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The Will to Power
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Mai—Juli 1885 35 [1-84]

35 [1]

Ein Moralist ist das Gegenstück eines Moral-Predigers: nämlich ein Denker, welcher die Moral als fragwürdig, fragezeichenwürdig, kurz als Problem nimmt. Ich bedaure hinzufügen zu müssen, daß der Moralist, eben deshalb, selber zu den fragwürdigen Wesen gehört.

35 [2]

Der historische Sinn: die Fähigkeit, die Rangordnung von Werthschätzungen schnell zu errathen, nach welchen ein Volk, eine Gesellschaft, ein Mensch lebt—, die Beziehung dieser Werth-Schätzungen zu den Lebens-Bedingungen, das Verhältniß der Autorität der Werthe zur Autorität der wirkenden Kräfte (das vermeintliche meistens noch mehr als das wirkliche): dies Alles in sich nachbilden können macht den historischen Sinn.

35 [3]

Manche der aesthetischen Werthschätzungen sind fundamentaler als die moralischen z. B. das Wohlgefallen am Geordneten, Übersichtlichen, Begrenzten, an der Wiederholung—, es sind die Wohlgefühle aller organischen Wesen im Verhältniß zur Gefährlichkeit ihrer Lage, oder zur Schwierigkeit ihrer Ernährung. Das Bekannte thut wohl, der Anblick von etwas, dessen man sich leicht zu bemächtigen hofft, thut wohl usw. Die logischen, arithmetischen und geometrischen Wohlgefühle bilden den Grundstock der aesthetischen Werthschätzungen: gewisse Lebens-Bedingungen werden als so wichtig gefühlt, und der Widerspruch der Wirklichkeit gegen dieselben so häufig und groß, daß Lust entsteht beim Wahrnehmen solcher Formen.

35 [4]

Die Verfeinerung der Grausamkeit gehört zu den Quellen der Kunst.

35 [5]

Moral ist die Lehre von der Rangordnung der Menschen, und folglich auch von der Bedeutsamkeit ihrer Handlungen und Werke für diese Rangordnung: also die Lehre von den menschlichen Werthschätzungen in Betreff alles Menschlichen. Die meisten Moral-Philosophen stellen nur die gegenwärtige herrschende Rangordnung dar; Mangel an historischem Sinn einerseits, andrerseits sie werden selber von der Moral beherrscht, welche das Gegenwärtige als das Ewig-Gültige lehrt. Die unbedingte Wichtigkeit, die blinde Selbstsucht, mit der sich jede Moral behandelt, will, daß es nicht viele Moralen geben könne, sie will keine Vergleichung, auch keine Kritik: sondern unbedingten Glauben an sich. Sie ist also im Wesen antiwissenschaftlich—und der vollkommene Moralist müßte schon deshalb unmoralisch sein, jenseits von Gut und Böse.— Aber ist Wissenschaft dann noch möglich? Was ist das Suchen nach Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Redlichkeit, wenn nicht etwas Moralisches? Und ohne diese Werthschätzungen und ihre entsprechenden Handlungen: wie wäre Wissenschaft möglich? Die Gewissenhaftigkeit im Wissen weg—wohin ist die Wissenschaft? Ist Scepsis der Moral nicht ein Widerspruch, insofern die höchste Verfeinerung der moralischen Ansprüche hier gerade aktiv ist: sobald der Sceptiker diese feineren Werthabschätzungen des Wahren nicht mehr als maaßgebend fühlt, so hat er keinen Grund mehr zu zweifeln und zu forschen: es müßte denn der Wille zum Wissen noch eine ganz andere Wurzel haben als die Wahrhaftigkeit. —

35 [6]

Seele” zur Bezeichnung eines Systems von Werthschätzungen und Werthaffekten

35 [7]

Wenn Philosophen unter sich zusammenkommen, so fangen sie damit an, vielen schönen Plunder von sich zu werfen; vor allem, sie nennen sich nicht mehr “Philosophen” und hängen “die Liebe zur Weisheit” wie eine steife Amtstracht und Maskerade an den Nagel. “Wir sind Freunde des Mißtrauens, so sagen sie zu einander, wir wollen uns nicht betrügen lassen. Daß wir Niemanden betrügen wollen—das soll man freilich von uns glauben, dazu müssen wir alle Welt feierlich überreden. Denn unter uns geredet: — — —

35 [8]

Die Starken und die Schwachen.

Gedanken und Gedankenstriche
eines guten Europäers.

35 [9]

Diese guten Europäer, die wir sind: was zeichnet uns vor den Menschen der Vaterländer aus?

Erstens: wir sind Atheisten und Immoralisten, aber wir unterstützen zunächst die Religionen und Moralen des Heerden-Instinktes: mit ihnen nämlich wird eine Art Mensch vorbereitet, die einmal in unsere Hände fallen muß, die nach unserer Hand begehren muß.

Jenseits von Gut und Böse, aber wir verlangen die unbedingte Heilighaltung der Heerden-Moral.

Wir behalten uns viele Arten Philosophie vor, welche zu lehren noth thut: unter Umständen die pessimistische, als Hammer; ein europäischer Buddhismus könnte vielleicht nicht zu entbehren sein.

Wir unterstützen wahrscheinlich die Entwicklung und Ausreifung des demokratischen Wesens: es bildet die Willens-Schwäche aus: wir sehen im “Socialism” einen Stachel, der vor der Bequemlichkeit — — —

Stellung zu den Völkern. Unsere Vorlieben; wir geben Acht auf die Resultate der Kreuzung.

Abseits, wohlhabend, stark: Ironie auf die “Presse” und ihre Bildung. Sorge, daß die wissenschaftlichen Menschen nicht zu Litteraten werden. Wir stehen verächtlich zu jeder Bildung, welche mit Zeitungswesen oder gar -schreiben sich verträgt.

Wir nehmen unsere zufälligen Stellungen (wie Goethe, Stendhal) unsere Erlebnisse als Unterkunfts-Hütten, wie sie ein Wanderer braucht und hinnimmt—wir hüten uns, heimisch zu werden.

Wir haben eine disciplina voluntatis vor unseren Mitmenschen voraus. Alle Kraft verwendet auf Entwicklung der Willens-kraft, eine Kunst, welche uns erlaubt, Masken zu tragen, des Verstehens jenseits der Affekte (auch “übereuropäisch” denken zeitweilig)

Vorbereitung dazu, die Herren der Erde zu werden: der Gesetzgeber der Zukunft. Zum Mindesten aus unseren Kindern. Grundrücksicht auf die Ehen.

35 [10]

Dieselben Bedingungen, welche die Entwicklung des Heerdenthieres vorwärts treiben, treiben auch die Entwicklung des Führer-Thiers.

35 [11]

Bei der “Emancipation des Weibes” wollen die Weiber, welche nicht zu Gatten und Kindern kommen, die Gesammtstellung des Weibes zum Manne wesentlich beeinflussen d. h. die mißrathenden Elemente (welche der Zahl nach überall im Übergewicht sind) wollen die Stellung der Art ändern d. h. zu Gunsten der Zahl soll die Qualität der Art verringert werden. (Man denke nur über die Eine Consequenz nach: daß nun auch die häßlichen Weiber die Befriedigung ihrer Triebe durch die Männer verlangen—der unbewußt treibende Grund dieser Bewegung) Oder, bei der G[eorge] Sand, die nie Männer genug hatte und die, welche sie hatte, bald satt bekam.

35 [12]

Der Unsinn der größten Zahl als der größten Vernunft zeigt sich am verhängnißvollsten, wenn man erwägt, in wiefern Alles Gute, Wohlgerathene, Glückliche, Geistig-Geistliche auf Erden, kurz alles, wodurch das durchschnittliche Mißrathen und Mißwollen — — —

35 [13]

Europa ist zuletzt ein Weib: und die Fabel lehrt, daß so ein Weib sich unter Umständen von gewissen Thieren fortschleppen läßt. Ehemals, zur Zeit der Griechen, war’s ein Stier. Heute—der Himmel behüte mich, das Thier zu nennen.

35 [14]

Was sind diese guten Europäer, von denen du redest und noch mehr schweigst als redest? Was zeichnet sie vor uns, den guten Vaterländern, aus?

35 [15]

Zum Plan. Einleitung.

1. die organischen Funktionen zurückübersetzt in den Grundwillen, den Willen zur Macht,—und aus ihm abgespaltet.
2. denken, fühlen, wollen in allem Lebendigen—was ist eine Lust anders als: eine Reizung des Machtgefühls durch ein Hemmniß (noch stärker durch rhythmische Hemmungen und Widerstände)—so daß es dadurch anschwillt. Also in aller Lust ist Schmerz einbegriffen.— Wenn die Lust sehr groß werden soll, müssen die Schmerzen sehr lange, und die Spannung des Bogens ungeheuer werden.
3. der Wille zur Macht sich spezialisirend als Wille zur Nahrung, nach Eigenthum, nach Werkzeugen, nach Dienern —
Gehorchen und Herrschen: der Leib.
— der stärkere Wille dirigirt den schwächeren. Es giebt gar keine andere Causalität als die von Wille zu Wille. Es ist bisher noch gar keine mechanistische — — —
4. die geistigen Funktionen. Wille zur Gestaltung, zur Anähnlichung usw.
Anhang. Die grossen Missverständnisse der Philosophen.

35 [16]

Man möchte vielleicht einmal versucht sein, die Frage aufzuwerfen ob sich nicht alle großen Menschen unter die bösen Menschen rechnen lassen.

35 [17]

Der Mensch, in welcher Lage er auch sich befinden möge, braucht eine Art Werthschätzungen, vermöge deren er seine Handlungen, Absichten und Zustände vor sich selber und namentlich vor seiner Umgebung rechtfertigt d. h. selbst-verherrlicht. Jede natürliche Moral ist der Ausdruck der Zufriedenheit einer Art von Menschen mit sich selber: und wenn man Lob nöthig [hat], hat man auch eine übereinstimmende Werthtafel nöthig, auf der die Handlungen am höchsten geschätzt sind, deren wir am fähigsten sind, worin unsere eigentlich Kraft sich ausdrückt. Wo unsere Kraft ist, damit wollen wir auch gesehn und geehrt werden.

35 [18]

(50)

Ob man nicht ein Recht hat, alle großen Menschen unter die bösen zu rechnen? Im Einzelnen ist es nicht immer aufzuzeigen. Oft ist ihnen ein meisterhaftes Versteckspielen möglich gewesen, so daß sie die Gebärden und Äußerlichkeiten großer Tugenden annahmen. Oft verehrten sie die Tugenden ernsthaft und mit einer leidenschaftlichen Härte gegen sich selber, aber aus Grausamkeit—dergleichen täuscht, aus der Ferne gesehn. Manche verstanden sich selber falsch, als sie — — — nicht selten fordert eine große Aufgabe große Qualitäten heraus z. B. die Gerechtigkeit. Das Wesentliche ist: die Größten haben vielleicht auch große Tugenden, aber gerade dann noch deren Gegensätze. Ich glaube, daß aus dem Vorhandensein der Gegensätze, und aus deren Gefühle, gerade der große Mensch, der Bogen mit der großen Spannung, entsteht

35 [19]

Man muß sich los machen von der Frage: was ist gut? was ist mitleidig?—sondern “was ist der Gute, der Mitleidige?” fragen.

35 [20]

Eine Moral war bisher zu allererst der Ausdruck eines conservativen Willens zur Züchtung einer gleichen Art, mit dem Imperativ: “Es soll allem Variiren vorgebeugt werden; es soll der Genuß an der Art allein übrig bleiben.” Hier werden eine Anzahl von Eigenschaften lange festgehalten und großgezüchtet, und andere geopfert; alle solche Moralen sind hart (in der Erziehung, in der Wahl des Weibes, überhaupt gegen die Rechte der Jugend) Menschen mit wenigen, aber sehr starken und immer gleichen Zügen sind das Resultat. Diese Züge stehen in Beziehung zu den Grundlagen, auf denen solche Gemeinwesen sich durchsetzen und gegen ihre Feinde behaupten können.

Auf Ein Mal reißt das Band und der Zwang einer solchen Zucht (—es giebt zeitweilig keine Feinde mehr—): das Individuum hat keine solchen Schranken mehr, es schießt wild auf, ein ungeheures Zugrundegehn steht neben einem herrlichen, vielfachen, urwaldhaften Emporwachsen. Es entsteht für die neuen Menschen, in welche jetzt das Verschiedenste vererbt wird, eine Nöthigung, sich selber eine individuelle Gesetzgebung zu machen, angemessen für ihre absonderlichen Bedingungen und Gefahren. Es erscheinen die Moral-philosophen, welche gewöhnlich irgend einen häufigeren Typus darstellen und mit ihrer disciplina einer bestimmten Art von Mensch Nutzen schaffen.

35 [21]

Ich habe meinen Geist und [meine] Mühe auf Fragen verschwendet, wie: was ist gut? was ist schlecht?— Jeder dieser Philosophen nahm sich als typischen Menschen und wollte sich gegen alle anders Gearteten durchsetzen: sie treten in den Kampf mit diesem ihrem Glauben an ihr Ideal. Auch ihre Moral ist die der Selbst-Zufriedenheit, aber des Individuums.

35 [22]

Man weiß aus den Erfahrungen der Züchter, daß Arten, denen ein Übermaß von Nahrung und jede Art Sorgfalt und Schutz zu Theil wird, in der stärksten Weise zur Variation   des   Typus   neigen   und   reich   an  Wundern  und  Monstrositäten  (auch an m[onströsen] Lastern) sind. Nun sehe man einmal eine Aristokratie als eine Veranstaltung zum Zweck der Züchtung an: lange Zeit fehlt jenes Übermaaß der günstigen Bedingungen, sie hat Noth, sich überhaupt durchzusetzen, sie hat beständige Gefahr um sich, Furcht festzuhalten. Dazu fühlt sie als nothwendig, daß eine bestimmte Art von Eigenschaften (Tugenden) vor allen und zuoberst erhalten werden muß: sie unterdrückt zu Gunsten dieser Tugenden alle übrigen, sie führt diese Tugenden als Existenzbedingungen. Endlich entsteht eine Glückslage, der große Zwang ist nicht mehr nöthig: und sofort tritt, in dem Treibhaus ihrer Cultur, eine ungeheure Menge von Varietäten und Monstren (Genie’s eingerechnet) auf: mitunter geht an deren Kampfe das Gemeinwesen zu Grunde.

Die Art-Varietäten (als Abartung, theilweise Entartung) treten auf, wo günstige Bedingungen des Lebens da sind: die Art selber aber tritt auf, wird fest und stark unter dem langen Kampf mit immer gleich ungünstigen B[edingungen].

Die Sorge für die Erhaltung der Art, ihrer treuen Wiederholung, ihrer wesentlichen Gleichförmigkeit ist eingegeben durch Liebe für diese Art, Bewunderung derselben durch Vergleichung mit ihrer Umgebung, also Zufriedenheit damit: Grundlage aller Aristokratien, man ist glücklich in seiner Art und will sich selber fortsetzen durch gleiche Nachkommenschaft: aber man muß auf dieser Stellung erhalten werden durch beständig wiederkehrende Gefährdung, und durch den Vergleich mit nahen, niedriger stehenden Wesen. Der Gedanke an einen “Fortschritt” und ebenso der Gedanke an “gleiche Rechte Aller” muß fehlen: Erhaltung des Typus, Genuß aller typischen Züge und sonst Widerwille (auch gegen alles Fremde) möglichst den Vorfahren gleichen als dirigirende Moral: Trauer beim Gedanken der Veränderung und Varietät.

Nun aber giebt es leidende, unterdrückte, halb mißrathende, kranke mit sich unzufriedene Arten: wenn auch sie nach Lehrern, Tröstern und gleichsam Ärzten dürsten, wenn auch sie sich eine Moral schaffen: wonach werden sie am liebsten greifen und verlangen? Vor allem nicht nach Erhaltung ihrer leidenden Art, oder ihrer Zustände. Sondern “fort davon! Und lieber Tugend wo anders hin!” Im Ganzen wird ihre Moral sich also wie eine Art Selbst-Verneinung — — — andererseits ihre liebste Praxis wird die “Selbstlosigkeit,” der Ekel vor sich, die Abkehr vom Egoistischen—ihr großer Haß wendet sich gegen die Glücklichen, Stolzen, Siegreichen! Daneben die Entzückungen des Gefühls, welche in der Hingebung, Aufopferung, im Vergessen-seiner-selber, in der Liebe liegen: von der hündischen Schwanzwedelei des Sclaven bis hinauf zur mystischen “Vereinigung mit Gott.” Thatsächlich wird so eine Art von Leidenden und Halbgerathenden im Leben erhalten, und gewissermaaßen lebensfähig gemacht: und indem sie Anpassung an Einander vor allem lernt, entsteht ein niedrigerer, aber lebensfähigerer Typus. Zum Beispiel der jetzige Europäer, so wie der Chinese. Die Verkleinerung des Menschen: aber wenn Alle ihre Kräfte zusammenthun, werden sie über die vornehme Rasse Herr: und da diese selber oft von ihren noblen Instinkten her zum Wegwerfen ihrer harten Existenz verführt sind (auch von ihren glücksbedürftigen Instinkten), oder selber entartet sind, so daß sie nicht mehr an sich glauben, so geschehen dann z.B. solche große Thorheiten wie die Vorspiele der französischen Revolution. Dann tritt eine Art Übergewicht der Vielzahl, folglich der geringsten Art Mensch über die Ausgesuchteren und Selteneren ein, ein demokratischer Grund-Geschmack aller Werthschätzung, bei dem zuletzt der Glaube an große Dinge und Menschen sich in Mißtrauen, endlich in Unglauben verwandelt und zur Ursache davon wird, daß das Große ausstirbt.

35 [23]

Der Durst nach großen und tiefen Seelen—und immer nur dem Heerdenthier zu begegnen!

35 [24]

1) ist der “Philosoph” heute noch möglich? Ist der Umfang des Gewußten zu groß? Ist die Unwahrscheinlichkeit nicht sehr groß, daß er nicht zum Überblick kommt, und zwar je gewissenhafter er ist? Oder zu spät, wenn seine beste Zeit vorbei ist? Oder beschädigt, vergröbert, entartet, so daß sein Werthurtheil nichts mehr bedeutet?— Im andern Fall wird er zum “Dilettanten” mit tausend Fühlhörnerchen und verliert das große Pathos, die Ehrfurcht vor sich selber—auch das gute feine Gewissen. Genug, er führt nicht mehr, er befiehlt nicht mehr. Wollte er es, so müßte er zum großen Schauspieler werden, zu einer Art von philosophischem Cagliostro.

2) was bedeutet uns heute philosophisch leben weise-sein? Ist es nicht fast ein Mittel, sich gut aus einem schlimmen Spiele herauszuziehn? Eine Art Flucht? Und wer dergestalt abseits und einfach lebt, ist es wahrscheinlich, daß er damit seiner Erkenntniß den besten Weg gewiesen hat? Müßte er es nicht persönlich mit dem Leben auf 100 Arten versucht haben, um über seinen Werth mitreden zu können? Genug, wir glauben, daß Einer ganz und gar “unphilosophisch,” nach den bisherigen Begriffen, gelebt haben muß, vor allem nicht als scheuer Tugendhafter—um über die großen Probleme aus Erlebnissen heraus zu urtheilen. Der Mensch der umfänglichsten Erlebnisse, der sie zu allgemeinen Schlüssen zusammendrängt: müßte er nicht der mächtigste Mensch sein?— Man hat den Weisen zu lange mit dem wissenschaftlichen, und noch länger mit dem religiös-gehobenen Menschen verwechselt.

35 [25]

Problem: viele Arten von großen Menschen sind vielleicht nicht mehr möglich? z.B. der Heilige. Vielleicht auch der Philosoph. Endlich das Genie? Die ungeheuren Distanz-Verhältnisse zwischen Mensch und Mensch haben vielleicht abgenommen? Mindestens hat das Gefühl dieser Distanz abgenommen, und das bringt als Wirkung eine weniger schroffe Haltung und Zucht mit sich, vermöge deren es der Mensch auch nicht mehr so hoch bringt, wie ehedem.— Wir bedürfen eines neuen Begriffs der Größe des Menschen; welcher wir fähig sind, und von der die Meisten von uns tief abgetrennt sind. Voilà: diese demokratische Welt verwandelt Jeden in eine Specialität, also ist heute Größe das Universal-sein. Sie schwächt den Willen, also ist Stärke des Willens heute Größe. Sie entwickelt das Heerdenthier, also gehört Alleinstehn und Auf-eigene-Faust-leben heute zur Größe zu rechnen. Der umfänglichste Mensch, allein gehend, ohne Heerden-Instinkte, und mit einem unbezwinglichen Willen, welcher ihm erlaubt, viele Verwandlungen zu haben und unersättlich in neue Tiefen des Lebens zu tauchen.— Wir müssen die Größe des Menschen dort suchen, wo wir am wenigsten zu Hause sind. Für Zeitalter der Energie ist der sanfte entsagende beschauliche Mensch die große Ausnahme; es gehört große innere Zucht und Härte dazu, um aus einem halbwilden Thiere zu einem Socrates zu werden. Der Indifferentism des Epicur wirkt fast wie eine Verklärung. Wir kommen zu entgegengesetzten Idealen: und zuerst haben wir die alten Ideale für uns selber zu zertrümmern.

35 [26]

Dionysos.
Buch der Wahrsagung.

35 [27]

Unsere Psychologen, deren Blick unwillkürlich nur an den Symptomen der décadence hängen bleibt, lenken immer wieder unser Mißtrauen wider den Geist.

35 [28]

Neue Barbaren. Man sieht immer nur die schwächenden verzärtelnden verkränkelnden Wirkungen des
Geistes: aber es kommen nun: Die Cyniker.Vereinigung der geistigen
 Die Versucher.Überlegenheit mit
 Die Eroberer.Wohlbefinden und Überschuß von Kräften.

35 [29]

Die Epochisten, die Ephektiker.

Er bleibt gern vor offenen Problemen stehn und ist ironisch gegen die schnellen Hypothesen gestimmt; er lehnt die Art Befriedigung ab, welche das Rund-machen, das Voll-machen, das Ausstopfen eines Lochs mit irgend welchem Werg mit sich bringt. So verhält er sich, nicht aus seiner Schwäche heraus, sondern aus seiner Stärke: er geht nicht gleich zu Grunde, wenn er den Halt solcher “Geländer” entbehrt, welche z. B. heute den Pessimisten als ihre Stütze dienen.— Grundthatsache: daß es in den moralischen Gebieten noch an jeder Wissenschaft fehlt, mehr noch an jedem Materiale zur Wissenschaft. Die praktischen Hinter-Absichten unterbinden dem Forscher die Adern. Es ist die Zeit für das Suchen der allerweitesten regulativen Hypothesen, um an ihnen Material zu sammeln.

Also ist hier noch lange nicht eigentliche strenge Ephexis der Wissenschaft möglich; wir sind im Vorstadium. Die Verschärfung der methodischen Ansprüche wird später kommen. Die Wissenschaften entwickeln sich keineswegs gleichzeitig: sondern wie die Organe ihr schnelleres oder langsameres Wachsthum, Reifwerden haben, so steht es hier. Es liegt auf der Hand, daß die Wissenschaft, welche am weitesten zurück sein wird, die ist, welcher man am längsten widerstrebt hat, mit dem Glauben, hier dürfe gar nicht geforscht werden. Hier sei die Wahrheit da, hier sei der Glaube an sie Pflicht—noch jetzt bäumt sich das “moralische Bewußtsein” mitunter selbst im Gewande einer Art “Philosophie” gegen das Recht einer Analysis der Moral auf. Und unsere letzten Moralforscher sind gründlich eben davon überzeugt: hier habe die Wissenschaft nur den Thatbestand zu ergründen, nicht zu kritisiren.

35 [30]

1. das Problem der Moral sehen und zeigen—das scheint mir die neue Aufgabe und Hauptsache. Ich leugne, daß dies in der bisherigen Moralphilosophie geschehn ist.

35 [31]

Man muß nicht Wissenschaftlichkeit affektiren, wo es noch nicht Zeit ist, wissenschaftlich zu sein; aber auch der wirkliche Forscher hat die Eitelkeit von sich zu thun, eine Art von Methode zu affektiren, welche im Grunde noch nicht an der Zeit ist. Ebenso Dinge und Gedanken, auf die er anders gekommen ist, nicht mit einem falschen Arrangement von Deduktion und Dialektik zu “fälschen.” So fälscht Kant in seiner “Moral” seinen innewendigen psychologischen Hang; ein neuerliches Beispiel ist Herbert Spencer’s Ethik.— Man soll die Thatsache, wie uns unsere Gedanken gekommen sind, nicht verhehlen und verderben. Die tiefsten und unerschöpftesten Bücher werden wohl immer etwas von dem aphoristischen und plötzlichen Charakter von Pascals Pensées haben. Die treibenden Kräfte und Werthschätzungen sind lange unter der Oberfläche; was hervorkommt, ist Wirkung.

35 [32]

Ich wehre mich gegen alle Tartüfferie von Wissenschaftlichkeit:

1) in Bezug auf die Darlegung, wenn sie nicht der Genesis der Gedanken entspricht,

2) in den Ansprüchen auf Methoden, welche vielleicht zu einer bestimmten Zeit der Wissenschaft noch gar nicht möglich sind,

3) in den Ansprüchen auf Objektivität, auf kalte Unpersönlichkeit, wo, wie bei allen Werthschätzungen, wir mit zwei Worten von uns und unseren inneren Erlebnissen erzählen. Es giebt lächerliche Arten von Eitelkeit z. B. Saint-Beuvés, der sich zeitlebens geärgert hat, hier und da wirklich Wärme und Leidenschaft im “für” und “Wider” gehabt zu haben und es gern aus seinem Leben weggelogen hätte.

35 [33]

(51)

Man giebt sich heute gern den Anstrich einer sehr bunten und vielgestaltigen Ankünstelung von Wissenschaftlichkeit—begreiflich in einem so unächten Jahrhundert, wo “gleiche Rechte” auch “das Gefühl gleicher Ansprüche” nach sich ziehen z. B. auch den Anspruch, wissenschaftlich sein zu können, falls man es nur will. Fast alle Litteraten glauben es von sich; mehr noch, es gehört jetzt zum Ehrgeiz der Romanschriftsteller.

35 [34]

Nichts Kläglicheres als die moralistische Litteratur im jetzigen Europa. Die utilitarischen Engländer voran, plump wie Hornvieh in den Fußtapfen Bentham’s wandelnd, wie er selber schon in den Fußtapfen des Helvetius wandelte; kein neuer Gedanke, nicht einmal eine wirkliche Historie des Früher-Gedachten, sondern immer die alte moral[ische] Tartüfferie, das englische Laster des cant unter der neuen Form der Wissenschaftlichkeit nebst geheimer Abwehr von Gewissensbissen, wie sie eine Rasse von ehemaligen Puritanern anzufallen pflegen.— Sie möchten sich um jeden Preis überreden, daß man dem eignen Nutzen nachgehen müsse, insofern gerade damit dem allgemeinen Nutzen, dem Glück der Meisten, am besten bedient werde: also daß das Streben nach englischem “Glück,” ich meine nach comfort und fashion auf dem rechten Pfade der Tugend sei: ja daß, so weit es in der Welt Tugend gegeben habe, sie im derartigen Streben nach eignem, folglich auch allgemeinem Glück bestanden habe: Niemand von allen diesen schwerfälligen, im Gewissen beunruhigten Heerden-Thieren—denn das sind sie allesammt—will etwas davon wissen, daß es eine Rangordnung der Menschen giebt, folglich Eine Moral für Alle eine Beeinträchtigung der höchsten Menschen ist, daß was dem Einen billig ist, durchaus noch nicht dem Anderen es sein kann; daß vielmehr das Glück der Meisten für Jeden ein Ideal zum Erbrechen ist, der die Auszeichnung hat, nicht zu den Meisten zu gehören.— Von Frankreich her ist neuerdings noch die oberflächliche Gegenüberstellung Comte’s vom Altruismus und Egoismus—aber es giebt gar keinen Altruismus!—nach England gedrungen; und nun sehen wir z. B. bei Herbert Spencer den Versuch, auch damit wieder sich zu vertragen, mit einem solchen schlechten Willen, irgend einen Begriff noch streng zu nehmen, daß nunmehr Urinlassen in England bereits schon unter die altruistischen Thätigkeiten gehören dürfte. In Deutschland—wo man noch nicht einmal mit der moralistischen Naivetät Kant’s und Schopenhauer’s, dem kategorischen Imperativ und andrerseits dem “Mitleiden” fertig zu werden versteht—hat E[duard]. von H[artmann, Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins. Prolegemena zu jeder zukünftigen Ethik. Berlin: 1879.] neuerdings den Comte’schen Gedanken ins Breite getreten—in die Breite von 871 Seiten—; und, ohne daß irgend ein Deutscher darüber gelacht hat, vorne den Egoismus feierlich und förmlich zur Thür hinausgeworfen, um ihn hinten, im Namen des “Altruismus,” wieder hereinzunöthigen. In der That, man kann sich die unheimliche Thatsache einer fast plötzlichen Verdummung der Völker Europa’s—sichtbar so gut im jetzigen Deutschland und England, wie in Frankreich und Italien—nicht besser sich zu Gemüthe führen als durch ein Blättern in ihren moralistischen Büchern. Ich wüßte höchstens drei kleine Schriften herauszuheben (obwohl auch in diesen nichts Fundamentales gesagt ist):

Einmal das Buch [Vgl. Paul Rée, Der Ursprung der moralischen Empfindungen. Chemnitz: Schmeitzner, 1877.] eines deutschen Juden, Paul Rée, das den Titel führt—Es verdient seiner Form wegen Auszeichnung und trägt etwas von jenem ächt-philosophischen habitus an sich, dem Stendhal einmal einen scharfen Ausdruck gegeben hat: — — — Rée nimmt mit feiner Hand die strengeren Geschmacks-Gewohnheiten der alten französischen Moralisten wieder auf—sein Buch kommt wie ein erquicklicher Geruch aus jener “guten alten Zeit,” fern von allen erbaulichen Hinterabsichten, nach welchen deutsch geschriebene Moral-Bücher zu riechen pflegen—: leider hat er auch dieselben Mängel, wie jene Franzosen, den engen Horizont, die Armseligkeit des Wissens; seine Hypothesen sind wohlfeil und in den Wind geredet; es fehlt ihm gänzlich “der historische Blick und Takt,” das will sagen, die eigentliche und einzige Tugend, welche die deutsche Wissenschaft des 19. Jahrhunderts vor allen älteren Wissenschaften voraus hat. Zuletzt ist es ein Buch, welches “Appetit macht.”

Zweitens nenne ich das feine, schwermüthig-herzhafte Buch eines Franzosen [Jean-Marie Guyau: .Esquisse d'une morale sans obligation ni sanction. Paris: 1885.] — — —, welches freilich, wie fast Alles, was jetzt aus Paris kommt, zum Übermaaß zu verstehen giebt, wo eigentlich heute der Pessimismus zu Hause ist: nämlich nicht in Deutschland. Und was hilft aller Positivismus und das entschlossene Kniebeugen vor den “petits faits”! Man leidet in Paris wie an kalten Herbstwinden, wie an einem Frost großer Enttäuschungen, als ob der Winter kommt, der letzte, endgültige Winter—und die Besten und Tapfersten, wie jener brave Guyau, [zittern und schaudern dabei, auch wenn sie eine noch so gute Miene zu ihrem “positivisme” machen: wer glaubt es ihnen, wozu sie uns mit Ironie überreden möchten, daß jenes Zittern und Schaudern noch zu den Reizen und Verführungskünsten des Lebens gehöre? Freilich: “das Schaudern ist der Menschheit schönster Theil”—das hat Goethe gesagt, und Goethe—durfte es sagen! Aber ein Pariser?— Endlich zeichne ich die polemische Schrift eines deutschen Halb-Engländers aus, welche genug Geist, Säure und Wissenschaft enthält, um jene Vereinigung von bêtise und Darwinismus, welche Herbert Spencer unter dem Titel: “Data of Ethics” in die Welt gesetzt hat, gründlich zu “zersetzen”: [William Henry] Rolph, Biologische Probleme 1881. Freilich, vom Polemischen abgesehen ist an dem Buche nichts zu loben; und im Grunde beleidigt hier, ebenso wie bei dem Buche, welches er bekämpft, das Mitreden-wollen unbedeutender Menschen auf Gebieten, wo nur eine ausgesuchte Art von Erkennenden und “Erlebten” ohne Unbescheidenheit zu Worte kommt.]

35 [35]

Was mich am gründlichsten von den Metaphysikern abtrennt, das ist: ich gebe ihnen nicht zu, daß das “Ich” es ist, was denkt: vielmehr nehme ich das Ich selber als eine Construktion des Denkens, von gleichem Range, wie “Stoff” “Ding” “Substanz” “Individuum” “Zweck” “Zahl”: also nur als regulative Fiktion, mit deren Hülfe eine Art Beständigkeit, folglich “Erkennbarkeit” in eine Welt des Werdens hineingelegt, hineingedichtet wird. Der Glaube an die Grammatik, an das sprachliche Subjekt, Objekt, an die Thätigkeits-Worte hat bisher die Metaphysiker unterjocht: diesen Glauben lehre ich abschwören. Das Denken setzt erst das Ich: aber bisher glaubte man, wie das “Volk” im “ich denke” liege irgend etwas von Unmittelbar-Gewissem und dieses “Ich” sei die gegebene Ursache des Denkens, nach deren Analogie wir alle sonstigen ursächlichen Verhältnisse “verstünden.” Wie sehr gewohnt und unentbehrlich jetzt jene Fiktion auch sein mag, das beweist nichts gegen ihre Erdichtetheit: es kann etwas Lebensbedingung und trotzdem falsch sein.

35 [36]

Freigeworden von der Tyrannei der “ewigen” Begriffe, bin ich andrerseits fern davon, mich deshalb in den Abgrund einer skeptischen Beliebigkeit zu stürzen: ich bitte vielmehr, die Begriffe als Versuche zu betrachten, mit Hülfe deren bestimmte Arten des Menschen gezüchtet und auf ihre Enthaltsamkeit und Dauer — — —

35 [37]

Die Falschheit eines Begriffs ist mir noch kein Einwand gegen ihn. Darin klingt unsere neue Sprache vielleicht am fremdesten: die Frage ist, wie weit er lebenfördernd, lebenerhaltend, arterhaltend ist. Ich bin sogar grundsätzlich des Glaubens, daß die falschesten Annahmen uns gerade die unentbehrlichsten sind, daß ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktion, ohne ein Messen der Wirklichkeit an der erfundenen Welt des Unbedingten, Sich-selber-Gleichen der Mensch nicht leben kann und daß ein Verneinen dieser Fiktion, ein praktisches Verzichtleisten auf sie, so viel wie eine Verneinung des Lebens bedeuten würde. Die Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehn: das heißt freilich auf eine schreckliche Weise die gewohnten Werthgefühle von sich abthun—und hier, wenn irgend wo, gilt es, sich an der “erkannten Wahrheit” nicht zu “verbluten.” Man muß sofort in dieser höchsten Gefahr die schöpferischen Grund-Instinkte des Menschen heraufrufen, welche stärker sind als alle Werthgefühle: die, welche die Mütter der Werthgefühle selber sind und im ewigen Gebären über das ewige Untergehn ihrer Kinder ihre erhabene Tröstung genießen. Und zuletzt: welche Gewalt war es denn, welche uns zwang, jenem “Glauben an die Wahrheit” abzuschwören, wenn es nicht das Leben selber war und alle seine schöpferischen Grund-Instinkte?— so daß wir also es nicht nöthig haben, diese “Mütter” heraufzubeschwören:—sie sind schon oben, ihre Augen blicken uns an, wir vollführen eben, wozu deren Zauber uns überredet hat.

35 [38]

— Und was die eigentl[iche] Philos[ophie] im jetzigen Frankreich betrifft: man glaube ja nicht, daß diese braven Positivisten aus der Schule Comte’s, oder die Nachkommen Stendhal’s Montesquieu’s Condillac’s—eben das Beste was das 18. Jahrhundert hatte—wie Taine, ein Gegensatz zu der skeptischen Stimmung des Jahrhunderts ausmachen.

35 [39]

Mittag und Ewigkeit.

1. Von der Rangordnung.
2. Die Gesetzgeber. (Züchtung neuer herrschenden Kasten)
3. Vom Ring der Ringe. Oder: “der Spiegel.”
4. Die großen Segnungen.

35 [40]

Mittag und Ewigkeit.
Gesichte und Wahrsagungen.

35 [41]

Mittag und Ewigkeit.
Wahrsagungen
eines Zukünftigen.

Erster Theil:
von der Rangordnung.

Zweiter Theil:
von den Herren der Erde.

Dritter Theil:
vom Ring der Ringe.

Vierter Theil:
vom neuen Sterben.

35 [42]

— bis wir auch uns mit gutem Stolze das Wort zurufen dürfen, welches Pericles [Vgl. Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Übersetzt von Dr. Adolf Wahrmund. Zweite verbesserte, in den Anmerkungen vermehrte Auflage. II, 41. Stuttgart: Krais & Hoffmann, 1866:127.] seinen Athenern in jener Grabrede zurief:—zu allem Land und Meere hat unsere Kühnheit sich den Weg gebrochen, überall sich unvergängliche Denkmale im Guten und Schlimmen gründend.

35 [43]

Zuletzt wehren wir uns noch gegen die Menschenkenntniß solcher Sainte-Beuve’s und Renan’s, gegen diese Art Seelen-Aushorchung und -Anschnüffelung, wie sie von diesen unmännlichen Genüßlingen des Geistes ohne Rückgrat gehandhabt wird: es scheint uns gegen die Scham zu gehen, wenn sie mit neugierigen Fingern an den Geheimnissen von Menschen oder Zeiten herumtasten, welche höher, strenger, tiefer waren und in jedem Betracht vornehmer als sie selber: so daß sie nicht so leicht ihre Thüren irgend welchen herumschweifenden Halbweibern aufgethan hätten. Aber dieses neunzehnte Jahrhundert, welches alle feineren Instinkte der Rangordnung eingebüßt hat, weiß nicht mehr den unerwünschten Eindringlingen und Thore-Erbrechern auf die Finger zu schlagen; ja es ist stolz auf seinen “historischen Sinn,” vermöge dessen es dem schwitzenden Plebejer erlaubt wird, vorausgesetzt, daß er mit gelehrten Folter-Werkzeugen und Fragebogen kommt, sich auch in die Gesellschaft von höchster Unnahbarkeit einzudrängen, unter die Heiligen des Gewissens so gut als unter die ewig verhüllten Herrschenden des Geistes. Unter dem historischen Sinn und Umspähen liegt mehr Scepsis verborgen als man zunächst sieht: eine beleidigende Scepsis gegen die Rangverschiedenheit von Mensch und Mensch gewendet, und derselbe unverschämte Anspruch auf “Gleichheit” wird sogar in Hinsicht auf die Todten ausgedehnt, welchen sich die bezahlten Diener der öffentlichen Meinung jetzt gegen jeden Lebenden herausnehmen.

Wir aber sind keine Sceptiker,—wir glauben noch an eine Rangordnung der Menschen und Probleme und warten die Stunde ab, wo sich diese Lehre vom Range und von der Ordnung der pöbelhaften Gesellschaft von heute wieder in’s breite Gesicht einschreiben wird. Vielleicht ist diese Stunde auch unsere Stunde.

Sind wir vielleicht, wenn wir keine Sceptiker sind, Kritiker oder “Kriticisten”? Und wenn wir den Versuch und die Lust am Versuche durch unseren Namen noch besonders unterstrichen haben, geschieht das etwa deshalb, weil wir uns des Experimentes in einem weiten und gefährlichen Sinne, aber zum Behufe einer tiefer verstandenen Kritik, zu bedienen lieben? Sind wir vielleicht, im Geheimen, zum Besten unserer Erkenntniß, als Experimentirende gezwungen weiter zu gehen als es der weichmüthige und verzärtelte Geschmack des Jahrhunderts gutheißen kann? In der That, wir möchten nicht alle jene Eigenschaften entbehren, welche den Kritiker vom Skeptiker abheben: die Sicherheit der Werthmaaße, die bewußte Handhabung einer Einheit von Methode, der gewitzte Muth, das Alleinstehen- und sich verantworten können; ja wir gestehen eine Lust am Neinsagen und Zergliedern, eine gewisse Grausamkeit der Hand zu, welche das Messer sicher führt, auch wenn das Herz dabei blutet. Wir sind härter—, und vielleicht nicht nur gegen uns,—als “humane” Menschen wünschen mögen; wir lassen uns nicht mit der “Wahrheit” ein, weil sie uns “gefällt” oder “erhebt” oder “begeistert”—unser Glaube ist vielmehr gering, daß die Wahrheit je solche angenehme Gefühle mit sich bringen könnte. Es klingt vielen Ohren peinlich wenn wir sagen: gerade dort springt unser Mißtrauen hervor, wo unser Gefühl zu schönen Wallungen emporsteigt; wir lächeln, wenn Jemand etwas damit zu beweisen glaubt, daß er sagt: “aber dieser Gedanke erhebt mich: wie sollte er nicht wahr sein?” Oder: “dieses Werk entzückt mich—wie sollte es nicht schön sein?” Oder: “dieser Künstler vergrößert mich wie sollte er nicht groß sein?” Wir haben vielmehr mit den Kritikern —

35 [44]

Aberglaube über den Philosophen, Verwechslung mit dem wissenschaftlichen Menschen. Als ob die Werthe in den Dingen steckten und man sie nur festzuhalten hätte. In wiefern sie unter gegebenen Werthen forschen (ihr Haß auf Schein, Leib usw.) Schopenhauer in Betreff der Moral. (Hohn über den Utilitarismus) Zuletzt geht die Verwechslung so weit, daß man den Darwinismus als Philosophie betrachtet: und jetzt ist die Herrschaft bei den wissenschaftlichen Menschen.

Auch die Franzosen wie Taine suchen oder meinen zu suchen ohne die Werthmaaße schon zu haben. Die Niederwerfung vor den “Facten” eine Art Cultus. Thatsächlich vernichten sie die bestehenden Werthschätzungen.

Erklärung dieses Mißverständnisses. Der Befehlende entsteht selten, er mißdeutet sich selber. Man will durchaus die Autorität von sich ablehnen und in die Umstände setzen.— In Deutschland gehört die Schätzung des Kritikers in die Geschichte der erwachenden Männlichkeit. Lessing usw. (Napoleon über Goethe) Thatsächlich ist diese Bewegung durch die deutsche Romantik wieder rückgängig gemacht: und der Ruf der deutschen Philosophie bezieht sich auf sie, als ob mit ihr die Gefahr der Scepsis beseitigt sei, und der Glaube bewiesen werden könne. In Hegel kulminiren beide Tendenzen: im Grunde verallgemeinerte er die Thatsache der deutschen Kritik und die Thatsache der deutschen Romantik—eine Art von dialektischem Fatalismus, aber zu Ehren des Geistes, thatsächlich mit Unterwerfung des Philosophen unter die Wirklichkeit.— Der Kritiker bereitet vor: nicht mehr!

Mit Schopenhauer dämmert die Aufgabe des Philos[ophen], daß es sich um eine Bestimmung des Werthes handele: immer noch unter der Herrschaft des Eudämonismus (Spott über Hartmann) das Ideal des Pessimismus.

35 [45]

Der Philosoph als Gesetzgeber, als Versucher neuer Möglichkeiten, seine Mittel. Er benutzt die Religion. Das neue Testament—was das Christenthum kann.

Sein Gegensatz: die Moral der Heerdenthiere.
Ebenso die Freidenker usw.
Wie sich die Heerdenthiere heute den höheren Menschendenken: an V. Hugo zu zeigen.

Meine Vorbereiter: Schopenhauer—
in wie fern ich den Pessimismus vertiefte und durch die Erfindung seines höchsten Gegensatzes erst ganz mir zum Gefühl brachte.
Sodann: die ideal[en] Künstler, jener Nachwuchs aus der Napoleonischen Bewegung.
Sodann: die höheren Europäer, Vorläufer der großen Politik.
Sodann: die Griechen und ihre Entstehung. Ich gab Winke in der “Geburt der Tragödie” über das Verhältniß “Noth” und “Kunst.”
Die Deutschen und der Geist.

Die persönliche Erziehung des Philosophen in der Einsamkeit.
Das Dionysische.

35 [46]

Paete, non dolet! Paete, dieser Pessimismus thut nicht weh! Paete, Eduard beißt nicht! Paete, siehe mich an: bin ich nicht freundlich blau, ja sogar preußisch blau; Paete, in der That, ich lasse gar nichts zu wünschen übrig



Paete, non dolet! Paete, dieser Pessimismus thut nicht weh! Paete, deine Arria beißt nicht! Paete: Eduard ist voller Rücksicht, behaglich, human, freundlich, sogar reichsfreundlich, sogar preußisch-blau, kurz Eduard ist ein Mädchen für Alles und sein Pessimismus läßt gar nichts zu wünschen übrig



Ich war damals im Irrthum: ich meinte E[duard] v[on] H[artmann] sei ein feiner überlegener Kopf und Spaaßvogel, der sich über die pessimistische Verlegenheit des Zeitalters lustig mache; ich fand die Erfindung seines “Unbewußten” so boshaft, so witzig, es schien mir eine rechte Mausefalle für die Trübseligen und Dummen des philosophischen Dilettantismus, wie er sich mehr und mehr über Deutschland ausbreitet. Nun aber bleibt man dabei, mich zu versichern, daß er es ernst meine: und man zwingt mich beinahe, daran zu glauben: sollte er aber damit aufhören, für mich erheiternd zu sein? Sollte ich aufhören müssen zu lachen, wenn diese Arria wieder und wieder ihrem Paetus zuredet, sich nicht vor dem Dolche, ich meine vor dem Hartmannschen Pessimismus, zu fürchten? Paete, ruft sie zärtlich, non dolet!

35 [47]

§ Keine Kritiker. Die Verlegenheit. Endlich “der wissenschaftliche Mensch.” Engländer.

§ Weder Pessimisten noch Optimisten. Schopenhauer’s große Stellung—daß die Zerstörung einer Illusion noch keine Wahrheit ergiebt, sondern nur ein Stück Unwissenheit mehr, eine Erweiterung unseres “leeren Raums,” einen Zuwachs unserer “Oede” —

§ Grundgedanke: die neuen Werthe müssen erst geschaffen werden—dies bleibt uns nicht erspart! Der Philosoph muß wie ein Gesetzgeber sein. Neue Arten. (Wie bisher die höchsten Arten (z. B. Griechen) gezüchtet wurden: diese Art “Zufall” bewußt wollen)

§ Seine Mittel: Religionen, Moralen

§ Bedeutung des Christenthums.

§ Bedeutung der demokratischen Denkweise.

§ Freidenker, zu dieser Bewegung gehörig? Victor Hugo.

§ Unbewußte Gegenbewegungen: Napoleon, die 30er, R[ichard] W[agner].

§ Der neue Philosoph kann nur in Verbindung mit einer herrschenden Kaste entstehen, als deren höchste Vergeistigung. Die große Politik, Erdregierung in der Nähe; vollständiger Mangel an Principien dafür—(Ironie auf den leeren deutschen Geist.)

Der Europäer und seine Bildung.

Periode der großen Versuche. Menschen, mit einem eignen Werth-Kanon. Institutionen zur Züchtung höherer Menschen.

§ Das “Einstweilen” der Philosophen. Ihre Einsamkeit.

§ Das “Jenseits von Gut und Böse” vorbereiten. Zustand der “Moral.”

15 § Dionysos.



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3 große Seiten jeder Abschnitt

35 [48]

Vorrede.

Es liegt mir heute wenig daran, ob ich in Bezug auf R[ichard] W[agner] und Schopenhauer Recht oder Unrecht gehabt habe: habe ich mich geirrt, nun, mein Irrthum gereicht weder den Genannten, noch mir selber zur Unehre. Gewiß ist, daß es mir, in jenen jungen Tagen, eine ungeheure Wohlthat war, meine idealistischen Farben, in welchen ich die Bilder [des] Philosophen und [des] Künstlers schaute, nicht ganz ins Unwirkliche, sondern gleichsam auf vorgezeichnete Gestalten aufmalen zu können; und wenn man mir den Vorwurf gemacht hat, daß ich die Genannten mit einem vergrößernden Auge gesehen habe, so freue ich mich dieses Vorwurfs—und meiner Augen noch dazu. Zum Mindesten sollten die Leser der zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung nicht darüber im Ungewissen sein, wie wenig mir immer an der Wahrheit gelegen hat und — — —



Was ich damals geschrieben—und weniger geschrieben als gemalt habe, noch dazu hitzig und, wie mich heute dünkt, in einem nicht unbedenklichen und verwegenen Alfresco: das würde dadurch noch nicht wahrer werden, daß ich es nunmehr, wo vielleicht Hand und Auge etwas hinzugelernt haben, noch einmal zarter, lautrer und strenger darstellte. Jedes Lebensalter versteht “Wahrheit” auf seine eigene Weise; und wer mit jungen und brausenden Sinnen und großen Ansprüchen vor jene Gemälde tritt, wird an ihnen so viel Wahrheit finden, als er zu sehn im Stande ist.



Meine vier ersten U[nzeitgemäßen] B[etrachtungen], denen ich nunmehr, nach zehn Jahren, eine fünfte, sechste und siebente zugeselle, waren Versuche, die Art Menschen an mich heranzulocken, welche zu mir gehören: also Angelruthen, ausgeworfen nach “Meines-Gleichen.” Damals war ich jung genug, um mit ungeduldiger Hoffnung auf solchen Fischfang zu gehen. Heute—nach hundert Jahren, wenn ich die Zeit nach meinem Maaße messen darf!— bin ich mir noch nicht alt genug, um jede Hoffnung oder Geduld verloren zu haben. Wie fremd klingt es mir auch heute noch in den Ohren, wenn ein Greis seine Erfahrungen in diese Worte drängt: — — —

So spricht Goethe: sollte er Recht haben? Wie wenig Vernunft hätte es dann, so alt, so vernünftig wie Goethe zu werden! Und es wäre billig, den Griechen ihr Urtheil über das Alter abzulernen:—sie haßten das Altwerden mehr als den Tod, und liebten es zu sterben, wenn sie fühlten, daß sie auf jene Art anfingen vernünftig zu werden. Inzwischen hat auch die Jugend ihre eigne Art Vernunft: eine Vernunft, welche an Leben, Liebe und Hoffnung glaubt

35 [49]

Was R[ichard] W[agner] betrifft: so gab es einen Augenblick meines Lebens, wo ich ihn mit Heftigkeit von mir stieß. Weg von mir!—das schrie ich. Diese Art Künstler ist gerade darin unzuverlässig, wo ich keinen Spaaß verstehe. Er versuchte sich mit dem bestehenden Christenthum zu “arrangiren,” indem er die linke Hand dem protestantischen Abendmahle entgegenstreckte—er hat mir von den Entzückungen gesprochen, die er dieser Mahlzeit abzugewinnen wisse—die rechte Hand aber zu gleicher Zeit der katholischen Kirche: er bot ihr seinen “Parsifal” an und gab sich für alle, die Ohren haben, als “Römling” in partibus infidelium zu erkennen.

35 [50]

Die Denkgesetze als Resultate der organischen Entwicklung—eine fingirende setzende Kraft muß angenommen werden—ebenfalls Vererbung und Fortdauer der Fiktionen.

35 [51]

In einer Welt des Werdens, in der Alles bedingt ist, kann die Annahme des Unbedingten, der Substanz, des Seins, eines Dinges usw. nur ein Irrthum sein. Aber wie ist Irrthum möglich?

35 [52]

Das Nacheinander immer deutlicher zeigen heißt Erklärung: nicht mehr!

35 [53]

Wahrnehmen auch für die unorganische Welt einräumen und zwar absolut genau: da herrscht “Wahrheit”! Mit der organischen Welt beginnt die Unbestimmtheit und der Schein.

35 [54]

Daß eine Gleichgewichts-Lage nie erreicht ist, beweist, daß sie nicht möglich ist. Aber in einem unbestimmten Raum müßte sie erreicht sein. Ebenfalls in einem kugelförmigen Raum. Die Gestalt des Raumes muß die Ursache der ewigen Bewegung sein, und zuletzt aller “Unvollkommenheit.”

Daß “Kraft” und “Ruhe” “Sich-gleich-bleiben” sich widerstreiten. Das Maaß der Kraft als Größe als fest, ihr Wesen aber flüssig, spannend, zwingend, — — —

35 [55]

“Zeitlos” abzuweisen. In einem bestimmten Augenblick der Kraft ist die absolute Bedingtheit einer neuen Vertheilung aller ihrer Kräfte gegeben: sie kann nicht still stehn. “Veränderung” gehört ins Wesen hinein, also auch die Zeitlichkeit: womit aber nur die Nothwendigkeit der Veränderung noch einmal begrifflich gesetzt wird.

35 [56]

Die Zeit ist nicht a priori gegeben— Spir 2, p. 7 [Vgl. Afrikan Spir, Denken und Wirklichkeit. Versuch einer Erneuerung der kritischen Philosophie. Bd. 1. Das Unbedingte. Bd. 2. Die Welt der Erfahrung. Leipzig: Findel, 1877:7.]

unlogischer Charakter unserer Erkenntniß der Längen. ds. 2 p. 93. [Vgl. Afrikan Spir, Denken und Wirklichkeit. Versuch einer Erneuerung der kritischen Philosophie. Bd. 1. Das Unbedingte. Bd. 2. Die Welt der Erfahrung. Leipzig: Findel, 1877:93.]

35 [57]

Daß es gleiche Dinge, gleiche Fälle giebt, ist die Grundfiktion schon beim Urtheil, dann beim Schließen.

35 [58]

In der chemischen Welt herrscht die schärfste Wahrnehmung der Kraftverschiedenheit. Aber ein Protoplasma, als eine Vielheit von chemischen Kräften, hat eine unsichere und unbestimmte Gesammt-Wahrnehmung eines fremden Dings.

35 [59]

Der Übergang aus der Welt des Anorganischen in die des Organischen ist der aus festen Wahrnehmungen der Kraftwerthe und Machtverhältnisse in die der unsicheren, unbestimmten—weil eine Vielheit von miteinander kämpfenden Wesen (= Protoplasma) sich der Außenwelt gegenüber fühlt.

35 [60]

Der rastlose Wille zur Macht oder zur beständigen Schöpfung oder zur Verwandlung oder zur Selbst-überwältigung

35 [61]

“die sogenannte Zeit eine bloße Abstraktion, weder objektiv daseiend, noch eine nothwendige und ursprüngliche Vorstellungsart des Subjekts” 2. p. 15. [Vgl. Afrikan Spir, Denken und Wirklichkeit. Versuch einer Erneuerung der kritischen Philosophie. Bd. 2. Die Welt der Erfahrung. Leipzig: Findel, 1877:15.]

35 [62]

Die Deutschen haben keine Cultur: sie sind nach wie vor von Paris abhängig—die Ursache ist, sie haben noch keinen Charakter.

Unsere großen Menschen bezeichnen keine Rasse, sondern Einzelne.

Was ist aber das, was ich ehemals ausnahm und worauf ich Hoffnungen gründete, die deutsche Musik?

35 [63]

NB. Das Mißverständniß über Richard Wagner ist heute in Deutschland ungeheuer: und, da ich dazu beigetragen habe, es zu vermehren, will ich meine Schuld abtragen und versuchen, es zu verringern

35 [64]

Es gab ein Jahrhundert lang nur einen Gegensatz von französischer und ital[ienischer] Musik.

Im Kampfe Glucks mit Piccini verschärfte er sich und kam auf seine Spitze: Gluck wurde hierbei durchaus als Vertreter des französischen Geschmacks empfunden—als Vertreter des Vornehmen, Pomphaften und Rationalistischen.

Die Deutschen als Musiker haben bald nach Frankreich bald nach Italien hingehorcht: einen eigenen deutschen Geschmack in der Musik giebt es auch heute noch nicht

Es scheint mir, daß Wagner noch einmal den französischen Geschmack zum Übergewicht über den italianisirenden gebracht hat d. h. über Mozart, Haydn, Rossini, Bellini, Mendelssohn, aber es ist der Geschmack Frankreichs von 1830: die Litteratur Herr geworden über die Musik wie über die Malerei: “Programm-Musik,” das “sujet” voran!

35 [65]

Beethoven gehört zu Rousseau und zu jener humanitären Strömung, welche der Revolution theils vorauslief, theils verklärend nachlief, noch mehr aber zu dem Hauptereigniß des letzten Jahrtausends, dem Erscheinen Napoleons.

Mozart die Gesellschaft des Rococo-Zeitalters voraussetzend

35 [66]

Unterschied zwischen Schauspieler, wie Schiller und Wagner und — — —



Goethe isolirt, zwischen Pietismus und Griechenthum, zweifelhaft, ob er nicht französisch schreiben soll.
Lessing—Bayle

Friedrich der Große begierig nach Frankreich

der Friedrich II. nach maurisch-morgenländischer Aufklärung

Leibnitz zwischen Christenthum Platonismus und Mechanik.



Bismarck von Napoleon III. lernend und Cavour

35 [67]

Wenn die Mechanik nur eine Logik ist, so folgt auch für sie, was für alle Logik gilt: sie ist eine Art Rückgrat für Wirbelthiere, nichts an-sich-Wahres.

35 [68]

Zum Ring der Ringe.

NB. Zu der Kraft, die sich wandelt und immer die gleiche bleibt, gehört eine Innenseite, eine Art Charakter von Proteus-Dionysos, sich verstellend und sich genießend in der Verwandlung. Die “Person” als Täuschung zu begreifen: thatsächlich ist die Vererbung der Haupteinwand, insofern eine Unzahl von formenden Kräften aus viel früheren Zeiten ihren fortwährenden Bestand machen: in Wahrheit kämpfen sie in ihr und werden regirt und gebändigt—ein Wille zur Macht geht durch die Personen hindurch, er hat die Verkleinerung der Perspective, den “Egoismus” nöthig, als zeitweilige Existenz-Bedingung; er schaut von jeder Stufe nach einer höheren aus.

Die Verkleinerung des wirkenden Princip’s zur “Person,” zum Individuum.

35 [69]

NB. Wie viel Einer aushält von der Wahrheit, ohne zu entarten, ist sein Maaßstab. Ebenso wie viel Glück— —ebenso wie viel Freiheit und Macht!

Zur Rangordnung

35 [70]

Die strengste Schule nöthig, das Unglück, die Krankheit: es gäbe keinen Geist auf Erden, auch kein Entzücken und jauchzen.— Nur großgestimmte gespannte Seelen wissen, was Kunst, was Heiterkeit ist.

35 [71]

Z[arathustra] kann nur beglücken, wenn er erst die Rangordnung hergestellt hat.

35 [72]

NB. Es muß viele Übermenschen geben: alle Güte entwickelt sich nur unter seines Gleichen. Ein Gott wäre immer ein Teufel! Eine herrschende Rasse. Zu “die Herrn der Erde.”

35 [73]

I.Zarathustra kann nur beglücken, nachdem die Rangordnung hergestellt ist. Zunächst wird diese gelehrt.
II.Die Rangordnung durchgeführt in einem System der Erdregierung: die Herrn der Erde zuletzt, eine neue herrschende Kaste. Aus ihnen hier und da entspringend, ganz epicurischer Gott, der Übermensch, der Verklärer des Daseins.
III.Die Übermenschliche Auffassung der Welt. Dionysos.
IV.Von dieser größten Entfremdung liebend zurückkehrend zum Engsten und Kleinsten, Zarathustra alle seine Erlebnisse segnend und als Segnender sterbend.

35 [74]

Zarathustra 5

1.Große Trompeten-Herolds-Lärm. Glück der lauten Töne! Zarathustra I. Ich bin jener prädestinirte Mensch, der die Werthe für Jahrtausende bestimmt. Ein Verborgener, ein überallhin Gedrungener, ein Mensch ohne Freunde, der jede Heimat, jedes Ausruhen von sich gestoßen. Was den großen Stil macht: Herr werden über sein Glück wie sein Unglück: ein — — —
2.Mein Geschenk ist erst zu empfangen, wenn die Empfänger da sind: dazu Rangordnung. Die größten Ereignisse werden am spätesten begriffen.— Insofern muß ich Gesetzgeber sein.
3.Die Zeit seines Auftretens: die gefährlichste Mitte, wo es hingehen kann zum “letzten Menschen,” aber auch —
— charakterisirt durch das größte Ereigniß: Gott ist todt. Nur merken die Menschen noch nichts davon, daß sie nur von ererbten Werthen zehren. Die allgemeine Nachlässigkeit und Vergeudung.
4.Grundeinsicht: “gut” und “böse” wird jetzt als vom Auge des “Heerdenthiers” betrachtet. Gleichheit der Menschen als Ziel. Dagegen ich. (Der Eine Gott als Vorbereitung der Heerden-Moral!)
der Lehrer von der Rangordnung.
5.Führer, Heerden und Isolierte. Die Versucher.
6.Vollständige Menschen und Bruchstücke.
7.Gerathene und Mißrathene.
8.Schaffende und Gestaltete. Kraft-verschiedenheit.
9.Die Künstler als die kleinen Vollender.
10.die wissenschaftlichen Menschen als Beschreiber und umfänglichste Organe.
11.die herrschaftlichen Menschen, als Versuche der Züchtung.
12.die Religionsstifter, als Versuche neuer allgemeiner Werthsetzungen.
13.das Gefühl der Unvollkommenheit: die Bußfertigen
14.Der Drang nach einem Vollkommenen hin: die Frommen, die schönen Seelen, die große Sehnsucht
15.Die Kraft, irgend worin Vollkommenes zu thun (Handwerker-Meister Künstler Beamte Gelehrte usw.
16.die Erde jetzt als Marmor-Werkstätte daliegend: es ist eine herrschende Rasse nöthig, mit unbedingter Gewalt.

35 [75]

1. Zarathustra auf der alten Festung erwachend. Hört die Trommeln der Herolde.
2. Die Prüfung: “Gehört ihr zu mir?”
3. Der Rosenfest-Zug.
4. Die Lehre von der Rangordnung.
5. Nachts an der Brücke.

35 [76]

(49)

Was ist vornehm? Vorrede zu “Vermischte Meinungen und Sprüche

— die Sorgfalt im Äußerlichsten, selbst der f[rivole] An[schein], in Wort, Kleid, Haltung, insofern diese Sorgfalt abgrenzt, fern hält, vor Verwechslung schützt.

— die langsame Gebärde, auch der langsame Blick. Es giebt nicht zu viel werthvolle Dinge: und diese kommen und wollen von selbst zu dem Werthvollen. Wir bewundern schwer.

— das Ertragen der Armut und der Dürftigkeit, auch der Krankheit.

— das Ausweichen vor kleinen Ehren, und Mißtrauen gegen jeden, welcher leicht lobt: denn der Lobende glaubt daran, daß er verstehe, was er lobe: verstehen aber—Balzac hat es verrathen, dieser typisch-Ehrgeizige—comprendre c’est égaler.

— Unser Zweifel an der Mittheilbarkeit des Herzens geht in die Tiefe; die Einsamkeit nicht als gewählt, sondern als gegeben,

— die Überzeugung, daß man nur gegen Seines-Gleichen Pflichten hat, gegen die Andern sich nach Gutdünken verhält: daß nur inter pares auf Gerechtigkeit zu hoffen (leider noch lange nicht zu rechnen) ist.

— die Ironie gegen die “Begabten”; der Glaube an den Geburtsadel auch im Sittlichen. “Aristokratie des Geistes” ist ein Leibwort für Juden.

— immer sich als den fühlen, der Ehren zu vergeben hat: während nicht gar häufig sich Jemand findet, der ihn ehren dürfte.

— immer verkleidet: je höherer Art, um so mehr bedarf der Mensch des incognito. Gott, wenn es einen gäbe, dürfte, schon aus Anstandsgründen, sich nur als Mensch in der Welt bezeigen.

— die Fähigkeit zum otium, die unbedingte Überzeugung, daß ein Handwerk in jedem Sinne zwar nicht schändet, aber sicherlich entadelt. Nicht “Fleiß” im bürgerlichen Sinne, wie hoch wir ihn auch zu ehren wissen, oder wie jene unersättlich gackernden Künstler, die es wie die Hühner machen—gackern und Eier legen und wieder gackern.

— wir beschützen die Künstler und Dichter und wer irgend worin Meister ist: aber als Wesen, die höherer Art sind, als diese, welche nur etwas können, als die bloß “produktiven Menschen,” verwechseln [wir] uns nicht mit ihnen.

— die Lust an den Formen: das In-Schutz-nehmen alles Förmlichen, die Überzeugung, daß Höflichkeit eine der großen Tugenden ist; das Mißtrauen gegen alle Arten des Sich-gehen-lassens eingerechnet alle Preß- und Denkfreiheit, weil unter ihnen der Geist bequem und tölpelhaft wird und die Glieder streckt.

— das Wohlgefallen an den Frauen, als an einer vielleicht kleineren aber feineren und leichteren Art von Wesen. Welches Glück, Wesen zu begegnen, die immer Tanz und Thorheit und Putz im Kopfe haben! Sie sind das Entzücken aller sehr gespannten und tiefen Mannsseelen gewesen, deren Leben mit großer Verantwortlichkeit beschwert ist.

— das Wohlgefallen an den Fürsten und den Priestern, weil sie den Glauben an eine Verschiedenheit der menschlichen Werthe, kurz an die Rangordnung, selbst noch in der Abschätzung der Vergangenheit zum Mindesten symbolisch und im Ganzen und Großen sogar thatsächlich aufrecht erhalten.

— das Schweigen-können: aber darüber kein Wort vor Hörern.

— das Ertragen langer Feindschaften: der Mangel an der leichten Versöhnlichkeit.

— der Ekel am Demagogischen, an der “Aufklärung,” an der “Gemüthlichkeit,” an der pöbelhaften Vertraulichkeit.

— das Sammeln kostbarer Dinge, die Bedürfnisse einer hohen und wählerischen Seele; nichts gemein haben wollen. Seine Bücher, seine Landschaften.

— wir lehnen uns gegen schlimme und gute Erfahrungen auf und verallgemeinern nicht so schnell. Der einzelne Fall: wie ironisch sind wir gegen den einzelnen Fall, wenn er den schlechten Geschmack hat, sich als Regel zu gebärden.

— wir lieben das Naive und die Naiven, aber als Zuschauer und höhere Wesen, wir finden Faust ebenso naiv als sein Gretchen.

— wir schätzen die Guten gering, als Heerdenthiere: wir wissen, wie unter den schlimmsten bösartigsten härtesten Menschen oft ein unschätzbarer Goldtropfen von Güte sich verborgen hält, welcher alle bloße Gutartigkeit und Milchseele — — —

— wir halten einen Menschen unserer Art nicht widerlegt weder durch seine Laster, noch durch seine Thorheiten. Wir wissen, daß wir schwer erkennbar sind, und daß wir Alle Gründe haben, uns Vordergründe zu geben.

35 [77]

Briefe des Grafen — — —
Herausgegeben
von
J. v. A.
 

Nach dem Tode meiner Mutter.

Anekdoten erfinden.

35 [78]

Vorrede.

Darf man Briefe veröffentlichen?— Ein verehrungswürdiger Freund pflegte das Wort “öffentlich” nie ohne Bosheit auszusprechen. Das neunzehnte Jahrhundert, sagte er einmal, liebt wie man weiß die Wahrheit: nun, es geht mir gerade mit diesem Geschmacke wider meinen Geschmack! Ich fürchte, wenn das so weitergeht, schreibt man nur noch öffentliche Briefe. Ja, sagte er ein ander Mal, es könnte kommen, daß irgendwann ein anständiger Mensch seine ganze Moral in Einen Satz faßt: du sollst—lügen! Mein Herr, Sie sollen unbedingt und jeder Zeit lügen! Oder aber, auch Sie sind, was schon alle Welt ist,—“öffentlich”!— Das war seine geheime Meinung über den Geschmack unseres Jahrhunderts. Als ich darüber nachsann, seiner Brief- und Meinungensammlung einen Titel zu geben, gieng es mir durch den Kopf, sie dergestalt zu bezeichnen:. “Der Spiegel. Eine Gelegenheit zur Selbst-Bespiegelung. Für Europäer.” Möge man aus diesem geschmacklosen Einfalle wenigstens abnehmen, welchen Werth ich bei mir selber diesen Briefen zulege—und warum ich mir das Recht gebe, gerade aus Haß gegen alles, was heute “öffentlich” heißt, diese Briefe zu veröffentlichen.

35 [79]

Jahrhundert der Spielleute (d[ie] M[enschen] des unehrlichen Begräbnisses)

(Galiani) Mörder Langeweile.

35 [80]

Die Deutschen
von gestern und von übermorgen

Ein Beitrag zur Kritik der deutschen Seele

35 [81]

Die Demagogen in der Kunst—Hugo Michelet Sand R. Wagner.

35 [82]

Eine pessimistische Denkweise und Lehre ein ekstatischer Nihilismus kann unter Umständen gerade dem Philosophen unentbehrlich sein: als ein mächtiger Druck und Hammer, mit dem er entartende und absterbende Rassen zerbricht und aus dem Wege schafft, [um] für eine neue Ordnung des Lebens Bahn zu machen oder um dem, was entartet und absterben will, das Verlangen zum Ende einzugeben.

Zum Verzögern und Vertiefen von Völkern und Rassen kann eine pessimistische Denkweise, eine Religion der Verneinung und Welt-Flucht, eine ekstatische Entsinnlichung und Verhäßlichung des Lebens — — —

35 [83]

Aber indem ich dergestalt mir Sorgen mache und auf eine solche Frage eine lange Antwort vorbereite—ach, vielleicht bin ich selber nichts als eine lange Antwort auf diese Frage?— höre ich schon jene gebrochene und boshafte Stimme

35 [84]

Gai saber.
Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.
Von
Friedrich Nietzsche.

An den Mistral.
Einleitung.
Erstes Buch: die Vorurtheile der Philosophen.
Zweites Buch: jenseits von Gut und Böse.
Drittes Buch: an die Künstler.
Viertes Buch: der Spiegel. Eine Gelegenheit zur Selbst-Bespiegelung für Europäer.
Fünftes Buch: die vornehme Seele.
Unter Freunden. Ein Nachgesang.
das ideale Kloster, zur Erhaltung der zarten Pflanzen
die Zukunft der Musik—Europäer-Musik
                              Musik des großen Stils
die Fallstricke der Sprache
die Wagnerei und die Hegelei als Rausch-mittel
“klassisch”—unanwendbares Wort in der Musik
die Einsiedler, wie Goethe, Beethoven, und die demagogischen oder höfischen oder käuflichen Künstler.
Bildung der Musiker
gegen die “nationalen” Bestrebungen in der Kunst
Begriff der Cultur;—Stil usw.
Ablehnung des Pessimismus, sowie aller eudämonistischen Gesichtspuncte.

III An die Künstler. Neuer Begriff des Schaffenden; das Dionysische. Neue Feste. Die Verklärung.
“Vollendete Unendlichkeit”
Schmerz und Lust
Zweck
Werthurtheile in den Geschmacksempfindungen, Farben, Tönen

Begriffe feststellen
die Umdeutbarkeit der Welt—aber das Festhalten der Grundzüge
Krankhaftes an den Philosophen
Ursache und Wirkung
der Haushalt der Affekte
die “persona”

Luthers Sprache, die Bibel als Grundlage einer neuen poetischen Form.

From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel