Unpublished Works | Willensfreiheit und Fatum 1862© The Nietzsche Channel

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Willensfreiheit und Fatum.
April 1862.

Freiheit des Willens, in sich nichts anderes als Freiheit des Gedankens, ist auch in ähnlicher Weise wie Gedankenfreiheit beschränkt.1 Der Gedanke kann die Weite des Ideenkreises nicht überschreiten, der Ideenkreis aber beruht auf den gewonnenen Anschauungen und kann mit deren Erweiterung wachsen und sich steigern, ohne über die durch den Bau des Gehirns bestimmten Grenzen hinauszukommen. Ebenso ist auch bis zu demselben Endpunkte die Willensfreiheit einer Steigerung fähig, innerhalb dieser Grenzen aber unbeschränkt. Etwas anderes ist es, den Willen ins Werk zu setzen; das Vermögen hiezu ist uns fatalistisch zugemessen. —

Indem das Fatum dem Menschen im Spiegel seiner eignen Persönlichkeit erscheint, sind individuelle Willensfreiheit und individuelles Fatum zwei sich gewachsene Gegner. Wir finden, daß die an ein Fatum glaubenden Völker sich durch Kraft und Willensstärke auszeichnen,2 daß hingegen Frauen und Männer, die nach verkehrt aufgefaßten christl[ichen] Sätzen die Dinge gehen lassen wie sie gehen, da "Gott alles gut gemacht hat," sich von den Umständen auf eine entwürdigende Art leiten lassen. Überhaupt sind "Ergebung in Gottes Willen" und "Demut" oft nichts als Deckmäntel für feige Furchtsamkeit, dem Geschick mit Entschiedenheit entgegenzutreten.

Wenn aber das Fatum als Grenzbestimmendes doch noch mächtiger als der freie Wille erscheint, so dürfen wir zweierlei nicht vergessen, zuerst, daß Fatum nur ein abstrakter Begriff ist, eine Kraft ohne Stoff, daß es für das Individuum nur ein individuelles Fatum giebt, daß Fatum nichts ist als eine Kette von Ereignissen, daß der Mensch, sobald er handelt und damit seine eignen Ereignisse schafft, sein eignes Fatum bestimmt, daß überhaupt die Ereignisse, wie sie den Menschen treffen, von ihm selbst bewußt oder unbewußt veranlaßt sind und ihm passen müssen. Die Tätigkeit des Menschen aber beginnt nicht erst mit der Geburt, sondern schon im Embryon und vielleicht—wer kann hier entscheiden—schon in Eltern und Voreltern.3 Ihr alle, die ihr an Unsterblichkeit der Seele glaubt, müßt auch an die Vorexistenz der Seele glauben, wenn ihr nicht aus etwas Sterblichen etwas Unsterbliches sich entwickeln lassen wollt, ihr müßt auch an diese Art der Seelenexistenz glauben, wenn ihr nicht die Seele in der Luft herumflattern lassen wollt, bis sie endlich in den Körper hineingepfropft wird. Der Hindu sagt: Fatum ist nichts, als die Thaten, die wir in einem früheren Zustande unseres Seins begangen haben.4

Woraus soll man widerlegen, daß man nicht seit Ewigkeit schon mit Bewußtsein gehandelt habe? Aus dem ganz unentwickelten Bewußtsein des Kindes? Können wir nicht vielmehr behaupten, daß unsre Handlungen immer im Verhältniß zu unserm Bewußtsein stehn? Auch Emmerson [sic] sagt:

Immer ist der Gedanke vereint
Mit dem Ding, das als sein Ausdruck erscheint.5

Überhaupt kann ein Ton uns berühren, wenn nicht eine entsprechende Saite in uns ist? Oder anders ausgedrückt: Können wir einen Eindruck in unserm Gehirn aufnehmen, wenn nicht unser Gehirn schon eine Aufnahmefähigkeit dazu besitzt?

Freier Wille ist ebenso nur ein Abstraktum und bedeutet die Fähigkeit, bewußt zu handeln, während wir unter Fatum das Princip verstehn, das uns beim unbewußten Handeln leitet. Handeln an und für sich drückt immer zugleich auch eine Seelentätigkeit aus, eine WilIensrichtung, die wir selbst noch nicht als Object in das Auge zu fassen brauchen. Bei bewußtem Handeln können wir uns ebenso sehr von Eindrücken leiten lassen, wie beim unbewußten, aber auch ebenso wenig. Man sagt öfters bei einer glücklichen That: Das habe ich zufällig so getroffen. Das braucht keineswegs immer wahr zu sein. Die Seelentätigkeit dauert fort und ebenso ungeschwächt, wenn wir sie auch nicht mit unsern geistigen Augen betrachten.

Ähnlich meinen wir oft, wenn wir im hellen Sonnenschein die Augen geschlossen haben, daß für uns die Sonne nicht schiene. Aber ihre Wirkungen auf uns, das Belebende ihres Lichtes, ihre milde Wärme hören nicht auf, ob wir sie auch mit den Sinnen nicht weiter wahrnehmen.

Wenn wir also den Begriff des unbewußt Handelns nicht blos als ein Sichleitenlassen von frühern Eindrücken nehmen, so entschwindet für uns der strenge Unterschied von Fatum und freien Willen und beide Begriffe verschwimmen zu der Idee der Individualität.

Je mehr sich die Dinge vom Unorganischen entfernen und jemehr sich die Bildung erweitert, um so hervortretender wird die Individualität, um so mannigfaltiger ihre Eigenschaften. Selbtätige, innere Kraft und äußere Eindrücke, ihre Entwicklungshebel, was sind sie anders als Willensfreiheit und Fatum?

In der Willensfreiheit liegt für das Individuum das Princip der Absonderung, der Lostrennung vom Ganzen, der absoluten Unbeschränktheit; das Fatum aber setzt den Menschen wieder in organische Verbindung mit der Gesammtentwicklung, und nöthigt ihn, indem es ihn zu beherrschen sucht, zur freien Gegenkraftentwicklung; die fatumlose, absolute Willensfreiheit würde den Menschen zum Gott machen, das fatalistische Princip zu einem Automaten.

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1. vgl. Ralph Waldo Emerson, "Das Fatum," in Die Führung des Lebens. Gedanken und Studien. Ins Deutsche übertragen von E. S. v. Mühlberg. Leipzig: Steinacker, 1862, 15: "Freiheit ist nothwendig. Wenn Du dich selbst auf die Seite des Fatums stellst und sagst, daß Fatum Alles ist, dann müssen wir sagen, daß die menschliche Freiheit ein Theil des Fatums ist. Fortwährend bewegt die Kunst zu wählen und zu schaffen die Seele. Verständniß vernichtet das Fatum. So wie der Mensch denkt, ist er frei." ("Fate," in The Conduct of Life. Boston: Ticknor and Fields, 1860, 19: "[...] freedom is necessary. If you please to plant yourself on the side of Fate, and say, Fate is all; then we say, a part of Fate is the freedom of man. Forever wells up the impulse of choosing and acting in the soul. Intellect annuls Fate. So far as a man thinks, he is free.")
2. ibid., 16: "kräftigen und heroischen Rassen, die fest an das Fatum glauben." ("Fate," in The Conduct of Life. Boston: Ticknor and Fields, 1860, 19: "I cited the instinctive and heroic races as proud believers in Destiny.")
3. vgl. "Fate," in The Conduct of Life. Boston: Ticknor and Fields, 1860, 9: "Now and then, one has a new cell or camarilla opened in his brain, — an architectural, a musical, or a philological knack, some stray taste or talent for flowers, or chemistry, or pigments, or story-telling, a good hand for drawing, a good foot for dancing, an athletic frame for wide journeying, &c. — which skill nowise alters rank in the scale of nature, but serves to pass the time, the life of sensation going on as before. At last, these hints and tendencies are fixed in one, or in a succession. Each absorbs so much food and force, as to become itself a new centre. The new talent draws off so rapidly the vital force, that not enough remains for the animal functions, hardly enough for health; so that, in the second generation, if the like genius appear, the health is visibly deteriorated, and the generative force impaired.

People are born with the moral or with the material bias; — uterine brothers with this diverging destination: and I suppose, with high magnifiers, Mr. Frauenhofer or Dr. Carpenter might come to distinguish in the embryo at the fourth day, this is a Whig, and that a Free-soiler."
4. vgl. ibid., 8: "Es war ein poetischer Versuch, diesen Berg des Verhängnisses zu lüpfen, welcher die Hindus sagen ließ: 'Fatum ist nichts als die Thaten, welche wir in einem früheren Zustande unseres Daseins begangen haben.'" ("Fate," in The Conduct of Life. Boston: Ticknor and Fields, 1860, 9-10: "It was a poetic attempt to lift this mountain of Fate, to reconcile this despotism of race with liberty, which led the Hindoos to say, 'Fate is nothing but the deeds committed in a prior state of existence.'")
5. vgl. ibid., 1: "Immer ist der Gedanke vereint / Mit dem Ding, das als sein Ausdruck erscheint." (The Conduct of Life. Boston: Ticknor and Fields, 1860, [i]: "For the prevision is allied / Unto the thing so signified[.]")

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