Published Works | Jenseits von Gut und Böse | Beyond Good and Evil | Dual Text © The Nietzsche Channel

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Jenseits von Gut und Böse
Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.

1886.

Beyond Good and Evil
Prelude to a Philosophy of the Future.

1886.

II. Der freie Geist.

II. The Free Spirit.

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O sancta simplicitas! In welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung lebt der Mensch! Man kann sich nicht zu Ende wundern, wenn man sich erst einmal die Augen für dies Wunder eingesetzt hat! Wie haben wir Alles um uns hell und frei und leicht und einfach gemacht! wie wussten wir unsern Sinnen einen Freipass für alles Oberflächliche, unserm Denken eine göttliche Begierde nach muthwilligen Sprüngen und Fehlschlüssen zu geben!—wie haben wir es von Anfang an verstanden, uns unsre Unwissenheit zu erhalten, um eine kaum begreifliche Freiheit, Unbedenklichkeit, Unvorsichtigkeit, Herzhaftigkeit, Heiterkeit des Lebens, um das Leben zu geniessen! Und erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit durfte sich bisher die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen, zum Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern—als seine Verfeinerung! Mag nämlich auch die Sprache, hier wie anderwärts, nicht über ihre Plumpheit hinauskönnen und fortfahren, von Gegensätzen zu reden, wo es nur Grade und mancherlei Feinheit der Stufen giebt; mag ebenfalls die eingefleischte Tartüfferie der Moral, welche jetzt zu unserm unüberwindlichen "Fleisch und Blut" gehört, uns Wissenden selbst die Worte im Munde umdrehen: hier und da begreifen wir es und lachen darüber, wie gerade noch die beste Wissenschaft uns am besten in dieser vereinfachten, durch und durch künstlichen, zurecht gedichteten, zurecht gefälschten Welt festhalten will, wie sie unfreiwillig-willig den Irrthum liebt, weil sie, die Lebendige,—das Leben liebt!

O sancta simplicitas! [O holy simplicity!] In what strange simplification and falsification man lives! One can never cease wondering once one has acquired eyes for this marvel! How we have made everything around us clear and free and easy and simple! how we have been able to give our senses a passport to everything superficial, our thoughts a divine desire for wanton leaps and wrong inferences! how from the beginning we have contrived to retain our ignorance in order to enjoy an almost inconceivable freedom, lack of scruple and caution, heartiness, and gaiety of life, in order to enjoy life! And only on this now solid, granite foundation of ignorance could knowledge rise so far, the will to knowledge on the foundation of a far more powerful will, the will to no knowledge, to uncertainty, to the untruth! Not as its opposite, but rather—as its refinement! Even if language, here as elsewhere, will not get over its awkwardness, and will continue to talk of opposites where there are only degrees and many subtleties of gradation; even if the inveterate Tartuffery [like the hypocritical priest who is the eponymous hero of Molière's 1664 comedy Tartuffe.] of morals, which now belongs to our unconquerable "flesh and blood," infects the words even of those of us who know better: here and there we understand it and laugh at the way in which precisely science at its best seeks most to keep us in this simplified, thoroughly artificial, suitably constructed and suitably falsified world, at the way in which, willy-nilly, it loves error, because, being alive—it loves life!

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Nach einem so fröhlichen Eingang möchte ein ernstes Wort nicht überhört werden: es wendet sich an die Ernstesten. Seht euch vor, ihr Philosophen und Freunde der Erkenntniss, und hütet euch vor dem Martyrium! Vor dem Leiden "um der Wahrheit willen"! Selbst vor der eigenen Vertheidigung! Es verdirbt eurem Gewissen alle Unschuld und feine Neutralität, es macht euch halsstarrig gegen Einwände und rothe Tücher, es verdummt, verthiert und verstiert, wenn ihr im Kampfe mit Gefahr, Verlästerung, Verdächtigung, Ausstossung und noch gröberen Folgen der Feindschaft, zuletzt euch gar als Vertheidiger der Wahrheit auf Erden ausspielen müsst:—als ob "die Wahrheit" eine so harmlose und täppische Person wäre, dass sie Vertheidiger nöthig hätte! und gerade euch, ihr Ritter von der traurigsten Gestalt, meine Herren Eckensteher und Spinneweber des Geistes! Zuletzt wisst ihr gut genug, dass nichts daran liegen darf, ob gerade ihr Recht behaltet, ebenfalls dass bisher noch kein Philosoph Recht behalten hat, und dass eine preiswürdigere Wahrhaftigkeit in jedem kleinen Fragezeichen liegen dürfte, welches ihr hinter eure Leibworte und Lieblingslehren (und gelegentlich hinter euch selbst) setzt, als in allen feierlichen Gebärden und Trümpfen vor Anklägern und Gerichtshöfen! Geht lieber bei Seite! Flieht in's Verborgene! Und habt eure Maske und Feinheit, dass man euch verwechsele! Oder ein Wenig fürchte! Und vergesst mir den Garten nicht, den Garten mit goldenem Gitterwerk! Und habt Menschen um euch, die wie ein Garten sind,—oder wie Musik über Wassern, zur Zeit des Abends, wo der Tag schon zur Erinnerung wird:—wählt die gute Einsamkeit, die freie muthwillige leichte Einsamkeit, welche euch auch ein Recht giebt, selbst in irgend einem Sinne noch gut zu bleiben! Wie giftig, wie listig, wie schlecht macht jeder lange Krieg, der sich nicht mit offener Gewalt führen lässt! Wie persönlich macht eine lange Furcht, ein langes Augenmerk auf Feinde, auf mögliche Feinde! Diese Ausgestossenen der Gesellschaft, diese Lang-Verfolgten, Schlimm-Gehetzten,—auch die Zwangs-Einsiedler, die Spinoza's oder Giordano Bruno's—werden zuletzt immer, und sei es unter der geistigsten Maskerade, und vielleicht ohne dass sie selbst es wissen, zu raffinirten Rachsüchtigen und Giftmischern (man grabe doch einmal den Grund der Ethik und Theologie Spinoza's auf!)—gar nicht zu reden von der Tölpelei der moralischen Entrüstung, welche an einem Philosophen das unfehlbare Zeichen dafür ist, dass ihm der philosophische Humor davon lief. Das Martyrium des Philosophen, seine "Aufopferung für die Wahrheit" zwingt an's Licht heraus, was vom Agitator und vom Schauspieler in ihm steckte; und gesetzt, dass man ihm nur mit einer artistischen Neugierde bisher zugeschaut hat, so kann in Bezug auf manchen Philosophen der gefährliche Wunsch freilich begreiflich sein, ihn auch einmal in seiner Entartung zu sehn (entartet zum "Märtyrer," zum Bühnen- und Tribünen-Schreihals). Nur dass man sich, mit einem solchen Wunsche, darüber klar sein muss, was man jedenfalls dabei zu sehen bekommen wird:—nur ein Satyrspiel, nur eine Nachspiel-Farce, nur den fortwährenden Beweis dafür, dass die lange eigentliche Tragödie zu Ende ist: vorausgesetzt, dass jede Philosophie im Entstehen eine lange Tragödie war. —

After such a cheerful commencement, a serious word would like to be heard; it appeals to the most serious. Take care, philosophers and friends, of knowledge, and beware of martyrdom! Of suffering "for the truth's sake"! Even of defending yourselves! Spoils all the innocence and fine neutrality of your conscience, makes you headstrong against objections and red rags, it stupefies, animalizes, and brutalizes when in the struggle with danger, slander, suspicion, expulsion, and even worse consequences of hostility, you have to pose as protectors of truth upon earth:—as though "the truth" were such an innocuous and incompetent creature as to require protectors! and you of all people, you knights of the most sorrowful countenances, my dear idlers and cobweb-spinners of the mind! After all, you know well enough that it cannot be of any consequence if you of all people are proved right, you know that no philosopher so far has been proved right, and that there might be a more laudable truthfulness in every little question mark that you place after your special words and favorite doctrines (and occasionally after yourselves) than in all the solemn gestures and trumps before accusers and law courts! Rather, go away! Flee into concealment! And have your masks and subtlety, that you may be mistaken for what you are not! Or feared a little! And don't forget the garden, the garden with golden trelliswork! And have people around you who are like a garden—or like music over the waters at evening, when the day is turning into memory:—choose the good solitude, the free, playful, light solitude that gives you, too, the right, to remain good in some sense! How poisonous, how crafty, how bad, does every long war make one, that cannot be waged in the open! How personal does a long fear make one, long watching of enemies, of possible enemies! These outcasts of society, these long-pursued, wickedly persecuted ones—also enforced hermits, the Spinozas or Giordano Brunos always come in the end, even under the most spiritual masquerade, perhaps without being themselves aware of it, sophisticated vengeance-seekers and poison-brewers (let someone lay bare the foundation of Spinoza's ethics and theology!)—not to mention the foolishness of moral indignation, which is the unfailing sign in a philosopher that his philosophical sense of humor has left him. The martyrdom of the philosopher, his "sacrifice for the sake of truth," forces into the light whatever of the agitator and actor lurks in him; and if one has so far contemplated him only with artistic curiosity, with regard to many a philosopher it is easy to understand the dangerous desire to see him also in his degeneration (degenerated into a "martyr," into a stage- and tribunal-bawler). Only, that it is necessary with such a wish to be clear what spectacle one will see in any case:—merely a satyr play, merely an epilogue farce, merely the continued proof that the long, actual tragedy is at an end: assuming that every philosophy, in its genesis, was a long tragedy. —

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Jeder auserlesene Mensch trachtet instinktiv nach seiner Burg und Heimlichkeit, wo er von der Menge, den Vielen, den Allermeisten erlöst ist, wo er die Regel "Mensch" vergessen darf, als deren Ausnahme:—den Einen Fall ausgenommen, dass er von einem noch stärkeren Instinkte geradewegs auf diese Regel gestossen wird, als Erkennender im grossen und ausnahmsweisen Sinne. Wer nicht im Verkehr mit Menschen gelegentlich in allen Farben der Noth, grün und grau vor Ekel, Überdruss, Mitgefühl, Verdüsterung, Vereinsamung schillert, der ist gewiss kein Mensch höheren Geschmacks; gesetzt aber, er nimmt alle diese Last und Unlust nicht freiwillig auf sich, er weicht ihr immerdar aus und bleibt, wie gesagt, still und stolz auf seiner Burg versteckt, nun, so ist Eins gewiss: er ist zur Erkenntniss nicht gemacht, nicht vorherbestimmt. Denn als solcher würde er eines Tages sich sagen müssen "hole der Teufel meinen guten Geschmack! aber die Regel ist interessanter als die Ausnahme,—als ich, die Ausnahme!"—und würde sich hinab begeben, vor Allem "hinein." Das Studium des durchschnittlichen Menschen, lang, ernsthaft, und zu diesem Zwecke viel Verkleidung, Selbstüberwindung, Vertraulichkeit, schlechter Umgang—jeder Umgang ist schlechter Umgang ausser dem mit Seines-Gleichen—: das macht ein nothwendiges Stück der Lebensgeschichte jedes Philosophen aus, vielleicht das unangenehmste, übelriechendste, an Enttäuschungen reichste Stück. Hat er aber Glück, wie es einem Glückskinde der Erkenntniss geziemt, so begegnet er eigentlichen Abkürzern und Erleichterern seiner Aufgabe,—ich meine sogenannten Cynikern, also Solchen, welche das Thier, die Gemeinheit, die "Regel" an sich einfach anerkennen und dabei noch jenen Grad von Geistigkeit und Kitzel haben, um über sich und ihres Gleichen vor Zeugen reden zu müssen:—mitunter wälzen sie sich sogar in Büchern wie auf ihrem eignen Miste. Cynismus ist die einzige Form, in welcher gemeine Seelen an Das streifen, was Redlichkeit ist; und der höhere Mensch hat bei jedem gröberen und feineren Cynismus die Ohren aufzumachen und sich jedes Mal Glück zu wünschen, wenn gerade vor ihm der Possenreisser ohne Scham oder der wissenschaftliche Satyr laut werden. Es giebt sogar Fälle, wo zum Ekel sich die Bezauberung mischt: da nämlich, wo an einen solchen indiskreten Bock und Affen, durch eine Laune der Natur, das Genie gebunden ist, wie bei dem Abbé Galiani, dem tiefsten, scharfsichtigsten und vielleicht auch schmutzigsten Menschen seines Jahrhunderts—er war viel tiefer als Voltaire und folglich auch ein gut Theil schweigsamer. Häufiger schon geschieht es, dass, wie angedeutet, der wissenschaftliche Kopf auf einen Affenleib, ein feiner Ausnahme-Verstand auf eine gemeine Seele gesetzt ist,—unter Ärzten und Moral-Physiologen namentlich kein seltenes Vorkommniss. Und wo nur Einer ohne Erbitterung, vielmehr harmlos vom Menschen redet als von einem Bauche mit zweierlei Bedürfnissen und einem Kopfe mit Einem; überall wo Jemand immer nur Hunger, Geschlechts-Begierde und Eitelkeit sieht, sucht und sehn will, als seien es die eigentlichen und einzigen Triebfedern der menschlichen Handlungen; kurz, wo man "schlecht" vom Menschen redet—und nicht einmal schlimm—, da soll der Liebhaber der Erkenntniss fein und fleissig hinhorchen, er soll seine Ohren überhaupt dort haben, wo ohne Entrüstung geredet wird. Denn der entrüstete Mensch, und wer immer mit seinen eignen Zähnen sich selbst (oder, zum Ersatz dafür, die Welt, oder Gott, oder die Gesellschaft) zerreisst und zerfleischt, mag zwar moralisch gerechnet, höher stehn als der lachende und selbstzufriedene Satyr, in jedem anderen Sinne aber ist er der gewöhnlichere, gleichgültigere, unbelehrendere Fall. Und Niemand lügt soviel als der Entrüstete. —

Every choice human being strives instinctively for a citadel and a secrecy where he is freed from the crowd, the multitude, the majority, where he may forget the rule of "humanity," being their exception:—apart from the one case in which he is pushed straight to such men by an even stronger instinct, as a seeker after knowledge in the great and exceptional sense. Anyone who, in interaction with men, does not occasionally shimmer in all the colors of distress, green and gray with disgust, satiety, sympathy, gloominess, loneliness, is certainly not a man of higher taste; supposing, however, that he does not take all this burden and disgust upon himself voluntarily, that he persistently avoids it, and remains, as I said, quietly and proudly hidden in his citadel, one thing is certain: he was not made, he was not predestined, for knowledge. For if he were, he would one day have to say to himself: "To hell with my good taste! but the rule is more interesting than the exception—than I, the exception!"—and he would go down, and above all, he would go "inside." The long and serious study of the average man, and consequently much disguise, self-overcoming, familiarity, bad contact—all contact is bad contact except with one's equals—: this constitutes a necessary part of the life history of every philosopher, perhaps the most disagreeable, odious, and disappointing part. If he is fortunate, however, as a favorite child of knowledge should be, he will encounter suitable shortcuts and helps for his task—I mean so-called cynics, those who simply recognize the animal, the commonplace, and "the rule" in themselves, and at the same time still have that degree of spirituality and that itch which makes them talk of themselves and their kind before witnesses:—sometimes they even wallow in books, as in their own dung. Cynicism is the only form in which common souls approach honesty; and the higher man must listen closely to every coarse or subtle cynicism, and congratulate himself when a clown without shame or a scientific satyr speaks out precisely in front of him. There are even cases where enchantment mixes with the disgust—namely, where by a freak of nature genius is tied to some such indiscreet billygoat and ape, as in the case of the Abbé Galiani, the profoundest, most clear-sighted, and perhaps also filthiest man of his century—he was far profounder than Voltaire and consequently also a good deal more taciturn. [Ferdinando Galiani (1728-87): Italian economist. Nietzsche read Lettres de l'Abbé Galiani a Madam d'Épinay, Voltaire, Diderot, Grimm, le Baron d'Holbach, Morellet, Suart, D'Alembert, Marmontel, la Vicomtesse de Belsunce, etc. Publiées d'après les Éditions originales augmentées des variantes, de nombreuses notes et d'un index avec notice biographique par Eugène Asse. Édition couronnée par l'Académie française. Tomes 1-2. Paris: G. Charpentier, 1882.] It happens more frequently, as has been implied, that a scientific head is placed on an ape's body, a subtle exceptional brain above a common soul—an occurrence by no means rare, especially among doctors and physiologists of morality. And whenever anyone speaks without bitterness, quite innocently, of man as a belly with two different requirements, and a head with one; whenever anyone sees, seeks, and wants to see only hunger, sexual desire, and vanity as the real and only motives of human actions; in short, when anyone speaks "badly" about man—and not even wickedly—, the lover of knowledge should listen subtly and diligently, he should altogether have an open ear wherever people talk without indignation. For the indignant and whoever, with his own teeth, perpetually tears and lacerates himself (or as a substitute, the world, or God, or society) may indeed, morally speaking, stand higher than the laughing and self-satisfied satyr, but in every other sense they are a more ordinary, more trivial, more uninstructive case. And no one lies as much as the indignant do.—

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Es ist schwer, verstanden zu werden: besonders wenn man gangasrotogati denkt und lebt, unter lauter Menschen, welche anders denken und leben, nämlich kurmagati oder besten Falles "nach der Gangart des Frosches" mandeikagati—ich thue eben Alles, um selbst schwer verstanden zu werden?—und man soll schon für den guten Willen zu einiger Feinheit der Interpretation von Herzen erkenntlich sein. Was aber "die guten Freunde" anbetrifft, welche immer zu bequem sind und gerade als Freunde ein Recht auf Bequemlichkeit zu haben glauben: so thut man gut, ihnen von vornherein einen Spielraum und Tummelplatz des Missverständnisses zuzugestehn:—so hat man noch, zu lachen;—oder sie ganz abzuschaffen, diese guten Freunde,—und auch zu lachen! [Vgl. Julius Jolly: "Eine Reise nach Ostindien. IV. Calcutta." Deutsche Rundschau, Bd. 40, Juli-Sept. 1884:107-127 (121).]

It is hard to be understood, especially when one thinks and lives gangasrotagati [as the current of the Ganges moves] among men who think and live differently, namely kurmagati [as the tortoise moves] or at best "the way frogs walk," mandukagati—am I doing all I can to make myself hard to understand, too?—and one should be cordially grateful for the good will to some subtlety of interpretation. But as for "good friends," who are always too lazy and think that as friends they have a right to relax, one does well to grant them from the outset some leeway and playground for misunderstanding:—then one can even laugh;—or get rid of them altogether, these good friends—and laugh about that, too! [Cf. Julius Jolly: "Eine Reise nach Ostindien. IV. Calcutta." (A Journey to East India. IV. Calcutta.) Deutsche Rundschau, Vol. 40, July-Sept. 1884:107-127 (121).]

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Was sich am schlechtesten aus einer Sprache in die andere übersetzen lässt, ist das tempo ihres Stils: als welcher im Charakter der Rasse seinen Grund hat, physiologischer gesprochen, im Durchschnitts-tempo ihres "Stoffwechsels." Es giebt ehrlich gemeinte Übersetzungen, die beinahe Fälschungen sind, als unfreiwillige Vergemeinerungen des Originals, bloss weil sein tapferes und lustiges tempo nicht mit übersetzt werden konnte, welches über alles Gefährliche in Dingen und Worten wegspringt, weghilft. Der Deutsche ist beinahe des Presto in seiner Sprache unfähig: also, wie man billig schliessen darf, auch vieler der ergötzlichsten und verwegensten Nuances des freien, freigeisterischen Gedankens. So gut ihm der Buffo und der Satyr fremd ist, in Leib und Gewissen, so gut ist ihm Aristophanes und Petronius unübersetzbar. Alles Gravitätische, Schwerflüssige, Feierlich-Plumpe, alle langwierigen und langweiligen Gattungen des Stils sind bei den Deutschen in überreicher Mannichfaltigkeit entwickelt,—man vergebe mir die Thatsache, dass selbst Goethe's Prosa, in ihrer Mischung von Steifheit und Zierlichkeit, keine Ausnahme macht, als ein Spiegelbild der "alten guten Zeit," zu der sie gehört, und als Ausdruck des deutschen Geschmacks, zur Zeit, wo es noch einen "deutschen Geschmack" gab: der ein Rokoko-Geschmack war, in moribus et artibus. Lessing macht eine Ausnahme, Dank seiner Schauspieler-Natur, die Vieles verstand und sich auf Vieles verstand: er, der nicht umsonst der Übersetzer Bayle's war und sich gerne in die Nähe Diderot's und Voltaire's, noch lieber unter die römischen Lustspieldichter flüchtete:—Lessing liebte auch im tempo die Freigeisterei, die Flucht aus Deutschland. Aber wie vermöchte die deutsche Sprache, und sei es selbst in der Prosa eines Lessing, das tempo Macchiavell's nachzuahmen, der, in seinem principe, die trockne feine Luft von Florenz athmen lässt und nicht umhin kann, die ernsteste Angelegenheit in einem unbändigen Allegrissimo vorzutragen: vielleicht nicht ohne ein boshaftes Artisten-Gefühl davon, welchen Gegensatz er wagt,—Gedanken, lang, schwer, hart, gefährlich, und ein tempo des Galopps und der allerbesten muthwilligsten Laune. Wer endlich dürfte gar eine deutsche Übersetzung des Petronius wagen, der, mehr als irgend ein grosser Musiker bisher, der Meister des presto gewesen ist, in Erfindungen, Einfällen, Worten:—was liegt zuletzt an allen Sümpfen der kranken, schlimmen Welt, auch der "alten Welt," wenn man, wie er, die Füsse eines Windes hat, den Zug und Athem, den befreienden Hohn eines Windes, der Alles gesund macht, indem er Alles laufen macht! Und was Aristophanes angeht, jenen verklärenden, complementären Geist, um dessentwillen man dem ganzen Griechenthum verzeiht, dass es da war, gesetzt, dass man in aller Tiefe begriffen hat, was da Alles der Verzeihung, der Verklärung bedarf:—so wüsste ich nichts, was mich über Plato's Verborgenheit und Sphinx-Natur mehr hat träumen lassen als jenes glücklich erhaltene petit fait: dass man unter dem Kopfkissen seines Sterbelagers keine "Bibel" vorfand, nichts Ägyptisches, Pythagoreisches, Platonisches,—sondern den Aristophanes. Wie hätte auch ein Plato das Leben ausgehalten—ein griechisches Leben, zu dem er Nein sagte,—ohne einen Aristophanes! —

What is most difficult to render from one language into another is the tempo of its style, which has its basis in the character of the race, or to speak more physiologically, in the average tempo of its "metabolism." There are well-intended translations that, as involuntary vulgarizations, are almost falsifications of the original merely because its bold and merry tempo (which leaps over and obviates all dangers in things and words) could not be translated. A German is almost incapable of presto in his language; thus also as may be reasonably inferred, of many of the most delightful and daring nuances of free, free-spirited thought. And just as the buffo [comic actor, buffoon] and satyr are foreign to him in body and conscience, so Aristophanes and Petronius are untranslatable for him. Everything ponderous, viscous, and solemnly clumsy, all long-winded and boring types of style are developed in profuse variety among German—forgive me the fact that even Goethe's prose, in its mixture o stiffness and elegance, is no exception, being a reflection of the "good old time" to which it belongs, and a reflection of German taste at a time when there still was a "German taste": a rococo taste in moribus et artibus [in morals and arts]. Lessing is an exception, owing to his histrionic nature which understood much and understood how to do many things: he was not the translator of Bayle [Pierre Bayle (1647-1706): Historical and Critical Dictionary (1697)] for nothing and liked to flee to the neighborhood of Diderot and Voltaire, and better yet, that of the Roman comedy writers:—in tempo, too, Lessing loved freethinking and escape from Germany. But how could the German language, even in the prose of a Lessing, imitate the tempo of Machiavelli, who in his Principe [The Prince] lets us breathe the dry, refined air of Florence and cannot help presenting the most serious matters in a boisterous allegrissimo [extremely brisk and lively manner]: perhaps not without a malicious artistic sense of the contrast he risks—long, difficult, hard, dangerous thoughts and the tempo of the gallop and the very best, most mischievous mood. Who, finally, could dare a German translation of Petronius, who, more than any great musician so far, was a master of presto in invention, ideas, and words:—what do all the swamps of the sick, wicked world, even the "old world," matter in the end, if one has the feet of the wind as he did, the rush, the breath, the liberating scorn of a wind that makes everything healthy by making everything run! And as for Aristophanes, that transfiguring, complementary spirit for whose sake one forgives everything Hellenic for having existed, provided one has understood in its full profundity what needs to be forgiven and transfigured here:—there is nothing that has caused me to meditate more on Plato's secrecy [Verborgenheit] and sphinx nature than the happily preserved petit fait [small fact] that under the pillow of his deathbed, no "Bible," nor anything Egyptian, Pythagorean, or Platonic was found—but rather Aristophanes. How could even Plato have endured life—a Greek life he repudiated—without an Aristophanes! —

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Es ist die Sache der Wenigsten, unabhängig zu sein:—es ist ein Vorrecht der Starken. Und wer es versucht, auch mit dem besten Rechte dazu, aber ohne es zu müssen, beweist damit, dass er wahrscheinlich nicht nur stark, sondern bis zur Ausgelassenheit verwegen ist. Er begiebt sich in ein Labyrinth, er vertausendfältigt die Gefahren, welche das Leben an sich schon mit sich bringt; von denen es nicht die kleinste ist, dass Keiner mit Augen sieht, wie und wo er sich verirrt, vereinsamt und stückweise von irgend einem Höhlen-Minotaurus des Gewissens zerrissen wird. Gesetzt, ein Solcher geht zu Grunde, so geschieht es so ferne vom Verständniss der Menschen, dass sie es nicht fühlen und mitfühlen:—und er kann nicht mehr zurück! er kann auch zum Mitleiden der Menschen nicht mehr zurück! — —

Independence is for the very few:—it is a privilege of the strong. And whoever attempts it even with the best right to it, but without needing it, proves that he is probably not only strong, but also daring to the point of recklessness. He enters into a labyrinth, he multiplies a thousandfold the dangers which life brings with it; not the least of which is that no one can see how and where he loses his way, becomes lonely, and is torn piecemeal by some Minotaur of conscience. Assuming such a person perishes, this happens so far from the comprehension of men that they neither feel it nor sympathize:—and he cannot go back any longer! nor can he go back to the pity of men! — —

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Unsre höchsten Einsichten müssen—und sollen!—wie Thorheiten, unter Umständen wie Verbrechen klingen, wenn sie unerlaubter Weise Denen zu Ohren kommen, welche nicht dafür geartet und vorbestimmt sind. Das Exoterische und das Esoterische, wie man ehedem unter Philosophen unterschied, bei Indern, wie bei Griechen, Persern und Muselmännern, kurz überall, wo man eine Rangordnung und nicht an Gleichheit und gleiche Rechte glaubte,—das hebt sich nicht sowohl dadurch von einander ab, dass der Exoteriker draussen steht und von aussen her, nicht von innen her, sieht, schätzt, misst, urtheilt: das Wesentlichere ist, dass er von Unten hinauf die Dinge sieht,—der Esoteriker aber von Oben herab! Es giebt Höhen der Seele, von wo aus gesehen selbst die Tragödie aufhört, tragisch zu wirken; und, alles Weh der Welt in Eins genommen, wer dürfte zu entscheiden wagen, ob sein Anblick nothwendig gerade zum Mitleiden und dergestalt zur Verdoppelung des Wehs verführen und zwingen werde? ... Was der höheren Art von Menschen zur Nahrung oder zur Labsal dient, muss einer sehr unterschiedlichen und geringeren Art beinahe Gift sein. Die Tugenden des gemeinen Manns würden vielleicht an einem Philosophen Laster und Schwächen bedeuten; es wäre möglich, dass ein hochgearteter Mensch, gesetzt, dass er entartete und zu Grunde gienge, erst dadurch in den Besitz von Eigenschaften käme, derentwegen man nöthig hätte, ihn in der niederen Welt, in welche er hinab sank, nunmehr wie einen Heiligen zu verehren. Es giebt Bücher, welche für Seele und Gesundheit einen umgekehrten Werth haben, je nachdem die niedere Seele, die niedrigere Lebenskraft oder aber die höhere und gewaltigere sich ihrer bedienen: im ersten Falle sind es gefährliche, anbröckelnde, auflösende Bücher, im anderen Heroldsrufe, welche die Tapfersten zu ihrer Tapferkeit herausfordern. Allerwelts-Bücher sind immer übelriechende Bücher: der Kleine-Leute-Geruch klebt daran. Wo das Volk isst und trinkt, selbst wo es verehrt, da pflegt es zu stinken. Man soll nicht in Kirchen gehn, wenn man reine Luft athmen will. — —

Our highest insights must—and should!—sound like follies and in some circumstances like crimes when they are heard without permission by those who are not predisposed and predestined for them. The difference between the exoteric and the esoteric, distinguished by earlier philosophers, among the Indians as among the Greeks, Persians, and Muslims, in short, wherever one believed in an order of rank and not in equality and equal rights—does not so much consist in the fact that one who is exoteric comes from outside and sees, estimates, measures, and judges from the outside, not the inside: what is much more essential is that one who is exoteric sees things from below—one who is esoteric looks down from above. There are heights of the soul from which even tragedy ceases to look tragic; and rolling together all the woe of the world—who could dare to decide whether its sight would necessarily seduce us and compel us to feel pity and thus redouble this woe? ... What serves the higher type of man as nourishment or refreshment must be almost poison for a very different and inferior type. The virtues of the common man might perhaps signify vices and weaknesses in a philosopher; it could be possible that a man of a higher type, when degenerating and perishing, might only at that point acquire qualities that would require those in the lower world into which he had sunk to begin to venerate him like a saint. There are books that have opposite values for soul and health, depending on whether the lower soul, the lower vitality, or the higher and more vigorous ones turn to them: in the former case, these books are dangerous and lead to crumbling and disintegration, in the latter, heralds' cries that call the bravest to their courage. Books for all the world are always foul-smelling books: the odor of little people clings to them. Wherever the masses [das Volk] eat and drink, even where they venerate, it usually stinks. One should not go to church if one wants to breathe clean air. — —

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Man verehrt und verachtet in jungen Jahren noch ohne jene Kunst der Nuance, welche den besten Gewinn des Lebens ausmacht, und muss es billigerweise hart büssen, solchergestalt Menschen und Dinge mit Ja und Nein überfallen zu haben. Es ist Alles darauf eingerichtet, dass der schlechteste aller Geschmäcker, der Geschmack für das Unbedingte grausam genarrt und gemissbraucht werde, bis der Mensch lernt, etwas Kunst in seine Gefühle zu legen und lieber noch mit dem Künstlichen den Versuch zu wagen: wie es die rechten Artisten des Lebens thun. Das Zornige und Ehrfürchtige, das der Jugend eignet, scheint sich keine Ruhe zu geben, bevor es nicht Menschen und Dinge so zurecht gefälscht hat, dass es sich an ihnen auslassen kann:—Jugend ist an sich schon etwas Fälschendes und Betrügerisches. Später, wenn die junge Seele, durch lauter Enttäuschungen gemartert, sich endlich argwöhnisch gegen sich selbst zurück wendet, immer noch heiss und wild, auch in ihrem Argwohne und Gewissensbisse: wie zürnt sie sich nunmehr, wie zerreisst sie sich ungeduldig, wie nimmt sie Rache für ihre lange Selbst-Verblendung, wie als ob sie eine willkürliche Blindheit gewesen sei! In diesem Übergange bestraft man sich selber, durch Misstrauen gegen sein Gefühl; man foltert seine Begeisterung durch den Zweifel, ja man fühlt schon das gute Gewissen als eine Gefahr, gleichsam als Selbst-Verschleierung und Ermüdung der feineren Redlichkeit; und vor Allem, man nimmt Partei, grundsätzlich Partei gegen "die Jugend."— Ein Jahrzehend später: und man begreift, dass auch dies Alles noch—Jugend war!

When one is young, one venerates and despises without that art of nuance which constitutes life's greatest prize, and it is only fair that one has to pay dearly for having assaulted men and things in this manner with Yes and No. Everything is arranged so that the worst of tastes, the taste for the unconditional, should be cruelly fooled and abused until a man learns to put a little art into his feelings and rather to risk trying even what is artificial: as the real artists of life do. The wrathful and reverent attitudes characteristic of youth do not seem to permit themselves any rest until they have forged men and things in such a way that these attitudes may be vented on them:—after all, youth in itself has something of forgery and deception. Later, when the young soul, tortured by all kinds of disappointments, finally turns suspiciously against itself, still hot and wild, even in its suspicion and pangs of conscience: how angry it is with itself now, how it tears itself to pieces, impatiently, how it takes revenge for its long self-delusion, just as if it had been a deliberate blindness! In this transition one punishes oneself with mistrust against one's own feelings; one tortures one's own enthusiasm with doubts, indeed, one experiences even a good conscience as a danger, as if it were a way of wrapping oneself in veils and the exhaustion of subtler honesty; and above all one takes sides, takes sides on principle, against "youth."— A decade later: one comprehends that all this, too—was youth!

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Die längste Zeit der menschlichen Geschichte hindurch—man nennt sie die prähistorische Zeit—wurde der Werth oder der Unwerth einer Handlung aus ihren Folgen abgeleitet: die Handlung an sich kam dabei ebensowenig als ihre Herkunft in Betracht, sondern ungefähr so, wie heute noch in China eine Auszeichnung oder Schande vom Kinde auf die Eltern zurückgreift, so war es die rückwirkende Kraft des Erfolgs oder Misserfolgs, welche den Menschen anleitete, gut oder schlecht von einer Handlung zu denken. Nennen wir diese Periode die vormoralische Periode der Menschheit: der Imperativ "erkenne dich selbst!" war damals noch unbekannt. In den letzten zehn Jahrtausenden ist man hingegen auf einigen grossen Flächen der Erde Schritt für Schritt so weit gekommen, nicht mehr die Folgen, sondern die Herkunft der Handlung über ihren Werth entscheiden zu lassen: ein grosses Ereigniss als Ganzes, eine erhebliche Verfeinerung des Blicks und Maassstabs, die unbewusste Nachwirkung von der Herrschaft aristokratischer Werthe und des Glaubens an "Herkunft," das Abzeichen einer Periode, welche man im engeren Sinne als die moralische bezeichnen darf: der erste Versuch zur Selbst-Erkenntniss ist damit gemacht. Statt der Folgen die Herkunft: welche Umkehrung der Perspektive! Und sicherlich eine erst nach langen Kämpfen und Schwankungen erreichte Umkehrung! Freilich: ein verhängnissvoller neuer Aberglaube, eine eigenthümliche Engigkeit der Interpretation kam eben damit zur Herrschaft: man interpretirte die Herkunft einer Handlung im allerbestimmtesten Sinne als Herkunft aus einer Absicht; man wurde Eins im Glauben daran, dass der Werth einer Handlung im Werthe ihrer Absicht belegen sei. Die Absicht als die ganze Herkunft und Vorgeschichte einer Handlung: unter diesem Vorurtheile ist fast bis auf die neueste Zeit auf Erden moralisch gelobt, getadelt, gerichtet, auch philosophirt worden.— Sollten wir aber heute nicht bei der Nothwendigkeit angelangt sein, uns nochmals über eine Umkehrung und Grundverschiebung der Werthe schlüssig zu machen, Dank einer nochmaligen Selbstbesinnung und Vertiefung des Menschen,—sollten wir nicht an der Schwelle einer Periode stehen, welche, negativ, zunächst als die aussermoralische zu, bezeichnen wäre: heute, wo wenigstens unter uns Immoralisten der Verdacht sich regt, dass gerade in dem, was nicht-absichtlich an einer Handlung ist, ihr entscheidender Werth belegen sei, und dass alle ihre Absichtlichkeit, Alles, was von ihr gesehn, gewusst, "bewusst" werden kann, noch zu ihrer Oberfläche und Haut gehöre,—welche, wie jede Haut, Etwas verräth, aber noch mehr verbirgt? Kurz, wir glauben, dass die Absicht nur ein Zeichen und Symptom ist, das erst der Auslegung bedarf, dazu ein Zeichen, das zu Vielerlei und folglich für sich allein fast nichts bedeutet,—dass Moral, im bisherigen Sinne, also Absichten-Moral ein Vorurtheil gewesen ist, eine Voreiligkeit, eine Vorläufigkeit vielleicht, ein Ding etwa vom Range der Astrologie und Alchymie, aber jedenfalls Etwas, das überwunden werden muss. Die Überwindung der Moral, in einem gewissen Verstande sogar die Selbstüberwindung der Moral: mag das der Name für jene lange geheime Arbeit sein, welche den feinsten und redlichsten, auch den boshaftesten Gewissen von heute, als lebendigen Probirsteinen der Seele, vorbehalten blieb.—

During the longest period of human history—so-called prehistorical times—the value or disvalue of an action was derived from its consequences: the action itself was considered as little as its origin, it was rather the way a distinction or disgrace still reaches back today from a child to its parents, in China, it was the retroactive force of success or failure that led men to think well or ill of an action. Let us call this period the pre-moral period of mankind: the imperative "know thyself!" was as yet unknown. In the last ten thousand years, however, one has reached the point, step by step, in a few large regions on the earth, where it is no longer the consequences but the origin of an action that one allows to decide its value: on the whole this is a great event which involves a considerable refinement of vision and standards, the unconscious aftereffect of the rule of aristocratic values and the faith in "descent," the sign of a period that one may call moral in the narrower sense: it involves the first attempt at self-knowledge. Instead of the consequences, the origin: indeed a reversal of perspective! And certainly a reversal achieved only after long struggles and vacillations! To be sure: a calamitous new superstition, an odd narrowness of interpretation, thus become dominant: the origin of an action was interpreted in the most definite sense as origin in an intention; one came to agree that the value of an action lay in the value of the intention. The intention as the whole origin and prehistory of an action: almost to the present day this prejudice dominated moral praise, blame, judgment, and philosophy on earth.— But today—shouldn't we have reached the necessity of once more resolving on a reversal and fundamental shift in values, owing to another self-examination of man, another growth in profundity—do we not stand at the threshold of a period which should be designated negatively, to begin with, as extra-moral: today, is not the suspicion growing, at least among us immoralists, that the decisive value of an action lies precisely in what is unintentional in it, while everything about it that is intentional, everything about it that can be seen, known, "conscious," still belongs to its surface and skin—which, like every skin, betrays something but conceals even more? In short, we believe that the intention is merely a sign and symptom that still requires interpretation, moreover, a sign that means too much and therefore, taken by itself alone, almost nothing—that morality in the traditional sense, the morality of intentions, was a prejudice, precipitate and perhaps provisional, something on the order of astrology and alchemy, but in any case something that must be overcome. The overcoming of morality, in a certain sense even the self-overcoming of morality: let this be the name for that long secret work which has been saved up for the finest and most honest, also the most malicious, consciences of today, as living touchstones of the soul. —

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Es hilft nichts: man muss die Gefühle der Hingebung, der Aufopferung für den Nächsten, die ganze Selbstentäusserungs-Moral erbarmungslos zur Rede stellen und vor Gericht führen: ebenso wie die Aesthetik der "interesselosen Anschauung," unter welcher sich die Entmännlichung der Kunst verführerisch genug heute ein gutes Gewissen zu schaffen sucht. Es ist viel zu viel Zauber und Zucker in jenen Gefühlen des "für Andere," des "nicht für mich," als dass man nicht nöthig hätte, hier doppelt misstrauisch zu werden und zu fragen: "sind es nicht vielleicht—Verführungen?"— Dass sie gefallen—Dem, der sie hat, und Dem, der ihre Früchte geniesst, auch dem blossen Zuschauer,—dies giebt noch kein Argument für sie ab, sondern fordert gerade zur Vorsicht auf. Seien wir also vorsichtig!

There is no other way: the feelings of devotion, self-sacrifice for one's neighbor, the whole morality of self-denial must be questioned mercilessly and taken to court: no less than the aesthetics of "contemplation devoid of all interest" which is used today as a seductive guise for the emasculation of art, to give it a good conscience. There is too much charm and sugar in these feelings of "for others," of "not for myself," for us not to need to become doubly suspicious at this point and to ask: "are these not perhaps—seductions?"— That they please those who have them and those who enjoy their fruits, and also the mere spectator—this does not yet constitute an argument in their favor but rather invites caution. So let us be cautious!

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Auf welchen Standpunkt der Philosophie man sich heute auch stellen mag: von jeder Stelle aus gesehn ist die Irrthümlichkeit der Welt, in der wir zu leben glauben, das Sicherste und Festeste, dessen unser Auge noch habhaft werden kann:—wir finden Gründe über Gründe dafür, die uns zu Muthmaassungen über ein betrügerisches Princip im "Wesen der Dinge" verlocken möchten. Wer aber unser Denken selbst, also "den Geist" für die Falschheit der Welt verantwortlich macht—ein ehrenhafter Ausweg, den jeder bewusste oder unbewusste advocatus dei geht—: wer diese Welt, sammt Raum, Zeit, Gestalt, Bewegung, als falsch erschlossen nimmt: ein Solcher hätte mindestens guten Anlass, gegen alles Denken selbst endlich Misstrauen zu lernen: hätte es uns nicht bisher den allergrössten Schabernack gespielt? und welche Bürgschaft dafür gäbe es, dass es nicht fortführe, zu thun, was es immer gethan hat? In allem Ernste: die Unschuld der Denker hat etwas Rührendes und Ehrfurcht Einflössendes, welche ihnen erlaubt, sich auch heute noch vor das Bewusstsein hinzustellen, mit der Bitte, dass es ihnen ehrliche Antworten gebe: zum Beispiel ob es "real" sei, und warum es eigentlich die äussere Welt sich so entschlossen vom Halse halte, und was dergleichen Fragen mehr sind. Der Glaube an "unmittelbare Gewissheiten" ist eine moralische Naivetät, welche uns Philosophen Ehre macht: aber—wir sollen nun einmal nicht "nur moralische" Menschen sein! Von der Moral abgesehn, ist jener Glaube eine Dummheit, die uns wenig Ehre macht! Mag im bürgerlichen Leben das allzeit bereite Misstrauen als Zeichen des "schlechten Charakters" gelten und folglich unter die Unklugheiten gehören: hier unter uns, jenseits der bürgerlichen Welt und ihres Ja's und Nein's,—was sollte uns hindern, unklug zu sein und zu sagen: der Philosoph hat nachgerade ein Recht auf "schlechten Charakter," als das Wesen, welches bisher auf Erden immer am besten genarrt worden ist,—er hat heute die Pflicht zum Misstrauen, zum boshaftesten Schielen aus jedem Abgrunde des Verdachts heraus.— Man vergebe mir den Scherz dieser düsteren Fratze und Wendung: denn ich selbst gerade habe längst über Betrügen und Betrogenwerden anders denken, anders schätzen gelernt und halte mindestens ein paar Rippenstösse für die blinde Wuth bereit, mit der die Philosophen sich dagegen sträuben, betrogen zu werden. Warum nicht? Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurtheil, dass Wahrheit mehr werth ist als Schein; es ist sogar die schlechtest bewiesene Annahme, die es in der Welt giebt. Man gestehe sich doch so viel ein: es bestünde gar kein Leben, wenn nicht auf dem Grunde perspektivischer Schätzungen und Scheinbarkeiten; und wollte man, mit der tugendhaften Begeisterung und Tölpelei mancher Philosophen, die "scheinbare Welt" ganz abschlaffen, nun, gesetzt, ihr könntet das,—so bliebe mindestens dabei auch von eurer "Wahrheit" nichts mehr übrig! Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme, dass es einen wesenhaften Gegensatz von "wahr" und "falsch" giebt? Genügt es nicht, Stufen der Scheinbarkeit anzunehmen und gleichsam hellere und dunklere Schatten und Gesammttöne des Scheins,—verschiedene valeurs, um die Sprache der Maler zu reden? Warum dürfte die Welt, die uns etwas angeht—, nicht eine Fiktion sein? Und wer da fragt: "aber zur Fiktion gehört ein Urheber?"—dürfte dem nicht rund geantwortet werden: Warum? Gehört dieses "Gehört" nicht vielleicht mit zur Fiktion? Ist es denn nicht erlaubt, gegen Subjekt, wie gegen Prädikat und Objekt, nachgerade ein Wenig ironisch zu sein? Dürfte sich der Philosoph nicht über die Gläubigkeit an die Grammatik erheben? Alle Achtung vor den Gouvernanten: aber wäre es nicht an der Zeit, dass die Philosophie dem Gouvernanten-Glauben absagte? — [Vgl. Eugen Dühring, Der Werth des Lebens: eine philosophische Betrachtung. Breslau: Trewendt, 1865:170-71.]

Whatever philosophical standpoint one may adopt today: from every point of view the erroneousness of the world in which we think we live is the surest and firmest fact that we can lay eyes on:—we find reasons upon reasons for it, which would like to lure us to speculations about a deceptive principle in "the essence of things." But whoever holds that our thinking itself, hence "the intellect," is responsible for the falseness of the world—an honorable way out which is chosen by every conscious or unconscious advocatus dei [advocate of God]—: whoever takes this world, along with space, time, form, movement, to be falsely inferred: anyone like that would at least have ample reason to learn to be suspicious at long last of all thinking: wouldn't thinking have put over on us the biggest hoax yet? and what guarantee would there be that it would not continue to do what it has always done? In all seriousness: the innocence of our thinkers is somehow touching and evokes reverence, when today they still step before consciousness with the request that it should please give them honest answers; for example whether it is "real," and why it so resolutely keeps the external world at a distance, and other questions of that kind. The faith in "immediate certainties" is a moral naïveté that does honor to us philosophers: but—we should not be "merely moral" men after all! Apart from morality, this faith is a stupidity that does us little honor! In bourgeois life ever-present distrust may be considered a sign of "bad character" and hence classified as imprudent: here, among us, beyond the bourgeois world and its Yes's and No's—what should prevent us from being imprudent and saying: a philosopher virtually has a right to "bad character," as the being who so far has always been most made a fool of on earth—today he has a duty to distrust, to squint maliciously out of every abyss of suspicion.— Forgive me the joke of this somber caricature and tone [Wendung]: for a long time now, I myself have learned to think differently about deceiving and being deceived, learned to assess them differently, and I keep in reserve at least a couple of ripostes for the blind rage with which the philosophers resist being deceived. Why not? It is no more than a moral prejudice that truth is worth more than appearance; it is even the worst proved assumption there is in the world. Let us at least admit this much: there would be no life at all if not on the basis of perspectivist assessments and appearances; and if, with the virtuous enthusiasm and clumsiness of some philosophers, one wanted to abolish the "apparent world" altogether, well, supposing you could do that, then at least nothing would be left of your "truth" either! Indeed, what forces us at all to assume that there is an essential difference between "true" and "false"? Is it not sufficient to assume degrees of apparentness and, as it were, lighter and darker shadows and shades of appearance—different valeurs [values], to use the language of painters? Why should the world that concerns us—, not be a fiction? And if somebody asked, "but to a fiction there surely belongs an author?"—shouldn't one answer simply: why? Doesn't this "belongs" perhaps belong to the fiction, too? Is it not permitted to be a bit ironical about the subject no less than the predicate and object? Shouldn't the philosopher be able to rise above faith in grammar? All due respect for governesses—but hasn't the time come for philosophy to renounce the faith of governesses? — [Cf. Eugen Dühring, Der Werth des Lebens: eine philosophische Betrachtung. Breslau: Trewendt, 1865:170-71.]

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Oh Voltaire! Oh Humanität! Oh Blödsinn! Mit der "Wahrheit," mit dem Suchen der Wahrheit hat es etwas auf sich; und wenn der Mensch es dabei gar zu menschlich treibt—"il ne cherche le vrai que pour faire le bien"—ich wette, er findet nichts!

O Voltaire! O humaneness! O nonsense! There is something about "truth," about the search for truth; and when a human being is too human about it—"il ne cherche le vrai que pour faire le bien" ["he seeks the true only to do the good"]—I bet he finds nothing!

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Gesetzt, dass nichts Anderes als real "gegeben" ist als unsre Welt der Begierden und Leidenschaften, dass wir zu keiner anderen "Realität" hinab oder hinauf können als gerade zur Realität unsrer Triebe—denn Denken ist nur ein Verhalten dieser Triebe zu einander—: ist es nicht erlaubt, den Versuch zu machen und die Frage zu fragen, ob dies Gegeben nicht ausreicht, um aus Seines-Gleichen auch die sogenannte mechanistische (oder "materielle") Welt zu verstehen? Ich meine nicht als eine Täuschung, einen "Schein," eine "Vorstellung" (im Berkeley'schen und Schopenhauerischen Sinne), sondern als vom gleichen Realitäts-Range, welchen unser Affekt selbst hat,—als eine primitivere Form der Welt der Affekte, in der noch Alles in mächtiger Einheit beschlossen liegt, was sich dann im organischen Prozesse abzweigt und ausgestaltet (auch, wie billig, verzärtelt und abschwächt—), als eine Art von Triebleben, in dem noch sämmtliche organische Funktionen, mit Selbst-Regulirung, Assimilation, Ernährung, Ausscheidung, Stoffwechsel, synthetisch gebunden in einander sind,—als eine Vorform des Lebens?— Zuletzt ist es nicht nur erlaubt, diesen Versuch zu machen: es ist, vom Gewissen der Methode aus, geboten. Nicht mehrere Arten von Causalität annehmen, so lange nicht der Versuch, mit einer einzigen auszureichen, bis an seine äusserste Grenze getrieben ist (—bis zum Unsinn, mit Verlaub zu sagen): das ist eine Moral der Methode, der man sich heute nicht entziehen darf;—es folgt "aus ihrer Definition," wie ein Mathematiker sagen würde. Die Frage ist zuletzt, ob wir den Willen wirklich als wirkend anerkennen, ob wir an die Causalität des Willens glauben: thun wir das—und im Grunde ist der Glaube daran eben unser Glaube an Causalität selbst—, so müssen wir den Versuch machen, die Willens-Causalität hypothetisch als die einzige zu setzen. "Wille" kann natürlich nur auf "Wille" wirken—und nicht auf "Stoffe" (nicht auf "Nerven" zum Beispiel—): genug, man muss die Hypothese wagen, ob nicht überall, wo "Wirkungen" anerkannt werden, Wille auf Wille wirkt—und ob nicht alles mechanische Geschehen, insofern eine Kraft darin thätig wird, eben Willenskraft, Willens-Wirkung ist.— Gesetzt endlich, dass es gelänge, unser gesammtes Triebleben als die Ausgestaltung und Verzweigung Einer Grundform des Willens zu erklären—nämlich des Willens zur Macht, wie es in mein Satz ist—; gesetzt, dass man alle organischen Funktionen auf diesen Willen zur Macht zurückführen könnte und in ihm auch die Lösung des Problems der Zeugung und Ernährung—es ist Ein Problem—fände, so hätte man damit sich das Recht verschafft, alle wirkende Kraft eindeutig zu bestimmen als: Wille zur Macht. Die Welt von innen gesehen, die Welt auf ihren "intelligiblen Charakter" hin bestimmt und bezeichnet—sie wäre eben "Wille zur Macht" und nichts ausserdem. —

Suppose nothing else were "given" as real except our world of desires and passions, and we could not get down, or up, to any other "reality" besides the reality of our drives—for thinking is merely an interrelation [Verhalten] of these drives to each other—: is it not permitted to perform an experiment and to ask the question whether this "given" would not be sufficient for also understanding on the basis of this kind of thing the so-called mechanistic (or "material") world? I do not mean as a deception, as "appearance," a "representation" (in the Berkeleian or Schopenhauerian sense), but as holding the same rank of reality that our affect has—as a more primitive form of the world of affects in which everything still lies contained in a powerful unity before it undergoes ramifications and developments in the organic process (and, as is only fair, pampered and weakened, too—), as a kind of instinctive life in which all organic functions, along with self-regulation, assimilation, nourishment, excretion, metabolism, are still synthetically linked with one another—as a pre-form of life. In the end, not only is it permitted to perform this experiment: the conscience of method demands it. Not to assume several kinds of causality until the experiment of making do with a single one has been pushed to its utmost limit (—to the point of nonsense, if I may say so): that is a moral of method which one may not shirk today—it follows "from its definition," as a mathematician would say. The question is ultimately whether we really recognize the will as efficient, whether we believe in the causality of the will: if we do—and at bottom our faith in this is nothing less than our faith in causality itself—, then we must perform the experiment of positing the causality of the will hypothetically as the only one. "Will," of course, can have an effect only upon "will"— and not upon "matter" (not upon "nerves" for example—): in short, one has to risk the hypothesis whether will has an effect upon will wherever "effects" are recognized—and whether all mechanical occurrences are, insofar as a force is active in them, will force [Willenskraft], effects of will.— Suppose, finally, we succeeded in explaining our entire instinctive life as the development and ramification of one basic form of the will—namely, of the will to power, as my proposition has it—; suppose all organic functions could be traced back to this will to power and one could also find in it the solution to the problem of procreation and nourishment—it is one problem—then one would have gained the right to designate all efficient force unequivocally as: will to power. The world viewed from inside, the world defined and described by its "intelligible character"—it would be simply "will to power" and nothing else. —

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"Wie? Heisst das nicht, populär geredet: Gott ist widerlegt, der Teufel aber nicht—?" Im Gegentheil! Im Gegentheil, meine Freunde! Und, zum Teufel auch, wer zwingt euch, populär zu reden! —

"What? Doesn't this mean, to speak in the vernacular: God is refuted, but the devil is not—?" On the contrary! On the contrary, my friends! And, who the devil forces you to speak in the vernacular! —

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Wie es zuletzt noch, in aller Helligkeit der neueren Zeiten, mit der französischen Revolution gegangen ist, jener schauerlichen und, aus der Nähe beurtheilt, überflüssigen Posse, in welche aber die edlen und schwärmerischen Zuschauer von ganz Europa aus der Ferne her so lange und so leidenschaftlich ihre eignen Empörungen und Begeisterungen hinein interpretirt haben, bis der Text unter der Interpretation verschwand: so könnte eine edle Nachwelt noch einmal die ganze Vergangenheit missverstehen und dadurch vielleicht erst ihren Anblick erträglich machen.— Oder vielmehr: ist dies nicht bereits geschehen? waren wir nicht selbst—diese "edle Nachwelt"? Und ist es nicht gerade jetzt, insofern wir dies begreifen,—damit vorbei?

What has happened recently, in the broad daylight of modern times, regarding the French Revolution, that gruesome and, judged from close up, superfluous farce—noble and enthusiastic spectators from all over Europe have been interpreting it from afar for so long and so passionately according to their own indignation and enthusiasm, that the text has disappeared under the interpretation: thus a noble posterity could once again misunderstand the entire past and in that way alone make it tolerable to look at.— Or rather: hasn't this happened already? haven't we ourselves been—this "noble posterity"? And isn't now precisely the moment when, insofar as we comprehend this—it is all over?

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Niemand wird so leicht eine Lehre, bloss weil sie glücklich macht, oder tugendhaft macht, deshalb für wahr halten: die lieblichen "Idealisten" etwa ausgenommen, welche für das Gute, Wahre, Schöne schwärmen und in ihrem Teiche alle Arten von bunten plumpen und gutmüthigen Wünschbarkeiten durcheinander schwimmen lassen. Glück und Tugend sind keine Argumente. Man vergisst aber gerne, auch auf Seiten besonnener Geister, dass Unglücklich-machen und Böse-machen ebensowenig Gegenargumente sind. Etwas dürfte wahr sein: ob es gleich im höchsten Grade schädlich und gefährlich wäre; ja es könnte selbst zur Grundbeschaffenheit des Daseins gehören, dass man an seiner völligen Erkenntniss zu Grunde gienge,—so dass sich die Stärke eines Geistes darnach bemässe, wie viel er von der "Wahrheit" gerade noch aushielte, deutlicher, bis zu welchem Grade er sie verdünnt, verhüllt, versüsst, verdumpft, verfälscht nöthig hätte. Aber keinem Zweifel unterliegt es, dass für die Entdeckung gewisser Theile der Wahrheit die Bösen und Unglücklichen begünstigter sind und eine grössere Wahrscheinlichkeit des Gelingens haben; nicht zu reden von den Bösen, die glücklich sind,—eine Species, welche von den Moralisten verschwiegen wird. Vielleicht, dass Härte und List günstigere Bedingungen zur Entstehung des starken, unabhängigen Geistes und Philosophen abgeben, als jene sanfte feine nachgebende Gutartigkeit und Kunst des Leicht-nehmens, welche man an einem Gelehrten schätzt und mit Recht schätzt. Vorausgesetzt, was voran steht, dass man den Begriff "Philosoph" nicht auf den Philosophen einengt, der Bücher schreibt—oder gar seine Philosophie in Bücher bringt!— Einen letzten Zug zum Bilde des freigeisterischen Philosophen bringt Stendhal bei, den ich um des deutschen Geschmacks willen nicht unterlassen will zu unterstreichen:—denn er geht wider den deutschen Geschmack. "Pour être bon philosophe," sagt dieser letzte grosse Psycholog, "il faut être sec, clair, sans illusion. Un banquier, qui a fait fortune, a une partie du caractère requis pour faire des découvertes en philosophie, c'est-à-dire pour voir clair dans ce qui est." [Zitiert von Prosper Mérimée in "Notes et souvenirs" zu Stendhal, Corréspondance inédites, précedée d'une introduction par Prosper Mérimée (Paris: Lévy, 1855):87.]

Nobody is very likely to consider a doctrine true merely because it makes people happy or virtuous: except perhaps the dear "idealists" who become effusive about goodness, truth, beauty and allow all kinds of motley, crude, and good-natured desiderata [Wünschbarkeiten] to swim around in utter confusion in their pond. Happiness and virtue are no arguments. But we like to forget, even thoughtful spirits among us, that making unhappy and evil are no counterarguments. Something might be true: even if it were also harmful and dangerous in the highest degree; indeed, it might be part of a basic characteristic of existence that those who would know it completely would perish—in which case the strength of a spirit should be measured according to how much of the "truth" one could still barely endure or to put it more clearly, to what degree one would require it to be diluted, shrouded, sweetened, blunted, falsified. But there is no doubt at all that the evil and unhappy are more favored when it comes to the discovery of certain parts of truth and the probability of their success is greater; not to mention the evil who are happy—a species that the moralists have kept silent about. Perhaps hardness and cunning furnish more favorable conditions for the origin of strong, independent spirits and philosophers than that gentle, refined, conciliatory good-naturedness and art of taking things lightly which people prize, and prize rightly, in a scholar. Assuming first of all that the concept "philosopher" is not restricted to the philosopher who writes books—or even makes books of his philosophy!— A final trait for the image of the free-spirited philosopher is furnished by Stendhal whom, considering German taste, I do not want to fail to stress:—for it goes against German taste. "Pour être bon philosophe" says this last great psychologist, "il faut être sec, clair, sans illusion. Un banquier, qui a fait fortune, a une partie du caractère requis pour faire des découvertes en philosophie, c'est-à-dire pour voir clair dans ce qui est." ["To be a good philosopher, one must be dry, clear, without illusion. A banker who has made a fortune has one character trait that is needed for making discoveries in philosophy, that is to say, for seeing clearly into what is." See Stendhal's 10-24-1829 letter to Sutton Sharpe, in Corréspondance inédites, précedée d'une introduction par Prosper Mérimée. Paris: Lévy, 1855, vol. 2:87. The letter includes an article—intended for Revue de Paris but never published—that served as a response to Prosper Duvergier de Hauranne's critique of De l'Amour: "Quel courage ne faut-il pas pour se battre [....] 5° Contre l'opinion des femmes: la philosophie allemande cherche toujours à émouvoir le coeur et à éblouir l'imagination par des images d'une beauté céleste. Pour être bon philosophe, il faut être sec, clair, sans illusion. Un banquier qui a fait fortune a une partie du caractère requis pour faire des découvertes en philosophie, c'est-à-dire pour voir clair dans ce qui est." An excerpt from Duvergier: "Take the two volumes of De l'Amour; certainly the most bizarre that M. de Stendhal has written. If at the tenth page, you do not throw it down in vexation, you will be surprised on reaching the end how much it has stirred your imagination." — Prosper Duvergier de Hauranne, Le Globe 10-24-1829.]

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Alles, was tief ist, liebt die Maske; die allertiefsten Dinge haben sogar einen Hass auf Bild und Gleichniss. Sollte nicht erst der Gegensatz die rechte Verkleidung sein, in der die Scham eines Gottes einhergienge? Eine fragwürdige Frage: es wäre wunderlich, wenn nicht irgend ein Mystiker schon dergleichen bei sich gewagt hätte. Es giebt Vorgänge so zarter Art, dass man gut thut, sie durch eine Grobheit zu verschütten und unkenntlich zu machen; es giebt Handlungen der Liebe und einer ausschweifenden Grossmuth, hinter denen nichts räthlicher ist, als einen Stock zu nehmen und den Augenzeugen durchzuprügeln: damit trübt man dessen Gedächtniss. Mancher versteht sich darauf, das eigne Gedächtniss zu trüben und zu misshandeln, um wenigstens an diesem einzigen Mitwisser seine Rache zu haben:—die Scham ist erfinderisch. Es sind nicht die schlimmsten Dinge, deren man sich am schlimmsten schämt: es ist nicht nur Arglist hinter einer Maske,—es giebt so viel Güte in der List. Ich könnte mir denken, dass ein Mensch, der etwas Kostbares und Verletzliches zu bergen hätte, grob und rund wie ein grünes altes schwerbeschlagenes Weinfass durch's Leben rollte: die Feinheit seiner Scham will es so. Einem Menschen, der Tiefe in der Scham hat, begegnen auch seine Schicksale und zarten Entscheidungen auf Wegen, zu denen Wenige je gelangen, und um deren Vorhandensein seine Nächsten und Vertrautesten nicht wissen dürfen: seine Lebensgefahr verbirgt sich ihren Augen und ebenso seine wieder eroberte Lebens-Sicherheit. Ein solcher Verborgener, der aus Instinkt das Reden zum Schweigen und Verschweigen braucht und unerschöpflich ist in der Ausflucht vor Mittheilung, will es und fördert es, dass eine Maske von ihm an seiner Statt in den Herzen und Köpfen seiner Freunde herum wandelt; und gesetzt, er will es nicht, so werden ihm eines Tages die Augen darüber aufgehn, dass es trotzdem dort eine Maske von ihm giebt,—und dass es gut so ist. Jeder tiefe Geist braucht eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine Maske, Dank der beständig falschen, nämlich flachen Auslegung jedes Wortes, jedes Schrittes, jedes Lebens-Zeichens, das er giebt. —

Everything profound loves a mask; the most profound things even have a hatred for image and parable. Might not nothing less than the antithesis be the proper disguise for the shame of a god walking abroad? A questionable question: it would be odd if some mystic had not already risked something to that effect in his mind. There are occurrences of such a delicate nature that one does well to cover them up with some rudeness to conceal them; there are actions of love and extravagant generosity after which nothing is more advisable than to take a stick and give the eyewitness a sound thrashing: that would cloud his memory. Some know how to cloud and abuse their own memory in order to have their revenge at least against this sole confidant:—shame is inventive. It is not the worst things that cause the worst shame: there is not only guile behind a mask—there is so much graciousness [Güte] in cunning. I could imagine that a human being who had to guard something precious and vulnerable might roll through life, rude and round as an old green wine cask with heavy hoops: the refinement of his shame would want it that way. A man whose shame is profund encounters even his destinies and delicate decisions on paths which few ever reach and whose mere existence his neighbors and closest intimates must not know: his mortal danger [Lebensgefahr] is concealed from their eyes, and so is his regained sureness of life [Lebens-Sicherheit]. Such a concealed man who instinctively needs speech for silence and to be silent and who is inexhaustible in his evasion of communication, wants and sees to it that a mask of him roams in his place through the hearts and heads of his friends; and supposing he did not want it, he would still realize some day that in spite of that a mask of him is there—and that this is good. Every profound spirit needs a mask: even more, around every profound spirit a mask is continually growing, owing to the constantly false, namely shallow, interpretation of every word, every step, every sign of life that he gives. —

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Man muss sich selbst seine Proben geben, dafür dass man zur Unabhängigkeit und zum Befehlen bestimmt ist; und dies zur rechten Zeit. Man soll seinen Proben nicht aus dem Wege gehn, obgleich sie vielleicht das gefährlichste Spiel sind, das man spielen kann, und zuletzt nur Proben, die vor uns selber als Zeugen und vor keinem anderen Richter abgelegt werden. Nicht an einer Person hängen bleiben: und sei sie die geliebteste,—jede Person ist ein Gefängniss, auch ein Winkel. Nicht an einem Vaterlande hängen bleiben: und sei es das leidendste und hülfbedürftigste,—es ist schon weniger schwer, sein Herz von einem siegreichen Vaterlande los zu binden. Nicht an einem Mitleiden hängen bleiben: und gälte es höheren Menschen, in deren seltne Marter und Hülflosigkeit uns ein Zufall hat blicken lassen. Nicht an einer Wissenschaft hängen bleiben: und locke sie Einen mit den kostbarsten, anscheinend gerade uns aufgesparten Funden. Nicht an seiner eignen Loslösung hängen bleiben, an jener wollüstigen Ferne und Fremde des Vogels, der immer weiter in die Höhe flieht, um immer mehr unter sich zu sehn:—die Gefahr des Fliegenden. Nicht an unsern eignen Tugenden hängen bleiben und als Ganzes das Opfer irgend einer Einzelheit an uns werden, zum Beispiel unsrer "Gastfreundschaft": wie es die Gefahr der Gefahren bei hochgearteten und reichen Seelen ist, welche verschwenderisch, fast gleichgültig mit sich selbst umgehn und die Tugend der Liberalität bis zum Laster treiben. Man muss wissen, sich zu bewahren: stärkste Probe der Unabhängigkeit.

One has to test oneself to see that one is destined for independence and command; and do it at the right time. One should not dodge one's tests, though they may be the most dangerous game one could play and are tests that are taken in the end before no witness or judge but ourselves. Not to be dependent on a person: not even the most beloved—every person is a prison, also a nook. Not to be dependent on a fatherland: not even if it suffers most and needs help most—it is less difficult to sever one's heart from a victorious fatherland. Not to be dependent on some pity: not even for higher men into whose rare torture and helplessness some accident allowed us to look. Not to be dependent on a science: even if it should lure us with the most precious finds that seem to have been saved up precisely for us. Not to be dependent on one's own detachment, on that voluptuous remoteness and strangeness of the bird who flies ever higher to see ever more below him:—the danger of the flier. Not to be dependent on our own virtues and become as a whole the victim of some detail in us, for example our hospitality: which is the danger of dangers for superior and rich souls who spend themselves lavishly, almost indifferently, and practice the virtue of liberality until it is a vice. One must know how to conserve oneself: the greatest test of independence.

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Eine neue Gattung von Philosophen kommt herauf: ich wage es, sie auf einen nicht ungefährlichen Namen zu taufen. So wie ich sie errathe, so wie sie sich errathen lassen—denn es gehört zu ihrer Art, irgend worin Räthsel bleiben zu wollen—, möchten diese Philosophen der Zukunft ein Recht, vielleicht auch ein Unrecht darauf haben, als Versucher bezeichnet zu werden. Dieser Name selbst ist zuletzt nur ein Versuch, und, wenn man will, eine Versuchung.

A new species of philosophers is coming up: I venture to baptize them with a name that is not free of danger. As I unriddle them, insofar as they allow themselves to be unriddled—for it belongs to their nature to want to remain riddles at some point—, these philosophers of the future may have a right, it might also be a wrong, to be called experimenters [Versucher, i.e. attempters]. This name itself is in the end a mere attempt [Versuch] and, if you will, a temptation [Versuchung].

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Sind es neue Freunde der "Wahrheit," diese kommenden Philosophen? Wahrscheinlich genug: denn alle Philosophen liebten bisher ihre Wahrheiten. Sicherlich aber werden es keine Dogmatiker sein. Es muss ihnen wider den Stolz gehn, auch wider den Geschmack, wenn ihre Wahrheit gar noch eine Wahrheit für Jedermann sein soll: was bisher der geheime Wunsch und Hintersinn aller dogmatischen Bestrebungen war. "Mein Urtheil ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht"—sagt vielleicht solch ein Philosoph der Zukunft. Man muss den schlechten Geschmack von sich abthun, mit Vielen übereinstimmen zu wollen. "Gut" ist nicht mehr gut, wenn der Nachbar es in den Mund nimmt. Und wie könnte es gar ein "Gemeingut" geben! Das Wort widerspricht sich selbst: was gemein sein kann, hat immer nur wenig Werth. Zuletzt muss es so stehn, wie es steht und immer stand: die grossen Dinge bleiben für die Grossen übrig, die Abgründe für die Tiefen, die Zartheiten und Schauder für die Feinen, und, im Ganzen und Kurzen, alles Seltene für die Seltenen. —

Are these coming philosophers new friends of "truth"? Probably so: for all philosophers so far have loved their truths. But they will certainly not be dogmatists. It must offend their pride, also their taste, if their truth is supposed to be a truth for everyman, too: which has so far been the secret wish and ulterior meaning of all dogmatic endeavors. "My judgment is my judgment": no one else is easily entitled to it—as a philosopher of the future might say. One must shed the bad taste of wanting to agree with the many. "Good" is no longer good when one's neighbor mouths it. And how could there possibly be a "common good"! The term contradicts itself: whatever can be common always has little value. In the end it must be as it is and always has been: great things remain for the great, abysses for the profound, tenderness and shudders for the refined, and, in brief, all that is rare for the rare. —

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Brauche ich nach alledem noch eigens zu sagen, dass auch sie freie, sehr freie Geister sein werden, diese Philosophen der Zukunft,—so gewiss sie auch nicht bloss freie Geister sein werden, sondern etwas Mehreres, Höheres, Grösseres und Gründlich-Anderes, das nicht verkannt und verwechselt werden will? Aber, indem ich dies sage, fühle ich fast ebenso sehr gegen sie selbst, als gegen uns, die wir ihre Herolde und Vorläufer sind, wir freien Geister!—die Schuldigkeit, ein altes dummes Vorurtheil und Missverständniss von uns gemeinsam fortzublasen, welches allzulange wie ein Nebel den Begriff "freier Geist" undurchsichtig gemacht hat. In allen Ländern Europa's und ebenso in Amerika giebt es jetzt Etwas, das Missbrauch mit diesem Namen treibt, eine sehr enge, eingefangne, an Ketten gelegte Art von Geistern, welche ungefähr das Gegentheil von dem wollen, was in unsern Absichten und Instinkten liegt,—nicht zu reden davon, dass sie in Hinsicht auf jene heraufkommenden neuen Philosophen erst recht zugemachte Fenster und verriegelte Thüren sein müssen. Sie gehören, kurz und schlimm, unter die Nivellirer, diese fälschlich genannten "freien Geister"—als beredte und schreibfingrige Sklaven des demokratischen Geschmacks und seiner "modernen Ideen": allesammt Menschen ohne Einsamkeit, ohne eigne Einsamkeit, plumpe brave Burschen, welchen weder Muth noch achtbare Sitte abgesprochen werden soll, nur dass sie eben unfrei und zum Lachen oberflächlich sind, vor Allem mit ihrem Grundhange, in den Formen der bisherigen alten Gesellschaft ungefähr die Ursache für alles menschliche Elend und Missrathen zu sehn: wobei die Wahrheit glücklich auf den Kopf zu stehn kommt! Was sie mit allen Kräften erstreben möchten, ist das allgemeine grüne Weide-Glück der Heerde, mit Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Erleichterung des Lebens für Jedermann; ihre beiden am reichlichsten abgesungnen Lieder und Lehren heissen "Gleichheit der Rechte" und "Mitgefühl für alles Leidende,"—und das Leiden selbst wird von ihnen als Etwas genommen, das man abschaffen muss. Wir Umgekehrten, die wir uns ein Auge und ein Gewissen für die Frage aufgemacht haben, wo und wie bisher die Pflanze "Mensch" am kräftigsten in die Höhe gewachsen ist, vermeinen, dass dies jedes Mal unter den umgekehrten Bedingungen geschehn ist, dass dazu die Gefährlichkeit seiner Lage erst in's Ungeheure wachsen, seine Erfindungs- und Verstellungskraft (sein "Geist"—) unter langem Druck und Zwang sich in's Feine und Verwegene entwickeln, sein Lebens-Wille bis zum unbedingten Macht-Willen gesteigert werden musste:—wir vermeinen, dass Härte, Gewaltsamkeit, Sklaverei, Gefahr auf der Gasse und im Herzen, Verborgenheit, Stoicismus, Versucherkunst und Teufelei jeder Art, dass alles Böse, Furchtbare, Tyrannische, Raubthier- und Schlangenhafte am Menschen so gut zur Erhöhung der Species "Mensch" dient, als sein Gegensatz:—wir sagen sogar nicht einmal genug, wenn wir nur so viel sagen, und befinden uns jedenfalls, mit unserm Reden und Schweigen an dieser Stelle, am andern Ende aller modernen Ideologie und Heerden-Wünschbarkeit: als deren Antipoden vielleicht? Was Wunder, dass wir "freien Geister" nicht gerade die mittheilsamsten Geister sind? dass wir nicht in jedem Betrachte zu verrathen wünschen, wovon ein Geist sich frei machen kann und wohin er dann vielleicht getrieben wird? Und was es mit der gefährlichen Formel "jenseits von Gut und Böse" auf sich hat, mit der wir uns zum Mindesten vor Verwechslung behüten: wir sind etwas Anderes als "libres-penseurs," "liberi pensatori," "Freidenker" und wie alle diese braven Fürsprecher der "modernen Ideen" sich zu benennen lieben. In vielen Ländern des Geistes zu Hause, mindestens zu Gaste gewesen; den dumpfen angenehmen Winkeln immer wieder entschlüpft, in die uns Vorliebe und Vorhass, Jugend, Abkunft, der Zufall von Menschen und Büchern, oder selbst die Ermüdungen der Wanderschaft zu bannen schienen; voller Bosheit gegen die Lockmittel der Abhängigkeit, welche in Ehren, oder Geld, oder Ämtern, oder Begeisterungen der Sinne versteckt liegen; dankbar sogar gegen Noth und wechselreiche Krankheit, weil sie uns immer von irgend einer Regel und ihrem "Vorurtheil" losmachte, dankbar gegen Gott, Teufel, Schlaf und Wurm in uns, neugierig bis zum Laster, Forscher bis zur Grausamkeit, mit unbedenklichen Fingern für Unfassbares, mit Zähnen und Mägen für das Unverdaulichste, bereit zu jedem Handwerk, das Scharfsinn und scharfe Sinne verlangt, bereit zu jedem Wagniss, Dank einem Überschusse von "freiem Willen," mit Vorder- und Hinterseelen, denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vorder- und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte, Verborgene unter den Mänteln des Lichts, Erobernde, ob wir gleich Erben und Verschwendern gleich sehn, Ordner und Sammler von früh bis Abend, Geizhälse unsres Reichthums und unsrer vollgestopften Schubfächer, haushälterisch im Lernen und Vergessen, erfinderisch in Schematen, mitunter stolz auf Kategorien-Tafeln, mitunter Pedanten, mitunter Nachteulen der Arbeit auch am hellen Tage; ja, wenn es noth thut, selbst Vogelscheuchen—und heute thut es noth: nämlich insofern wir die geborenen geschworenen eifersüchtigen Freunde der Einsamkeit sind, unsrer eignen tiefsten mitternächtlichsten mittäglichsten Einsamkeit:—eine solche Art Menschen sind wir, wir freien Geister! und vielleicht seid auch ihr etwas davon, ihr Kommenden? ihr neuen Philosophen? —

Need I still say expressly after all this that they, too, will be free, very free spirits, these philosophers of the future—though just as certainly they will not be merely free spirits but something more, higher, greater, and thoroughly different that does not want to be misunderstood and mistaken for something else? But in saying this, I feel, almost as much as to them as to ourselves who are their heralds and precursors, we free spirits!—the obligation to sweep away a stupid old prejudice and misunderstanding about the lot of us, which for all too long has clouded the concept "free spirit" like a fog. In all the countries of Europe and in America now as well, there is something that abuses this name, a very narrow, imprisoned, enchained type of spirit who wants just about the opposite of what accords with our intentions and instincts—not to mention that they must assuredly be closed windows and bolted doors to these new philosophers who are coming up. They belong, briefly and sadly, among the levelers, these falsely named "free spirits"—being eloquent and prolifically scribbling slaves of the democratic taste and its "modern ideas": they are all human beings without solitude, without their own solitude, clumsy well-behaved fellows whom one should not deny either courage or respectable decency, it's just that they are unfree and ridiculously superficial, above all in their basic inclination to see, roughly, the cause of all human misery and failure in the forms of the old society as it has existed so far: which is a way of standing truth happily upon its head! What they would like to strive for with all their powers is the universal green-pasture happiness of the herd, with security, lack of danger, comfort, and an easier life for everyone; the two songs and doctrines which they repeat most often are "equality of rights" and "sympathy for all that suffers"—and suffering itself they take for something that must be abolished. We opposite men, having opened an eye and a conscience to the question where and how the plant "man" has so far grown most vigorously to a height, we think that this has happened every time under the opposite conditions, that to this end the dangerousness of his situation must first grow to the point of enormity, his power of invention and disguise (his "spirit"—) had to develop under prolonged pressure and constraint into refinement and audacity, his life-will had to be enhanced into an unconditional power-will:—we think that hardness, violence, slavery, danger in the alley and the heart, life in hiding [Verborgenheit], stoicism, the art of the tempter [Versucherkunst] and devilry of every kind, that everything evil, terrible, tyrannical, like beasts of prey and snake-like in man serves the enhancement of the species "man" as much as its opposite does:—indeed, we do not even say enough when we say only that much, and at any rate we are at this point, in what we say and keep silent about, at the other end from all modern ideology and herd desiderata [Heerden-Wünschbarkeit]: as their antipodes perhaps? Is it any wonder that we "free spirits" are not exactly the most communicative spirits? that we do not want to betray in every particular from what a spirit can liberate himself and to what he may then be driven? And as for the meaning of the dangerous formula "beyond good and evil," with which we at least guard against being mistaken for others: we are something different from "libres-penseurs", "liberi pensatori," "Freidenker," [French, Italian and German for: "free-thinkers"] and whatever else all these honorable advocates of "modern ideas" like to call themselves. At home, or at least having been guests, in many countries of the spirit; having escaped again and again from the musty agreeable nooks into which predilection and prejudice [Vorliebe und Vorhass], youth, origin, the accidents of people and books or even exhaustion from wanderings seemed to have banished us; full of malice against the lures of dependence that lie hidden in honors, or money, or offices, or enthusiasms of the senses; grateful even to need and vacillating sickness because they always released us from some rule and its "prejudice," grateful to god, devil, sheep, and worm in us, curious to the point of vice, investigators to the point of cruelty, with uninhibited fingers for the unfathomable, with teeth and stomach for what is most indigestible, ready for every craft that requires a sense of acuteness and acute senses, ready for every venture, thanks to an excess of "free will," with fore- and back-souls into whose ultimate intentions nobody can look so easily, with fore- and backgrounds which no foot is likely to traverse to the end, concealed under cloaks of light, conquerors despite our resemblance to heirs and wastrels, organizers and collectors from morning till late, misers of our riches and our crammed drawers, economical in learning and forgetting, inventive in schemata, occasionally proud of tables of categories, occasionally pedants, occasionally night owls of work even in broad daylight; yes, when it is necessary even scarecrows—and today it is necessary: namely, insofar as we are born, sworn, jealous friends of solitude, of our own most profound, most midnight, most midday solitude:—that is the type of man we are, we free spirits! and perhaps you have something of this, too, you who are coming? you new philosophers? —

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