassen wollen: das ist etwas als Gesinnung und Wille Grundverschiedenes, aber der eine wie der andere Hang pflegt sich des Wortes “Philosophie” zu bedienen, sei es zum Schmuck oder zum Versteck oder aus Mißverständniß.

2 [63]

[Vgl. Carl Wilhelm von Nägeli, Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre. Mit einem Anhang. 1. Die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniss. 2. Kräfte und Gestaltungen im molecularen Gebiet. München; Leipzig: Oldenbourg, 1884.]

Die Physiologen sollten sich besinnen, den Erhaltungstrieb als kardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen: vor allem will etwas Lebendiges seine Kraft auslassen: die “Erhaltung” ist nur eine der Consequenzen davon.— Vorsicht vor überflüssigen teleologischen Principien! Und dahin gehört der ganze Begriff “Erhaltungstrieb.”

2 [64]

Jeder Philoktet weiß, daß ohne seinen Bogen und seine Pfeile Troja nicht erobert wird.

2 [65]

In media vita.
Selbstgespräche eines Psychologen.

Von
Friedrich Nietzsche.

2 [66]

Zur Vorrede.— Vielleicht eine Fortsetzung: der Künstler-Philosoph (bisher Wissenschaftlichkeit, Stellung zur Religion und Politik erwähnt): höherer Begriff der Kunst. Ob der Mensch sich so fern stellen kann von den anderen Menschen, um an ihnen zu gestalten? (Vorübungen: 1) der Sich-selbst-Gestaltende, der Einsiedler 2) der bisherige Künstler, als der kleine Vollender, an einem Stoffe—nein!—)

— dazu gehört die Rangfolge der höheren Menschen, welche dargestellt werden muß.



Ein Capitel: Musik.— Zur Lehre vom “Rausche” (Aufzählung, z.B. Anbetung der petits faits)—Deutsche und französische und italienische Musik. (Unsere politisch niedrigsten Zeiten die fruchtbarsten:—)

Die Slaven?

— das kulturhistorische Ballet:—hat die Oper überwunden.

— ein Irrthum, daß das, was W[agner] geschaffen hat, eine Form sei,—es ist eine Formlosigkeit. Die Möglichkeit eines dramatischen Baus ist immer noch zu finden. Schauspieler-Musik und Musiker-Musik.

— Rhythmisches. Der Ausdruck um jeden Preis.

— zu Ehren von “Carmen.”

— zu Ehren von H. Schütz (und “Liszt-Verein”— )

— hurenhafte Instrumentation

— zu Ehren Mendelssohns: ein Element Goethe darin, und nirgends sonst! ebenso wie ein andres Element Goethe in der Rahel zur Vollendung kam! ein drittes H. Heine.



Zum Capitel “freier Geist”— 1) Ich will ihn nicht “verherrlichen”: ein Wort zu Gunsten der gebundenen Geister.

2) die Lasterhaftigkeit des Intellekts: der Beweis aus der Lust ( “es macht mich glücklich, also ist es wahr”) Dabei die Eitelkeit zu unterstreichen in dem “mich.”



Zum Capitel “unsere Tugenden”: 3) neue Form der Moralität: Treue-Gelübde in Vereinen über das, was man lassen und thun will, ganz bestimmte Entsagung von Vielem. Proben, ob reif dazu. —



Zum Capitel “religiöses Genie.” 1) das Mysterium, die vorbildliche Geschichte einer Seele. ( “Drama”—bedeutet?)

2) die Ausdeutbarkeit des Geschehens; der Glaube an den “Sinn” wird Dank der Religion festgehalten—

3) in wiefern die höhere Seele auf Unkosten der niederen wächst und gedeiht?

4) was widerlegt ist, ist die Moral des Christenthums als essentiell in den Welt-Seelegeschicken:—womit noch nicht der Wille beseitigt ist, sie hineinzubringen und herrschend zu machen.— Letzteres könnte zuletzt doch nur eine Don-Quixoterie sein:—aber dies wäre kein Grund, gering von ihr zu denken!

5) inwiefern das religiöse Genie eine Abart des künstlerischen ist:—die gestaltende Kraft.

6) inwiefern erst das Künstler-Gewissen die Freiheit vor “wahr” und “unwahr” giebt. Der unbedingte Glaube zu verwandeln in den unbedingten Willen — —

7) religiöse Litteratur, der Begriff “heiliges Buch.”

zu “unsere Tugenden.” Woran wir unsere Wissenschaftlichkeit auslassen können, das nehmen wir nicht mehr schwer und ernst: eine Art Immoralität.



Zum CapitelNaturgeschichte der Moral”? Corruption, was ist das? Z.B. der natürliche kräftige Mensch der in die Städte kommt. Z.B. der französische Aristokrat, vor der französischen Revolution.



Zum Capitel “Mann und Weib.”
Der Sieg des Manns Über das Weib, überall wo die Cultur anhebt.

NB. magister liberalium artium et hilaritatum.

NB. ich habe irgend etwas bei den Hörnern gepackt—nur zweifle ich, ob es gerade ein Stier war.

2 [67]

“Ich” “Subjekt” als Horizont-Linie. Umkehrung des perspektivischen Blicks.

2 [68]

[Vgl. Carl Wilhelm von Nägeli, Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre. Mit einem Anhang. 1. Die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniss. 2. Kräfte und Gestaltungen im molecularen Gebiet. München; Leipzig: Oldenbourg, 1884. William Henry Rolph, Biologische Probleme: zugleich als Versuch zur Entwicklung einer rationellen Ethik. Leipzig: Engelmann, 1884:122-29.]

Am Leitfaden des Leibes. Das sich theilende Protoplasma 1/2 + 1/2 nicht = 1, sondern = 2. [Damit] wird der Glaube an die Seelen-Monas hinfällig.

Selbsterhaltung nur als eine der Folgen der Selbsterweiterung. Und “Selbst”?

2 [69]

[Vgl. Carl Wilhelm von Nägeli, Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre. Mit einem Anhang. 1. Die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniss. 2. Kräfte und Gestaltungen im molecularen Gebiet. München; Leipzig: Oldenbourg, 1884.]

Die mechanische Kraft ist uns nur als ein Widerstandsgefühl bekannt: und dieses wird mit Druck und Stoß nur sinnfällig ausgelegt, nicht erklärt.

Welcher Art ist der Zwang, den eine stärkere Seele auf eine schwächere ausübt?— Und es wäre möglich, daß der anscheinende “Ungehorsam” gegen die höhere Seele im Nicht-verstehen-ihres-Willens beruhte, z.B. ein Fels läßt sich nicht kommandiren. Aber—es bedarf eben einer langsamen Grad- und Rangverschiedenheit: nur die Nächstverwandten können sich verstehen und folglich kann es hier Gehorsam geben.

Ob es möglich, alle Bewegungen als Zeichen eines seelischen Geschehens zu fassen? Naturwissenschaft als eine Symptomatologie — [Vgl. Otto Liebmann, Gedanken und Thatsachen: philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. H. 1: Die Arten der Nothwendigkeit.— Die mechanische Naturerklärung.— Idee und Entelechie. Straßburg: Trübner, 1882:85-86.]

Es ist vielleicht falsch, weil die Lebens-Gebilde sehr klein sind (Zellen z.B.) nun nach noch kleineren Einheiten, “Kraft-Punkten” usw. zu suchen?

Das Vorstadium der Herrschafts-Gebilde.

Hingebung an die Person (Vater, Vorfahr, Fürst, Priester, Gott) als Erleichterung der Moral.

2 [70]

Jenseits von Gut und Böse

Problem des Gesetzgebers.
 Am Leitfaden des Leibes. Mechanismus und Leben. [Vgl. Carl Wilhelm von Nägeli, Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre. Mit einem Anhang. 1. Die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniss. 2. Kräfte und Gestaltungen im molecularen Gebiet. München; Leipzig: Oldenbourg, 1884.]
 Der Wille zur Macht.
Auslegung, nicht Erkenntniß. Zur Methoden-Lehre.
 Die ewige Wiederkunft.
Der Künstler. Cultur und deren Unterbau.
Wir Gottlosen.
Musik und Cultur.
Von großer und kleiner Politik.
 “Mysterium.”
Die Guten und Gerechten.
 Die Gelobenden.
Zur Geschichte des Pessimismus.
Erziehung.

2 [71]

Zum “Zarathustra.”

Calina: braunroth, alles zu scharf in der Nähe. Höchste Sonne. Gespenstisch.

Sipo Matador.

Und wer sagt es, daß wir dies nicht wollen? Welche Musik und Verführung! Da ist nichts, das nicht vergiftete, verlockte, annagte, umwürfe, umwerthete!

I Der entscheidende Moment:

Die Rangordnung. 1) Zerbrecht die Guten und Gerechten!
                              2)

Die ewige Wiederkunft.

Mittag und Ewigkeit.
Buch des Wahrsagers.

2 [72]

Mittag und Ewigkeit.
Von
F. N.

I Das Todtenfest. Zarathustra findet ein ungeheures Fest vor:
II Die neue Rangordnung.
III Von den Herrn der Erde.
IV Vom Ring der Wiederkunft.

2 [73]

Die Titel von 10 neuen Büchern: (Frühling 1886)

Gedanken über die alten Griechen.
Von
Friedrich Nietzsche.

Inwiefern im Werden Alles entartet und unnatürlich wird. Die Entartung der Renaissance — der Philologie

Beispiel für die unmoralischen Grundbedingungen einer höheren Cultur, einer Erhöhung des Menschen.

Der Wille zur Macht.
Versuch einer
neuen Welt-Auslegung.

Die Künstler.
Hintergedanken eines Psychologen.
Von
Friedrich Nietzsche.

Wir Gottlosen
Von
Friedrich Nietzsche

Mittag und Ewigkeit.
Von
Friedrich Nietzsche

Jenseits von Gut und Böse.
Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.
Von
Friedrich Nietzsche.

Gai saber.
Lieder des Prinzen Vogelfrei.
Von Friedrich Nietzsche.

Musik.
Von Friedrich Nietzsche.

Erfahrungen eines Schriftgelehrten.
Von
Friedrich Nietzsche.

Zur Geschichte der modernen
Verdüsterung
.
Von
Friedrich Nietzsche.

2 [74]

Der Wille zur Macht.

1. Physiologie der Rangordnung.
2. Der große Mittag.
3. Zucht und Züchtung.
4. Die ewige Wiederkunft.

2 [75]

Die ewige Wiederkunft. Buch neuer Feste und Wahrsagungen.

Die ewige Wiederkunft
              Heilige Tänze und Gelöbnisse.

Mittag und Ewigkeit.
          Heilige Tänze der Wiederkünftigen.

2 [76]

[Vgl. Carl Wilhelm von Nägeli, Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre. Mit einem Anhang. 1. Die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniss. 2. Kräfte und Gestaltungen im molecularen Gebiet. München; Leipzig: Oldenbourg, 1884. William Henry Rolph, Biologische Probleme: zugleich als Versuch zur Entwicklung einer rationellen Ethik. Leipzig: Engelmann, 1884:60-68, 122-29.]

(28)

Von der Rangordnung:

Zu I. Zur Physiologie der Macht.

Die Aristokratie im Leibe, die Mehrheit der Herrschenden (Kampf der Gewebe?

Die Sklaverei und die Arbeitstheilung: der höhere Typus nur möglich durch Herunterdrückung eines niederen auf eine Funktion

Lust und Schmerz kein Gegensatz. Das Gefühl der Macht.

Ernährung nur eine Consequenz der unersättlichen Aneignung, des Willens zur Macht.

Die Zeugung, der Zerfall eintretend bei der Ohnmacht der herrschenden Zellen das Angeeignete zu organisiren.

Die gestaltende Kraft ist es, die immer neuen “Stoff” (noch mehr “Kraft”) vorräthig haben will. Das Meisterstück des Aufbaues eines Organismus aus dem Ei.

“Mechanistische Auffassung”: will nichts als Quantitäten: aber die Kraft steckt in der Qualität: die Mechanistik kann also nur Vorgänge beschreiben, nicht erklären.

Der “Zweck.” Auszugehn von der “Sagacität” der Pflanzen.

Begriff der “Vervollkommnung”: nicht nur größere Complicirtheit, sondern größere Macht (—braucht nicht nur größere Masse zu sein—).

Schluß auf die Entwicklung der Menschheit: die Vervollkommnung besteht in der Hervorbringung der mächtigsten Individuen, zu deren Werkzeug die größte Menge gemacht wird (und zwar als intelligentestes und beweglichstes Werkzeug)

Die Künstler als die kleinen Gestaltenden. Die Pedanterie der “Erzieher” dagegen

Die Strafe: Aufrecht-Erhaltung eines höheren Typus.

Die Isolation.

Falsche Lehren aus der Geschichte. Weil etwas Hohes mißrieth oder mißbraucht wurde (wie die Aristokratie) ist es nicht widerlegt!

2 [77]

Der Anschein des Leeren und Vollen, des Festen und Lockeren, des Ruhenden und Bewegten und des Gleichen und Ungleichen.

(der absolute Raum

der älteste Anschein ist zur

(die Substanz

Metaphysik gemacht.

— es sind die menschlich-thierischen Sicherheits-Werthmaaße darin.

Unsere Begriffe sind von unserer Bedürftigkeit inspirirt.

Die Aufstellung der Gegensätze entspricht der Trägheit (eine Unterscheidung, die zur Nahrung, Sicherheit usw. genügt, gilt als “wahr”)

simplex veritas!— Gedanke der Trägheit.

Unsere Werthe sind in die Dinge hineininterpretirt.

Giebt es denn einen Sinn im An-sich??

Ist nicht nothwendig Sinn eben Beziehungs-sinn und Perspektive?

Aller Sinn ist Wille zur Macht (alle Beziehungs-Sinne lassen sich in ihn auflösen).

Ein Ding = seine Eigenschaften: diese aber gleich allem, was uns an diesem Ding angeht: eine Einheit, unter die wir die für uns in Betracht kommenden Relationen zusammenfassen. Im Grunde die an uns wahrgenommenen Veränderungen (—ausgelassen die, welche wir nicht wahrnehmen z.B. seine Elektrizität). In summa: Objekt ist die Summe der erfahrenen Hemmungen, die uns bewußt geworden sind. Eine Eigenschaft drückt also immer etwas von “nützlich” oder “schädlich” für uns aus. Die Farben z.B.—jede entspricht einem Lust- oder Unlustgrade und jeder Lust- und Unlustgrad ist das Resultat von Schätzungen über “nützlich” oder “unnützlich.”— Ekel.

2 [78]

Themata.

Ausdeutung, nicht Erklärung.

Reduktion der logischen Werthurtheile auf moralische und politische (Werth der Sicherheit, der Ruhe, der Faulheit ( “kleinste Kraft”) usw.

Das Problem des Künstlers, seine Moralität (Lüge, Schamlosigkeit, Erfindungsgabe für das ihm fehlende).

Die Verleumdung der unmoralischen Triebe: in Consequenz betrachtet eine Verneinung des Lebens.

Das Unbedingte und woher die idealen Züge stammen, die man ihm beimißt.

Die Strafe als Züchtungsmittel.

Gravitation mehrfach ausdeutbar: wie alles angeblich “Faktische.”

Das Prädikat drückt eine Wirkung aus, die auf uns hervorgebracht ist (oder werden könnte) nicht das Wirken an sich; die Summe der Prädikate wird in Ein Wort zusammengefaßt. Irrthum, daß das Subjekt causa sei.— Mythologie des Subjekt-Begriffs. (der “Blitz” leuchtet—Verdoppelung—die Wirkung verdinglicht.

Mythologie des Causalitäts-Begriffs. Trennung von “Wirken” und “Wirkendem” grundfalsch. Der Schein des Unverändert-Bleibenden, nach wie vor — —

Unsere europäische Cultur—worauf sie drängt, im Gegensatz zur buddhistischen Lösung in Asien? —

Religion, wesentlich Lehre der Rangordnung, sogar Versuch einer kosmischen Rang- und Machtordnung.

Schwächeü 
Lüge, Verstellungú 
Dummheitú 
Herrschsuchtýin wiefern idealisirend?
Neugierdeú 
Habsuchtú 
Grausamkeitþ 

2 [79]

Meine Schriften sind sehr gut vertheidigt: wer zu ihnen greift und sich dabei vergreift als Einer, der kein Recht auf solche Bücher hat—der macht sich sofort lächerlich—, ein kleiner Anfall von Wuth treibt ihn, sein Innerstes und Lächerlichstes auszuschütten: und wer wüßte nicht, was da immer herauskommt! Litteratur-Weiberchen, wie sie zu sein pflegen, mit krankhaften Geschlechtsorganen und mit Tintenklexen auf den Fingern —

Die Unfähigkeit, das Neue und Originale zu sehen: die plumpen Finger, die eine Nuance nicht zu fassen wissen, der steife Ernst, der über ein Wort stolpert und zu Falle kommt: die Kurzsichtigkeit, welche vor dem ungeheuren Reiche ferner Landschaften bis zur Blindheit sich steigert

Habe ich mich je über mein Schicksal beklagt, zu wenig gelesen, so schlecht verstanden zu sein? Aber für wie Viele darf denn überhaupt etwas Außerordentliches geschaffen werden!— Meint ihr denn, daß Gott die Welt um der Menschen willen geschaffen hat?

2 [80]

Zur Einleitung.

Die düstere Einsamkeit und Oede der campagna Romana, die Geduld im Ungewissen.

Jedes Buch als eine Eroberung, Griff—tempo lento— —bis zum Ende dramatisch geschürzt, zuletzt Katastrophe und plötzliche Erlösung.

2 [81]

(15)

Es ist nur eine Sache der Kraft: alle krankhaften Züge des Jahrhunderts haben, aber ausgleichen in eine überreiche plastische wiederherstellende Kraft. Der starke Mensch: Schilderung

2 [82]

Jenseits von Gut und Böse.
Zweiter und letzter Theil

Vorrede.
Auslegung, nicht Erklärung. Es giebt keinen Thatbestand, alles ist flüssig, unfaßbar, zurückweichend; das Dauerhafteste sind noch unsere Meinungen. Sinn-hineinlegen—in den meisten Fällen eine neue Auslegung über eine alte unverständlich gewordene Auslegung, die jetzt selbst nur Zeichen ist.



Zur Physiologie der Macht. Eine Betrachtung, bei der der Mensch seine stärksten Triebe und seine Ideale (und sein gutes Gewissen) als identisch fühlt.
Wir Gottlosen.
Was sind Künstler?
Recht und Gesetzgebung.
Zur Geschichte der modernen Verdüsterung.
Die Schauspielerei.
Von den Guten und Gerechten.
Rang und Rangordnung.
An den Mistral. Ein Tanzlied.
Jenseits von Gut und Böse als Aufhellung für Einige als tiefste Verdüsterung für Viele.

Zur Geschichte der modernen Verdüsterung.
Psychologie des Künstlers.
Von der Schauspielerei.
Das Problem des Gesetzgebers.
Die Gefahr in der Musik.
Auslegung, nicht Erkenntniß.
Die Guten und Gerechten.
Von großer und kleiner Politik —
Wir Gottlosen.
An den Mistral. Tanzlied.

In 30 Seiten.
2 Bogen.

(Vorrede: das Gemeinsame meiner Schriften)
Auslegung, nicht Erklärung.
Zur Physiologie der Macht.
Von der Schauspielerei.
Zur Geschichte der modernen Verdüsterung.
Wir Gottlosen.
Die Guten und Gerechten.
Von der Rangordnung.
Recht und Gesetzgebung.
Künstler.

2 [83]

(7)

Der Mensch glaubt sich als Ursache, als Thäter —

alles, was geschieht, verhält sich prädikativ zu irgend welchem Subjekte

In jedem Urtheile steckt der ganze volle tiefe Glauben an Subjekt und Prädikat oder an Ursache und Wirkung; und dieser letzte Glaube (nämlich als die Behauptung daß jede Wirkung Thätigkeit sei und daß jede Thätigkeit einen Thäter voraussetze) ist sogar ein Einzelfall des ersteren, so daß der Glaube als Grundglaube übrig bleibt: es giebt Subjekte

Ich bemerke etwas und suche nach einem Grund dafür: das heißt ursprünglich: ich suche nach einer Absicht darin und vor allem nach einem der Absicht hat, nach einem Subjekt, einem Thäter:—ehemals sah man in allem Geschehen Absichten, alles Geschehen war Thun. Dies ist unsere älteste Gewohnheit. Hat das Thier sie auch? Ist es, als Lebendiges, nicht auch auf die Interpretation nach sich angewiesen?— Die Frage “warum?” ist immer die Frage nach der causa finalis, nach einem “Wozu?” Von einem “Sinn der causa efficiens” haben wir nichts: hier hat Hume Recht, die Gewohnheit (aber nicht nur die des Individuums!) läßt uns erwarten, daß ein gewisser oft beobachteter Vorgang auf den andern folgt: weiter nichts! Was uns die außerordentliche Festigkeit des Glaubens an Causalität giebt, ist nicht die große Gewohnheit des Hintereinanders von Vorgängen, sondern unsere Unfähigkeit, ein Geschehen anders interpretiren zu können denn als ein Geschehen aus Absichten. Es ist der Glaube an das Lebendige und Denkende als das einzig Wirkende—an den Willen, die Absicht—daß alles Geschehn ein Thun sei, daß alles Thun einen Thäter voraussetze, es ist der Glaube an das “Subjekt.” Sollte dieser Glaube an den Subjekt- und Prädikat-Begriff nicht eine große D[ummheit] sein?

Frage: ist die Absicht Ursache eines Geschehens? Oder ist auch das Illusion? Ist sie nicht das Geschehen selbst?



“Anziehen” und “Abstoßen” in rein mechanischem Sinne ist eine vollständige Fiktion: ein Wort. Wir können uns ohne eine Absicht ein Anziehen nicht denken.— Den Willen sich einer Sache zu bemächtigen oder gegen ihre Macht sich zu wehren und sie zurückzustoßen—das “verstehen wir”: das wäre eine Interpretation, die wir brauchen könnten.

Kurz: die psychologische Nöthigung zu einem Glauben an Causalität liegt in der Unvorstellbarkeit eines Geschehens ohne Absichten: womit natürlich über Wahrheit oder Unwahrheit (Berechtigung eines solchen Glaubens) nichts gesagt ist. Der Glaube an causae fällt mit dem Glauben an JX80 (gegen Spinoza und dessen Causalismus).

2 [84]

(30)

Das Urtheilen ist unser ältester Glaube, unser gewohntestes für-Wahr- oder für-Unwahrhalten

Im Urtheile liegt unser ältester Glaube vor, in allem Urtheilen giebt es ein Fürwahrhalten oder für Unwahrhalten, ein Behaupten oder Leugnen, eine Gewißheit, daß etwas so und nicht anders ist, ein Glaube, hier wirklich “erkannt” zu haben—was wird in allen Urtheilen als wahr geglaubt?

Was sind Prädikate?— Wir haben Veränderungen an uns nicht als solche genommen, sondern als ein “an-sich,” das uns fremd ist, das wir nur “wahrnehmen”: und wir haben sie nicht als ein Geschehen, sondern als ein Sein gesetzt, als “Eigenschaft”—und ein Wesen hinzuerfunden, an dem sie haften, d.h. wir haben die Wirkung als Wirkendes angesetzt und das Wirkende als Seiendes. Aber auch noch in dieser Formulirung ist der Begriff “Wirkung” willkürlich: denn von jenen Veränderungen, die an uns vorgehen und von denen wir bestimmt glauben, nicht selbst die Ursachen zu sein, schließen wir nur, daß sie Wirkungen sein müssen: nach dem Schluß: “zu jeder Veränderung gehört ein Urheber.”— Aber dieser Schluß ist schon Mythologie: er trennt das Wirkende und das Wirken. Wenn ich sage “der Blitz leuchtet,” so habe ich das Leuchten einmal als Thätigkeit und das andere Mal als Subjekt gesetzt: also zum Geschehen ein Sein supponirt, welches mit dem Geschehen nicht eins ist, vielmehr bleibt, ist, und nicht “wird.”— Das Geschehen als Wirken anzusetzen: und die Wirkung als Sein: das ist der doppelte  Irrthum, oder  Interpretation, deren  wir  uns  schuldig  machen. Also  z.B.  “der Blitz leuchtet”—: “leuchten” ist ein Zustand an uns; aber wir nehmen ihn nicht als Wirkung auf uns, und sagen: “etwas Leuchtendes” als ein “An-sich” und suchen dazu einen Urheber, den “Blitz.”

2 [85]

(32)

Die Eigenschaften eines Dings sind Wirkungen auf andere “Dinge”: denkt man andere “Dinge” weg, so hat ein Ding keine Eigenschaften d.h. es giebt kein Ding ohne andere Dinge d.h. es giebt kein “Ding an sich.”

2 [86]

(30)

Was kann allein Erkenntniß sein?— “Auslegung,” nicht “Erklärung.”

2 [87]

(32)

Alle Einheit ist nur als Organisation und Zusammenspiel Einheit: nicht anders als wie ein menschliches Gemeinwesen eine Einheit ist: also Gegensatz der atomistischen Anarchie; somit ein Herrschafts-Gebilde, das Eins bedeutet, aber nicht eins ist.



Man müßte wissen, was Sein ist, um zu entscheiden, ob dies und jenes real ist (z.B. “die Thatsachen des Bewußtseins)”; ebenso was Gewißheit ist, was Erkenntniß ist und dergleichen.— Da wir das aber nicht wissen, so ist eine Kritik des Erkenntnißvermögens unsinnig: wie sollte das Werkzeug sich selber kritisiren können, wenn es eben nur sich zur Kritik gebrauchen kann? Es kann nicht einmal sich selbst definiren!



wenn alle Einheit nur als Organisation Einheit ist? aber das “Ding” an das wir glauben, ist nur als Ferment zu verschiedenen Prädikaten hinzuerfunden. Wenn das Ding “wirkt,” so heißt das: wir fassen alle übrigen Eigenschaften, die sonst noch hier vorhanden sind und momentan latent sind, als Ursache, daß jetzt eine einzelne Eigenschaft hervortritt: d.h. wir nehmen die Summe seiner Eigenschaftenx als Ursache der Eigenschaft x: was doch ganz dumm und verrückt ist!

“Das Subjekt” oder das “Ding”

2 [88]

(33)

Eine Kraft, die wir uns nicht vorstellen können (wie die sogenannte rein mechanische Anziehungs- und Abstoßungskraft) ist ein leeres Wort und darf kein Bürgerrecht in der Wissenschaft haben: welche uns die Welt vorstellbar machen will, nichts weiter!



Alles Geschehen aus Absichten ist reduzirbar auf die Absicht der Mehrung von Macht.

2 [89]

Illusion, daß etwas erkannt sei, wo wir eine mathematische Formel für das Geschehen haben: es ist nur bezeichnet, beschrieben: nichts mehr!

2 [90]

(31)

Gleichheit und Ähnlichkeit.

1) das gröbere Organ sieht viele scheinbare Gleichheit
2) der Geist will Gleichheit d.h. einen Sinneneindruck subsumiren unter eine vorhandene Reihe: ebenso wie der Körper Unorganisches sich assimilirt.

Zum Verständniß der Logik : : : der Wille zur Gleichheit ist der Wille zur Macht.

— der Glaube, daß etwas so und so sei, das Wesen des Urtheils, ist die Folge eines Willens, es soll so viel als möglich gleich sein.

2 [91]

(30)

Wenn unser “Ich” uns das einzige Sein ist, nach dem wir Alles sein machen oder verstehen: sehr gut! dann ist der Zweifel sehr am Platze ob hier nicht eine perspektivische Illusion vorliegt—die scheinbare Einheit, in der wie in einer Horizontlinie alles sich zusammenschließt. Am Leitfaden des Leibes zeigt sich eine ungeheure Vielfachheit; es ist methodisch erlaubt, das besser studirbare reichere Phänomen zum Leitfaden für das Verständniß des ärmeren zu benutzen. Endlich: gesetzt alles ist Werden, so ist Erkenntniß nur möglich auf Grund des Glaubens an Sein.

2 [92]

[Vgl. Carl Wilhelm von Nägeli, Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre. Mit einem Anhang. 1. Die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniss. 2. Kräfte und Gestaltungen im molecularen Gebiet. München; Leipzig: Oldenbourg, 1884.]

Die Sinneswahrnehmungen nach “außen” projicirt: “innen” und “außen”—da kommandirt der Leib—?

— dieselbe gleichmachende und ordnende Kraft, welche im Idioplasma waltet, waltet auch beim Einverleiben der Außenwelt: unsere Sinneswahrnehmungen sind bereits das Resultat dieser Anähnlichung und Gleichsetzung in Bezug auf alle Vergangenheit in uns; sie folgen nicht sofort auf den “Eindruck” —

2 [93]

(34)

Inwiefern die Dialektik und der Glaube an die Vernunft noch auf moralischen Vorurtheilen ruht. Bei Plato sind wir als einstmalige Bewohner einer intelligibelen Welt des Guten noch im Besitz eines Vermächtnisses jener Zeit: die göttliche Dialektik, als aus dem Guten stammend, führt zu allem Guten (—also gleichsam “zurück”—) Auch Descartes hatte einen Begriff davon, daß in einer christlich-moralischen Grunddenkweise, welche an einen guten Gott als Schöpfer der Dinge glaubt, die Wahrhaftigkeit Gottes erst uns unsre Sinnesurtheile verbürgt. Abseits von einer religiösen Sanktion und Verbürgung unsrer Sinne und Vernünftigkeit—woher sollten wir ein Recht auf Vertrauen gegen das Dasein haben! Daß das Denken gar ein Maaß des Wirklichen sei,—daß was nicht gedacht werden kann, nicht ist,—ist ein plumpes non plus ultra einer moralistischen Vertrauens-seligkeit (auf ein essentielles Wahrheits-Princip im Grund der Dinge), an sich eine tolle Behauptung, der unsre Erfahrung in jedem Augenblicke widerspricht. Wir können gerade gar nichts denken, in wiefern es ist ...

2 [94]

Wir können schlecht genug die Entstehung eines Qualitäts-Urtheiles beobachten

Reduktion der Qualitäten auf Werthurtheile.

2 [95]

[Vgl. Carl Wilhelm von Nägeli, Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre. Mit einem Anhang. 1. Die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniss. 2. Kräfte und Gestaltungen im molecularen Gebiet. München; Leipzig: Oldenbourg, 1884.]

Unsere Wahrnehmungen, wie wir sie verstehen: d.i. die Summe aller der Wahrnehmungen, deren Bewußtwerden uns und dem ganzen organischen Prozesse vor uns nützlich und wesentlich war: also nicht alle Wahrnehmungen überhaupt (z.B. nicht die elektrischen) Das heißt: wir haben Sinne nur für eine Auswahl von Wahrnehmungen—solcher, an denen uns gelegen sein muß, um uns zu erhalten. Bewußtsein ist so weit da, als Bewußtsein nützlich ist. Es ist kein Zweifel, daß alle Sinneswahrnehmungen gänzlich durchsetzt sind mit Werthurtheilen (nützlich schädlich—folglich angenehm oder unangenehm) Die einzelne Farbe drückt zugleich einen Werth für uns aus (obwohl wir es uns selten oder erst nach langem ausschließlichem Einwirken derselben Farbe (z.B. Gefangene im Gefängniß oder Irre) eingestehn) Deshalb reagiren Insekten auf verschiedene Farben anders: einige lieben sie z.B. Ameisen.

2 [96]

Ironie gegen die, welche das Christenthum durch die modernen Naturwissenschaften überwunden glauben. Die christlichen Werthurtheile sind damit absolut nicht überwunden. “Christus am Kreuze” ist das erhabenste Symbol—immer noch. —

2 [97]

Gesundheit und Krankhaftigkeit: man sei vorsichtig! Der Maaßstab bleibt die Efflorescenz des Leibes, die Sprungkraft, Muth und Lustigkeit des Geistes—aber, natürlich auch, wie viel von Krankhaftem er auf sich nehmen und überwinden kann—gesund machen kann. Das, woran die zarteren Menschen zu Grunde gehen würden, gehört zu den Stimulanz-Mitteln der großen Gesundheit.

2 [98]

(35)

Armut, Demuth und Keuschheit—gefährliche und verleumderische Ideale, aber, wie Gifte, in gewissen Krankheitsfällen, nützliche Heilmittel z.B. in der römischen Kaiserzeit.

Alle Ideale sind gefährlich, weil sie das Thatsächliche erniedrigen und brandmarken, alle sind Gifte, aber als zeitweilige Heilmittel unentbehrlich

2 [99]

Wie hat sich der gesamte organische Prozeß verhalten gegen die übrige Natur?— Da enthüllt sich sein Grundwille.

2 [100]

Der Wille zur Macht.
Versuch
einer Umwerthung aller Werthe
.
In vier Büchern.

Erstes Buch:die Gefahr der Gefahren (Darstellung des Nihilismus) (als der nothwendigen Consequenz der bisherigen Werthschätzungen)
Zweites Buch:Kritik der Werthe (der Logik usw.
Drittes Buch:das Problem des Gesetzgebers (darin die Geschichte der Einsamkeit) Wie müssen Menschen beschaffen sein, die umgekehrt werthschätzen? Menschen, die alle Eigenschaften der modernen Seele haben, aber stark genug sind, sie in lauter Gesundheit umzuwandeln
Viertes Buch:der Hammer
ihr Mittel zu ihrer Aufgabe
Sils-Maria, Sommer 1886
 
Ungeheure Gewalten sind entfesselt; aber sich widersprechend
 die entfesselten Kräfte sich gegenseitig vernichtend
 die entfesselten Kräfte neu zu binden, daß sie sich nicht gegenseitig vernichten und
 Augen aufmachen für die wirkliche Vermehrung an Kraft!
Überall die Disharmonie aufzuzeigen, zwischen dem Ideal und seinen einzelnen Bedingungen (z.B. Redlichkeit bei Christen, welche fortwährend zur Lüge gezwungen sind)

Zu Buch 2.

Im demokratischen Gemeinwesen, wo Jedermann Spezialist ist, fehlt das Wozu? für Wen? der Stand, in dem alle die tausendfältige Verkümmerung aller Einzelnen (zu Funktionen) Sinn bekommt.

Die Entwicklungder Sinnlichkeitü 
 der Grausamkeitú 
 der Racheú 
 der Narrheitýzur Summe
 der Habsuchtúder Cultur.
 der Herrschsuchtú 
 usw.þ 
Über
Die Gefahr in allen bisherigen Idealen
Kritik der indischen und chinesischen Denkweise, ebenso der christlichen (als Vorbereitungen zu einer nihilistischen—)
Die Gefahr der Gefahren: Alles hat keinen Sinn.

(2)

Der Hammer: eine Lehre, welche durch Entfesselung des todsüchtigsten Pessimismus eine Auslese der Lebensfähigsten bewirkt
 
From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel