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The Will to Power
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Frühjahr 1888 15 [1-120]

15 [1]

Kritik der modernen Werthe.

Die liberalen Institut[ionen]
der Altruismus der Moral.
die Sociologie.
die Prostitution
die Ehe
der Verbrecher

15 [2]

Das “aufsteigende” Leben und das absteigende Leben: beide formuliren sich ihre obersten Bedürfnisse zu Werthtafeln.

Wie kommt es, daß die obersten Werthe, an die man glaubt, allesammt — — —

15 [3]

In allen Fällen, wo ein Kind ein Verbrechen sein würde: bei chronisch Kranken und Neurasthenikern dritten Grades, wo andererseits dem Geschlechtstrieb überhaupt ein Veto entgegenzusetzen bloß auf fromme Wünsche hinauslaufen würde (—dieser Trieb hat bei derartig Schlechtweggekommenen sogar oft eine widerliche Erregbarkeit) ist die Forderung zu stellen, daß die Zeugung verhindert wird. Die Gesellschaft kennt wenig dergestalt dringliche und grundsätzliche Forderungen. Hier genügt nicht nur die Verachtung, die gesellschaftliche Ehrlosigketis-Erklärung als Mittel, eine niederträchtige Schwächlichkeit des Charakters im Zaum zu halten: man dürfte, ohne Rücksicht auf Stand, Rang und Cultur, mit den härtesten Vermögensstrafen, unter Umständen mit dem Verlust der “Freiheit”, mit Clausur gegen derartige Verbrechen vorgehn. Ein Kind in die Welt setzen, in der man selbst kein Recht zu sein hat, ist schlimmer als ein Leben nehmen. Der Syphilitiker, der ein Kind macht, giebt die Ursache zu einer ganzen Kette verfehlter Leben ab, er schafft einen Einwand gegen das Leben, er ist ein Pessimist der That: wirklich wird durch ihn der Werth des Lebens aufs Unbestimmte hin verringert. —

15 [4]

Die Prostitution schafft man nicht ab; es giebt Gründe selbst zu wünschen, daß man sie nicht abschafft. Folglich—sollte man sie ennobliren:—ich hoffe man versteht dies Folglich? Woran hängt es aber, daß etwas verächtlich wird? Daran, daß es lange verachtet wurde. Man höre damit auf, die Huren zu verachten: dann werden sie keinen Grund mehr haben, sich zu verachten. Zuletzt steht es überall in diesem Punkte bereits besser als bei uns: die Prostitution ist in der ganzen Welt etwas Unschuldiges und Naives. Es giebt Culturen Asiens, wo sie sogar hohe Ehren genießt. Die Infamie liegt durchaus nicht in der Sache, sie ist erst durch die Widernatur des Christenthums hineingelegt jener Religion, welche selbst noch den Geschlechtstrieb beschmutzt hat! ... La fille canaille ist eine christliche Spezialität: Europa aber ist der Boden, der ihrem Wachsen günstig ist, und die Großstädte Europas die Stätten, wo deren Superlativ gedeiht ...— Problem: welche Bedingungen geben der Hauptstadt des neu-deutschen Reichs eine Überlegenheit in der Kunst, die Dirne zu encanailliren? ... Eine erlaubte Frage: aber man schämt sich, deutsch darauf zu antworten ...

15 [5]

[Vgl. Victor Brochard, Les Sceptiques Grecs. Par Victor Brochard, maître de conférences suppléant à l'Ecole Normale Supérieure. Ouvrage couronné par l'Académie des sciences et politiques. Paris: Imprimerie Nationale, 1887:75.]

Kritik der Philosophie.

In wiefern die Philosophie ein décadence-Phänomen ist:

Sokrates. Pyrrho.

Die Idiosynkrasie der Philosophen gegen die Sinne:
ihre “wahre Welt”
Was die Furcht vor den Sinnen und der Leidenschaft ist ...
Die Philosophen als Moralisten: sie untergraben den Naturalismus der Moral
Kritik der moralischen Besserung.
der Reue
der Philosophie des Mitleidens
Der Philosoph und die Überzeugung.
Wie die wahre Welt zur Fabel wurde.

Kritik der Kunst.

Kritik der Religion.

Religion.
Ihr Ursprung.Das gefährliche Mißverständniß
Zur Geschichte des Gottesbegriffs.
Heidenthum. Christenthum.
Das christliche Ideal
Das Gefährliche im Christenthum.
 

15 [6]

1.

Die Eruption der Kunst Wagners: sie bleibt unser letztes großes Ereigniß in der Kunst. Wie vulkanisch geht es überall seitdem zu! Sehr laut vor allem: man hat heute die Ohren nicht mehr wie ehemals, um zu verstehen! ... Man hat sie beinahe, um Nichts mehr zu verstehen! .. Wagner selbst vor Allem bleibt unverstanden. Er ist immer noch eine terra incognita. Man betet ihn einstweilen an. Will man auch ihn verstehen? Der typische Wagnerianer, ein in jedem Betreff viereckiges Wesen, glaubt an Wagner: ersichtlich auch an einen viereckigen Wagner .. aber Wagner war Alles Andere als viereckig: Wagner war “Wagnerisch”. Ich habe mich gefragt, ob überhaupt schon Jemand dagewesen ist, modern, morbid, vielfach und krumm genug, um als vorbereitet für das Problem Wagner zu gelten? Höchstens in Frankreich: Ch. Baudelaire z.B. Vielleicht auch die Gebrüder Goncourt. Die Verfasser der “Faustine” würden sicherlich Einiges an Wagner errathen .. aber es fehlte ihnen die Musik im Leibe.— [Vgl. Edmond Huot de Goncourt, La Faustin. Paris: Charpentier, 1882.] Hat man begriffen, daß die Musiker allesammt keine Psychologen sind? Das Hier-Nicht-wissen-wollen gehört bei ihnen zum Handwerk, sagen wir, zum Genie ihres Handwerks ... sie würden sich nicht mehr trauen, wenn sie sich verstünden ... Man sagt nicht umsonst den Begriffen und den Worten Valete: man will ins Unbewußte .. Daraus folgt etwas Betrübendes: entweder ist Jemand Musiker: und dann versteht er die Herren Musiker nicht (sich selbst eingerechnet)—wohl aber die Musik. Oder aber er ist Psycholog: und dann versteht er wahrscheinlich die Musik nicht genug und folglich auch nicht die Herren Musiker ... Das ist die Antinomie. Und deshalb giebt es über Beethoven so gut wie über Wagner den Musiker bisher nur Geschwätz. —

2.

Glücklicher Weise ist Wagner nur zu einem Bruchtheil Musiker gewesen: der ganze Wagner war etwas anderes als ein Musiker und sogar eher noch dessen Gegensatz. In ihm haben die Deutschen das außerordentlichste Schauspiel- und Theater-Genie geschenkt bekommen, das es bisher gegeben hat. Man versteht nichts von Wagner, wenn man ihn nicht von dieser Seite aus versteht. Ob Wagner gerade mit diesen Instinkten deutsch war? .. Aber das Gegentheil liegt auf der Hand. Die Deutschen bekommen ihre großen Männer als Ausnahme und Gegensatz selbst zu ihrer Regel: Beethoven, Goethe, Bismarck, Wagner—unsere vier letzten großen Männer—: man kann aus ihnen zusammen auf das Strengste deduziren, was von Grund aus nicht deutsch, undeutsch, antideutsch ist ...

3.

Wagner war so wenig Musiker, daß er alle musikalischen Gesetze und bestimmter geredet, den Stil überhaupt in der Musik geopfert hat, um aus ihr eine Art Rhetorik, ein Mittel des Ausdrucks, der Verstärkung, der Suggestion, des Psychologisch-Pittoresken zu machen. Wagner’s Musik, nicht von der Theater-Optik und -Massivität aus abgeschätzt, sondern als Musik an sich, ist einfach schlechte Musik, Unmusik: ich habe keinen Menschen kennen gelernt, der das nicht wußte. Die Naiven glauben ihm etwas zu Ehren zu sagen, wenn sie dekretiren: Wagner habe den dramatischen Stil der Musik geschaffen. Dieser “dramatische Stil” ist, ohne umschweife geredet, die Stil-losigkeit, Stil-widrigkeit, Stil-Impotenz zum Prinzip gemacht: dramatische Musik, so verstanden, ist nur ein Synonym für die “schlechteste aller möglichen Musiken” ... Man thut Wagner unrecht, wenn man aus ihm einen Musiker machen will.

4.

Die Musik Wagners als solche ist unerträglich: man braucht das Drama, zur Erlösung von dieser Musik. Und dann versteht man mit Einem Mal die Magie, welche noch mit einer gleichsam zerschnittenen und elementarisch gemachten Kunst ausgeübt werden kann! Wagner hat ein beinahe unheimliches Bewußtsein von allem Elementarischen in der Wirkung der Musik: man darf ihn ohne Übertreiben den größten Meister der Hypnotisirung, selbst noch für unser Zeitalter der Hühner und Zauberer, nennen. Er bewegt sich, er sucht, er streicht, er macht Gebärden:—er wird verstanden ... die Weiblein sind bereits kalt ... Wagner rechnet nie als Musiker von irgend einem Musiker-Gewissen aus: er will eine Wirkung, er rechnet aus der Optik des Theaters ... Nichts ist ihm gegensätzlicher als die monologische heimliche Göttlichkeit der Musik Beethovens, das Selbsterklingen der Einsamkeit, die Scham noch im Lautwerden ... Wagner ist unbedenklich, wie Schiller unbedenklich war, wie alle Theatermenschen unbedenklich sind: unter Umständen braucht er den Glauben des Zuhörers, eben eine solche andere Musik zu hören—er macht sie. Es scheint uns, daß er sie macht: wir Unthiere selbst werden betrogen ... Hinterdrein begreifen wir gut genug, daß wir betrogen sind: aber was geht einen Theater-Künstler das “Hinterdrein” an! ... Er hat den Augenblick für sich: Wagner überredet unbedingt. “Es giebt nirgendswo ächten Contrapunkt bei Wagner”—so spricht das Hinterdrein. Aber wozu auch! wir sind im Theater, und es genügt zu glauben, daß es ihn giebt ...

5.

Die Wirkung der Wagnerischen Kunst ist tief, sie ist vor allem schwer: woran liegt das? Zunächst nicht, wie angedeutet, an der Musik: man hielte diese Musik nicht einmal aus, wenn man nicht bereits durch etwas Anderes überwältigt und gleichsam unfrei geworden wäre. Das Andere ist das Wagnerische Pathos, zu dem er sich seine Musik nur hinzuerfunden hat. Es ist die ungeheure Überzeugungskraft dieses Pathos, sein Athemanhalten, sein Nicht-Mehr-loslassenwollen eines extremen Gefühls, es ist die erschreckende Länge dieses Pathos, mit der Wagner über uns siegt und immer siegen wird:—so daß er uns zuletzt noch gar zu seiner Musik überredet ... Ob man mit einem solchen Pathos ein Genie ist? Oder auch nur sein kann? ... Man hat bisweilen unter Genie eines Künstlers seine höchste Freiheit unter dem Gesetz, seine göttliche Leichtigkeit, Leichtfertigkeit im Schwersten verstanden. Dürfte man sagen: “Wagner ist schwer, centnerschwer: folglich—kein Genie?” Aber vielleicht hat man ein Unrecht, die leichten Füße zum Typ des Gottes zu machen.— Eine andere Frage, auf die eine bestimmtere Antwort auf der Hand liegt, ist die: ob Wagner gerade mit einem solchen Pathos deutsch ist? ein Deutscher ist? Nie und nimmermehr! Vielmehr eine Ausnahme aller Ausnahmen ..!

6.

Die Sensibilität Wagners ist nicht deutsch: um so deutscher ist seine Art Geist und Geistigkeit. Ich weiß es sehr gut, warum es deutschen Jünglingen auf eine unvergleichliche Weise wohl bei ihm zu Muthe wurde, inmitten der Wagnerischen Tiefe, Vielheit, Fülle, Willkür, Ungewißheit im Geistigen: damit sind sie bei sich selbst zu Hause! Sie hören mit Entzücken, wie die großen Symbole und Räthsel aus ungeheurer Ferne her mit sanftem Donner laut werden. Sie werden nicht ungehalten, wenn es bisweilen grau, gräßlich und kalt hergeht: sind sie doch sammt und sonders verwandt mit dem schlechten Wetter, dem deutschen Wetter! ... Sie vermissen nicht, was wir Anderen vermissen: Witz, Feuer, Anmuth; die große Logik; die übermüthige Geistigkeit; das halkyonische Glück; den glänzenden Himmel mit seinen Sternbildern und Lichtschaudern ..

7.

Die Sensibilität Wagner’s gehört nicht nach Deutschland: man trifft sie wieder unter den Nächstverwandten Wagner’s, den französischen Romantikern. Die Leidenschaft, so wie sie Wagner versteht, ist jedenfalls das Gegenstück der “Freigeisterei der Leidenschaft”, mit Schiller zu reden, der deutsch-romantischen Sensibilität. Schiller ist ebenso deutsch als Wagner Franzose. Seine Helden, seine Rienzi, Tannhäuser, Lohengrin, Tristan, Parsival—das hat Blut im Leibe, kein Zweifel—, und gewiß kein deutsches Blut! Und wenn sie lieben, diese Helden—werden sie deutsche Mädchen lieben? ... Ich zweifle daran: aber noch mehr bezweifle ich, daß sie gerade Wagnerische Heldinnen lieben würden: was ein armes Volk ist und ein Präparat zu allerlei neurotisch-hypnotisch-erotischen Experimenten Pariser Psychologen! Hat man wohl schon bemerkt, daß keine je ein Kind gebar?— Sie können’s nicht! ...

8.

Man will es heute noch am Wenigsten Wort haben, wie viel Wagner Frankreich verdankt, wie sehr er selbst nach Paris gehört. Der Ehrgeiz großen Stils bei einem Künstler—selbst der ist noch französisch an Wagner ... Und die große Oper! Und der Wettlauf mit Meyerbeer! Und sogar mit Meyerbeerschen Mitteln! Was ist daran deutsch? ... Zuletzt erwägen wir doch das Entscheidende: was charakterisirt die Wagnersche Künstlerschaft? der Histrionismus, das in-Scene-Setzen, die Kunst der étalage, der Wille zur Wirkung um der W[irkung] willen, das Genie des Vortragens, Vorstellens, Nachmachens, Darstellens, Bedeutens, Scheinens: ist das in irgend einem Genre eine deutsche Art Begabung? ... Wir haben an dieser Stelle wir wissen es zu gut! bisher unsere Schwäche gehabt—und wir wollen uns keinen Stolz aus dieser Schwäche zurechtmachen! ... Aber es ist das Genie Frankreichs! ...

15 [7]

Die Romantik

Der Naturalism

15 [8]

 

Fortschritt.

VI

Daß wir uns nicht täuschen! Die Zeit läuft vorwärts,—wir möchten glauben, daß auch Alles, was in ihr ist, vorwärts läuft ... daß die Entwicklung eine Vorwärts-Entwicklung ist ... Das ist der Augenschein, von dem die Besonnensten verführt werden: aber das neunzehnte Jahrhundert ist kein Fortschritt gegen das sechszehnte: und der deutsche Geist von 1888 ist ein Rückschritt gegen den deutschen Geist von 1788 ... Die “Menschheit” avancirt nicht, sie existirt nicht einmal ... Der Gesamtaspekt ist der einer ungeheuren Experimentir-Werkstätte, wo Einiges gelingt, zerstreut durch alle Zeiten, und Unsägliches mißräth, wo alle Ordnung, Logik, Verbindung und Verbindlichkeit fehlt ... Wie dürften wir verkennen, daß die Heraufkunft des Christenthums eine décadence-Bewegung ist? ... Daß die deutsche Reformation eine Recrudescenz der christlichen Barbarei ist? ... Daß die Revolution den Instinkt zur großen Organisation, die Möglichkeit einer Gesellschaft zerstört hat? ... Der Mensch ist kein Fortschritt gegen das Thier: der Cultur-Zärtling ist eine Mißgeburt im Vergleich zum Araber und Corsen; der Chinese ist ein wohlgerathener Typus, nämlich dauerfähiger als der Europäer ...

15 [9]

[Vgl. Edmond and Jules Huot de Goncourt, Journal des Goncourt. Mémoires de la vie littéraire. Vol. 1: 1851-1861. Paris: Charpentier, 1887.]

Jesus: Dostoiewsky

Ich kenne nur Einen Psychologen, der in der Welt gelebt hat, wo das Christenthum möglich ist, wo ein Christus jeden Augenblick entstehen kann .. Das ist Dostoiewsky. Er hat Christus errathen:—und instinktiv ist er vor allem behütet geblieben diesen Typus sich mit der Vulgarität Renans vorzustellen ... Und in Paris glaubt man, daß Renan an zu vielen finesses leidet! ... Aber kann man ärger fehlgreifen, als wenn man aus Christus, der ein Idiot war, ein Genie macht? Wenn man aus Christus, der den Gegensatz eines heroischen Gefühls darstellt, einen Helden herauslügt?

15 [10]

Was ist tragisch.

Ich habe zu wiederholten Malen den Finger auf das große Mißverständniß des Aristoteles gelegt, als er in zwei deprimirenden Affekten, im Schrecken und im Mitleiden, die tragischen Affekte zu erkennen glaubte. Hätte er Recht, so wäre die Tragödie eine lebensgefährliche Kunst: man müßte vor ihr wie vor etwas Gemeinschädlichem und Anrüchigem warnen. Die Kunst, sonst das große Stimulans des Lebens, ein Rausch am Leben, ein Wille zum Leben, würde hier, im Dienste einer Abwärtsbewegung, gleichsam als Dienerin des Pessimismus, gesundheitsschädlich. (Denn daß man durch Erregung dieser Affekte sich von ihnen “purgirt”, wie Aristoteles zu glauben scheint, ist einfach nicht wahr) Etwas, was habituell Schrecken oder Mitleid erregt, desorganisirt, schwächt, entmuthigt:—und gesetzt, Schopenhauer behielte Recht, daß man der Tragödie die Resignation zu entnehmen habe d.h. eine sanfte Verzichtleistung auf Glück, auf Hoffnung, auf Willen zum Leben, so wäre hiermit eine Kunst concipirt, in der die Kunst sich selbst verneint. Tragödie bedeutete dann einen Auflösungs-prozeß, die Instinkte des Lebens sich im Instinkt der Kunst selbst zerstörend. Christenthum, Nihilismus, tragische Kunst, physiologische décadence: das hielte sich an den Händen, das käme zur selben Stunde zum Übergewicht, das triebe sich gegenseitig vorwärts—abwärts! ... Tragödie wäre ein Symptom des Verfalls.

Man kann diese Theorie in der kaltblütigsten Weise widerlegen: nämlich indem man vermöge des Dynamometers die Wirkung einer tragischen Emotion mißt. Und man bekommt als Ergebniß, was psychologisch zuletzt nur die absolute Verlogenheit eines Systematikers verkennen kann—: daß die Tragödie ein tonicum ist. Wenn Schopenhauer hier nicht begreifen wollte, wenn er die Gesammt-Depression als tragischen Zustand ansetzt, wenn er den Griechen (—die zu seinem Verdruß nicht “resignirten” ...) zu verstehen gab, sie hätten sich nicht auf der Höhe der Weltanschauung befunden: so ist das parti pris, Logik des Systems, Falschmünzerei des Systematikers: eine jener schlimmen Falschmünzereien welche Sch[openhauern] Schritt für Schritt seine ganze Psychologie verdorben hat (: er, der das Genie, die Kunst selbst, die Moral, die heidnische Religion, die Schönheit, die Erkenntniß und ungefähr Alles willkürlich-gewaltsam mißverstanden hat

Aristote[les]

Aristoteles wollte die Tragödie als Purgativ von Mitleid und Schrecken betrachtet wissen,—als eine nützliche Entladung von zwei unmäßig aufgestauten krankhaften Affekten ...

Die anderen Affekte wirken tonisch: aber nur zwei depressive Affekte—und diese sind folglich besonders nachtheilige und ungesunde—das Mitleiden und der Schrecken sollten nach Aristoteles durch die Tragödie wie durch ein Purgativ aus dem Menschen hinausgeschafft werden: die Tragödie indem sie diese gefährlichen Zustände im Übermaß erregt, erlöst den Menschen davon—macht ihn besser. Die Tragödie als eine Cur gegen das Mitleid.

15 [11]

Sie sind heute der einzige Musiker, der mir Musik nach meinem Herzen macht: billigerweise kommt Ihnen Alles zu, was ich gegen die heutige Musik auf dem Herzen habe?

Der Geschmack an der Musik Wagners compromittirt. Ich sage das als einer, der sich ausnimmt,—ich habe mich compromittirt.

15 [12]

Zur Kritik Wagners.

Die Musik Wagners ist antigoethisch.
In der That fehlt Goethe in der deutschen Musik, wie er in der deutschen Politik fehlt. Dagegen: wie viel Schiller, genauer geredet wie viel Thekla ist in Beethoven!
Viel Biedermännerei, viel Salbung:
Wagner hat keine Gedanken, ganz wie V. Hugo: aber er weiß mit einem Zeichen an Stelle eines Gedankens uns dermaaßen zu terrorisiren — — —
ich suche die Ursachen für die extreme Erschöpfung, welche Wagners Kunst mit sich bringt
die veränderliche Optik:
der physiologische Widerstand:
Athem
Gang
die beständige Übertreibung:
die tyrannische Hinterabsicht:
die Reizung der morbiden Nerven und
der Centren durch terroristische Mittel:
sein Zeit-Sinn

15 [13]

Eine Vorrede

Ich habe das Glück und sei’s die Ehre selbst noch mit, nach ganzen Jahrtausenden der Verirrung und Verwirrung, den Weg wiedergefunden zu haben, der zu einem Ja und einem Nein führt.

Ich lehre das Nein [zu] Allem, was schwach macht—was erschöpft.

Ich lehre das Ja zu Allem, was stärkt, was Kraft aufspeichert, was den Stolz — — —

Man hat weder das Eine noch das Andre bisher gelehrt: man hat Tugend, Entselbstung, Mitleiden, man hat selbst Verneinung des Lebens gelehrt ... Dies sind alles Werthe der Erschöpften

Ein langes Nachdenken über die Physiologie der Erschöpfung zwang mich zu der Frage, wie weit die Urtheile Erschöpfter in die Welt der Werthe eingedrungen seien.

Mein Ergebniß war so überraschend wie möglich, selbst für mich, der in mancher fremden Welt schon zu Hause war: ich fand alle obersten Werthurtheile, alle, die Herr geworden sind über die Menschheit, mindestens zahm gewordene Menschheit, zurückführbar auf die Urtheile Erschöpfter.

Ich habe erst nöthig zu lehren, daß das Verbrechen, das Coelibat, die Krankheit Folgen der Erschöpfung sind ...

Unter den heiligsten Namen zog ich die zerstörerischen Tendenzen heraus; man hat Gott genannt, was schwächt, Schwäche lehrt, Schwäche inficirt ... ich fand, daß der “gute Mensch” eine Selbstbejahungs-Form der décadence ist.

Jene Tugend, von der noch Schopenhauer gelehrt hat, daß sie die oberste, die einzige und das Fundament aller Tugenden sei: eben jenes Mitleiden erkannte [ich] als gefährlicher als irgend ein Laster. Die Auswahl in der Gattung, ihre Reinigung vom Abfall grundsätzlich kreuzen—das hieß bisher Tugend par excellence ...

Die Rasse ist verdorben—nicht durch ihre Laster, sondern ihre Ignoranz: sie ist verdorben, weil sie die Erschöpfung nicht als Erschöpfung verstand: die physiologischen Verwechslungen sind die Ursache alles Übels [weil] ihr Instinkt durch die Erschöpften verleitet wurde, ihr Best[es] zu verbergen und das Schwergewicht zu verlieren ... Hinunter stürzen—das Leben verneinen—das sollte auch als Aufgang, als Verklärung, als Vergöttlichung empfunden werden

Die Tugend ist unser großes Mißverständniß.

Problem: wie kamen die Erschöpften dazu, die Gesetze der Werthe zu machen?

Anders gefragt: wie kamen die zur Macht, die die Letzten sind? ... Erkenne die Geschichte! Wie kommt der Instinkt des Thieres Mensch auf den Kopf zu stehn? ...

Ich wünsche, den Begriff “Fortschritt” zu präcisiren und fürchte, daß ich dazu nöthig habe den modernen Ideen ins Gesicht zu schlagen (—mein Trost ist, daß sie keine Gesichter haben, sondern nur Larven ...

Man soll kranke Glieder amputiren: erste Moral der Gesellschaft.

Eine Correktur der Instinkte: ihre Loslösung von der Ignoranz ...

Ich verachte die, welche es von der Gesellschaft verlangen daß sie sich sicher stellt gegen ihre Schädiger. Das ist bei weitem nicht genug. Die Gesellschaft ist ein Leib an dem kein Glied krank sein darf, wenn er nicht überhaupt Gefahr laufen will: ein krankes Glied, das verdirbt, muß amputirt werden: ich werde die amputablen Typen der Gesellschaft bei Namen nennen ...

Man soll das Verhängniß in Ehren halten: das Verhängniß, das zum Schwachen sagt: geh zu Grunde ...

Man hat es Gott genannt, daß man dem Verhängniß widerstrebte,—daß man die Menschheit verdarb und verfaulen machte ... Man soll den Namen Gottes nicht unnützlich führen ...

Wir haben fast alle psychologischen Begriffe, an denen die bisherige Geschichte der Psychologie—was heißt der Philosophie!—hing, annullirt wir leugnen, daß es Willen giebt (gar nicht zu reden vom “freien Willen”)
wir leugnen Bewußtsein, wie als Einheit und Vermögen

wir leugnen, daß gedacht wird (: denn es fehlt uns das was denkt und insgleichen das was gedacht wird

wir leugnen, daß zwischen den Gedanken eine reale Causalität besteht wie sie die Logik glaubt



Meine Schrift wendet sich gegen alle natürlichen Typen der décadence: ich habe die Phänomene des Nihilismus am umfänglichsten durchdacht

d.h. der geborene Vernichter — — —

15 [14]

[Vgl. Edmond and Jules Huot de Goncourt, Journal des Goncourt. Mémoires de la vie littéraire. Vol. 1: 1851-1861. Paris: Charpentier, 1887.]

Vergeben Sie mir! Das ist Alles das alte Spiel von 1830. Wagner hat an die Liebe geglaubt, wie alle Romantiker dieses tollen und zuchtlosen Jahrzehnds. Was blieb davon zurück? Diese unsinnige Vergötterung der Liebe, und, nebenbei, auch der Ausschweifung und selbst des Verbrechens—wie falsch scheint uns das heute! Wie verbraucht vor Allem, wie überflüssig! Wir sind strenger geworden, härter, ungeduldiger gegen solche Vulgär-Psychologie, welche sich gar noch damit “idealistisch” glaubte,—wir sind cynisch selbst gegen diese Verlogenheit und Romantik des “schönen Gefühls” —

15 [15]

Man muß nur zurückgeblieben (oder zurückgegangen) sein, um heute noch an die Probleme Wagner’s zu glauben! Gar nicht zu reden von Wagnerischen Weibern!

Das ist alles krankhaftes Volk, mit all seiner prahlerischen Muskulatur ... Haben Sie bemerkt, daß keine je ein Kind gebiert? ... Sie können’s nicht ... Und wenn es eine Ausnahme giebt, wozu greift Wagner, um die Ausnahme glaublich zu machen? ... Sie wissen es — — an diesem Punkt allein hat Wagner die alte Sage corrigirt ...

Oder halten Sie die Wagnerschen Helden aus? alle diese Unmöglichen, wie er sie auf die Scene gestellt und in Musik gesetzt hat? Mit Muskeln aus Vorzeiten und mit Nerven von Übermorgen? heroisch zugleich und—nervös! Jeder Physiologe sagt dazu: das ist falsch!

Freilich—er hat sich dadurch die alten und die jungen Frauen bei Seite gebracht: das liebt solche Helden,—das liebt vielleicht auch das Unmögliche ...

Das liebt jedenfalls die blonden Heiligen, den Typus Parsifal,—Alles, worin es präexistente Sinnlichkeit giebt ... Wie viel zarte Neugierde inspirirt doch solch ein Fall! Wie viel Entgegenkommen erlaubt er! ... Kurz Beaumarchais machte den Frauen seinen Cherubin zum Geschenk, Wagner—seinen Parsifal .. der Klügere —

15 [16]

Wagner als Vorbild.
Wagner als Gefahr.
Wagner und die Juden
Wagners “Weib”: er kennt nur das hysterische Frauenzimmer. Warum gerade hier die Illusion immer unmöglicher wird?
Wagner und die dramatische Form
Wagners Verhältniß zu Frankreich—“europäisch”
Wagners Verhältniß zu Christenthum und Cultur:
—der Romantiker und der Nihilist—
typische Verwandlung, mit dem normalen schließlichen Zurückkehren zum Christenthum.

15 [17]

Christenthum ...
absolute Bestimmtheit des Nein ...

Daß ich Wagner seinen Parsifal aus einem anderen Grunde nicht verzeihe, wissen Sie. Das ist eine Frage der Redlichkeit—und wenn Sie wollen der Rangordnung. Man gehört hierher, man gehört dort, je nachdem.

Wer mir in seinem Verhältniß zum Christenthum heute zweideutig wird, dem gebe ich nicht erst den letzten Finger meiner zwei Hände. Hier giebt es nur Eine Rechtschaffenheit: ein unbedingtes Nein, ein Nein des Willens und der That ... Wer zeigt mir noch etwas Widerlegteres, etwas von allen höheren Werthgefühlen so endgültig Gerichtetes als das Christenthum? In ihm die Verführung als Verführung erkannt zu haben, in ihm die große Gefahr, den Weg zum Nichts, der sich als Weg zur Gottheit zu geben wußte—diese ewigen Werthe als Verleumder-Werthe erkannt zu haben—was anders macht unseren Stolz, unsere Auszeichnung vor zwei Jahrtausenden aus? ...

15 [18]

Philosoph

Ernst.

* *

Und aller großer Ernst—ist er nicht selbst schon Krankheit? Und eine erste Verhäßlichung?

Der Sinn für das Häßliche erwacht zu gleicher Zeit, wo der Ernst erwacht; man deformirt bereits die Dinge, wenn man sie ernst nimmt ...

Man nehme das Weib ernst: wie häßlich wird alsbald das schönste Weib! ...

* *

Es ist schwer, hier ernst zu bleiben. Inmitten dieser Probleme wird man nicht zum Leichenbitter ... Die Tugend in Sonderheit hat Gebärden am Leibe, daß man dyspeptisch sein muß, um trotzdem seine Würde aufrecht zu erhalten.

* *

Lachen—das ist ungefähr, wenn nicht die klügste, so doch die weiseste Antwort auf solche Fragen ...

15 [19]

Christenthum

Man hat bisher das Christenthum immer auf eine falsche und nicht bloß schüchterne Weise angegriffen. So lange man nicht die Moral des Christenthums als Capital-Verbrechen am Leben empfindet, haben dessen Vertheidiger gutes Spiel. Die Frage der bloßen “Wahrheit” des Christenthums, sei es in Hinsicht auf die Existenz seines Gottes, oder die Geschichtlichkeit seiner Entstehungs-Legende, gar nicht zu reden von der christlichen Astronomie und Naturwissenschaft—ist eine ganz nebensächliche Angelegenheit, solange die Werthfrage der christlichen Moral nicht berührt ist. Taugt die Moral des Christenthums etwas oder ist sie eine Schändung und Schmach trotz aller Heiligkeit der Verführungskünste? Es giebt Schlupfwinkel jeder Art für das Problem von der Wahrheit; und die Gläubigsten können zuletzt sich der Logik der Ungläubigsten bedienen, um sich ein Recht zu schaffen, gewisse Dinge als unwiderlegbar zu affirmiren—nämlich als jenseits der Mittel aller Widerlegung (—dieser Kunstgriff heißt sich heute “Kantischer Kriticismus” —

15 [20]

Zum Plan.

1.Die wahre und die scheinbare Welt. 
2.ìDie Philosophen als Typen der décadence
3.íDie Religion als Ausdruck der décadence
4.îDie Moral als Ausdruck der décadence
5.Die Gegenbewegungen: warum sie unterlegen sind.
6.Wohin gehört unsere moderne Welt, in die Erschöpfung oder in den Aufgang?—ihre Vielheit und Unruhe bedingt durch die höchste Form des Bewußtwerdens
7.Der Wille zur Macht: Bewußtwerden des Willens zum Leben ...
8.Die Heilkunst der Zukunft.
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70 Seiten

 
 

Zu 1) “wahre und scheinbare Welt”

1)ein solches Nebeneinanderstellen degradirt die “scheinbare Welt”
2)nochmals überlegt: es wäre nicht nothwendig, daß damit die scheinbare Welt degradirt würde.

15 [21]

Keuschheit.

VII

Im Falle der indischen Priester ist nicht nur die allen Priestern eignende Rancune gegen die Sinnlichkeit in Betracht zu ziehen (—darin nämlich stimmen sie überein: sie nehmen so die Sinnlichkeit als persönlichen Feind.) Das Wesentliche ist, daß nur eine extreme Rigorosität in dieser Hinsicht das Fundament aller Ordnung, die sie geschaffen haben, aufrecht erhält, den Begriff der Kaste, die Distanz der Kasten, die Reinheit der Kasten ...

Sie verlangen die Ehe, mit aller Strenge, sie sind, ähnlich wie die Chinesen, am entgegengesetzten Ende der europäischen Schlaffheit:—sie halten es für eine religiöse Pflicht, einen Sohn zu haben, sie machen das persönliche Heil im Jenseits davon abhängig, daß man einen Sohn hat. Man kann nicht genug Werth auf eine solche Gesinnung legen, eine um hundert Grad würdigere und ernsthaftere Gesinnung, als sie z.B. das Christenthum hat. In letzterem kommt die Ehe als coitus in Betracht und nicht weiter—als eine Concession an die menschliche Schwachheit und als pis aller der Hurerei.

15 [22]

Mit dieser schlechtesten aller möglichen schlechten Musik, mit dieser von Takt zu Takt vorwärts abenteuernden Unruhe und Unform, welche Leidenschaft bedeuten will und in Wahrheit die niedrigste Stufe der aesthetischen Verrohung ist, habe ich kein Erbarmen: hier muß man ein Ende machen.

15 [23]

Renaissance und Reformation

Was beweist die Renaissance? Daß das Reich des “Individuums” nur kurz sein kann. Die Verschwendung ist zu groß; es fehlt die Möglichkeit selbst, zu sammeln, zu capitalisiren, und die Erschöpfung folgt auf dem Fuße. Es sind Zeiten, wo Alles verthan wird, wo die Kraft selbst verthan wird, mit der man sammelt, capitalisirt, Reichthum auf Reichthum häuft ... Selbst die Gegner solcher Bewegungen sind zu einer unsinnigen Kraft-Vergeudung gezwungen; auch sie werden alsbald erschöpft, ausgebraucht, öde.

Wir haben in der Reformation ein wüstes und pöbelhaftes Gegenstück zur Renaissance Italiens, verwandten Antrieben entsprungen, nur daß diese im zurückgebliebenen, gemeingebliebenen Norden sich religiös verkleiden mußten,—dort hatte sich der Begriff des höheren Lebens von dem des religiösen Lebens noch nicht abgelöst.

Auch mit der Reformation will das Individuum zur Freiheit; “jeder sein eigner Priester” ist auch nur eine Formel der Libertinage. In Wahrheit genügte Ein Wort—“evangelische Freiheit”—und alle Instinkte, die Grund hatten, im Verborgenen zu bleiben, brachen wie wilde Hunde heraus, die brutalsten Bedürfnisse bekamen mit Einem Male den Muth zu sich, Alles schien gerechtfertigt ... Man hütete sich zu begreifen, welche Freiheit man im Grunde gemeint hatte, man schloß die Augen vor sich ... Aber daß man die Augen zumachte und die Lippen mit schwärmerischen Reden netzte, hinderte nicht, daß die Hände zugriffen wo etwas zu greifen war, daß der Bauch der Gott des “freien Evangeliums” wurde, daß alle Rache- und Neidgelüste sich in unersättlicher Wuth befriedigten ... Dies dauerte eine Weile: dann kam die Erschöpfung, ganz so wie sie im Süden Europas gekommen war; und auch hier wieder eine gemeine Art der Erschöpfung, ein allgemeines ruere in servitium ... Es kam das unanständige Jahrhundert Deutschlands ...

15 [24]

Eine Vergleichung des indischen Gesetzbuches mit dem christlichen ist nicht zu umgehen; es giebt kein besseres Mittel, um sich das Unreife und Dilettantische in der ganzen christlichen Tentative zu Gemüthe zu führen.

15 [25]
[vgl.: Frühjahr 1888 14 [132]]

IX

Wenn durch Übung in einer ganzen Reihe von Geschlechtern die Moral gleichsam einmagazinirt worden ist—also die Feinheit, die Vorsicht, die Tapferkeit, die Billigkeit—so strahlt die Gesammtkraft dieser aufgehäuften Tugend selbst noch in die Sphäre aus, wo die Rechtschaffenheit am seltensten, in die geistige Sphäre.

In allem Bewußtwerden drückt sich ein Unbehagen des Organismus aus: es soll etwas Neues versucht werden, es ist nichts genügend zurecht dafür, es giebt Mühsal, Spannung, Überreiz—das alles ist eben Bewußtwerden ... Das Genie sitzt im Instinkt; die Güte ebenfalls. Man handelt nur vollkommen, sofern man instinktiv handelt. Auch moralisch betrachtet, ist alles Denken, das bewußt verläuft, eine bloße Tentative, zumeist das Widerspiel der Moral. Die wissenschaftliche Rechtschaffenheit ist immer ausgehängt, wenn der Denker anfängt zu räsonniren: man mache die Probe, man lege die Weisesten auf die Goldwage, indem man sie Moral reden macht ...

Das läßt sich beweisen, daß alles Denken, das bewußt verläuft, auch einen viel niedrigeren Grad von Moralität darstellen wird, als das Denken desselben, so fern es von seinen Instinkten geführt wird.

Nichts ist seltener unter den Philosophen als intellektuelle Rechtschaffenheit: vielleicht sagen sie das Gegentheil, vielleicht glauben sie es selbst. Aber ihr ganzes Handwerk bringt es mit sich, daß sie nur gewisse Wahrheiten zulassen; sie wissen, was sie beweisen müssen, sie erkennen sich beinahe daran als Philosophen, daß sie über diese “Wahrheiten” einig sind. Da sind z.B. die moralischen Wahrheiten. Aber der Glaube an Moral ist noch kein Beweis von Moralität: es giebt Fälle—und der Fall der Philosophen gehört hierher, wo ein solcher Glaube einfach eine Unmoralität ist.

15 [26]

Heute, wo in dem Weinberg des deutschen Geistes die Rhinoxera haust

15 [27]

an deren Busen die gelehrte Jugend heute die Milch der Wissenschaft trinkt, Professoren und andere höhere Ammen

15 [28]

Man hat zu allen Zeiten die “schönen Gefühle” für Argumente genommen, den “gehobenen Busen” für den Blasebalg der Gottheit, die Überzeugung als “Kriterium der Wahrheit”, das Bedürfniß des Gegners als Fragezeichen zur Weisheit: diese Falschheit, Falschmünzerei geht durch die ganze Geschichte der Philosophie. Die achtbaren, aber nur spärlichen Skeptiker abgerechnet, zeigt sich nirgends ein Instinkt von intellektueller Rechtschaffenheit. Zuletzt hat noch Kant in aller Unschuld diese Denker-Corruption mit dem Begriff “praktische Vernunft” zu verwissenschaftlichen gesucht: er erfand eigens eine Vernunft dafür, in welchen Fällen man sich nicht um die Vernunft zu kümmern [brauche]: nämlich wenn das Bedürfniß des Herzens, wenn die Moral, wenn die Pflicht redet

15 [29]

Décadence X

Zwei Typen der Moral sind nicht zu verwechseln: eine Moral, mit der sich der gesund gebliebene Instinkt gegen die beginnende décadence wehrt—und eine andere Moral, mit der eben diese décadence sich formulirt, rechtfertigt und selber abwärts führt ... Die erstere pflegt stoisch, hart, tyrannisch zu sein—der Stoicismus selbst war eine solche Hemmschuh-Moral—die andere ist schwärmerisch, sentimental, voller Geheimnisse, sie hat die Weiber und die “schönen Gefühle” für sich.

15 [30]

Décadence

Die Erlösung von aller Schuld.”

Man spricht von der “tiefen Ungerechtigkeit” des socialen Pakts: wie als ob die Thatsache, daß dieser unter günstigen, jener unter ungünstigen Verhältnissen geboren wird, von vornherein eine Ungerechtigkeit sei; oder gar schon, daß dieser mit diesen Eigenschaften, jener mit jenen geboren wird. Von Seiten der Aufrichtigsten unter diesen Gegnern der Gesellschaft wird dekretirt: “wir selber sind mit allen unseren schlechten, krankhaften, verbrecherischen Eigenschaften, die wir eingestehen, nur die unvermeidlichen Folgen einer seculären Unterdrückung der Schwachen durch die Starken”; sie schieben ihren Charakter den herrschenden Ständen in’s Gewissen. Und man droht, man zürnt, man verflucht; man wird tugendhaft vor Entrüstung—, man will nicht umsonst ein schlechter Mensch, eine canaille geworden sein ... Diese Attitüde, eine Erfindung unsrer letzten Jahrzehnte, heißt sich, soviel ich höre, auch Pessimismus, und zwar Entrüstungs-Pessimismus. Hier wird der Anspruch gemacht, die Geschichte zu richten, sie ihrer Fatalität zu entkleiden, eine Verantwortlichkeit hinter ihr, Schuldige in ihr zu finden. Denn darum handelt es sich: man braucht Schuldige. Die Schlechtweggekommenen, die décadents jeder Art sind in Revolte über sich und brauchen Opfer, um nicht an sich selbst ihren Vernichtungs-Durst zu löschen (—was an sich vielleicht die Vernunft für sich hätte). Dazu haben sie einen Schein von Recht nöthig, das heißt eine Theorie, auf welche hin sie die Thatsache ihrer Existenz, ihres So-und-so-seins auf irgend einen Sündenbock abwälzen können. Dieser Sündenbock kann Gott sein—es fehlt in Rußland nicht an solchen Atheisten aus ressentiment—oder die gesellschaftliche Ordnung, oder die Erziehung und der Unterricht, oder die Juden, oder die Vornehmen oder überhaupt Gutweggekommene irgend welcher Art. “Es ist ein Verbrechen, unter günstigen Bedingungen geboren zu werden: denn damit hat man die Anderen enterbt, bei Seite gedrückt, zum Laster, selbst zur Arbeit verdammt” ... “Was kann ich dafür, miserabel zu sein! Aber irgendwer muß etwas dafür können, sonst wäre es nicht auszuhalten!” ... Kurz, der Entrüstungs-Pessimismus erfindet Verantwortlichkeiten, um sich ein angenehmes Gefühl zu schaffen—die Rache ... “Süßer als Honig” nennt sie schon der alte Homer. —

2.

Daß eine solche Theorie nicht mehr Verständniß, will sagen Verachtung findet, das macht das Stück Christenthum, das uns Allen noch im Blute steckt: so daß wir tolerant gegen Dinge sind, bloß weil sie von fern etwas christlich riechen ... Die Socialisten appelliren an die christlichen Instinkte, das ist noch ihre feinste Klugheit ... Vom Christenthum her sind wir an den abergläubischen Begriff der “Seele” gewöhnt, an die “unsterbliche Seele”, an die Seelen-Monade, die eigentlich ganz wo anders zu Hause ist und nur zufällig in diese oder jene Umstände, ins “Irdische” gleichsam hineingefallen ist, “Fleisch” geworden ist: doch ohne daß ihr Wesen dadurch berührt, geschweige denn bedingt wäre. Die gesellschaftlichen, verwandtschaftlichen, historischen Verhältnisse sind für die Seele nur Gelegenheiten, Verlegenheiten vielleicht; jedenfalls ist sie nicht deren Werk. Mit dieser Vorstellung ist das Individuum transscendent gemacht; es darf auf sie hin sich eine unsinnige Wichtigkeit beilegen. In der That hat erst das Christenthum das Individuum herausgefordert, sich zum Richter über Alles und Jedes aufzuwerfen, der Größenwahn ist ihm beinahe zur Pflicht gemacht: es hat ja ewige Rechte gegen alles Zeitliche und Bedingte geltend zu machen! Was Staat! Was Gesellschaft! Was historische Gesetze! Was Physiologie! Hier redet ein Jenseits des Werdens, ein Unwandelbares in aller Historie, hier redet etwas unsterbliches, etwas Göttliches, eine Seele! Ein anderer christlicher nicht weniger verrückter Begriff hat sich noch weit tiefer ins Fleisch der Modernität vererbt: der Begriff von der Gleichheit der Seelen vor Gott. In ihm ist das Prototyp aller Theorien der gleichen Rechte gegeben: man hat die Menschheit den Satz von der Gleichheit erst religiös stammeln gelehrt, man hat ihr später eine Moral daraus gemacht: und was Wunder, daß der Mensch damit endet, ihn ernst zu nehmen, ihn praktisch zu nehmen! will sagen politisch, demokratisch, socialistisch, entrüstungs-pessimistisch ...

Überall, wo Verantwortlichkeiten gesucht worden sind, ist es der Instinkt der Rache gewesen, der da suchte. Dieser Instinkt der Rache wurde in Jahrtausenden dermaßen über die Menschheit Herr, daß die ganze Metaphysik, Psychologie, Geschichtsvorstellung, vor Allem aber die Moral mit ihm abgezeichnet worden ist. So weit auch nur der Mensch gedacht hat, so weit hat er den Bacillus der Rache in die Dinge geschleppt. Er hat Gott selbst damit krank gemacht, er hat das Dasein überhaupt um seine Unschuld gebracht: nämlich dadurch, daß er jedes So-und-So-sein auf Willen, auf Absichten, auf Akte der Verantwortlichkeit zurückführte. Die ganze Lehre vom Willen, diese verhängnißvollste Fälschung in der bisherigen Psychologie, wurde wesentlich erfunden zum Zweck der Rache. Es war die gesellschaftliche Nützlichkeit der Strafe, die diesem Begriff seine Würde, seine Macht, seine Wahrheit verbürgte. Die Urheber der älteren Psychologie—der Willens-Psychologie—hat man in den Ständen zu suchen, welche das Strafrecht in den Händen hatten, voran in dem der Priester an der Spitze der ältesten Gemeinwesen: sie wollten sich ein Recht schaffen, Rache zu nehmen—oder sie wollten Gott ein Recht zur Rache schaffen. Zu diesem Zwecke wurde der Mensch “frei” gedacht; zu diesem Zwecke mußte jede Handlung als gewollt, mußte der Ursprung jeder Handlung als im Bewußtsein liegend gedacht werden. Allein in diesen Sätzen ist die alte Psychologie conservirt.— Heute, wo Europa in die umgekehrte Bewegung eingetreten scheint, wo wir Halkyonier zumal mit aller Kraft den Schuldbegriff und Strafbegriff aus der Welt wieder zurückzuziehen, herauszunehmen, auszulöschen suchen, wo unser größter Ernst darauf aus ist, die Psychologie, die Moral, die Geschichte, die Natur, die gesellschaftlichen Institutionen und Sanktionen, Gott selbst von diesem Schmutz zu reinigen—in wem müssen wir unsre natürlichsten Antagonisten sehen? Eben in jenen Aposteln der Rache und des Ressentiments, in jenen Entrüstungs-Pessimisten par excellence, welche eine Mission daraus machen, ihren Schmutz unter dem Namen “Entrüstung” zu heiligen ... Wir Anderen, die wir dem Werden seine Unschuld zurückzugewinnen wünschen, möchten die Missionare eines reinlicheren Gedankens sein; daß Niemand dem Menschen seine Eigenschaften gegeben hat, weder Gott, noch die Gesellschaft, noch seine Eltern und Vorfahren, noch er selbst,—daß Niemand schuld an ihm ist ... Es fehlt ein Wesen, das dafür verantwortlich gemacht werden könnte, daß Jemand überhaupt da ist, daß Jemand so und so ist, daß Jemand unter diesen Umständen, in dieser Umgebung geboren ist.— Es ist ein großes Labsal, daß solch ein Wesen fehlt ... Wir sind nicht das Resultat einer ewigen Absicht, eines Willens, eines Wunsches: mit uns wird nicht der Versuch gemacht, ein “Ideal von Vollkommenheit” oder ein “Ideal von Glück” oder ein “Ideal von Tugend” zu erreichen,—wir sind ebensowenig der Fehlgriff Gottes, vor dem ihm selber angst werden müßte (—mit welchem Gedanken bekanntlich das alte Testament beginnt). Es fehlt jeder Ort, jeder Zweck, jeder Sinn, wohin wir unser Sein, unser So-und-so-sein abwälzen könnten. Vor allem: Niemand könnte es: man kann das Ganze nicht richten, messen, vergleichen oder gar verneinen. Warum nicht?— Aus fünf Gründen, allesammt selbst, bescheidenen Intelligenzen zugänglich: zum Beispiel, weil es nichts giebt außer dem Ganzen.— Und nochmals gesagt, das ist ein großes Labsal, darin liegt die Unschuld alles Daseins.

15 [31]

XI

Grundeinsicht über das Wesen der décadence:

was man bisher als deren Ursachen angesehen hat, sind deren Folgen.

Damit verändert sich die ganze Perspektive der moralischen Probleme.

Laster:

Luxus:

Verbrechen:

selbst Krankheit:

: der ganze Moral-Kampf gegen Laster, Luxus usw. erscheint als Naivetät, als überflüssig ...:

: es giebt keine “Besserung”—gegen die Reue

Die décadence selbst ist nichts, was zu bekämpfen wäre: sie ist absolut nothwendig und jeder Zeit und jedem Volk eigen. Was mit aller Kraft zu bekämpfen, das ist die Einschleppung des Contagiums in die gesunden Theile des Organismus.

Thut man das? Man thut das Gegentheil.

Genau darum bemüht man sich seitens der Humanität

Wie verhalten sich zu dieser biologischen Grundfrage die bisherigen obersten Werthe?

1)Die Philosophie
 die Religion
 die Moral
 die Kunst
 usw.

die Kur: z.B. der Militarism, von Napoleon an, der in der Civilisation seine natürliche Feindin sah ...

15 [32]

Die Frage der décadence: zu begreifen, welche Phänomene zueinander gehören und hier ihren gemeinsamen Heerd haben

Anarchismus
Weibs-Emancipation
 
Abnahme der Defensiv-KräfteKrankheit, Seuchen usw.
Übergewicht des ressentimentder Entrüstungs-pessimismus
das Mitgefühl mit allem Leidendendas Mitleiden
der Mangel an Hemmungs-ApparatenLaster, Corruption (Kritik der Sinne, der Leidenschaften)
die Verhäßlichungdie Zunahme der Häßlichkeit (die Schönheit als erarbeitet
die “Toleranz”die Skepsis, die “Objektivität”
Übergewicht der Schwäche-Gefühledie Pessimisten (physiologisch décadents
die auflösenden Instinktedie liberalen Institutionen
Talent, mehrere Personen darzustellenHeuchelei, Schauspielerei: die Schwächung der Person
das “Umsonst”, die “Sinnlosigkeit”der Nihilismus.
übermäßige Reizbarkeit, die Weibs-Emancipationdie Hyperirritabilität “Musik”
der “Artist”
der “romancier”
Bedürfniß nach ReizmittelnLuxus als — — —
das Bedürfniß der narcotica, die Ausschweifung in Musik und Alkohol (auch Buch)
die Tyrannei des milieu

15 [33]

Die Philosophien.
Die Religionen.
Die Moralen.
Sterilität, Coelibat (Haß gegen die
Sinne: bei Schopenhauer z.B.

15 [34]

Die Philosophien des Pessimismus:
physiologisch décadents
z.B. Baudelaire
Schopenhauer
Leopardi:geschlechtliche Irrungen am Anfang,
Impotenz bei Zeiten als Folge

15 [35]

man hat den unwürdigen Versuch gemacht, in Wagner und Schopenhauer Typen der geistig-Gestörten zu sehen: eine ungleich wesentlichere Einsicht wäre gewonnen, den Typus der décadence, den beide darstellen, wissenschaftlich zu präcisiren.

15 [36]

Das gegenwärtige Deutschland, das mit Anspannung aller Kräfte arbeitet und eine Überladung und frühzeitiges Alter zu seinen normalen Folgen zählt, wird sich schon in 2 Generationen abzahlen mit einer tiefen Degenerescenz-Erscheinung ... Einstweilen constatiren wir nur die zunehmende Entgeistigung und Verpöbelung des Geschmacks—ein immer vulgäreres Erholungs-Bedürfniß: die späteren Zeiten werden die krankhaften Bedürfnisse im Vordergrunde finden, die Steigerung der Reizmittel, die alkoholischen und Musik-Opiate.

15 [37]

[Vgl. Charles Féré, Dégénéréscence et criminalité. Essai physiologique. Paris: Alcan, 1888:89. HAAB Exemplar.]

Féré p. 89.

XII

die Unfähigkeit zur fortgesetzten Arbeit

Folge excessiver Arbeit unter ungenügender Ernährung, namentlich einer immer tieferen und dauerhafte[ren] Erschöpfung, welche in der nächsten Generation morbide Erscheinungen zu Tage bringt

wir kennen auch eine hereditäre Überarbeitung: Hauptursache für die Degener[ation] einer Rasse,—damit wird sie immer unfähiger für produktive Anstrengungen

Die Faulheit, als Unfähigkeit zu anhaltender Anstrengung, der Degeneration zu eigen. Solche Individuen, die nicht nur Nahrung, sondern spezielle Reizmittel brauchen, um ihre niedergehende Lebenskraft zu steigern, wollen sich erhalten lassen durch die Arbeit Anderer. Sie bedienen sich dazu der List oder der Gewaltthat. (d.h. der einmaligen Anstrengung)

Dreiviertel der Degenerirten sind aus Dürftigkeit, die Hälfte sind ohne Arbeit. Aber die Dürftigkeit ist bereits eine Folge der Arbeits-Unfähigkeit, des typischen Müßiggangs des Degenerirten ...

— die einmalige Anstrengung: Symptom.

Faulheit, Armut, Verbrechen, Parasitismus,



Der Unterricht vermehrt die Bedürfnisse und die Begehrlichkeit, ohne die Mittel zu vermehren, sie zu befriedigen.

Mit dem obligator[ischen] Unterricht erschöpft man die Reserven einer Rasse.

die Criminalität ist dort am größten, wo die Erschöpfung am größten d.h. wo am unsinnigsten gearbeitet, in der Sphäre des Handels und der Industrie

Überarbeitung, Erschöpfung, Stimulirungs-Bedürfniß (Laster), Steigerung der Irritabilität und der Schwäche (so daß sie explosiv werden)



Die Mißstalteten, die Degenerirten, und Impotenten jeder Art haben eine Art Instinkt für einander: aus ihm wachsen die antisocialen Wesen

(weil ihre Eltern unfähig waren, sich an Gesellschaften anzupassen)

sie suchen, die Irren z.B.

in neuropathischen Familien giebt es eine degenerative Selection (Goethe “Wahlverwandtschaften”)

das Geschlecht aus dem Laster und dem Verbrechen geboren ist antisocial—auch das Dienstboten-Thier (eine leichte Arbeit und relat[ives] Wohlbefinden) bereitet antisociale Elemente vor (Huren, Diebe, Verbrecher jeder Art)

Der Trunk und die Ausschweifung steigern die Degenerescenz

Vermehrung der Krankheiten durch Verlangsamung der Ernährung

Neurose, Psychose und Recrudescenz der Criminalität

Das Unvermögen zum Kampf: das ist Degenerescenz

“man muß den Kampf abschaffen
die Kämpfenden zuerst!”

Der Mord und der Selbstmord gehören zusammen und folgen sich im Verhältniß der Lebensalter und der Jahreszeiten

der Pessimismus und der Selbstmord gehören zusammen

Bedürfniß nach Aufregungen und Reizen:

Luxus—einer der ersten Schritte der décadence. Die Reizung macht die Schwäche ...

Die Degenerirten fühlen eine Anziehungskraft von einem Regime, das ihnen schädlich ist, das den Gang der Degenerescenz beschleunigt (die Anämischen, die Hysterischen, die Diabetiker, die Dystrophyker)

15 [38]

Und, inmitten dieser décadence, die Kriege um das “Vaterland”, um diese lächerliche Nachgeburt des Patriotismus, welche, aus wirthschaftlichen Gründen, schon in hundert Jahren, eine Komödie sein wird ...

diese Austilgung der bestgerathenen Männer durch den Krieg —

15 [39]

XIII

Dem Wohlgerathenen, der meinem Herzen wohlthut, aus einem Holz geschnitzt, welches hart, zart und wohlriechend ist,—an dem selbst die Nase noch ihre Freude hat—sei dies Buch geweiht.

ihm schmeckt, was ihm zuträglich ist

sein Gefallen an etwas hört auf, wo das Maaß des Zuträglichen überschritten wird

er erräth die Heilmittel gegen partielle Schädigungen, er hat Krankheiten als große Stimulantia seines Lebens

er versteht seine schlimmen Zufälle auszunützen

er wird stärker, durch die Unglücksfälle, die ihn zu vernichten drohen

er sammelt instinktiv aus allem, was er sieht, hört, erlebt, zu Gunsten seiner Hauptsache—er folgt einem auswählenden Princip,—er läßt viel durchfallen

er reagirt mit der Langsamkeit, welche eine lange Vorsicht und ein gewollter Stolz angezüchtet haben,—er prüft den Reiz, woher er kommt, wohin er will, er unterwirft sich nicht

er ist immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder Landschaften verkehrt: er ehrt, indem er wählt, indem er zuläßt, indem er vertraut ...

15 [40]

[Vgl. Charles Féré, Dégénéréscence et criminalité. Essai physiologique. Paris: Alcan, 1888:95. HAAB Exemplar.]

Daß die Civilisation den physiologischen Niedergang einer Rasse nach sich zieht.

Der Bauer von den großen Städten aufgefressen: eine unnatürliche Überreizung des Kopfes und der Sinne. Die Ansprüche an ihr Nervensystem sind zu groß; Skropheln, Schwindsucht, Nervenkrankheiten, jedes neue Reizmittel steigert nur das rasche Verschwinden der Schwachen: die Epidemien raffen die Schwachen fort ...

Die Unproduktiven

die Faulheit ist eigen den Nervenschwachen, den Hysterischen, den Melancholikern, den Epileptikern, den Verbrechern

15 [41]

Nicht die Natur ist unmoralisch, wenn sie ohne Mitleid für die Degenerirten ist: das Wachsthum der physiologischen und moralischen Übel im menschlichen Geschlecht ist umgekehrt die Folge einer krankhaften und unnatürlichen Moral

die Sensibilität der Mehrzahl [der] Menschen ist krankhaft und unnatürlich

woran hängt es, daß die Menschheit corrupt ist in moralischer und physiologischer Beziehung?

Der Leib geht zu Grunde, wenn ein Organ alterirt ist ...

man kann nicht das Recht des Altruismus auf die Physiologie zurückführen

ebensowenig das Recht auf Hülfe, auf Gleichheit der Loose: das sind alles Prämien für die Degenerirten und Schlechtweggekommenen.

Es giebt keine Solidarität in einer Gesellschaft, wo es unfruchtbare, unproduktive und zerstörerische Elemente giebt, die übrigens noch entartetere Nachkommen haben werden als sie selbst.

15 [42]

 

Besserung

XIV

Kritik der heiligen Lüge.

Daß zu frommen Zwecken die Lüge erlaubt ist, das gehört zur Theorie aller Priesterschaften,—wie weit es zu ihrer Praxis gehört, soll der Gegenstand dieser Untersuchung sein.

Aber auch die Philosophen, sobald sie mit priesterlichen Hinterabsichten die Leitung der Menschen in die Hände zu nehmen beabsichtigen, haben sofort auch sich ein Recht zur Lügezurecht gemacht: Plato voran. Am großartigsten ist die doppelte durch die typisch-arischen Philosophen des Vedanta entwickelte: zwei Systeme, in allen Hauptpunkten widersprüchlich, aber aus Erziehungszwecken sich ablösend, ausfüllend, ergänzend. Die Lüge des Einen soll einen Zustand schaffen, in dem des anderen Wahrheit überhaupt hörbar wird ...

Wie weit geht die fromme Lüge der Priester und der Philosophen?— Man muß hier fragen, welche Voraussetzungen zur Erziehung sie haben, welche Dogmen sie erfinden müssen, um diesen Voraussetzungen genug zu thun?

Erstens: sie müssen die Macht, die Autorität, die unbedingte Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite haben
Zweitens: sie müssen den ganzen Naturverlauf in Händen haben, so daß alles, was den Einzelnen trifft, als bedingt durch ihr Gesetz erscheint

Drittens: sie müssen auch einen weiter reichenden Machtbereich haben, dessen Controle sich den Blicken ihrer Unterworfenen entzieht: das Strafmaaß für das Jenseits, das “Nach-dem-Tode”,—wie billig auch die Mittel, zur Seligkeit den Weg zu wissen

Sie haben den Begriff des natürlichen Verlaufs zu entfernen: da sie aber kluge und nachdenkliche Leute sind, so können sie eine Menge Wirkungen versprechen, natürlich als bedingt durch Gebete oder durch strikte Befolgung ihres Gesetzes ...

sie können insgleichen eine Menge Dinge verordnen, die absolut vernünftig sind,—nur daß sie nicht die Erfahrung, die Empirie als Quelle dieser Weisheit nennen dürfen, sondern eine Offenbarung, oder die Folge “härtester Bußübungen”

die heilige Lüge bezieht sich also principiell: auf den Zweck der Handlung (—der Naturzweck, die Vernunft wird unsichtbar gemacht, ein Moral-Zweck, eine Gesetzeserfüllung, eine Gottesdienstlichkeit erscheint als Zweck

: auf die Folge der Handlung (—die natürliche Folge wird als übernatürliche ausgelegt, und, um sicher zu wirken, es werden uncontrolirbare andre übernatürliche Folgen in Aussicht gestellt.

auf diese Weise wird ein Begriff von Gut und Böse geschaffen, der ganz und gar losgelöst von dem Naturbegriff “nützlich” “schädlich” lebenfördernd, “lebenvermindernd” erscheint—er kann, insofern ein andres Leben erdacht ist, sogar direkt feindselig dem Naturbegriff von Gut und Böse werden

auf diese Weise wird endlich das berühmte “Gewissen” geschaffen: eine innere Stimme, welche bei jeder Handlung nicht den Werth der Handlung an ihren Folgen mißt, sondern in Hinsicht auf die Absicht und Conformität dieser Absicht mit dem “Gesetz”

Die heilige Lüge hat also

einen strafenden und belohnenden Gott erfunden, der exakt das Gesetzbuch der Priester anerkennt und exakt sie als seine Mundstücke und Bevollmächtigten in die Welt schickt

ein Jenseits des Lebens, in dem die große Straf-Maschine erst wirksam gedacht wird,—zu diesem Zwecke die “Unsterblichkeit der Seele

das Gewissen im Menschen, als das Bewußtsein davon, daß Gut und Böse feststeht,—daß Gott selbst hier redet, wenn es die Conformität mit der priesterlichen Vorschrift anräth

die Moral als Leugnung alles natürlichen Verlaufs, als Reduktion alles Geschehens auf ein moralisch-bedingtes Geschehen, die Moralwirkung (d.h. die Straf- und Lohn-Idee) als die Welt durchgringend, als einzige Gewalt, als creator von allem Wechsel

die Wahrheit als gegeben, als geoffenbart, als zusammenfallend mit der Lehre der Priester: als Bedingung alles Heils und Glücks in diesem und jenem Leben

In summa: womit ist die moralische Besserung bezahlt?

Aushängung der Vernunft, Reduktion aller Motive auf Furcht und Hoffnung (Strafe und Lohn)

Abhängigkeit von einer priesterlichen Vormundschaft, von einer Formalien-Genauigkeit, welche den Anspruch macht, einen göttlichen Willen auszudrücken

die Einpflanzung eines “Gewissens”, welches ein falsches Wissen an Stelle der Prüfung und des Versuchs setzt

: wie als ob es bereits feststünde, was zu thun und was zu lassen wäre—eine Art Castration des suchenden und vorwärts strebenden Geistes

: in summa, die ärgste Verstümmelung des Menschen, die man sich vorstellen [kann], angeblich als “der gute Mensch”

In praxi ist die ganze Vernunft, die ganze Erbschaft von Klugheit, Feinheit, Vorsicht, welche die Voraussetzung des priesterlichen Kanons ist, willkürlich hinterdrein auf eine bloße Mechanik reduzirt

die Conformität mit dem Gesetz gilt bereits als Ziel, als oberstes Ziel,—das Leben hat keine Probleme mehr

die ganze Welt-Conception ist beschmutzt mit der Strafidee ...

das Leben selbst ist, mit Hinsicht darauf, das priesterliche Leben als das non plus ultra der Vollkommenheit darzustellen, in eine Verleumdung und Beschmutzung des Lebens umgedacht ...

der Begriff “Gott” stellt eine Abkehr vom Leben, eine Kritik, eine Verachtung selbst des Lebens dar ...

die Wahrheit ist umgedacht als die priesterliche Lüge, das Streben nach Wahrheit als Studium der Schrift, als Mittel, Theolog zu werden ...

15 [43]

Die Verführung der Menschheit unter dem Mantel der heiligsten Absicht

der verbrecherische Gebrauch, der bisher mit dem Worte “Wahrheit” getrieben worden ist

Ich habe eine schlimme und verhängnißvolle Geschichte zu erzählen, die Geschichte des längsten Verbrechens, der unseligsten Verführung, der überlegtesten Giftmischerei, das eigentlich schwarze Ereigniß der Menschheit, unter dessen Bann die tiefsten Instinkte des Lebens verketzert und in Frage gestellt worden sind ...

P[riester]: sie verwechseln Ursache und Wirkung

P[riester]: sie verwechseln die Ruhe als Stärke und die Ruhe als Ohnmacht

Sollte man glauben, daß es möglich wäre, über Ursache und Wirkung einen Irrthum zu verbreiten, so daß man die Wirkung als Ursache empfindet? Es scheint unmöglich: aber unter der Verführung der Moral ist es gelungen ...

Man hat zu allen Zeiten, seitens der Priester, den Verfall eines Geschlechts, eines Volks, als Strafe für seine Laster, für seine Ungläubigkeit und Freigeisterei, dargestellt man hat insgleichen Krankheit, Seuchen, Geisteskrankheiten als Folgen von Entfremdung vom Glauben dargestellt,

umgekehrt hat man langes Leben und Glück der Familie und Nachkommenschaft als Lohn für die Frömmigkeit und Gesetzes-Erfüllung in Aussicht gestellt

heute sagen wir umgekehrt: die Tüchtigkeit eines Menschen seine “Rechtschaffenheit” ist die Folge langer glücklicher Ehen und der Ausdruck einer vernünftigen Wahl der Zu-Paarenden,—dadurch können Kräfte aufsummirt werden ..., ein Ausdruck vom Glück der Vorfahren

Laster, Verbrechen, Krankhaftigkeit, Irrsinn, Libertinage auch die geistige, sind Folgen der décadence, Symptome derselben,—sie sind folglich unheilbar ...

Die Frömmigkeit der Familien verbürgt so wenig eine gesunde und glückliche Nachkommenschaft, daß gerade unter den frömmsten, hereditär frömmsten Familien im jetzigen Europa die geistigen Störungen, die Melancholie erblich sind ... Es ist der Ausdruck eines leidenden und bedrängten Typus, die Frömmigkeit so sehr nöthig zu haben, um das Leben zu ertragen: unsere Pietisten sind nicht aus Belieben Christen ...

15 [44]

Die Umkehrung der Rangordnung:

die frommen Falschmünzer, die Priester werden unter uns zu Tschandala:

— sie nehmen die Stellung der Charlatans, der Quacksalber, der Falschmünzer, der Zauberer ein: wir halten sie für Willens-Verderber, für die großen Verleumder und Rachsüchtigen des Lebens, für die Empörer unter den Schlechtweggekommenen

* *

Dagegen ist der Tschandala von Ehemals obenauf: voran die Gotteslästerer, die Immoralisten, die Freizügigen je, der Art, die Artisten, die Juden, die Spielleute—im Grunde alle verrufenen Menschenklassen —

— wir haben uns zu ehrenhaften Gedanken emporgehoben, mehr noch, wir bestimmen die Ehre auf Erden, die “Vornehmheit” ...

— wir Alle sind heute die Fürsprecher des Lebens

— wir Immoralisten sind heute die stärkste Macht: die großen anderen Mächte brauchen uns ... wir construiren die Welt nach unserem Bilde —

Wir haben den Begriff Tschandala auf die Priester, Jenseits-Lehrer und die mit ihnen verwachsene, die christliche Gesellschaft übertragen, hinzugenommen, was gleichen Ursprungs ist, die Pessimisten, Nihilisten, Mitleids-Romantiker, Verbrecher, Lasterhaften,—die gesammte Sphäre, wo der Begriff “Gott” als Heiland imaginirt wird ...

* *

Wir sind stolz darauf, keine Lügner mehr sein zu müssen, keine Verleumder, keine Verdächtiger des Lebens ...



NB. Selbst wenn man uns Gott bewiese, wir würden ihn nicht zu glauben wissen.

15 [45]

Zur Kritik des Manu-Gesetzbuchs. —

XV

Das ganze Buch ruht auf der heiligen Lüge:

— ist es das Wohl der Menschheit, welches dieses ganze System inspirirt hat? diese Art Mensch, welche an die Interessirtheit jeder Handlung glaubt, war sie interessirt oder nicht, dieses System durchzusetzen?

— die Menschheit zu verbessern—woher ist diese Absicht inspirirt? Woher ist der Begriff des Bessern genommen?

— wir finden eine Art Mensch, die priesterliche, die sich als Norm, als Spitze, als höchsten Ausdruck des Typus Mensch fühlt: von sich aus nimmt sie den Begriff des “Bessern”

— sie glaubt an ihre Überlegenheit, sie will sie auch in der That: die Ursache der heiligen Lüge ist der Wille zur Macht ...

* * *

Aufrichtung der Herrschaft: zu diesem Zwecke die Herrschaft von Begriffen, welche in der Priesterschaft ein non plus ultra von Macht ansetzen
die Macht durch die Lüge, in Einsicht darüber, daß man sie nicht physisch, militärisch, besitzt ...

die Lüge als Supplement der Macht,—ein neuer Begriff der “Wahrheit”

* *

Man irrt sich, wenn man hier unbewußte und naive Entwicklung voraussetzt, eine Art Selbstbetrug ... Die Fanatiker sind nicht die Erfinder solcher durchdachten Systeme der Unterdrückung ...

Hier hat die kaltblütigste Besonnenheit gearbeitet, dieselbe Art Besonnenheit, wie sie ein Plato hatte, als er sich seinen “Staat” ausdachte

“Man muß die Mittel wollen, wenn man das Ziel will”—über diese Politiker-Einsicht waren alle Gesetzgeber bei sich klar

* *

Wir haben das klassische Muster als spezifisch arisch: wir dürfen also die bestausgestattete und besonnenste Art Mensch verantwortlich machen für die grundsätzlichste Lüge, die je gemacht worden ist ... Man hat das nachgemacht, überall beinahe: der arische Einfluß hat alle Welt verdorben ...

15 [46]

Daß irgend Etwas geglaubt wird - - -

XVI

Der Irrthum und die Unwissenheit sind verhängnißvoll.

Die Behauptung, daß die Wahrheit da sei und daß es ein Ende habe mit der Unwissenheit und dem Irrthum, ist eine der größten Verführungen, die es giebt.

Gesetzt, sie wird geglaubt, so ist damit der Wille zur Prüfung, Forschung, Vorsicht, Versuchung, lahm gelegt: er kann selbst als frevelhaft, nämlich als Zweifel an der Wahrheit gelten ...

Die “Wahrheit” ist folglich verhängnißvoller als der Irrthum und die Unwissenheit, weil sie die Kräfte unterbindet, mit denen an der Aufklärung und Erkenntniß gearbeitet wird.

Der Affekt der Faulheit nimmt jetzt Partei für die “Wahrheit”;

— “Denken ist eine Noth, ein Elend!”

insgleichen die Ordnung, die Regel, das Glück des Besitzes, der Stolz der Weisheit—die Eitelkeit in summa

— es ist bequemer, zu gehorchen als zu prüfen ... es ist schmeichelhafter, zu denken “ich habe die Wahrheit” als um sich herum nur Dunkel zu sehn ...

— vor allem: es beruhigt, es giebt Vertrauen, es erleichtert das Leben—es “verbessert” den Charakter, insofern es das Mißtrauen verringert ...

“der Frieden der Seele”, “die Ruhe des Gewissens” alles Erfindungen, die nur unter der Voraussetzung möglich sind, daß die Wahrheit da ist ...

“An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen” ... Die “Wahrheit” ist Wahrheit, denn sie macht die Menschen besser ...

... der Prozeß setzt sich fort: alles Gute, allen Erfolg der “Wahrheit” auf’s Conto zu setzen ...

Das ist der Beweis der Kraft: das Glück, die Zufriedenheit, der Wohlstand des Gemeinwesens und des Einzelnen werden nunmehr als Folge des Glaubens an die Moral verstanden ...

— die Umkehrung: der schlimme Erfolg ist aus dem Mangel an Glauben abzuleiten —

15 [47]

Die Priester-Moral
Die Herren-Moral
Die Tschandala-Moral
Die Mittelstand-Moral (die “Heerdenthier-Moral”)

Philosophen Gelehrte Berufe
Künstler
Staatsmänner

15 [48]

Was ist die Falschmünzerei an der Moral?

XVII

Sie giebt vor, etwas zu wissen, nämlich was gut und böse sei.

Das heißt, wissen wollen, wozu der Mensch da ist, sein Ziel, seine Bestimmung zu kennen.

Das heißt wissen wollen, daß der Mensch ein Ziel, eine Bestimmung habe

15 [49]

Der Sieg über dieWahrheit”.

Was rückständig ist: der Vorrang der unmoralischen Werthe über die moralischen.

Dies zu beweisen: 1) die moralischen Werthe selbst sind nicht “moralisch”
a) weder der Herkunft nach
b) noch den Machtmitteln nach, mit denen sie sich durchsetzten

15 [50]

Kant, eine Begriffsmaschine, volles 18tes Jahrhundert, mit einem Souterrain von Theologen-Arglist und ein — — —

15 [51]

Nicht der Sieg der Wissenschaft ist das, was unser 19tes Jahrhundert auszeichnet, sondern der Sieg der wissenschaftlichen Methode über die Wissenschaft

15 [52]

XVIII

Wille zur Wahrheit.

Märtyrer

alles, was auf Ehrfurcht sich gründet, bedarf, um bekämpft zu werden, seitens der Angreifenden eine gewisse verwegene, rücksichtslose, selbst schamlose Gesinnung ... Erwägt man nun, daß die Menschheit seit Jahrtausenden nur Irrthümer als Wahrheiten geheiligt hat, daß sie selbst jede Kritik derselben als Zeichen der schlechten Gesinnung brandmarkte, so muß man mit Bedauern sich eingestehen, daß eine gute Anzahl Immoralitäten nöthig war, um die Initiative zum Angriff, will sagen zur Vernunft zu geben ... Daß diese Immoralisten sich selbst immer als “Märtyrer der Wahrheit” aufgespielt haben soll ihnen verziehen sein: die Wahrheit ist, daß nicht der Trieb zur Wahrheit, sondern die Auflösung, die frevelhafte Skepsis, die Lust des Abenteuers der Trieb war, aus dem sie negirten—Im anderen Falle sind es persönliche Rancunen, die sie ins Gebiet der Probleme treiben,—sie kämpfen gegen Probleme, um gegen Personen Recht zu behalten—Vor allem aber ist es die Rache, welche wissenschaftlich nutzbar geworden ist,—die Rache Unterdrückter, solcher, die durch die herrschenden Wahrheiten bei Seite gedrängt und selbst unterdrückt waren ...
Die Wahrheit, will sagen, die wissenschaftliche Methodik ist von solchen erfaßt und gefördert worden, die in ihr ein Werkzeug des Kampfes erriethen,—eine Waffe zur Vernichtung ... Um ihre Gegnerschaft zu Ehren zu bringen, brauchten sie im Übrigen einen Apparat nach Art derer, die sie angriffen:—sie affichirten den Begriff “Wahrheit” ganz so unbedingt, wie ihre Gegner,—sie wurden Fanatiker, zum Mindesten in der Attitüde, weil keine andere Attitüde ernst genommen wurde. Das Übrige that dann die Verfolgung, die Leidenschaft und Unsicherheit des Verfolgten,—der Haß wuchs und folglich nahm die Voraussetzung ab, um auf dem Boden der Wissenschaft zu bleiben. Sie wollten zuletzt allesammt auf eine eben so absurde Weise Recht haben, wie ihre Gegner ... Das Wort “Überzeugung”, “Glaube”, der Stolz des Märtyrerthums—das sind alles die ungünstigsten Zustände für die Erkenntniß. Die Gegner der Wahrheiten haben zuletzt die ganze subjektive Manier, um über Wahrheitzu entscheiden, nämlich mit Attitüden, Opfern, heroischen Entschließungen, von selbst wieder acceptirt,—d.h. die Herrschaft der antiwissenschaftlichen Methode verlängert.— als Märtyrer compromittirten sie ihre eigene That —

15 [53]

Die beiden abscheulichsten Ausgeburten des 18. Jahrhunderts

das Subjekt schafft die Welt, die uns etwas angeht —
die Vernunft schafft die Gesellschaft, in der — — —

die beiden verhängnißvollen Farcen, die Revolution und die Kantische Philosophie, die Praxis der revolutionären Vernunft und die Revolution der “praktischen” Vernunft

die Natur verleugnet, dualist[ische] Moral|bei Kant

daß ein Begriff angebl[iches] Wissen an Stelle der Natur treten soll, als Bildner, gestalten, bauen will

der Haß gegen das Werden, gegen die sorgfältige Betrachtung des Werdens
ist gemein aller Moral und der Revolution:

15 [54]

Der Wille zur Wahrheit.
Der Philosoph als Problem.
Der Priester: Erfindung der Moral. Der Sieg über die “Wahrheit” (die bisherigen “Wahrheiten” Symptome der décadence)
Der Begriff und Umfang der décadence.

15 [55]

Um billig von der Moral zu denken, müssen wir zwei zoologische Begriffe an ihre Stelle setzen: Zähmung der Bestie und Züchtung einer bestimmten Art.

Die Priester gaben zu allen Zeiten vor, daß sie “bessern” wollen ... Aber wir andern lachen, wenn ein Thierbändiger von seinen “gebesserten” Thieren reden wollte.— Die Zähmung der Bestie wird in den meisten Fällen durch eine Schädigung der Bestie erreicht: auch der vermoralisirte Mensch ist kein besserer Mensch, sondern nur ein geschwächter, ein gründlich verschnittener und verhunzter Mensch. Aber er ist weniger schädlich ...

15 [56]

der Kampf gegen die brutalen Instinkte ist ein anderer als der Kampf gegen die krankhaften Instinkte

: es kann selbst ein Mittel sein, um über die Brutalität Herr zu werden, krank zu machen

: die psychologische Behandlung im Christenthum läuft oft darauf hinaus, aus einem Vieh ein krankes und folglich zahmes Thier zu machen

der Kampf gegen rohe und wüste Naturen muß ein Kampf mit Mitteln sein, die auf sie wirken: die abergläubischen Mittel sind unersetzlich und unerläßlich ...

15 [57]

— an sich verlangen, daß nur “Wahres” gesagt wird, würde voraussetzen daß man die Wahrheit hätte; soll es aber nur heißen, daß man sagt, was einem wahr gilt, so giebt es Fälle, wo es wichtig ist, dasselbe so zu sagen, daß es einem Anderen auch wahr gilt: daß es auf ihn wirkt

Sobald wir selbst die Moral absolut nehmen und z.B. das Verbot der Lüge im religiösen Verstande, so wird die ganze Geschichte der Moral, wie die der Politik, eine Nichtswürdigkeit. Wir leben von Lügen und Falschmünzereien—die herrschenden Stände haben immer gelogen ...

15 [58]

[Vgl. Victor Brochard, Les Sceptiques Grecs. Par Victor Brochard, maître de conférences suppléant à l'Ecole Normale Supérieure. Ouvrage couronné par l'Académie des sciences et politiques. Paris: Imprimerie Nationale, 1887:75.]

Kapitel: der Wille zur Wahrheit

die psychologischen Verwechslungen:

das Verlangen nach Glauben—verwechselt mit dem “Willen zur Wahrheit” (z.B. bei Carlyle)

aber ebenso ist das Verlangen nach Unglauben verwechselt worden mit dem “Willen zur Wahrheit” (—ein Bedürfniß, loszukommen von einem Glauben, aus hundert Gründen, Recht zu bekommen gegen irgend welche “Gläubigen”)

was inspirirt die Skeptiker? der Haß gegen die Dogmatiker—oder ein Ruhe-Bedürfniß, eine Müdigkeit wie bei Pyrrho

— die Vortheile, welche man von der Wahrheit erwartete, waren die Vortheile des Glaubens an sie:—an sich nämlich könnte ja die Wahrheit durchaus peinlich, schädlich, verhängnißvoll sein —

man hat die “Wahrheiten” auch nur wieder bekämpft, als man Vortheile sich vom Siege versprach ... z.B. Freiheit von den herrschenden Gewalten

die Methodik der Wahrheit ist nicht aus Motiven der Wahrheit gefunden worden, sondern aus Motiven der Macht, des Überlegen-sein-wollens

womit beweist sich die Wahrheit? mit dem Gefühl der erhöhten Macht (“ein Gewißheit-Glaube”)—mit der Nützlichkeit—mit der Unentbehrlichkeit—kurz mit Vortheilen nämlich Voraussetzungen, welcher Art die Wahrheit beschaffen sein sollte, um von uns anerkannt zu werden

aber das ist ein Vorurtheil: ein Zeichen, daß es sich gar nicht um Wahrheit handelt ...

was bedeutet z.B. der “Wille zur Wahrheit” bei den Goncourt’s? bei den Naturalisten? Kritik der “Objektivität”

warum erkennen? warum nicht lieber sich täuschen? ...

was man wollte, war immer der Glaube,—und nicht die Wahrheit ...

Der Glaube wird durch entgegengesetzte Mittel geschaffen als die Methodik der Forschung—: er schließt letztere selbst aus

15 [59]

Die Idee der “wahren Welt” oder “Gottes” als absolut unsinnlich, geistig, gütig ist eine Nothmaßregel im Verhältniß dazu, als die Gegen-Instinkte noch allmächtig sind ...

die Mäßigkeit und erreichte Humanität zeigt sich exakt in der Vermenschlichung der Götter: die Griechen der stärksten Zeit, die vor sich selber keine Furcht hatten, sondern Glück an sich hatten, näherten ihre Götter an alle ihre Affekte — ..

Die Vergeistig[ung] der Gottes-Idee ist deshalb fern davon, einen Fortschritt zu bedeuten: man fühlt dies recht herzlich bei der Berührung mit Goethe—wie da die Verdunstung Gottes in Tugend und Geist sich als eine rohere Stufe fühlbar macht ...

15 [60]

Wenn irgend etwas unsre Vermenschlichung, einen wahren thatsächlichen Fortschritt bedeutet, so ist es, daß wir keine excessiven Gegensätze, überhaupt keine Gegensätze mehr brauchen ...

wir dürfen die Sinne lieben, wir haben sie in jedem Grade vergeistigt und artistisch gemacht

wir haben ein Recht auf alle die Dinge, die am schlimmsten bisher verrufen waren

15 [61]

A. In dem Maaße, in dem heute das Christenthum noch nöthig erscheint, ist der Mensch noch wüst und verhängnißvoll ...

B. in anderem Betracht ist es nicht nöthig, sondern extrem schädlich, wirkt aber als anziehend und verführend, weil es dem morbiden Charakter ganzer Schichten, ganzer Typen der jetzigen M[enschheit] entspricht ... sie geben ihrem Hange nach, indem sie christlich aspiriren—die décadents aller Art —

man hat hier zwischen A und B streng zu scheiden. Im Fall A ist Christenthum ein Heilmittel, mindestens ein Bändigungsmittel (—es dient unter Umständen krank zu machen: was nützlich sein kann, um die Wüstheit und Roheit zu brechen)

Im Fall B ist es ein Symptom der Krankheit selbst, vermehrt die décadence; hier wirkt es einem corroborirenden System der Behandlung entgegen, hier ist es der Kranken-Instinkt gegen das, was ihm heilsam ist —

15 [62]

Die Partei der Ernsten, Würdigen, Nachdenklichen

: und ihr gegenüber die wüste, unsaubere, unberechenbare Bestie

: ein bloßes Problem der Thierbändgung:

— wobei der Thierbändiger hart, furchtbar und schreckeneinflößend sein muß für seine Bestie

alle wesentlichen Forderungen müssen mit einer brutalen Deutlichkeit d.h. tausendfach übertrieben gestellt werden

: die Erfüllung der Forderung selbst muß in einer Vergröberung dargestellt werden, daß sie Ehrfurcht erregt
z.B. die Entsinnlichung seitens der Brahmanen.

* * *

Der Kampf mit der Canaille und dem Vieh: ist eine gewisse Bändigung und Ordnung erreicht, so muß die Kluft zwischen diesen Gereinigten und Wiedergeborenen und dem Rest so furchtbar wie möglich aufgerissen werden ...

diese Kluft vermehrt die Selbstachtung, den Glauben an das, was von ihnen dargestellt wird, bei den höheren Kasten

daher der Tschandala. Die Verachtung und deren Übermaß ist vollkommen psychologisch correkt, nämlich hundertfach übertrieben, um überhaupt nachgefühlt zu werden

* * *

Im Kampf mit der Bestie ist Krank-machen oft das einzige Mittel, um schwach zu machen. Und genau so wie sich die Brahmanen gegen die Tschandalas wehren (indem sie dieselben krank machen), verurtheilen sie auch die Verbrecher und Aufständischen aller Art zu Schwächungen (—dies der Sinn der Büßungen usw.)

15 [63]

Im Großen gerechnet, ist in unsrer jetzigen Menschheit ein ungeheures Quantum von Humanität erreicht. Daß dies im allgemeinen nicht empfunden wird, ist selber ein Beweis dafür: wir sind für die kleinen Nothstände so empfindlich geworden, daß wir das, was erreicht ist, unbillig übersehen.

: hier ist abzurechnen, daß es viel décadence giebt: und daß mit solchen Augen gesehen, unsere Welt schlecht und miserabel aussehen muß. Aber diese Augen haben zu allen Zeiten das Gleiche gesehen ...

1) eine gewisse Überreizung selbst der moralischen Empfindung

2) das Quantum Verbitterung und Verdüsterung, das der Pessimismus mit sich in die Beurtheilung trägt

: beides zusammen hat der entgegengesetzten Vorstellung, daß es schlecht mit unserer Moralität steht, zum Übergewicht verholfen.

Die Thatsache des Credits, des ganzen Welthandels, der Verkehrsmittel,—ein ungeheures mildes Vertrauen auf den Menschen drückt sich darin aus ... Dazu trägt auch bei

3) die Loslösung der Wissenschaft von moralischen und religiösen Absichten: ein sehr gutes Zeichen, das aber meistens falsch verstanden ist.

Ich versuche auf meine Weise eine Rechtfertigung der Geschichte

15 [64]

Moral ein nützlicher Irrthum, deutlicher, in Hinsicht auf die größten und vorurtheilsfreiesten ihrer Förderer, eine nothwendig erachtete Lüge

15 [65]

Was ich mit aller Kraft deutlich zu machen wünsche:

a) daß es keine schlimmere Verwechslung giebt als wenn man Zähmung mit Schwächung verwechselt

: was man gethan hat ...

Die Zähmung ist, wie ich sie verstehe, ein Mittel der ungeheuren Kraft-Aufspeicherung der Menschheit, so daß die Geschlechter auf der Arbeit ihrer Vorfahren fortbauen können—nicht nur äußerlich, sondern innerlich, organisch aus ihnen herauswachsend, ins Stärkere ...

b) daß es eine außerordentliche Gefahr giebt, wenn man glaubt, daß die Menschheit als Ganzes fortwüchse und stärker würde, wenn die Individuen schlaff, gleich, durchschnittlich werden ... Menschheit ist ein Abstraktum: das Ziel der Zähmung kann auch im einzelsten Fall immer nur der stärkere Mensch sein (—der ungezähmte ist schwach, vergeuderisch, unbeständig ...

15 [66]

daß die corrupten Pariser romanciers jetzt nach Weihrauch duften, macht sie meiner Nase nicht wohlriechender: Mystik und katholisch-heilige Falten im Gesicht sind nur eine Form der Sinnlichkeit mehr

15 [67]

Wovor ich warne: die décadence-Instinkte nicht mit der Humanität zu verwechseln

: die auflösenden und nothwendig zur décadence treibenden Mittel der Civilisation nicht mit der Cultur zu verwechseln

: die libertinage, das Princip des “laisser aller” nicht mit dem Willen zur Macht zu verwechseln (—er ist dessen Gegenprincip)

15 [68]

Die beiden großen Tentativen, die gemacht worden sind das 18te Jahrhundert zu überwinden:

Napoleon, indem er den Mann, den Soldaten und den großen Kampf um Macht wieder aufweckte—Europa als politische Einheit concipirend

Goethe, indem er eine europäische Cultur imaginirte, die die volle Erbschaft der schon erreichten Humanität macht.

15 [69]

Die deutsche Cultur dieses Jahrhunderts erweckt Mißtrauen —

in der Musik fehlt jenes volle, erlösende und bindende Element Goethe

die Österreicher sind nur durch ihre Musik deutsch geblieben

15 [70]

Wir mißtrauen allen jenen entzückten und extremen Zuständen, in denen man “die Wahrheit mit Händen zu greifen” wähnt —

15 [71]

Wie die Tugend zur Macht kommt

Die Priester—und mit ihnen die Halbpriester, die Philosophen—haben zu allen Zeiten eine Lehre Wahrheit genannt, deren erzieherische Wirkung wohlthätig war oder wohlthätig schien—die “besserte”. Sie gleichen damit einem naiven Heilkünstler und Wundermann aus dem Volke, der, weil er ein Gift als Heilmittel erprobt hat, es verleugnet, daß dasselbe ein Gift ist ... “An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen”—nämlich unsere “Wahrheiten”: das ist das Priester-Raisonnement bis heute noch. Sie haben selbst verhängnißvoll genug ihren Scharfsinn dahin verschwendet, dem “Beweis der Kraft” (oder “aus den Früchten”) den Vorrang, ja die Entscheidung über alle Formen des Beweises zu geben. “Was gut macht, muß gut sein; was gut ist, kann nicht lügen”—so schließen sie unerbittlich—: “was gute Früchte trägt, das muß folglich wahr sein: es giebt kein anderes Kriterium der Wahrheit” ...

Sofern aber das “Besser-machen” als Argument gilt, muß das Schlechter-machen als Widerlegung gelten. Man beweist den Irrthum damit als Irrthum, daß man das Leben derer prüft, die ihn vertreten: ein Fehltritt, ein Laster widerlegt ... Diese unanständigste Art der Gegnerschaft, die von Hinten und Unten, die Hunde-Art, ist insgleichen niemals ausgestorben: die Priester, sofern sie Psychologen sind, haben nie etwas interessanter gefunden, als an den Heimlichkeiten ihrer Gegner zu schnüffeln.— Dies allein macht ihre Optik der Welt-Kenntniß:—sie beweisen damit ihr Christenthum, daß sie bei der “Welt” nach Schmutz suchen. Voran bei den Ersten der Welt, bei den “Genies”: man erinnere sich, wie jeder Zeit in Deutschland gegen Goethe angekämpft worden ist (: Klopstock und Herder giengen hierin mit “gutem Beispiel” voran—Art läßt nicht von Art.) [Vgl. Victor Hehn, Gedanken über Goethe. 1. Teil. Zweite verbesserte Auflage. Berlin: Gebrüder Borntraeger, 1888.]

15 [72]

1.

Man muß sehr unmoralisch sein, um durch die That Moral zu machen ... Die Mittel der Moralisten sind die furchtbarsten Mittel, die je gehandhabt worden sind; wer den Muth nicht zur Unmoralität der That hat, taugt zu allem Übrigen, er taugt nicht zum Moralisten.

2.

Die Moral ist eine Menagerie; ihre Voraussetzung, daß eiserne Stäbe nützlicher sein können als Freiheit, selbst für den Eingefangenen; ihre andere Voraussetzung, daß es Thierbändiger giebt, die sich vor furchtbaren Mitteln nicht fürchten,—die glühendes Eisen zu handhaben wissen. Diese schreckliche Species, die den Kampf mit dem wilden Thier aufnimmt, heißt sich “Priester”.

15 [73]

Der Mensch, eingesperrt in einen eisernen Käfig von Irrthümern, eine Carikatur des Menschen geworden, krank, kümmerlich, gegen sich selbst böswillig, voller Haß auf die Antriebe zum Leben, voller Mißtrauen gegen alles, was schön und glücklich ist am Leben, ein wandelndes Elend: diese künstliche, willkürliche, nachträgliche Mißgeburt, welche die Priester aus ihrem Boden gezogen haben, der “Sünder”: wie werden wir es erlangen, dieses Phänomen trotz alledem zu rechtfertigen?

15 [74]

Das Mittel, Priester und Religionen zu widerlegen, ist immer nur dies: zeigen daß ihre Irrthümer aufgehört haben, wohlthätig zu sein,—daß sie mehr schaden, kurz daß ihr eigener “Beweis der Kraft” nicht mehr Stich hält ...

15 [75]

[Vgl. Victor Hehn, Gedanken über Goethe. 1. Teil. Zweite verbesserte Auflage. Berlin: Gebrüder Borntraeger, 1888.]

Niebuhr: “die moralische Achtungswürdigkeit der Neueren, verglichen gegen die Griechen, ist außerordentlich”.

“Geht es Dir nicht auch so, daß nichts leicht einen schmerzlicheren Eindruck macht, als wenn ein großer Geist sich seiner Flügel beraubt und eine Virtuosität in etwas weit Geringerem sucht, indem er dem Höheren entsagt?” (Mit Bezug auf Wilhelm Meister)

15 [76]

Vorrede.

Dies Buch wendet sich nur an Wenige,—an die freigewordenen Menschen, denen nichts mehr verboten ist: wir haben Schritt für Schritt das Recht auf alles Verbotene zurückgewonnen.

Den Beweis für die erreichte Macht und Selbstgewißheit damit geben, daß man sich “zu fürchten verlernt hat”; das Vertrauen zu seinen Instinkten eintauschen dürfen gegen das Mißtrauen und den Verdacht; daß man sich liebt und achtet in seinem Sinn—in seinem Unsinn noch—ein wenig Hanswurst, ein wenig Gott; kein Düsterling, keine Eule; keine Blindschleiche ...

15 [77]

Daß Nichts von dem wahr ist, was ehemals als wahr galt:

daß, was uns als unheilig, verboten, verächtlich, verhängnißvoll ehemals verwehrt wurde—alle diese Blumen wachsen heute am lieblichen Pfade der Wahrheit

Diese ganze alte Moral geht uns nichts mehr an: es ist kein Begriff darin, der noch Achtung verdiente. Wir haben sie überlebt,—wir sind nicht mehr grob und naiv genug, um in dieser Weise uns belügen lassen zu müssen ... Artiger gesagt: wir sind zu tugendhaft dazu ...

Und wenn Wahrheit im alten Sinne nur deshalb “Wahrheit” war, weil die alte Moral zu ihr Ja sagte, Ja sagen durfte: so folgt daraus, daß wir auch keine Wahrheit von Ehedem mehr übrig haben ... Unser Kriterium der Wahrheit ist durchaus nicht die Moralität: wir widerlegen eine Behauptung damit, daß wir sie als abhängig von der Moral, als inspirirt durch edle Gefühle beweisen.

15 [78]

Der Begriffstarker und schwacher Mensch” reduzirt sich darauf, daß im ersten Fall viel Kraft vererbt ist—er ist eine Summe: im anderen noch wenig

— unzureichende Vererbung, Zersplitterung des Ererbten

die Schwäche kann ein Anfangs-Phänomen sein: “noch wenig”; oder ein End-Phänomen: “nicht mehr”

Der Ansatz-Punkt, wo große Kraft ist, wo Kraft auszugeben ist:—die Masse, als die Summe der Schwachen, reagirt langsam ...

‚ wehrt sich gegen Vieles, für das sie zu schwach ist ... von dem sie keinen Nutzen haben kann

‚ schafft nicht, geht nicht voran ...

Dies gegen die Theorie, welche das starke Individuum leugnet und meint, “die Masse thut’s”

Es ist die Differenz, wie zwischen getrennten Geschlechtern: es können 4, 5 Generationen zwischen dem Thätigen und der Masse liegen ... eine chronologische Differenz ...

15 [79]

NB NB. Die Werthe der Schwachen sind obenan, weil die Starken sie übernommen haben, um damit zu leiten ...

15 [80]

Erworbene, nicht ererbte Erschöpfung

unzureichende Ernährung, oft aus Unwissenheit über Ernährung; z.B. bei Gelehrten

die erotische Präcocität: der Fluch vornehmlich der französischen Jugend, der Pariser voran: welche aus den Lyceen bereits verhunzt und beschmutzt in die Welt tritt,—und nicht wieder von der Kette verächtlicher Neigungen loskommt, gegen sich selbst ironisch und schnöde—Galeerensklaven, mit aller Verfeinerung und

: übrigens in den häufigsten Fällen bereits Symptom der Rassen- und Familien-décadence, wie alle Hyper-Reizbarkeit; insgleichen als Contagium des milieu—: auch bestimmbar zu sein durch die Umgebung, gehört zur décadence —

Der Alcoholismus, nicht der Instinkt, sondern die Gewöhnung, die stupide Nachahmung, die feige oder eitle Anpassung an ein herrschendes régime:—Welche Wohlthat ist ein Jude unter Deutschen! wie viel Stumpfheit, wie flächsern der Kopf, wie blau das Auge; der Mangel an esprit in Gesicht, Wort, Haltung; das faule Sichstrecken, das deutsche Erholungs-Bedürfniß, das nicht aus Überarbeitung, sondern aus der widrigen Reizung und Überreizung durch Alcoholica herkommt ...

15 [81]

Die Naivetät ist, daß der Pessimismus sich damit zu begründen meint: während er sich nur damit beweist ...

15 [82]

Der Mangel an Philologie: man verwechselt beständig die Erklärung mit dem Text—und was für eine “Erklärung”!

15 [83]

Frauen, stark gerathen, von altem Schrot und Korn, mit dem Temperament einer Kuh, denen selbst Unfälle wenig anhaben: aber sie nennen es ihr “Gottvertrauen”.— Sie merken nichts davon, daß ihr “Gottvertrauen” nur der Ausdruck ihrer starken und sicheren Gesammtverfassung ist—eine Formulirung, keine Ursache ...

15 [84]

Die Thatsache ist “daß ich so traurig bin”; das Problem “ich weiß nicht was das zu bedeuten hat” ... “Das Märchen aus alten Zeiten”

“ein alter Sünder” würde ein Christ sagen: im anderen Falle, im Falle Heines, hat es “die Lorelei gethan”.

15 [85]

Dieinnere Welt” und ihr berühmterinnerer Sinn”.

Der innere Sinn verwechselt die Folge mit der Ursache

die “Ursache” wird projicirt, nachdem die Wirkung erfolgt ist: Grundthatsache der “inneren Erfahrung”.

15 [86]

Die Goncourt fanden Flaubert campagnardisé, zu gesund, zu robust für sie—sie bemerken, daß sich sein Talent für sie vergröberte ... [Vgl. Edmond and Jules Huot de Goncourt, Journal des Goncourt. Mémoires de la vie littéraire. Vol. 3: 1866-1870. Paris: Charpentier, 1888. "25 février.— A nous convalescents, la santé de Flaubert, grossière, sanguine, et campagnardisée par un plein air de six mois, nous fait paraître l'homme un peu blessant ou au moins trop exubérant pour nos nerfs,—et son talent même se grossit de son encolure dans notre pensée."]

Was muß sich für die das Talent Heines vergröbert haben ... Daher der Haß ...

Ungefähr der Haß des Novalis gegen Goethe — [Vgl. Victor Hehn, Gedanken über Goethe. 1. Teil. Zweite verbesserte Auflage. Berlin: Gebrüder Borntraeger, 1888.]

15 [87]

Man bemerke, daß die delikaten Naturen in ihren Abneigungen vergröbern, die starken in ihren Abneigungen verdünnen, verzärteln, verkränkeln—z.B. Goethe gegen Kleist, gegen Hölderlin

15 [88]

Die typischen décadents, die sich nothwendig fühlen in ihrer Verderbniß des Stils, die damit einen höheren Geschmack in Anspruch nehmen und den Anderen ein Gesetz auflegen möchten, die Goncourts, die Richard Wagner, sind zu unterscheiden von den décadents mit schlechtem Gewissen, die widerspänstigen décadents —

15 [89]

Die Unwissenheit in physiologicis—der Christ hat kein Nervensystem—; die Verachtung und das willkürliche Wegsehen-wollen von den Forderungen des Leibes, von der Entdeckung des Leibes; die Voraussetzung, daß es so der höheren Natur des Menschen gemäß sei,—daß es der Seele nothwendig zu Gute komme—die grundsätzliche Reduktion aller Gesammt-Gefühle des Leibes auf moralische Werthe; die Krankheit selbst bedingt gedacht durch die Moral, etwa als Strafe, oder als Prüfung oder auch als Heils-Zustand, in dem der Mensch vollkommener wird als er es in der Gesundheit sein könnte (—der Gedanke Pascals), unter Umständen das freiwillige Sich-krank-machen

15 [90]

Der Phänomenalismus derinneren Welt

die chronologische Umdrehung, so daß die Ursache später ins Bewußtsein tritt, als die Wirkung.

wir haben gelernt, daß der Schmerz an eine Stelle des Leibes projicirt wird, ohne dort seinen Sitz zu haben

wir haben gelernt, daß die Sinnesempfindung, welche man naiv als bedingt durch die Außenwelt ansetzt, vielmehr durch die Innenwelt bedingt ist: daß jede eigentliche Aktion der Außenwelt immer unbewußt verläuft ... Das Stück Außenwelt, das uns bewußt wird, ist nachgeboren nach der Wirkung die von außen auf uns geübt ist, ist nachträglich projicirt als deren “Ursache” ...

In dem Phänomenalismus der “inneren Welt” kehren wir die Chronologie von Ursache und Wirkung um.

Die Grundthatsache der “inneren Erfahrung” ist, daß die Ursache imaginirt wird, nachdem die Wirkung erfolgt ist ...

Dasselbe gilt auch von der Abfolge der Gedanken ... wir suchen den Grund zu einem Gedanken, bevor er uns noch bewußt ist: und dann tritt zuerst der Grund und dann dessen Folge ins Bewußtsein ...

Unser ganzes Träumen ist die Auslegung von Gesammt-Gefühlen auf mögliche Ursachen: und zwar so, daß ein Zustand erst bewußt wird, wenn die dazu erfundene Causalitäts-Kette ins Bewußtsein getreten ist ...

die ganze “innere Erfahrung” beruht darauf, daß zu einer Erregung der Nerven-Centren eine Ursache gesucht und vorgestellt wird—und daß erst die gefundene Ursache ins Bewußtsein tritt: diese Ursache ist schlechterdings nicht adäquat der wirklichen Ursache,—es ist ein Tasten auf Grund der ehemaligen “inneren Erfahrungen”—d.h. des Gedächtnisses. Das Gedächtniß erhält aber auch die Gewohnheiten der alten Interpretat[ion], d.h. deren irrthümliche Ursächlichkeiten ... so daß die “innere Erfahrung” in sich noch die Folgen aller ehemaligen falschen Causal-Fiktionen zu tragen hat

unsere “Außenwelt”, wie wir sie jeden Augenblick projiciren, ist versetzt und unauflöslich gebunden an den alten Irrthum vom Grunde: wir legen sie aus mit dem Schematismus des “Dings”

so wenig der Schmerz in einem einzelnen Falle bloß den einzelnen Fall darstellt, vielmehr eine lange Erfahrung über die Folgen gewisser Verletzungen, eingerechnet die Irrthümer in der Abschätzung dieser Folgen

Die “innere Erfahrung” tritt uns ins Bewußtsein, erst nachdem sie eine Sprache gefunden hat, die das Individuum versteht ... d.h. eine Übersetzung eines Zustandes in ihm bekanntere Zustände —

“verstehen” das heißt naiv bloß: etwas Neues ausdrücken können in der Sprache von etwas Altem, Bekanntem

z.B. “ich befinde mich schlecht”—ein solches Urtheil setzt eine große und späte Neutralität des Beobachtenden voraus—: der naive Mensch sagt immer: das und das macht, daß ich mich schlecht befinde—er wird über sein Schlechtbefinden erst klar, wenn er einen Grund sieht, sich schlecht zu befinden ...

Das nenne ich den Mangel an Philologie: einen Text als Text ablesen können, ohne eine Interpretation dazwischen zu mengen, ist die späteste Form der “inneren Erfahrung”,—vielleicht eine kaum mögliche ...

15 [91]

Die Ursachen des Irrthums liegen ebensosehr im guten Willen des Menschen als im schlechten—: er verbirgt sich in tausend Fällen die Realität, er fälscht sie, um in seinem guten Willen nicht zu leiden

Gott z.B. als Lenker des menschlichen Schicksals: oder die Auslegung seines kleinen Geschicks, wie als ob Alles zum Heil der Seele geschickt und ausgedacht sei—dieser Mangel an “Philologie”, der einem feineren Intellekt als Unsauberkeit und Falschmünzerei gelten muß, wird durchschnittlich unter der Inspiration des guten Willens gemacht ...

Der gute Wille, die “edlen Gefühle”, die “hohen Zustände” sind in ihren Mitteln ebensolche Falschmünzer und Betrüger als die moralisch abgelehnten und egoistisch genannten Affekte, wie Liebe, Haß, Rache.

* * *

Die Irrthümer sind das, was die Menschheit am kostspieligsten zu bezahlen hat: und, ins Große gerechnet, sind es die Irrthümer des “guten Willens”, die sie am tiefsten geschädigt haben. Der Wahn, der glücklich macht, ist verderblicher als der, welcher direkt schlimme Folgen hat: letzterer schärft, macht mißtrauisch, reinigt die Vernunft,—ersterer schläfert sie ein ...

die schönen Gefühle, die “erhabenen Wallungen”, gehören, physiologisch geredet, unter die narkotischen Mittel: ihr Mißbrauch hat ganz dieselbe Folge, wie der Mißbrauch eines anderen Opiums,—die Nervenschwäche ...

15 [92]

Kritik der subjektiven Werthgefühle.

Das Gewissen. Ehemals schloß man: das Gewissen verwirft diese Handlung: folglich ist diese Handlung verwerflich. Thatsächlich verwirft das Gewissen eine Handlung, weil dieselbe lange verworfen worden ist. Es spricht bloß nach: es schafft keine Werthe.

Das, was ehedem dazu bestimmte, gewisse Handlungen zu verwerfen, war nicht das Gewissen: sondern die Einsicht (oder das Vorurtheil) hinsichtlich ihrer Folgen ...

Die Zustimmung des Gewissens, das Wohlgefühl des “Friedens mit sich” ist von gleichem Range als die Lust eines Künstlers an seinem Werke—sie beweist gar nichts ... Die Selbstzufriedenheit ist so wenig ein Werthmaß für das, worauf sie sich bezieht als ihr Mangel ein Gegenargument gegen den Werth einer Sache. Wir wissen bei weitem nicht genug, um den Werth unserer Handlungen messen zu können: es fehlt uns zu alledem die Möglichkeit, objektiv dazu zu stehn: auch wenn wir eine Handlung verwerfen, sind wir nicht Richter, sondern Partei ...

Die edlen Wallungen, als Begleiter von Handlungen, beweisen nichts für deren Werth: ein Künstler kann mit dem allerhöchsten Pathos des Zustandes eine Armseligkeit zur Welt bringen. Eher sollte man sagen, daß diese Wallungen verführerisch seien: sie locken unseren Blick, unsere Kraft ab von der Kritik, von der Vorsicht, von dem Verdacht, daß wir eine Dummheit machen ... sie machen uns dumm —

15 [93]

Ehedem hat man jene Zustände und Folgen der physiologischen Erschöpfung, weil sie reich an Plötzlichem, Schrecklichem, Unerklärlichem und Unberechenbarem sind, für wichtiger genommen, als die gesunden Zustände und deren Folgen. Man fürchtete sich: man setzte hier eine höhere Welt an. Man hat den Schlaf und Traum, man hat den Schatten, die Nacht, den Naturschrecken verantwortlich gemacht für das Entstehen zweiter Welten: vor allem sollte man die Symptome der physiologischen Erschöpfung darauf hin betrachten. Die alten Religionen discipliniren ganz eigentlich den Frommen zu einem Zustande der Erschöpfung, wo er solche Dinge erleben muß ... Man glaubte in eine höhere Ordnung eingetreten zu sein, wo Alles aufhörte, bekannt zu sein.— Der Schein einer höheren Macht ...

15 [94]

siehe im ersten braunen großen Heft

sein Leben lassen für eine Sache—großer Effekt. Aber man läßt für Vieles sein Leben: die Affekte sammt und sonders wollen ihre Befriedigung. Ob es das Mitleid ist oder der Zorn oder die Rache—daß das Leben daran gesetzt wird, verändert nichts am Werthe. Wie viele haben ihr Leben für die hübschen Weiblein geopfert—und selbst, was schlimmer ist, ihre Gesundheit. Wenn man das Temperament hat, so wählt man instinktiv die gefährlichen Dinge: z.B. die Abenteuer der Spekulation, wenn man Philosoph; oder der Immoralität, wenn man tugendhaft ist. Die eine Art Mensch will nichts riskiren, die andre will riskiren. Sind wir Anderen Verächter des Lebens? Im Gegentheil, wir suchen instinktiv ein potenzirtes Leben, das Leben in der Gefahr ... damit, nochmals gesagt, wollen wir nicht tugendhafter sein als die Anderen. Pascal z.B. wollte nichts riskiren und blieb Christ: das war vielleicht tugendhafter.— Man opfert immer ...

15 [95]

“Die großen Gedanken kommen aus dem Herzen”.— Aber das soll man Vauvenargues nicht glauben usw. usw.

15 [96]

Die beste moderne Oper ist die Oper meines Freundes Heinrich Köselitz, die einzige, die von W[agner]-Deutschland frei ist: eine Neucomposition des “matrimonio segreto”. Die zweitbeste Oper ist Bizets Carmen—die beinahe davon frei ist; die drittbeste Wagners Meistersinger: ein Meisterstück des Dilettantismus in der Musik. Versuch einer Umwerthung der Werthe.

15 [97]

Was man früher nicht wußte, eine Rückbildung ist nicht möglich. Aber alle Moralisten und Priester suchen die Menschen auf ein früheres Schema zurückzubringen und Tugenden an ihnen zu entwickeln, die ehemals Tugenden gewesen sind. Selbst die Politiker sind nicht frei davon,—namentlich die Conservativen. Man kann eine Entwicklung hemmen, und durch Hemmung, selbst eine Entartung und Vernichtung herbeiführen—mehr kann man nicht.

Die ganze Romantik des Ideals ist darin falsch, daß sie rückbilden für möglich hält. Thatsächlich stellen die Romantiker eine krankhafte décadence-Form vor: sie sind sehr weit voraus, sehr spät und ganz und gar unfruchtbar ... Das Verlangen nach ehedem ist selbst ein Zeugniß für eine tiefe Unlust und Zukunftslosigkeit

also die regressiven Tendenzen beweisen das Gegentheil, daß man sehr spät, zu spät ist, daß man alt ist ...

15 [98]

Ein kleiner tüchtiger Bursch wird ironisch blicken, wenn man ihn fragt: willst du tugendhaft werden? aber er macht die Augen auf, wenn man ihn fragt willst du stärker werden als deine Kameraden

Wie wird man stärker

sich langsam entscheiden; und zähe festhalten an dem, was man entschieden hat. Alles Andere folgt.

Die Plötzlichen und die Veränderlichen: die beiden Arten der Schwachen. Sich nicht mit ihnen verwechseln, die Distanz fühlen—bei Zeiten!

Vorsicht vor den Gutmüthigen! Der Umgang mit ihnen erschlafft

Jeder Umgang ist gut, bei dem die Wehr und Waffen, die man in den Instinkten hat, geübt werden.

die ganze Erfindsamkeit darin, seine Willenskraft auf die Probe zu stellen ... Hier das Unterscheidende sehn, nicht im Wissen, Scharfsinn, Witz ...

Man muß befehlen lernen, bei Zeiten—, ebensogut als gehorchen.

Man muß Bescheidenheit, Takt in der Bescheidenheit lernen: nämlich auszeichnen, ehren, wo man bescheiden ist ...

ebenso mit Vertrauen—auszeichnen, ehren ...

Was büßt man am schlimmsten? Seine Bescheidenheit; seinen eigensten Bedürfnissen kein Gehör geschenkt zu haben; sich verwechseln; sich niedrig nehmen; die Feinheit des Ohrs für seine Instinkte einbüßen;—dieser Mangel an Ehrerbietung gegen sich rächt sich durch jede Art von Einbuße, Gesundheit, Wohlgefühl, Stolz, Heiterkeit, Freiheit, Festigkeit, Muth, Freundschaft. Man vergiebt sich später diesen Mangel an ächtem Egoismus nie: man nimmt ihn als Einwand, als Zweifel an einem wirklichen ego ...

15 [99]

Wagner hat lauter Krankheitsgeschichten in Musik gesetzt, lauter interessante Fälle, lauter ganz moderne Typen der Degenerescenz, die uns gerade deshalb verständlich sind. Nichts ist von den jetzigen Ärzten und Physiologen besser studirt als der hysterisch-hypnotische Typus der Wagnerschen Heldin: Wagner ist hier Kenner, er ist naturwahr bis zum Widerlichen darin—seine Musik ist vor allem eine psychologisch-physiologische Analyse kranker Zustände—sie dürfte als solche ihren Werth noch behalten, selbst wenn ein Geschmack ganz [— — —] und sie als Musik nicht mehr erschölle. Daß die lieben D[eutschen] dabei von Urgefühlen germanischer Tüchtigkeit und Kraft zu schwärmen verstehen, gehört zu den scherzhaften Anzeichen der psychologischen Cultur der Deutschen:—wir Anderen sind bei W[agners] Musik im Hospital und, nochmals gesagt, sehr interessirt ... Die Krankhaftigkeit ist bei Wagner nicht gewollt, nicht Zufall, nicht Ausnahme—sie ist die Essenz seiner Kunst, ihr Instinkt, ihr “Unbewußtes”, sie ist ihre Unschuld: die Sensibilität, das tempo des Affekts, Alles hat an ihr Theil, das Reich der [—] ist von ungeheurer Breite

Senta, Elsa, Isolde, Brünnhilde, Kundry: eine artige Galerie von Krankheitsfällen—wie instinktiv Wagner das Weib als krankes Weib versteht, giebt die sonst natürlicher gerathene Eva aus den M[eistersingern] zu verstehen:—Wagner kann nicht umhin ihr eine zwanzig Minuten lange Attitüde zu geben, deren wegen wir das artige Geschöpf unfehlbar unter psychiatrische Aufsicht stellen würden. Gegen die Helden Wagners ist zunächst einzuwenden, daß sie allesammt einen krankhaften Geschmack haben—sie lieben lauter Weiber, die ihnen zuwider sein müßten ... Sie lieben lauter unfüchtbare Weiber—alle diese “Heldinnen” verstehen sich nicht darauf ein Kind zu machen—die Ausnahme ist interessant genug: um [Sieglinde] zu einem Kinde zu verhelfen, hat Wagner der Sage Gewalt angethan—und vielleicht nicht nur der Sage: nach Wagnerscher Phy[si]ologie ist nur die Blutschande eine Gewährschaft für Kinder ... Brünnhilde selbst— — —

15 [100]

Der Wille zur Macht.
Versuch
einer Umwerthung aller Werthe.

Erstes Buch.
Die Niedergangswerthe.
Kritik der großen Worte,
der selbstlose Mensch
  
Zweites Buch.
Warum bloß Niedergangswerthe
zur Herrschaft kamen.
“heroisch”
“Mitleiden”
vom “Frieden der Seele”
  
Drittes Buch.
Modernität
als Zweideutigkeit der Werthe.
der Märtyrer.
Bescheidenheit (wie man
sie büßt ...)
  
Viertes Buch. Der Werth der Zukunft
(als Ausdruck einer stärkeren Art Mensch)
: die zuerst dasein muß ...

15 [101]

Bild der décadence: ihre Symptome.
Überwachsung der höheren Werthe mit diesen Symptomen.

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Philosophie als décadence
Moral als décadence.
Religion als décadence.
Kunst als décadence.
Politik als décadence

15 [102]

I.
Die Niedergangs-Werthe

II.
Die Gegenbewegung und deren Schicksal.

III.
Problem der Modernität.

IV.
Der grosse Mittag.

15 [103]

la méditation affaiblit comme feraient des évacuations excessives (Tissot, De la santé des gens de lettres p. 43) 1784

unter dem Einflusse schwieriger Rechnungen nimmt die Sensibilität ab, insgleichen die freiwillige Contraktibilität; der Umfang der Glieder vermindert sich.

15 [104]

Was es mit der Vergeistigung der Begehrlichkeit jeder Art auf sich hat: dafür ist ein klassisches Beispiel die satura Menippea des Petronius. Man lese dieselbe Hand in Hand mit einem Kirchenvater und man frage sich, wo die reinlichere Luft weht ... Hier steht nichts, was nicht einen alten Priester in Verzweiflung brächte durch Unsittlichkeit und lasciven Übermuth

15 [105]

NB NB die Lehre vom Milieu eine décadence-Theorie, aber eingedrungen und Herr geworden in der Physiologie

15 [106]

Die Theorie vom Milieu, heute die Pariser Theorie par excellence, ist selbst ein Beweis von einer verhängnißvollen Disgregation der Persönlichkeit: wenn das Milieu anfängt zu formen und es dem Thatbestand entspricht, die Vordergrunds-Talente als bloße Concrescenzen ihrer Umgebung verstehen zu dürfen, da ist die Zeit vorbei, wo noch gesammelt, gehäuft, geerntet werden kann—die Zukunft ist vorbei ... Der Augenblick frißt auf, was er hervorbringt—und, wehe, er bleibt dabei noch hungrig ...

15 [107]

In summa: der Heroismus ist kein Eigennutz—denn man geht daran zu Grunde ... Oft ist die Verwendung der Kraft bedingt durch den Zufall der Zeit, in die der große Mensch fällt: und dies bringt den Aberglauben mit sich, als ob er der Ausdruck dieser Zeit wäre ... aber dieselbe Kraft könnte sich in vielen anderen Formen ausgeben und zwischen ihm und der Zeit bleibt immer der Unterschied, daß die “öffentliche Meinung” den Instinkt der Heerde, d.h. der Schwachen, anzubeten gewohnt ist und daß er der Starke, das Starke ist ...

15 [108]

Die Gläubigen sind sich bewußt, dem Christenthum Unendliches zu verdanken und schließen folglich daß dessen Urheber eine Personnage ersten Ranges sei ... Dieser Schluß ist falsch, aber es ist der typische Schluß der Verehrenden. Objektiv angesehn, wäre möglich, erstens, daß sie sich irrten über den Werth dessen, was sie dem Christenthum verdanken: Überzeugungen beweisen nichts für das, wovon man überzeugt ist, bei Religionen begründen sie eher noch einen Verdacht dagegen ... Es wäre zweitens möglich, daß was dem Christenthum verdankt werde, nicht seinem Urheber zugeschrieben werden dürfte, sondern eben dem fertigen Gebilde, dem Ganzen, der Kirche aus ihm. Der Begriff “Urheber” ist so vieldeutig, daß er selbst die bloße Gelegenheits-Ursache für eine Bewegung bedeuten kann: man hat die Gestalt des Gründers in dem Maaße vergrößert, als die Kirche wuchs; aber eben diese Optik der Verehrung erlaubt den Schluß, daß irgend wann dieser Gründer etwas sehr Unsicheres und Unfestgestelltes war,—am Anfang ... Man denke, mit welcher Freiheit Paulus das Personal-Problem Jesus behandelt, beinahe eskamotirt—Jemand der gestorben ist, den man nach seinem Tode wieder gesehen hat, Jemand, der von den Juden zum Tode überantwortet wurde ... Ein bloßes “Motiv”: die Musik macht er dann dazu ... Eine Null am Anfang —

15 [109]

Die Herren-Moral
die Priester-Moral
die Tschandala-Moral
      (Die Dienstboten-Moral)
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Die Herdenthier-Moral
Die Décadence-Moral
Die Völker-Moral
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15 [110]

Altruismus

Damit daß das Christenthum die Lehre von der Uneigennützigkeit und Liebe in den Vordergrund gerückt hat, hat es durchaus noch nicht das Gattungs-Interesse für höherwerthig angesetzt als das Individual-Interesse. Seine eigentlich historische Wirkung, das Verhängniß von Wirkung bleibt umgekehrt gerade die Steigerung des Egoismus, des Individual-Egoismus bis ins Extrem (—bis zum Extrem der Individual-Unsterblichkeit.) Der Einzelne wurde durch das Christenthum so wichtig genommen, so absolut gesetzt daß man ihn nicht mehr opfern konnte: aber die Gattung besteht nur durch Menschenopfer ... Vor Gott werden alle “Seelen” gleich: aber das ist gerade die gefährlichste aller möglichen Werthschätzungen! Setzt man die Einzelnen gleich, so stellt man die Gattung in Frage, so begünstigt man eine Praxis, welche auf den Ruin der Gattung hinausläuft: das Christenthum ist das Gegenprincip gegen die Selektion. Wenn der Entartende und Kranke (“der Christ”) so viel Werth haben soll wie der Gesunde (“der Heide”), oder gar noch mehr, nach Pascal’s Urtheil über Krankheit und Gesundheit, so ist der natürliche Gang der Entwicklung gekreuzt und die Unnatur zum Gesetz gemacht ... Diese allgemeine Menschenliebe ist in Praxi die Bevorzugung alles Leidenden, Schlechtweggekommenen, Degenerirten: sie hat thatsächlich die Kraft, die Verantwortlichkeit, die hohe Pflicht, Menschen zu opfern, heruntergebracht und abgeschwächt. Es blieb, nach dem Schema des christlichen Werthmaaßes, nur noch übrig, sich selbst zu opfern: aber dieser Rest von Menschenopfer, den das Christenthum concedirte und selbst anrieth, hat, vom Standpunkte der Gesammt-Züchtung aus, gar keinen Sinn. Es ist für das Gedeihen der Gattung gleichgültig, ob irgend welche Einzelne sich selbst opfern (—sei es in mönchischer und asketischer Manier oder mit Hülfe von Kreuzen, Scheiterhaufen und Schaffotten, als “Märtyrer” des Irrthums) Die Gattung braucht den Untergang der Mißrathenen, Schwachen, Degenerirten: aber gerade an sie wendete sich das Christenthum, als conservirende Gewalt, sie steigerte noch jenen an sich schon so mächtigen Instinkt der Schwachen, sich zu schonen, sich zu erhalten, sich gegenseitig zu halten. Was ist die “Tugend”, was “Menschenliebe” im Christenthum, wenn nicht eben diese Gegenseitigkeit der Erhaltung, diese Solidarität der Schwachen, diese Verhinderung der Selektion? Was ist der christliche Altruismus, wenn nicht der Massen-Egoismus der Schwachen, welcher erräth, daß wenn alle für einander sorgen, jeder Einzelne am längsten erhalten bleibt? ... Wenn man eine solche Gesinnung nicht als eine extreme Unmoralität, als ein Verbrechen am Leben empfindet, so gehört man zur kranken Bande und hat selber deren Instinkte ... Die ächte Menschenliebe verlangt das Opfer zum Besten der Gattung—sie ist hart, sie ist voll Selbstüberwindung, weil sie das Menschenopfer braucht. Und diese Pseudo-Humanität, die Christenthum heißt, will gerade durchsetzen, daß Niemand geopfert wird ...

15 [111]

Über die Wirkung der Musik Wagners

Eine Musik, bei der man nicht im Takte athmen kann, ist ungesund. Wenn die Musik mit einer heiteren Göttlichkeit und Gewißheit daherkommt, feiern auch unsere Muskeln ein Fest:—wir werden stärker, es ist erlaubt, dies Wachsthum von Kraft sogar zu messen. Wie kommt es eigentlich, daß Wagners Musik mich depotenzirt, daß sie mir eine physiologische Ungeduld erregt, welche sich zuletzt in einem sanften Schweiße kundgiebt? Nach einem, höchstens nach zwei Akten Wagner laufe ich davon.— Man halte fest, daß jede Kunst, welche die Physiologie gegen sich hat, eine widerlegte Kunst ist ... Die Musik Wagners kann man physiologisch widerlegen ..

15 [112]

Kritik der modernen Seele.
Die drei Jahrhunderte.

15 [113]

Der gute Mensch. Oder: die Hemiplegie der Tugend.— Für jede starke und Natur gebliebene Art Mensch gehört Liebe und Haß, Dankbarkeit und Rache, Güte und Zorn, Ja-thun und Nein-thun zu einander. Man ist gut, um den Preis, daß man auch böse zu sein weiß; man ist böse, weil man sonst nicht gut zu sein verstünde. Woher nun jene Erkrankung und ideologische Unnatur, welche diese Doppelheit ablehnt—, welche als das Höhere lehrt, nur halbseitig tüchtig zu sein? Woher die Hemiplegie der Tugend, die Erfindung des guten Menschen? Die Forderung geht dahin, daß der Mensch sich an jenen Instinkten verschneidet, mit denen er Feind sein kann, schaden kann, zürnen kann, Rache heischen kann ... Dieser Unnatur entspricht dann jene dualistische Conception eines bloß guten und eines bloß bösen Wesens (Gott, Geist, Mensch), in ersterem alle positiven, in letzterem alle negativen Kräfte, Absichten, Zustände summirend.— Eine solche Werthungsweise glaubt sich damit “idealistisch”; sie zweifelt nicht daran, eine höchste Wünschbarkeit in der Conception “des Guten” angesetzt zu haben. Geht sie auf ihren Gipfel, so denkt sie sich einen Zustand aus, wo alles Böse annullirt ist und wo in Wahrheit nur die guten Wesen übrig geblieben sind. Sie hält es also nicht einmal für ausgemacht, daß jener Gegensatz von Gut und Böse sich gegenseitig bedinge; umgekehrt, letzteres soll verschwinden und ersteres soll übrig bleiben, das Eine hat ein Recht zu sein, das Andere sollte gar nicht da sein ... Was wünscht da eigentlich? — —

Man hat sich zu allen Zeiten und sonderlich zu den christlichen Zeiten viel Mühe gegeben, den Menschen auf diese halbseitige Tüchtigkeit, auf “den Guten” zu reduziren: noch heute fehlt es nicht an kirchlich Verbildeten und Geschwächten, denen diese Absicht mit der “Vermenschlichung” überhaupt oder mit dem “Willen Gottes” oder mit dem “Heil der Seele” zusammenfällt. Hier wird als wesentliche Forderung gestellt, daß der Mensch nichts Böses thue; daß er unter keinen Umständen schade, schaden wolle ... Als Weg dazu gilt: die Verschneidung aller Möglichkeiten zur Feindschaft, die Aushängung aller Instinkte des ressentiment, der “Frieden der Seele” als chronisches Übel.

Diese Denkweise, mit der ein bestimmter Typus Mensch gezüchtet wird, geht von jener absurden Voraussetzung aus: sie nimmt das Gute und das Böse als Realitäten, die mit sich im Widerspruch sind (nicht als complementäre Werthbegriffe, was die Wahrheit wäre), sie räth die Partei des Guten zu nehmen, sie verlangt, daß der Gute dem Bösen bis in die letzte Wurzel entsagt und widerstrebt,—sie verneint thatsächlich damit das Leben, welches in allen seinen Instinkten sowohl das Ja wie das Nein hat. Nicht daß sie dies begriffe: sie träumt umgekehrt davon, zur Ganzheit, zur Einheit, zur Stärke des Lebens zurückzukehren: sie denkt es sich als Zustand der Erlösung, wenn endlich der eignen innern Anarchie, der Unruhe zwischen zwei entgegengesetzten Werth-Antrieben ein Ende gemacht wird.— Vielleicht gab es bisher keine gefährlichere Ideologie, keinen größeren Unfug in psychologicis als diesen Willen zum Guten: man zog den widerlichsten Typus den unfreien Menschen groß, den Mucker, man lehrte, eben nur als Mucker sei man auf dem rechten Wege zur Gottheit, nur ein Mucker-Wandel sei ein göttlicher Wandel ...
— Und selbst hier noch behält das Leben recht—das Leben welches das Ja nicht vom Nein zu trennen weiß—: was hilft es, mit allen Kräften den Krieg für böse zu halten, nicht schaden, nicht Nein thun zu wollen! man führt doch Krieg! man kann gar nicht anders! Der gute Mensch, der dem Bösen entsagt hat, behaftet, wie es ihm wünschbar scheint, mit jener Hemiplegie der Tugend, hört durchaus nicht auf, Krieg zu führen, Feinde zu haben, Nein zu sagen, Nein zu thun. Der Christ zum Beispiel haßt die “Sünde” .. Und was ist ihm nicht alles “Sünde”! Gerade durch jenen Glauben an einen Moral-Gegensatz von Gut und Böse ist ihm die Welt vom Hassenswerthen, vom Ewig-zu-Bekämpfenden übervoll geworden. “Der Gute” sieht sich wie umringt vom Bösen und unter dem beständigen Ansturm des Bösen, er verfeinert sein Auge, er entdeckt unter all seinem Tichten und Trachten noch das Böse:—und so endet er, wie es folgerichtig ist, die Natur für böse, den Menschen für verderbt, das Gutsein als Gnade (das heißt als menschenunmöglich) zu verstehen.— In summa: er verneint das Leben, er begreift, wie das Gute als oberster Werth das Leben verurtheilt ... Damit sollte seine Ideologie von Gut und Böse ihm als widerlegt gelten. Aber eine Krankheit widerlegt man nicht ... Und so concipirt er ein anderes Leben! ...

15 [114]

Die typischen Selbstgestaltungen. Oder: die acht Hauptfragen

1)Ob man sich vielfacher haben will oder einfacher.
2)Ob man glücklicher werden will oder gleichgültiger gegen Glück und Unglück.
3)ob man zufriedner mit sich werden will oder anspruchsvoller und unerbittlicher?
4)ob man weicher, nachgebender, menschlicher werden will oder “unmenschlicher”.
5)ob man klüger werden will oder rücksichtsloser.
6)ob man ein Ziel erreichen will oder allen Zielen ausweichen (—wie es zum Beispiel der Philosoph thut, der in jedem Ziel eine Grenze, einen Winkel, ein Gefängniß, eine Dummheit riecht ...)
7)ob man geachteter werden will oder gefürchteter? Oder verachteter!
8)ob man Tyrann oder Verführer oder Hirt oder Heerdenthier werden will?

15 [115]

Was ist vornehm?

Daß man sich beständig zu repräsentiren hat. Daß man Lagen sucht, wo man beständig Gebärden nöthig hat. Daß man das Glück der großen Zahl überläßt: Glück als Frieden der Seele, Tugend, comfort (englisch-engelhaftes Krämerthum à la Spencer) Daß man instinktiv für sich schwere Verantwortungen sucht. Daß man sich überall Feinde zu schaffen weiß, schlimmsten Falls noch aus sich selbst. Daß man der großen Zahl nicht durch Worte, sondern durch Handlungen beständig widerspricht.

15 [116]

Die Kriegerischen und die Friedlichen

Bist du ein Mensch, der die Instinkte des Krieges im Leibe hat? Und in diesem Falle bliebe noch eine zweite Frage: bist du ein Angriffskrieger oder ein Widerstandskrieger von Instinkt?

— Der Rest von Menschen, alles, was nicht kriegerisch von Instinkt ist, will Frieden, will Eintracht, will “Freiheit”, will “gleiche Rechte”—: das sind nur Namen und Stufen für Ein und dasselbe.

— Dorthin gehen, wo man nicht nöthig hat, sich zu wehren. Solche Menschen werden unzufrieden mit sich, wenn sie genöthigt sind, Widerstand zu leisten

— Zustände schaffen, wo es überhaupt keinen Krieg mehr giebt.

— Schlimmsten Falls sich unterwerfen, gehorchen, einordnen. Immer noch besser als Krieg führen. So räth es zum Beispiel dem Christen sein Instinkt.

Bei den geborenen Kriegern gibt es etwas wie Bewaffnung im Charakter, in der Wahl der Zustände, in der Ausbildung jeder Eigenschaft: die “Waffe” ist im ersten Typus, die Wehr im zweiten am besten entwickelt.

Die unbewaffneten, die Unbewehrten: welche Hülfsmittel und Tugenden sie nöthig haben, um es auszuhalten,—um selbst obzusiegen.

15 [117]

Vom Asketismus der Starken.

Aufgabe dieses Ascetismus, der nur eine Durchgangs-Schulung ist, kein Ziel: sich frei machen von den alten Gefühls-Impulsen der überlieferten Werthe. Schritt für Schritt seinen Weg gehen lernen zum “Jenseits von Gut und Böse”.

Erste Stufe:Atrocitäten aushalten
 Atrocitäten thun
Zweite Stufe, die schwerereMiserabilitäten aushalten
 Miserabilitäten thun: eingerechnet als
 Vorübung: lächerlich werden
 sich lächerlich machen.

— Die Verachtung herausfordern und durch ein (unerrathbares) Lächeln aus der Höhe die Distanz trotzdem festhalten

— eine Anzahl Verbrechen, welche erniedrigen, auf sich nehmen, z.B. Gelddiebstahl, um sein Gleichgewicht auf die Probe zu stellen

eine Zeitlang nichts thun, reden, erstreben, was nicht Furcht oder Verachtung erregt, was nicht die Anständigen und Tugendhaften nothwendig in Kriegszustand versetzt,—was nicht ausschließt ...

das Gegentheil davon darstellen, was man ist (und besser noch: nicht gerade das Gegentheil, sondern bloß ein Anderssein: letzteres ist schwerer)

— auf jedem Seile gehn, auf jeder Möglichkeit tanzen: sein Genie in die Füße bekommen

— seine Ziele zeitweilig durch seine Mittel verleugnen,—selbst verleumden

— ein für alle Mal einen Charakter darstellen, der es verbirgt, daß man fünf sechs andere hat

— sich vor den fünf schlimmen Dingen nicht fürchten, der Feigheit, dem schlechten Ruf, dem Laster, der Lüge, dem Weibe —

15 [118]

Sprüche eines Hyperboreers.

Wir Hyperboreer, wir wissen gut genug, wie abseits wir leben. “Weder zu Wasser, noch zu Lande kannst du den Weg zu den Hyperboreern finden”: das hat Pindar schon von uns gewußt.

Jenseits des Nordens, des Eises, des Todes—unser Leben! unser Glück! ...

Große Dinge verlangen, daß man von ihnen schweigt oder groß redet: groß, das heißt cynisch und mit Unschuld.

Auch der Muthigste von uns hat nur selten den Muth zu dem, was er eigentlich—weiß ...

Man erholt sich in seiner wilden Natur am besten von seiner Unnatur,—von seiner Geistigkeit ...

Wie? ist der Mensch nur ein Fehlgriff Gottes? oder Gott nur ein Fehlgriff des Menschen?

Wir mißtrauen allen Systematikern, wir gehen ihnen aus dem Weg. Der Wille zum System ist, für uns Denker wenigstens, etwas, das compromittirt, eine Form der Unmoralität.

Das Weib, das ewig Weibliche: ein bloß imaginärer Werth, an den allein der Mann glaubt.

Der Mann hat das Weib geschaffen—woraus doch? Aus einer Rippe seines Gottes, seines “Ideals” ...

Man hält das Weib für tief—warum? Weil man nie bei ihr auf den Grund kommt. Aber das Weib hat gar keinen Grund: Es ist das Faß der Danaiden.
Das Weib ist noch nicht einmal flach.

Wer am besten lacht, der lacht auch zuletzt.

“Um allein zu leben, muß man ein Tier oder ein Gott sein”—sagt Aristoteles. [Vgl. Alfred Fouillée, La science sociale contemporaine. Paris: Hachette, 1880:390.] Beweisen wir, daß man Beides sein muß ...

Müßiggang ist aller Philosophie Anfang. Folglich—ist Philosophie ein Laster?

Wie wenig gehört zum Glück! Der Ton eines Dudelsacks ... Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum.

Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! Daß man sie nicht hinterdrein in Stich läßt!—Der Gewissensbiß ist unanständig.

Die Ehe hat die längste Zeit das schlechte Gewissen gegen sich gehabt. Sollte man’s glauben?— Ja, man soll es glauben.

Alles, womit der Mensch nicht fertig zu werden weiß, Alles, was kein Mensch noch verdaut hat, der Koth des Daseins—war er bisher nicht unser bester Dünger? ...

Von Zeit zu Zeit eine Dummheit—oh wie einem sofort wieder die eigne Weisheit schmeckt!

Man muß Muth im Leibe haben, um sich eine Schlechtigkeit zu gestatten. Die “Guten” sind zu feige dazu.

Der Mann ist feige vor allem Ewig-Weiblichen: das wissen die Weiblein.

Was uns nicht umbringt—das bringen wir um, das macht uns stärker. Il faut tuer le Wagnerisme.

“Das waren Stufen für mich. Ich bin über sie hinaufgestiegen. Dazu mußte ich über sie hinweg. Aber sie meinten, ich wollte mich auf ihnen zur Ruhe setzen”.

“Alle Wahrheit ist einfach”: das ist eine zwiefache Lüge.

Alles, was einfach ist, ist bloß imaginär, ist nicht “wahr”. Was aber wirklich, was wahr ist, ist weder Eins, noch auch nur reduzirbar auf Eins.

Kann ein Packesel tragisch sein?— Daß man unter einer Last zu Grunde geht, die man weder tragen, noch abwerfen kann? ...

Unter Weibern.— “Die Wahrheit? Oh Sie kennen die Wahrheit nicht! ... Ist sie nicht ein Attentat auf alle unsere pudeurs?”

“Den Gleichen Gleiches, den Ungleichen Ungleiches—so spricht uns die Gerechtigkeit. Und was daraus folgt, Ungleiches niemals gleich machen.”

Wer seinen Willen nicht in die Dinge zu legen vermag, der legt wenigstens noch einen Sinn hinein: das heißt, er glaubt, daß ein Sinn bereits drin ist.

Der große Stil tritt auf in Folge der großen Leidenschaft. Er verschmäht es, zu gefallen, er vergißt es, zu überreden. Er befiehlt. Er will.

Künstler, wie sie zu sein pflegen, wenn sie ächt sind, bescheiden in ihren Bedürfnissen: sie wollen eigentlich nur Zweierlei ihr Brod und ihre Kunst—panem et Circen ...

Die posthumen Menschen werden schlechter verstanden, aber besser gehört als die zeitgemäßen. Oder, strenger: sie werden nie verstanden—und eben daher ihre Autorität!

Der gute Geschmack in psychologicis: wenn alle Moral-Maskerade unserer Natürlichkeit uns Widerstand macht, wenn auch im Seelischen nur die nackte Natur gefällt.

Man soll nicht unbescheiden sein: wählt man die Tugend und den gehobenen Busen, so soll man nicht auch zugleich die Vortheile der Langfinger haben wollen.

Die Tugend bleibt das kostspieligste Laster: sie soll es bleiben!

Der Mensch ist ein mittelmäßiger Egoist: auch der Klügste nimmt seine Gewohnheit wichtiger als seinen Vortheil.

Die Krankheit ist ein mächtiges Stimulans. Nur muß man gesund genug für das Stimulans sein.

Der vornehme Geschmack zieht auch der Erkenntniß Grenzen. Er will, Ein für alle Mal, Vieles nicht wissen.

Was ist Keuschheit am Mann? Daß sein Geschlechts-Geschmack vornehm geblieben ist; daß er in eroticis weder das Brutale, noch das Krankhafte, noch das Kluge mag.

Hat man sein Warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem Wie? Der Mensch strebt nicht nach Glück, wie die Engländer glauben. —

Wie dürfte man den Mittelmäßigen ihre Mittelmäßigkeit verleiden! Ich thue, man sieht es, das Gegentheil: jeder Schritt weg von ihr führt—so lehre ich—ins Unmoralische ...

Unsere heiligsten Überzeugungen, unser Unwandelbares in Hinsicht auf oberste Werthe sind Urtheile unsrer Muskeln.

“Weißt du noch nicht, was man nöthig hat, um seine Kraft zu verzehnfachen?”—Anhänger?— Nullen!!

— Und wie Jeder, der zu viel Recht hat, mache ich mir nichts daraus, Recht zu behalten. (Schluss der Vorrede)

15 [119]

biologische Isothermen

15 [120]

Was ist gut?— Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen steigert.

Was ist schlecht?— Alles, was aus der Schwäche stammt.

Was ist Glück?— Das Gefühl davon, daß wieder die Macht gewachsen,—daß wieder ein Widerstand überwunden ward.

Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht; nicht Frieden überhaupt, sondern mehr Krieg; nicht Tugend, sondern Tüchtigkeit (Tugend im Renaissance-Stile, virtù, moralinfreie Tugend).

Das was schwach und mißrathen ist soll zu Grunde gehn: oberster Imperativ des Lebens. Und man soll keine Tugend aus dem Mitleiden machen.

Was ist gefährlicher als irgend ein Laster?— Das Mitleiden der That mit allem Mißrathenen und Schwachen,—das Christenthum ...

* * *

Was für ein Typus die Menschheit einmal ablösen wird? Aber das ist bloße Darwinisten-Ideologie. Als ob je Gattung abgelöst wurde! Was mich angeht, das ist das Problem der Rangordnung innerhalb der Gattung Mensch, an deren Vorwärtskommen im Ganzen und Großen ich nicht glaube, das Problem der Rangordnung zwischen menschlichen Typen, die immer dagewesen [sind] und immer dasein werden.

Ich unterscheide einen Typus des aufsteigenden Lebens und einen anderen des Verfalls, der Zersetzung, der Schwäche.

Sollte man glauben, daß die Rangfrage zwischen beiden Typen überhaupt noch zu stellen ist? ...

Dieser stärkere Typus ist oft genug schon dagewesen: aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme,—niemals als gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten bekämpft worden, verhindert worden,—er hatte immer die große Zahl, den Instinkt jeder Art Mittelmaß, mehr noch er hatte die List, die Feinheit, den Geist der Schwachen gegen sich und—folglich—die “Tugend” ... er war beinahe bisher das Furchtbare: und aus der Furcht heraus hat man den umgekehrten Typus gewollt, gezüchtet, erreicht, das Hausthier, das Heerdenthier, das kranke Thier, den Christen ...

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From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel