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Ermanarich, Ostgothenkönig. Eine historische Skizze.
FW Nietzsche
Naumburg a/S. 3. 7. 61.
Seit vorigen Hundstagferien hatte ich mir vorgenommen, den sagenberühmten Tod des Ostgothenkönigs Ermanarich in einem dramatische Gedicht zu verherrlichen. Da ich mich aber zu diesem Vorhaben noch nicht reif genug fühlte, mir auch die älteste Geschichte und Sitte der Gothen nur in ihren allgemeinsten Umrissen bekannt war, so mußte ich mich nothgedrungen nach den Quellschriften umsehn, um aus ihnen Stoff und nähere Belehrung zu schöpfen. Das Resultat dieser Studien liegt vor mir—keine Tragoedie, sondern eine trockene Abhandlung. Indessen hoffe ich, daß das Interesse des Stoffes die Einförmigkeit des Styles und der Ausführung, etwas wenigstens verdecken wird. Zuvörderst also einige Bemerkungen über die gothische Urgeschichte, hauptsächlich dem merkwürdigen Buche Jornandes entnommen. In welcher Zeit die Germanen aus Asien gekommen sind, ist in völliges Dunkel gehüllt. Sicher ist wenigstens, daß sie zuerst nach Scandinavien (Scanzia) kamen, von wo aus sie sich nach Süden und Norden hin ergossen. Darum nennt Jornandes Scanzia die Wiege und die Werkstätte der Nationen und erzählt, sicherlich nach einem alten Lied, wie auch die Gothen unter dem König Berich von dieser Insel auswanderten und mit ihren Schiffen an dem nach ihnen benannten Gothiscanzia landeten. Sie zogen dann an der Weichsel entlang südwärts durch Scythien und kamen unter König Filimer zum See Maeotis, dem asowschen Meer. Auch Filogud und Arigis werden noch als berühmte Volksführer erwähnt, auch schon uralter Heldengesänge gedacht. Die folgende Zeit ist etwas dunkel, da hier offenbar Jornandes die Gothen und die scythischen Geten verwechselt und so sonderbare Orts und Kulturverschiedenheit statuirt. Von größerer Bedeutung ist die Namensnennung vier hochgefeierter Helden Ethespamaras, Amala, Fridiger und Vindigcula. Als Grenzen des damaligen Reiches werden im Osten die Roxolanen, im Westen die Tamaziten, im Norden die Sarmaten und Bastarner, im Süden die Donau angegeben. Auch die ersten Berührungen der Gothen mit dem Römern fallen in diese
Zeit. Schon begannen sie ihre Herrschaft über die Vuandalen,
Markommanen und Quaden auszudehnen und
unternahmen unter ihrem König Ostrogotha einen
Zug gegen die Gepiden. Der gepidische König Fastida,
der früher schon, bedeutungsvoll genug, die Burgundionen
usque ad internecionem vertilgt haben soll, wird
besiegt, sein Reich unter gothische Botmäßigkeit
gebracht. Unter dem König Geberich wird die
Chronologie schon sichtbarer; er lebte zu Zeiten
Stilichos, etwa 350 n. Chr., wofern die Notiz richtig
ist; denn es giebt mehere Gründe für die Unrichtigkeit
der Bestimmung. Dessen Nachfolger endlich, auf dessen
Leben ich genauer eingehn muß, ist Ermanaricus,
oder Hermerich. Unter ihm erlangte das Reich im
Osten und Westen eine ungeheure Ausdehnung, im Norden
soll es bis an die Ostsee gereicht haben. Als unterworfne
Völker zählt Jornandes auf die Scythen,
die Thuiden in Auunxis, Vasimbroncas, Merens,
Mordemsimnis, Caris, Rocas, Tadzans,
Ath Navego, Bubegentas, Coldas. Die Heruler
unter Alarich, die am See Maeotis wohnten,
die Veneter, Anten und Slaven, die Aestrer,
die am Meeer wohnten, wurden besiegt und dem Gothenreich
zugefügt. Deßhalb stellen ihn einige, wie Jornandes
sagt, dem Alexander Magnus gleich, da er sich eine
Weltherrschaft zu gründen suchte. Jetzt wendet sich
unser Schriftsteller zur Schilderung der Hunnen, der
Söhne unreiner Geister und der Aliorunen (Alrunen)
wahrsagender Weiber, die von Filimer in die Wüste
getrieben wurden. Sie werden trotz ihrer furchtbaren
Eroberungslust durch den Glanz und die Größe
Ermanarichs erschreckt und zögern und zaudern, bis ihnen
ein unerwarteter Glücksfall das Reich selbst in die Hände giebt. Ermanarich hatte nämlich ein schönes Weib aus dem Volk der Roxolanen, Sanielh, wegen der betrügerischen Flucht ihres Gemahls, wie sich der Schriftsteller dunkel genug ausdrückt, in höchster Wuth von vier angespornten Pferden zerreißen lassen; ihre Brüder Sarus und Ammius suchen den Tod der Schwester zu rächen und verwunden den König an der Seite, so daß er siech u[nd] krank in Furcht vor den Hunnen sein Leben hinschleppt, und endlich im höchsten Alter von 110 Jahren stirbt. Weiter brauchen wir diesem Berichterstatter nicht zu folgen. Schließlich will ich aber noch aus der Genealogie des Amalergeschlechts, die bei den Gothen Ansen hießen, erwähnen, daß der Nachkomme Hermerichs im sechsten Gliede Athalarich ist, seines Bruders Vuldulf im vierten Gliede[r] der hochberühmte Theodorich (Dietrich von Bern).
Schon beim ersten Lesen dieser letzten Katastrophe in dem Leben Ermanarichs denkt man sogleich an ein uraltes gothisches Lied, dessen nacktes Gerippe uns Jornandes erhalten hat, dessen Existenz auch unzweifelhaft wäre, wenn die oben aufgestellte Muthmaßung als richtig bewiesen werden könnte. Es sind wirklich bedeutende poetische Motive: Das Annahn der Hunnen, die betrügeriche Flucht, das schreckliche Ende der schönen Sanielh, der Racheversuch ihrer Brüder, und der klägliche Tod des weltberüh[m]ten, Völker beherrschenden Gothenkönigs. Man kann sich nicht täuschen; wenn auch Jornandes nicht ausdrücklich die Erzählung als aus alten Liedern geschöpft angiebt, so stellt sie sich ihrem Inhalt nach als solche dar. Jeder Zweifel wird endlich gehoben, wenn wir auch andre verwandte Sagen auffinden, die dasselbe tragische Ende entweder mit Beibehaltung der alten Namen oder geringer Veränderung erzählen. Ich habe mir vorgenommen, besonders auf die nordische Gestaltung der Sage, auf ihre Unterschiede von der deutschen etwas näher einzugehn. Unerwähnt
aber darf ich nicht lassen, daß die Quedlinburger
Chronik denselben Racheversuch zweier Brüder Sarilo und
Hamideo meldet, daß endlich Saxo Grammaticus nach
vielleicht deutschen, jedoch mit nordischen Elementen
versetzten Quellen sich ausführlich über dasselbe Thema
ausbreitet. Ich habe es also vorzüglich mit der Fassung
zu thun, die uns in der ältern Edda entgegentritt. Ich
erlaube mir, nach kurzen Vorbemerkungen die beiden
betreffenden Lieder, Gudruns Aufreizung und das
Hamdirlied nach der Uebertragung von Simrock
vorzulesen.
Nachdem Gudrun ihren zweiten Gemahl Atli getödtet hatte,
gieng sie ans Meer und stürzte sich in die Wellen. Sie
mochte aber nicht untersinken und wurde von den Fluthen
über den Sund getragen an das Land König Jonakurs, der
sie ehlichte. Ihre Kinder waren Sörli, Hamdir und Erp.
Dort wurde Swanhilda erzogen, die Tochter Sigurds und
Jörmunreck, dem Gothenkönig zur Ehe gegeben. Bei dem
war Bicki; der gab den Rath, daß Randwer, des Königs
Sohn sich mehr für die schöne Swanhild passe, als der
greise König. Das gefiel den jungen Leuten wohl. Doch
Bicki verrieth es dem Könige. Da ließ der König
Randwer henken und Swanhild von Pferden zertreten. Als
Gudrun dies vernahm, trieb sie ihre Söhne zur Rache an.
Gudruns Aufreizung, Edda S. 267.
Das Lied v. Hamdir, Edda S. 271.
Ein grauenhaftes, aber bis in seine Einzelheiten
vollendetes Gemälde entrollt sich vor uns, an Gewalt und
plastischer Entfaltung nur noch von einigen
Götterliedern der ältern Edda übertroffen. Die
Gestalten, die uns entgegentreten, sind scharf,
meisterhaft gezeichnet; Gudrun, das kinderverwaiste, von
so vielen Stürmen bewegte Weib, riesenartig in ihrer
Leidenschaft, unversöhnlich in ihrer Rache, und sollte
sie auch das Blut der Tochter mit dem Blut der Söhne
sühnen. Swanhild, die blühend junge, die tadellose, die
lichtlockige Maid, die wie Gudrun sagt,
in meinen Sälen schien,
Wie ein Sonnenstrahl die Sinne labte.
Bikki,
der schlaue, hinterlistige, doppelzüngige Rathgeber der
in ähnlichen Namen als Siebech Sibki durch den ganzen
Ostgothischen Sagenkreis sich erhalten hat. Hamdir, der
hochmüthige, muttertadelnde, schmerzunbesiegte Held, der
den Jörmunreck höhnend entgegentritt; Sörli, der
weise, zukunftverkündende Seher, der zuletzt in riesiger
Erhabenheit den entstandnen Zwist mit seinem Bruder
beilegt, und mit den schönen, urnordischen Gedanken
"Schön stritten wir; wir sitzen auf Leichen
Von uns gefällten, wie Adler auf Zweigen,
Hohen Ruhm erstritten wir, wir sterben heut oder
morgen
Den Abend sieht niemand wider der Nornen
Spruch."
an den Saales Ende
zusammensinkt. Erp hingegen, vielleicht der muthigste und
klügste von allen; denn sein sinnvolles Räthsel und
sein Auftreten, wie er muthig auf des Rosses Rüken
spielt, wie ihm gerade die schwierigste Aufgabe, das
Kopfabhauen übergeben ist, lassen es erkennen; aber er
sit der Gudrun Sohn und Liebling, deßhalb wird er von
de[n] Söhnen der ersten Gemahlin Jonakurs verachtet und
auf dem Wege niedergestoßen. Wie grauenhaft und doch so
kurz hingeworfen sind die folgenden Verse, in denen
Randwer erwähnt wird
"Sie fuhren weiter unheimliche Wege
Sahn der Schwester Stiefsohn geschaukelt am Baum,
Am wildkalten Mordholz westlich der Burg
Als rief er den Raben; da war übel rasten."
Endlich Jörmunreck, der Gothenkönig, sitzend und
schmausend in der lauten Halle, umgeben von lustigen
Zechern. Er soll weislichen Rath ertheilen, da der
sorgende Späher ins Horn stößt.
"Jormunreck schmunzelte und strich sich den
Bart;
Nicht wollt er sein Streitgewand: er stritt mit dem
Wein.
Das Schwarzhaupt schüttelt er, sah nach dem weißen
Schild
Und kehrte keck den Kelch in der Hand:
Selig schien ich mir, schaut ich hier Hamdir und Sörli in meiner Halle.
Ich bände sie beide mit Bogensehnen,
An den Galgen hängt ich Giukis gute Kinder.
Vergleichen wir den Jörmunreck der Edda und den Ermanarich des Jornandes, so erhalten wir die Grundlinien, auf denen der Unterschied dies nordischen und de[s] deutschen Heldenmythus beruht. Ermanarich muß nach Jornandes ein hochdenkender, weitschauender Mann gewesen sein, in seinen Leidenschaften noch Barbar, aber doch der weiseste aller Barbaren, wie Jornandes im Allgemeinen von den Gothen rühmt; er entwirft Pläne zur Besiegung der Hunnen und hält jene auch bis zu seiner unglücklichen Verwundung, durch den Glanz seines Namens ab. Unter seiner Regierung muß Ulfila die Bibel übersetzt haben, sicherlich nicht ohne Einwirkung auf den König, aber auch nicht ohne Beihülfe und Unterstützung von demselben. Nach Ammianus Marcellinus schließt er Sicherheitsbündnisse mit den Römern; er ist im höchsten Grade ehrgeizig; da er einsieht, daß er den Hunnen nicht widerstehn kann tödtet er sich selbst. Dieses Zeugniß eines durchaus treu historischen Schriftstellers muß uns besonders viel gelten; dieser Selbstmord läßt sich m[i]t der Sage des Jornandes noch vereinen, aber nicht mehr mit der nordischen Gestaltung. Der deutsche Ermanarich ist vielleicht schon Christ, mindestens kennt er das Christenthum; der nordische wurzelt noch ganz im Götterglauben des Heidenthums; er wird als Abkömmling Odhins thätlich und räthlich von jenen in Schutz genommen, seine Verstümmlung gerächt. Daß es Odhin ist, der den Rath giebt mit Steinen auf die Brüder zu schleudern, beweist die Sage bei Saxo Grammaticus, wo ein Mann mit einem Auge dazu räth; so aber wird Odhin öfters dargestellt. Verschieden in dieser Ansicht ist die Völsungasage, deren Gestaltung ich nicht unerwähnt lassen darf. Ich führe die Stelle wörtlich an:
Scalda S. 342.
Wir erkennen sogleich, daß die der prosaische Auszug eine verlorengegangnen Eddaliedes ist. Ausführlicher als das Hamdirlied, führt es uns die Situationen näh[e]r vor Augen. Der trübe Zug, daß Randwer seinen Habicht rupft und dem Vater sendet, ist der nordischen und deutschen Sage fremd; wenn ich mich [recht] erinnre, hat ihn auch Saxo Grammaticus uns erhalten. Weiterhin wird auch klarer, wie und wann der grausame Tod Swanhildens erfolgt sei. Das Räthsel Erps erhält hier seine Auflösung durch die fernere Geschichte, während es in der andern Gestaltung unerklärt bleibt. Schließlich wird Jör[m]unreck bei Nacht überfallen, die beiden Brüder auf seinen Rath mit Steinen geworfen, alles unübereinstimmend mit der ältern Sage.—
Es ist eine bekannte Thatsache, daß der Norden alles in das Schreckliche, Wilderhabene, Mysteriöse zieht, was in Deutschland noch im Bereich historischer Helle und der Menschlichkeit liegt. Wir fühlen diese Gegensätze am stärksten h[e]raus, wenn wir etwa das Hildebrandslied und die Wölundarsage aus der Edda vergleichen oder die nordischen Niflungenlieder mit unsern Nibelungen zusammenstellen. Die einsame, wildkühne Natur des Nordens prägt sich auch in seinen Gesängen ab; es sind Lieder, die wie himmelragende Felsen dastehn, ureigen in ihrer Titanenkraft, riesenmäßig in ihrer Form. Die ganze Darstellung drängt sich knapp zusammen; jedes Wort fällt, wie ein Blitz, gewaltig, bedeutungsschwer, in die Handlung. Da ist keine epische Breite und Ausführlichkeit, keine weitausgesponnene Kampfbeschreibung, wie im Hildebrandslied; alles ereignet sich urplötzlich, oft zum dramatischen Dialog zusammengedrängt. Und fürwahr, es sind Dramen, die furch[t]bar erhabensten, die je gedichtet wurden, die darum auch in ihrer Gewalt den Zuhörer niederschmettern. Jene Götterdämmrung, wo die Sonne schwarz wird, die Erde ins Meer versinkt, wo Glutwirbel den allnährenden Weltbaum umwühlen, und die Lohe den Himmel leckt, sie ist die grandioseste Erfindung, die je das Genie eines Menschen ersann, unübertroffen in der Litteratur aller Zeiten, unendlich kühn und furchtbar und doch sich in bezaubernden Wohlklängen auflösend.
"Da werden sich [wieder] die wundersamen Goldne[n] Scheiben im Grase finden, Die in Urzeiten die Asen hatten, Die vollführenden Götter u[nd] Fiölnirs Geschlecht. Da werden unbesät die Aecker tragen, Alles Böse schwindet, Baldur kehrt wieder, In des Siegsgotts Himmel nahen Baldur und Hödur. Die walweisen Götter ..."
— Die Sage von Ermanarich ist echt deutsch und durch die Personen, die darin auftreten, und durch die Oertlichkeit an Deutschland gebunden. "Die Sage kann, sagt Grimm, wenn sie verpflanzt wird, Namen und Gegend völlig verändern u[nd] vertauschen; erkennt sie aber in der Fremde die Heimat noch an, so liegt darin ein großer Beweis ihrer Abkunft. Der Grundstoff kam aus Deutschland, das Wort im weitesten Sinne genommen, herüber und wahrscheinlich in Liedern, die in der Darstellungsweise der nordischen ähnlich waren."— Uebrigens liegt auch ein handgreiflicher Beweis in dem deutschen Worte Erp (fuchsbraun, rothbraun), das nordisch Japr lauten müßte.
Nun noch einige Worte über die Erweiterung der Sage und ihre spätern Bearbeitungen. Die nordische Darstellung, wie sie uns in der Wölsungasage entgegentritt, habe ich schon ausführlich besprochen: in ihr wird der ostgothische Sagenkreis an die Sigurdsage geknüpft. In Deutschland hat sich die spätre Sage von Ermenrich frei an die geschichtlichen Hauptpersonen der Völkerwandrung angelehnt, wenn auch unzählige historische Widersprüche dadurch entstanden sind. Oft haben diese Gestalten ihre Rollen gewechselt; die ursprüngliche Geschichte eines jeden ist mehr oder weniger getrübt u[nd] gemischt. Kurz und bündig wird die spätre Sage von Hermenrich von der Quedlinburger Chronik mit folgenden Worten zusammengefaßt: Ermanaricus Theodoricum similiter patruelem suum, instimulante Odoacro patruele suo de Verona pulsum apud Attilam exulare coegit. Ausgeführt ist dieser Mythenstoff in der Vilkinasage, wonach Dietrich von seinem Oheim Ermenrich, dem Oberkönig von Romaburg, aus seinem Lande getrieben wird und zu Etzel König der Hunnen flieht. Sowohl die Kämpfe zwischen Ermenrich und Dietrich und des letztern Flucht zu den Hunnen schildern uns zwei mittelhochdeutsche Gedichte Alphart und Dietrichs Flucht zu den Hunnen. Nach zwanzigjährigen Aufenthalt im Hunnenlande beschließt Dietrich sein eignes Reich wieder zu gewinnen, dessen Entscheidung durch die Schlacht bei Ravenna (der strît von Rabene) herbeigeführt wird. Dietrich, wiewohl Sieger, kehrt zu Etzel zurück und erlebt an diesem Hof den Untergang der Burgunden, wobei sein Dienstmann Hildebrand zuletzt Krimhild erschlägt. Nachdem Dietrich 32 Jahre an Etzels Hofe verlebt hat, sucht er von neuen sein Reich ohne Etzels Hülfe wieder zu gewinnen. Auf den Weg erfährt er Ermenrichs Tod: Alebrand (Hadubrand) verwalte jetzt sein Reich. Soviel von der Wilkinasage. Unerwähnt wenigstens darf ich nicht lassen, daß mehere Chroniken auf die Ermanarichsage mehr oder weniger ausführlich anspielen, endlich auch, daß noch aus dem Ende des 17 Jahrhunderts sich ein Gedicht in plattdeutscher Mundart gefunden hat, das auch das Ende Ermanarichs behandelt und sich zu jenem ältern Sagenstoff verhält, wie das älteste Hildebrandslied und die Umgestaltung im Volkslied des 17 Jahrhunderts. Ueber diese späteste Fortbildung der Sage kann ich aber gar nichts mittheilen, da mir jenes Gedicht nie zu Gesicht gekommen ist.
Soviel ist mit Gewißheit anzunehmen: Die Gestalt des Ermanarich ist für die Geschichte wichtiger, als sie dem oberflächliche[n] Betrachter erscheint. Ein Mann, der so tief im Bewußtein des Volkes eingewurzelt ist, daß ihn die Sage um 12 Jahrhunderte überlebt und seinen Namen und seinen Ruhm bis in die Eisberge Islands trägt, der fürwahr muß mit Attila, Theodorich und Odoaker zusammen immer als eine weltgeschichtlich höchst bedeutende Persönlichkeit genannt werden. —
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