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The Will to Power
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Frühjahr 1888 16 [1-89]

16 [1]

Turin, 21. April, unterwegs

“Meine Brüder, sagte der älteste Zwerg, wir sind in Gefahr. Ich verstehe die Attitüde dieses Riesen. Er ist im Begriff, uns anzurieseln. Wenn ein Riese rieselt, giebt es eine Sündfluth. Wir sind verloren, wenn er rieselt. Ich rede nicht davon, in welch affreusem Elemente wir da ertrinken.”

“Problem—sagte der zweite Zwerg—wie verhindert man einen Riesen am Rieseln?”

“Problem—sagte der dritte Zwerg—wie verhindert man einen Großen, daß er etwas Großes groß thut?”

“Ich danke, antwortete der älteste Zwerg mit Würde. Hiermit ist das Problem philosophischer genommen, sein Interesse verdoppelt, seine Lösung vorbereitet.”

“Man muß ihn erschrecken, sagte der vierte Zwerg.

“Man muß ihn kitzeln, sagte der fünfte Zwerg.

“Man muß ihm in die Fußzehn beißen, sagte der sechste Zwerg.

“Thun wir Alles zugleich, entschied der Älteste. Ich sehe, wir sind dieser Lage gewachsen. Dieser Riese wird nicht rieseln.”

16 [2]

Das Risquirte und Phantomatische in der Existenz —

Nachts 27 April

16 [3]

Imaginäre Ursachen

16 [4]

Alles Furchtbare in Dienst nehmen, einzeln, versuchsweise, schrittweise—so will es die Aufgabe der Cultur. Aber bis sie stark genug dazu ist, muß sie es bekämpfen, mäßigen, verschleiern, unter Umständen verfluchen und vernichten. Überall, wo eine Cultur ihr Böses ansetzt, bringt sie damit ein Furchtverhältniß zum Ausdruck: ihre Schwäche verräth sich. An sich ist alles Gute ein dienstbar gemachtes Böse von Ehedem.

16 [5]

Dies giebt einen Maaßstab ab: je furchtbarer und größer die Leidenschaften sind, die eine Zeit, ein Volk, ein Einzelner sich gestatten kann, weil er sie als Mittel zu gebrauchen weiß, um so höher steht seine Cultur. Umgekehrt: je mittelmäßiger, schwächer, unterwürfiger und feiger—tugendhafter—ein Mensch ist, um so weiter wird er das Reich des Bösen ansetzen. Der niedrigste Mensch muß das Reich des Bösen (das heißt des ihm Verbotenen und Feindlichen) überall sehn. —

16 [6]

Erziehung: ein System von Mitteln, um die Ausnahmen zu Gunsten der Regel zu ruiniren. Bildung: ein System von Mitteln, um den Geschmack gegen die Ausnahme zu richten, zu Gunsten der Durchschnittlichen. So ist es hart; aber, ökonomisch betrachtet, vollkommen vernünftig. Mindestens für eine lange Zeit, wo eine Cultur noch mit Mühe sich aufrecht erhält, und jede Ausnahme eine Art von Vergeudung von Kraft darstellt (etwas, das ablenkt, verführt, ankränkelt, isolirt) Eine Cultur der Ausnahme, des Versuchs, der Gefahr, der Nuance—eine Treibhauscultur für die ungewöhnlichen Gewächse hat erst ein Recht auf Dasein, wenn Kraft genug vorhanden ist, daß nunmehr selbst die Verschwendung ökonomisch wird.

16 [7]

Die Herrschaft über die Leidenschaften, nicht deren Schwächung oder Ausrottung! Je größer die Herren-Kraft unseres Willens ist, so viel mehr Freiheit darf den Leidenschaften gegeben werden. Der große Mensch ist groß durch den Freiheits-Spielraum seiner Begierden: er aber ist stark genug, daß er aus diesen Unthieren seine Hausthiere macht ...

16 [8]

Der “gute Mensch” auf jeder Stufe der Civilisation der Ungefährliche und Nützliche zugleich: eine Art Mitte, der Ausdruck im gemeinen Bewußtsein davon, vor wem man sich nicht zu fürchten hat und wen man trotzdem nicht verachten darf ...

16 [9]

Im Kampfe gegen die großen Menschen liegt viel Vernunft. Dieselben sind gefährlich, Zufälle, Ausnahmen, Unwetter, stark genug, um Langsam-Gebautes und -Begründetes in Frage zu stellen, Fragezeichen-Menschen in Hinsicht auf Fest-Geglaubtes. Solche Explosiv-Stoffe nicht nur unschädlich zu entladen, sondern wenn es irgend angeht, ihrer Entstehung und Häufung schon vorbeugen: dazu räth der Instinkt jeder civilisirten Gesellschaft.

16 [10]

Die Höhepunkte der Cultur und der Civilisation liegen auseinander: man soll sich über den abgründlichen Antagonismus von Cultur und Civilisation nicht irre führen lassen. Die großen Momente der Cultur waren immer, moralisch geredet, Zeiten der Corruption; und wiederum waren die Epochen der gewollten und erzwungenen Thierzähmung (“Civilisation”—) des Menschen Zeiten der Unduldsamkeit für die geistigsten und kühnsten Naturen. Civilisation will etwas Anderes als Cultur will: vielleicht etwas Umgekehrtes ...

16 [11]

— Entschiedenheit und Folge: nach Goethe das Verehrungswürdigste am Menschen —

16 [12]

Das Leben selbst ist kein Mittel zu Etwas; es ist bloß Wachsthums-Form der Macht.

16 [13]

Bescheiden, fleißig, wohlwollend, mäßig, voller Friede und Freundlichkeit: so wollt ihr den Menschen? so denkt ihr euch den guten Menschen? Aber was ihr damit erreicht, ist nur der Chinese der Zukunft, das “Schaf Christi”, der vollkommene Socialist ...

16 [14]

Wer sich nicht als Zweck ansetzen, noch überhaupt von sich aus Zwecke ansetzen kann, der giebt der Moral der Entselbstung die Ehre. Zu ihr überredet ihn Alles, seine Klugheit, seine Erfahrung, seine Eitelkeit ...

16 [15]

Der Kampf gegen den “alten Glauben”, wie ihn Epicur unternahm, war, im strengen Sinne, der Kampf gegen das präexistente Christenthum,—der Kampf gegen die bereits verdüsterte, vermoralisirte mit Schuldgefühlen durchsäuerte alt und krank gewordene alte Welt.

Nicht die “Sittenverderbniß” des Alterthums, sondern gerade seine Vermoralisirung ist die Voraussetzung, unter der allein das Christenthum über dasselbe Herr werden konnte. Der Moral-Fanatismus (kurz: Plato) hat das Heidenthum zerstört, indem er seine Werthe umwerthete und seiner Unschuld Gift zu trinken gab.— Wir sollten endlich begreifen, daß was da zerstört wurde, das Höhere war, im Vergleich mit dem, was Herr wurde!—das Christenthum ist aus der physiologischen Verderbniß gewachsen, hat nur auf verderbtem Boden Wurzel gefaßt ...

16 [16]

Wir Wenigen oder Vielen, die wir wieder in einer entmoralisirten Welt zu leben wagen, wir Heiden dem Glauben nach: wir sind wahrscheinlich auch die Ersten, die es begreifen, was ein heidnischer Glaube ist: sich höhere Wesen als der Mensch ist, vorstellen müssen, aber diese Wesen jenseits von Gut und Böse; alles Höher-sein auch als Unmoralisch-sein abschätzen müssen. Wir glauben an den Olymp—und nicht an den “Gekreuzigten” ...

16 [17]

Man scheint sich der Historie zu Nichts zu bedienen als immer zu dem einen und gleichen Fehlschluß: “diese und jene Form gieng zu Grunde, folglich ist sie widerlegt.” Als ob das Zugrundegehn ein Einwand, oder gar eine Widerlegung wäre!— Was ist mit dem Zugrundegehen der letzten aristokratischen Gesellschafts-Ordnung bewiesen? Etwa, daß wir eine solche Ordnung nicht mehr nöthig hätten? ...

16 [18]

Unter Deutschen ist es nicht genug, Geist zu haben: man muß ihn noch sich nehmen, sich Geist herausnehmen. Unter Franzosen muß man Muth haben, deutsch zu sein.

16 [19]

Sei nun auch klug, nachdem du weise geworden bist! Ein grober Affekt, ein Laster, eine Tollheit—das ist nunmehr deine Art Erlösung!

16 [20]

— und wenn meine Philosophie eine Hölle ist, so will ich wenigstens den Weg zu ihr mit guten Sentenzen pflastern.

16 [21]

Wenn der Charakter des Daseins falsch sein sollte, wenn das Dasein einen “schlechten Charakter” hätte—und gerade das wäre möglich—was wäre dann die Wahrheit, alle unsre Wahrheit? Eine Falschheit mehr?

16 [22]

Hat man eine Dummheit gemacht, so soll man ihr flugs zwei Klugheiten nachschicken: so holt man sie wieder zurück.

16 [23]

Wie arm der Wille geworden sein muß, um die Welt in Schopenhauers Weise als “Wille” mißzuverstehn! Im Philosophen fehlt der Wille, so viel auch vom Willen geredet wird (—wie im neuen Testament der Geist fehlt, trotz selbst “des heiligen Geistes”—)

16 [24]

Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum.

16 [25]

Der Mensch, eine kleine überspannte Thierart, die—glücklicher Weise—ihre Zeit hat; das Leben auf der Erde überhaupt ein Augenblick, ein Zwischenfall, eine Ausnahme ohne Folge, Etwas, das für den Gesamt-Charakter der Erde belanglos bleibt; die Erde selbst, wie jedes Gestirn, ein Hiatus zwischen zwei Nichtsen, ein Ereigniß ohne Plan, Vernunft, Wille, Selbstbewußtsein, die schlimmste Art des Nothwendigen, die dumme Nothwendigkeit ... Gegen diese Betrachtung empört sich etwas in uns; die Schlange Eitelkeit redet uns zu “das Alles muß falsch sein: denn es empört ... Könnte das nicht Alles nur Schein sein? Und der Mensch, trotzalledem, mit Kant zu reden, — — —

16 [26]

Daß “das Übel” ein Einwand gegen das Dasein sein soll! Aber was hat uns am längsten Widerwillen gemacht? Ist es nicht der Aspekt “des Guten”, ist es nicht die Unmöglichkeit, “dem Guten” nicht ausweichen zu können? Ist es nicht der Gedanke “Gott”?

16 [27]

Wenn man krank ist, so soll man sich verkriechen: so allein ist es philosophisch, so allein ist es thierisch...

16 [28]

Es [giebt] Morgen-Denker, es giebt Nachmittags-Denker, es giebt Nachteulen. Nicht zu vergessen die vornehmste species: die Mittäglichen,—die, in denen beständig der große Pan schläft. Da fällt alles Licht senkrecht ...

16 [29]

Wir entbehren in der Musik einer Ästhetik, die den Musikern Gesetze aufzuerlegen verstünde und ein Gewissen schüfe; wir entbehren, was eine Folge davon ist, eines eigentlichen Kampfes um “Principien”—denn als Musiker lachen wir über die Herbartschen Velleitäten auf diesem Gebiete ebenso sehr, als über die Schopenhauers. Thatsächlich ergiebt sich hieraus eine große Schwierigkeit: wir wissen die Begriffe “Muster”, “Meisterschaft”, “Vollkommenheit” nicht mehr zu begründen—wir tasten mit dem Instinkte alter Liebe und Bewunderung blind herum im Reich der Werthe, wir glauben beinahe “gut ist was uns gefällt” ... Es erweckt mein Mißtrauen, wenn ganz unschuldig Beethoven allerwärts als “Classiker” bezeichnet wird: ich würde streng aufrecht erhalten, daß man in anderen Künsten unter einem Classiker einen umgekehrten Typus als der Beethovens ist, begreift. Aber wenn gar noch die vollkommene und in die Augen springende Stil-Auflösung Wagners, sein sogenannter dramatischer Stil als “Vorbild”, als “Meisterschaft”, als “Fortschritt”, gelehrt und verehrt wird, so kommt meine Ungeduld auf ihren Gipfel. Der dramatische Stil in der Musik, wie ihn Wagner versteht, ist die Verzichtleistung auf Stil überhaupt unter der Voraussetzung daß etwas [Anderes] hundert Mal wichtiger ist als Musik, nämlich das Drama. Wagner kann malen, er benutzt die Musik nicht zur Musik, er verstärkt Attitüden, er ist Poet; endlich, er hat an die “schönen Gefühle” und “gehobenen Busen” appellirt gleich allen Theaterkünstlern—mit dem Allen hat er die Frauen und selbst die Bildungs-Bedürftigen zu sich überredet: aber was geht Frauen und Bildungs-Bedürftige die Musik an! Das hat Alles kein Gewissen für die Kunst; das leidet nicht, wenn, alle ersten und unerläßlichsten Tugenden einer Kunst zu Gunsten von Nebenabsichten, als ancilla dramaturgica, mit Füßen getreten und verhöhnt werden.— Was liegt an aller Erweiterung der Ausdrucks-Mittel, wenn das, was da ausdrückt, die Kunst selbst für sich selbst das Gesetz verloren hat? Die malerische Pracht und Gewalt des Tons, die Symbolik von Klang, Rhythmus, Farbentönen der Harmonie und Disharmonie, die suggestive Bedeutung der Musik, in Hinsicht auf andere Künste, die ganze mit Wagner zur Herrschaft gebrachte Sinnlichkeit der Musik—das Alles hat Wagner an der Musik erkannt, herausgezogen, entwickelt. Victor Hugo hat etwas Verwandtes für die Sprache gethan: aber schon heute fragt man sich in Frankreich im Fall Victor Hugo’s, ob nicht zum Verderb der Sprache ... ob nicht, mit der Steigerung der Sinnlichkeit in der Sprache, die Vernunft, die Geistigkeit, die tiefe Gesetzlichkeit in der Sprache heruntergedrückt worden ist? Daß die Dichter in Frankreich Plastiker, daß die Musiker in Deutschland Schauspieler und Cultur-Anpinseler geworden sind—sind das nicht Zeichen der décadence?



Wagner macht alles Mögliche mit Hülfe der Musik, was nicht Musik ist: er giebt Schwellungen, Tugenden, Leidenschaften zu verstehen.



Musik ist ihm Mittel



Ist ihr nicht alle geistigere Schönheit abhanden gekommen, die hohe übermüthige Vollkommenheit, welche im Wagniß noch die Anmuth umarmt, der hinreißende Sprung und Tanz der Logik, der — — —

16 [30]

Für einen Kriegsmann der Erkenntniß, der immer im Kampf mit häßlichen Wahrheiten liegt, ist der Glaube, daß es gar keine Wahrheit giebt, ein großes Bad und Gliederstrecken.— Der Nihilismus ist unsre Art Müssiggang ...

16 [31]

Die Tugend ist unter Umständen bloß eine ehrwürdige Form der Dummheit: wer dürfte ihr darum übelwollen? Und diese Art Tugend ist auch heute noch nicht überlebt. Eine Art von wackerer Bauern-Einfalt, welche aber in allen Ständen möglich ist und der man nicht anders als mit Verehrung und Lächeln zu begegnen hat, glaubt auch heute noch, daß Alles in guten Händen ist, nämlich in der “Hand Gottes”: und wenn sie diesen Satz mit jener bescheidenen Sicherheit aufrecht erhalten, wie als ob sie sagten, daß zwei mal zwei vier ist, so werden wir Andern uns hüten, zu widersprechen. Wozu diese reine Thorheit trüben? Wozu sie mit unseren Sorgen in Hinsicht auf Mensch, Volk, Ziel, Zukunft verdüstern? Und wollten wir es, wir könnten es nicht. Sie spiegeln ihre eigne ehrwürdige Dummheit und Güte in die Dinge hinein (bei ihnen lebt ja der alte Gott, deus myops, noch!); wir Anderen—wir sehen etwas Anderes in die Dinge hinein: unsre Räthsel-Natur, unsre Widersprüche, unsre tiefere, schmerzlichere, argwöhnischere Weisheit.

16 [32]

Woran ich meines Gleichen erkenne.— Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Aufsuchen auch der verwünschten und verruchten Seiten des Daseins. Aus der langen Erfahrung, welche mir eine solche Wanderung durch Eis und Wüste gab, lernte ich Alles, was bisher philosophirt hat, anders ansehn:—die verborgene Geschichte der Philosophie, die Psychologie ihrer großen Namen kam für mich ans Licht. “Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist?”—dies wurde für mich der eigentliche Werthmesser. Der Irrthum ist eine Feigheit ... jede Errungenschaft der Erkenntniß folgt aus dem Muth, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich ... Eine solche Experimental-Philosophie, wie ich sie lebe, nimmt versuchsweise selbst die Möglichkeiten des grundsätzlichen Nihilismus vorweg: ohne daß damit gesagt wäre, daß sie bei einem Nein, bei einer Negation, bei einem Willen zum Nein stehen bliebe. Sie will vielmehr bis zum Umgekehrten hindurch—bis zu einem dionysischen Jasagen zur Welt, wie sie ist, ohne Abzug, Ausnahme und Auswahl—sie will den ewigen Kreislauf,—dieselben Dinge, dieselbe Logik und Unlogik der Knoten. Höchster Zustand, den ein Philosoph erreichen kann: dionysisch zum Dasein stehn—: meine Formel dafür ist amor fati ...

— Hierzu gehört, die bisher verneinten Seiten des Daseins nicht nur als nothwendig zu begreifen, sondern als wünschenswerth: und nicht nur als wünschenswerth in Hinsicht auf die bisher bejahten Seiten (etwa als deren Complemente oder Vorbedingungen), sondern um ihrer selber willen, als der mächtigeren, fruchtbareren, wahreren Seiten des Daseins, in denen sich sein Wille deutlicher ausspricht. Insgleichen gehört hierzu, die bisher allein bejahte Seite des Daseins abzuschätzen; zu begreifen, woher diese Werthung stammt und wie wenig sie verbindlich für eine dionysische Werthabmessung des Daseins ist: ich zog heraus und begriff, was hier eigentlich Ja sagt (der Instinkt der Leidenden einmal, der Instinkt der Heerde andrerseits und jener Dritte der Instinkt der Meisten im Widerspruch zu den Ausnahmen—) Ich errieth damit, in wiefern eine andere stärkere Art Mensch nothwendig nach einer anderen Seite hin sich die Erhöhung und Steigerung des Menschen ausdenken müßte: höhere Wesen als jenseits von Gut und Böse, als jenseits von jenen Werthen, die den Ursprung aus der Sphäre [des] Leidens, der Heerde und der Meisten nicht verleugnen können—ich suchte nach den Ansätzen dieser umgekehrten Idealbildung in der Geschichte (die Begriffe “heidnisch”, “klassisch”, “vornehm” neu entdeckt und hingestellt—)

16 [33]

Richard Wagner bleibt, bloß in Hinsicht auf seinen Werth für Deutschland und deutsche Cultur abgeschätzt ein großes Fragezeichen, ein deutsches Unglück vielleicht, ein Schicksal in jedem Falle: aber was liegt daran? Ist er nicht sehr viel mehr,—als bloß ein deutsches Ereigniß? ... Es will mir sogar scheinen, daß er nirgendswo weniger hingehört als nach Deutschland; nichts ist daselbst auf ihn vorbereitet, sein ganzer Typus steht unter Deutschen einfach fremd, wunderlich, unverstanden, unverständlich da. Aber man hütet sich, das sich einzugestehen: dazu ist man zu gutmüthig, zu viereckig, zu deutsch. “Credo quia absurdus est”: so will es und wollte es auch in diesem Fall deutscher Geist—und so glaubt er einstweilen Alles, was Wagner über sich selbst geglaubt haben wollte. Der deutsche Geist hat zu allen Zeiten in psychologicis der Feinheit und Divination ermangelt. Heute, wo er unter dem Hochdruck der Vaterländerei und Selbstbewunderung steht, verdickt und vergröbert er sich zusehends: wie sollte er dem Problem Wagner gewachsen sein! —

16 [34]

Im Grunde ist auch Wagners Musik noch Litteratur, so gut es die ganze französische Romantik [ist]; der Zauber des Exotismus, fremder Zeiten, Sitten, Leidenschaften, ausgeübt auf empfindsame Eckensteher; das Entzücken beim Hineintreten in das ungeheure ferne ausländische vorzeitliche Land, zu dem der Zugang durch Bücher führt, wodurch der ganze Horizont mit neuen Farben und Möglichkeiten bemalt war ... Die Ahnung von noch ferneren unaufgeschlossenen Welten; der Dédain gegen die Boulevards ... Der Nationalismus nämlich, man lasse sich nicht täuschen, ist auch nur eine Form des Exotismus ... Die romantischen Musiker erzählen, was die exotischen Bücher aus ihnen gemacht haben: man möchte gern Exotica erleben, Leidenschaften im florentinischen oder venetianischen Geschmack: zuletzt begnügt man sich, sie im Bilde zu suchen ... Das Wesentliche ist die Art von neuer Begierde, ein Nachmachen-wollen, Nachleben-wollen, die Verkleidung, die Verstellung der Seele ... Die romantische Kunst ist nur ein Nothbehelf für eine manquirte “Realität” ...

Napoleon, die Leidenschaft neuer Möglichkeiten der Seele ... Die Raumerweiterung der Seele ...

Der Versuch, Neues zu thun: Revolution, Napoleon ...

Ermattung des Willens; umso größere Ausschweifung in der Begierde, Neues zu fühlen, vorzustellen, zu träumen ...

Folge der excessiven Dinge, die man erlebt hatte: Heißhunger nach excessiven Gefühlen ... Die fremden Litteraturen boten die stärksten Würzen ...

16 [35]

Zur Zukunft der Ehe:

eine Steuer-Mehrbelastung bei Erbschaften usw. auch Kriegsdienst-Mehrbelastung der Junggesellen von einem bestimmten Alter an und anwachsend (innerhalb der Gemeinde)

Vortheile aller Art für Väter, welche reichlich Knaben in die Welt setzen: unter Umständen eine Mehrheit von Stimmen

ein ärztliches Protokoll, jeder Ehe vorangehend und von den Gemeinde-Vorständen unterzeichnet: worin mehrere bestimmte Fragen seitens der Verlobten und der Ärzte beantwortet sein müssen (“Familien-Geschichte” —

als Gegenmittel gegen die Prostitution (oder als deren Veredelung): Ehen auf Frist, legalisirt (auf Jahre, auf Monate, auf Tage), mit Garantie für die Kinder

jede Ehe verantwortet und befürwortet durch eine bestimmte Anzahl Vertrauens-Männer einer Gemeinde: als Gemeinde-Angelegenheit

16 [36]

die Romantiker, welche alle, wie ihr deutscher Meister Friedrich Schlegel, in Gefahr sind (mit Goethe zu reden) “am Wiederkäuen sittlicher und religiöser Absurditäten zu ersticken”

das Schillersche an Wagner: er bringt “leidenschaftliche Beredsamkeit, Pracht der Worte, als Schwung edler Gesinnungen”—Legirung mit geringerem Metall

“Hätte Schiller länger gelebt, er wäre der Abgott der Zeitgenossen, auch derer, die in Iffland und Kotzebue, in Nikolai und Merkel ihr Fühlen und Denken wiederfanden, geworden und auch Ehren und Reichthümer wären ihm in Fülle zugeflossen.” Victor Hehn, G[edanken] ü[ber] G[oethe] p 109. [Vgl. Victor Hehn, Gedanken über Goethe. 1. Teil. Zweite verbesserte Auflage. Berlin: Gebrüder Borntraeger, 1888:109.]

“die durchgehende Herzlosigkeit” “die Nichtswürdigkeit oder Geringfügigkeit der Helden”—man denke Niebuhr, der sich in Hinsicht auf den Wilhelm Meister zu sagen erlaubt: “er ärgere sich an der Menagerie von zahmem Vieh”

in den vornehmen Kreisen war man darüber einig, daß, um mit Jakobi zu reden “ein unsauberer Geist darin herrsche”

Für was war Goethe Schiller dankbar? Daß ihn der Wilhelm Meister “hinriß und tief ergriff, ja mit dem Gefühl eigner Unzulänglichkeit schmerzlich erfüllte. So war ihm endlich, mitten aus dem feindlichen Lager heraus, ein Geist begegnet, der ihm bis auf diese Höhe nachsteigen konnte”.

an Körner 1796 “gegen Goethe bin und bleib’ ich eben ein poetischer Lump”.

Goethes Sternbild erblaßte in dem Maaße auch in Schillers Augen, in dem sein eigner Ruhm wuchs. Er wurde der Rival.

der typische Haß der Kranken gegen die Vollkommenen—z.B. Novalis gegen Wilhelm Meister, der das Buch odiös findet. “Mit Stroh und Läppchen ist der Garten der Poesie nachgemacht.” “Der Verstand darin ist wie ein naiver Teufel.” “Künstlerischer Atheismus ist der Geist des Buchs.”— Das zu einer Zeit, wo er für Tieck rasete, der damals gerade einen Schüler Jakob Böhmes abzugeben schien

16 [37]

Die Wirkung der Wagnerschen Kunst ist tief, sie ist vor allem schwer centnerschwer: woran liegt das? Zunächst gewiß nicht an der Wagnerschen Musik: man hält diese Musik sogar erst aus, wenn man bereits durch etwas Anderes überwältigt und gleichsam unfrei geworden ist. Dies Andere ist das Wagnersche Pathos, zu dem er sich seine Kunst bloß hinzuerfunden hat, es ist die ungeheure Überzeugungskraft dieses Pathos, sein Atemanhalten, sein Nichtmehrloslassenwollen eines extremen Gefühls, es ist die erschreckende Länge dieses Pathos, mit dem Wagner siegt und siegen wird, so daß er uns zuletzt selbst noch zu seiner Musik überredet ... Ob man mit einem solchen Pathos ein “Genie” ist? Oder auch nur sein kann? Wenn man unter Genie eines Künstlers die höchste Freiheit unter dem Gesetz, die göttliche Leichtigkeit, Leichtfertigkeit im Schwersten versteht, so hat Offenbach (Edm[ond] Audran) noch mehr Anrecht auf den Namen “Genie” als Wagner.



Wagner ist schwer, schwerfällig: nichts ist ihm fremder als Augenblicke übermüthigster Vollkommenheit,  wie  sie  dieser  Hanswurst  Offenbach  fünf,  sechs  Mal  fast  in  jeder  seiner  bouffon[n]eries erreicht.— Aber vielleicht darf man unter Genie etwas Anderes verstehen.— Eine andere Frage, auf die ich ebenfalls erst [zu] antworten gedenke: ob Wagner, gerade mit einem solchen Pathos, deutsch ist? ein Deutscher ist? ... Oder nicht vielmehr die Ausnahme der Ausnahmen? ... Wagner ist schwer, centnerschwer, folglich kein Genie? ...

16 [38]

Wagner vor allen Dingen tüchtig zusammenstreichen, so daß drei Viertel übrig bleibt: vor allem sein recitativo, das den Geduldigsten zur Verzweiflung bringt ... Es ist ein bloßer Ehrgeiz Wagner’s, seine Werke als nothwendig bis ins Kleine und Einzelne zu lehren ... das Gegentheil ist wahr, es ist des Überflüßigen, Willkürlichen, Entbehrlichen viel zu viel ... Es fehlt ihm die Fähigkeit selbst der Nothwendigkeit: wie sollte er sie uns auferlegen können?

16 [39]

Bis zu welchem Grade die Unfähigkeit eines pöbelhaften Agitators der Menge geht, sich den Begriff “höhere Natur” klar zu machen, dafür giebt Buckle das beste Beispiel ab. [Vgl. Henry Thomas Buckle, Geschichte der Civilization in England. Deutsch von Arnold Ruge. 7. Aufl. Leipzig: Winter, 1881. Vol. 1. Vol. 2.] Die Meinung, welche er so leidenschaftlich bekämpft—daß “große Männer”, Einzelne, Fürsten, Staatsmänner, Genies, Feldherrn die Hebel und Ursachen aller großen Bewegungen sind—wird von ihm instinktiv dahin mißverstanden, als ob mit ihr behauptet würde, das Wesentliche und Werthvolle an einem solchen “höheren Menschen” liege eben in der Fähigkeit, Massen in Bewegung zu setzen, kurz in ihrer Wirkung ... Aber die “höhere Natur” des großen Mannes liegt im Anderssein, in der Unmittheilbarkeit, in der Rangdistanz—nicht in irgend welchen Wirkungen: und ob er auch den Erdball erschütterte. —

16 [40]

[Vgl. Charles Féré, Dégénéréscence et criminalité. Essai physiologique. Paris: Alcan, 1888.]

Aesthet[ica]

Grundeinsicht: was ist schön und hässlich.

Nichts ist bedingter, sagen wir bornirter als unser Gefühl des Schönen. Wer es losgelöst denken wollte von der Lust des Menschen am Menschen, verlöre sofort Grund und Boden unter den Füßen. Im Schönen bewundert sich der Mensch als Typus: in extremen Fällen betet er sich selbst an. Es gehört zum Wesen eines Typus, daß er nur an seinem Anblick glücklich wird,—daß er sich und nur sich bejaht. Der Mensch, wie sehr er auch die Welt mit Schönheiten überhäuft sieht, er hat sie immer nur mit seiner eignen “Schönheit” überhäuft: das heißt, er hält Alles für schön, was ihn an das Vollkommenheits-Gefühl erinnert, mit dem er als Mensch zwischen allen Dingen steht. Ob er wirklich damit die Welt verschönert hat? ... Und sollte zuletzt in den Augen eines höheren Geschmacksrichters der Mensch vielleicht gar nicht schön sein? ... Ich will nicht hiermit sagen unwürdig, aber ein wenig komisch? ..

* * *

2

— Oh Dionysos, Göttlicher, warum ziehst Du mich an den Ohren? Ich finde eine Art Humor in deinen Ohren, Ariadne: warum sind sie nicht noch länger? ...

* * *

[3.]

“Nichts ist schön: nur der Mensch ist schön” Auf dieser Naivetät ruht alle unsere Aesthetik: sie sei deren erste “Wahrheit”.

Fügen wir die complementäre “Wahrheit” sofort hinzu, sie ist nicht weniger naiv: daß nichts häßlich ist als der mißrathene Mensch.

Wo der Mensch am Häßlichen leidet, leidet er am Abortiren seines Typus; und wo er auch am Entferntesten an ein solches Abortiren erinnert wird, da setzt er das Prädikat “häßlich” an. Der Mensch hat die Welt mit Häßlichem überhäuft: das will sagen immer nur mit seiner eignen Häßlichkeit ... Hat er die Welt wirklich dadurch verhäßlicht? ...

* * *

[4.]

Alles Häßliche schwächt und betrübt den Menschen: es erinnert ihn an Verfall, Gefahr, Ohnmacht. Man kann den Eindruck des Häßlichen mit dem Dynamometer messen. Wo er niedergedrückt wird, da wirkt irgend ein Häßliches. Das Gefühl der Macht, der Wille zur Macht—das wächst mit dem Schönen, das fällt mit dem Häßlichen.

* * *

[5.]

Im Instinkt und Gedächtniß ist ein ungeheures Material aufgehäuft: wir haben tausenderlei Zeichen, an denen sich uns die Degenerescenz des Typus verräth. Wo an Erschöpfung, Müdigkeit, Schwere, Alter, oder an Unfreiheit, Krampf, Zersetzung, Fäulniß auch nur angespielt wird, da redet sofort unser unterstes Werthurtheil: da haßt der Mensch das Häßliche ..

Was er da haßt, es ist immer der Niedergang seines Typus. In diesem Haß besteht die ganze Philosophie der Kunst.

* * *

[6.]

Wenn meine Leser darüber zur Genüge eingeweiht sind, daß auch “der Gute” im großen Gesammt-Schauspiel des Lebens eine Form der Erschöpfung darstellt: so werden sie der Consequenz des Christenthums die Ehre geben, welche den Guten als den Häßlichen concipirte. Das Christenthum hatte damit Recht. —

An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit zu sagen: das Gute und das Schöne sind Eins: fügt er gar noch hinzu “auch das Wahre”, so soll man ihn prügeln. Die Wahrheit ist häßlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehn.

* * *

7.

Über das Verhältniß der Kunst zur Wahrheit bin ich am frühesten ernst geworden: und noch jetzt stehe ich mit einem heiligen Entsetzen vor diesem Zwiespalt. Mein erstes Buch [war] ihm geweiht; die Geburt der Tragödie glaubt an die Kunst auf dem Hintergrund eines anderen Glaubens: daß es nicht möglich ist mit der Wahrheit zu leben; daß der “Wille zur Wahrheit” bereits ein Symptom der Entartung ist ...

Ich stelle die absonderlich düstere und unangenehme Conception jenes Buches hier noch einmal hin. Sie hat den Vorrang vor anderen Pessimistischen Conceptionen, daß sie unmoralisch [ist]:—sie ist nicht wie diese von der Circe der Philosophen, von der Tugend, inspirirt. —

Die Kunst in derGeburt der Tragödie

— — —

16 [41]

Wagner ist ein capitales Faktum in der Geschichte des “europäischen Geistes” der “modernen Seele”: wie Heinrich Heine ein solches Faktum war. Wagner und Heine: die beiden größten Betrüger, mit denen Deutschland Europa beschenkt hat.

16 [42]

Ich habe mich von Wagner entfernt, als er seinen Rückzug zum deutschen Gott zur deutschen Kirche und zum deutschen Reich nahm: Andere hat er eben damit an sich gezogen.

16 [43]

NB

Anfang der Vorrede

 

Der Goldmacher ist der einzige wahre Wohlthäter der Menschheit.

Daß man Werthe umwerthet, daß man aus Wenigem Viel, aus Geringem Gold macht: die einzige Art Wohlthäter der Menschheit

es sind die einzigen Bereicherer

die Anderen sind bloß Wechsler

Denken wir einen extremen Fall: daß es etwas am meisten Gehaßtes, Verurtheiltes gäbe—und daß gerade das in Gold verwandelt werde: Das ist mein Fall ...

16 [44]

Ich bin mitunter beinahe neugierig danach, zu hören, wie ich bin. Meinen eigenen Gewohnheiten liegt diese Frage auf eine absurde Weise fern

Mein typisches Erlebniß (—man hat dergleichen — — —

In meinem Leben giebt es wirklich Überraschungen: das kommt daher, daß [ich] nicht gern mit dem, was möglich sein könnte, beschäftigt bin: Beweis, wie sehr ich in Gedanken lebe ... Ein Zufall brachte mir das vor einigen Tagen zu Bewußtsein: in mir fehlt der Begriff “Zukunft”, ich sehe vorwärts wie über eine glatte Fläche: kein Wunsch, kein Wünschchen selbst, kein Pläne-machen, kein Anders-haben-wollen. Vielmehr bloß das, was von jenem heiligen Epicureer uns verboten ist: die Sorge für den nächsten Tag, für Morgen ... das ist mein einziger Kunstgriff: ich weiß heute, was morgen geschehen soll.

naufragium feci: bene navigavi, — — — [Spruch von Zenon dem Stoiker (vgl. Arthur Schopenhauer, Sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt. Bd. 5: Parerga und Paralipomena: Kleine philosophische Schriften, Bd. 1. Leipzig: Brockhaus, 1874:216; Diogenes Laertius: Lives of the Famous Philosophers).]

16 [45]

das Klapperschlangen-Glück des großen Zauberers, dem die Unschuldigsten in den Rachen laufen ...

16 [46]

die Cultur-Cretins, die “Ewig-Weiblichen”, — — —

16 [47]

in Deutschland, wo der Vaporismus des Ideals nicht einen Einwand gegen einen Künstler begründet, sondern beinahe dessen Rechtfertigung (—er wird Schiller zu Gute gerechnet! ... und wenn man sagt Schiller und Goethe, meint man, der Erstere sei als Idealist der Höhere gewesen, der Ächte: dieser Attitüden-Held!

16 [48]

Was das hysterisch-heroische Weib betrifft, das Richard Wagner erfunden [und] in Musik gesetzt hat, ein Zwittergebilde zweideutigsten Geschmacks:

daß dieser Typus selbst in Deutschland nicht gänzlich degoutirt hat, hat darin seinen Grund wenn auch durchaus noch nicht sein Recht, daß bereits ein unvergleichlich größerer Dichter als Wagner, der edle Heinrich von Kleist, ihm daselbst die Fürsprache des Genies gegeben hatte. Ich bin fern davon, Wagner selbst hier abhängig von Kleist zu denken: Elsa, Senta, Isolde, Brünnhilde, Kundry sind vielmehr Kinder der französischen Romantik und haben ein — — —

16 [49]

Die Größe eines Musikers mißt sich nicht nach den schönen Gefühlen, die [er] erregt: das glauben die Weiber—sie mißt sich nach der Spannkraft seines Willens, nach der Sicherheit, mit der das Chaos seinem künstl[erischen] Befehl gehorcht und Form wird, nach [der] Nothwendigkeit, welche seine Hand in eine Abfolge von Formen legt. Die Größe eines Musikers—mit Einem Worte wird gemessen an seiner Fähigkeit zum großen Stil.

16 [50]

Ich suche mir ein Thier, das mir nach tanzt und ein ganz klein Bischen mich—liebt ...

16 [51]

Entwurf.

1.Die wahre und die scheinbare Welt.
2.Der Philosoph als Typus der décadence
3.Der religiöse Mensch als Typus der décadence
4.der gute Mensch als Typus der décadence
5.Die Gegenbewegung: die Kunst!
6.Das Heidnische in der Religion.
7.Die Wissenschaft gegen Philosophie.
8.Die Politiker gegen Priester—gegen die Herauslösung aus den Instinkten, das Unheimischwerden. (Volk, Vaterland, Weib—alle die concentrirenden Mächte gegen das “Unheimisch-sein”)
9.Kritik der Gegenwart: wohin gehört sie?
10.Der Nihilismus und sein Gegenstück: die Jünger der “Wiederkunft”
11.Der Wille zur Macht als Leben: Höhepunkt des historischen Selbstbewußtseins (letzteres bedingt die kranke Form der modernen Welt ...)
12.Der Wille zur Macht: als Disciplin.

16 [52]

Die décadents als Excremente der Gesellschaft betrachtet

nichts kann ungesünder sein als dieselben als Nahrungsmittel gebrauchen —

16 [53]

Theorie der Erschöpfung:

das Laster
die Geisteskranken (resp. die Artisten ...
die Verbrecher
die Anarchisten

das sind nicht die unterdrückten Rassen, sondern der Auswurf der bisherigen Gesellschaft aller Classen ...

Mit der Einsicht, daß alle unsere Stände durchdrungen sind von diesen Elementen, haben wir begriffen, daß die moderne Gesellschaft keine “Gesellschaft”, kein “Körper” ist, sondern ein krankes Conglomerat von Tschandala

— eine Gesellschaft, die die Kraft nicht mehr hat, zu exkretiren

In wiefern durch das Zusammenleben seit Jahrhunderten die Krankhaftigkeit vieltiefer geht:

die moderne Tugendü 
die moderne Geistigkeitýals Krankheitsformen
unsere Wissenschaftþ 

16 [54]

Der Irrthum ist der kostspieligste Luxus, den sich der Mensch gestatten kann; und wenn der Irrthum gar ein physiologischer Irrthum ist, dann wird er lebensgefährlich. Wofür hat folglich die Menschheit bisher am meisten gezahlt, am schlimmsten gebüßt? Für ihre “Wahrheiten”: denn dieselben waren allesammt Irrthumer in physiologicis ...

16 [55]

Physiologisch nachgerechnet, ist “Kritik der reinen Vernunft” bereits die Präexistenz-Form des Cretinismus: und das System Spinozas eine Phänomenologie der Schwindsucht

16 [56]

Mein Satz, in eine Formel gedrängt, die alterthümlich riecht, nach Christenthum, Scholastik und anderem Moschus: im Begriff “Gott als Geist” ist Gott als Vollkommenheit negirt ...

16 [57]

Das hat keine Kinder; kaum Sinne.

16 [58]

Für die Spinne ist die Spinne das vollkommenste Wesen; für den Metaphysiker ist Gott ein Metaphysiker: das heißt, er spinnt ...

16 [59]

Das Volk glaubt an apokryphe “Wahrheiten” —

16 [60]
[Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876:84, 85, 87, 95-97, 104.]

Weiber, Gold, Edelsteine, Tugend, Reinheit, Wissenschaft, einen guten Rath, kurz Alles, was nützlich und schön ist, darf man nehmen, woher es auch kommt.

* *

Für seinen Respekt vor seiner Mutter wird der Jünger erst seine irdische Hülle los: für seinen Respekt vor seinem Vater wird er jene noch subtilere Gestalt los, die ihn in der Luft umkleidet; für seinen Respekt vor seinem Lehrer wird er noch leichter, noch reiner und steigt empor zu der Wohnung Brahma’s.

* *

Daß er niemals im Schweigen des Waldes, oder am Rande klarer Quellen oder in der tiefen, tiefen Mitternacht das Gebet vernachlässige, dessen unendlicher Inhalt inbegriffen ist in der Einsilbe “Om”



Nachdem sie ihre theologischen Studien absolvirt haben, dürfen die jungen Brahmanen, die jungen Xchatria und Vaysia in die Kategorie der Familienväter eintreten. Der “Zweimalgeborene” soll dann seinen Stab nehmen und sich auf die Suche machen nach einem Weib aus seiner Kaste, die durch ihre Qualitäten glänzt und den Vorschriften Genüge thut.

Er hüte sich vor der Verbindung mit einem Weibe aus einer Familie, die nicht ihre religiöse Pflicht erfüllt, oder in der die Zahl der Töchter größer ist als die der Söhne oder in der einzelne Glieder Difformitäten, oder Schwindsucht, Dyspepsie, Hämorrhoiden und dergleichen haben.

Er fliehe diese Familie, wie groß auch ihre Macht, ihr Name, ihr Reichthum sei.

Er suche eine Frau schön von Gestalt, deren Name sich angenehm ausspricht, mit dem Schritte eines jungen Elephanten, mit seidenweichem Haar, sanfter Stimme und kleinen regelmäßigen Zähnen; eine solche, deren Leib wie mit leichtem duvet bedeckt ist

Ein schönes Weib macht die Freude eines Hauses, hält die Liebe ihres Gatten fest und bringt ihm wohlgestaltete Kinder

Er hüte sich ein Mädchen zu heirathen, das keinen Bruder hat oder dessen Vater man nicht kennt.

Für einen Brahmanen, der sich mit einer Sudra (aus der Dienstboten-Rasse) verbindet und von ihr einen Sohn hat, giebt es auf Erden keine Art Sühnung.

16 [61]

Wilhelm von Humbold[t], der edle Flachkopf

16 [62]

“Jeder und Alle in ewiger Erneuung und Zerstreuung sich selbst zerstören.”
Göthe.
[Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, West-östlicher Divan. In: Goethe's sämmtliche Werke in vierzig Bänden. Bd. 4. Stuttgart; Augsburg; Tübingen: J. G. Cotta, 1853:?.]

16 [63]

Es wird den Freunden des Philosophen Friedrich Nietzsche von Werth sein, zu hören, daß letzten Winter der geistreiche Däne Dr. Georg Brandes einen längeren Cyklus von Vorlesungen an der Kopenhagener Universität diesem Philosophen gewidmet hat. Der Redner, dessen Meisterschaft im Darlegen schwieriger Gedankenkomplexe nicht erst sich zu beweisen hatte, wußte eine Zuhörerschaft von mehr als 300 Personen für die neue und verwegene Denkweise des deutschen Philosophen lebhaft zu interessiren: so daß die Vorlesungen in eine glänzende Ovation zu Ehren des Redners und seines Themas ausliefen.

16 [64]

Wir Immoralisten
Unter Künstlern
Kritik der Freigeisterei
Der Skeptiker redet
.

16 [65]

Die Meistersinger verherrlichen D[eutschland]’s Genie, das nichts gelernt hat: ausgenommen was es von den Vöglein gelernt hat—das Genie begriffen als “die edele [—]”, überdies “Ritter” ...

16 [66]

Zur Vorrede.

Was allein kann uns wiederherstellen? Der Anblick des Vollkommenen: ich lasse das Auge trunken herumschweifen: haben wir’s nicht herrlich weit gebracht?

16 [67]

Wagner’s Stil hat auch seine Jünger angesteckt: das Deutsch der Wagnerianer ist der verblümteste Unsinn, der seit dem Schellingschen geschrieben worden ist. Wagner selbst gehört als Stilist noch in jene Bewegung, gegen die Schopenhauer seinen Zorn ausgelassen hat:—und der Humor kommt auf die Spitze, wenn er sich als “Retter der deutschen Sprache” gegen die Juden aufspielt.— Um den Geschmack dieser Jünger zu zeichnen, gestatte ich mir ein einziges Beispiel. Der König von Bayern, der ein bekannter Päderast war, sagte einmal zu Wagner: also Sie mögen die Weiber auch nicht? sie sind so langweilig ... Nohl (der Verfasser eines in sechs Sprachen übersetzten “Leben Wagners”) findet diese Meinung “jugendlich umfangen” [Vgl. Musiker-Biographien. Fünfter Band. Wagner. Von Ludwig Nohl. Leipzig: Reclam, [1883]: 70; s. 20. Juni 1888 Brief an Heinrich Köselitz: "In der Bibliothek des Hôtels [Hotel Edelweiss, Sils-Maria] fand ich ein Leben Wagner's von Nohl [Karl Friedrich Ludwig Nohl (1831-1885)]: das in einem kostbaren Stil abgefaßt ist."]

16 [68]

Ein Kritiker
der modernen Seele
.

16 [69]

Wie kommt es zuletzt, daß Parsifal einen Sohn hat, den berühmten Lohengrin? Sollte das der erste Fall der immacolata — — —

16 [70]

Worum es sich handelt?
das religiöse Mißverständniß.
das moralische Mißverständniß.
das philosophische Mißverständniß.
das aesthetische Mißverständniß.

16 [71]

  Die Herkunft der Werthe.
[I] Die erfundene Welt
die erfundene Welt½Philosophie als décadence
 ½Gedanken über das Christenthum
   
II½Die Realitäten hinter der Moral.
die wahre Welt½
½
Zur Physiologie der Kunst.
Warum Wahrheit?
III Kritik der Modernität.
  Die ewige Wiederkunft.
Aus der siebenten Einsamkeit.

16 [72]

1.Gegensatz der Werthe: Pessimismus, Nihilismus, Scepsis
  
2.Kritik der Philosophie
3.Kritik der Religion
4.Kritik der Moral.
  
5.Die erfundene Welt
6.Warum Wahrheit?
7.Zur Physiologle der Kunst.
  
8.Problem der Modernität.
9.Die ewige Wiederkunft.
10.Aus der siebenten Einsamkeit.

16 [73]

Zur Physiologie der Kunst

Das Problem des Sokrates

Moral:Zähmung oder ZüchtungDie Realitäten hinter der Moral.
der Kampf mit den Passionen und deren Vergeistigung.
Naturalismus der Moral und Entnatürlichung.
 
Zeit und Zeitgenossen.
 
Aus der siebenten Einsamkeit.
Warum Wahrheit?
Der Wille zur Wahrheit.
Psychologie der Philosophen
Vom Willen zur Wahrheit.
 
Civilisation und Cultur: ein Ant[a]go[n]ismus.

16 [74]

X—schmerzhaft-nachdenklich

1.Bizet’s Musik—der Philosophironisch
2.Süden, Heiterkeit, mau[rischer] Tanz Liebefremd-interessant
3.der “Erlöser”—Schop[enhauer]ironisch
4.der “Ring”, Schopenhauer als Erlöser Wagnersfremd-interessant
5.der décadent—grimmig!grimmig!
6.scherzhaft “Ahnen” “Umwerfen” “Erheben”ironisch
7.“Hysterismus” “Stil” die kleinen Kostbarkeitenfremd-interessant
8.“niederwerfende Wirkung” “der Victor
Hugo der Sprache” “Talma”
“alla genovese”
lobend-rasch
9.“Handlung” “Edda” “ewiger Gehalt”
“Madame Bovary” “kein Kind”
ironisch
10.“Litteratur” “Idee” “Hegel” “deutscher
Jüngling”—was wir vermissen?
ironisch-fremd-
interessant
11.lobend, stark, thatsächlich “der Schauspieler”stark-huldigend
12.drei Formelngrimmig
 
zu 10) Wagner ist dunkel, verwickelt, siebenhäutig
 
8 das bleibt ernst selbst bei Wagners “Contrapunkt”

16 [75]

Hier sind zwei Formeln, aus denen ich das Phänomen Wagner’s begreife. Die eine heißt:

die Principien und Praktiken Wagner’s sind allesamt zurückführbar auf physiologische Nothstände: sie sind deren Ausdruck (“Hysterismus” als Musik)

Die andere heißt:

die schädliche Wirkung der W[agnerschen] Kunst beweist deren tiefe organische Gebrechlichkeit, deren Corruption. Das Vollkommene macht gesund; das Kranke macht krank. Die physiologischen Nothstände, in die Wagner seine Hörer versetzt (unregelmäßiges Athmen, Störung des Blutumlaufs, extreme Irritabilität mit plötzlichem Coma) enthalten eine Widerlegung seiner Kunst

Mit diesen zwei Formeln ist nur die Folgerung jenes allgemeinen Satzes gezogen, der für mich das Fundament aller Aesthetik abgiebt: daß die aesthetischen Werthe auf biologischen Werthen ruhen, daß die aesthetischen Wohlgefühle biologische Wohlgefühle sind.

16 [76]

Fälle, wo man nicht die Leidenschaft, sondern die Peitschenschläge hört, welche Wagner mit beleidigender Grausamkeit an seinen armen Gaul Pegasus verschwendet

die Peitschenschläge, mit denen Wagner den armen Pegasus mißhandelt (2 Akt des Tristan

die Armut: wie ökonomisch er an Einfällen ist—eine geistreiche Armut: langweilig ...

es fehlen die Gedanken, ganz wie bei Viktor Hugo: alles ist Attitüde, — — —

16 [77]

1.der Schauspieler
2.die Verderbniß der Musik —
     die Musik von außen her am Bändchen
     geführt—“es bedeutet”—
     extreme Detail-Belebung
       Wechsel der Optik
 der “große Stil”—Niedergang, Verarmung der organisirenden Kräfte.
     — Mangel der Tonalität
     — Mangel der Eurhythmie (“Tanz”)
     — Unfähigkeit des Baus (“Drama”)
     — Mittel zum Tyrannisiren
 die “fixe Idee” (oder das Leitmotiv)
3.die Schädlichkeit der Musik
 das Wunder
 die Idiosynkrasie
4.Werth der Stoffe
     seine Bildung “Stil” “Hegelei”
5.Frankreich—Deutschland
6.Die Heraufkunft des histrio
7.der décadent: extr[eme] Irritabilität —
     Mangel an Tonalität
     Mangel an Eurhythmie
     Unfähigkeit zu bauen
     Übertreibung des Details
     Unruhe der Optik.
 Charakter-Instabilität: Wechsel der Person
     Mangel an Stolz
     Ausschweifung und Erschöpfung
 die Armut, geschickt verleugnet
     als Musik
     als “mythische Auslegung”
8.“Wie kann man seinen Geschmack an diesen décadent verlieren?”
 der Schauspieler
     Art der Wirkung. Geschichte der Wirkung.
     Musik als Theater-Rhetorik. V. Hugo
     der “Dramatiker”
9.der Schädliche:
1. physiologisch
2. intellektuell (die “Jünglinge”
3. Tendenz des “Mitleidens”
ü
ý
þ
irrationell
Wunder
Symbolik
10.die nihilistische Kunst:
     Schopenhauer’s Tendenz des Tragischen
11.Heraufkunft des Schauspielers
12.Drei Forderungen

16 [78]

Tristan und Isolde, wirklich mit erlebt, sind beinahe eine Ausschweifung.

Man kann in Wirklichkeit jungen Frauen nicht ernst genug diese Gewissens-Alternative stellen: aut Wagner aut liberi.

16 [79]

Wagner hat nie gehen gelernt. Er stürzt, er stolpert, er mißhandelt den armen Pegasus mit Peitschenschlägen. Lauter falsche Leidenschaft, lauter falscher Contrapunkt Wagner ist unfähig jedes Stils. —



künstlich, geleimt, falsch, Machwerk, Unthier, Pappe.

16 [80]

Der Fall Wagner.
Ein Musikanten-Problem
von
F. N.

Unter diesem Titel erscheint in meinem Verlage ein geniales Pamphlet gegen Wagner, das bei Freund und Feind auf das Lebhaftigste diskutirt werden wird. Herr Prof. Nietzsche, dem Jedermann zugestehen wird, der tiefste Kenner der Bay[reuther] Bewegung zu [sein], faßt hier das Werth-Problem, das jene Bewegung in sich schließt, an den Hörnern; er beweist, daß es Hörner hat. Die Widerlegung W[agners], welche diese Schrift giebt, ist nicht bloß eine aesthetische: sie ist vor allem eine physiologische. Nietzsche betrachtet Wagner als eine Krankheit, als eine öffentliche Gefahr.

16 [81]

Ich habe den Menschen das tiefste Buch gegeben, das sie besitzen, den Zarathustra; ein Buch, das so sehr auszeichnet, daß wenn Jemand sagen kann “ich habe sechs Sätze davon verstanden, das heißt erlebt” zu einer höheren Ordnung der Menschen gehört ... Aber wie man das büßen muß! abzahlen muß! es verdirbt beinahe den Charakter ... Die Kluft ist zu groß geworden...

16 [82]

die modernen Ideen als falsch.

“Freiheit”
“gleiche Rechte”
“Menschlichkeit”
“Mitleiden”
“das Genie”
    demokratisches Mißverständniß (als Folge des milieu, des Zeitgeistes)
    pessimistisches Mißverständniß (als verarmtes Leben, als Loslösung des “Willens”)
    das décadence-Mißverständniß (névros[e])
“das Volk”
“die Rasse”
“die Nation”
“Demokratie”
“Toleranz”
“das milieu”
“Utilitarismus”
“Civilisation”
“Weiber-Emancipation”
“Volks-Bildung”
“Fortschritt”
“Sociologie”

16 [83]

Die Necessität der falschen Werthe.

Man kann ein Urtheil widerlegen, indem man seine Bedingtheit nachweist: damit ist die Nothwendigkeit, es zu haben, nicht abgeschafft. Die falschen Werthe sind nicht durch Gründe auszurotten: so wenig wie eine krumme Optik im Auge eines Kranken. Man muß ihre Nothwendigkeit, dazusein, begreifen: sie sind eine Folge von Ursachen, die mit Gründen nichts zu thun haben

16 [84]

Wenn man “mit Chr[isto] und Mose” die natürliche Causalit[ät] aus der Welt schafft, bedarf man einer widernatürlichen: der ganze Rest von Muckerei folgt nunmehr.

16 [85]

Psychologie des Irrthums.

1) Verwechslung von Ursache und Wirkung
2) Verwechslung der Wahrheit mit der Wirkung des als wahr Geglaubten.
3) Verwechslung des Bewußtseins mit der Ursächlichkeit

Moral als Irrthum.
Religion als Irrthum.
Metaphysik als Irrthum.
Die modernen Ideen als Irrthümer.

16 [86]

Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwerthung aller Werthe.

I. Psychologie des Irrthums.
    1) Verwechslung von Ursache und Wirkung
    2) Verwechslung der Wahrheit mit dem als wahr Geglaubten
    3) Verwechslung des Bewußtseins mit der Ursächlichkeit
    4) Verwechslung der Logik mit dem Prinzip des Wirklichen

II. Die falschen Werthe.
1) Moral als falsch
2) Religion als falsch
3) Metaphysik als falsch
4) die modernen Ideen als falsch
ü
ý
þ
alle bedingt durch die vier Arten des Irrthums.

III. Das Kriterium der Wahrheit.
    1) der Wille zur Macht
    2) Symptomatologie des Niedergangs
    3) Zur Physiologie der Kunst
    4) zur Physiologie der Politik

IV. Kampf der falschen und der wahren Werthe.
    1) Nothwendigkeit einer doppelten Bewegung
    2) Nützlichkeit einer doppelten Bewegung
    3) die Schwachen
    4) die Starken.

16 Capitel: je 37 Seiten.— 16 Capitel: je 35 Seiten.

    Das Kriterium der Wahrheit.
Der Wille zur Macht, als Wille zum Leben—des aufsteigenden Lebens.
Die grossen Irrthümer als Folge der décadence.
Zur Physiologie der Kunst.
Symptomatologie des Niedergangs.

    Der Kampf der Werthe
Nützlichkeit einer doppelten Bewegung.
Nothwendigkeit derselben.
Die Schwachen.
Die Starken.

16 [87]

Man soll das Christenthum nicht mit jener Einen Wurzel verwechseln, an die es mit seinem Namen erinnert: die andern Wurzeln, aus denen es gewachsen ist, sind bei weitem mächtiger, wichtiger als sein Kern gewesen; es ist ein Mißbrauch ohne Gleichen, wenn solche schauerlichen Verfalls-Gebilde und Mißformen, die “christliche Kirche” “christlicher Glaube” “christliches Leben” heißen, sich mit jenem heiligen Namen abzeichnen. Was hat Chr[istus] verneint?— Alles, was heute christlich heißt.

16 [88]

Das Schlimmste ist, daß alles zu tief ins Herz einschneidet: fast jedes Jahr hat mir 3, 4 Dinge gebracht, an sich unerheblich, an denen ich beinahe zu Grunde gieng.

Nicht daß ich damit Jemandem Vorwürfe mache. Ge[sunde] M[enschen] haben einfach gar keinen Begriff davon, in welchem Fall sie Einen tödtlich verletzen und was ihn ein paar Monate krank macht.

16 [89]

Der moderne Künstler, in seiner Physiologie dem Hysterismus nächstverwandt, ist auch als Charakter auf diese Krankhaftigkeit hin abgezeichnet. Der Hysteriker ist falsch: er lügt aus Lust an der Lüge, er ist bewunderungswürdig in jeder Kunst der Verstellung—es sei denn, daß seine krankhafte Eitelkeit ihm einen Streich spielt. Diese Eitelkeit ist wie ein fortwährendes Fieber, welches Betäubungsmittel nöthig hat und vor keinem Selbstbetrug, vor keiner Farce zurückschreckt, die eine augenblickliche Linderung verspricht. Unfähigkeit zum Stolz und beständig Rache für eine tief eingenistete Selbstverachtung nöthig zu haben—das ist beinahe die Definition dieser Art von Eitelkeit. Die absurde Erregbarkeit seines Systems, die aus allen Erlebnissen Krisen macht und “das Dramatische” in die geringsten Zufälle des Lebens einschleppt, nimmt ihm alles Berechenbare: er ist keine Person mehr, höchstens ein Rendezvous von Personen, von denen bald diese, bald jene mit unverschämter Sicherheit herausschießt. Eben darum ist er groß als Schauspieler: alle diese armen Willenlosen, welche die Ärzte in der Nähe studiren, setzen in Erstaunen durch ihre Virtuosität der Mimik, der Transfiguration, des Eintretens in fast jeden verlangten Charakter.

From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel