From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel
 
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The Will to Power
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April—Juni 1885 34 [101-272]

34 [101]

“Wenn ein Weib zu Kindern kommen will, läßt es gewöhnlich nicht die Kindlein zu sich kommen, sondern die Männer!” sagte eine alte Hebamme.

34 [102]

— Man gebe Acht darauf, ob das, was die Deutschen ihre Litteratur nennen, nicht zum besten Theile auf Pfarrerssöhne zurückgeht.— Nun liegt in dieser Abkunft der deutschen Prosa von vornherein die Wahrscheinlichkeit, daß die feierlichen, würdevollen, langsamen, gravitätischen Gattungen am besten gepflegt sind: daß es am Allegro oder gar am Presto fehlen wird. Die außerordentliche Munterkeit eines Stils, wie il principe (ganz abgesehn vom Ernste seiner Angelegenheit), die Kürze Kraft, eine Art Lust am Gedräng schwerer Gedanken, giebt einen Nachhall florentinischer Beredsamkeit, namentlich der Advokaten. Auch in Voltaire ist Advokaten-Geschick höchsten Ranges, Advokaten-tempo. Das schnellste tempo das ich vorfand bei einem Schriftsteller, ist bei Petronius: der läuft wie ein geschwinder Wind und ist folglich nicht lüstern: er ist zu lustig dazu.

34 [103]

Die Deutschen.
Vermuthungen und Wünsche
von
F. N.

34 [104]

NB. Die Deutschen, von denen ich hier nur rede, sind etwas Junges und Werdendes: ich trenne sie ab von den Deutschen der Reformation und des dr[eißigjährigen] Krieges und will nicht an der Geschichtsfälscherei Antheil haben, welche über diese Kluft hinwegspringt: wie als ob damals nichts geschehen wäre. Daß sich in dem 16. Jahrhundert etwas mit ihnen zugetragen hat, was dem Untergang einer früheren Rasse gleich kommt, wird sich schwerlich leugnen lassen: diese Erscheinung der Entmuthigung, der Feigheit, der Greisenhaftigkeit, des chinesischen Zopfes, im Bilde zu reden—das muß im Ganzen die Folge einer furchtbaren Blutverderbniß gewesen sein, hinzugerechnet, daß die männlichen Männer fort und fort in’s Ausland giengen und im Auslande starben oder verdarben. Andererseits hat damals eine unfreiwillige Mischung mit wenig verwandten Rassen stattgefunden: die Unzucht des Krieges war, nach allen Beschreibungen, über die Maaßen unheilvoll. Es gab wohl hier und da noch Reste einer stärkeren Rasse: z. B. ist der Musiker Händel, unser schönster Typus eines Mannes im Reiche der Kunst, ein Zeugniß davon: oder, um ein Weib zu nennen—Frau Professor Gottsched, welche mit Fug und Recht eine gute Zeit lang über die deutschen Professoren das Scepter geführt hat,—man sehe sich doch die Bilder von Beiden an! Manche Gegenden reinigten sich schneller und kamen zur Gesundheit im Ganzen zurück, z. B. Hannover Westphalen Holstein,—da sitzt auch heute noch eine brave bäuerliche und phlegmatische Rasse.— Am schlimmsten stand es wohl mit dem deutschen Adel: der war am tiefsten geschädigt. Was davon zu Hause blieb, litt am Alcoholismus, was hinaus gieng und zurückkam, an der Syphilis. Bis heute hat er in geistigen Dingen wenig mitgeredet; und selbst was Bismarck betrifft, so ist seine Urgroßmutter aus dem Leipziger Professorenstande. —

34 [105]

Der Deutsche—nicht zu reden von den blödsinnigen deutschthümelnden Jünglingen, welche auch heute noch von “germanischen Tugenden” faseln—seine mystische Natur. Es gab noch keine deutsche Bildung: es gab Einsiedler, welche sich mit erstaunlichem Geschick verborgen zu halten wußten, inmitten der gröbsten Barbarei.

34 [106]

Der deutsche Schreibe-stil.
Mephistopheles.

34 [107]

Brutalität   und    dicht    dabei    krankhafte   Zärtlichkeit   des   sinnlichen   Gefühls   bei R[ichard] W[agner]—ist höchst Pariserisch.

34 [108]

Ich nehme die demokratische Bewegung als etwas Unvermeidliches: aber als etwas, das nicht unaufhaltsam ist, sondern sich verzögern läßt. Im Großen aber nimmt die Herrschaft des Heerden-Instinkts und [der] Heerden-Werthschätzungen, der Epicureisme und das Wohlwollen mit einander zu: der Mensch wird schwach, aber gut und gemüthlich.

34 [109]

NB. Die Parlamente mögen für einen starken und biegsamen Staatsmann äußerst nützlich sein, er hat da etwas, worauf er sich stützen kann—jedes solche Ding muß widerstehn können!— wohin er viele Verantwortung abwälzen kann! Im Ganzen aber wünschte ich, daß   der   Zahlen-Blödsinn   und   der   Aberglaube  an  Majoritäten  sich  noch  nicht  in D[eutschland] wie bei den lateinischen Rassen festsetzte; und daß man endlich auch noch etwas in politicis erfinde! Es hat wenig Sinn und viel Gefahr, die noch so kurze und leicht wieder ausrottbare Gewohnheit des allgemeinen Stimmrechts tiefer Wurzel schlagen zu lassen: während seine Einführung doch nur eine Noth- und Augenblicks-Maaßregel war.

34 [110]

Mir scheint das erfinderische Vermögen und die Anhäufung von Willens-Kraft am größten und unverbrauchtesten bei den Slaven zu sein, Dank einem absoluten Regimente: und ein slavisches Erd-Regiment gehört nicht zu dem Unwahrscheinlichsten. Die Engländer wissen die Consequenzen ihrer eigenen starrköpfigen “Selbst-Herrlichkeit” nicht zu überwinden, sie bekommen auf die Dauer immer mehr die homines novi ans Ruder und zuletzt die Weiber ins Parlament. Aber Politik treiben ist zuletzt auch Sache der Vererbung: es fängt keiner an, aus einem Privatmann ein Mensch mit ungeheurem Horizonte zu werden.

34 [111]

Die Deutschen sollten eine herrschende Kaste züchten: ich gestehe, daß den Juden Fähigkeiten innewohnen, welchen ihre Ingredienz bei einer Rasse, die Weltpolitik treiben soll, unentbehrlich ist. Der Sinn für Geld will gelernt, vererbt und tausendfach vererbt sein: jetzt noch nimmt es der Jude mit dem Amerikaner auf.

34 [112]

Ich zeige auf etwas Neues hin: gewiß, für ein solches demokratisches Wesen giebt es die Gefahr des Barbaren, aber man sieht sie nur in der Tiefe. Es giebt auch eine andere Art Barbaren, die kommen aus der Höhe: eine Art von erobernden und herrschenden Naturen, welche nach einem Stoffe suchen, den sie gestalten können. Prometheus war ein solcher Barbar. —

34 [113]

Kein Volk von “Politikern von Beruf,” von Zeitungslesern!

34 [114]

— — — Die Kleinheit und Erbärmlichkeit der deutschen Seele war und ist ganz und gar nicht eine Folge der Kleinstaaterei: man ist bekanntlich in noch viel kleineren Staaten stolz und selbstherrlich gewesen und nicht die Großstaaterei an sich macht die Seele freier und männlicher. In wessen Seele ein sklavischer Imperativ “du sollst und mußt knieen!” eine unfreiwillige Nackenbeugung gebietet vor Ehren-Titeln, Orden, gnädigen Blicken von Oben hinunter, der wird sich in einem “Reiche” nur noch tiefer bücken und den Staub vor dem großen Landesvater nur noch inbrünstiger auflecken, als er es vor dem kleinen that: daran ist nicht zu zweifeln.— Man sieht den Italiänern der unteren Stände es heute noch an, daß aristokratische Selbstgenugsamkeit und männliche Zucht und Gewißheit ihrer selber zur längsten Geschichte ihrer Stadt gehört und ihnen am besten vorgemacht worden ist; ein armer Gondoliere in Venedig ist immer noch eine bessere Figur als ein Berliner wirklicher Geheimrath, und zuletzt gar noch ein besserer Mann: das greift man mit den Fingern. Man frage darüber bei den Weibern an.

34 [115]

Die Bedienten-Seele.
Die Blut-Verderbniß.
Die moralische Tartüfferie.
Das “Gemüth.” [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Goethe's Spruche in Prosa. Zum ersten Mal erläutert und auf ihre Quellen zurückgeführt von G. von Loeper. Berlin, Gust. Hempel, 1870:68. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Johann Wolfgang von Goethe.]
Die Unklarheit.
Die Verzögernden.
Muthmaßung über das Südländische.
Die Häßlichkeit.
Die Hinter-Seele.
Die Abhängigkeit von Frankreich.
Der deutsche Professor und der Offizier.
Die niaiserie allemande. [s. Fußnote.]
Der deutsche Schreibestil.
Die Einsiedler.
Das “Ewig-Weibliche” am deutschen Manne.
Der Rausch und die Musik.
Der “historische Sinn.”
Der Schauspieler.
Die Bequemlichkeit (Philister) und der Krieg.
Die Philosophen.
Der Pessimismus. (Vergleich mit Frankreich).
Mehr Heerdenthier als je—aber es giebt günstige Bedingungen auch für Einzelne.

["niaiserie allemande" in Nietzsche's Library:

"niaiserie allemande"

Prosper Mérimée, Lettres à une inconnue. Précédées d'une étude sur Mérimée par H. Taine. Vol. 1. Paris: Michel Lévy Frères, 1874, 328:

"[Goethe's Wilhelm Meister] est un étrange livre, où les plus belles choses du monde alternent avec les enfantillages les plus ridicules. Dans tout ce qu’a fait Goethe, il y a un mélange de génie et de niaiserie allemande des plus singuliers: se moquait — il de lui-même ou des autres?" ([Goethe's Wilhelm Meister] is a strange book, where the most beautiful things in the world alternate with the most ridiculous childish behavior. In everything Goethe produces, there is the most remarkable mixture of genius and German inanity: poking fun at — himself or others?)

"Deutscher Niaiserie"

Arthur Schopenhauer, "Kritik der Kantischen Philosophie." In: Arthur Schopenhauer's sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt. Bd. 2, 1: Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band. Vier Bücher, nebst einem Anhange, der die Kritik der Kantischen Philosophie enthält. Leipzig: Brockhaus, 1873, 508:

"Jedoch die größte Frechheit im Auftischen haaren Unsinns, im Zusammenschmieren sinnleerer, rasender Wortgeflechte, wie man sie bis dahin nur in Tollhäuser vernommen hatte, trat endlich im Hegel auf und wurde das Werkzeug der plumpesten allgemeinen Mystifikation, die je gewesen, mit einem Erfolg, welcher der Nachwelt fabelhaft erscheinen und ein Denkmal Deutscher Niaiserie bleiben wird." (However, the greatest piece of impertinence in dishing out sheer nonsense, in combination with frantic tangles of meaningless words, the likes of which had been heard up to then only in madhouses, finally appeared in Hegel, and became the tool of the crudest general mystification that has ever been, with a result that will appear fabulous to posterity and remain a monument to German niaiserie.)]

34 [116]

Das Achtbarste an Kant ist, daß er über die Leibnitzische Verführung hinwegkam und das Beste vom vorigen Jahrhundert, den Sensualismus festhielt. [Vgl. Gustav Teichmüller, Die wirkliche und die scheinbare Welt: Neue Grundlegung der Metaphysik. Breslau: Koebner, 1882:139.]

34 [117]

NB. Schopenhauer, in seiner Jugend durch die Romantiker verführt und von seinen besten Instinkten abgelenkt, war im Grunde Voltairianer mit Kopf und Eingeweiden, und recht ein Kind des vorigen Jahrhunderts—im Übrigen aber durch die Griechen und durch Goethe über den französischen Geschmack hinausgeführt—und vor allem—kein Theolog! Die “Unveränderlichkeit des Charakters,” auf deutsch vielleicht die Faulheit, und andererseits der Glaube an die Unfehlbarkeit des Genie’s (auf deutsch vielleicht die Eitelkeit) brachte ihn dazu, seine “Jugendsünde,” ich meine seine Metaphysik des Willens,  vorzeitig  heilig  zu  sprechen;  und  sich  selber  nicht  mehr  zu  “entwickeln.” Ein M[ensch] von seiner Begabung und inneren discordia hatte das Zeug zu fünf “besseren” Systems im Kopfe, und eines immer wahrer und falscher als das andre.

34 [118]

Wir verstehn einen “causalen” Zusammenhang nicht, wir sehen aber, daß ein Factum, um constatirt zu werden, mehrere Facta in sich begreifen [soll]. Unsere Analyse stellt ein Nacheinander auf. Die Zahlen, die sich dabei ergeben, bedeuten nichts für den Zusammenhang jener Erscheinungen unter sich, sondern können irreführen: weil der Mensch in manchen Instinkten festgestellt ist, ergiebt sich eine Ähnlichkeit der Zahlenverhältnisse im Bezug zu ihm.

34 [119]

Stehen unsere Gedanken in einem causalen unmittelbaren Verhältnisse zu anderen? Oder ist deren logische Verbindung ein Schein? Ich meine, eine Folge davon, daß die veranlassenden Vorgänge jedes dieser Gedanken in einer Verbindung stehn, welche sich uns als “Schluß” und dergleichen darstellt. Es sind lauter Endglieder?— Oder giebt es ein unmittelbares Einwirken eines Gedankens auf einen anderen? Ein “Verursachen” hier wenigstens?

34 [120]

Die Erscheinungswelt “leerer Schein und Trug,” das Causalltäts-Bedürfniß, welches zwischen Erscheinungen Verbindungen herstellt, ebenfalls “leerer Schein und Trug”—damit kommt die moralische Verwerfung des Trügerischen und Scheinbaren zu Wort. Man muß darüber hinweg gehn. Es giebt keine Dinge an sich, auch kein absolutes Erkennen, der perspektivische, täuschende Charakter gehört zur Existenz. [Vgl. Maximilian Drossbach, Ueber die scheinbaren und die wirklichen Ursachen des Geschehens in der Welt. Halle: Pfeffer, 1884:10.]

34 [121]

Daß meine Werthschätzung oder Verurtheilung eines Menschen noch keinem anderen Menschen ein Recht giebt zu der gleichen Werthschätzung oder Verurtheilung:— es sei denn, daß er mir gleich steht und gleichen Ranges ist. Die entgegengesetzte Denkweise ist die der Zeitungen: daß die Werthschätzungen von Menschen und Sachen Etwas “an sich” seien, zu denen Jeder wie nach seinem Eigenthume greifen dürfe. Hier ist eben die Voraussetzung, das Alle gleichen Ranges sind.— Wahrhaftig sein ist eine Auszeichnung

34 [122]

Daß Etwas Entstandenes nicht erkannt ist, wenn man seine Entstehung (Vater und Mutter) kennt: sondern daß man es schon kennen muß, um in den Entstehungs-Bedingungen etwas “Verwandtes” zu entdecken—und daß dies meist ein Schein ist:—in Wahrheit ist ja das Wiedererkennen des väterlichen und mütterlichen Elements im Kinde nur bei einem Aggregat möglich, und unwillkürlich suchen wir, um zu erklären, etwas Neues nur als ein Aggregat, eine Zusammenordnung zu fassen d. h. die Analyse bezieht sich nicht auf die wirkliche Entstehung, sondern auf eine fingirte, gar nicht geschehene “mechanische” Zusammenordnung und Addition. Der Erklärende nimmt die Thatsachen dümmer und einfacher als sie sind.

34 [123]

Daß der Mensch eine Vielheit von Kräften ist, welche in einer Rangordnung stehen, so daß es Befehlende giebt, aber daß auch der Befehlende den Gehorchenden alles schaffen muß, was zu ihrer Erhaltung dient, somit selber durch deren Existenz bedingt ist. Alle diese lebendigen Wesen müssen verwandter Art sein, sonst könnten sie nicht so einander dienen und gehorchen: die Dienenden müssen, in irgend einem Sinne, auch Gehorchende sein, und in feineren Fällen muß die Rolle zwischen ihnen vorübergehend wechseln, und der, welcher sonst befiehlt, einmal gehorchen. Der Begriff “Individuum” ist falsch. Diese Wesen sind isolirt gar nicht vorhanden: das centrale Schwergewicht ist etwas Wandelbares; das fortwährende Erzeugen von Zellen usw. giebt einen fortwährenden Wandel der Zahl dieser Wesen. Und mit Addiren ist überhaupt nichts gemacht. Unsere Arithmetik ist etwas zu Grobes für diese Verhältnisse und nur eine Einzel-Arithmetik.

34 [124]

Die Logik unseres bewußten Denkens ist nur eine grobe und erleichterte Form jenes Denkens, welches unser Organismus, ja die einzelnen Organe desselben, nöthig hat. Ein Zugleich-denken z. B. ist nöthig, von dem wir kaum eine Ahnung haben. Vielleicht ein Künstler der Sprache: das Zurückrechnen mit der Schwere und Leichtigkeit der Silben, das Vorausrechnen, zugleich das Analogie-suchen von der Schwere des Gedankens mit den lautlichen resp. den physiologischen Kehlkopf-Bedingungen, geschieht zugleich—aber freilich nicht als bewußt.

Unser Causal-Gefühl ist etwas ganz Grobes und Vereinzeltes gegen die wirklichen Causal-Gefühle unseres Organismus. Namentlich ist das “Vorher” und “Nachher” eine große Naivetät.

Zuletzt: wir mußten alles erst erwerben für das Bewußtsein, einen Zeit-sinn, Raum-sinn, Causal-sinn: nachdem es ohne Bewußtsein lange schon viel reicher existirt hatte. Und zwar eine gewisse einfachste schlichteste reduzirteste Form: unser bewußtes Wollen, Fühlen, Denken ist im Dienste eines viel umfänglicheren Wollens Fühlens und Denkens.— Wirklich?

Wir wachsen fortwährend noch, unser Zeit- Raumsinn usw. entwickelt sich noch.

34 [125]

Es läßt sich nichts voraussagen, aber bei einer gewissen Erhöhung des Typus Mensch kann eine neue Kraft sich offenbaren, von der wir bisher nichts wußten. (Nämlich eine Synthesis von Gegensätzen?)

34 [126]

Der Seufzer Kleists über die schließliche Unerkennbarkeit — [Vgl. Heinrich von Kleist, 22. März 1801: Brief an Wilhelmine von Zenge. 23. März 1801: Brief an Ulrike von Kleist.]

34 [127]

Wir sind Anfänger im Lernen z. B. mit unserer Art Logik. Oder unseren Leidenschaften. Oder unserer Mechanik. Oder unserer Atomistik, welche der ehrlichste Versuch ist, die Welt für das Auge zu construiren, und für den zählenden arithmetischen Verstand (also anschaulich und berechenbar)

34 [128]

Unsere “Mittel und Zwecke” sind sehr nützliche Abbreviaturen, uns Vorgänge handlich, überschaulich zu machen.

34 [129]

1. Der Wille zur Wahrheit.
2. Jenseits von Gut und Böse.
3. Der Mensch als Künstler.
4. Von der hohen Politik.
5. Der züchtende Gedanke.

34 [130]

Das abstrakte Denken ist für Viele eine Mühsal, für mich, an guten Tagen, ein Fest und ein Rausch.

34 [131]

Wie ein Feldherr von vielen Dingen nichts erfahren will und erfahren darf, um nicht die Gesamt-Überschau zu verlieren: so muß es auch in unserem bewußten Geiste vor Allem einen ausschließenden wegscheuchenden Trieb geben, einen auslesenden, welcher nur gewisse facta sich vorführen läßt. Das Bewußtsein ist die Hand, mit der der Organismus am weitesten um sich greift: es muß eine feste Hand sein. Unsere Logik, unser Zeitsinn, Raumsinn sind ungeheure Abbreviatur-Fähigkeiten, zum Zwecke des Befehlens. Ein Begriff ist eine Erfindung, der nichts ganz entspricht; aber Vieles ein wenig: ein solcher Satz “2 Dinge, einem dritten gleich, sind sich selber gleich” setzt 1) Dinge 2) Gleichheiten voraus: beides giebt es nicht. Aber mit dieser erfundenen starren Begriffs- und Zahlenwelt gewinnt der Mensch ein Mittel, sich ungeheurer Mengen von Thatsachen wie mit Zeichen zu bemächtigen und seinem Gedächtnisse einzuschreiben. Dieser Zeichen-Apparat ist seine Überlegenheit, gerade dadurch, daß er sich von der Einzel-Thatsache möglichst weit entfernt. Die Reduktion der Erfahrungen auf Zeichen, und die immer größere Menge von Dingen, welche also gefaßt werden kann: ist seine höchste Kraft. “Geistigkeit” als Vermögen, über eine ungeheure Menge von Thatsachen in Zeichen Herr zu sein. Diese geistige Welt, diese Zeichen-Welt ist lauterSchein und Trug,” ebenso schon wie jedes “Erscheinungsding”—und dermoral[ische] M[ensch] empört sich wohl! (wie für Napoleon nur die wesentl[ichen] Instinkte des Menschen bei seinen Rechnungen in Betracht kamen und er von den ausnahmsweisen ein Recht hatte, keine Notiz zu nehmen z. B. vom Mitleiden—auf die Gefahr hin, hier und da sich zu verrechnen) [Vgl. Maximilian Drossbach, Ueber die scheinbaren und die wirklichen Ursachen des Geschehens in der Welt. Halle: Pfeffer, 1884:10.]

34 [132]

Was ist denn “wahrnehmen”? Etwas-als-wahr-nehmen: Ja sagen zu Etwas.

34 [133]

NB. Es ist etwas Krankhaftes am ganzen bisherigen Typus der Philosophen, es mag viel an ihm mißrathen sein. Statt sich und die Menschen höher zu führen, gehen die Philosophen am liebsten bei Seite und suchen, ob es nicht einen anderen Weg gäbe: das ist vielleicht an sich schon das Anzeichen eines entartenden Instinkts. Der wohlgerathene Mensch freut sich an der Thatsache “Mensch” und am Wege des Menschen: aber—er geht weiter!

34 [134]

Was mein Werth-Urtheil ist, ist es nicht für einen Anderen. Das Annehmen von Werth-Urtheilen wie von Kleidungsstücken ist trotzdem die häufigste Thatsache: so entsteht von außen her erst Haut, dann Fleisch, endlich Charakter: die Rolle wird Wahrheit.

34 [135]

Diesen deutschen Idealisten habe ich oft zugesehn, sie aber nicht mir!— sie wissen und riechen nichts davon, was ich weiß, sie gehen ihren sanften Schlendergang, sie haben das Herz voll anderer Begierden als ich: sie suchen andere Luft, andere Nahrung, anderes Behagen. Sie sehen hinauf, ich sehe hinaus,—wir sehen nie das Gleiche.

— Mit ihnen umzugehn ist mir verdrießlich. Sie mögen an ihrem Leibe schon die Reinlichkeit lieben: aber ihr Geist ist ungewaschen, ihr “folglich” riecht mir faul, sie entrüsten sich, wo bei mir die fröhliche Neugierde anhebt, sie haben sich die Ohren nicht ausgewischt, wenn ich bereit bin, mein Lied zu singen.

34 [136]

— Dieser Sokrates, der schlaue Gründe dafür suchte, so zu handeln, wie die Sitte anbefahl, war ganz nach dem Herzen der “delphischen Priesterschaft”! und seine Bekehrung des Plato war das Meisterstück seiner Verführungs-Kunst. Die angelernten Begriffe als göttlichen Ursprungs, die volksthümlichen Werthschätzungen als die ewigen und unvergänglichen:—aber sie, für ein feineres Geschlecht, neu aufzuputzen, ihnen den Pfeffer und Beifuß der dialektischen Freude beizugesellen, sie unter einer geschwätzigen und verliebten Jugend zur Entzündung [von] Rede- und That-Wetteifer zu benutzen —

34 [137]

— Sie sind mir so fremd: ich müßte ihnen, um mit ihnen zu leben, immer gerade das Entgegengesetzteste lehren, von dem, was ich für wahr halte und was mir erquicklich scheint: und unter ihnen erdachte ich das Sprüchwort “nicht nur das Gold, auch das Leder glänzt.”

34 [138]

In Deutschland hat es immer an Geist gefehlt, und die mittelmäßigen Köpfe kommen da schon zu den höchsten Ehren, weil sie schon selten sind. Was am besten geschätzt wird, das ist Fleiß und Beharrlichkeit und ein gewisser kaltblütiger kritischer Blick; und um solcher Eigenschaften willen ist deutsche Philologie, deutsches Kriegswesen über Europa Meister geworden.

34 [139]

NB. Für feinere und klügere Ohren klingt fast jedes Lob einer Tugend lächerlich: sie hören noch keine Tugend heraus z. B. wenn einer “bescheiden” genannt wird (falls er sich richtig abschätzt!) oder daß einer “wahrhaftig” heißt (falls er nicht getäuscht sein will!) oder “mitleidig” (falls er ein weiches nachgebendes Herz hat) [oder] keusch (falls er ein Frosch ist und andererseits doch nicht gern an Sümpfen lebt)

34 [140]

NB. Es giebt [eine] Arglosigkeit der wiss[enschaftlichen] M[enschen], welche an Blödsinn grenzt: sie haben keinen Geruch davon, wie gefährlich ihr Handwerk ist, sie glauben im Grunde ihres Herzens, daß “Liebe zur Wahrheit” und “das Gute, Schöne und Wahre” ihre eigentliche Angelegenheit sei. Ich meine nicht “gefährlich” in Hinsicht auf die auflösenden Wirkungen, sondern in Hinsicht auf das ungeheure Schwergewicht der Verantwortlichkeit, welches Einer auf sich fühlt, welcher zu merken beginnt, daß alle Werthschätzungen, nach denen die Menschen leben, auf die Dauer den Menschen zu Grunde richten.

34 [141]

NB. Die entmännlichende und vielleicht entmannende Wirkung des vielen Betens gehört auch unter die Schädigungen des deutschen Wesens seit der Reformation. Es ist eine Sache schlechten Geschmacks unter allen Umständen, viel zu bitten, statt viel zu geben: die Mischung demüthiger Servilität mit einer hoffärtig-pöbelhaften Zudringlichkeit, mit der sich z. B. der heilige Augustin in seinen confessiones vor Gott wälzt, erinnert daran, daß der Mensch vielleicht nicht allein unter den Thieren das religiöse Gefühl hat- der Hund hat für den Menschen ein ähnliches “religiöses Gefühl.”— Der betende Verkehr mit G[ott] züchtet die erniedrigende Stimmung und Attitüde, welche auch in unfrommen Zeiten, durch Vererbung, noch ihr Recht behauptet: die Deutschen erstarben bekanntlich vor Fürsten oder vor Parteiführern oder vor der Phrase “als unterthänigster Knecht.” Es soll damit vorüber sein. [Vgl. Aurelius Augustinus, Confessiones. Nicht bekannt welche Ausgabe Nietzsche besaß. s. Nizza 31 März 1885: Brief an Franz Overbeck. “Ich las jetzt, zur Erholung, die Confessionen des h[eiligen] Augustin, mit großem Bedauern, daß Du nicht bei mir warst. Oh dieser alte Rhetor! Wie falsch und augenverdreherisch! Wie habe ich gelacht! (zb. über den ‘Diebstahl’ seiner Jugend, im Grunde eine Studenten-Geschichte.) Welche psychologische Falschheit! (zb. als er vom Tode seines besten Freundes redet, mit dem er Eine Seele gewesen sei, ‘er habe sich entschlossen, weiter zu leben, damit auf diese Weise sein Freund nicht ganz sterbe.’ So etwas ist ekelhaft verlogen.) Philosophischer Werth gleich Null. Verpöbelter Platonismus, das will sagen, eine Denkweise, welche für die höchste seelische Aristokratie erfunden wurde, zurecht gemacht für Sklaven-Naturen. Übrigens sieht man, bei diesem Buche, dem Christenthum in den Bauch: ich stehe dabei mit der Neugierde eines radikalen Arztes und Physiologen. —”]

34 [142]

NB. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, sämmtliche Tugenden aus dem Egoismus “abzuleiten.” Ich will erst bewiesen haben, daß es “Tugenden” sind und nicht nur zeitweilige Erhaltungs-Instinkte bestimmter Heerden und Gemeinden.

34 [143]

Diese weichliche Angst vor dem “gräßlichen Fanatismus”

34 [144]

NB.— er bewegte und schloß wieder die Lippen und blickte wie Einer, der noch Etwas zu sagen hat und zögert, es zu sagen. Und es dünkte denen, welche ihm zusahen, daß sein Gesicht dabei leise erröthet sei. Dies dauerte eine kleine Weile: dann aber, mit Einem Male, schüttelte er den Kopf, schloß freiwillig die Augen—und starb. —

Also geschah es, daß Zarathustra untergieng.

34 [145]

Er führt seine Freunde immer höher, auch an seine Höhle und endlich auf den hohen Berg: da stirbt er.

segnend: Gräberinsel Höhle.

Die Stationen: und jedes Mal Reden.

Mittag und Ewigkeit
Von
Friedrich Nietzsche.

Erster Theil:
die Heroldsrufe.

Zweiter Theil:
die Verkündigung.

Dritter Theil:
die Gelobenden.

Vierter Theil:
Aufgang und Untergang.

34 [146]

Einem, dem daran gelegen ist, unter welchen Bedingungen die Pflanze “Mensch” [nach Vittorio Alfieris Satz: “La pianta uomo nasce più robusta qui che altrove,” zitiert bei Stendhal: Rome, Naples et Florence. Paris: Lévy, 1854:383.] am kräftigsten in die Höhe wächst,—einem solchermaaßen Beschäftigten ist das Erscheinen einer neuen politischen Macht, falls sie nicht auf neue Gedanken sich stellt, noch kein Ereigniß: er hat kaum Zeit, näher zuzusehn.

Man mißverstehe mich nicht: ich wollte mit diesem Buche erklären, weshalb die Entstehung des deutschen Reiches mir gleichgültig geblieben ist: ich sehe einen Schritt weiter in der Demokratisirung Europas und auch einen Schritt weiter in der moral[ischen] Verlogenheit Europas.— nichts mehr, nichts Neues. Die Demokratie aber ist die Form eines Verfalls des Staates, einer Entartung der Rassen, eines Übergewichts der Mißrathenden: das habe ich schon Ein Mal gesagt.

34 [147]

Ein Mensch, dem fast alle Bücher oberflächlich geworden sind, der vor wenigen Menschen der Vergangenheit noch den Glauben übrig hat, daß sie Tiefe genug besessen haben, um—nicht zu schreiben, was sie wußten.

Ich habe so viele verbotene Dinge gedacht und bin dort guter Dinge und immer zu Hause gewesen, wo auch rechtschaffenen und tüchtigen Geistern der Athem ausgeht: so sehe ich es immer mit Erstaunen,  wenn ich noch etwas mitzutheilen finde. Ob ich gleich recht gut weiß, daß mir meine Gedankenstriche lieber sind als meine mitgetheilten Gedanken.

Wie  viele  Gelehrte  könnte  ich  beschäftigen; und  wenn  ich  vielleicht  in  einzelnen  Fällen  dies  gethan  habe —

Der Übelstand, den es hat, Gelehrte auf Gebiete zu treiben, wo Freiheit, Feinheit und Unbedenklichkeit noth thun, liegt darin, daß sie nicht über sich hinaus sehen können—daß sie dort keine Augen haben, wo sie keine Erlebnisse [haben.] Um z. B. darzustellen, was das moralische Gewissen ist, dazu müßte Einer tief und verwundet und ungeheuer sein wie das Gewissen Pascals und dann noch jenen ausgespannten Himmel von heller und boshafter Geistigkeit besitzen, welche von oben herab dieses Gewimmel von Erlebnissen übersieht, ordnet und auslacht.

Als ich jünger war, meinte ich, daß mir einige hundert Gelehrte fehlten, welche ich wie Spürhunde in die Gebüsche—ich meine in die Geschichte der menschlichen Seele—treiben könnte, mir mein Wild aufzujagen. Inzwischen lernte ich, daß zu den Dingen, welche meine Neugierde reizen, auch Gehülfen schwer zu finden sind.

34 [148]

Ich glaube zu fühlen, daß Socrates tief war—seine Ironie war vor Allem die Nöthigung, sich oberflächlich zu geben, um überhaupt mit Menschen verkehren zu können—; daß Caesar Tiefe hatte: insgleichen vielleicht jener Hohenstaufe Friedrich der Zweite: sicherlich Leonardo da Vinci; in nicht geringem Grade Pascal, der nur dreißig Jahr zu früh starb, um aus seiner prachtvollen bitterbösen Seele heraus über das Christenthum selber hohnzulachen, wie er es früher und jünger über die Jesuiten gethan hat.

34 [149]

NB. Ich ehre M[ichel] Angelo höher als Raffael, weil er, durch alle christlichen Schleier und Befangenheiten seiner Zeit hindurch, die Ideale einer vornehmeren Cultur gesehn hat, als es die christlich-raffaelische ist: während Raffael treu und bescheiden nur die ihm gegebenen Werthschätzungen  verherrlichte  und  keine  weitersuchenden, sehnsüchtigen  Instinkte  in  sich  trug. M[ichel] Angelo aber sah und empfand das Problem des Gesetzgebers von neuen Werthen: ebenso das Problem des Siegreich-Vollendeten, der erst nöthig hatte, auch “den Helden in sich” zu überwinden; den zu Höchstem gehobenen Menschen, der auch über sein Mitleiden erhaben ward und erbarmungslos das ihm   Unzugehörige   zerschmettert   und   vernichtet,—glänzend   und   in   ungetrübter   Göttlichkeit.  M[ichel] A[ngelo] war, wie billig, nur in Augenblicken so hoch und so außerhalb seiner Zeit und des christlichen Europas: zumeist verhielt er sich condescendent gegen das Ewig-Weibliche am Christenthum; ja es scheint, daß er noch zuletzt gerade vor diesem zerbrach und das Ideal seiner höchsten Stunden aufgab. Es war nämlich ein Ideal, dem nur der Mensch der stärksten und höchsten Lebens-Fülle gewachsen sein kann, nicht aber ein altgewordener Mann! Im Grunde hätte er ja das Christenthum von seinem Ideale aus vernichten müssen! Aber dazu war er nicht Denker und Philosoph genug.— L[eonardo] da Vinci hat vielleicht allein von jenen Künstlern einen wirklich überchristlichen Blick gehabt. Er kennt “das Morgenland,” das innewendige so gut als das äußere. Es ist etwas Über-Europäisches und Verschwiegenes an ihm, wie es Jeden auszeichnet, der einen zu großen Umkreis von guten und schlimmen Dingen gesehn hat.

34 [150]

NB. Schopenhauer, ein rechtschaffner Denker, insgleichen kein übler Schriftsteller über philosophische Gegenstände, wenngleich für sich selber kein Philosoph: in Hinsicht auf die jetzige Jugend (und auch auf solche Alte, welche in ihren Ansprüchen an Schärfe der Begriffe, Helle des Himmels und—Wissenschaftlichkeit bescheiden sind) noch nicht zu ersetzen, denn er lehrt Verehrung, wo er selber verehrt hat, vor dem kritischen Geiste Kants, vor Goethe, vor den Griechen, vor den freigeistischen Franzosen; zu seiner Zeit war er vielleicht der best-gebildete Deutsche, mit einem europäischen Horizonte: es giebt selbst Augenblicke, wo er mit morgenländischen Augen sieht. Der Pessimismus, wie er ihn verstand, ist ebenfalls kein kleiner Lehrmeister der Verehrung auf Gebieten, wo Verehrung nicht zu Hause war: z. B. vor dem indischen Alterthum, vor dem alten eigentlichen Christenthum, dem katholischen, gegen welches die protestantische Schul-Erziehung den Geschmack [zu] wenden pflegt.

34 [151]

Über das “Genie.” Wie wenig Begabung z. B. bei R[ichard] W[agner]! Gab es je einen Musiker, der in seinem 28. [Jahre] so arm war (nicht so unentwickelt, unaufgeschlossen, sondern so arm), daß er auf Meyerbeer neidisch war—so arg neidisch, um sich sein Leben-lang darüber zu ärgern? und folglich, mit der Folgerichtigkeit “schöner Seelen,” es ihm sein Lebenlang nachzutragen? Andererseits lernt man, wie Kant mit Recht Fleiß und Beharrlichkeit als das rühmt usw.

34 [152]

Unter guten Musikern gilt Verdi für reich, gegen W[agner] berechnet: der Gründe hatte, sparsam zu sein und seine “Erfindungen” gut “anzulegen,” Wucher mit “Leitmotiven” zu treiben und sein “Gold” bei sich zu behalten, daß man darauf hin einen tausendfach zu großen Credit genießt: hat es W[agner] den Juden abgelernt?

34 [153]

NB. Ein Weib will Mutter sein; und wenn sie das nicht will, ob sie es schon sein könnte, so gehört sie beinahe in’s Zuchthaus: so groß ist dann gewöhnlich ihre innewendige Entartung.

34 [154]

NB. Deutschland hat nur Einen Dichter hervorgebracht, außer Goethe: das ist Heinrich Heine—und der ist noch dazu ein Jude. Aber in Frankreich ebenso wie in Italien, Spanien und England und wo man nur — — —; er hatte den feinsten Instinkt für die blaue Blume “deutsch,” freilich auch für den grauen Esel “deutsch.” Die Pariser behaupten außerdem, daß er Mit 2 anderen Nicht-Parisern die Quintessenz des Pariser Geistes darstelle[.] [Vgl. Edmond and Jules Huot de Goncourt, Idées et sensations. Paris: Charpentier, 1877:219.]

34 [155]

Über die Philosophen.
Über die Weiber.
Über die Musiker.
Über die Völker.
Über die Gelehrten.
Über die Schriftsteller.
Über die Frommen.
Über Heerden—und Heerden-Instinkte.
“der gute Mensch”
Über die Herrschenden.
Über die alten Griechen.
Dionysos—Diabolus.

Die guten Europäer.
Ein Beitrag zur Beschreibung
der europäischen Seele.

34 [156]

Eine Vorrede über Rangordnung.

Dies sind meine Urtheile: und ich gebe, dadurch daß ich sie drucke, so noch Niemandem das Recht, sie als die seinen in den Mund zu nehmen: am wenigsten halte ich sie für “öffentliches Gemeingut,” und ich will dem auf die Finger klopfen, der sich an ihnen vergreift. Es giebt Etwas, das in einem Zeitalter des “gleichen Rechts für Alle” unangenehm klingt: das ist Rangordnung.

34 [157]

NB. Zur Erklärung jenes innerlichen verwegenen Scepticismus in Deutschland, der daselbst größer und seiner selber gewisser ist als in irgend einem Lande Europa’s, gehört jene Thatsache, daß die protestantische Geistlichkeit immer an Kindern fruchtbar gewesen ist und gleich Luther, nicht nur auf der Kanzel ihre Stärke gehabt hat: und aus dem gleichen Grunde, aus dein Machiavell den Scepticismus der Italiäner ableitet—sie haben den Stellvertreter Gottes und seinen Hof immer zu nahe vor Augen gehabt—haben Allzuviele von den deutschen Philosophen und Gelehrten als Kinder von Predigern und sonstigem Kirchen-Zubehör dem “Priester” zugesehn—und glauben folglich nicht mehr an Gott. Der Protestantismus ist von vorn herein wesentlich Unglaube an den “Heiligen”; die deutsche Philosophie ist wesentlich Unglaube an die homines religiosi und die Heiligen zweiten Ranges, an alle die Land- und Stadtpfarrer, hinzugenommen die Theologen der Universität—und insofern mag die deutsche Philosophie eine Fortsetzung des Protestantismus sein.

34 [158]

NB. Die Außen-Welt ist das Werk unserer Organe folglich ist unser Leib, ein Stück Außenwelt, das Werk unserer Organe—folglich sind unsere Organe das Werk unserer Organe. Dies ist eine vollständige reductio ad absurdum: folglich ist die Außenwelt nicht das Werk unserer Organe.

34 [159]

Pfeile.
Gedanken über und gegen die
europäische Seele

Das Recht der Vorrechte.

34 [160]

Pfeile.
Gedanken
über und gegen die deutsche Seele
.
Von
Friedrich Nietzsche.

34 [161]

NB. Ein tüchtiger Handwerker oder Gelehrter nimmt sich gut aus, wenn er seinen Stolz bei seiner Kunst hat und genugsam damit und zufrieden auf das Leben blickt; und nichts hingegen ist jämmerlicher anzuschauen, als wenn ein Schuster oder Schulmeister, mit leidender Miene, zu verstehen giebt, er sei eigentlich für etwas Besseres geboren. Es giebt gar nichts Besseres als das Gute! und das ist: irgend eine Tüchtigkeit haben und aus ihr schaffen, virtù, im italiänischen Sinne der Renaissance.

34 [162]

NB. Heute, in der Zeit wo der Staat einen unsinnig dicken Bauch hat, giebt es in allen Feldern und Fächern, außer den eigentlichen Arbeitern noch “Vertreter” z. B. außer den Gelehrten noch Litteraten, außer den leidenden Volksschichten noch schwätzende prahlerische Thu-nichts-gute, welche jenes Leiden “vertreten,” gar nicht zu reden von den Politikern von Berufswegen, welche sich wohl befinden und “Nothstände” vor einem Parlament mit starker Lunge “vertreten.” Unser modernes Leben ist äußerst kostspielig durch die Menge Zwischenpersonen; in einer antiken Stadt dagegen, und im Nachklang dann noch in mancher Stadt Spaniens und Italiens, trat man selber auf und hätte nichts auf einen solchen modernen Vertreter und Zwischenhändler gegeben—es sei denn einen Tritt!

34 [163]

Der kirchliche Druck von Jahrtausenden hat eine prachtvolle Spannung des Bogens geschaffen, insgleichen der monarchische: die beiden versuchten Entspannungen (statt mit dem Bogen zu schießen) sind 1) der Jesuitism 2) die Demokratie. Pascal ist das herrliche Anzeichen von jener furchtbaren Spannung: er lachte die Jesuiten todt.— Ich bin zufrieden mit despotischen Zuständen, vorausgesetzt, daß man mit gemischten Rassen zu thun hat, wo immer eine Spannung überhaupt gegeben ist. Freilich: die Gefahr solcher Versuche ist groß.— Die europäische Demokratie ist nicht oder [ist nur] zum kleinsten Theile eine Entfesselung von Kräften, sondern vor Allem eine Entfesselung von Sich-gehen-lassen, von Bequem-haben-wollen, von inneren Faulheiten. Ebenso die Presse.

34 [164]

Die europäische D[emokratie] ist zum kleinsten Theile eine Entfesselung von Kräften: vor Allem ist sie eine Entfesselung von Faulheiten, von Müdigkeiten, von Schwächen.

34 [165]

Der Spiegel.
Eine Gelegenheit zur Selbstbespiegelung
für Europäer.
Von
Friedrich Nietzsche.

34 [166]

Das Gemeinsame in der Entwicklung der Europäer-Seele ist z. B. zu merken bei einer Vergleichung Delacroix’ und R[ichard] W[agners], der Eine peintre-poète, der Andere Ton-Dichter, nach der Differenz der französischen und deutschen Begabung. Aber sonst gleich. Delacroix übrigens auch sehr Musiker—und Coriolan-Ouverture. Sein erster Interpret Baudelaire, eine Art R[ichard] W[agner] ohne Musik. Der Ausdruck expression von Beiden vorangestellt, alles Übrige geopfert. Von Litteratur abhängig Beide, höchst gebildete und selbst schreibende Menschen. Nervös-krankhaft-gequält, ohne Sonne.

34 [167]

In jedem Sinnes-Urtheil ist die ganze organische Vorgeschichte thätig: “das ist grün” z. B. Das Gedächtniß im Instinkt, als eine Art von Abstraction und Simplification, vergleichbar dem logischen Prozeß: das Wichtigste ist immer wieder unterstrichen worden, aber auch die schwächsten Züge bleiben. Es giebt im organischen Reiche kein Vergessen; wohl aber eine Art Verdauen des Erlebten.

34 [168]

Die Guten, ihr Verhältniß zur Dummheit.
Erziehung und Züchtung.
Das liberum “nego.” “vorläufig Nein!”
Verehrung, Zorn und Tapferkeit

34 [169]

Die Abzählbarkeit gewisser Vorgänge z. B. vieler chemischen, und eine Berechenbarkeit derselben giebt noch keinen Grund ab, hier an “absolute Wahrheiten” zu tasten. Es ist immer nur eine Zahl im Verhältniß zum Menschen, zu irgend einem festgewordenen Hang oder Maaß im Menschen. Die Zahl selber ist durch und durch unsere Erfindung.

34 [170]

Ein logischer Vorgang, von der Art, wie er “im Buche steht,” kommt nie vor, so wenig als eine gerade Linie oder zwei “gleiche Dinge.” Unser Denken läuft grundverschieden: zwischen einem Gedanken und dem nächsten waltet eine Zwischenwelt ganz anderer Art z. B. Trieb zum Widerspruch oder zur Unterwerfung usw.

34 [171]

Synthetische Urtheile a priori sind wohl möglich, aber sie sind—falsche Urtheile. [Vgl. Maximilian Drossbach, Ueber die scheinbaren und die wirklichen Ursachen des Geschehens in der Welt. Halle: Pfeffer, 1884:9.]

34 [172]

Nux et crux.
Eine Philosophie für gute Zähne.

34 [173]

Jede Philosophie, wie sie auch entstanden sein möge, dient zu gewissen Erziehungs-Zwecken z. B. zur Ermuthigung oder zur Besänftigung usw.

34 [174]

Das Gute eine Vorstufe des Bösen; eine gelinde Dosis des Bösen: —

34 [175]

Wenn Einer sich um die Andern und nicht um sich kümmert, kann das ein Zeichen der Dummheit sein: so denkt “das Volk” bonhomie.

34 [176]

[Vgl. Francis Galton, Inquiries into Human Faculty and its Development. London: Macmillan, 1883:72ff.]

Die Moralen und Religionen sind das Haupt-Mittel, mit dem man aus dem Menschen gestalten kann, was Einem beliebt: vorausgesetzt, daß [man] einen Überschuß von schaffenden Kräften hat und seinen schaffenden Willen über lange Zeiträume durchsetzen kann, in Gestalt von Gesetzgebungen und Sitten. Indem ich über die Mittel nachsann, den Menschen stärker und tiefer zu machen als er es bisher war, erwog ich vor Allem, mit Hülfe welcher Moral dergleichen bisher bewerkstelligt worden ist. Das Erste, was ich begriff, war, daß man dazu die in Europa übliche Moral nicht gebrauchen kann, von der freilich die Philosophen und Moralisten Europa’s meinen, es sei die Moral selber und allein—ein solches Philosophen-Unisono ist in der That der beste Beweis dafür, daß jene Moral wirklich herrscht.— Denn diese Moral ist der eigentliche Heerden-Instinkt, welcher Behagen, Ungefährlichkeit, Leichtigkeit des Lebens ersehnt und als letzten hintersten Wunsch sogar den hat, aller Führer u[nd] Leithammel entrathen zu können. Ihre beiden am besten gepredigten Lehren heißen: “Gleichheit der Rechte” und “Mitgefühl für alles Leidende”—und das Leiden selbst wird von allen Heerden-Thieren als etwas genommen, das man abschaffen muß. Wer aber darüber nachdenkt, wo und wie die Pflanze Mensch [nach Vittorio Alfieris Satz: “La pianta uomo nasce più robusta qui che altrove,” zitiert bei Stendhal: Rome, Naples et Florence. Paris: Lévy, 1854:383.] bisher am kräftigsten und schönsten emporwuchs, wird im Gegensatz zur europäischen Heerden-Moral und Geschichts-Fälscherei so viel aus der Geschichte entnehmen, daß dazu die Gefährlichkeit seiner Lage gesteigert, sein Erfindungs- und Verstellungsgeist durch langen Druck und Zwang herausgefordert werden muß, und daß folglich Härte, Grausamkeit, Verschwiegenheit, Ungemüthlichkeit, Ungleichheit der Rechte, Krieg, Erschütterung aller Art, kurz der Gegensatz aller Heerden-Ideale noth thut. Daß eine Moral mit solchen umgekehrten Absichten nur in Anknüpfung an das bestehende Sittengesetz und unter dessen Worten und Prunkmantel gelehrt werden könne und angepflanzt werden könne, daß also viele Übergangs- und Täuschungsformen zu erfinden sind, und daß, weil das Leben Eines Menschen viel zu kurz zur Durchführung eines so langwierigen Willens ist, Menschen angezüchtet werden müssen, in denen einem solchen Willen Dauer durch viele Generationen verbürgt wird: dies begreift sich so gut als das lange nicht leicht aussprechbare Und-so-weiter dieser Gedanken. Eine Umkehrung der Werthe bei einer bestimmten starken Art von Menschen vorherbereitend und unter ihnen eine Menge im Zaum gehaltener und verläumdeter Instinkte zu entfesseln: darüber nachdenkend erwog ich, welche Art Mensch unwillkürlich und unbewußt schon der also gestellten Aufgabe bisher gearbeitet hat. Ich fand die Pessimisten, indem ihre Unzufriedenheit mit Allem sie auch zur Unzufriedenheit mit dem Gegenwärtigen mindestens logisch nöthigt: deshalb begünstigte ich Schopenhauer und die langsam über Europa aufdämmernde Kenntniß der indischen Philosophien. Auch ein Alpdruck ist ein Mittel, Menschen plötzlich aufzuwecken.— Insgleichen hatte ich ein Wohlgefallen an gewissen unersättlich-dualistischen Künstlern, welche wie Byron unbedingt an die Vorrechte höherer Menschen glauben und unter der Verführung der Kunst bei ausgesuchten Menschen die Heerden-Instinkte übertäuben und die entgegengesetzten wachrufen. Drittens ehrte ich die Philologen und Historiker, welche die Entdeckung des Alterthums fortsetzten, weil in der alten Welt eine andere Moral geherrscht hat als heute und in der That der Mensch damals unter dem Banne seiner Moral stärker böser und tiefer war: die Verführung, welche vom Alterthum her auf stärkere Seelen ausgeübt wird, ist wahrsch[einlich] die feinste und unmerklichste aller Verführungen.

Diese ganze Denkweise nannte ich bei mir selber die Philosophie des Dionysos: eine Betrachtung, welche im Schaffen Umgestalten des Menschen wie der Dinge den höchsten Genuß des Daseins erkennt und in der “Moral” nur ein Mittel, um dem herrschenden Willen eine solche Kraft und Geschmeidigkeit zu geben, dergestalt sich der Menschheit aufzudrücken. Ich betrachte Religionen und Erziehungs-systeme darauf hin, wie weit sie Kraft ansammeln und vererben; und nichts scheint mir wesentlicher zu studiren, als die Gesetze der Züchtung, um nicht die größte Menge von Kraft wieder zu verlieren, durch unzweckmäßige Verbindungen und Lebensweisen.

34 [177]

Ich bin abgeneigt 1) dem Socialismus, weil er ganz vom Heerden-Blödsinn des “Guten Wahren Schönen” und von gleichen Rechten träumt: auch der Anarchismus will, nur auf brutalere Weise, das gleiche Ideal 2) [dem] Parlamentarismus und Zeitungswesen, weil dies die Mittel sind, wodurch das Heerdenthier sich zum Herrn macht.

34 [178]

Mein Augenmerk darauf, an welchen Punkten der Geschichte die großen M[enschen] hervorspringen. Die Bedeutung langer despotischer Moralen: sie spannen den Bogen, wenn sie ihn nicht zerbrechen.

34 [179]

Daß es eine Entwicklung der ganzen Menschheit gäbe, ist Unsinn: auch gar nicht zu wünschen. Das viele Gestalten am Menschen, die Art Vielartigkeit des Menschen herauszuholen, ihn zu zerbrechen, wenn eine Art von Typus ihre Höhe gehabt hat—also schaffend und vernichtend sein—dünkt mich der höchste Genuß, den Menschen haben können. Plato war gewiß nicht so beschränkt, als er die Begriffe als fest und ewig lehrte: aber er wollte, daß dies geglaubt werde.

34 [180]

Nicht mehr Vernunft in die ganze Geschichte des Menschen legen als in der übrigen Welt ist: Vieles ist möglich, aber man darf es nicht auf zu lange wollen. Der Zufall zerbricht alles wieder.

Der Mensch als ein Schauspiel: das ist der historische Sinn—aber er enthält ein gefährliches Element, der Mensch lernt sich fühlen als der Gestaltende, welcher nicht nur zusieht und zusehen will. Der Deutsche - - -

— es versteht sich, daß öffentlich und heimlich von allen organischen Grund-Absichten des M[enschen] nur unter tausend Maskeraden geredet wird: man lese eine Rede Bismarcks. NB.— der geistige Mensch, der bisweilen hinter die Masken gesehen hat und zu sehen versteht, der überhaupt begriffen hat, wie sehr alles Maske ist—ist billigerweise darüber in bester Laune. Geistigkeit ist der Kitzel eines ewigen Carnevals, sei es nun, daß wir selber dabei mitspielen oder nur gespielt werden.

— der historische Sinn und der geographisch-klimatische Exotismus neben einander.

34 [181]

So will ich, als ein müssiger Mensch, der nichts Besseres zu thun hat, meinen Freunden einmal erzählen, was ich mir unter der Philosophie des Dionysos denke: denn daß auch Götter philosophiren, scheint mir eine würdige und fromme Vorstellung, an der auch der Gläubigste noch seine Freude haben kann. Ich werde vielleicht, dem Geschmacke meiner Freunde nach, in der Freimüthigkeit meiner Erzählung zu weit gehn: dieser Gott selber aber ist, im Zwiegespräch mit mir, viel weiter gegangen und ich würde, falls ich ihm schöne heuchlerische Prunknamen zulegen dürfte, viel Rühmens von meinem Muthe, von meiner Ehrlichkeit Wahrhaftigkeit Redlichkeit “Liebe zur Wahrheit” und dergleichen, zu machen haben. Aber mit allem diesem schönen Plunder und Prunk weiß ein solcher Gott nichts anzufangen—zu meiner Rechtfertigung genügen zwei Worte, welche man freilich in Deutschland nicht leicht “ins Deutsche” übersetzt: gai saber.



Behalte dies doch für dich und deinesgleichen: ich habe keinen Grund, meine “Blöße” zu decken. Genug, es ist eine ganz unverschämte Art von Gottheit.



Es war Frühling, und alles Holz stand in jungem Safte: als ich so durch den Wald gieng und über eine Kinderei nachdachte, schnitzte ich mir eine Pfeife zurecht, ohne daß ich recht wußte, was ich that. Sobald ich aber sie zum Mund führte und pfiff, erschien der Gott vor mir, den ich seit langem schon kenne.

Nun, du Rattenfänger, was treibst du da? Du halber Jesuit und Musikant—, beinahe ein Deutscher!

Ich wunderte mich, daß mir der Gott auf diese Art zu schmeicheln suchte: und nahm mir vor, gegen ihn auf der Hut zu sein.

Ich habe alles gethan, sie dumm zu machen, ließ sie in Betten schwitzen, gab ihnen Klöße zu fressen, hieß sie trinken, bis sie sanken, machte sie zu Stubenhockern und Gelehrten, gab ihnen erbärmliche Gefühle einer Bedientenseele ein

Du scheinst mir Schlimmes im Schilde zu führen, die M[enschen] zu Grunde zu richten?

Vielleicht, antwortete der Gott; aber so, daß dabei Etwas für mich herauskommt.

— Was denn? fragte ich neugierig. —

Wer denn? solltest du fragen. Also sprach zur mir Dionysos.

34 [182]

Dionysos.
Versuch einer göttlichen Art, zu
philosophiren.
Von
Friedrich Nietzsche

34 [183]

Wie kommt es doch, daß die Weiber ihre Kinder lebendig gebären? Ich meinte immer, die armen Thiere müßten, bei der geringen Beschaffenheit ihrer Widerstands-Kräfte, erstickt zur Welt kommen. Die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, wie geschrieben steht: oder, wie sind lebendige Kinder a priori möglich?— Und indem ich so fragte, erwachte ich völlig aus meinem dogmatischen Schlummer, gab dem Gotte einen Stoß vor den Bauch, und fragte, mit dem Ernste eines Chinesen aus Königsberg: “In summa: wie sind synthetische Urtheile a priori möglich?” “Durch ein Vermögen dazu” antwortete der Gott und hielt sich den Bauch.

34 [184]

Hegel: die Neigung der Deutschen sich selber zu widersprechen—daraus eine Gothik,

Wagner: der kein Ende [zu] finden wußte und auch dies zu einem Princip machte: auch eine Gothik.

34 [185]

Nicht die wirkliche historische Bedeutung Kants fälschen! Er selber war stolz auf seine Kategorientafel und das Vermögen dazu entdeckt zu haben: seine Nachfolger waren stolz darauf, solche Vermögen zu entdecken, und der Ruhm der deutschen Philosophie im Auslande bezog sich darauf: namentlich die intuitive und instinktive Erfassung derWahrheitwar es, was den Ruhm der Deutschen machte. Ihre Wirkung gehört unter die große Reaction. Eine Art Ersparnis von wissenschaftlicher Arbeit, ein direkteres Zuleibegehn an die “Dinge” selber—eine Abkürzung des Weges der Erkenntniß: dieser Traum berauschte!— In der Hauptsache bringt Schopenhauer dasselbe Entzücken hervor: nur nicht bei zufriedenen spinozistisch gesinnten M[enschen] sondern bei Unzufriedenen: er packt “den Willen” oder vielmehr die Velleität die “Willelei” die Begehrlichkeit oder Sinn und Verstand

34 [186]

“Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen” Schiller “die Künstler.”

34 [187]

Die Entwicklung des Bewußtseins als eines Regierungs-Apparates: nur für die Verallgemeinerungen zugänglich. Schon das, was das Auge zeigt, kommt in’s Bewußtsein als verallgemeinert und zurechtgemacht.

34 [188]

Vorrede: die Rangordnung der Menschen.
1. Erkenntniß als Wille zur Macht.
2. Jenseits von Gut und Böse
3. Die versteckten Künstler.
4. Die große Politik.
5. Der Hammer.

34 [189]

die Sinnlichkeit, welche bei kleinen blassen Juden oder Parisern so lächerlich erscheint, und beinahe comme une neurose —

34 [190]

im vorigen Jahrhundert bekam die bonté das gute Gewissen auf ihre Seite, welches lange bei ganz anderen Gefühlen war

34 [191]

Mittag und Ewigkeit.
Eine Philosophie der ewigen Wiederkunft.

Von
Friedrich Nietzsche.

Vorrede:von der menschlichen Rangordnung.
Erster Theil:Wissen und Gewissen.
Zweiter Theil:Jenseits von Gut und Böse.
Dritter Theil:Die versteckten Künstler.
Vierter Theil:hohe Politik.
Fünfter Theil:der Hammer (oder Dionysos).

34 [192]

      Vorrede.         Für wen?
Das Erfinderische.
Der Umfang der Seele.
Die Tiefe.
Die Kraft der Verwandlung.
Die befehlende Kraft.
Die Härte.
Das Wissen: Lust des Eroberers
Die große Verantwortlichkeit.
Die Kunst der Masken. Transfiguration.
Die Kraft der Mittheilung.
      — das Dionysische —

34 [193]

Die Skeptiker der Moral erwägen nicht, wie viel moralische Werthschätzung sie in ihrer Skepsis tragen: ihr Zustand ist beinahe ein Selbstmord der Moral und vielleicht sogar eine Verklärung derselben.

34 [194]

Woher sollen wir die Werthschätzungen nehmen? Vom “Leben”? Aber “höher, tiefer, einfacher, vielfacher”—sind Schätzungen, welche wir erst ins Leben legen. “Entwicklung” in jedem Sinne ist immer auch ein Verlust, eine Schädigung; selbst die Spezialisirung jedes Organs. Die Optik der Selbst-Erhaltung und des Wachsthums.

Optik des Wachsthums.

Daß die Zerstörung einer Illusion noch keine Wahrheit ergiebt, sondern nur ein Stück Unwissenheit mehr:

Wissen und Gewissen.
Eine Moral für Moralisten.
Von
Felix Fallax.

34 [195]

Die Philosophen 1) hatten von jeher das wunderbare Vermögen zur contradictio in adjecto.

2) sie trauten den Begriffen ebenso unbedingt als sie den Sinnen mißtrauten: sie erwogen nicht, daß Begriffe und Worte unser Erbgut aus Zeiten sind, wo es in den Köpfen sehr dunkel und anspruchslos zugieng.

NB. Was am letzten den Philosophen aufdämmert: sie müssen die Begriffe nicht mehr sich nur schenken lassen, nicht nur sie reinigen und aufhellen, sondern sie allererst machen, schaffen, hinstellen und zu ihnen überreden. Bisher vertraute man im Ganzen seinen Begriffen, wie als einer wunderbaren Mitgift aus irgend welcher Wunder-Welt: aber es waren zuletzt die Erbschaften unserer fernsten, ebenso dümmsten als gescheutesten Vorfahren. Es gehört diese Pietät gegen das, was sich in uns vorfindet, vielleicht—zu dem moralischen Elemente im Erkennen.— Zunächst thut die absolute Scepsis gegen alle überlieferten Begriffe noth (wie sie vielleicht schon einmal Ein Philosoph besessen hat—Plato: natürlich [hat er] das Gegentheil gelehrt — —)

34 [196]

Hier kommt eine Philosophie—eine von meinen Philosophien—zu Worte, welche durchaus nicht “Liebe zur Weisheit” genannt sein will, sondern sich, aus Stolz vielleicht, einen bescheidneren Namen ausbittet: einen abstoßenden Namen sogar, der schon seinerseits dazu beitragen mag, daß sie bleibt, was sie sein will: eine Philosophie für mich—mit dem Wahlspruch: satis sunt mihi pauci, satis est unus, satis est nullus.— Diese Philosophie nämlich heißt sich selber: die Kunst des Mißtrauens und schreibt über ihre Haustür: :X:<0F@ •B4FJgÃ<.

34 [197]

Ihr demonstrirt aus dem Elend des Weibs heraus, daß man seine Lage verbessern müsse: aber ich wollte, ihr thätet es auf Grund seiner besseren Lage und Kraft

34 [198]

Die großen Tugenden, die Verantwortlichkeit.

“Die Guten” als ein Hintergrund der demokratischen socialistischen Bewegung.

34 [199]

1)Zarathustra gefangen —
Anklagerede gegen ihn, als Verführer
großer Gegensatz zwischen der ungeheuren Unsicherheit und dem kleinen Menschen
Zarathustra preist die Entronnenen (große Krisis bei ihm)
er überredet die Väter zu einem Gedächtniß-feste
Hinzuströmen aller Aristokraten von allen Enden der Erde
Zuletzt kommen die Kinder selber.
2)die Rangordnung der Menschen: er scheidet die Hinzuströmenden nach Gruppen von sich ab, er bezeichnet zugleich damit die Grade der Erziehung des Menschen (durch Generationen)
3)Vor der kleinsten Auswahl: die Gesetzgeber der Zukunft, mit den großen Tugenden (Verantwortlichkeit), der Hammer.
4)der Abschied: die Wiederkunft als Religion der Religionen: tröstlich.
  
Zarathustra gefangen, kritisirt die Lage der Entronnenen.
es strömt hinzu (zugleich sein Publicum abscheidend) zuletzt kommt die Schaar.
Die Rangordnung als Stufen der Erziehung des Menschen (durch viele Generationen)
die höchsten Gesetzgeber, mit dem Hammer.
Darstellung der großen Tugenden.
der Abschied.

34 [200]

Der Philosoph hat viele Vordergrund-Tugenden nöthig und namentlich prunkvolle Worte: wie Wahrhaftigkeit, Redlichkeit, Liebe zur Wahrheit.

34 [201]

Der Gesetzgeber der Zukunft.
die menschliche Rangordnung.

Jenseits von Gut und Böse.

Der Philosoph als Künstler.

Dionysos.

34 [202]

Die Herren der Erde.
Gedanken über Heute und Morgen.
Von
Friedrich Nietzsche.

34 [203]

Der Zustand Europa’s im nächsten Jahrhundert wird die männlichen Tugenden wieder heranzüchten: weil man in der beständigen Gefahr lebt. Die “allgemeine Militär-Pflicht” ist schon heute das sonderbare Gegengift gegen die Weichlichkeit der demokratischen Ideen: erwachsen aus dem Kampf der Nationen (Nation—Menschen, die Eine Sprache sprechen und dieselben Zeitungen lesen, heißen sich heute “Nationen” und wollen gar zu gern auch, gemeinsamer Abkunft und Geschichte sein: was aber auch bei der ärgsten Fälscherei der Vergangenheit nicht gelungen ist.)

34 [204]

Meine Freunde, womit bin ich doch seit vielen Jahren beschäftigt? Ich habe mich bemüht, den Pessimismus in die Tiefe zu denken, u[nd] aus der halb christlichen, halb deutschen Enge und Einfalt zu erlösen, in der er mir, in der Philosophie Schopenhauers, zuerst entgegentrat: so daß der Mensch dieser Denkweise auch dem höchsten Ausdruck des Pessimismus gewachsen ist. Ich habe insgleichen ein umgekehrtes Ideal gesucht—eine Denkweise, welche die übermüthigste lebendigste und weltbejahendste aller möglichen Denkweisen ist: ich fand sie im Zuendedenken der mechanistischen Weltbetrachtung; es gehört wahrlich der allerbeste humor von der Welt dazu, um eine solche Welt der ewigen Wiederkunft, wie ich sie durch meinen Sohn Z[arathustra] gelehrt habe—also uns selber in ewigem da capo mit begriffen—auszuhalten. Schließlich ergab sich für mich, daß die weltverneinendste aller möglichen Denkensarten die ist, welche das Werden, Entstehen und Vergehen an sich schon schlecht heißt und welche nur das Unbedingte, Eine, Gewisse, Seiende bejaht: ich fand, daß Gott der vernichtendste und lebensfeindlichste aller Gedanken ist, und daß nur durch die ungeheuerliche Unklarheit der lieben Frommen und Metaphysiker aller Zeiten die Erkenntniß dieser “Wahrheit” so lange hat auf sich warten lassen.

Man vergebe mir, daß ich selber ganz und gar nicht Willens bin, auf eine dieser beiden Denkweisen zu verzichten—ich müßte denn auf meine Aufgabe verzichten, welche entgegengesetzte Mittel braucht. Es ist, zum Zugrunderichten oder zum Verzögern und Vertiefen von Menschen und Völkern, zeitweilig (unter Umständen für ein Paar Jahrtausende), eine pessimistische Denkweise vom höchsten Werthe; und wer im großen Sinne die Ansprüche des Schaffenden erhebt, wird auch die Ansprüche des Vernichters erheben und vernichtende Denkweisen unter Umständen lehren müssen. In diesem Sinne heiße ich das bestehende Christenthum und den Buddhismus, die beiden umfänglichsten Formen jetziger Welt-Verneinung, willkommen; und, um entartenden und absterbenden Rassen z. B. den Indern, und den Europäern von heute den Todesstich zu geben, würde ich selber die Erfindung einer noch strengeren, ächt nihilistischen Religion oder Philosophie in Schutz nehmen.

Nach dem, was ich vorher sagte, lasse ich wohl Niemanden darüber in Zweifel, welche Bedeutung ich in einer solchen Religion dem Gedanken “Gott” beilegen würde.— Die besten Nihilisten unter den Philosophen waren bisher die Eleaten. Ihr Gott ist die beste und gründlichste Darlegung vom buddhistischen Nirvana; Sein und Nichts ist da identisch.

34 [205]

Was Richard Wagner betrifft: so habe ich die Enttäuschung vom Sommer 1876 nicht überwunden, die Menge des Unvollkommenen, am Werke und am Menschen, war mir auf Ein Mal zu groß;—ich lief davon. Später begriff ich, daß die gründlichste Loslösung von einem Künstler die ist, daß man sein Ideal geschaut hat. Nach einem solchen Blicke, wie ich ihn in jungen Jahren gethan habe—Zeugniß ist meine übrig gebliebene kleine Schrift über Richard Wagner—blieb mir nichts übrig, als, knirschend und außer mir, von dieser unausstehlichen “Wirklichkeit”—wie ich sie mit Einem Male sah—Abschied zu nehmen.— Daß er, alt geworden, sich verwandelte, geht mich nichts an: fast alle Romantiker dieser Art enden unter dem Kreuze—ich liebte nur den Wagner, den ich kannte, d. h. einen rechtschaffnen Atheisten und Immoralisten, der die Figur Siegfrieds, eines sehr freien Menschen, erfunden hat. Seither hat er noch, aus dem bescheidenen Winkel seiner Bayreuther Blätter heraus, genugsam zu verstehen gegeben, wie hoch er das Blut des Erlösers zu schätzen wisse, und—man hat ihn verstanden. Viele Deutsche, viele reine und unreine Thoren aller Art glauben seitdem erst an R[ichard] W[agner] als ihren “Erlöser.” Dies geht mir Alles wider den Geschmack. —

Es versteht sich von selber, daß ich Niemandem so leicht das Recht zugestehe, diese meine Schätzung zur seinigen zu machen; und allem unehrerbietigen Gesindel, wie es am heutigen Leibe der Gesellschaft gleich   Läusen   wimmelt,  soll   es  gar  nicht   erlaubt  sein,  einen  solchen  großen  Namen,  wie  der  R[ichard] W[agner]s ist, überhaupt in das Maul zu nehmen, weder im Lobe, noch im Widerspruche.

34 [206]

Jahrmarkts-Jahrhundert.—

34 [207]

Der Gesetzgeber der Zukunft.

Charakteristik Europa’s als verfallend. Jahrmarkt.

Die große Ebbe seit Jahrtausenden in der Erfindung von Werthen.



Meine    zeitweilige    Ermuthigung    durch   die   Musik:   was   ich   unter   “dionysisch”   verstand.     R[ichard] W[agner].

Die Loslösung von der Moral.



Pessimismus zu Ende denken und ebenso den Optimismus.

  
Die Deutschen.Hartmann
Dühring
Bismarck
R[ichard] W[agner]

34 [208]

NB. “Der Kampf um’s Dasein”—das bezeichnet einen Ausnahme-Zustand. Die Regel ist vielmehr der Kampf um Macht, um “Mehr” und “Besser” und “Schneller” und “Öfter.”

34 [209]

diese unsere Welt von heute, unser Zeitalter des großen Bumbum, welches, mit seinem Jahrmarkts-Geschmack, selbst an Ereignissen das Ungeheure, Lärmendere gelten läßt und schließlich: solche Ereignisse hervorbringt

34 [210]

Giebt es denn ein 19. Jahrhundert? Oder nicht vielmehr nur ein verdünntes verdummtes und schrecklich in die Länge gezogenes achtzehntes? Was ist denn Großes geschehen, und geschaffen, was nicht vor 1800 geschehen und geschaffen ist? Obschon manche Frucht, die im 18. Jahrhundert wuchs und reifte, erst in diesem vom Baum gefallen ist. Nehmt die französische Revolution und Napoleon hinweg aus der Politik—damit nehmt ihr die Demokratie und die — — —, den französischen Sensualismus und Hedonismus, nebst deutsch-englischem Scepticismus, aus der Philosophie — — —

34 [211]

Der mächtige Nachklang der tragischen Ereignisse jener französischen Generation der dreißiger und vierziger Jahre, zu der auch, mit richtigem Instinkt, sich Richard Wagner gesellt, jene prachtvolle und krankhafte Art von Unersättlichen, welcher Beethoven in Tönen Byron in Worten präludirte: die Wirkung des Ungeheuren auf M[enschen], deren Nerven- und Willenskraft schon zu schwach dafür war

34 [212]

das große Silentium—im Jahrmarkts-Zeitalter
die Segnung der Gesetzgeber (auch “ihr sollt euch Feinde sein”)
aus der Seele ihrer Entwicklung: wie sie ihrer ungeheuren Aufgabe entlaufen wollen.
Analyse des Heerdenthieres. Man muß mehr Menschen opfern, als je für Kriege
die großen schauerlichen Gedenkfeste.
Mitgefühl mit den großen Menschen aller Zeiten, uns nicht hinab steigen lassen!
da es keinen Gott mehr giebt, ist die Einsamkeit nicht mehr zu ertragen: der hohe Mensch muß an’s Werk.
wollt ihr den Leib, die Sinne usw.
Lob der kühlen Vernunft, als Labsal für Menschen des Labyrinths
der Herr vieler Philosophien, mächtig zum tiefsten Pessimismus und höchster Welt-Verklärung.
die Melancholiker haben die Heiterkeit nöthig.

34 [213]

Gai saber.
Versuch einer göttlichen Art zu
philosophiren.
Von
Friedrich Nietzsche.

1. Wissen und Gewissen.
2. Moral für Moralisten.
3. Gedanken über Heute und Morgen.
4. Von der Rangordnung.

34 [214]

Selbst-Verklärung.
Die Guten und die Bösen
Das 20
. Jahrhundert.

34 [215]

Eugen Dühring, mit allen Tugenden und Fehlern eines Stubengelehrten und Pöbel-Manns geziert, wozu auch der schlechte Geschmack aller seiner Attitüden gehört.

34 [216]

NB. A) Es giebt Stunden, sehr helle lustige Feststunden des guten Gewissens, wo wir das ganze prachtvolle Geschwätz der bisherigen Menschen von der Moral nicht anders zu bezeichnen wissen, als mit den Worten: “höherer Schwindel.”

Die Reichs-Narrheit

B) Die Unwissenheit in allem unserem Loben und Tadeln, Schätzen und Verurtheilen, Lieben und Hassen macht Scham: das ist das Leiden jedes tiefen Menschen. Noch einen Schritt weiter: und auch diese Scham macht Scham: und endlich—lachen wir uns aus.

34 [217]

[Vgl. William Henry Rolph, Biologische Probleme: zugleich als Versuch zur Entwicklung einer rationellen Ethik. Leipzig: Engelmann, 1884:140-150, 159. Karl Semper, Die natürlichen Existenzbedingungen der Thiere. Th. 1. Leipzig: Brockhaus, 1880:18f., 236 f, 241f. Th. 2. Leipzig: Brockhaus, 1880:218f.; 222f., 253.]

NB. Wir stehen mitten drin zu entdecken, daß der Augenschein und die nächste beste Wahrscheinlichkeit am wenigsten Glauben verdienen: überall lernen wir die Umkehrung: z. B. daß die geschlechtliche Zeugung im Reiche alles Lebendigen nur der Ausnahme-Fall ist: daß das Männchen im Grunde nichts mehr als ein entartetes verkommendes Weibchen ist:—oder daß alle Organe an thierischen Wesen ursprünglich andere Dienste geleistet haben als die, auf Grund deren wir sie “Organe” nennen: überhaupt daß alles anders entstanden ist als seine schließliche Verwendung zu vermuthen giebt. Die Darstellung dessen, was ist, lehrt noch nichts über seine Entstehung: und die Geschichte der Entstehung lehrt noch nichts über das, was da ist. Die Historiker aller Art täuschen sich darin fast allesammt: weil sie vom Vorhandenen ausgehn und rückwärts blicken. Aber das Vorhandene ist etwas Neues und ganz und gar nicht Erschließbares: kein Chemiker könnte voraussagen, was aus 2 Elementen bei ihrer Einigung würde, wenn er es nicht schon wüßte!

34 [218]

NB. Es ist gar nicht möglich, daß ein Mensch nicht die Eigenschaften seiner Eltern und Voreltern habe: was auch der Augenschein dagegen sagt. Gesetzt, man kennt Einiges von den Eltern, so ist ein Schluß auf das Kind erlaubt: so wird z. B. irgend eine viehische Unenthaltsamkeit, irgend ein tölpelhafter Neid—Beides zusammen macht den pöbelhaften Typus aus—auf das Kind übergehen müssen, so sicher wie verderbtes Blut, und das Kind wird Mühe haben, solche Vererbung zu verhehlen. Daher das Talent zum Schauspieler in den Menschen niederer Abkunft größer ist, als bei Vornehmen: und ebenso die Tartüfferie der “Tugend.”

34 [219]

Jenen oberflächlichen und tölpelhaften Gelehrten, welche unverschämt genug sind, sich als “freie Geister” zu fühlen, gilt alles als Feigheit oder Verrath an der Wahrheit, Schwächlichkeit des Willens, was zur Krankheits-Geschichte der höheren Menschen gehört: jenes Sich-Unterwerfen, Vor-sich-Furcht-haben — — —

34 [220]

Die christlichen Gefühle mit der griechischen Schönheit und womöglich noch mit dem modernen Parlamentarismus zu versöhnen—das mag sich heute etwa in Rom “Philosophie” nennen.— Dazu ist viel Feinheit im Kopfe nöthig und andererseits viel mehr Schwärmerei.

34 [221]

Das Beste, was Deutschland gegeben hat, kritische Zucht—Kant, F. A. Wolf, Lessing, Niebuhr usw. Abwehr des Scepticismus—Strenge und beherzter Muth, die Sicherheit der Hand, welche das Messer führt, Lust am Neinsagen und Zergliedern. Gegenbewegung: die Romantik, mit Richard Wagner als letztem Romantiker synthetisch, — — —

34 [222]

NB. Die Verschiedenheit der Menschen ist so groß.

Die Urtheile, welche ich bisher in meinem ganzen Leben über Menschen gehört habe, die ich kannte, lagen gewöhnlich so weit von dem ab, was ich bei mir selber für wahr hielt, daß ich endlich für meinen Hausgebrauch die Maxime machte: “es ist indiscret, über Menschen nicht zu lügen.” Sonderlich macht es mir Verdruß, daß etwas, dessentwegen mir ein M[ensch] gefällt, sobald ich es mit Namen nennen wollte, sofort auch seinem “Rufe” Schaden bringen würde.

34 [223]

NB. Grundsatz: es giebt etwas wie Verfall in allem, was den modernen Menschen anzeigt: aber dicht neben der Krankheit stehen Anzeichen einer unerprobten Kraft und Mächtigkeit der Seele. Dieselben Gründe, welche die Verkleinerung der Meinsten hervorbringen, treiben die Stärkeren und Selteneren bis hinauf zur Größe.

34 [224]

Oh Teufel über das Gequack! Die Deutschen prahlen wieder einmal mit ihrer berühmten “deutschen Tugend,” von der die Historie schlechterdings nichts weiß. Am schlimmsten treiben es einige Antisemiten, hinzugezählt was am Sumpfe des Bayreuther Meisters sitzen geblieben ist.

34 [225]

Wahlspruch: ich habe keine Zeit für mich,—vorwärts!

34 [226]

NB. Sphinx.

Reduktion auf das Urtheil: “dies ist nicht wahr.” Folgt der Imperativ: “folglich darfst du es nicht für wahr halten!” Oder heißt es wirklich: “folglich kannst du es nicht mehr für wahr halten”?— Nun sehen wir fortwährend z. B. den Sonnen-Auf- und Untergang und glauben, was wir als unwahr wissen. Ganz so steht es überall. Ein “du darfst nicht” wäre ein Imperativ, der das Leben verneinte. Folglich muß man betrügen und sich betrügen lassen.

34 [227]

Jenen R[ichard] W[agner], welchen man heute in Deutschland verehrt und mit all dem prahlerischen   Plunder   der   schlimmsten   Deutschthümelei   verehrt:  jenen R[ichard] W[agner] kenne ich nicht, ja—daß ich meinen Verdacht ausspreche—den hat es nie gegeben: das ist ein Phantom.

34 [228]

Zum schlechten Geschmack der heutigen D[eutschen] rechne ich: die tugendhafte Deutschthümelei, welche die Geschichte gegen sich hat und die Scham gegen sich haben sollte

34 [229]

NB. Grundirrthum aller Historiker: die facta sind alle viel kleiner als daß sie zu fassen wären.

34 [230]

Der Versucher.

Es giebt vielerlei Augen. Auch die Sphinx hat Augen: und folglich giebt es vielerlei “Wahrheiten,” und folglich giebt es keine Wahrheit.

34 [231]

Die feinste beweglichste Geistigkeit mit hunderttausend Fühlhörnerchen, durch jeden Anhauch geformt und fortgeblasen, bei völliger Zersplitterung des Willens—ist etwas sehr Lächerliches. Wie bei den feinen Parisern, welche seufzen, weil alles auf sie einstürmt.

34 [232]

Als ich jung war, bin ich einer gefährlichen Gottheit begegnet, und ich möchte Niemandem das wieder erzählen, was mir damals über die Seele gelaufen ist—sowohl von guten als von schlimmen Dingen. So lernte ich bei Zeiten schweigen, so wie, daß man reden lernen müsse, um recht zu schweigen: daß ein Mensch mit Hintergründen Vordergründe nöthig habe, sei es für Andere, sei es für sich selber: denn die Vordergründe sind Einem nöthig, um von sich selber sich zu erholen, und um es Anderen möglich zu machen, mit uns zu leben.

34 [233]

Zeichen des unwissenschaftlichen Menschen: er hält eine Meinung für wahr, wenn sie ihm schmeichelt, und er sich in ihrem Lichte gut ausnimmt.

34 [234]

NB. Es ist immer noch nicht der Gegen-Beweis dafür erbracht, ob gut sein nicht ein Zeichen geistiger Rückbildung ist und ob Tugend, als Gefühl und Hochgefühl, nicht zu den Symptomen beginnenden Blödsinns, mindestens zu seinen Anfällen gehört. Wir finden bei einem Überblick der Geschichte die geistige Rückbildung überall, wo das Heerdenthier Mensch zum Übergewicht kommt, und dem einzeln oder rudelweise schweifenden Raubthier Mensch die Bedingungen des Lebens erschwert werden: wir finden immer an demselben Punkte der Entwicklung die “guten” Menschen. Bei allen Völkern “dumm bis zur Heiligkeit.” [Vgl. Iwan Turgenjeff, Sonderlinge. Deutsch von Wilhelm Lange. In: Vom fels zum Meer, Spemanns’s Illustrierte Zeitschrift für das Deutsche Haus. Erster Band. Okt. 1881 bis zur März 1882 (Okt. 1881). Stuttgart: Spemann, 1881:228-241 (235).]

34 [235]

NB. Jede Moral ist eine Gewohnheit der Selbst-Verherrlichung: vermöge deren eine Art von Mensch ihrer Art und ihres Lebens froh wird: sie wehrt den Einfluß von Menschen anderer Art damit von sich ab, daß sie dieselben als “unter sich” fühlt.

34 [236]

NB. Daß ein Weib vieles zu Kleine und Wunderliche beständig im Kopf haben muß und sich neben den Aufgaben der Männer nothwendig als komisch empfindet—die häßlichen Frauen abgerechnet, welchen viele Sorgen erspart sind in Küche Bett und Kinderstube und neuerdings Bücher “legen” wie eine Henne Eier legt—, und daß allen unternehmenden und tiefen Männern es eine Wohlthat ist, Wesen zu begegnen, welche oberflächlich heiter und zu angenehmen Begierden anstellig sind, damit der düstere Anschein des Lebens sich ihnen mildere. Man muß es in aller Tiefe nachempfinden, welche Wohlthat das Weib ist.

34 [237]

Antisemiten und anderes in den Grund verlogenes Gesindel, das die großen Worte nöthig hat, vor sich selber mehr noch als vor aller Welt

34 [238]

Und lieber gleich einer schwarzen halbzerstörten Feste allein auf seinem Berge sitzen, nachdenklich und still genug; also daß sich die Vögel selbst vor dieser Stille fürchten:

34 [239]

Daß es moralisch ist, zu thun, was unser Interesse erheischt, das suchen die Engländer sich zu beweisen, von Bentham an, der es von Helvetius übernommen hat. Und das allein soll Moral sein, und darauf hin soll die Moral entstanden sein. Was, historisch, ganz unsinnig ist: und auch jetzt geht der Geschmack dagegen. Umgekehrt: früher suchten alle Philos[ophen] zu beweisen, daß neminem laede, immo omnes quantum potes juva das Fundament der Ethik sei, welches man wie den Stein der Weisen seit Jahrtausenden sucht.— Daß das thatsächliche Verhalten der Menschen moralisch sei, suchen sich die Engländer zu überreden. Daß der Heerden-Instinkt die Moral selber und allein sei, ehemals — —

Wichtig NB.— von Helvetius an!

34 [240]

Das ProblemMensch.”
Von
Friedrich Nietzsche.

1.Der Irrweg der Philosophen.
2.Der Irrweg der Moral-Prediger.
3.Die Rangordnung der Menschen.
wonach? wie sehr sie die Kraft haben, die furchtbare Naturthatsache M[ensch] zu ertragen und trotzdem —
4.Das Problem—wohin? Es bedarf eines neuen Terrorismus.

34 [241]

NB. Wie viele falsche Ausdeutungen der Dinge hat es schon gegeben! Man erwäge, was alle Menschen sich vom Verband der Ursachen und Wirkungen denken müssen, welche beten: denn Niemand wird uns überreden, aus dem Gebet das Element “Bitte” und den Glauben, daß es Sinn hat zu bitten, daß es “erhört” werden könne—wegzustreichen. Oder jene andere Ausdeutung, in der die Schicksale eines Menschen ihm “geschickt” sind zu seiner Besserung, Ermahnung, Bestrafung, Warnung; oder jene dritte Ausdeutung, daß im Verlaufe der Dinge selber Recht und Gerechtigkeit liege, und hinter allem causalen Geschehen noch eine Art von kriminalistischem Hinter-Sinn.— So könnte auch die gesammte moral[ische] Ausdeutung unseres Handelns nur ein ungeheures Mißverständniß sein: wie es ganz ersichtlich die moral[ische] Ausdeutung alles natürlichen Geschehens gewesen ist.

34 [242]

Ein rechtlicher besonnener mildherziger tüchtiger M[ensch], ein Mann mit dem “Herzen am rechten Flecke”—es thut uns wohl, in seiner Nähe zu sein. Aber warum sollte dieser ungefährliche M[ensch], welcher uns wohlthut, mehr für uns werth sein, als der gefährliche, unerkennbare, unberechenbare, welcher uns zwingt auf der Hut zu sein? Unser Wohlgefühl beweist nichts. Frage: ob es unter den großen M[enschen] je einen von der geschilderten ungefährlichen Art gegeben hat?

34 [243]

NB. Der Mensch der höchster Geistigkeit und Kraft fühlt sich jedem Zufalle gewachsen, aber auch ganz in den Schneeflocken der Zufälle darin; er leugnet die Vernünftigkeit in jedem Nacheinander und zieht das Zufällige darin mit Spott ans Licht.— Ehemals glaubte man nur an Zwecke: es ist eine Vertauschung eines Irrthums mit einem anderen, daß man heute nur an causae efficientes glaubt. Es giebt weder causae finales, noch efficientes: in Beidem haben wir einen falschen Schluß aus einer falschen Selbstbeobachtung gemacht: 1) wir glauben, durch Wollen zu wirken 2) wir glauben mindestens, zu wirken. Freilich: ohne diesen Glauben gäbe es nichts Lebendiges: braucht er deshalb aber schon—wahr zu sein?

34 [244]

NB. “Erkennen” ist der Weg, um es uns zum Gefühl zu bringen, daß wir bereits etwas wissen: also die Bekämpfung eines Gefühls von etwas Neuem und Verwandlung des anscheinend Neuen in etwas Altes.

34 [245]

“die Verbrecher höchsten Ranges sind dem Capitol ebenso nahe als dem tarpejischen Felsen” hat, glaube ich, Mirabeau gesagt. [Vgl. Honoré Gabriel Riquetti, comte de Mirabeau. Oeuvres de Mirabeau. Tome VIII. Précédées d’une notice sur la vie et ses ouvrages par [Joseph] Mérilhou. Discours et opinions. Tome II. Paris: Brissot-Thivars, 1825: 186.]

34 [246]

Das Leben als ein wacher Traum; je feiner und umfänglicher ein Mensch ist, um so mehr fühlt er die ebenso schauerliche als erhabene Zufälligkeit an seinem Leben, Wollen, Gelingen, Glück, Absicht heraus; er schaudert, wie der Träumer, der einen Augenblick fühlt “ich träume.” Der Glaube an die causale Necessität der Dinge ruht auf dem Glauben, daß wir wirken; sieht man die Unbeweisbarkeit des Letzteren ein, so verliert man etwas den Glauben an jenes Erste. Es kommt hinzu, daß “Erscheinungen” unmöglich Ursachen sein können. Ein ungewohntes Ding zurückzuführen auf schon gewohnte Dinge, das Gefühl der Fremdheit zu verlieren—das gilt unserem Gefühl als Erklären. Wir wollen gar nicht “erkennen,” sondern nicht im Glauben gestört werden, daß wir bereits wissen. [Vgl. Maximilian Drossbach, Ueber die scheinbaren und die wirklichen Ursachen des Geschehens in der Welt. Halle: Pfeffer, 1884:10.]

34 [247]

Etwas kann unwiderlegbar sein: deshalb ist es noch nicht wahr.

Das Ganze der organischen Welt ist die Aneinanderfädelung von Wesen mit erdichteten kleinen Welten um sich: indem sie ihre Kraft, ihre Begierden, ihre Gewohnheiten in die Erfahrungen außer sich heraus setzen, als ihre Außenwelt. Die Fähigkeit zum Schaffen (Gestalten Erfinden Erdichten) ist ihre Grundfähigkeit: von sich selber haben sie natürlich ebenfalls nur eine solche falsche erdichtete vereinfachte Vorstellung.

“Ein Wesen mit der Gewohnheit zu einer Art von Regel im Traume”—das ist ein lebendiges Wesen. Ungeheure Mengen solcher Gewohnheiten sind schließlich so hart geworden, daß auf ihnen hin Gattungen leben. Wahrscheinlich stehen sie in einem günstigen Verhältniß zu den Existenzbedingungen solcher Wesen.

Unsere Welt als Schein, Irrthum—aber wie ist Schein und Irrthum möglich? (Wahrheit bezeichnet nicht einen Gegensatz zum Irrthum, sondern die Stellung gewisser Irrthümer zu anderen Irrthümern, etwa daß sie älter, tiefer einverleibt sind, daß wir ohne sie nicht zu leben wissen und dergleichen.)

Das Schöpferische in jedem organischen Wesen, was ist das?

— daß alles, das, was jedem seine “Außenwelt” ist, eine Summe von Werthschätzungen darstellt, daß grün, blau, roth, hart, weich, vererbte Werthschätzungen und deren Abzeichen sind.

— daß die Werthschätzungen in irgend einem Verhältniß zu den Existenzbedingungen stehn müssen, doch lange nicht so, daß sie wahr wären, oder präcis wären. Das Wesentliche ist gerade ihr Ungenaues Unbestimmtes, wodurch eine Art Vereinfachung der Außenwelt entsteht—und gerade diese Sorte von Intelligenz ist günstig zur Erhaltung.

— daß der Wille zur Macht es ist, der auch die unorganische Welt führt, oder vielmehr, daß es keine unorganische Welt giebt. Die “Wirkung in die Ferne” ist nicht zu beseitigen: etwas zieht etwas anderes heran, etwas fühlt sich gezogen. Dies ist die Grundthatsache: dagegen ist die mechanistische Vorstellung von Druck und Stoß nur eine Hypothese auf Grund des Augenscheins und des Tastgefühls, mag sie uns als eine regulative Hypothese für die Welt des Augenscheins gelten! [Vgl. Otto Liebmann, Gedanken und Thatsachen: philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. H. 1: Die Arten der Nothwendigkeit.— Die mechanische Naturerklärung.— Idee und Entelechie. Straßburg: Trübner, 1882:66. Vgl. Maximilian Drossbach, Ueber die scheinbaren und die wirklichen Ursachen des Geschehens in der Welt. Halle: Pfeffer, 1884:93f.]

— daß, damit dieser Wille zur Macht sich äußern könne, er jene Dinge wahrnehmen muß, welche er zieht, daß er fühlt, wenn sich ihm etwas nähert, das ihm assimilirbar ist.

— die angeblichen “Naturgesetze” sind die Formeln für “Machtverhältnisse” von— — —

Die mechanistische Denkweise ist eine Vordergrunds-Philosophie. Sie erzieht zur Feststellung der Formeln, sie bringt eine große Erleichterung mit sich,

— die verschiedenen philosophischen Systeme sind als Erziehungsmethoden des Geistes zu betrachten: sie haben immer eine besondere Kraft des Geistes am besten ausgebildet; mit ihrer einseitigen Forderung, die Dinge gerade so und nicht anders zu sehen.

34 [248]

Dionysos.

Dionysos als Erzieher.
Dionysos als Betrüger.
Dionysos als Vernichter.
Dionysos als Schöpfer.

34 [249]

Das Muster einer vollständigen Fiction ist die Logik. Hier wird ein Denken erdichtet, wo ein Gedanke als Ursache eines anderen Gedankens gesetzt wird; alle Affekte, alles Fühlen und Wollen wird hinweg gedacht. Es kommt dergleichen in der Wirklichkeit nicht vor: diese ist unsäglich anders complicirt. Dadurch daß wir jene Fiction als Schema anlegen, also das thatsächliche Geschehen beim Denken gleichsam durch einen Simplificationsapparat filtriren: bringen wir es zu einer Zeichenschrift und Mittheilbarkeit und Merkbarkeit der logischen Vorgänge. Also: das geistige Geschehen zu betrachten, wie als ob es dem Schema jener regulativen Fiction entspräche: dies ist der Grundwille. Wo es “Gedächtniß” giebt, hat dieser Grundwille gewaltet.— In der Wirklichkeit giebt es kein logisches Denken, und kein Satz der Arithmetik und Geometrie kann aus ihr genommen sein, weil er gar nicht vorkommt.



Ich stehe anders zur Unwissenheit und Ungewißheit. Nicht, daß etwas unerkannt bleibt, ist mein Kummer; ich freue mich, daß es vielmehr eine Art von Erkenntniß geben kann und bewundere die Complicirtheit dieser Ermöglichung. Das Mittel ist: die Einführung vollständiger Fictionen als Schemata, nach denen wir uns das geistige Geschehen einfacher denken als es ist. Erfahrung ist nur möglich mit Hülf,- von Gedächtniß. Gedächtniß ist nur möglich vermöge einer Abkürzung eines geistigen Vorgangs zum Zeichen.

Die Zeichenschrift.

Erklärung: das ist der Ausdruck eines neuen Dinges vermittelst der Zeichen von schon bekannten Dingen.

34 [250]

Daß wir wirkende Wesen, Kräfte sind, ist unser Grundglaube. Frei: heißt “nicht gestoßen und geschoben, ohne Zwangsgefühl.”

NB. Wo wir einem Widerstande begegnen und ihm nachgeben müssen, fühlen wir uns unfrei: wo wir ihm nicht nachgeben sondern ihn zwingen, uns nachzugeben, frei. D. h. es ist das Gefühl unseres Mehr von Kraft, welches wir mit “Freiheit des Willens” bezeichnen: das Bewußtsein davon, daß unsere Kraft zwingt, im Verhältniß zu einer Kraft, welche gezwungen wird.

34 [251]

Im Wollen ist ein Affekt.

34 [252]

Erkenntniß: die Ermöglichung der Erfahrung, dadurch daß das wirkliche Geschehen, sowohl auf Seiten der einwirkenden Kräfte, als auf Seiten unserer gestaltenden, ungeheuer vereinfacht wird: so daß es ähnliche und gleiche Dinge zu geben scheint. Erkenntniß ist Fälschung des Vielartigen und Unzählbaren zum Gleichen, Ähnlichen, Abzählbaren. Also ist Leben nur vermöge eines solchen Fälschungs-Apparates möglich. Denken ist ein fälschendes Umgestalten, Fühlen ist ein fälschendes Umgestalten, Wollen ist ein fälschendes Umgestalten—: in dem Allem liegt die Kraft der Assimilation: welche voraussetzt einen Willen, etwas uns gleich zu machen.

34 [253]

Wahrheit ist die Art von Irrthum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Werth für das Leben entscheidet zuletzt. Sehr gemeine und tugendhafte M[enschen] — — —

34 [254]

Ich habe ihn geliebt und Niemanden sonst. Er war ein Mensch nach meinem Herzen, so unmoralisch, atheistisch, antinomistisch, welcher einsam lief und nie daran glauben mochte, daß — — —

34 [255]

NB. Eine neue Denkweise—welche immer eine neue Meßweise ist und das Vorhandensein eines neuen Maaßes, einer neuen Empfindungs-Scala voraussetzt, welche immer ein ächter Gl[aube] ist—will sich durchsetzen und sagt mit ihrem Feuer der ersten Liebe zu allem, was ihr widerstrebt: “das ist falsch.” In diesem Kampfe verfeinert sie sich, lernt sich vertheidigen und hat nöthig, um zu besiegen, dem Gegner seine Waffen abzulisten und seine Kunst abzulernen. “Das ist falsch” heißt ursprünglich “ich glaube nicht daran”; noch feiner zugesehn “ich fühle nichts daran, ich mache mir nichts daraus.”

34 [256]

Ich habe manche nicht unbedenkliche Versuche gemacht, um mir Menschen heranzulocken, denen ich von so seltsamen Dingen reden könnte: alle meine Schriften waren bisher ausgeworfene Netze: ich wünschte Menschen mit tiefen reichen und ausgelassenen Seelen mir dazu einzufangen.

An wen sich wenden? Meinen längsten Versuch machte ich an jenem vielfachen und geheimnißvollen Menschen, dem vielleicht von den Menschen dieses Jahrhunderts die meisten guten und schlimmen Dinge über die Seele gelaufen sind, an R[ichard] W[agner]. Später gedachte ich die deutsche Tugend zu “verführen”—denn es ist mir gut bekannt, wie gefährlich es in den Zwanziger Jahren in einem Deutschen zugeht. Noch später machte ich mir eine Sprache für verwegene Mannsköpfe und Mannsherzen zurecht, die irgendwo in einem Winkel der Erde auf meine wunderlichen Dinge warten mochten. Endlich—doch man wird es nicht glauben, zu welchem “endlich” ich gelangte. Genug, ich erdichtete “Also sprach Zarathustra.”

Soll ich es gestehen? Ich fand Keinen bisher, aber immer wieder irgend eine wunderliche Form jener “rasenden Dummheit,” welche sich gerne noch als Tugend anbeten lassen möchte: ich nenne sie am liebsten “die moralische Tartüfferie,” ehre sie als das Laster unseres Jahrhunderts und bin bereit, ihr noch hundert Fluchworte beizugesellen.

34 [257]

Tiefe und ferne M[enschen] haben ihre Vordergründe: und zu Zeiten haben sie nöthig, sich zu geben, als ob sie nur Vordergrund wären.

34 [258]

Einsam inmitten guter Freunde und getreuer Nachbarn, lächelnd und erstaunt über ihre “rasende Dummheit,” über das zudringliche Wohlwollen.

34 [259]

Tiefe und ausgelassene Geister!

[Frühjahr 1885]

34 [260]

Der Streit auf dem Grunde von Befehlen und Gehorchen

Der Wille zur Macht.
als Grundwille alles Lebendigen

1. in der Erkenntniß und Philosophie.
2. in der Ethik und Erziehung und Politik.
3. in der Kunst und Religion.

die beiden extremsten Denkweisen, die mechanistische und die platonische kommen überein in der ewigen Wiederkunft: beide als Ideale

34 [261]

Die Schätzung des Anorganischen als niedriger ist eine Beschränktheit. Es fehlt der Schmerz, der Irrthum. Der Wille zur Macht ist da wahr und schmerzlos.

34 [262]

Das reine Denken könnte nicht denken: das Unbedingte kann nicht bedingen.

Die reine Erkenntniß ist wie das Ding an sich eine contradictio [in adjecto]

34 [263]

Aber wenn du keine Moral mehr anerkennst, warum suchst du nach der Wahrheit? Und wenn die Moralität dich trieb, die Wahrheit zu suchen: warum verneinst du die Moral, nachdem die Moralität dich nicht mehr zwingt? Gerade jetzt könntest du sie ja gelten lassen: ein Vorrecht des Sceptikers!

34 [264]

Ich verstehe unter Moral ein System von Werthschätzungen, welches mit den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt

Liegen im Forschen moralische Kräfte und Werthschätzungen?

Das Kriterium der Wahrheit liegt in der Steigerung des Machtgefühls.

“So und so soll es sein” das steht am Anfang: Daraus wird später, oft nach langen Geschlechter-folgen ein “so ist es.” Es heißt später “Wahrheit”; zuerst war es ein Wille, etwas so und so zu sehn, so und so zu nennen, ein Ja sagen zu einer eignen Werthschaffung. —

Wir vergleichen etwas an dem, was wir für wahr halten, nach der Methode, an welche wir zu glauben gewöhnt sind.

34 [265]

Der M[oralist] ist ein Denker, welcher die Moral als Problem d. h. als fragwürdig nimmt: um dies mit einiger Reinlichkeit zu thun, muß er ohne moralische Neben- und Hinterabsichten denken können: ist aber ein außermoralisches Denken möglich?

Damit wir nicht in jene berühmte niaiserie allemande verfallen, welche den Namen Kants unsterblich gemacht hat (er antwortete sich auf die Frage —): man habe ein Vermögen dazu

Ein  Wesen,  das  nicht getäuscht sein will, ist noch lange nicht ein solches, welches nicht t[äuschen] will, läßt sich gemeinhin gerne betrügen.

["niaiserie allemande" in Nietzsche's Library:

"niaiserie allemande"

Prosper Mérimée, Lettres à une inconnue. Précédées d'une étude sur Mérimée par H. Taine. Vol. 1. Paris: Michel Lévy Frères, 1874, 328:

"[Goethe's Wilhelm Meister] est un étrange livre, où les plus belles choses du monde alternent avec les enfantillages les plus ridicules. Dans tout ce qu’a fait Goethe, il y a un mélange de génie et de niaiserie allemande des plus singuliers: se moquait — il de lui-même ou des autres?" ([Goethe's Wilhelm Meister] is a strange book, where the most beautiful things in the world alternate with the most ridiculous childish behavior. In everything Goethe produces, there is the most remarkable mixture of genius and German inanity: poking fun at — himself or others?)

"Deutscher Niaiserie"

Arthur Schopenhauer, "Kritik der Kantischen Philosophie." In: Arthur Schopenhauer's sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt. Bd. 2, 1: Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band. Vier Bücher, nebst einem Anhange, der die Kritik der Kantischen Philosophie enthält. Leipzig: Brockhaus, 1873, 508:

"Jedoch die größte Frechheit im Auftischen haaren Unsinns, im Zusammenschmieren sinnleerer, rasender Wortgeflechte, wie man sie bis dahin nur in Tollhäuser vernommen hatte, trat endlich im Hegel auf und wurde das Werkzeug der plumpesten allgemeinen Mystifikation, die je gewesen, mit einem Erfolg, welcher der Nachwelt fabelhaft erscheinen und ein Denkmal Deutscher Niaiserie bleiben wird." (However, the greatest piece of impertinence in dishing out sheer nonsense, in combination with frantic tangles of meaningless words, the likes of which had been heard up to then only in madhouses, finally appeared in Hegel, and became the tool of the crudest general mystification that has ever been, with a result that will appear fabulous to posterity and remain a monument to German niaiserie.)]

34 [266]

Quellen des Mitleids: Nachahmung und Grausamkeit.

34 [267]

Freiheit im Verhältniß zur That so verschieden wie zum Werk (der Künstler zu seinem Werk, und das Weib zu seinem Kinde)

Das Wesentliche am Schaffen ist das Befehlen.

34 [268]

Das  Kriterium  der  Wahrheit  ist  nicht  in  Jedem  “es gefällt mir” (in der Lust), aber viell[eicht] in Einer Gattung von Lust (Machtgefühl)?

34 [269]

Mein Problem: der Gesetzgeber.

34 [270]

Der Gesetzgeber.
Der Verehrende.
Der Verneinende.
Der Versuchende.
Der Befehlende.

34 [271]

Es ist auch die Moral des Gerechten noch möglich: als “ich will Gerechtigkeit” — aber um einen theuren Preis. Ein solches Ideal lebt auf Unkosten anderer; hat kein Recht an sich, keinen Gott für sich, lacht über die Ja’s und Nein’s des Gewissens.

34 [272]

Man muß nicht zu laut reden, wenn man von feinen Ohren gehört werden will, auch hasse ich den Lärm. Man muß Vieles nicht sagen und Vieles anders sagen, als man denkt; und beinahe glaube ich, daß man als Lehrer sogar immer das Gegentheil von dem lehren muß, was man für wahr hält. Denkt man heute anders: was liegt daran? Was liegt heute daran, daß man für Alle Papier bedruckt? “Papier für Alle” nutzt zu Anderem noch als zum Gelesenwerden: darin hat es seine Rechtfertigung.

From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel