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Herbst 1887 9 [1-100]

Erstes Buch

9 [1]

Prinzipien und vorausgeschickte Erwägungen.

 1.Zur Geschichte des europäischen Nihilismus.
Als nothwendige Consequenz der bisherigen Ideale: absolute Werthlosigkeit.
 2.Die Lehre von der ewigen Wiederkunft: als seine Vollendung, als Krisis.
(1)3.Diese ganze Entwicklung der Philosophie als Entwicklungsgeschichte des Willens zur Wahrheit. Dessen Selbst-In-Fragestellung. Die socialen Werthgefühle zu absoluten Werthprincipien aufgebauscht.
(2)4.Das Problem des Lebens: als Wille zur Macht. (Zeitweiliges Überwiegen der socialen Werthgefühle begreiflich und nützlich: es handelt sich um die Herstellung eines Unterbaus, auf dem endlich eine stärkere Gattung möglich wird.) Maaßstab der Stärke: unter den umgekehrten Werthschätzungen leben können und sie ewig wieder wollen. Staat und Gesellschaft als Unterbau: weltwirtschaftlicher Gesichtspunkt, Erziehung als Züchtung.

9 [2]

(3)      Kritik des guten Menschen. (Nicht der Hypokrisie:—das diente mir höchstens zur Erheiterung und Erholung) Der bisherige Kampf mit den furchtbaren Affekten, deren Schwächung, Niederhaltung—: Moral als Verkleinerung.

9 [3]

(4)      Kant: macht den erkenntnißtheoretischen Scepticismus der Engländer möglich für Deutsche

1) indem er, die moralischen und religiösen Bedürfnisse der Deutschen für denselben interessirt (: so wie aus gleichen Gründen die neueren Akademiker die Scepsis benutzten als Vorbereitung für den Platonismus v. Augustin; so wie Pascal sogar die moralistische Scepsis benutzte, um das Bedürfniß nach Glauben zu excitiren (“zu rechtfertigen”)

2) indem er ihn scholastisch verschnörkelte und verkräuselte und dadurch dem wissenschaftlichen Form-Geschmack der Deutschen annehmbar machte (denn Locke und Hume an sich waren zu hell, zu klar d.h. nach deutschen Werthinstinkten geurtheilt “zu oberflächlich”—)

Kant: ein geringer Psycholog und Menschenkenner; grob fehlgreifend in Hinsicht auf große historische Werthe (franz. Revolut.); Moral-Fanatiker à la Rousseau mit unterirdischer Christlichkeit der Werthe; Dogmatiker durch und durch, aber mit einem schwerfälligen Überdruß an diesem Hang, bis zum Wunsche, [ihn] zu tyrannisiren aber auch in der Scepsis sofort müde; noch von keinem Hauche kosmopolitischen Geschmacks und antiker Schönheit angeweht ... ein Verzögerer und Vermittler, nichts Originelles

(—so wie Leibniz zwischen Mechanik und Spiritualism

wie Goethe zwischen dem Geschmack des 18. Jahrhunderts und dem des “historischen Sinns” (—der wesentlich ein Sinn des Exotism ist)

wie die deutsche Musik zwischen französischer und ital[ienischer] Musik

wie Karl der Große zwischen imperium Romanum und Nationalism.

vermittelte, überbrückte,—Verzögerer par excellence.

9 [4]

Zum Schluß: “ein Lehrer dessen gewesen zu sein”

come l’uom s’eterna ...

(Inf. XV, 85)

[Vgl. Émile Gebhart, Les origines de la Renaissance en Italie, par Emile Gebhart, Professeur de Littérature étrangère à la Faculté des Lettres de Nancy. Ancien membre de l'École française d'Athènes. Paris: Hachette, 1879:146.]

9 [5]

(5)      Zur Charakteristik des nationalen Genius, in Hinsicht auf Fremdes und Entlehntes.

der englische Genius vergröbert und vernatürlicht Alles, was er empfängt

der französische verdünnt, vereinfacht, logisirt, putzt auf.

der deutsche verwischt, vermittelt, verwickelt, vermoralisirt.

der italiänische hat bei weitem den freiesten und feinsten Gebrauch vom Entlehnten gemacht und hundert Mal mehr hinein gesteckt als herausgezogen: als der reichste Genius, der am meisten zu verschenken hatte.

9 [6]

(6)

Zur Aesthetik

 
   
Die Sinnlichkeit


der Rausch
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Bilder des erhöhten siegreichen
Lebens
und ihre verklärende
Kraft: so daß eine gewisse Vollkommenheit
in die Dinge gelegt wird

Umgekehrt: wo die Schönheit der Vollkommenheit sich zeigt, wird die Welt der Sinnlichkeit und des Rausches mit erregt, aus alter Verwachsenheit. Deshalb gehört zum religiösen Glück die Sinnlichkeit und der Rausch.

Und wesentlich insgleichen die sensualistische Erregbarkeit der Künstler.

schön” wirkt entzündend auf das Lustgefühl; man denke an die verklärende Kraft der “Liebe.” Sollte nicht umgekehrt wiederum das Verklärte und Vollkommene die Sinnlichkeit sanft erregen, so daß das Leben als Wohlgefühl wirkt? —

9 [7]

(7)      Die überschüssige Kraft in der Geistigkeit, sich selbst neue Ziele stellend; durchaus nicht bloß als befehlend und führend für die niedere Welt oder für die Erhaltung des Organismus, des “Individuums.” Wir sind mehr als das Individuum, wir sind die ganze Kette noch mit den Aufgaben aller Zukünfte der Kette

9 [8]

Zum Plane.

An Stelle der moralischen Werthe lauter naturalistische Werthe. Vernatürlichung der Moral.

An Stelle der “Sociologie” eine Lehre von den Herrschaftsgebilden

An Stelle der “Erkenntnißtheorie” eine Perspektiven-Lehre der Affekte (wozu eine Hierarchie der Affekte gehört).

die transfigurirten Affekte: deren höhere Ordnung, deren “Geistigkeit.”

An Stelle von Metaphysik und Religion die ewigeWiederkunftslehre (diese als Mittel der Züchtung und Auswahl)

(8)      “Gott” als Culminations-Moment: das Dasein eine ewige Vergottung und Entgottung. Aber darin kein Werth-Höhepunkt sondern nur Macht-Höhepunkte

Absoluter Ausschluß des Mechanismus und des Stoffs: beides nur Ausdrucksform niedriger Stufen, die entgeistig[t]ste Form des Affektes (“des Willens zur Macht”)

die Verdummung der Welt als Ziel, in Consequenz des Willens zur Macht, der die Elemente so unabhängig von einander als möglich macht: Schönheit als Anzeichen der Gewöhnung und Verwöhnung des Siegreichen: das Häßliche der Ausdruck vieler Niederlagen (im Organismus selbst) Keine Vererbung! Die Kette als Ganzes wachsend

Der Rückgang vom Höhepunkt im Werden (der höchsten Vergeistigung der Macht auf dem sklavenhaftesten Grunde) als Folge dieser höchsten Kraft darzustellen, welche, gegen sich sich wendend, nachdem sie nichts mehr zu organisiren hat, ihre Kraft verwendet, zu deorganisiren ...

a) Die immer größere Besiegung der Societäten und Unterjochung derselben unter eine kleinere, aber stärkere Zahl.

b) die immer größere Besiegung der Bevorrechteten und Stärkeren und folglich Heraufkunft der Demokratie, endlich Anarchie der Elemente.

9 [9]

Die Musik der Gegenwart.
Eine Streitschrift
von
F. N.

9 [10]

Zweite Streitschrift

Die Heerden-Optik als Moral.
Unter Moralisten und Moralphilosophen.
Eine Abrechnung mit der Moral.

was hat die Stände-Differenz beigetragen zur Moral?
was das asketische Ideal?
was die Heerde?
was die Philosophen?
was die Raubthier-Affekte?

9 [11]

Unter Moralisten.— Die großen Moral-Philosophen. Moral als Verhängniß der Philosophen bisher

Rousseau. Kant. Hegel. Schopenhauer. Lichtenberg. Goethe.
B. Grazian. Macchiavell. Galiani. Montaigne. Pascal.
Carlyle. G. Eliot. H. Spencer.
S. Beuve. Renan. Goncourts. Stendhal. Napoléon.
Plato. Epictet. Epicur. Seneca. Marc-Aurel.

9 [12]

(9)      Offenbach: französische Musik, mit einem Voltaireschen Geist, frei, übermüthig, mit einem kleinen sardonischen Grinsen, aber hell, geistreich bis zur Banalität (—er schminkt nicht—) und ohne die mignardise krankhafter oder blond-wienerischer Sinnlichkeit

9 [13]

Werthe.

“Der Werth des Lebens”: aber Leben ist ein Einzelfall, man muß alles Dasein rechtfertigen und nicht nur das Leben, — das rechtfertigende Princip ist ein solches, aus dem sich das Leben erklärt ...

das Leben selbst ist kein Mittel zu etwas; es ist der Ausdruck von Wachsthumsformen der Macht.



— Daß wir nicht mehr “Wünschbarkeiten” zu Richtern über das Sein machen!

— daß wir nicht unsere Endformen der Entwicklung (z.B. Geist) wieder als ein “An sich” hinter die Entwicklung placiren

9 [14]

Schlusscapitel: die letzte Wünschbarkeit.

Schluß des Buchs (wie das Leben, so die Weisheit selber:) tief und verführerisch.

9 [15]

(10)      Was Tertullian von den bösen Engeln sagt, das könnte man von den asketischen Priestern sagen.

Tertullian (Apologet. nr. 22) von den bösen Engeln: “in Heilung der Krankheiten sind sie wahre Zauberer. Zunächst nämlich plagen sie; dann aber schreiben sie Mittel vor, die, bis zum Wunder, neu und nachtheilig sind:—dennoch aber glaubt man, sie hätten geholfen, weil sie aufgehört haben zu plagen.” [Vgl. Arnobius of Sicca. Des Afrikaner's Arnobius sieben Bücher wider die Heiden. Landshut: Vogel, 1842:240.]

9 [16]

(11)      “Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet” Das “auf daß” ist verächtlich. Unvornehm ...

1) man giebt, wenn man die Befugniß zu richten hat, damit schlechterdings nicht zu, daß Andere die Befugniß haben, uns zu richten ...

2) die unangenehmen Folgen kommen für einen, der zu irgend einer Aufgabe geschaffen ist, nicht als Gegengründe gegen diese Aufgabe in Betracht: unter Umständen können es Reizmittel sein.

Nichts ist unverständiger als eine Übertreibung an Moral hinzustellen (z.B. liebet eure Feinde): damit hat man die Vernunft aus der Moral herausgetrieben ... die Natur aus der Moral



Absolute Überzeugung: daß die Werthgefühle oben und unten verschieden sind; daß zahllose Erfahrungen den Unteren fehlen, daß von Unten nach Oben das Mißverständniß nothwendig ist.

9 [17]

(12)      Die Verkleinerung des Menschen muß lange als einziges Ziel gelten: weil erst ein breites Fundament zu schaffen ist, damit eine stärkere Art Mensch darauf stehen kann: inwiefern bisher jede verstärkte Art Mensch auf einem Niveau der niedrigeren stand — — —

9 [18]

(13)      Krieg gegen das christliche Ideal, gegen die Lehre von der “Seligkeit” und dem Heil als Ziel des Lebens, gegen die Suprematie der Einfältigen, der reinen Herzen, der Leidenden und Mißglückten usw. (—was geht uns Gott, der Glaube an Gott noch an! “Gott” heute bloß ein verblichenes Wort, nicht einmal mehr ein Begriff!) Aber, wie Voltaire auf dem Sterbebette sagen: “reden Sie mir nicht von dem Menschen da!”



Wann und wo hat je ein Mensch, der in Betracht kommt, jenem christlichen Ideal ähnlich gesehen? Wenigstens für solche Augen, wie sie ein Psycholog und Nierenprüfer haben muß!— man blättere alle Helden eines Plutarch durch.

9 [19]

(14)      Franz von Assisi: verliebt, populär, Poet, kämpft gegen die Aristokratie und Rangordnung der Seelen zu Gunsten der Niedersten.

9 [20]

(15)      Sokrates: kämpft gegen die vornehmen Instinkte, sehr plebejisch (gegen die Kunst, aber vorbildlich wissenschaftlich. Spott über Renans fehlgreifenden Instinkt, der noblesse und Wissenschaft zusammenmengt.)

Die Wissenschaft und die Demokratie gehören zusammen (was auch Ms Renan sagen mag) so gewiß als die Kunst und die “gute Gesellschaft.” [Vgl. Émile Bérard-Varagnac, Portraits littéraires. Ouvrage couronné par l'académie français. Paris: Lévy, 1887:281-82.]

9 [21]

(16)

Zu Ehren der Laster:

 
die griechische Cultur und die Päderastie
die deutsche Musik und die Trunksucht
die Wissenschaft und
die Rachsucht  

9 [22]

(17)      Die großen Lügen in der Historie:

als ob es die Verderbniß des Heidenthums gewesen wäre, die dem Christenthum die Bahn gemacht habe! Aber es war die Schwächung und Vermoralisirung des antiken Menschen! Die Umdeutung der Naturtriebe in Laster war schon vorhergegangen!

— als ob die Verderbniß der Kirche die Ursache der Reformation gewesen sei; nur der Vorwand, die Selbstvorlügnerei seitens ihrer Agitatoren—es waren starke Bedürfnisse da, deren Brutalität eine geistliche Bemäntelung sehr nöthig hatte

9 [23]

(18)      die lügnerische Auslegung der Worte, Gebärden und Zustände Sterbender: da wird z.B. die Furcht vor dem Tode mit der Furcht vor dem “Nach-dem-Tode” grundsätzlich verwechselt ...

9 [24]

die imitatio als Buch der Verführung (bei Comte) [Vgl. John Stuart Mill, August Comte und der Positivismus. Aus dem Engl. übersetzt von Elise Gomperz. In: John Stuart Mill's Gesammelte Werke. Autorisirte Übersetzung unter Redaktion von Theodor Gomperz. Bd. 9. Leipzig: Fues, 1874.]

9 [25]

die vier großen Demokraten Sokrates Christus Luther Rousseau

9 [26]

(19)      gegen den Werth des Ewig-Gleichbleibenden (v. Spinozas Naivetät, Descartes ebenfalls) der Werth des Kürzesten und Vergänglichsten, das verführerische Goldaufblitzen am Bauch der Schlange vita —

9 [27]

(20)      Ersatz der Moral durch den Willen zu unserem Ziele, und folglich zu dessen Mitteln.



des kategorischen Imperativs durch den Natur-Imperativ



Kein Lob haben wollen: man thut, was Einem nützlich ist oder was Einem Vergnügen macht oder was man thun muß.

9 [28]

(21)      Die großen Fälschungen der Psychologen:

1) der Mensch strebt nach Glück
2) die Moral ist der einzige Weg zum Glücklich werden
fader und leerer Begriff der christlichen “Seligkeit”

9 [29]

(22)      Absoluter Instinkt-Mangel des Ms. Renan, der die Wissenschaft und die noblesse zusammen in Eins rechnet. Die Wissenschaft ist grund-demokratisch und anti-oligarchisch. [Vgl. Émile Bérard-Varagnac, Portraits littéraires. Ouvrage couronné par l'académie français. Paris: Lévy, 1887:281-82.]

9 [30]

(23)

Berichtigung des Begriffs

 

Der Egoismus. Hat man begriffen, inwiefern “individuum” ein Irrthum ist, sondern jedes Einzelwesen eben der ganze Prozeß in gerader Linie ist (nicht bloß “vererbt,” sondern er selbst ...), so hat dies Einzelwesen eine ungeheuer große Bedeutung. Der Instinkt redet darin ganz richtig; wo dieser Instinkt nachläßt (—wo das Individuum sich einen Werth erst im Dienst für Andre sucht) kann man sicher auf Ermüdung und Entartung schließen. Der Altruismus der Gesinnung, gründlich und ohne Tartüfferie, ist ein Instinkt dafür, sich wenigstens einen zweiten Werth zu schaffen, im Dienste andrer Egoismen. Meistens aber ist er nur scheinbar: ein Umweg zur Erhaltung des eignen Lebensgefühls, Werthgefühls

9 [31]

(24)      In der Philosophie handelt es sich wie auf dem Schlachtfelde darum

— innere Linien —

9 [32]

wer nicht an dem scheußlichen Obskurantism der Bayreuther Antheil genommen hat

9 [33]

(25)      der Mangel an Zucht: in der Zukunft braucht es viel Askese für die Stärkung des Willens, das freiwillige Sich-Versagen

9 [34]

(26)      Arbeiter sollten wie Soldaten empfinden lernen. Ein Honorar, ein Gehalt, aber keine Bezahlung! Kein Verhältniß zwischen Abzahlung und Leistung! Sondern das Individuum, je nach seiner Art, so stellen, daß es das Höchste leisten kann, was in seinem Bereiche liegt.

9 [35]

(27)      1. Der Nihilism ein normaler Zustand. Nihilism: es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das “Warum?” was bedeutet Nihilism?—daß die obersten Werthe sich entwerthen.

Er ist zweideutig:

A)) Nihilism als Zeichen der gesteigerten Macht des Geistes: als activer Nihilism.

Er kann ein Zeichen von Stärke sein: die Kraft des Geistes kann so angewachsen sein, daß ihr die bisherigen Ziele (“Überzeugungen,” Glaubensartikel) unangemessen sind

— ein Glaube nämlich drückt im Allgemeinen den Zwang von Existenzbedingungen aus, eine Unterwerfung unter die Autorität von Verhältnissen, unter denen ein Wesen gedeiht, wächst, Macht gewinnt ...

Andrerseits ein Zeichen von nicht genügender Stärke, um produktiv sich nun auch wieder ein Ziel, ein Warum? einen Glauben zu setzen.

Sein Maximum von relativer Kraft erreicht er als gewaltthätige Kraft der Zerstörung: als aktiver Nihilism. Sein Gegensatz wäre der müde Nihilism, der nicht mehr angreift: seine berühmteste Form der Buddhismus: als passivischer Nihilism

Der Nihilism stellt einen pathologischen Zwischenzustand dar (pathologisch ist die ungeheure Verallgemeinerung, der Schluß auf gar keinen Sinn): sei es, daß die produktiven Kräfte noch nicht stark genug sind: sei es, daß die décadence noch zögert und ihre Hülfsmittel noch nicht erfunden hat.

B)) Nihilism als Niedergang und Rückgang der Macht des Geistes: der passive Nihilism:

als ein Zeichen von Schwäche: die Kraft des Geistes kann ermüdet, erschöpft sein, so daß die bisherigen Ziele und Werthe unangemessen sind und keinen Glauben mehr finden —

daß die Synthesis der Werthe und Ziele (auf der jede stärke Cultur beruht) sich löst, so daß die einzelnen Werthe sich Krieg machen: Zersetzung

daß Alles, was erquickt, heilt, beruhigt, betäubt, in den Vordergrund tritt, unter verschiedenen Verkleidungen, religiös, oder moralisch oder politisch oder ästhetisch usw.

2. Voraussetzung dieser Hypothese

Daß es keine Wahrheit giebt; daß es keine absolute Beschaffenheit der Dinge, kein “Ding an sich” giebt

dies ist selbst ein Nihilism, und zwar der extremste. Er legt den Werth der Dinge gerade dahinein, daß diesem Werthe keine Realität entspricht und entsprach, sondern nur ein Symptom von Kraft auf Seiten der Werth-Ansetzer, eine Simplification zum Zweck des Lebens

9 [36]

der Wille zur Wahrheit als Wille zur Macht

9 [37]

Wesen des Urtheils (Ja-setzend).

9 [38]

(28)      die Werthschätzung “ich glaube, daß das und das so ist” als Wesen der “Wahrheit

in den Werthschätzungen drücken sich Erhaltungs- und Wachsthums-Bedingungen aus

alle unsere Erkenntnißorgane und -Sinne sind nur entwickelt in Hinsicht auf Erhaltungs- und Wachsthums-Bedingungen

das Vertrauen zur Vernunft und ihren Kategorien, zur Dialektik, also die Werthschätzung der Logik beweist nur die durch Erfahrung bewiesene Nützlichkeit derselben für das Leben: nicht deren “Wahrheit.”



Daß eine Menge Glauben da sein muß, daß geurtheilt werden darf, daß der Zweifel in Hinsicht auf alle wesentlichen Werthe fehlt: —

das ist Voraussetzung alles Lebendigen und seines Lebens. Also daß etwas für wahr gehalten werden muß, ist nothwendig; nicht, daß etwas wahr ist.

“die wahre und die scheinbare Welt”—dieser Gegensatz wird von mir zurückgeführt auf Werthverhältnisse

wir haben unsere Erhaltungs-Bedingungen projicirt als Prädikate des Seins überhaupt

daß wir in unserem Glauben stabil sein müssen, um zu gedeihen, daraus haben wir gemacht, daß die “wahre” Welt keine wandelbare und werdende, sondern eine seiende ist.

9 [39]

(29)      die Werthe und deren Veränderung steht im Verhältniß zu dem Macht-Wachsthum des Werthsetzenden

das Maaß von Unglauben von zugelassener “Freiheit des Geistes” als Ausdruck des Machtwachsthums

“Nihilism” als Ideal der höchsten Mächtigkeit des Geistes, des überreichsten Lebens; theils zerstörerisch theils ironisch

9 [40]

(30)      Daß die Dinge eine Beschaffenheit an sich haben, ganz abgesehen von der Interpretation und Subjektivität, ist eine ganz müssige Hypothese: es würde voraussetzen, daß das Interpretiren und Subjektiv-sein nicht wesentlich sei, daß ein Ding aus allen Relationen gelöst noch Ding sei. Umgekehrt: der anscheinende objektive Chararter der Dinge: könnte er nicht bloß auf eine Graddifferenz innerhalb des Subjektiven hinauslaufen?—daß etwa das Langsam-Wechselnde uns als “objektiv” dauernd, seiend, “an sich” sich herausstellte

— daß das Objektive nur ein falscher Artbegriff und Gegensatz wäre innerhalb des Subjektiven?

9 [41]

(31)      Was ist ein Glaube? Wie entsteht er? Jeder Glaube ist ein Für-wahr-halten.

Die extremste Form des Nihilism wäre: daß jeder Glaube, jedes Für-wahr-halten nothwendig falsch ist: weil es eine wahre Welt gar nicht giebt. Also: ein perspektivischer Schein, dessen Herkunft in uns liegt (insofern wir eine engere, verkürzte, vereinfachte Welt fortwährend nöthig haben)

— daß es das Maaß der Kraft ist, wie sehr wir uns die Scheinbarkeit, die Nothwendigkeit der Lüge eingestehn können, ohne zu Grunde zu gehn.

Insofern könnte Nihilism, als Leugnung einer wahrhaften Welt, eines Seins, eine göttliche Denkweise sein: — — —

9 [42]

(32)      Gegen 1876 hatte ich den Schrecken, mein ganzes bisheriges Wollen compromittirt zu sehn, als ich begriff, wohin es jetzt mit Wagner hinauswolle: und ich war sehr fest an ihn gebunden, durch alle Bande der tiefen Einheit der Bedürfnisse, durch Dankbarkeit, durch die Ersatzlosigkeit und absolute Entbehrung, die ich vor mir sah.

Um dieselbe Zeit schien ich mir wie unauflösbar eingekerkert in meine Philologie und Lehrthätigkeit—in einen Zufall und Nothbehelf meines Lebens—: ich wußte nicht mehr, wie herauskommen und war müde, verbraucht, vernutzt.

Um dieselbe Zeit begriff ich, daß mein Instinkt auf das Gegentheil hinauswollte als der Schopenhauers: auf eine Rechtfertigung des Lebens, selbst in seinem Furchtbarsten, Zweideutigsten und Lügenhaftesten:—dafür hatte ich die Formel “dionysisch” in den Händen.

(— daß ein “An-sich-der-Dinge” nothwendig gut, selig, wahr, eins sein müsse, dagegen war Schopenhauers Interpretation des An-sich’s als Wille ein wesentlicher Schritt: nur verstand er nicht diesen Willen zu vergöttlichen: er blieb im moralisch christlichen Ideal hängen

Schopenhauer stand so weit noch unter der Herrschaft der christlichen Werthe, daß nun, nachdem ihm das Ding an sich nicht mehr “Gott” war, es schlecht, dumm, absolut verwerflich sein mußte. Er begriff nicht, daß es unendliche Arten des Anders-sein-könnens, selbst des Gott-sein-könnens geben kann.

Fluch jener bornirten Zweiheit: Gut und Böse.

9 [43]

(33)      Die Frage des Nihilism “wozu?” geht von der bisherigen Gewöhnung aus, vermöge deren das Ziel von außen her gestellt, gegeben, gefordert schien—nämlich durch irgend eine übermenschliche Autorität. Nachdem man verlernt hat an diese zu glauben, sucht man doch noch nach alter Gewöhnung eine andere Authorität, welche unbedingt zu reden wüßte, Ziele und Aufgaben befehlen könnte. Die Autorität des Gewissens tritt jetzt in erste Linie (je mehr emancipirt von der Theologie, um so imperativischer wird die Moral); als Schadenersatz für eine persönliche Autorität. Oder die Autorität der Vernunft. Oder der sociale Instinkt (die Heerde) Oder die Historie mit einem immanenten Geiste, welche ihr Ziel in sich hat und der man sich überlassen kann. Man möchte herumkommen um den Willen, um das Wollen eines Zieles, um das Risico, sich selbst ein Ziel zu geben; man möchte die Verantwortung abwälzen (—man würde den Fatalism acceptiren) Endlich: Glück, und, mit einiger Tartüfferie, das Glück der Meisten

individuelle Ziele und deren Widerstreit

collektive Ziele im Kampf mit individuellen

Jedermann wird Partei dabei, auch die Philosophen.

Man sagt sich1) ein bestimmtes Ziel ist gar nicht nöthig
 2) ist gar nicht möglich vorherzusehen

Gerade jetzt, wo der Wille in der höchsten Kraft nöthig wäre, ist er am schwächsten und kleinmüthigsten.

Absolutes Mißtrauen gegen die organisatorische Kraft des Willens fürs Ganze.



Zeit, wo alle “intuitiven Wertschätzungen” der Reihe nach in den Vordergrund treten, als ob man von ihnen die Direktiven bekommen könne, die man sonst nicht mehr hat.

— “wozu?” die Antwort wird verlangt vom
1) Gewissen
2) Trieb zum Glück
3) “socialen Instinkt” (Heerde)
4) Vernunft (“Geist”)
— nur um nicht wollen zu müssen, sich selbst da “Wozu” setzen zu müssen.
5) endlich: Fatalismus, “es giebt keine Antwort” aber “es geht irgend wohin,” “es ist unmöglich ein wozu? zu wollen,” mit Ergebung ... oder Revolte ... Agnosticismus in Hinsicht auf das Ziel
6) endlich Verneinung als Wozu des Lebens; Leben als etwas, das sich als unwerth begreift und endlich aufhebt.

9 [44]

(Zur dritten Abhandlung)

(34)      Hauptgesichtspunkt: daß man nicht die Aufgabe der höheren species in der Leitung der niederen sieht (wie es z.B. Comte macht—) sondern die niedere als Basis, auf der eine höhere species ihrer eigenen Aufgabe lebt,—auf der sie erst stehen kann. [Vgl. John Stuart Mill, August Comte und der Positivismus. Aus dem Engl. übersetzt von Elise Gomperz. In: John Stuart Mill's Gesammelte Werke. Autorisirte Übersetzung unter Redaktion von Theodor Gomperz. Bd. 9. Leipzig: Fues, 1874.]

die Bedingungen, unter denen die starke und vornehme species sich erhält (in Hinsicht auf geistige Zucht), sind umgekehrt als die unter denen die “industriellen Massen” der Krämer à la Spencer stehn.

Das, was nur den stärksten und fruchtbarsten Naturen freisteht, zur Ermöglichung ihrer Existenz,—Muße, Abenteuer, Unglaube, Ausschweifung selbst—das würde, wenn es den mittleren Naturen freistünde, diese nothwendig zu Grunde richten—und thut es auch. Hier ist die Arbeitsamkeit, die Regel, die Mäßigkeit, die feste “Überzeugung” am Platz,—kurz die Heerdentugenden: unter ihnen wird diese mittlere Art Mensch vollkommen.

Ursachen des Nihilism:

1) es fehlt die höhere Species d.h. die, deren unerschöpfliche Fruchtbarkeit und Macht den Glauben an den Menschen aufrecht erhält. (Man denke, was man Napoleon verdankt: fast alle höheren Hoffnungen dieses Jahrhunderts)

2) die niedere species “Heerde” “Masse” “Gesellschaft” verlernt die Bescheidenheit und bauscht ihre Bedürfnisse zu kosmischen und metaphysischen Werthen auf. Dadurch wird das ganze Dasein vulgarisirt: insofern nämlich die Masse herrscht, tyrannisirt sie die Ausnahmen, so daß diese den Glauben an sich verlieren und Nihilisten werden

Alle Versuche, höhere Typen auszudenken, manquirt (“Romantik,” der Künstler, der Philosoph, gegen Carlyles Versuch, ihnen die höchsten Moralwerthe zuzulegen).

Widerstand gegen höheren Typus als Resultat.

Niedergang und Unsicherheit aller höheren Typen; der Kampf gegen das Genie (“Volkspoesie” usw.) Mitleiden mit den Niederen und Leidenden als Maaßstab für die Höhe der Seele

es fehlt der Philosoph, der Ausdeuter der That, nicht nur der Umdichter

9 [45]

(35)      Im Allgemeinen ist jedes Ding so viel werth, als man dafür bezahlt hat. Dies gilt freilich nicht, wenn man das Individuum isolirt nimmt; die großen Fähigkeiten des Einzelnen stehn außer allem Verhältniß zu dem, was er selbst dafür gethan, geopfert, gelitten hat. Aber sieht man seine Geschlechts-Vorgeschichte an, so entdeckt man da die Geschichte einer ungeheuren Aufsparung und Capital-Sammlung von Kraft, durch alle Art Verzichtleisten, Ringen, Arbeiten, Sich-Durchsetzen. Weil der große Mensch so viel gekostet hat und nicht, weil er wie ein Wunder als Gabe des Himmels und “Zufalls” dasteht, wurde er groß. “Vererbung” ein falscher Begriff. Für das, was Einer ist, haben seine Vorfahren die Kosten bezahlt.

9 [46]

(36)      Der Wille zur Wahrheit
1) als Eroberung und Kampf mit der Natur
Descartes’ Urtheil der Gelehrten
2) als Widerstand gegen regierende Autoritäten
3) als Kritik des uns Schädlichen

9 [47]

Geschichte der wissenschaftlichen Methode, von A[uguste]. Comte beinahe als Philosophie selber verstanden [Vgl. John Stuart Mill, August Comte und der Positivismus. Aus dem Engl. übersetzt von Elise Gomperz. In: John Stuart Mill's Gesammelte Werke. Autorisirte Übersetzung unter Redaktion von Theodor Gomperz. Bd. 9. Leipzig: Fues, 1874.]

9 [48]

(37)      das Feststellen zwischenwahr” und “unwahr,” das Feststellen überhaupt von Thatbeständen ist grundverschieden von dem schöpferischen Setzen, vom Bilden, Gestalten, Überwältigen, Wollen, wie es im Wesen der Philosophie liegt. Einen Sinn hineinlegen—diese Aufgabe bleibt unbedingt immer noch übrig, gesetzt daß kein Sinn darinliegt. So steht es mit Tönen, aber auch mit Volks-Schicksalen: sie sind der verschiedensten Ausdeutung und Richtung zu verschiedenen Zielen fähig. Die noch höhere Stufe ist ein Zielsetzen und darauf hin das Thatsächliche einformen, also die Ausdeutung der That und nicht bloß die begriffliche Umdichtung.

9 [49]

(38)      Man ist vielmehr das Kind seiner vier Grosseltern als seiner zwei Eltern: das liegt daran, daß in der Zeit, wo wir gezeugt wurden, die Eltern meistens sich selbst noch nicht festgestellt hatten; die Keime des großväterlichen Typus werden in uns reif; in unsren Kindern die Keime unsrer Eltern.

9 [50]

(39)      Nichts ist weniger unschuldig als das neue Testament. Man weiß, auf welchem Boden es gewachsen ist. Dies Volk, mit einem unerbittlichen Willen zu sich selbst, das sich, nachdem es jeden natürlichen Halt verloren und sein Recht auf Dasein längst eingebüßt hatte, dennoch durchzusetzen wußte und dazu nöthig hatte, sich ganz und gar auf unnatürliche, rein imaginäre Voraussetzungen (als auserwähltes Volk, als Gemeinde der Heiligen, als Volk der Verheißung, als “Kirche”) aufzubauen: dies Volk handhabt die pia fraus mit einer Vollendung, mit einem Grad “guten Gewissens” [daß] man nicht vorsichtig genug sein kann, wenn es Moral predigt. Wenn Juden als die Unschuld selber auftreten, da ist die Gefahr groß geworden: man soll seinen kleinen fond Verstand, von Mißtrauen, von Bosheit immer in der Hand haben, wenn man das neue Testament liest.

Leute niedrigster Herkunft, zum Theil Gesindel, die Ausgestoßenen nicht nur der guten, sondern auch der achtbaren Gesellschaft, abseits selbst vom Geruche der Cultur aufgewachsen, ohne Zucht, ohne Wissen, ohne jede Ahnung davon, daß [es] in geistigen Dingen Gewissen geben könnte (das Wort “Geist” immer nur als Mißverständniß da: was alle Welt “Geist” nennt ist diesem Volke immer noch “Fleisch”) aber—Juden: instinktiv klug, aus allen abergläubischen Voraussetzungen, mit der Unwissenheit selbst einen Vorzug, eine Verführung zu schaffen

9 [51]

(40)      In  wie  fern  der  Wille zur  Macht als  das  Allein-  und  Absolut-Unmoralische  übrig  bleibt: s. St[uart] Mill (über Comte)

“wir halten das Leben für nicht so reich an Genüssen, als daß es der Pflege aller derer sollte entbehren können, die sich auf die egoistischen Neigungen beziehn. Im Gegentheil, wir glauben, daß eine genügende Befriedigung dieser letzteren, nicht im Übermaaß, wohl aber bis zu jenem Maaße, das den Genuß am vollsten gewährt, fast immer auf die wohlwollenden Triebe günstig einwirkt. Die Versittlichung der persönlichen Genüsse besteht für uns nicht darin, daß man sie auf das möglichst kleine Maaß beschränkt, sondern in der Ausbildung des Wunsches, sie mit Anderen und mit allen Anderen zu theilen und darin, daß man jeden Genuß verschmäht, der sich nicht in dieser Weise theilen läßt. Es giebt nur eine Neigung, oder Leidenschaft, die mit dieser Bedingung dauernd unverträglich ist, nämlich die Sucht zu herrschen—ein Streben, das die entsprechende Erniedrigung Anderer in sich schließt und zur Voraussetzung hat.” [Vgl. John Stuart Mill, August Comte und der Positivismus. Aus dem Engl. übersetzt von Elise Gomperz. In: John Stuart Mill's Gesammelte Werke. Autorisirte Übersetzung unter Redaktion von Theodor Gomperz. Bd. 9. Leipzig: Fues, 1874:103.]

9 [52]

(41)      Der Muthigste unter uns hat nicht Muth genug zu dem, was er eigentlich weiß ... Darüber, wo Einer stehen bleibt oder noch nicht, wo Einer urtheilt “hier ist die Wahrheit,” entscheidet Grad und Stärke seiner Tapferkeit; mehr jedenfalls als irgend welche Feinheit oder Stumpfheit von Auge und Geist.

9 [53]

(42)      die Juden haben in der Sphäre der Kunst das Genie gestreift, mit H[einrich]. Heine und Offenbach, diesem geistreichsten und übermüthigsten Satyr, der als Musiker zur großen Tradition hält und für den, der nicht bloß Ohren hat, eine rechte Erlösung von den gefühlsamen und im Grunde entarteten Musikern der deutschen Romantik ist

9 [54]

— ein Weib, das an dem, was es liebt, leiden will ...

9 [55]

(43)      Den Werth eines Menschen darnach abschätzen, was er den Menschen nützt oder kostet oder schadet: das bedeutet ebensoviel und ebensowenig als ein Kunstwerk abschätzen je nach den Wirkungen, die es thut. Aber ein Kunstwerk will mit Kunstwerken verglichen sein; und damit ist der Werth des Menschen im Vergleich mit anderen Menschen gar nicht berührt.

Die “moralische Werthschätzung,” so weit sie eine sociale ist, mißt durchaus den Menschen nach seinen Wirkungen.

Ein Mensch mit seinem eignen Geschmack auf der Zunge, umschlossen und versteckt durch seine Einsamkeit, unmittheilbar, unmittheilsam—ein unausgerechneter Mensch, also ein Mensch einer höheren, jedenfalls anderen Species: wie wollt ihr den abwerthen können, da ihr ihn nicht kennen könnt, nicht vergleichen könnt?

Ich finde den typischen Stumpfsinn in Hinsicht auf diesen Werth bei jenem typischen Flachkopf, dem Engländer J[ohn]. St[uart]. Mill: er sagt z.B. von A[uguste]. Comte “er betrachtete in seinen früheren Tagen Napoleons Namen und Andenken mit einem Ingrimm, der ihm die höchste Ehre macht; später freilich erklärte er Napoleon für einen schätzenswertheren Diktator als Louis Philipp;—etwas, das die Tiefe ermessen läßt, zu der sein sittlicher Maaßstab heruntergesunken war.” [Vgl. John Stuart Mill, August Comte und der Positivismus. Aus dem Engl. übersetzt von Elise Gomperz. In: John Stuart Mill's Gesammelte Werke. Autorisirte Übersetzung unter Redaktion von Theodor Gomperz. Bd. 9. Leipzig: Fues, 1874:134. John Stuart Mill, Auguste Comte and Positivism (1865), "Later Speculations of M. Comte": There is no need to analyze further M. Comte's second view of universal history. The best chapter is that on the Romans, to whom, because they were greater in practice than in theory, and for centuries worked together in obedience to a social sentiment (though only that of their country's aggrandizement), M. Comte is as favorably affected, as he is inimical to all but a small selection of eminent thinkers among the Greeks. The greatest blemish in this chapter is the idolatry of Julius Caesar, whom M. Comte regards as one of the most illustrious characters in history, and of the greatest practical benefactors of mankind. Caesar had many eminent qualities, but what he did to deserve such praise we are at a loss to discover, except subverting a free government: that merit, however, with M. Comte, goes a great way. It did not, in his former days, suffice to rehabilitate Napoleon, whose name and memory he regarded with a bitterness highly honorable to himself, and whose career he deemed one of the greatest calamities in modern history. But in his later writings these sentiments are considerably mitigated: he regards Napoleon as a more estimable "dictator" than Louis Philippe, and thinks that his greatest error was reestablishing the Academy of Sciences! That this should be said by M. Comte, and said of Napoleon, measures the depth to which his moral standard had fallen.]

Die moral[ische] Abwerthung hat die größte Urtheils-Stumpfheit im Gefolge gehabt: der Werth eines Menschen an sich ist unterschätzt, fast übersehn, fast geleugnet.

Rest der naiven Teleologie: der Werth des Menschen nur in Hinsicht auf die Menschen

9 [56]

Historiker und andere Todtengräber, solche, die zwischen Särgen und Sägespänen leben—

9 [57]

(44)      Philosophie als die Kunst, die Wahrheit zu entdecken: so nach Aristoteles. Dagegen die Epicureer, die sich die sensualistische Theorie der Erkenntniß des Aristoteles zu Nutze machten: gegen das Suchen der Wahrheit ganz ironisch und ablehnend; “Philosophie als eine Kunst des Lebens.” [Vgl. Eugène de Roberty, L'ancienne et la nouvelle philosophie. Essai sur les lois générales du développement de la philosophie. Paris: Baillière; Paris: Alcan, 1887:86f.]

9 [58]

die drei großen Naivetäten:

Erkenntniß

als Mittel zum Glück (als ob ...

 

als Mittel zur Tugend (als ob ...

 als Mittel zur “Verneinung des Lebens,”—insofern sie ein Mittel zur Enttäuschung ist—(als ob ...)

9 [59]

(45)      — so stehen sie da, die Werthe aus Urzeiten: wer könnte sie umwerfen, diese schweren granitenen Katzen?

— deren Sinn ein Widersinn, deren Witz ein Doch- und Aber-Witz ist

— ungeduldige und feurige Geister, die wir nur an Wahrheiten glauben, die man erräth: alles Beweisen-wollen macht uns widerspänstig,—wir flüchten beim Anblick des Gelehrten und seines Schleichens von Schluß zu Schluß.

— Hartnäckige Geister, fein und kleinlich

— was um euch wohnt, das wohnt sich bald auch ein.

— ausgedorrte sandige Seelen, trockne Flußbetten

— langen Willens, tief in seinem Mißtrauen und vom Moor der Einsamkeit überwachsen

— Heimlich verbrannt, nicht für seinen Glauben, sondern dafür, daß er zu keinem Glauben mehr den Muth hat

— vor kleinen runden Thatsachen auf dem Bauche liegen

— was man nicht machen wollte als es Zeit dazu war, muß man schon nachher wollen; man hat “gut zu machen,” was man nicht gut gethan hat.

9 [60]

(46)      Ungeheure Selbstbesinnung: nicht als Individuum, sondern als Menschheit sich bewußt werden. Besinnen wir uns, denken wir zurück: gehen wir die kleinen und großen Wege

A. Der Mensch sucht “die Wahrheit”: eine Welt, die nicht sich widerspricht, nicht täuscht, nicht wechselt, eine wahre Welt—eine Welt, in der man nicht leidet: Widerspruch, Täuschung, Wechsel—Ursachen des Leidens! Er zweifelt nicht, daß [es] eine Welt, wie sie sein soll, giebt; er möchte zu ihr sich den Weg suchen. (Indische Kritik: selbst das “Ich” als scheinbar, als nicht-real)

Woher nimmt hier der Mensch den Begriff der Realität? —

Warum leitet er gerade das Leiden von Wechsel, Täuschung, Widerspruch ab? und warum nicht vielmehr sein Glück? ... —

Die Verachtung, der Haß gegen Alles, was vergeht, wechselt, wandelt:—woher diese Werthung des Bleibenden?

Ersichtlich ist hier der Wille zur Wahrheit bloß das Verlangen in eine Welt des Bleibenden.

Die Sinne täuschen, die Vernunft corrigirt die Irrthümer: folglich, schloß man, ist die Vernunft der Weg zu dem Bleibenden; die unsinnlichsten Ideen müssen der “wahren Welt” am nächsten sein.— Von den Sinnen her kommen die meisten Unglücksschläge—sie sind Betrüger, Bethörer, Vernichter:

Das Glück kann nur im Seienden verbürgt sein: Wechsel und Glück schließen sich aus. Der höchste Wunsch hat demnach die Einswerdung mit dem Seienden im Auge. Das ist der sonderbare Weg zum höchsten Glück.

In summa: die Welt, wie sie sein sollte, existirt; diese Welt, in der wir leben, ist nur Irrthum, — diese unsere Welt sollte nicht existiren.

Der Glaube an das Seiende erweist sich nur [als] eine Folge: das eigentliche primum mobile ist der Unglaube an das Werdende, das Mißtrauen gegen das Werdende, die Geringschätzung alles Werdens ...



Was für eine Art Menschen reflektirt so? Eine unproduktive leidende Art; eine lebensmüde Art. Dächten wir uns die entgegengesetzte Art Mensch, so hätte sie den Glauben an das Seiende nicht nöthig: mehr noch, sie würde es verachten, als todt, langweilig, indifferent ...

Der Glaube, daß die Welt, die sein sollte, ist, wirklich existirt, ist ein Glaube der Unproduktiven, die nicht eine Welt schaffen wollen, wie sie sein soll. Sie setzen sie als vorhanden, sie suchen nach Mitteln und Wegen, um zu ihr zu gelangen.— “Wille zur Wahrheit”—als Ohnmacht des Willens zum Schaffen

erkenne, daß etwas so und so ist
thun, daß etwas so und so wird.
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Antagonismus in den
Kraft-Graden der Naturen

Fiktion einer Welt, welche unseren Wünschen entspricht, psychologische Kunstgriffe und Interpretationen, um alles, was wir ehren und als angenehm empfinden, mit dieser wahren Welt zu verknüpfen.

“Wille zur Wahrheit” auf dieser Stufe ist wesentlich Kunst der Interpretation; wozu immer noch Kraft der Interpretation gehört.

Dieselbe Species Mensch, noch eine Stufe ärmer geworden, nicht mehr im Besitz der Kraft zu interpretiren, des Schaffens von Fiktionen, macht den Nihilisten. Ein Nihilist ist der Mensch, welcher von der Welt, wie sie ist, urtheilt, sie sollte nicht sein und von der Welt, wie sie sein sollte, urtheilt, sie existirt nicht. Demnach hat dasein (handeln, leiden, wollen, fühlen) keinen Sinn: das Pathos des “Umsonst” ist das Nihilisten-Pathos—zugleich noch als Pathos eine Inconsequenz des Nihilisten.

Wer seinen Willen nicht in die Dinge zu legen vermag, der Willens- und Kraftlose, der legt wenigstens noch einen Sinn hinein: d.h. den Glauben, daß schon ein Wille da sei, der in den Dingen will oder wollen soll.

Es ist ein Gradmesser von Willenskraft, wie weit man des Sinnes in den Dingen entbehren kann, wie weit man in einer sinnlosen Welt zu leben aushält: weil man ein kleines Stück von ihr selbst organisirt.

Das philosophische Objektiv-Blicken kann somit ein Zeichen von Willens- und Kraft-Armuth sein. Denn die Kraft organisirt das Nähere und Nächste; die “Erkennenden,” welche nur fest-stellen wollen, was ist, sind solche, die nichts festsetzen können, wie es sein soll.

Die Künstler eine Zwischenart: sie setzen wenigstens ein Gleichniß von dem fest, was sein soll—sie sind produktiv, insofern sie wirklich verändern und umformen; nicht, wie die Erkennenden, welche Alles lassen, wie es ist.

Zusammenhang der Philosophen mit den pessimistischen Religionen: dieselbe Species Mensch (—sie legen den höchsten Grad von Realität den höchstgewertheten Dingen bei.

Zusammenhang der Philosophen mit den moralischen Menschen und deren Werthmaaßen. (Die moralische Weltauslegung als Sinn: nach Niedergang des religiösen Sinnes —

Überwindung der Philosophen, durch Vernichtung der Welt des Seienden: Zwischenperiode des Nihilismus: bevor die Kraft da ist, die Werthe umzuwenden und das Werdende die scheinbare Welt als die Ein verzige zugöttlichen, gutzuheißen.



B. Der Nihilism als normales Phänomen kann ein Symptom wachsender Stärke sein oder wachsender Schwäche

theils daß die Kraft zu schaffen, zu wollen so gewachsen ist, daß sie diese Gesamt-Ausdeutungen und Sinn-Einlegungen nicht mehr braucht (“nähere Aufgaben,” Staat usw.)

theils, daß selbst die schöpferische Kraft, Sinn zu schaffen, nachläßt, und die Enttäuschung der herrschende Zustand wird. Die Unfähigkeit zum Glauben an einen “Sinn,” der “Unglaube”

Was die Wissenschaft in Hinsicht auf beide Möglichkeiten bedeutet?

1) Als Zeichen von Stärke und Selbstbeherrschung, als Entbehrenkönnen von heilenden tröstlichen Illusions-Welten

2) als untergrabend, secirend, enttäuschend, schwächend

 

C. der Glaube an die Wahrheit, das Bedürfniß, einen Halt zu haben an etwas Wahrgeglaubtem: psychologische Reduktion abseits von allen bisherigen Werthgefühlen. Die Furcht, die Faulheit

— insgleichen der Unglaube: Reduktion. In wiefern er einen neueren Werth bekommt, wenn es eine wahre Welt gar nicht giebt (dadurch werden die Werthgefühle wieder frei, die bisher auf die seiende Welt verschwendet worden sind)

9 [61]

die großen Methodologen: Aristoteles, Bacon, Descartes, A[uguste]. Comte

9 [62]

[(47)]      In wiefern die einzelnen erkenntnißtheoretischen Grundstellungen (Materialismus, Sensualismus, Idealismus) Consequenzen der Werthschätzungen sind: die Quelle der obersten Lustgefühle (“Werthgefühle”) auch als entscheidend über das Problem der Realität.

— das Maaß positiven Wissens ist ganz gleichgültig, oder nebensächlich: man sehe doch die indische Entwicklung.

Die buddhistische Negation der Realität überhaupt (Scheinbarkeit = Leiden) ist eine vollkommene Consequenz: Unbeweisbarkeit, Unzugänglichkeit, Mangel an Kategorien nicht nur für eine “Welt an sich,” sondern Einsicht in die fehlerhaften Prozeduren, vermöge deren dieser ganze Begriff gewonnen ist. “Absolute Realität,” “Sein an sich” ein Widerspruch. In einer werdenden Welt ist “Realität” immer nur eine Simplifikation zu praktischen Zwecken oder eine Täuschung auf Grund grober Organe, oder eine Verschiedenheit im tempo des Werdens.

Die logische Weltverneinung und Nihilisirung folgt daraus, daß wir Sein dem Nichtsein entgegensetzen müssen, und daß der Begriff “Werden” geleugnet wird (“etwas wird”) wenn das Sein — — —

9 [63]

Sein und Werden

Vernunft” entwickelt auf sensualistischer Grundlage, auf den Vorurtheilen der Sinne, d.h. im Glauben an die Wahrheit der Sinnes-Urtheile.

“Sein” als Verallgemeinerung des Begriffs “Leben” (athmen) “beseelt sein” “wollen, wirken” “werden”

Gegensatz ist: “unbeseelt sein,” “nicht-werdend”; “nicht-wollend.” Also: es wird dem “Seienden” nicht das Nicht-seiende, nicht das Scheinbare, auch nicht das Todte entgegengesetzt (denn todtsein kann nur etwas, das auch leben kann)

Die “Seele,” das “Ich” als Urthatsache gesetzt; und überall hineingelegt, wo es ein Werden giebt.

9 [64]

(48)      die Colportage-Philosophen, welche nicht aus ihrem Leben, sondern aus Sammlungen von Beweisstücken für gewisse Thesen eine Philosophie aufbauen

Nie sehen wollen, um zu sehen! Als Psychologe muß man leben und warten—bis von selber das durchgesiebte Ergebniß vieler Erlebnisse seinen Schluß gemacht hat. Man darf niemals wissen, woher man etwas weiß

Sonst giebt es eine schlechte Optik und Künstlichkeit.

— Das unfreiwillige Vergessen des Einzel-Falls ist philosophisch, nicht das Vergessen wollen, das absichtliche Abstrahiren: letzteres kennzeichnet vielmehr die nicht-philosophische Natur.

9 [65]

das was ich an W[agner schätzte] war das gute Stück Antichrist, das er mit seiner Kunst und Art vertrat (oh so klug! —

ich bin der Enttäuschteste aller Wagnerianer; denn in dem Augenblick, wo es anständiger als je war, Heide zu sein, wurde er Christ ... Wir Deutschen, gesetzt daß wir uns je in ernsten Dingen ernst genommen haben, sind ja deutsche Atheisten und Spötter allesamt: W[agner] war es auch.

9 [66]

(49)      Werthe umwerthen—was wäre das? Es müssen die spontanen Bewegungen alle da sein, die neuen zukünftigen, stärkeren: nur stehen sie noch unter falschen Namen und Schätzungen und sind sich selbst noch nicht bewußt geworden

ein muthiges Bewußtwerden und Ja-sagen zu dem, was erreicht ist

ein Losmachen von dem Schlendrian alter Werthschätzungen, die uns entwürdigen im Besten und Stärksten, was wir erreicht haben.

9 [67]

(50)      Die unfreiwillige Naivetät des Larochefoucauld, welcher glaubt, etwas Böses, Feines und Paradoxes zu sagen—damals war die “Wahrheit” in psychologischen Dingen etwas, das erstaunen machte—Beispiel: “les grandes âmes ne sont pas celles, qui ont moins de passions et plus de vertus que les âmes communes, mais seulement celles, qui ont de plus grands desseins.” Freilich: J[ohn]. Stuart Mill (der Chamfort den edleren und philosophischeren Larochefoucauld des 18. Jahrhunderts nennt—) sieht in ihm nur den scharfsinnigsten Beobachter alles dessen in der menschlichen Brust, was auf “gewohnheitsmäßige Selbstsucht” zurückgeht und fügt hinzu: “ein edler Geist wird es nicht über sich gewinnen, sich die Nothwendigkeit einer dauernden Betrachtung von Gemeinheit und Niedrigkeit aufzulegen, es wäre denn um zu zeigen, gegen welche verderblichen Einflüsse sich hoher Sinn und Adel des Charakters siegreich zu behaupten vermag.” [Vgl. John Stuart Mill, Über Aphorismen. In: John Stuart Mill's Gesammelte Werke. Autorisirte Übersetzung unter Redaktion von Theodor Gomperz. Bd. 10. Vermischte Schriften politischen, philosophischen und historischen Inhalts. Mit Genehmigung des Verfassers übersetzt von Eduard Wessel. Leipzig: Fues, 1874:42. Henri Joly, Psychologie des grands hommes. Paris: Hachette, 1883:85.]

9 [68]
[Vgl. Henri Joly, Psychologie des grands hommes. Paris: Hachette, 1883:64, 66-67, 79, 85, 245-46.]

Der complicirte Charakter Henri IV: königlich und ernst und wieder mit der Laune eines Buffo, undankbar und treu, großherzig und listig, voll von Geist, Heroism und Absurdität.

“bei den Schriften Friedrich des Grossen findet man Flecken von Bier und Tabak auf Seiten eines Mark-Aurel”

Der Admiral de Coligny und der grosse Condé sind Montmorency durch ihre Mütter. Die männlichen Montmorency sind tüchtige und energische Soldaten, aber keine Genies.

Ebenso leben die grossen Feldherrn Moritz und Heinrich von Nassau wieder in Turenne auf, ihrem Neffen, dem Sohn ihrer Schwester Elisabeth

Die Mutter des grossen Condé, Charlotte de Montmorency, in die Henri IV so gründlich verliebt war: er sagte von ihr, sie [sei] einzig, nicht nur in ihrer Schönheit, sondern auch in ihrem Muthe.

Der alte Marquis de Mirabeau sich beklagend, als er sah, wie sein Sohn sich “vers la canaille plumière, écrivassière” neigte

“un certain génie fier, exubérant,”—Mirabeau von seiner Familie.

Napoléon: “j’ai des nerfs fort intraitables; si mon coeur ne battait avec une continuelle lenteur, je courrais risque de devenir fou.”

Descartes hat die Entdeckungen eines Gelehrten mit einer Folge von Schlachten verglichen, die man gegen die Natur liefert.

Voltaire erzählt, daß er den Catilina vollständig in 8 Tagen gemacht habe “Ce tour de force me surprend et m’épouvante encore.”

9 [69]

“Le génie n’est qu’une longue patience.” Buffon. Das gilt am Meisten, wenn man an die Vorgeschichte des Genies denkt, an die Familien-Geduld, mit der ein Capital von Kraft gehäuft und zusammengehalten wurde — [Vgl. Henri Joly, Psychologie des grands hommes. Paris: Hachette, 1883:240.]

9 [70]

Beethoven componirte gehend. Alle genialen Augenblicke sind von einem Überschuß an Muskelkraft begleitet

Das heißt in jedem Sinne der Vernunft folgen. Ford[ert] erst jede geniale Erregung eine Menge Muskel-Energie,—sie erhöht das Kraft-Gefühl überall. Umgekehrt steigert ein starker Marsch die geistige Energie, bis zum Rausch [Vgl. Henri Joly, Psychologie des grands hommes. Paris: Hachette, 1883:260.]

9 [71]

(51)      NB. Was nützlich heißt ist ganz und gar abhängig von der Absicht, dem Wozu?; die Absicht wieder ist ganz und gar abhängig vom Grade der Macht: deshalb kann Utilitarism keine Grundlage sondern nur eine Folgen-Lehre [sein] und [ist] absolut zu keiner Verbindlichkeit für Alle zu bringen.

9 [72]

(52)Erkenntniß als Mittel zur Macht, zur “Gottgleichheit” 

Die altbiblische Legende glaubt daran, daß der Mensch im Besitz der Erkenntniß ist; daß die Vertreibung aus dem Paradies nur insofern die Folge davon ist, daß Gott nunmehr Furcht vor dem Menschen hat und ihn jetzt von der Stelle forttreibt, wo der Baum des Lebens, der Unsterblichkeit steht; wenn er jetzt auch vom Baum des Lebens äße, so wäre es um seine Macht gethan: abgesehen davon, ist die ganze Cultur eine wachsende Furchtbarkeit des Menschen, im Thurm von Babel, mit seinem “himmelstürmenden” Zweck, symbolisirt. Gott trennt die Menschen: er zersplittert sie; die Sprachvielheit ist eine Nothmaßregel Gottes, er wird mit den einzelnen Völkern besser fertig, insofern sie jetzt unter einander selber sich Krieg machen und zerstören.

Im Anfange des Alten Testaments steht die berühmte Geschichte von der Angst Gottes. Der Mensch ist dargestellt als Fehlgriff Gottes, das Thier ebenso; der Mensch, der erkennt als Rivale Gottes, als die höchste Gottes; Arbeit, Noth, Tod als Nothwehr Gottes, um seinen Rivalen niederzuhalten:

Die Angst Gottes: der Mensch als ein Fehlgriff Gottes;
                               das Thier ebenso

Moral:

Gott verbietet die Erkenntniß, weil sie zur Macht, zur Gottgleichheit führt. Er würde an sich dem Menschen die Unsterblichkeit gönnen, vorausgesetzt, daß derselbe immer unsterblich dumm bleibt

Er schafft ihm Thiere, dann das Weib, damit er Gesellschaft hat,—damit er Unterhaltung hat (damit er nicht auf schlechte Gedanken kommt, auf’s Denken auf’s Erkennen

Aber der Dämon (Schlange) verräth dem Menschen, was es mit der Erkenntniß auf sich hat.

Die Gefahr Gottes ist ungeheuer: jetzt muß er die Menschen forttreiben vom Baum des Lebens und sie durch Noth, Tod und Arbeit niederhalten. Das wirkliche Leben ist dargestellt als eine Nothwehr Gottes, als ein unnatürlicher Zustand ... Die Cultur d.h. das Werk der Erkenntniß strebt trotzdem nach Gottgleichheit: sie thürmt sich himmelstürmend auf. Jetzt wird der Krieg für nöthig befunden (Sprache als Ursache des “Volks”) die Menschen sollen sich selber zerstören. Endlich wird der Untergang beschlossen. —



An einen solchen Gott hat man geglaubt! ...

9 [73]

(53)      Das Bedürfniß nach einer metaphysischen Welt ist die Folge davon, daß man keinen Sinn, kein Wozu? aus der vorhandenen Welt zu entnehmen wußte. “Folglich, schloß man, kann diese Welt nur scheinbar sein.”

Verhältniß der Scheinbarkeit zur Sinnlosigkeit, Zwecklosigkeit”: psychologisch auszulegen: was bedeutet das?

Unwirklichkeit, Traum usw.

(wodurch unterscheidet sich das Wirkliche vom Traum? durch den Sinnzusammenhang, durch das Nicht-Zufällige -Beliebige, Causale. Aber bei jedem Blick im Großen aufs Ganze des Daseins schien es sinnlos, beliebig, zwecklos, die vorhandenen Zwecke nur tromperies usw.)

die mechanistische Causalität als solche wäre noch einer vollkommenen Ausdeutung auf Scheinbarkeit fähig: ja sie fordert dieselbe heraus.

9 [74]

Periode der Aufklärung

darauf Periode der Empfindsamkeit

     in wiefern Schopenhauer zur “Empfindsamkeit” gehört

          (Hegel zur Geistigkeit)

9 [75]

(54)      Eine Periode, wo die alte Maskerade und Moral-Aufputzung der Affekte Widerwillen macht: die nackte Natur, wo die Macht-Quantitäten als entscheidend einfach zugestanden werden (als rangbestimmend), wo der große Stil wieder auftritt, als Folge der großen Leidenschaft.

9 [76]

(55)      Die Posthumen (—Schwierigkeit ihres Verständnisses; in einem gewissen Sinn nie verstanden)

Epikur?
Schopenhauer
Stendhal
Napoleon
Goethe?
Shakespeare?
Beethoven?
Macchiavell:

Die posthumen Menschen werden schlechter verstanden, aber besser gehört als die zeitgemäßen. Oder, strenger: sie werden niemals verstanden: und [daher] ihre Autorität. (comprendre c’est égaler)

9 [77]

(56)      Jede Lehre ist überflüssig, für die nicht Alles schon bereit liegt an aufgehäuften Kräften, an Explosiv-Stoffen. Eine Umwerthung von Werthen wird nur erreicht, wenn eine Spannung von neuen Bedürfnissen, von Neu-Bedürftigen da ist, welche an der alten Werthung leiden, ohne zum Bewußtsein zu kommen, — — —

9 [78]

(57)      Wer weiß, wie aller Ruhm entsteht, wird einen Argwohn auch gegen den Ruhm haben, den die Tugend genießt.

9 [79]

(58)

Was ist das Loben?

 

Lob und Dankbarkeit bei Ernte, gutem Wetter, Sieg, Hochzeit, Frieden—die Feste brauchen alle ein Subjekt, gegen welches hin sich das Gefühl entladet. Man will, daß Alles, was einem Gutes geschieht, einem angethan ist, man will den Thäter. Ebenso vor einem Kunstwerk: man begnügt sich nicht an ihm; man lobt den Thäter.— Was ist also loben? Eine Art Ausgleichung in Bezug auf empfangene Wohlthaten, ein Zurückgeben, ein Bezeugen unserer Macht—denn der Lobende bejaht, urtheilt, schätzt ab, richtet: er gesteht sich das Recht zu, bejahen zu können, Ehre austheilen zu können ... Das erhöhte Glück[s]- und Lebensgefühl ist auch ein erhöhtes Machtgefühl: aus dem heraus lobt der Mensch (—aus dem heraus erfindet und sucht er einen Thäter, ein “Subjekt”—)

Die Dankbarkeit als die gute Rache: am strengsten gefordert und geübt, wo Gleichheit und Stolz zugleich aufrecht erhalten werden soll, wo am besten Rache geübt wird.

9 [80]

“Winter meines Mißvergnügens.” [Vgl. William Shakespeare, Richard III i, i.]
“das ist so Einer von den Neusten
er wird sich grenzenlos erdreusten” [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Zweiter Theil. In: Goethe's sämmtliche Werke in vierzig Bänden. Bd. 12. Stuttgart; Augsburg; Tübingen: J. G. Cotta, 1856:?.]
“Dreckgeburt von Spott und Feuer” [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Faust. In: Goethe's sämmtliche Werke in vierzig Bänden. Bd. 11. Stuttgart; Augsburg; Tübingen: J. G. Cotta, 1854:?.]

9 [81]

Berlioz Ouvertüre “römischer Carnaval” ist von 1844 (Offenbach)

9 [82]

Der zweite Buddhismus.

Die nihilistische Katastrophe, die mit der irdischen Cultur ein Ende macht.

Vorzeichen dafür:

die Überhandnahme des Mitleids
die geistige Übermüdung
die Reduktion der Probleme auf Lust- und Unlust-Fragen
die Kriegs-Glorie, welche einen Gegenschlag hervorruft
ebensowie die nationale Abgrenzung eine Gegenbewegung, die herzlichste “Fraternität” hervorruft,
die Unmöglichkeit der Religion, mit Dogmen und Fabeln fortarbeiten zu können

9 [83]

Zur Genealogie der Moral.
Zweite Streitschrift
von
Friedrich Nietzsche.

Vierte Abhandlung: der Heerdeninstinct in der Moral.

Fünfte Abhandlung: zur Geschichte der Moral-Entnatürlichung.

Sechste Abhandlung: unter Moralisten und Moralphilosophen.

Nachwort. Eine Abrechnung mit der Moral (als Circe der Philosophen). Die Moral—ich habe es schon einmal gesagt—war bisher die Circe der Philosophen. Sie ist die Ursache des Pessimismus und Nihilismus ...

Dessen höchste Formel formulirt.

Die Aufgabe.

Eintritt in das tragische Zeitalter von Europa

9 [84]

(59)      Die große nihilistische Falschmünzerei unter klugem Mißbrauch moralischer Werthe

a) Liebe als Entpersönlichung; insgleichen Mitleid.

b) Nur der entpersönlichte Intellekt (“der Philosoph”) erkennt die Wahrheit, “das wahre Sein und Wesen der Dinge”

c) das Genie, die großen Menschen sind groß, weil sie nicht sich selbst und ihre Sache suchen: der Werth des Menschen wächst im Verhältniß dazu, als er sich selbst verleugnet. Schopenhauer II 440 ss. [Vgl. Arthur Schopenhauer, Arthur Schopenhauer's sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt. Bd. 3, 2: Die Welt als Wille und Vorstellung. Zweiter Band, welcher die Ergänzungen zu den vier Büchern des ersten Bandes enthält. Leipzig: Brockhaus, 1873:440ff.]

d) die Kunst als Werk des “reinen willensfreien Subjektes” Mißverständniß der “Objektivität.”

e) Glück als Zweck des Lebens; Tugend als Mittel zum Zweck

die pessimistische Verurtheilung des Lebens bei Schopenhauer ist eine moralische Übertragung der Heerden-Maaßstäbe ins Metaphysische.

“Das “Individuum” sinnlos; folglich ihm einen Ursprung im “An-sich” gebend (und eine Bedeutung seines Daseins als Verirrung); Eltern nur als “Gelegenheitsursache.”

Es rächt sich, daß von der Wissenschaft das Individuum nicht begriffen war: es ist das ganze bisherige Leben in Einer Linie und nicht dessen Resultat.

9 [85]

(60)      Die gelobten Zustände und Begierden:

friedlich, billig, mäßig, bescheiden, ehrfürchtig, rücksichtsvoll, tapfer, keusch, redlich, treu, gläubig, gerade, vertrauensvoll, hingebend, mitleidig, hülfreich, gewissenhaft, einfach, mild, gerecht, freigebig, nachsichtig, gehorsam, uneigennützig, neidlos, gütig, arbeitsam



NB zu unterscheiden: in wiefern solche Eigenschaften bedingt sind als Mittel zu einem bestimmten Willen und Zwecke (oft einem “bösen” Zwecke)

— oder als natürliche Folgen eines dominirenden Affekts (z.B. Geistigkeit)
— oder Ausdruck einer Nothlage, will sagen: als Existenzbedingung (z.B. Bürger; Sklave, Weib usw.)

Summa: sie sind allesamt nicht um ihrer selber willen als gut empfunden, alle nicht an und für sich “gut,” sondern bereits unter dem Maaßstab der “Gesellschaft,” “Heerde” als Mittel zu deren Zwecken, als nothwendig für die Aufrechterhaltung und Förderung, als Folge zugleich eines eigentlichen Heerdeninstinktes im Einzelnen, somit im Dienste eines Instinktes, der grundverschieden von diesen Tugendzuständen ist: denn die Heerde ist nach außen hin feindselig, selbstsüchtig, unbarmherzig, voller Herrschsucht, Mißtrauen usw.



Im Hirten kommt der Antagonismus heraus: er muß die entgegengesetzten Eigenschaften der Heerde haben

Todfeindschaft der Heerde gegen die Rangordnung: ihr Instinkt zu Gunsten der Gleichmacher (Christus); gegen die starken Einzelnen (les souverains) ist sie feindselig, unbillig, maßlos, unbescheiden, frech, rücksichtslos, feig, verlogen, falsch, unbarmherzig, versteckt, neidisch, rachsüchtig.

9 [86]

(61)      moralistischer Naturalismus: Rückführung des scheinbar emancipirten, übernatürlichen Moralwerthes auf seine “Natur”: d.h. auf die natürliche Immoralität, auf die natürliche “Nützlichkeit” usw.

Ich darf die Tendenz dieser Betrachtungen als moral[istischen] Nat[uralismus] bezeichnen: meine Aufgabe ist, die scheinbar emancipirten und naturlos gewordenen Moralwerthe in ihre Natur zurückzuübersetzen—d.h. in ihre natürliche “Immoralität”

NB. Vergleich mit der jüdischen “Heiligkeit” und ihrer Naturbasis: ebenso steht es mit dem souverain gemachten Sittengesetz, losgelöst von seiner Natur (—bis zum Gegensatz zur Natur—)

Schritte der “Entnatürlichung der Moral” (sog. “Idealisirung”)

als Weg zum Individual-Glück
als Folge der Erkenntniß
als kateg[orischer] Imperativ, losgelöst von — — —
als Weg zur Heiligung
als Verneinung des Willens zum Leben

die schrittweise Lebensfeindlichkeit der Moral.

9 [87]

(62)      Die unterdrückte und ausgewischte Häresie in der Moral

Begriffe: heidnisch
            : Herren-Moral
            : virtù

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(63)      Im neuen Testament, speziell aus den Evangelien höre ich durchaus nichts “Göttliches” reden: vielmehr eine indirekte Form der abgründlichsten Verleumdungs- und Vernichtungswuth—eine der unehrlichsten Formen des Hasses:

— es fehlt alle Kenntniß der Eigenschaften einer höheren Natur

— ungescheuter Mißbrauch aller Art Biedermännerei; der ganze Schatz von Sprüchwörtern ist ausgenützt und angemaßt; war es nöthig, daß ein Gott kommt, um jenen Zöllnern zu sagen usw.

nichts ist gewöhnlicher als dieser Kampf gegen die Pharisäer mit Hülfe einer absurden und unpraktischen Moral-Scheinbarkeit—an solchem tour de force hat das Volk immer sein Vergnügen gehabt

Vorwurf der “Heuchelei”! aus diesem Munde!

nichts ist gewöhnlicher als die Behandlung der Gegner—ein indicium verfänglichster Art für Vornehmheit oder nicht ...

Hätte einer nur den 100. Theil gesagt, so verdiente [er], als Anarchist, den Untergang.

Pilatus die einzige honnete Person, sein dédain vor diesem Juden-Geschwätz von “Wahrheit,” als ob solch Volk mitreden dürfte, wenn es sich um Wahrheit handelt, sein Ÿ (g(k"n", sein wohlwollender Versuch, diesen absurden Attentäter los zu geben, in dem er schwerlich etwas anderes sehen konnte als einen Narren ...

sein Ekel in Hinsicht auf jenes nie genug zu verurtheilende Wort “ich bin die Wahrheit”

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(64)      die Annahme des Seienden ist nöthig, um denken und schließen zu können: die Logik handhabt nur Formeln für Gleichbleibendes

deshalb wäre diese Annahme noch ohne Beweiskraft für die Realität: “das Seiende” gehört zu unserer Optik.

das “Ich” als seiend (— durch Werden und Entwicklung nicht berührt)

die fingirte Welt von Subjekt, Substanz, “Vernunft” usw. ist nöthig—: eine ordnende, vereinfachende, fälschende, künstlich-trennende Macht ist in uns. “Wahrheit.”— Wille, Herr zu werden über das Vielerlei der Sensationen.

— die Phänomene aufreihen auf bestimmte Kategorien

— hierbei gehen wir vom Glauben an das “An sich” der Dinge aus (wir nehmen die Phänomene als wirklich)

Der Charakter der werdenden Welt als unformulirbar, als “falsch,” als “sich-widersprechend”

Erkenntniß und Werden schließt sich aus.

Folglich muß “Erkenntniß” etwas anderes sein: es muß ein Wille zum Erkennbar-machen vorangehn, eine Art Werden selbst muß die Täuschung des Seienden schaffen.

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In diesen streitbaren Abhandlungen, mit denen ich meinen Feldzug gegen die eben so unphilosophische als verhängnißvolle Gesamt-Überschätzung der Moral fortsetze — — —

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(65)      Zur Bekämpfung des Determinismus.

Daraus, daß Etwas regelmäßig erfolgt und berechenbar erfolgt, ergiebt sich nicht, daß es nothwendig erfolgt. Daß ein Quantum Kraft sich in jedem bestimmten Falle auf eine einzige Art und Weise bestimmt und benimmt, macht ihn nicht zum “unfreien Willen.” Die “mechanische Nothwendigkeit” ist kein Thatbestand: wir erst haben sie in das Geschehn hinein interpretirt. Wir haben die Formulirbarkeit des Geschehens ausgedeutet als Folge einer über dem Geschehen waltenden Necessität. Aber daraus, daß ich etwas Bestimmtes thue, folgt keineswegs, daß ich es gezwungen thue. Der Zwang ist in den Dingen gar nicht nachweisbar: die Regel beweist nur, daß ein und dasselbe Geschehn nicht auch ein anderes Geschehn ist. Erst dadurch, daß wir Subjekte “Thäter” in die Dinge hineingedeutet haben, entsteht der Anschein, daß alles Geschehn die Folge von einem auf Subjekte ausgeübten Zwang ist—ausgeübt von wem? wiederum von einem “Thäter.” Ursache und Wirkung—ein gefährlicher Begriff, solange man ein Etwas denkt, das verursacht und ein Etwas, auf das gewirkt wird.

A) die Nothwendigkeit ist kein Thatbestand, sondern eine Interpretation.

B) Hat man begriffen, daß das “Subjekt” nichts ist, was wirkt, sondern nur eine Fiktion, so folgt Vielerlei.

Wir haben nur nach dem Vorbilde des Subjektes die Dinglichkeit erfunden und in den Sensationen-Wirrwarr hineininterpretirt. Glauben wir nicht mehr an das wirkende Subjekt, so fällt auch der Glaube an wirkende Dinge, an Wechselwirkung, Ursache und Wirkung zwischen jenen Phänomenen, die wir Dinge nennen.

Es fällt damit natürlich auch die Welt der wirkenden Atome: deren Annahme immer unter der Voraussetzung gemacht ist, daß man Subjekte braucht.

Es fällt endlich auch das Ding an sich: weil dies im Grunde die Conception eines “Subjekts an sich” ist. Aber wir begriffen, daß das Subjekt fingirt ist. Der Gegensatz “Ding an sich” und “Erscheinung” ist unhaltbar; damit aber fällt auch der Begriff “Erscheinung” dahin.

C) Geben wir das wirkende Subjekt auf, so auch das Objekt, auf das gewirkt wird. Die Dauer, die Gleichheit mit sich selbst, das Sein inhärirt weder dem, was Subjekt, noch dem, was Objekt genannt wird: es sind Complexe des Geschehens, in Hinsicht auf andere Complexe scheinbar dauerhaft—also z.B. durch eine Verschiedenheit im tempo des Geschehens, (Ruhe-Bewegung, fest-locker: alles Gegensätze, die nicht an sich existiren und mit denen thatsächlich nur Gradverschiedenheiten ausgedrückt werden, die für ein gewisses Maaß von Optik sich als Gegensätze ausnehmen.

Es giebt keine Gegensätze: nur von denen der Logik her haben wir den Begriff des Gegensatzes—und von denen aus fälschlich in die Dinge übertragen.

D) Geben wir den Begriff “Subjekt” und “Objekt” auf, dann auch den Begriff “Substanz”—und folglich auch dessen verschiedene Modificationen z.B. “Materie” “Geist” und andere hypothetische Wesen “Ewigkeit und Unveränderlichkeit des Stoffes” usw. Wir sind die Stofflichkeit los.

Moralisch ausgedrückt: ist die Welt falsch. Aber, insofern die Moral selbst ein Stück dieser Welt ist, so ist die Moral falsch

Der Wille zur Wahrheit ist ein Fest-machen, ein Wahr-Dauerhaft-Machen, ein Aus-dem-Auge-schaffen jenes falschen Charakters, eine Umdeutung desselben ins Seiende.

Wahrheit ist somit nicht etwas, was da wäre und was aufzufinden, zu entdecken wäre,—sondern etwas, das zu schaffen ist und das den Namen für einen Prozeß abgiebt, mehr noch für einen Willen der Überwältigung, der an sich kein Ende hat: Wahrheit hineinlegen, als ein processus in infinitum, ein aktives Bestimmen, nicht ein Bewußtwerden von etwas, [das] “an sich” fest und bestimmt wäre. Es ist ein Wort für den “Willen zur Macht”

Das Leben ist auf die Voraussetzung eines Glaubens an Dauerndes und Regulär-Wiederkehrendes gegründet; je mächtiger das Leben, um so breiter muß die errathbare, gleichsam seiend gemachte Welt sein. Logisirung, Rationalisirung, Systematisirung als Hülfsmittel des Lebens.

Der Mensch projicirt seinen Trieb zur Wahrheit, sein “Ziel” in einem gewissen Sinn außer sich als seiende Welt, als metaphysische Welt, als “Ding an sich,” als bereits vorhandene Welt.

Sein Bedürfniß als Schaffender erdichtet bereits die Welt, an der er arbeitet, nimmt sie vorweg: diese Vorwegnahme (“dieser Glaube” an die Wahrheit) ist seine Stütze.



Alles Geschehen, alle Bewegung, alles Werden als ein Feststellen von Grad- und Kraftverhältnissen, als ein Kampf ...

Das “Wohl des Individuums” ist eben so imaginär als das “Wohl der Gattung”: das erstere wird nicht dem letzteren geopfert, Gattung ist, aus der Ferne betrachtet, etwas eben so Flüssiges wie Individuum. “Erhaltung der Gattung” ist nur eine Folge des Wachsthums der Gattung, d.h. der Überwindung der Gattung auf dem Wege zu einer stärkeren Art

Sobald wir uns Jemanden imaginiren, der verantwortlich ist dafür, daß wir so und so sind usw. (Gott, Natur), ihm also unsere Existenz, unser Glück und Elend als Absicht zulegen, verderben wir uns die Unschuld des Werdens. Wir haben dann Jemanden, der durch uns und mit uns etwas erreichen will

Daß die anscheinende “Zweckmäßigkeit” (“die aller menschlichen Kunst unendlich überlegene Zweckmäßigkeit”) bloß die Folge jenes in allem Geschehen [sich] abspielenden Willens zur Macht ist

daß das Stärkerwerden Ordnungen mit sich bringt, die einem Zweckmäßigkeits-Entwurfe ähnlich sehen

daß die anscheinenden Zwecke nicht beabsichtigt sind, aber, sobald die Übermacht über eine geringere Macht erreicht ist und letztere als Funktion der größeren arbeitet, eine Ordnung des Rangs, der Organisation den Anschein einer Ordnung von Mittel und Zweck erwecken muß.

Gegen die anscheinende “Nothwendigkeit
            — diese nur ein Ausdruck dafür, daß eine Kraft nicht auch etwas Anderes ist.

Gegen die anscheinende “Zweckmäßigkeit
            — letztere nur ein Ausdruck für eine Ordnung von Machtsphären und deren Zusammenspiel.

Die logische Bestimmtheit Durchsichtigkeit als Kriterium der Wahrheit (“omne illud verum est, quod clare et distincte percipitur” Descartes): damit ist die mechanische Welthypothese erwünscht und glaublich. [Vgl. Otto Liebmann, Gedanken und Thatsachen: philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. H. 1: Die Arten der Nothwendigkeit.— Die mechanische Naturerklärung.— Idee und Entelechie. Straßburg: Trübner, 1882:56-57.]

Aber das ist eine grobe Verwechslung: wie simplex sigillum veri. Woher weiß man das, daß die wahre Beschaffenheit der Dinge in diesem Verhältniß zu unserem Intellekt steht?— [Vgl. Otto Liebmann, Gedanken und Thatsachen: philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. H. 1: Die Arten der Nothwendigkeit.— Die mechanische Naturerklärung.— Idee und Entelechie. Straßburg: Trübner, 1882:56-57.] Wäre es nicht anders? daß die ihm am meisten das Gefühl von Macht und Sicherheit gebende Hypothese am meisten von ihm bevorzugt, geschätzt, und folglich als wahr bezeichnet wird?— Der Intellekt setzt sein freiestes und stärkstes Vermögen und Können als Kriterium des Werthvollsten, folglich Wahren ...

“wahr”:von Seiten des Gefühls aus—: was das Gefühl am Stärksten erregt (“Ich”)
 von Seiten des Denkens aus—: was dem Denken das größte Gefühl von Kraft giebt
 von Seiten des Tastens, Sehens, Hörens aus: wobei am Stärksten Widerstand zu leisten ist

Also die höchsten Grade in der Leistung erwecken für das Objekt den Glauben an dessen “Wahrheit” d.h. Wirklichkeit. Das Gefühl der Kraft, des Kampfes, des Widerstand[es] überredet dazu, daß es etwas giebt, dem hier widerstanden wird.

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Liebmann p. 11 [Vgl. Otto Liebmann, Gedanken und Thatsachen: philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. H. 1: Die Arten der Nothwendigkeit.— Die mechanische Naturerklärung.— Idee und Entelechie. Straßburg: Trübner, 1882:11.]

Dynamis “reale Tendenz zur Aktion,” noch gehemmt, die sich zu aktualisiren versucht

— “Wille zur Macht”

“Spannkraft”

“aufgesammelte und aufgespeicherte Bewegungstendenz”

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(66)      Ich will auch die Asketik wieder vernatürlichen; an Stelle der Absicht auf Verneinung die Absicht auf Verstärkung; eine Gymnastik des Willens; eine Entbehrung und eingelegte Fastenzeiten jeder Art, auch im Geistigsten (Dîners chez Magny: lauter geistige Schlecker mit verdorbenem Magen); eine Casuistik der That in Bezug auf unsere Meinung die wir von unseren Kräften haben: ein Versuch mit Abenteuern und willkürlichen Gefahren.— Man sollte Prüfungen erfinden auch für die Stärke im Worthalten-können. [Vgl. Edmond and Jules Huot de Goncourt, Journal des Goncourt. Mémoires de la vie littéraire 1862-1865. Paris: Charpentier, 1887. Vgl. 10. November 1887 Brief an Heinrich Köselitz: "Der II. Band des 'Journal des Goncourts' ist erschienen: die interessanteste Novität. Er betrifft die Jahre 1862-65; in ihm sind die berühmten dîners chez Magny auf das Handgreiflichste beschrieben, jene Diners, welche zweimal monatlich die damalige geistreichste und skeptischste Bande der Pariser Geister zusammenbrachten (Saint-Beuve, Flaubert, Théophile Gautier, Taine, Renan, die Goncourts, Schérer, Gavarni, gelegentlich Turgenew u.s.w.). Exasperirter Pessimismus, Cynismus, Nihilismus, mit viel Ausgelassenheit und gutem Humor abwechselnd; ich selbst gehörte gar nicht übel hinein—ich kenne diese Herrn auswendig, so sehr daß ich sie eigentlich bereits satt habe. Man muß radikaler sein: im Grunde fehlt es bei Allen an der Hauptsache—'la force.'"]

9 [94]

Zur Größe gehört die Furchtbarkeit: man lasse sich nichts vormachen.

9 [95]

Abhandlungen.

Woraus man bisher die “wahre Welt” gezimmert hat.
Die Entnatürlichung der Moral auch des Gewissens (auch der Asketik) (auch der Vernunft, Scholastik, Staat
Die Zweckmäßigkeit.
Die Nothwendigkeit.
Der Heerdeninstinkt in der Moral.
Die Circe der Philosophen.
Die Starken der Zukunft.
Das tragische Zeitalter: Lehre von der ewigen Wiederkunft.
Die psychologische Falschmünzerei.
Logik unter der Herrschaft von Werthurtheilen.
Die Schönheit. Der Nihilism als Kunst.
Giebt es eine Metaphysik? ...

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Die drei Scheinbarkeiten:
       die Ursächlichkeit
       die Zweckmäßigkeit
       die Nothwendigkeit
Entnatürlichung der Werthe
Gegensätze an Stelle der Rangordnung
Die verworfene Welt

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(67)      Ein und dasselbe zu bejahen und zu verneinen mißlingt uns: das ist ein subjektiver Erfahrungssatz, darin drückt sich keine “Nothwendigkeit” aus, sondern nur ein Nicht-vermögen. [Vgl. Otto Liebmann, Gedanken und Thatsachen: philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. H. 1: Die Arten der Nothwendigkeit.— Die mechanische Naturerklärung.— Idee und Entelechie. Straßburg: Trübner, 1882:29-30.]

Wenn, nach Aristoteles der Satz vom Widerspruch der gewisseste aller Grundsätze ist, wenn er der letzte und unterste ist, auf den alle Beweisführung[en] zurückgehn, wenn in ihm das Princip aller anderen Axiome liegt: um so strenger sollte man erwägen, was er im Grunde schon an Behauptungen voraussetzt. [Vgl. Otto Liebmann, Gedanken und Thatsachen: philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. H. 1: Die Arten der Nothwendigkeit.— Die mechanische Naturerklärung.— Idee und Entelechie. Straßburg: Trübner, 1882:24.] Entweder wird mit ihm etwas in Betreff des Wirklichen, Seienden behauptet, wie als ob er dasselbe anderswoher bereits kennte: nämlich daß ihm nicht entgegengesetzte Prädikate zugesprochen werden können. Oder der Satz will sagen: daß ihm entgegengesetzte Prädikate nicht zugesprochen werden sollen? Dann wäre Logik ein Imperativ, nicht zur Erkenntniß des Wahren, sondern zur Setzung und Zurechtmachung einer Welt, die uns wahr heißen soll.

Kurz, die Frage steht offen: sind die logischen Axiome dem Wirklichen adäquat, oder sind sie Maaßstäbe und Mittel, um Wirkliches den Begriff “Wirklichkeit” für uns erst zu schaffen? ... Um das Erste bejahen zu können, müßte man aber, wie gesagt, das Seiende bereits kennen; was schlechterdings nicht der Fall ist. Der Satz enthält also kein Kriterium der Wahrheit, sondern einen Imperativ über das, was als wahr gelten soll.

Gesetzt, es gäbe ein solches Sich-selbst-identisches A gar nicht, wie es jeder Satz der Logik (auch der M[athematik]) voraussetzt, das A wäre bereits eine Scheinbarkeit, so hätte die Logik eine bloß scheinbare Welt zur Voraussetzung. In der That glauben wir an jenen Satz unter dem Eindruck der unendlichen Empirie, welche ihn fortwährend zu bestätigen scheint. Das “Ding”—das ist das eigentliche Substrat zu A : unser Glaube an Dinge ist die Voraussetzung für den Glauben an die Logik. Das A der Logik ist wie das Atom eine Nachconstruktion des “Dings” ... Indem wir das nicht begreifen, und aus der Logik ein Kriterium des wahren Seins machen, sind wir bereits auf dem Wege, alle jene Hypostasen, Substanz Prädicat Object Subject Action usw., als Realitäten zu setzen: d.h. eine metaphysische Welt zu concipiren, d.h. “wahre Welt” (—diese ist aber die scheinbare Welt noch einmal ...)

Die ursprünglichsten Denkakte, das Bejahen und Verneinen das Für-wahr-halten und Nicht-für-wahr-halten, sind, insofern sie nicht nur eine Gewohnheit sondern ein Recht voraussetzen, überhaupt Für-wahr-zu halten oder für-unwahr zu halten, bereits von einem Glauben beherrscht, daß es für uns Erkenntniß giebt, daß Urtheilen wirklich die Wahrheit treffen könne:—kurz, die Logik zweifelt nicht, etwas vom An-sich-Wahren aussagen zu können (nämlich daß ihm nicht entgegengesetzte Prädikate zukommen können)

Hier regiert das sensualistische grobe Vorurtheil, daß die Empfindungen uns Wahrheiten über die Dinge lehren,—daß ich nicht zu gleicher Zeit von ein und demselben Ding sagen kann, es ist hart und es ist weich (der instinktive Beweis “ich kann nicht 2 entgegengesetzte Empfindungen zugleich haben”—ganz grob und falsch). Das begriffliche Widerspruchs-Verbot geht von dem Glauben aus, daß wir Begriffe bilden können, daß ein Begriff das Wahre eines Dinges nicht nur bezeichnet, sondern faßt ... Thatsächlich gilt die Logik (wie die Geometrie und Arithmetik) nur von fingirten Wahrheiten, die wir geschaffen haben. Logik ist der Versuch, nach einem von uns gesetzten Seins-Schema die wirkliche Welt zu begreifen, richtiger, uns formulirbar, berechenbar zu machen ...

9 [98]

[Vgl. William Henry Rolph, Biologische Probleme: zugleich als Versuch zur Entwicklung einer rationellen Ethik. Leipzig: Engelmann, 1884:122-29.]

(68)

Psychologische Ableitung unseres Glaubens an die Vernunft.

 

Der Begriff “Realität” “Sein” ist von unserem “Subjekt”-Gefühle entnommen.

“Subjekt”: von uns aus interpretirt, so daß das Ich als Subjekt gilt, als Ursache alles Thuns, als Thäter.

Die logisch-metaphysischen Postulate, der Glaube an Substanz, Accidens, Attribut usw. hat seine Überzeugungskraft in der Gewohnheit, all unser Thun als Folge unseres Willens zu betrachten:—so daß das Ich, als Substanz, nicht eingeht in die Vielheit der Veränderung.— Aber es giebt keinen Willen. —

Wir haben gar keine Kategorien, um eine “Welt an sich” von einer Welt als Erscheinung scheiden zu dürfen. Alle unsere Vernunft-Kategorien sind sensualistischer Herkunft: abgelesen von der empirischen Welt. “Die Seele,” “das Ich”—[die] Geschichte dieses Begriffes zeigt, daß auch hier die älteste Scheidung (“Athem,” “Leben”) — — —

Wenn es nichts Materielles giebt, giebt es auch nichts Immaterielles. Der Begriff enthält nichts mehr ...



Keine Subjekt- “Atome.” Die Sphäre eines Subjektes beständig wachsend oder sich vermindernd—der Mittelpunkt des Systems sich beständig verschiebend—; im Falle es die angeeignete Masse nicht organisiren kann, zerfällt es in 2. Andererseits kann es sich ein schwächeres Subjekt, ohne es zu vernichten, zu seinem Funktionär umbilden und bis zu einem gewissen Grad mit ihm zusammen eine neue Einheit bilden. Keine “Substanz,” vielmehr Etwas, das an sich nach Verstärkung strebt; und das sich nur indirekt “erhalten” will (es will sich überbieten—)

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NB. Nicht klug sein wollen, als Psycholog; wir dürfen nicht einmal klug sein .. Wer aus seinem Wissen, aus seiner Menschenkenntniß kleine Vortheile erschnappen will (—oder große, gleich dem Politiker—) geht vom Allgemeinen zum einzelnsten Fall zurück; aber diese Art Optik ist jener anderen entgegengesetzt, die wir allein brauchen können: wir sehen vom Einzelnsten hinaus

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[(69)] Gattung— — —

Der Fortgang zu höherer Macht: die Gattungen sind nur relative Verlangsamungen des tempos, Anzeichen, daß die Möglichkeiten Vorbedingungen zu schneller Verstärkung zu mangeln anfangen (Gattungen sind nicht Ziele: das letzte, was “der Natur” am Herzen liegt, wäre die Erhaltung der Gattungen!!)

From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel