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Winter 1884-85 32 [1-22]

32 [1]

Zurückführung der moralischen
Werthschätzungen auf ihre Wurzeln
.

32 [2]

Er sprach für uns Alle, du erlöstest uns vom Ekel—dies ist eine der schlimmsten Krankheiten dieser schlimmen Zeit

Zarathustra: welches Geschenk brachtet ihr mir—ihr könnt selber nicht wissen, was ihr mir eben schenktet!



du lehrst einen neuen Adel zu züchten

du lehrst Colonien gründen und die Staaten-Krämer-Politik verachten

dir liegt am Schicksal des Menschen

du führst die Moral über sich hinaus (Überwindung des Menschen, nicht nur “gut und böse” Sündenbewußtsein)

Zarathustras Rede vom höheren Menschen

ihr müßt die Vortheile dieser schlimmen Zeit ausfindig machen.

32 [3]

Die gute Mahlzeit.
Von den höheren Menschen.
Das Lied des Zauberers.
Von der Wissenschaft.
Die Rosenrede.

32 [4]

Zumhäßlichsten Menschen

Verzage nicht, oh meine Seele, ob des Menschen! Lieber weide noch dein Auge an allem seinem Bösen, Seltsamen und Furchtbaren!

“Der Mensch ist böse”—so sprachen zu meinem Troste mir noch aller Zeiten Weiseste. Oh daß das Heute mich seufzen lehrte: “Wie! Ist es auch noch wahr?”

“Wie? Ist dieser Trost dahin?” Also seufzte mein Kleinmuth. Nun aber tröstete mich dieser Göttlichste.

32 [5]

Pöbel, das will heute sagen: Mischmasch. Darin ist Alles in Allem durcheinander: Hallunken und Heilige und Junker und Juden und Gott und jeglich Vieh aus der Arche Noah.

Und diese Frauen von heute—sind sie nicht auch rechte schlechte Pöbel-Frauen? willfährig, genüßlich, vergeßlich, mitleidig,—sie haben’s alle nicht weit zur Hure.

— Meine Freunde, so ihr Solches euren Frauen einmal erzählt, so sagt schicklich und gütlich dazu, “Du allein nämlich, meine Liebste, bist die Ausnahme. Und Zarathustra läßt dich grüßen.”

32 [6]

Du schlimmer alter Zauberer, das ist dein Bestes und Redlichstes was ich an dir ehre: daß du endlich deiner müde wurdest und aussprachst: “ich bin nicht groß.” Spät genug kamst du zu dieser Redlichkeit.

Du Friedloser, Falscher, Unerlösbarer, wie manche Stunde flüsterte dir dein Teufel zu: “mache vorerst doch an dich glauben, sprich, du gerade könntest sie erlösen, du bist falsch genug dazu!”

32 [7]

Aber nun laßt mir diese Kinderstube, meine Höhle und kommt heraus! Kühlt hier draußen euren heißen Übermuth und lernt stille werden vor Glück.

Die Nacht blickt klar, der Mond scheint, keine Wolke steht am Himmel: fragt mich, fragt euch, ihr Wunderlichen, ob es sich lohnt—zu leben!

Zarathustra aber sprach die Worte, die er schon Ein Mal gesprochen, damals als er dem Leben sein Jawort für die Ewigkeit, und die Ewigkeit für dies selbe und gleiche Leben: seine Stimme aber hatte sich verwandelt.

Und alle, die Zarathustra’s Frage hörten, antworteten darauf mit ihrem Herzen, keiner aber sprach ein Wort. So standen sie bei einander, sich stumm bei den Händen haltend und hinausblickend. Da — — —

32 [8]

Das Heimweh ohne Heim. Der Wanderer.

1 : also daß wenig mir zum ewigen Juden fehlt, es sei denn, daß ich weder ewig und auch nicht Jude bin.

2 — was um mich wohnt, das wohnt sich auch bald ein.

3 — wenn der Teufel sich häutet, fällt auch sein Name ab: der ist auch Haut.

4 — nur wer weiß, wohin er fährt, weiß auch, was sein Fahrwind ist

5 — er hat sein Ziel verloren: wehe, wie wird er seinen Verlust verscherzen und verschmerzen!

6 — er redet ihnen ein, sie hätten den Weg verloren—dieser Schmeichler! Es schmeichelt ihnen, daß sie einen Weg haben sollen!

7 — das klärte sich auf: nun geht es mich nichts mehr an.— Hüte dich, du könntest über zu-Viel aufgeklärt werden!

8 — auch der Heiligste denkt: “ich will leben, wie ich Lust habe—oder ich habe keine Lust mehr zu leben!

9 — wo darf ich heimisch sein? Darnach suchte ich am Längsten: das Suchen blieb meine stäte Heimsuchung.

10 — ich wollte es nicht vorher, so muß ich es schon nachher wollen—Alles muß ich also “gut machen”

11 — nun lebt keiner mehr—den ich liebe: wie sollte ich noch mich selber ertragen!

12 — diese Käfiche und engen Herzen—wie wollten sie freien Geistes sein! Und wer nicht alle Verbrechen gethan hat, wie —

13 — die Eintagslehrer und andere Schmeißfliegen

14 — wo Gold klingelt, wo die Hure herrscht, wo man nur mit Handschuhen greifen und angreifen darf

15 — die Allzuschamhaften, die man noch zu dem zwingen und nothzüchtigen muß, was sie am liebsten möchten

16 — erreglich an Hirn- und Schamtheilen, gleich Juden und Chinesen

17 — solche, die man mit erhabenen Gebärden überzeugt, aber mit Gründen mißtrauisch macht

18 — wie sicher ist dem Unstäten auch ein Gefängniß! Wie ruhig schlafen eingefangene Verbrecher! [Vgl. Francis Galton, Inquiries into Human Faculty and its Development. London: Macmillan, 1883:61.]

19 “siehe dich vor, daß du der Wahrheit nicht zu nahe auf dem Fuße folgst: sie dürfte dir sonst den Kopf eintreten!

20 “Wie? Du nennst dich einen freien Geist? Hast du schon alle Verbrechen gethan? dein verehrendes Herz zerbrochen?

21 — ausgetrocknete sandige Seelen, trockne Flußbetten: wie—freie Geister?

22 — er strebte ins Verbotene: das ist der Ursprung aller seiner Tugend.

23 — bis du in fernsten und kältesten Gedanken umgegangen, einem Gespenste gleich auf Winterdächern?

24 — aufgewirbelt, umhergetrieben, unstät: auf allen Oberflächen habe ich schon einmal geschlafen, als Staub saß ich schon auf jedem Spiegel, jeder Fensterscheibe

25 es steht schlimmer als ihr denkt: mancher meinte zu lügen, und da erst traf er die Wahrheit! —

26 — diese Schwerfälligen Geängstigten, welche ihr Gewissen grunzen macht: denen gleiche ich nicht

27 — was macht Europa?— Oh das ist ein krankes wunderliches Weibchen: das muß man rasen schreien und Tisch und Teller zerbrechen lassen, sonst hat man nimmer vor ihm Ruhe: ein Weib, das an dem, was es liebt, leiden will. [Vgl. Francis Galton, Inquiries into Human Faculty and its Development. London: Macmillan, 1883:65.]

28 — denkendere Zeiten, zerdachtere Zeiten, als unser Heut und Gestern ist

29 — ach, wohin ist das Gute und der Glaube der Guten! Ach, wohin ist die Unschuld aller dieser edlen Lügen!

30 — der Gott, den sie einst aus Nichts geschaffen—was Wunder! er ist ihnen nun zu Nichts geworden

31 — übereilig gleich springenden Spinnaffen

32 — ein kaltes Bad—willst du da hinein mit deinem Kopf und Herzen? Oh wie bald wirst du als rother Krebs dastehen! (Zarathustra sieht einen feuerrothen Menschen kommen)

33 — zwischen Särgen und Sägespähnen leben; ich hatte keine Lust zum Handwerk der Todtengräber

34 — “nichts ist wahr! alles ist erlaubt!” ich habe alle Verbrechen begangen: die gefährlichsten Gedanken, die gefährlichsten Weiber [Vgl. Joseph von Hammer, Die Geschichte der Assassinen, aus morgenländischen Quellen, durch Joseph von Hammer. Stuttgart; Tübingen: Cotta, 1818:84.]

35 — einst gieng mein Sinn auf Weniges und Langes: aber wo fände sich das heute! so verachte ich denn die kleinen kurzen Schönheiten nicht

36 — wie wenig reizte die Erkenntniß, wenn nicht auf dem Wege zu ihr so viel Scham zu überwinden wäre —

37 — die Erkennenden von heute, welche lehren: einst geschah’s, daß Gott zum Thier werden wollte—: Gott selbst als Thier: siehe, das ist der Mensch!

38 — ein freier Geist, aber ein schwacher Wille; Flatter-Flügel, aber ein gebrochenes Rückgrat

39 — bald sperren sie sich, bald zerren sie sich, diese lieben Vaterländer

1, 9, 24, 2, 39, 13, 14
6, 5, 4, 35, 8, 37, 30
38, 11, 10
21, 32, 33, 23, 27, 16, 28
15, 36, 22, 20, 34, 7, 25, 3, 16, 26, 29
18, 12
19

Der gute Europäer

1, 9, 24, 2 (lachend über die Vaterländer) Heimatlos, Herumstreicher 13, 14 genüßlich 8

6, 5, 4, 35 ziellos, durch Nichts im Zaum gehalten 37, 30, 38 schwachen Willens 11, 10

21, 32, 33 an die stärksten (stimulantesten) Gedanken, die kältesten Bäder 23 gewohnt:

27 voraus: das heißt Europäerthum
16, 28 und greise Völker gleich Juden

15, 36 (Scham überwinden— —22, 20 Verbrechen des Gedankens 34 “alles ist erlaubt” [Vgl. Joseph von Hammer, Die Geschichte der Assassinen, aus morgenländischen Quellen, durch Joseph von Hammer. Stuttgart; Tübingen: Cotta, 1818:84.]

7, 25, 3, 16, 26, 29 voller Hohn über die Moral

18, 12 Gefahr in einen Käfich sich selber einzufangen

19 des Geistes müde, verekelt

32 [9]

Der Wissen- und Gewissenhafte.

— Ein Erkennender von heute, welcher fragt: was ist doch der Mensch? Gott selber als Thier? Einstmals nämlich, dünkt mich, wollte Gott zum Thiere werden.

— kalte kühle Menschen, solche denen man ihre Thorheiten nicht glauben will: man legt sie schlimm aus als schlimme Klugheiten.

— ohne Gründe habt ihr dies nicht glauben gelernt: wie könnte ich wohl durch Gründe euch diesen Glauben umwerfen!

— ist nicht das Loben zudringlicher als alles Tadeln? Ich verlernte auch das Loben, es fehlt darin an Scham.

— diese Wissen- und Gewissenhaften; wie sie mit schonender Hand—tödten!

— ihr Gedächtniß sagt “das that ich,” ihr Stolz aber sagt “das konntest du nicht thun”: und läßt sich nicht erbitten. Zuletzt — giebt ihr Gedächtniß nach.

— er hat kalte vertrocknende Augen, vor ihm liegt jedwedes Ding entfedert und ohne Farbe, er leidet an seiner Ohnmacht zur Lüge und heißt sie “Wille zur Wahrheit”!

— er schüttelt sich, blickt um sich, streicht mit der Hand über den Kopf, und nun läßt er sich einen Erkennenden schelten. Aber Freiheit vom Fieber ist noch nicht “Erkenntniß.”

— die Fieberkranken sehen alle Dinge als Gespenster, und die Fieberlosen als leere Schatten—und doch brauchen sie beide die gleichen Worte.

— Aber du Kluger wie konntest du so handeln! Es war eine Dummheit!— “Es ist mir auch schwer genug geworden.”

— Geist haben ist heute nicht genug: man muß ihn noch sich nehmen, sich Geist “herausnehmen”; dazu gehört viel Muth.

— es giebt auch solche, die verdorben sind zum Erkennen, weil sie Lehrer sind: sie nehmen nur um des Schülers Willen die Dinge ernst und sich selber mit.

— da stehen sie da, die schweren granitnen Katzen, die Werthe aus Urzeiten: und du, oh Zarathustra, du willst sie umwerfen?

— ihr Sinn ist ein Wider-Sinn, ihr Witz ist ein Doch- und Aberwitz.

— jene Fleißigen Treulichen, denen jeder Tag goldhell und gleich herauffließt

— wie ein Wanderer, der von fernen Dingen träumt, unversehens auf einsamer Straße einen schlafenden Hund anstößt: wie Todfeinde sahen Beide sich an, zum Tod erschreckt. Und doch! wie wenig fehlt im Grunde daß sie einander streichen, liebkosen, trösten: diese zwei Einsamen!

— hartnäckige Geister, fein und kleinlich

— gieb mir zu rathen: dein Beweisen ermüdet den Hunger meines Geistes.

— du fühlst noch nicht einmal, daß du träumst: oh, da bist du noch fern vom Aufwachen!

— mein Freund, die Tugend thut kein Ding mit “um” und “weil” und “damit” sie hat kein Ohr für solche kleinen Worte.

— voll tiefen Mißtrauens, überwachsen vom Moose der Einsamkeit, langen Willens, ein Schweigsamer, du Feind aller Lüsternen

— nicht für seinen Glauben wird er verbrannt, von innen her, mit kleinem grünem Holze: sondern dafür, daß er zu seinem Glauben heute keinen Muth mehr finden kann

— unbehülflich wie ein Leichnam, im Leben todt, vergraben, versteckt: er kann nicht mehr stehen, dieser Kauernde, Lauernde: wie könnte er jemals—auferstehen!

— es ist nicht genug, daß der Blitz nicht mehr schadet, er soll lernen, für mich zu arbeiten.

— du wolltest ihnen Licht sein, aber du hast sie geblendet. Deine Sonne selber stach ihnen die Augen aus.

— wie geschah es doch, daß die Wahrheit hier zum Siege kam? Kam ihr wohl ein starker Irrthum zu Hülfe?

— hier bist du blind, denn hier hört deine Redlichkeit auf.

— sie liegen auf dem Bauche vor kleinen runden Thatsachen, sie küssen Staub und Koth zu ihren Füßen, sie frohlocken: hier ist endlich Wirklichkeit!

32 [10]

Der freiwillige Bettler.

Erst dann kehrte ich zur Natur zurück

— Gehörst du zu denen, welche begeistert sind für grünes Gemüse, allen Freuden des Fleisches abhold? predige Bergpredigten und Philosophie fürs liebe Vieh

— sie sind kalt: daß ein Blitz in ihre Speisen schlüge und ihre Mäuler lernten Feuer fressen!

— meiner selber ward ich müde: und siehe, da erst kam mein Glück zu mir, das auf mich gewartet hatte seit Anbeginn.

— sie sitzen da mit gebundenen Pfoten, diese Kratz-Katzen, nun können sie nicht kratzen, aber sie blicken Gift aus grünen Augen.

— mancher schon warf sich aus seiner Höhe herab. Das Mitleiden mit den Niedrigen verführte ihn: nun liegt er da mit gebrochnen Gliedmaßen.

— was half es, daß ich so that! Ich horchte auf Wiederhall, aber ich hörte nur Lob.

1mit Diebsaugen, ob sie schon im Reichthum sitzen. Und Manche von ihnen nenne ich Lumpensammler und Aaasvögel.

1ich sah sie, wie sie’s von ihren Vätern her gewohnt sind, lange Finger machen: da zog ich’s vor, den Kürzeren zu ziehn.

1lüsterne Augen, gallichte Seelen

1lieber noch Händel als diese Händler! Mit Handschuhen soll man Geld und Wechsler angreifen!

1die kleine Wohlthätigkeit empört, wo die größte kaum verziehen wird.

1ihr überreichen, ihr tröpfelt gleich bauchichten Flaschen, aus allzuengen Hälsen: hütet euch, solchen Flaschen brach Ungeduld oft schon die Hälse!

1ich schämte mich des Reichthums, als ich unsre Reichen sah, ich warf von mir was ich hatte und warf mich dabei selber hinaus in eine Wüste.

2 — Mein werther Fremdling, wo weiltest du? Treibt heute nicht Jedermann Schacher? sie sind allesammt selber käuflich, nur nicht für jeden Preis: willst du sie aber kaufen, so biete nicht zu wenig, du stärkst sonst ihre Tugend. Sie sagen dir sonst Nein! und gehn gebläht davon, als die Unbestechlichen—alle diese Eintagslehrer und Papier-Schmeißfliegen!

— enge Seelen, Krämer-Seelen: denn wenn das Geld in den Kasten springt, springt des Krämers Seele mit hinein.

— “Daran erkenne ich den überreichen: er dankt dem, der nimmt” sagt Zarathustra.

1Sträflinge des Reichthums, deren Gedanken kalt gleich Ketten klirren.

1sie erfanden sich die heiligste Langeweile und die Begierde nach Mond- und Werkel-Tagen

— wie ein Wanderer, der von fernen Dingen träumt, unversehens einen schlafenden Hund auf einsamer Straße anstößt:

wie Todfeinde sahen da die Beiden sich an, beide zum Tod erschreckt: und doch, im Grunde: wie wenig fehlte, daß die Beiden sich streichelten und liebkosten, die zwei Einsamen!

— nicht aus jener alten pfiffigen Frömmigkeit, welche sprach, “den Armen geben, das ist Gott leihen. Seid gute Bankhalter!”

— ihr liebt den Nutzen als das Fuhrwerk eurer Neigungen, aber ist der Lärm seiner Räder euch nicht unerträglich? Ich liebe das Unnützliche.

1ihre Weiber: willfährig lüstern vergeßlich: sie haben’s alle nicht weit zur Hure.

Ich liebe die Stille, und jene lieben den Lärm, darum — — —

32 [11]

Vom höheren Menschen.

“So ihr nicht werdet wie die Kinder”—Nein! Nein! Drei Mal Nein! Das ist vorbei. Wir wollen auch gar nicht ins Himmelreich.

Männer sind wir worden, So wollen wir das Erden-Reich.



(Nein! Nein! Drei Mal Nein! Was Himmel-Bimmel-bamm! Bam! Wir wollen nicht ins Himmelreich: das Erden-reich soll unser sein!)



“ihr werdet in die Höhe gedrückt, zu mir: mag das Volk sprechen “ihr steigt.” Ihr seid mir—Gedrückte!

— im Zeitalter, wo die Zufriedenheit des Pöbels herrscht, und wo der Ekel schon den höheren Menschen bezeichnet:

32 [12]

Die sieben Einsamkeiten.

Und wenn ich einmal mit Wölfen heulen muß, so mache ich’s gut genug; und mitunter sagte ein Wolf: “du heulst besser als wir Wölfe.”

32 [13]

Der Rundgesang.

Als sie aber lange so gestanden hatten und die Heimlichkeit der Nacht ihnen näher und näher ans Herz kam, da geschah das, was an jenem erstaunlichen langen Tage das Erstaunlichste war. Zuerst nämlich begann der häßlichste Mensch von Neuem zu gurgeln und zu schnauben: als er es aber bis zu Worten gebracht hatte, da kam eine Frage klar und deutlich aus seinem Munde, die Allen, die sie hörten, das Herz im Leibe umdrehte.

Meine Freunde insgesamt, sprach der häßlichste Mensch, was dünket euch? Um dieses Tags Willen—ich bin’s zum ersten Male zufrieden, daß ich dies ganze Leben lebte.

Und daß ich soviel bezeuge, ist mir noch lange nicht genug. Es lohnt sich auf der Erde zu leben; Ein Tag mit Zarathustra zusammen lehrte mich die Erde lieben.

“War Das—das Leben? will ich zum Tode sprechen. Wohlan! Noch Ein Mal! Um Zarathustra’s Willen!”

Meine Freunde, was dünket euch? Wollt ihr nicht gleich mir zum Tode sprechen: “War Das—das Leben? Um Zarathustra’s Willen—wohlan! Noch Ein Mal!” —

Und du unser Arzt und Heiland—laß uns, oh Zarathustra, fürderhin mit dir gehen!

Also sprach der häßlichste Mensch; es war aber nicht lange vor Mitternacht.

Da griff Zarathustra ungestüm nach seiner Hand, preßte sie in seine Hände und rief erschüttert aus, mit der Stimme eines Solchen, dem ein kostbares Geschenk und Kleinod unversehens vom Himmel fällt:

“Wie? Du sprichst das, mein Freund? Dies ist dein Wille? Dies ist dein ganzer letzter bester größter Wille? Wohlan! Sprich es noch Ein Mal!” — —

Und der häßlichste Mensch that, wie ihm geheißen wurde: sobald aber die andern höheren Menschen sein Gelöbniß hörten, wurden sie sich mit Einem Male ihrer Verwandlung und Genesung bewußt, und wer ihnen dieselbe geschenkt habe: da sprangen sie auf Zarathustra zu, dankend, verehrend, liebkosend oder ihm die Hände küssend, so wie es der Art eines Jeden gegeben war: also daß Einige lachten, Einige weinten. Der alte Wahrsager aber tanzte vor Vergnügen, und wenn er auch, wie Manche meinen, damals voll süßen Weins war, so war er sicherlich noch voller des süßen Lebens und hatte aller Müdigkeit abgesagt. Es giebt sogar Solche, die erzählen, daß damals der Esel getanzt habe; der häßlichste Mensch nämlich habe ihm vorher Wein zu trinken gegeben statt Wasser, damals als er ihn als seinen neuen Gott anbetete. Dies mag sich nun so verhalten oder auch anders—und wahrlich, nicht alle, welche die Historie Zarathustras erzählen, werden’s glauben—: gewißlich aber wäre der häßlichste Mensch auch dieser Schlechtigkeit fähig gewesen.

Zarathustra selber aber gab Acht darauf, wie der Wahrsager tanzte und zeigte mit den Fingern darnach; dann aber entriß er sich mit Einem Rucke dem Gedränge der Liebenden und Verehrenden, legte den Finger an den Mund und gebot Stille. Um jene tiefe Nachtstunde war es, daß Zarathustra den großen Rundgesang anstimmte, in welchen seine Gäste der Reihe nach einfielen; der Esel aber, der Adler und die Schlange horchten zu, ebenso wie die Höhle Zarathustras zuhörte und die Nacht selber. Dieser Rundgesang aber lautete also:

Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher!—aber vergeßt mir auch die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser noch, ihr steht auch auf eurem Kopfe!

Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!



Da fiel der alte Wahrsager ein: “Es giebt auch im Glücke schweres Gethier, es giebt Plumpfüßler von Anbeginn. Wunderlich mühn sie sich ab, einem Elefanten gleich, der sich müht, auf dem Kopf zu stehn.

Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!”



Da fiel der häßlichste Mensch ein: “Besser noch, plump tanzen als auf lahmen Beinen gehn, besser närrisch sein vor Glücke als Unglücke. Dies aber ist Zarathustras beste Wahrheit: auch das schlimmste Ding hat zwei gute Kehrseiten.

Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!”



Da fiel der alte Zauberer ein: “Nun verlernte ich das Trübsal-Blasen und alle Nachtwächter-Traurigkeit. Dem Winde will ich’s gleich thun, der alle Himmel hell und alles Meer brausen macht: Zarathustra will ich’s nunmehr gleich thun.

Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!”



Da fiel der König zur Rechten ein: “Schüttelt mich zusammen mit allen Erden-Thränen und Menschen-Jammer, immer wieder werde ich obenauf sein wie Oel auf Wasser. Das aber lernte ich diesem Zarathustra ab.

Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!”



Da fiel der König zur Linken ein: “Und muß ich der Erde einmal gram sein: des Himmels Sterne reißt da meine Bosheit noch herab zur Erde: das ist so die Art aller Zarathustra-Rache.

Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!”



Da fiel der gute Europäer ein: “Und wenn es auf Erden auch Moore und Trübsal giebt und ganze Meere schwarzen Schlamms: wer leichte Füße hat, gleich Zarathustra, läuft über Schlamm noch dahin, schnell wie über gefegtem Eise.

Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!”



Da fiel der freiwillige Bettler ein: “Der Schritt verräth, ob Einer schon auf seiner Bahn schreitet: seht Zarathustra gehn! Wer aber seinem Ziele nahe kommt, der—tanzt.

Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!”



Da fiel der Gewissenhafte des Geistes ein: “Krumm kommen alle guten Dinge ihrem Ziele nahe, gleich Katzen machen sie da Buckel sie schnurren innewendig vor ihrem nahen Glücke, alle guten Dinge lachen.

Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!”



Da fiel der alte Papst ein: “Welches war hier auf Erden bisher die größte Sünde? Das war das Wort dessen, der sprach: “Wehe denen, die hier lachen!”

Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!”

32 [14]

Die letzte Sünde.

1.

Aber was geschah damals mit Zarathustra selber?— Ja, wer möchte das errathen, was sich in jener Nacht mit ihm zutrug!— Er fiel nämlich, als er das Glück seiner höheren Menschen sah, mit einem Male nieder wie ein Eichbaum, der lange vielen Holzschlägern widerstanden hat—, schwer, plötzlich, zum Schrecken für die selber, welche ihn fällen wollten. Die Axt aber, die Zarathustra darniederschlug—Mitleiden hieß diese Axt, Mitleiden mit dem Glück dieser höheren Menschen.

2.

Die höheren Menschen stürzten hinzu, als er so zu Boden lag, daß sie ihm wieder aufhülfen: aber schon sprang er von selber empor, stieß alle von sich, die sich um ihn drängten und schrie: “Fort! Fort! Fort!” “Laßt mich davon,” schrie er, so schmerzlich und schrecklich, daß seinen Freunden das Herz erstarrte; und ehe nur eine Hand sich ausstreckte, ihn zurückzuhalten, zog er sein Gewand über den Kopf, lief in die schwarze Nacht hinaus und war verschwunden.

Da nun standen seine Freunde eine lange Weile betäubt und stumm, denn sie waren in diesen Bergen fremd, und niemand hätte um diese Stunde auch nur hundert Schritt weit einen Weg gefunden. Es gieng nämlich gegen Mitternacht. So traten sie, als sie sich nicht zu helfen und zu rathen wußten, endlich wieder in die Höhle Zarathustra’s, ob sie ihnen gleich traurig und kalt dünkte, und ertrugen daselbst die Nacht, mit wenig Schlaf und vielen schlimmen Gedanken und Gespenstern.

Es geschah aber um die Stunde der ersten Früh-Dämmerung, daß jener Wanderer, welcher sich den Schatten Zarathustra’s nannte, seine Gefährten heimlich verließ und vor der Höhle nach dem Verlorenen ausspähete. Und nicht lange darauf rief er in die Höhle hinein: “dort kommt Zarathustra!” Da warfen sie Alle den Schlaf und die schlimmen Gedanken von sich und sprangen auf, voller Hoffnung, daß es nun wieder Tag werde. Als sie aber mit einander ausspäheten—und auch der Esel war mit ihnen hinausgegangen und spähete nach Zarathustra—siehe, da gewahrten sie in der Ferne ein seltsames Schauspiel. Zarathustra kam nämlich des Wegs herauf, langsam, langsam. bisweilen stand er still und blickte zurück: hinter ihm aber schritt ein mächtiges gelbes Thier, gleich Zarathustra selber zögernd, langsamen Ganges und oft zurückblickend. Immer aber wenn Zarathustra den Kopf nach ihm umwandte, kam es einige Schritte schneller vorwärts, dann aber zögerte es wieder. Was geschieht da? fragten sich da die höheren Menschen, und ihre Herzen klopften; denn sie argwöhnten, daß dieses mächtige gelbe Thier ein Löwe des Gebirges sei. Und siehe, plötzlich wurde der Löwe ihrer gewahr: da stieß er ein wildes Gebrüll aus und sprang auf sie los: also daß diese alle mit Einem Mund aufschrieen und davon flohen. Und in Kürze war Zarathustra allein und stand staunend am Eingange seiner Höhle. “Was geschah mir doch?” sagte er zu seinem Herzen, während der starke Löwe schüchtern sich an seine Kniee drängte. “Was hörte ich doch eben für einen Nothschrei!” Da aber kam ihm die Erinnerung, und er begriff mit Einem Male Alles, was geschehen war. Hier ist der Stein, sprach er frohlockend, auf dem saß ich gestern am Morgen: da hörte ich den gleichen Schrei. Oh ihr höheren Menschen, es war ja euer Nothschrei!

Und meine Noth war’s vor der jener alte Wahrsager gestern am Morgen mich warnte; zu meiner letzten Sünde wollte er mich verführen, zum Mitleiden mit eurer Noth!

Aber euer Glück war meine Gefahr—: Mitleiden mit euerm Glücke, das—errieth er nicht! Oh was erriethen diese höheren Menschen wohl von mir!

Wohlan! sie sind davon—und ich gieng nicht mit ihnen: oh Sieg! oh Glück! Dies gerieth mir gut!

Du aber, mein Thier und Wahrzeichen, du lachender Löwe, du bleibst bei mir! Wohlan! Wohlauf! Du kamst mir zu Ehren und zur rechten Zeit, du bist mein drittes Ehren-Thier!

Also sprach Zarathustra zu dem Löwen und setzte sich auf den Stein nieder, an dem er Tags zuvor gesessen hatte, mit einem tiefen Aufathmen—: da aber blickte er fragend in die Höhe—er hörte nämlich über sich den scharfen Ruf seines Adlers.

Meine Thiere kehren zurück, meine zwei alten Ehrenthiere, rief Zarathustra und frohlockte in seinem Herzen: Erkunden sollten sie, ob meine Kinder unterwegs sind und zu mir kamen. Und wahrlich, meine Kinder kamen, denn der lachende Löwe kam. Oh Sieg! Oh Glück!

32 [15]

Das Zeichen.

Des Morgens aber nach dieser Nacht sprang Zarathustra von seinem Lager auf, gürtete sich die Lenden und kam heraus aus seiner Höhle, glühend und froh, wie die Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.

“Sie schlafen noch, rief er, während ich wache—das sind nicht meine rechten Gefährten, diese höheren Menschen.

Höhere als sie müssen kommen, Hochgemuthere, Freiere, Hellere—lachende Löwen müssen zu mir kommen: was geht mich all dies kleine kurze wunderliche Elend an!

Deß warte ich nun, deß warte ich nun”—und indem Zarathustra so sprach, setzte er sich nachdenklich auf den Stein vor seiner Höhle.

“Wer soll der Erde Herr sein? so begann er wieder. Nun! Diese da wahrlich nicht—lieber noch zerschlüge ich Diese da mit meinem Hammer. Ich selber aber bin ein Hammer.

Sie halten es gerade auf der Erde aus, wenn man sie mit Erdenlust lüstern macht, ihnen herzhaft zuspricht. Wie! auf dieser Erde es nur—aushalten? Um der Erde Willen schäme ich mich solcher Reden.

Lieber will ich doch wilde böse Thiere um mich als diese zahmen Mißrathenen; wie selig will ich sein, wieder die Wunder zu sehen, die heiße Sonne ausbrütet —

— alle die reifen und wohlgerathenen Thiere, deren die Erde selber stolz ist. Mißrieth ihr der Mensch bisher? Wohlan! Aber der Löwe gerieth.”

Und wieder versank Zarathustra in ferne Gedanken und Länder und in das Schweigen, das auch dem eignen Herzen aus dem Wege geht und keinen Zeugen hat.

32 [16]

Das Honig-Opfer.
Der Nothschrei.
Gespräch mit den Königen.
Der Wanderer.
Der freiwillige Bettler.
Der Papst außer Dienst.
Der Büßer des Geistes.
Der Gewissenhafte.
Der häßlichste Mensch.
Der Mittagsschläfer.
Die Begrüßung.
Das Abendmahl.
Vom höheren Menschen.
Das Lied des Zauberers.
Von der Wissenschaft.
Der Nachtisch-Psalm.
Der Auferstandene.
Mitternachts.
Der wilde Jäger.
Der lachende Löwe.

32 [17]

Der gute Europäer.
Was ist Deutsch?
Die Tartüfferie der Guten.
Die großen Geister.
Der Philosoph.
Künstler und Betrüger.
Der Pessimist des Intellekts.
Geist und Besitz 310
Von der Herrschaft der Wissenden 318
Zur Heilkunst.

32 [18]

Von der großen Politik.
Was ist deutsch?
Gegen den Begriff  “Strafe.”
Zu Heilkunst.
Gegen die Nächsten-Liebe.
Die großen Geister.
Von den Griechen.
Christen und Heilige.
Die Tartüfferie in der Moral.
Gegen unsere Erziehung.
Heerden-Moral.

32 [19]

Staatsdienst und Staatsdiener.
GelehrteVerkehrte.
Was von den Griechen zu lernen ist
Vom Aberglauben der Philosophen.
Der gute Europäer (Socialismus)
Gottlos, N. 125
Gegen Mitleiden und Nächstenliebe

32 [20]

Zu Gunsten des Adels.
Gegen die Aufhebung der Sklaverei.
Gegen die Socialisten, Nr. 235
Vom Tode des Staates.
Moral als Heerden-Instinkt.
Der große Mann.
Die Unvernunft in der Strafe.
Wie verlogen die Künstler sind.
Gegen die Pessimisten und andere — — —
Der gute Mensch und die Verdummung.
Der Werth falscher Auslegung, Nr. 126
Der feine Obscurantism
Was ist deutsch.
Mißverständniß des Genies.

32 [21]

Aus der Tiefe quillt herauf ein Geruch, der keinen Namen hat, ein heimlicher Geruch der Ewigkeit

Oh Mitternacht! Oh Ewigkeit!

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Die nihilistische Katastrophe:

Zeichen:Überhandnehmen des Mitleids
 die geistige Übermüdung und Zuchtlosigkeit
 Lust oder Unlust—darauf reduzirt sich Alles
  
 Gegenbewegung gegen die Kriegs-Glorie
 Gegenbewegung gegen die Abgrenzung und Nationen-Feindschaft
 “Fraternität” ...
 die Religion unnützlich geworden, so weit sie noch Fabeln und harte Sätze redet
  
Ungeheure Besinnung:
gleichsam an einer alten Festung

[*Anfang 1888 entstanden.]

From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel