From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel
 
English Translation
Concordance between
The Will to Power
and KSA
Home

COPYRIGHT NOTICE: The content of this website, including text and images, is the property of The Nietzsche Channel. Reproduction in any form is strictly prohibited. © The Nietzsche Channel.

Ende 1886—Frühjahr 1887 7 [1-70]

7 [1]

Psychologie des Irrthums

Wir haben von Alters her den Werth einer Handlung, eines Charakters, eines Daseins in die Absicht gelegt, in den Zweck, um dessentwillen gethan, gehandelt, gelebt worden ist: diese uralte Idiosynkrasie des Geschmacks nimmt endlich eine gefährliche Wendung,—gesetzt nämlich, daß die Absicht- und Zwecklosigkeit des Geschehens immer mehr in den Vordergrund des Bewußtseins tritt. Damit scheint eine allgemeine Entwerthung sich vorzubereiten: “alles hat keinen Sinn”—diese melancholische Sentenz heißt “aller Sinn liegt in der Absicht und gesetzt daß die Absicht ganz und gar fehlt, so fehlt auch ganz und gar der Sinn.” Man war, jener Schätzung gemäß, genöthigt gewesen, den Werth des Lebens in ein “Leben nach dem Tode” zu verlegen; oder in die fortschreitende Entwicklung der Ideen oder der Menschheit oder des Volkes oder über den Menschen weg; aber damit war man in den Zweck-progressus in infinitum gekommen, man hatte endlich nöthig, sich einen Platz in dem “Welt-Prozeß” auszumachen (mit der dysdämonistischen Perspektive vielleicht, daß es der Prozeß ins Nichts sei).

Dem gegenüber bedarf der “Zweck” einer strengeren Kritik: man muß einsehen, daß eine Handlung niemals verursacht wird durch einen Zweck; daß Zweck und Mittel Auslegungen sind, wobei gewisse Punkte eines Geschehens unterstrichen und herausgewählt werden, auf Unkosten anderer und zwar der meisten; daß jedes Mal, wenn etwas auf einen Zweck hin gethan wird, etwas Grundverschiedenes und Anderes geschieht; daß in Bezug auf jede Zweck-Handlung es so steht, wie mit der angeblichen Zweckmäßigkeit der Hitze, welche die Sonne ausstrahlt: die übergroße Masse ist verschwendet; ein kaum in Rechnung kommender Theil hat “Zweck,” hat “Sinn”—; daß ein “Zweck” mit seinen “Mitteln” eine unbeschreiblich unbestimmte Zeichnung ist, welche als Vorschrift, als “Wille” zwar kommandiren kann, aber ein System von Gehorchenden und Eingeschulten Werkzeugen voraussetzt, welche an Stelle des Unbestimmten lauter feste Größen setzen (d.h. wir imaginiren ein System von zweck- und mittelsetzenden klügeren aber engeren Intellekten, um unserem einzig bekannten “Zwecke” die Rolle der “Ursache einer Handlung” zumessen zu können: wozu wir eigentlich kein Recht haben (es hieße, um ein Problem zu lösen, die Lösung des Problems in eine unserer Beobachtung unzugängliche Welt hineinstellen—) Zuletzt: warum könnte nicht “ein Zweck” eine Begleiterscheinung sein, in der Reihe von Veränderungen wirkender Kräfte, welche die zweckmäßige Handlung hervorrufen—ein in das Bewußtsein vorausgeworfenes blasses Zeichenbild, das uns zur Orientirung dient dessen, was geschieht, als ein Symptom selbst vom Geschehen, nicht als dessen Ursache?— Aber damit haben wir den Willen selbst kritisirt: ist es nicht eine Illusion, das, was im Bewußtsein als Willens-Akt auftaucht, als Ursache zu nehmen? Sind nicht alle Bewußtseins-Erscheinungen nur End-Erscheinungen, letzte Glieder einer Kette, aber scheinbar in ihrem Hintereinander innerhalb Einer Bewußtseins-Fläche sich bedingend? Dies könnte eine Illusion sein. —



Widerspruch gegen die angeblichen “Thatsachen des Bewußtseins.” Die Beobachtung ist tausendfach schwieriger, der Irrthum vielleicht Bedingung der Beobachtung überhaupt.



Ich habe die Absicht, meinen Arm auszustrecken; angenommen, ich weiß so wenig von Physiologie des menschlichen Leibes und von den mechanischen Gesetzen seiner Bewegung als ein Mann aus dem Volke, was giebt es eigentlich Vageres, Blasseres, Ungewisseres als diese Absicht im Vergleich zu dem was darauf geschieht? Und gesetzt, ich sei der scharfsinnigste Mechaniker und speziell über die Formeln unterrichtet, die hierbei angewendet werden, so würde ich um keinen Deut besser oder schlechter meinen Arm ausstrecken. Unser “Wissen” und unser “Thun” in diesem Falle liegen kalt auseinander: als wie in zwei verschiedenen Reichen.— Andrerseits: Napoleon führt den Plan eines Feldzugs durch—was heißt das? Hier ist alles gewußt, was zur Durchführung des Plans gehört, weil Alles befohlen werden muß: aber auch hier sind Untergebene vorausgesetzt, welche das Allgemeine auslegen, anpassen an die Noth des Augenblicks, Maaß der Kraft usw.

Die Welt ist nicht so und so: und die lebenden Wesen sehen sie, wie sie ihnen erscheint. Sondern: die Welt besteht aus solchen lebenden Wesen, und für jedes derselben giebt es einen kleinen Winkel, von dem aus es mißt, gewahr wird, sieht und nicht sieht. Das “Wesen” fehlt: Das “Werdende,” “Phänomenale” ist die einzige Art Sein. | ?



“Es verändert sich,” keine Veränderung ohne Grund—setzt immer schon ein Etwas voraus, das hinter der Veränderung steht und bleibt.

“Ursache” und “Wirkung”: psychologisch nachgerechnet ist es der Glaube, der sich im Verbum ausdrückt, Activum und Passivum, Thun und Leiden. Das heißt: die Trennung des Geschehens in ein Thun und Leiden, die Supposition eines Thuenden ist vorausgegangen. Der Glaube an den Thäter steckt dahinter: wie als ob, wenn alles Thun vomThäterabgerechnet würde, er selbst noch übrig bliebe. Hier soufflirt immer die “Ich-Vorstellung”: Alles Geschehen ist als Thun ausgelegt worden: mit der Mythologie, ein dem “Ich” entsprechendes Wesen — — —

7 [2]

Werth von Wahrheit und Irrthum

Der Ursprung unsrer Werthschätzungen: aus unsren Bedürfnissen

Ob nicht der Ursprung unsrer anscheinenden “Erkenntnisse” auch nur in älteren Werthschätzungen zu suchen ist, welche so fest einverleibt sind, daß sie zu unsrem Grundbestand gehören? So daß eigentlich nur jüngere Bedürfnisse mit dem Resultat der ältesten Bedürfnisse handgemein werden?

Die Welt, so und so gesehen, empfunden, ausgelegt, daß organisches Leben bei dieser Perspektive von Auslegung sich erhält. Der Mensch ist nicht nur ein Individuum, sondern das Fortlebende Gesammt-Organische in Einer bestimmten Linie. Daß er besteht, damit ist bewiesen, daß eine Gattung von Interpretation (wenn auch immer fortgebaut) auch bestanden hat, daß das System der Interpretation nicht gewechselt hat. “Anpassung”

Unser “Ungenügen,” unser “Ideal” usw. ist vielleicht die Consequenz dieses einverleibten Stücks Interpretation, unseres perspektivischen Gesichtspunkts; vielleicht geht endlich das organische Leben daran zu Grunde—so wie die Arbeitstheilung von Organismen zugleich eine Verkümmerung und Schwächung der Theile, endlich den Tod für das Ganze mit sich bringt. Es muß der Untergang des organischen Lebens auf seiner höchsten Form ebenso angelegt sein wie der Untergang des Einzelnen.

Werth von Wahrheit und Irrthum
(19)

Die WerthschätzungenA) als Folge (Leben, oder Niedergang
B) als Ursache
mißverständliche Auslegung
Maskerade
als Kunst der Verleumdung, der Selbstverherrlichung



ständisch bedingt
rassemäßig bedingt
Sonntags- und Alltags-Werthe
in Krisen, in Kriegen und Gefahren oder im Frieden




die Entstehung im Ruhm eines Ideals, in der Verurtheilung seines Gegentheils.
Antagonismuszwischen Verstärkung und “Verbesserung,” zwischen Verstärkung des Individuums und Verstärkung einer Rasse, zwischen Verstärkung einer Rasse und Verstärkung der “Menschheit.”



NB. Das “Schöpferische” wie tief hinein?

warum alle Thätigkeit, auch die eines Sinnes, mit Lust verknüpft? Weil vorher eine Hemmung, ein Druck bestand? Oder vielmehr weil alles Thun ein Überwinden, ein Herrwerden ist und Vermehrung des Machtgefühls giebt?— Die Lust im Denken.— Zuletzt ist es nicht nur das Gefühl der Macht, sondern die Lust an dem Schaffen und am Geschaffenen: denn alle Thätigkeit kommt uns ins Bewußtsein als Bewußtsein eines “Werks”

Werth von Wahrheit und Irrthum

Ein Künstler hält keine Wirklichkeit aus, er blickt weg, zurück, seine ernsthafte Meinung ist, daß was ein Ding werth ist, jener schattengleiche Rest ist, den man aus Farben, Gestalt, Klang, Gedanken gewinnt, er glaubt daran, daß, je mehr subtilisirt verdünnt verflüchtigt ein Ding, ein Mensch wird, um so mehr sein Werth zunimmt: je weniger real, um so mehr Werth. Dies ist Platonismus: der aber noch eine Kühnheit mehr besaß, im Umdrehen:—er maß den Grad Realität nach dem Werthgrade ab und sagte: je mehr “Idee,” desto mehr Sein. Er drehte den Begriff “Wirklichkeit” herum und sagte: “was ihr für  wirklich  haltet,  ist  ein  Irrthum,  und  wir  kommen,  je  näher  wir  der ‘Idee’ kommen, [um so näher] der ‘Wahrheit.’”— Versteht man es? Das war die größte Umtaufung: und weil sie vom Christenthum aufgenommen ist, so sehen wir die erstaunliche Sache nicht. Plato hat im Grunde den Schein, als Artist, der er war, dem Sein vorgezogen: also die Lüge und Erdichtung der Wahrheit, das Unwirkliche dem Vorhandenen,—er war aber so sehr vom Werthe des Scheins überzeugt, daß er ihm die Attribute “Sein” “Ursächlichkeit” und “Gutheit,” Wahrheit, kurz Alles Übrige beilegte, dem man Werth beilegt.

Der Werthbegriff selbst, als Ursache gedacht: erste Einsicht.

Das Ideal mit allen Attributen bedacht, die Ehre verleihen: zweite Einsicht

7 [3]

Der Wille zur Wahrheit

Die “Agnostiker,” die Verehrer des Unbekannten und Geheimnißvollen an sich, woher nehmen sie das Recht, ein Fragezeichen als Gott anzubeten? Ein Gott, der sich dergestalt im Verborgenen hält, verdient vielleicht Furcht, aber gewiß nicht Anbetung! Und warum könnte das Unbekannte nicht der Teufel sein? Aber “es muß angebetet werden”—so gebietet hier der Instinkt für den Anstand: das ist englisch.

Die Transcendentalisten, welche finden, daß alle menschliche Erkenntniß nicht den Wünschen ihres Herzens genugthut, vielmehr ihnen widerspricht und Schauder macht,—sie setzen unschuldig eine Welt irgendwo an, welche dennoch ihren Wünschen entspricht, und die eben nicht unserer Erkenntniß [sich] zugänglich zeigt: diese Welt, meinen sie, sei die wahre Welt, im Verhältniß zu welcher unsere erkennbare Welt nur Täuschung ist. So Kant, so schon die Vedanta-Philosophie, so manche Amerikaner.— “Wahr,” das heißt für sie: was dem Wunsche unseres Herzens entspricht. Ehemals hieß wahr: was der Vernunft entspricht.



Das allgemeinste Zeichen der modernen Zeit: der Mensch hat in seinen eigenen Augen unglaublich an Würde eingebüßt. Lange als Mittelpunkt und Tragödien-Helddes Daseins überhaupt; dann wenigstens bemüht, sich [als] verwandt mit der entscheidenden und an sich werthvollen Seite des Daseins zu beweisen—wie es alle Metaphysiker thun, die die Würde des Menschen festhalten wollen, mit ihrem Glauben, daß die moralischen Werthe cardinale Werthe sind. Wer Gott fahren ließ, hält um so strenger am Glauben an die Moral fest.

Wille zur Wahrheit

Abschwächungen des Affekts.

A. aWille, Absicht, vehemente Begierde in Eine Richtung
  bZweck, weniger vehement, weil die Vorstellung des Mittels und Wegs dazwischen tritt.
  c“Grund,” ohne Begierde: der Satz vom Grunde hat seine psychologische Sicherheit in dem Glauben an Absicht als Ursache jedes Geschehens
B.unterscheidendes Denken als Folge der Furcht und Vorsicht bei dem Willen zur Aneignung.

das richtige Vorstellen eines Objekts ist ursprünglich nur Mittel zum Zweck des Ergreifens, des Fassens und Sich-bemächtigens.

Später wird dieses richtige Vorstellen selbst schon als ein Ergreifen empfunden, als ein Ziel, bei dem Befriedigung eintritt.

Denken zuletzt als Überwältigung und Ausübung von Macht: als ein Zusammenfügen, als Einordnen des Neuen unter alte Reihen usw.
C.das Neue macht Furcht: andrerseits muß Furcht schon da sein, um Neues als neu zu fassen
   das Erstaunen ist die abgeschwächte Furcht.
   Das Bekannte erregt Vertrauen
   

“wahr” ist etwas, das das Sicherheitsgefühl erweckt

 die inertia versucht zunächst das Gleichsetzen bei jedem Eindruck: das heißt den neuen Eindruck und die Erinnerung gleichsetzen; sie will Wiederholung.

die Furcht lehrt Unterscheiden, Vergleichen

Im Urtheil ein Rest Wille (es soll so und so sein) ein Rest Lust-Gefühl (Lust der Bejahung:)

NB. Das Vergleichen ist keine ursprungliche Thätigkeit, sondern das Gleichsetzen! Das Urtheil ist ursprünglich nicht der Glaube, daß etwas so und so ist, sondern der Wille daß etwas so und so sein soll.

NB. der Schmerz ein Urtheil (verneinend) in seiner gröbsten Form

die Lust eine Affirmation

Zur psychologischen Genesis von “Ursache und Wirkung.”

Wille zur Wahrheit

Interpretation

In wiefern die Welt-Auslegungen Symptom eines herrschenden Triebes sind.

Die artistische Welt-Betrachtung: sich vor das Leben hinsetzen. Aber hier fehlt die Analysis des aesthetischen Anschauens, seine Reduktion auf Grausamkeit, Gefühl der Sicherheit, des Richter-seins und Außerhalb-seins usw. Man muß den Künstler selbst nehmen: und dessen Psychologie (die Kritik des Spieltriebs, als Auslassen von Kraft, Lust am Wechsel, am Eindrücken der eigenen Seele, der absolute Egoismus des Künstlers usw.) Welche Triebe er sublimisirt?



Die wissenschaftliche Welt-Betrachtung: Kritik des psychologischen Bedürfnisses nach Wissenschaft. Das Begreiflich-machen-wollen; das Praktisch-, Nützlich-, Ausbeutbar-machen-wollen—: in wiefern anti-aesthetisch. Der Werth allein, was gezählt und berechnet werden kann. In wiefern eine durchschnittliche Art Mensch dabei zum Übergewicht kommen will. Furchtbar, wenn gar die Geschichte in dieser Weise in Besitz genommen wird—das Reich des Überlegenen, des Richtenden. Welche Triebe er sublimirt!



Die religiöse Welt-Betrachtung: Kritik des religiösen Menschen. Es ist nicht nothwendig der moralische, sondern der Mensch der starken Erhebungen und tiefen Depressionen, der die ersteren mit Dankbarkeit oder Verdacht interpretirt und nicht von sich herleitet (—die letzteren auch nicht—) Wesentlich der sich “unfrei” fühlende Mensch, der seine Zustände, die Unterwerfungs-Instinkte sublimisirt.



Die moralische Welt-Betrachtung. Die socialen Rangordnungs-Gefühle werden ins Universum verlegt: die Unverrückbarkeit, das Gesetz, die Einordnung und Gleichordnung werden, weil am höchsten geschätzt, auch an der höchsten Stelle gesucht, über dem All, oder hinter dem All, ebenso — — —

Was gemeinsam ist: die herrschenden Triebe wollen auch als hochste Werth-Instanzen überhaupt, ja als schöpferische und regierende Gewalten betrachtet werden. Es versteht sich, daß diese Triebe sich gegenseitig entweder anfeinden oder unterwerfen (synthetisch auch wohl binden) oder in der Herrschaft wechseln. Ihr tiefer Antagonismus ist aber so groß, daß wo sie alle Befriedigung wollen, ein Mensch von tiefer Mittelmäßigkeit zu denken ist.



“Schönheit” ist deshalb für den Künstler etwas außer aller Rangordnung, weil in der Schönheit Gegensätze gebändigt sind, das höchste Zeichen von Macht, nämlich über Entgegengesetztes; außerdem ohne Spannung:—daß keine Gewalt mehr noth thut, daß alles so leicht folgt, gehorcht, und zum Gehorsam die liebenswürdigste Miene macht—das ergötzt den Machtwillen des Künstlers.

Die Welt-Auslegungen
und was ihnen gemein ist.

7 [4]

[Vgl. Immanuel Kant: Der Streit der Fakultäten; Kritik der Urteilskraft; Die Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft; Die Metaphysik der Sitten; Kritik der praktischen Vernunft.]
[Vgl. Kuno Fischer, Geschichte der neuern Philosophie. Bd. 1, Ed. 2, Th. 2. Descartes' Schule. Geulinx, Malebranche, Baruch Spinoza. Heidelberg: Bassermann, 1865. Geschichte der neuern Philosophie. Bd. 5. Immanuel Kant und seine Lehre.]

Die Metaphysiker

Die Naiven: Lamennais, Michelet, Victor Hugo

Aus der Gewöhnung an unbedingte Autoritäten ist zuletzt ein tiefes Bedürfniß nach unbedingten Autoritäten entstanden:—so stark, daß es selbst in einem kritischen Zeitalter, wie dem Kants, dem Bedürfniß nach Kritik sich als überlegen bewies, und, in einem gewissen Sinne, die ganze Arbeit des kritischen Verstandes sich unterthänig und zu Nutze [zu] machen wußte.— Es bewies, in der darauf folgenden Generation, welche durch ihre historischen Instinkte nothwendig auf das Relative jeder Autorität hingelenkt wurde, noch Ein Mal seine Überlegenheit, als es auch die Hegelsche Entwicklungs-Philosophie, die in Philosophie umgetaufte Historie selbst sich dienstbar machte und die Geschichte als die fortschreitende Selbstoffenbarung, Selbstüberbietung der moralischen Ideen hinstellte. Seit Plato ist die Philosophie unter der Herrschaft der Moral: auch bei seinen Vorgängern spielen moralische Interpretationen entscheidend hinein (bei Anaximander das Zu-Grunde-gehn aller Dinge als Strafe für ihre Emancipation vom reinen Sein, bei Heraklit die Regelmäßigkeit der Erscheinungen als Zeugniß für den sittlich-rechtlichen Charakter des gesammten Werdens)

Was ist das Kriterium der moralischen Handlung? 1) ihre Uneigennützigkeit 2) ihre Allgemeingültigkeit usw. Aber das ist Stuben-Moralistik. Man muß die Völker studiren und zusehn, was jedes Mal das Kriterium ist, und was sich darin ausdrückt. Ein Glaube “ein solches Verhalten gehört zu unseren ersten Existenz-Bedingungen.” Unmoralisch heißt “untergang-bringend.” Nun sind alle diese Gemeinschaften, in denen diese Sätze gefunden wurden, zu Grunde gegangen: einzelne dieser Sätze sind immer von Neuem unterstrichen worden, weil jede neu sich bildende Gemeinschaft sie wieder nöthig hatte z.B. “du sollst nicht stehlen.” Zu Zeiten, wo das Gemeingefühl für die Gesellschaft (z.B. imperium romanum) nicht verlangt werden konnte, warf sich der Trieb auf’s “Heil der Seele,” religiös gesprochen: oder “das größte Glück” philosophisch geredet. Denn auch die griechischen Moral-Philosophen empfanden nicht mehr mit ihrer B`84l.



Spinoza’s psychologischer Hintergrund. Spärlich!

1) Der hedonistische Gesichtspunkt im Vordergrund: Worin besteht die beharrliche Freude oder wie kann der freudige Affekt verewigt werden?

So lange die Freude sich auf etwas Einzelnes bezieht, ist sie beschränkt und vergänglich; sie wird vollkommen, wenn sie nicht mehr mit den Dingen wechselt, sondern in dem wandellosen Zusammenhange ruht; sie ist ewig, wenn ich das All in mein Eigenthum, omnia in mea, verwandle und von diesen omnia mea jeden Augenblick sagen kann “mecum porto”

Im tract. de intell. emendatione Op. II p. 413. “Ich habe den Entschluß gefaßt zu untersuchen, ob sich etwas finden ließe, dessen Besitz mir den Genuß einer dauernden und höchsten Freude ewig gewährte.” “Die Liebe zu einem ewigen und unendlichen Wesen erfüllt das Gemüth mit einer Freude, die jede Art Trauer ausschließt.” “Das höchste Gut ist die Erkenntniß der Einheit unseres Geistes mit dem Universum.”

2) der natürlich-egoistische Gesichtspunkt: Tugend und Macht identisch. Sie entsagt nicht, sie begehrt, sie kämpft nicht gegen, sondern für die Natur; sie ist nicht die Vernichtung, sondern die Befriedigung des mächtigsten Affekts. Gut ist, was unsere Macht fördert: böse das Gegentheil. Tugend folgt aus dem Streben nach Selbsterhaltung. “Was wir thun, thun wir, um unsere Macht zu erhalten und zu vermehren.” “Unter Tugend und Macht verstehe ich dasselbe.”

Finis = appetitus. Virtus = potentia. Eth. IV Defin. VII. VIII.

3) der spezifische “Denker” verräth sich. Die Erkenntniß wird Herr über alle anderen Affekte; sie ist stärker. “Unsere wahre Thätigkeit besteht in der denkenden Natur, in der vernünftigen Betrachtung. Die Begierde zur Thätigkeit = der Begierde vernunftgemäß zu leben.

“ich gebe nicht viel auf die Autorität eines Plato, Aristoteles und Sokrates”; die Lehre von den “substantiellen Formen” (Zweckbegriff in der scholastischen Ausdrucksweise) nennt er “eine Narrheit unter tausend anderen.”



Feuerbachs “gesunde und frische Sinnlichkeit” “Grundsätze der Philosophie der Zukunft” 1843.

gegen “die abstrakte Philosophie”



Die antike Philosophie hatte den Menschen als Zweck der Natur im Auge

Die christliche Theologie dachte die Erlösung des Menschen als Zweck der göttlichen Vorsehung.



Merkwürdig Spinoza: “ich verstehe unter conscientiae morsus die Traurigkeit, begleitet von der Vorstellung einer vergangenen Sache, die gegen alles Erwarten ausgefallen ist.” Eth. III Prop. XVIII. Schol. I. II. p. 147. 48. Affect. Def. XVII p. 188.

Als Gegensatz das gaudium, wenn der erwartete Ausgang nicht eintrifft und die Furcht plötzlich aufhört. Trotz K. Fischer wäre es möglich, daß hier Spinoza die Bezeichnung a potiori gewählt habe: und daß er als den objektiven Kern jedes “Gewissensbisses” das Bezeichnete ansah. Er mußte ja bei sich die Schuld leugnen: was war also ihm die Thatsache “conscientiae morsus,” welche übrig blieb?



Wenn Alles im letzten Grunde vermöge der göttlichen Macht geschieht, so ist Alles in seiner Art vollkommen, so giebt es kein Übel in der Natur der Dinge; ist der Mensch durchgängig unfrei, so giebt es kein Böses in der Natur des menschlichen Willens; so sind die Übel und das Böse nicht in den Dingen, sondern nur in der Einbildung des Menschen.

In Gott fehlt Wille und Verstand und Persönlichkeit und Zweck.

Spinoza wehrt sich gegen die, welche sagen, Gott wirke alles sub ratione boni. Diese scheinen etwas außerhalb Gottes anzunehmen, das von Gott nicht abhängig ist, worauf er sich wie auf ein Musterbild in seinem Handeln richtet oder wohin er, wie nach einem Ziele trachtet. Das heißt fürwahr Gott dem Schicksale unterwerfen: was die größte Ungereimtheit ist. Eth. 1 Prop. XXXIII Schol. 2.

Der letzte Grund jeder Begebenheit “Gott hat sie gewollt” Asylum ignorantiae. Der Wille Gottes aber ist dem Menschen undurchdringlich. Bei dieser Denkweise würde die Wahrheit dem Menschen in alle Ewigkeit verborgen geblieben sein, wenn nicht die Mathematik (die sich nicht mit Zwecken, sondern lediglich mit der Natur und den Eigenschaften der Größe beschäftigt) dem Menschen eine andere Richtschnur der Wahrheit vorgehalten hätte.

Descartes sagt “ich habe Vieles für wahr gehalten, dessen Irrthum ich jetzt einsehe.” Spinoza “ich habe Vieles für Gut gehalten, von dem ich jetzt einsehe, daß es eitel und werthlos ist.” “Wenn es ein ächtes und unverlierbares Gut giebt, so ist die Befriedigung daran ebenso dauernd und unzerstörbar, so ist meine Freude ewig.”

Psychologischer Fehlschluß: als ob die Dauerhaftigkeit eines Dings die Dauerhaftigkeit der Affektion verbürgte, die ich zu ihm habe!



(vollkommene Abwesenheit des “Künstlers”) Höchste und komische Pedanterie eines Logikers, der seinen Trieb vergöttert

Spinoza glaubt, Alles absolut erkannt zu haben.

Dabei hat er das größte Gefühl von Macht. Der Trieb dazu hat alle anderen Triebe überwältigt und ausgelöscht.

Das Bewußtsein dieser “Erkenntniß” hält bei ihm an: eine Art “Liebe zu Gott” resultirt daraus, eine Freude am Dasein, wie es auch sonst ist, an allem Dasein.

Woher kommen alle Verstimmungen, Trauer, Furcht, Haß, Neid? Aus Einer Quelle: aus unserer Liebe zu den vergänglichen Dingen. Mit dieser Liebe verschwindet auch das ganze Geschlecht jener Begierden

“Obgleich ich die Nichtigkeit der Güter der Welt klar durchschaute, so konnte ich doch Habsucht, Sinneslust und Ehrgeiz nicht ganz ablegen. Eins aber erfuhr ich: so lange mein Geist in jener Betrachtung lebte, war er diesen Begierden abgewendet—und dies gereichte mir zu großem Troste. Denn daraus sah ich, daß jene Übel nicht unheilbar seien. Anfangs das neue Leben seltene, kurze Augenblicke —”



Nichts hat Werth gegenüber dem Werthe klaren Folgerns. Alle anderen Werthe sind nur Folge unklaren Denkens. Schnöde Verwerfung aller Güter des Lebens; beständige Verleumdung von Allem, um Eins in die höchste Höhe zu bringen, das klare Denken. “Aller Zweifel rührt davon her, daß die Dinge ohne Ordnung untersucht werden.”!!!

Wie bei Schopenhauer: die Begierden schweigen unter der Gewalt der aesthetischen Contemplation.

Eine psychologische Erfahrung, falsch und generell ausgedeutet.



Leibniz: “Man muß mit mir ab effectu urtheilen: weil Gott diese Welt, so wie sie ist, gewählt hat, darum ist sie die beste.” Théod. p 506.



Das theologische Vorurtheil bei Kant, sein unbewußter Dogmatismus, seine moralistische Perspektive als herrschend, lenkend, befehlend

Das BkäJ@< RgØ*@l: wie ist die Thatsache der Erkenntniß möglich?

ist die Erkenntniß überhaupt eine Thatsache?

was ist Erkenntniß? Wenn wir nicht wissen, was Erkenntniß ist, können wir unmöglich die Frage beantworten, ob es Erkenntniß giebt. Sehr schön! Aber wenn ich nicht schon “weiß,” ob es Erkenntniß giebt, geben kann, kann ich die Frage “was ist Erkenntniß” gar nicht vernünftigerweise stellen. Kant glaubt an die Thatsache der Erkenntniß: es ist eine Naivetät, was er will: die Erkenntniß der Erkenntniß!

“Erkenntniß ist Urtheil!” Aber Urtheil ist ein Glaube, daß etwas so und so ist! Und nicht Erkenntniß!

“alle Erkenntniß besteht im synthetischen Urtheilen”—eine nothwendige und allgemeingültige Verknüpfung verschiedener Vorstellungen —

mit dem Charakter der Allgemeinheit (die Sache verhält sich in allen Fällen so und nicht anders)

mit dem Charakter der Nothwendigkeit (das Gegentheil der Behauptung kann nie stattfinden)

Die Rechtmäßigkeit im Glauben an die Erkenntniß wird immer vorausgesetzt: so wie die Rechtmäßigkeit im Gefühl des Gewissensurtheils vorausgesetzt wird. Hier ist die moralische Ontologie das herrschende Vorurtheil.

Also der Schluß ist: 1) es giebt Behauptungen, die wir für allgemeingültig und nothwendig halten

2) der Charakter der Nothwendigkeit und All[gemein]gültigkeit kann nicht aus der Erfahrung stammen

3) folglich muß er ohne Erfahrung, anderswoher sich begründen und eine andere Erkenntnißquelle haben!

Kant schließt 1) es giebt Behauptungen die nur unter gewissen Bedingungen gültig sind

2) diese Bedingung ist, daß es nicht aus der Erfahrung stammt, aus der reinen Vernunft stammt

Also: die Frage ist, woher unser Glaube an die Wahrheit solcher Behauptungen seine Gründe nimmt? Nein, woher er seine Urtheile hat! Aber die Entstehung eines Glaubens, einer starken Überzeugung ist ein psychologisches Problem: und eine sehr begrenzte und enge Erfahrung bringt oft einen solchen Glauben zuwege!

Er setzt bereits voraus, daß es nicht nur “data a posteriori” giebt, sondern auch data a priori, “vor der Erfahrung.” Nothwendigkeit und Allgemeinheit können nie durch Erfahrung gegeben werden: womit ist denn nun klar, daß sie ohne Erfahrung überhaupt da sind?

Es giebt keine einzelnen Urtheile!

Ein einzelnes Urtheil ist niemals “wahr,” niemals Erkenntniß, erst im Zusammenhange, in der Beziehung von vielen Urtheilen ergiebt sich eine Bürgschaft.

Was unterscheidet den wahren und den falschen Glauben?

Was ist Erkenntniß? Er “weiß” es, das ist himmlisch!

Nothwendigkeit und Allgemeinheit können nie durch Erfahrung gegeben werden. Also unabhängig von der Erfahrung, vor aller Erfahrung!

Diejenige Einsicht, die a priori stattfindet, also unabhängig von aller Erfahrung aus der bloßen Vernunft, “eine reine Erkenntniß.”

Die Grundsätze der Logik, der Satz der Identität und des Widerspruchs, sind reine Erkenntnisse, weil sie aller Erfahrung vorausgehen.— Aber das sind gar keine Erkenntnisse! sondern regulative Glaubensartikel!

Um die Apriorität (die reine Vernunftmäßigkeit) der mathematischen Urtheile zu begründen, muß der Raum begriffen werden als eine Form der reinen Vernunft.

Hume hatte erklärt: “es giebt gar keine synthetischen Urtheile a priori.” Kant sagt: doch! die mathematischen! Und wenn es also solche Urtheile giebt, giebt es vielleicht auch Metaphysik, eine Erkenntniß der Dinge durch die reine Vernunft! Quaeritur.

Mathematik ist möglich unter Bedingungen, unter denen Metaphysik nie möglich ist

alle menschliche Erkenntniß ist entweder Erfahrung oder Mathematik

Ein Urtheil ist synthetisch: d.h. es verknüpft verschiedene Vorstellungen

es ist a priori: d.h. jene Verknüpfung ist eine allgemeine und nothwendige, die nie durch sinnliche Wahrnehmung, sondern nur durch reine Vernunft gegeben sein kann.

Soll es synthetische Urtheile a priori geben, so wird die Vernunft im Stande sein müssen, zu verknüpfen: das Verknüpfen ist eine Form. Die Vernunft muß formgebende Vermögen besitzen.

Raum und Zeit als Bedingung der Erfahrung



Kant bezeichnet die französiche Revolution als den Übergang aus dem mechan[ischen] in das organische Staatswesen!



Die erfinderischen und bahnbrechenden Geister in den Wissenschaften, die sogenannten “großen Köpfe,” urtheilt Kant, sind spezifisch vom Genie verschieden: was sie entdeckt und erfunden haben, hätte auch können gelernt werden und ist vollständig begriffen und gelernt worden. In Newton’s Werk ist nichts Unlernbares; Homer ist nicht ebenso begreiflich als Newton! “Im Wissenschaftlichen also ist der größte Erfinder vom mühseligsten Nachahmer und Lehrlinge nur dem Grade nach verschieden.” Psychologischer Idiotismus!!



“der Musik hängt ein gewisser Mangel an Urbanität an,” “sie drängt sich gleichsam auf,” “sie thut der Freiheit Abbruch” die Musik und die Farbenkunst bilden eine eigene Gattung unter dem Namen des “schönen Spiels der Empfindungen” Malerei und Gartenkunst zu einander gesellt.



Die Frage, ob die Menschheit eine Tendenz zum Guten hat, wird durch die Frage vorbereitet, ob es eine Begebenheit giebt, die gar nicht anders erklärt werden kann als durch jene moralische Anlage der Menschheit. Dies ist die Revolution. “Ein solches Phänomen in der Menschengeschichte vergißt sich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat, dergleichen kein Politiker aus dem bisherigen Lauf der Dinge herausgeklügelt hätte.”



Wenn sich die Menschheit zunehmend verschlechtert, so ist ihr Ziel das absolut Schlechte: die terroristische Vorstellungsart im Gegensatz zu der eudämonistischen Vorstellungsart oder dem “Chiliasmus.” Schwankt die Geschichte zwischen Fort- und Rückschritt hin und her, ist ihr ganzes Treiben zweck- und ziellos, nichts als eine geschäftige Thorheit, so daß sich Gutes und Böses gegenseitig neutralisiren und das Ganze als ein Possenspiel erscheint: das nennt Kant die abderitische Vorstellungsart.



[Kant] sieht in der Geschichte nichts anderes als eine moralische Bewegung.



“Ein gewissenhafter Ketzerrichter ist eine contradictio in adjecto”

Psychologischer Idiotismus



ohne die Wiedergeburt sind alle menschlichen Tugenden nach Kant glänzende Armseligkeiten. Diese Besserung ist möglich nur vermöge des intelligiblen Charakters; ohne ihn giebt es keine Freiheit weder in der Welt, noch im Willen des Menschen, noch zur Erlösung vom Bösen. Wenn die Erlösung nicht in der Besserung besteht, kann sie nur in der Vernichtung bestehn. Der Ursprung des empirischen Charakters, der Hang zum Bösen, die Wiedergeburt sind bei Kant Thaten des intelligiblen Charakters; der empirische Charakter muß an seiner Wurzel eine Umkehr erfahren.

der ganze Schopenhauer.



Das Mitleid eine Verschwendung der Gefühle, ein der moralischen Gesundheit schädlicher Parasit, “es kann unmöglich Pflicht sein, die Übel in der Welt zu vermehren.” Wenn man bloß aus Mitleid wohlthut, so thut man eigentlich sich selbst wohl und nicht dem Anderen. M[itleid] beruht nicht auf Maximen, sondern auf Affekten; es ist pathologisch; das fremde Leiden steckt uns an, Mitleid ist eine Ansteckung.



die ganzen Gebärden und Worte der Unterwürfigkeit; “als in welcher Pedanterie die Deutschen [es] unter allen Völkern der Erde am weitesten gebracht haben” “sind das nicht Beweise eines ausgebreiteten Hangs zur Kriecherei unter den Menschen?” “Wer sich aber zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, daß er mit Füßen getreten wird.”



“Zwei Dinge erfüllen das Gemüth mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der gestirnte Himmel über uns und das moralische Gesetz in uns.”

Er fährt fort: “der erste Anblick einer zahllosen Wolkenmenge vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit als eines thierischen Geschöpfes, das die Materie, daraus es ward, dem Planeten (einem bloßen Punkte im Weltall) wieder zurückgeben muß, nachdem es eine kurze Zeit, man weiß nicht wie, mit lebender Kraft versehen gewesen. Der zweite dagegen erhebt meinen Werth als eine Intelligenz unendlich



Die Denkbarkeit der Freiheit beruht auf der transscendentalen Ästhetik. Kommen Zeit und Raum den Dingen als solchen zu, so sind die Erscheinungen gleich den Dingen an sich, so ist zwischen beiden keine Erscheinung möglich, so giebt es nichts von der Zeit unabhängiges, so ist die Freiheit schlechterdings unmöglich. Freiheit kann nur gedacht werden als Eigenschaft eines Wesens, das den Bedingungen der Zeit nicht unterliegt, also nicht Erscheinung, nicht Vorstellung, sondern Ding an sich ist.

Warum sind Erscheinungen nicht Dinge an sich? Weil sie in Raum und Zeit sind, und Raum und Zeit reine Anschauungen sind.



Gegen die angebliche psychologische Freiheit sagt Kant: “Wenn unsere Freiheit darin bestände, daß wir durch Vorstellungen getrieben werden, als ein automaton spirituale” so “würde sie im Grunde nicht besser als die Freiheit eines Bratenwenders sein, der auch, wenn er einmal aufgezogen worden, von selbst seine Bewegungen verrichtet.”

Die Freiheit ist undenkbar in der Erscheinungswelt, es sei die äußere oder die innere

7 [5]

homines religiosi

Die Reformation: Eine der verlogensten Eruptionen von gemeinen Instinkten

Eine Anzahl starker, unbändig gewordener und gründlich gemeiner Triebe will in freie Luft: es thut Nichts noth als Vorwände, namentlich großartige Worte zu erfinden, unter denen diese wilden Thiere herausgelassen werden dürfen.

Luther der psychologische Typus: ein wüster und uneigentlicher Bauer, der mit der “evangelischen Freiheit” allen aufgehäuften gewaltthätigen Bedürfnissen Luft macht.

man will einmal wieder Herr sein, rauben, niederwerfen, verfluchen, eingerechnet daß die Sinne ihre Rechnung finden wollen: vor Allem, man sieht lüstern nach dem ungeheuren Reichthum der Kirche.



Der Priester zeitweilig der Gott selbst, mindestens sein Stellvertreter

An sich sind asketische Gewohnheiten und Übungen noch fern davon, eine widernatürliche und daseinsfeindliche Gesinnung zu verrathen: ebensowenig Entartung und Krankheit

die Selbstüberwindung, mit harten und furchtbaren Erfindungen: ein Mittel Ehrfurcht vor sich zu haben und zu verlangen: Asketik als Mittel der Macht

Der Priester als Repräsentant eines übermenschlichen Machtgefühls, selbst als guter Schauspieler eines Gottes, den darzustellen sein Beruf ist, wird instinktiv nach solchen Mitteln greifen, wodurch er eine gewisse Furchtbarkeit in der Gewalt über sich erlangt

Der Priester als Repräsentant von übermenschlichen Mächten, in Hinsicht auf Erkenntniß, Vorherwissen Fähigkeit zu schaden und zu nützen, auch in Hinsicht auf übermenschliche Entzückungen und Arten des Glücks: —

— der Schauspieler von “Göttern” vor Gesunden, Glücklichen, Hoffenden, Mächtigen

— der Schauspieler vom “Heilande,” wesentlich sich an Kranke und Entbehrende wendend, an Menschen des ressentiments, an Unterdrückte und — — —

— die Priester sind die Schauspieler von irgend etwas Übermenschlichem, dem sie Sinnfälligkeit zu geben haben, sei es vom Idealen, sei es von Göttern, oder von Heilanden: darin finden sie ihren Beruf, dafür haben sie ihre Instinkte; um es so glaubwürdig wie möglich zu machen, müssen sie in der Anähnlichung so weit wie möglich gehen; ihre Schauspieler-Klugheit muß vor allem das gute Gewissen bei ihnen erzielen, mit Hülfe dessen erst wahrhaft überredet werden kann.

7 [6]

Die Guten

rücksichtslose Rechtschaffenheit.

(9)

Der Sieg eines moralischen Ideals wird durch dieselben “unmoralischen” Mittel errungen wie jeder Sieg: Gewalt, Lüge, Verleumdung, Ungerechtigkeit



“Du sollst nicht lügen”: man fordert Wahrhaftigkeit. Aber die Anerkennung des Thatsächlichen (das Sich-nicht-belügen-lassen) ist gerade bei den Lügnern am größten gewesen: sie erkannten eben auch das Unthatsächliche dieser populären “Wahrhaftigkeit.” Es wird beständig zu viel oder zu wenig gesägt: die Forderung, sich zu entblößen mit jedem Worte, das man spricht, ist eine Naivetät.

Man sagt, was man denkt, man ist “wahrhaft” nur unter Voraussetzungen: nämlich unter der, verstanden zu werden (inter pares), und zwar wohlwollend verstanden zu werden (noch einmal inter pares) Gegen das Fremde verbirgt man sich: und wer etwas erreichen will, sagt was er über sich gedacht haben will, nicht aber was er denkt. (Der “Mächtige lügt immer”)



Ein Ideal das sich durchsetzen oder noch behaupten will sucht sich zu stützen a) durch eine untergeschobene Herkunft b) durch eine angebliche Verwandtschaft mit schon bestehenden mächtigen Idealen c) durch die Schauder des Geheimnisses, wie als ob hier eine undiskutirbare Macht rede d) durch Verleumdung seiner gegnerischen Ideale e) durch eine lügnerische Lehre des Vortheils, den es mit sich bringt z.B. Glück, Seelenruhe, Frieden oder auch die Beihülfe eines mächtigen Gottes usw.

Zur Psychologie des Idealisten: Carlyle, Schiller, Michelet

Hat man die ganzen Defensiv- und Schutz-Maßregeln aufgedeckt, mit denen ein Ideal sich erhält: ist es damit widerlegt? Es hat die Mittel angewendet, durch die alles Lebendige lebt und wächst—sie sind allesammt “unmoralisch.”

Meine Einsicht: alle die Kräfte und Triebe, vermöge deren es Leben und Wachsthum giebt, sind mit dem Banne der Moral belegt: Moral als Instinkt der Vemeinung des Lebens. Man muß die Moral vernichten, um das Leben zu befreien.

Die Guten

Zur Kritik der Heerden-Tugenden.

Die inertia thätig

1) im Vertrauen, weil Mißtrauen Spannung, Beobachtung, Nachdenken nöthig macht
2) in der Verehrung, wo der Abstand der Macht groß ist und Unterwerfung nothwendig: um nicht zu fürchten, wird versucht zu lieben, hochzuschätzen und die Machtverschiedenheit als Werthverschiedenheit auszudeuten: so daß das Verhältniß nicht mehr revoltirt.
3) im Wahrheitssinn. Was ist wahr? Wo eine Erklärung gegeben ist, die uns das minimum von geistiger Kraftanstrengung macht. Überdies ist Lügen sehr anstrengend.

(21)

4) in der Sympathie. Sich gleichsetzen, versuchen gleich zu empfinden, ein vorhandenes Gefühl anzunehmen ist eine Erleichterung: es ist etwas Passives gegen das activum gehalten, welches die eigensten Rechte des Werthurtheils sich wahrt und beständig bethätigt. Letzteres giebt keine Ruhe.

5) in der Unparteilichkeit und Kühle des Urtheils: man scheut die Anstrengung des Affekts und stellt sich lieber abseits, “objektiv”

(18)

6) in der Rechtschaffenheit: man gehorcht lieber einem vorhandenen Gesetz als daß man sich ein Gesetz schafft, als daß man sich und Anderen befiehlt. Die Furcht vor dem Befehlen—Lieber sich unterwerfen als reagiren.

7) in der Toleranz: die Furcht vor dem Ausüben des Rechts, des Richtens



die maskirten Arten des Willens zur Macht

1)Verlangen nach Freiheit, Unabhängigkeit, auch nach Gleichgewicht, Frieden, Coordination; auch der Einsiedler, die “Geistesfreiheit”; in niedrigster Form: Wille überhaupt dazusein “Selbsterhaltungstrieb”
  
2)die Einordnung, um im größeren Ganzen dessen Willen zur Macht zu befriedigen: die Unterwerfung, das Sich-Unentbehrlich-machen, -Nützlichmachen bei dem, der die Gewalt hat; die Liebe, als ein Schleichweg zum Herzen des Mächtigeren,—um über ihn zu herrschen
  
3)das Pflichtgefühl, das Gewissen, der imaginäre Trost, zu einem höheren Rang zu gehören als die thatsächlich Gewalthabenden; die Anerkennung einer Rangordnung, die das Richten erlaubt, auch über die Mächtigeren; die Selbstverurtheilung. Die Erfindung neuer Werthtafeln (Juden klassisches Beispiel)



Moral als Werk der Unmoralität.

A.Damit moralische Werthe zur Herrschaft kommen, müssen lauter unmoralische Kräfte und Affekte helfen.
B.Die Entstehung moralischer Werthe selbst ist das Werk unmoralischer Affekte und Rücksichten.



Moral als Werk des Irrthums.



Moral mit sich selbst
allgemach im Widerspruch
.

Vergeltung.
Wahrhaftigkeit, Zweifel, Epoche, Richten.
“Unmoralität” des Glaubens an die Moral.

Die Schritte:
1)absolute Herrschaft der Moral
alle biologischen Erscheinungen nach ihr gemessen und gerichtet
2)Versuch einer Identifikation von Leben und Moral (Symptom einer erwachten Scepsis: Moral soll nicht mehr als Gegensatz gefühlt werden) mehrere Mittel, selbst ein transscendenter Weg
3)Entgegensetzung von Leben und Moral: Moral vom Leben aus gerichtet und verurtheilt.



In wiefern die Moral dem Leben schädlich war
a)dem Genuß des Lebens, der Dankbarkeit gegen das Leben usw.
b)der Verschönerung, Veredelung des Lebens
c)der Erkenntniß des Lebens
d)der Entfaltung des Lebens, insofern es die höchsten Erscheinungen desselben mit sich selbst zu entzweien suchte



Gegenrechnung: ihre Nützlichkeit für das Leben.
die Moral als Erhaltungsprincip von größeren Ganzen, als Einschränkung der Glieder: “das Werkzeug”
die Moral als Erhaltungsprincip im Verhältniß zur inneren Gefährdung des Menschen durch Leidenschaften: “der Mittelmäßige”
die Moral als Erhaltungsprincip gegen die lebensvernichtenden Einwirkungen tiefer Noth und Verkümmerung: “der Leidende”
die Moral als Gegenprincip gegen die furchtbare Explosion der Mächtigen: der “Niedrige”
 
Bornirter Hochmuth einzelner Philosophen als Rein-Vernunft gemäßer
gegen das Gefühl überhaupt in der Moral (Kant)
gegen das Mitleid
gegen die Affekte



Die Guten

Gefahr in der Bescheidenheit.— Sich zu früh anpassen an ein milieu, an Aufgaben, Gesellschaften, Alltags- und Arbeits-Ordnungen, in welche der Zufall uns setzt, zur Zeit, wo weder unsere Kraft, noch unser Ziel uns gesetzgeberisch ins Bewußtsein getreten ist; die damit errungene allzufrühe Gewissens-Sicherheit, Erquicklichkeit, Gemeinsamkeit, dieses vorzeitige Sich-Bescheiden, das sich als Loskommen von der inneren und äußeren Unruhe dem Gefühle einschmeichelt, verwöhnt und hält in der gefährlichsten Weise nieder; das Achten-lernen nach Art von “Seinesgleichen,” wie als ob wir selbst in uns kein Maaß und Recht hätten, Werthe anzusetzen, die Bemühung, gleich zu schätzen gegen die innere Stimme des Geschmacks, der auch ein Gewissen ist, wird eine furchtbare feine Fesselung: wenn es endlich keine Explosion giebt, mit Zersprengung aller Bande der Liebe und Moral mit Einem Male, so verkümmert und verkleinlicht, verweiblicht und versachlicht sich ein solcher Geist.— Das Entgegengesetzte ist schlimm genug, aber immer noch besser: an seiner Umgebung leiden, an ihrem Lobe sowohl wie an ihrer Mißbilligung, verwundet dabei und unterschwürig werden, ohne es zu verrathen; unfreiwillig-mißtrauisch sich gegen ihre Liebe vertheidigen, das Schweigen lernen, vielleicht indem man es durch Reden verbirgt, sich Winkel und unerrathbare Einsamkeiten schaffen für die Augenblicke des Aufathmens, der Thränen, der sublimen Tröstung—bis man endlich stark genug ist, um zu sagen: “was habe ich mit euch zu schaffen?” und seines Weges geht.



Die Tugenden sind so gefährlich als die Laster, insofern man sie von außen her als Autorität und Gesetz herrschen läßt und sie nicht aus sich selbst erst erzeugt, wie es das Rechte ist, als Persönlichste Nothwehr und Nothdurft, als Bedingung gerade unseres Daseins und Wohlthuns, die wir erkennen und anerkennen, gleichgültig ob Andere mit uns unter gleicher oder verschiedener Bedingung wachsen. Diese Satzung von der Gefährlichkeit der unpersönlich verstandenen, objektiven Tugend gilt auch von der Bescheidenheit: an ihr gehen viele der ausgesuchten Geister zu Grunde.



Die Moralität der Bescheidenheit ist die schlimmste Verweichlichung für solche Seelen, bei denen es allein Sinn hat, daß sie bei Zeiten hart werden.

Die Guten.

Es gelingt den Wenigsten, in dem, worin wir leben, woran wir von Alters [her] gewöhnt sind, ein Problem zu sehn, das Auge ist gerade dafür nicht eingestellt: in Betreff unsrer Moral scheint es mir bis jetzt noch nicht geschehn.

Das Problem “jeder Mensch als Objekt für Andere” ist Anlaß zu den höchsten Ehrverleihungen; für sich selbst—nein!

Das Problem “du sollst”: ein Hang, der sich nicht zubegründen weiß, ähnlich wie der Geschlechtstrieb, soll nicht unter die Verurtheilung der Triebe fallen; umgekehrt, er soll ihr Werthmesser und Richter sein!

Das Problem der Gleichheit, während wir Alle nach Auszeichnung dürsten: hier gerade sollen wir umgekehrt an uns genau die Anforderungen wie an Andere stellen.

Das ist so abgeschmackt, sinnfällig verrückt: aber—es wird als heilig, als höheren Ranges empfunden, der Widerspruch gegen die Vernunft wird kaum gehört.

Aufopferung und Selbstlosigkeit als auszeichnend, der unbedingte Gehorsam gegen die Moral, und der Glaube, vor ihr mit Jedermann gleich zu stehn.

Die Vernachlässigung und Preisgebung von Wohl und Leben als auszeichnend, die vollkommene Verzichtleistung auf eigne Werthesetzung, das strenge Verlangen, von Jedermann auf dasselbe verzichtet zu sehn. “Der Werth der Handlungen ist bestimmt: jeder Einzelne ist dieser Werthung unterworfen.”

Wir sehn: eine Autorität redet—wer redet?— Man darf es dem menschlichen Stolze nachsehn, wenn er diese Autorität so hoch als möglich suchte, um sich so wenig als möglich unter ihr gedemüthigt zu finden. Also — Gott redet!

Man bedurfte Gottes, als einer unbedingten Sanktion, welche keine Instanz über sich hat, als eines “kategorischen Imperativs”—: oder, sofern man an die Autorität der Vernunft glaubt, man brauchte eine Einheits-Metaphysik, vermöge deren es logisch war

Gesetzt nun, der Glaube an Gott ist dahin: so stellt sich die Frage von Neuem: “wer redet?”— Meine Antwort, nicht aus der Metaphysik, sondern der Thier-Physiologie genommen: der Heerden-Instinkt redet. Er will Herr sein: daher sein “du sollst!” er will den Einzelnen nur im Sinne des Ganzen, zum Besten des Ganzen gelten lassen, er haßt die Sich-Loslösenden—er wendet den Haß aller Einzelnen gegen ihn



Erwägen wir, wie theuer sich ein solcher moralischer Kanon (ein “Ideal”) bezahlt macht. Seine Feinde sind—nun, die Egoisten

der melancholische Scharfsinn der Selbstverkleinerung in Europa (Pascal, Larochefoucauld)

die innere Schwächung, Entmuthigung, Selbstannagung der Nicht-Heerdenthiere

die beständige Unterstreichung der Mittelmäßigkeits-Eigenschaften als der werthvollsten (Bescheidenheit, in Reih und Glied, die Werkzeug-Natur)

das schlechte Gewissen eingemischt in alles Selbstherrliche, Originale:

die Unlust also:—also Verdüsterung der Welt der Stärker-Gerathenen

das Heerdenbewußtsein in die Philosophie und Religion übertragen: auch seine Ängstlichkeit, seine — — —

lassen wir die psychologische Unmöglichkeit einer rein selbstlosen Handlung außer Spiel



Meine Philosophie ist auf Rangordnung gerichtet: nicht auf eine individualistische Moral. Der Sinn der Heerde soll in der Heerde herrschen,—aber nicht über sie hinausgreifen: die Führer der Heerde bedürfen einer grundverschiedenen Werthung ihrer eignen Handlungen, insgleichen die Unabhängigen, oder die “Raubthiere” usw.



Abseits gestellt gegen die beiden Bewegungen, die individualistische und die collektivistische Moral, denn auch die erste kennt die Rangordnung nicht und will dem Einen die gleiche Freiheit geben wie allen. Meine Gedanken drehen sich nicht um den Grad von Freiheit der dem Einen oder dem Anderen oder Allen zu gönnen ist, sondern um den Grad von Macht, den Einer oder der Andere über Andere oder Alle ausüben soll, resp. in wiefern eine Opferung von Freiheit, eine Versklavung selbst, zur Hervorbringung eines höheren Typus die Basis giebt. In größter Form gedacht: wie könnte man die Entwicklung der Menschheit opfern, um einer höheren Art als der Mensch ist, zum Dasein zu helfen? —



Daß man sich nicht über sich selbst vergreift! Wenn man in sich den moralischen Imperativ so hört, wie der Altruismus ihn versteht, so gehört man zur Heerde. Hat man das umgekehrte Gefühl, fühlt man in seinen uneigennützigen und selbstlosen Handlungen seine Gefahr, seine Abirrung, so gehört man nicht zur Heerde.



Der anscheinend verrückte Gedanke, daß Einer die Handlung, die er dem Anderen erweist, höher halten soll als die sich selbst erwiesene, dieser Andere ebenso wieder usw., [daß man] nur Handlungen gut heißen soll, weil Einer dabei nicht sich selbst im Auge hat, sondern das Wohl des [Anderen], hat seinen Sinn: nämlich als Instinkt des Gemeinsinns, auf der Schätzung beruhend, daß am Einzelnen überhaupt wenig gelegen ist, aber sehr viel an allen zusammen, vorausgesetzt, daß sie eben eine Gemeinschaft bilden, mit einem Gemein-Gefühl und Gemein-Gewissen. Also eine Art Übung in einer bestimmten Richtung des Blicks, Wille zu einer Optik, welche sich selbst zu sehen unmöglich machen will.



Mein Gedanke: es fehlen die Ziele, und diese müssen Einzelne sein!



Wir sehn das allgemeine Treiben: Jeder Einzelne wird geopfert und dient als Werkzeug. Man gehe durch die Straße, ob man nicht lauter “Sklaven” begegnet. Wohin? Wozu?



Die moralischen Phänomene haben mich beschäftigt wie Räthsel. Heute würde ich eine Antwort zu geben wissen. Was bedeutet es, daß für mich das Wohl des Nächsten höheren Werth haben soll als mein eigenes? Daß aber der Nächste selbst den Werth seines Wohls anders schätzen soll als ich, nämlich demselben gerade mein Wohl überordnen soll?



Ob ein Mensch von Kindheit an gewöhnt wird — — —

Vortheil eines Abseits von seiner Zeit.



Das gesammte Moralisiren als Phänomen ins Auge bekommen. Auch als Räthsel.



Was bedeutet das “du sollst” und selbst eine Philos[ophie] als “gegeben” betrachtet?



Zuletzt nämlich braucht man sehr viel Moralität, um in dieser feinen Weise unmoralisch zu sein: ich will ein Gleichniß gebrauchen.

Ein Physiologe, der sich für eine Krankheit interessirt, und ein Kranker, der von ihr geheilt werden will, haben nicht das gleiche Interesse. Nehmen wir einmal an, daß jene Krankheit die Moral ist—denn sie ist eine Krankheit—, und daß wir Europäer deren Kranke sind: was für eine feine Qual und Schwierigkeit wird entstehen, wenn wir Europäer nun zugleich auch deren neugierige Beobachter und Physiologen sind! Werden wir auch nur ernsthaft wünschen, von der Moral loszukommen? Werden wir es wollen? Daß wir von der Frage absehen, ob wir es können? Ob wir “geheilt” werden können?—



Die Bescheidung z.B. für die Frage des Pessimism, ob Lust oder Unlust überwiegt

insgleichen für die Frage über den Werth unsrer Erkenntniß



— was war gehemmt bisher? Unser Trieb zum Versuchen, die Gefahr war zu groß, “das Heil der Seele”



der Sieg über den alten Gott als über ein weltverleumderisches Princip—Sieg des Heidenthums—aber die Welt zeigt sich in neuer Furchtbarkeit



— das “Eins thut noth” und das “trachte nach dem Reiche Gottes: dann wird dir das Andre alles zufallen!” (“das Andre” ist z.B. auch die Liebe zum Nächsten die Moral im jetzigen Sinne)

(8)

NB! Dem bösen Menschen das gute Gewissen zurückgeben—ist das mein unwillkürliches Bemühen gewesen?

Und zwar dem bösen Menschen, insofern er der starke Mensch ist? (Das Urtheil Dostoijewskys über die Verbrecher der Gefängnisse ist hierbei anzuführen.)

Die Guten

Der Gewissensbiß: Zeichen, daß der Charakter der That nicht gewachsen ist. Es giebt Gewissensbisse auch nach guten Werken: ihr Ungewöhnliches, das was aus dem alten milieu heraushebt —



Die nächste Vorgeschichte einer Handlung bezieht sich auf diese: aber weiter zurück liegt eine Vorgeschichte, die weiter hinaus deutet: die einzelne Handlung ist zugleich ein Glied einer viel umfänglicheren späteren Thatsache. Die kürzeren und die längeren Prozesse sind nicht getrennt —

7 [7]

Zur Physiologie der Kunst

An die Künstler.

Unterscheidung: solche, die von ihrer Kunst leben wollen und andre, wie Dante, Goethe

Auf welchem Bedürfniß? Rückschluß vom “Werk” auf den Künstler.

Was “der Erfolg” beweist: jedenfalls ein Mißverständniß des Künstlers, zumeist auch des Werks.

Die anspruchsvollen Sinne—was bedeutet das?

Der Mangel an Logik—der esprit, das sujet.
                   an Probität der Bildung



Der “Naturalismus”—was bedeutet er? Vor allem ein Reizmittel—das Häßliche und Ungeheure macht Emotion.

Die “Romantik”—was bedeutet sie?

Stellung der Nationen zur Entwicklung der “europäischen Seele.”

Verhältniß der Kunst zur Kirche.

Der Pessimismus in der aesthetischen Theorie (“interesseloses Anschauen” “les Parnassiens”).

— Ich bin für diese ganze romant[ische] Musik (Beethoven eingerechnet) nicht glücklich genug, nicht gesund genug. Was ich nöthig habe, ist Musik, bei der man das Leiden vergißt; bei der das animalische Leben sich vergöttlicht fühlt und triumphirt; bei der man tanzen möchte; bei der man vielleicht, cynisch gefragt, gut verdaut? Die Erleichterung des Lebens durch leichte kühne selbstgewisse ausgelassene Rhythmen, die Vergoldung des Lebens durch goldene zärtliche gütige Harmonien—das nehme ich mir aus der ganzen Musik heraus. Im Grunde sind mir wenige Takte genug.

Wagner vom Anfang bis zum Ende ist mir unmöglich geworden, weil er nicht gehen kann, geschweige denn tanzen.

Aber das sind physiologische Urtheile, keine aesthetische: nur—habe ich keine Aesthetik mehr!

Kann er gehen?

Kann er tanzen?



— die entliehenen Formen z.B. Brahms, als typischer “Epigone” Mendelssohn’s gebildeter Protestantismus ebenfalls (eine frühere “Seele” wird nachgedichtet ...)

— die moralischen und poetischen Substitutionen bei W[agner] die eine Kunst als Nothbehelf für Mängel in den anderen.

— der “historische Sinn,” die Inspiration durch Dichten, Sagen jene typische Verwandlung, für die unter Franzosen G. Flaubert, unter D[eutschen] R. W[agner] das deutlichste Beispiel ist

wie der romantische Glaube an die Liebe und die Zukunft in das Verlangen zum Nichts sich umwandelt, 1830 in 1850



wenn irgend Etwas erreicht ist, so ist es ein harmloseres Verhalten zu den Sinnen, eine freudigere wohlwollendere Goetheschere Stellung zur Sinnlichkeit

insgleichen eine stolzere Empfindung in Betreff des Erkennens: so daß der “reine Thor” wenig Glauben findet

Physiologie der Kunst

Beethoven—un pauvre grand homme, sourd, amoureux, méconnu et philosophe, dont la musique est pleine de rêves gigantesques ou douloureux. [Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:296.]



Mozart—ganz deutsche Gefühle ausdrückend, la candeur naïve, la tendresse mélancholique, contemplative, les vagues sourires, les timidités de l’amour. [Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:297.]



Das Piano exalte et raffine. Mendelsohn les entoure de rêves ardents, délicats, maladifs. [Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:300.]

Les âpres désirs tourmentés, les cris brisés, révoltés, les passions modernes, sortent de tous les accords de Meyerbeer. [Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:301.]



In Hinsicht auf die Maler.

tous ces modernes sont des poètes, qui ont volu être peintres. L’un a cherché des drames dans l’histoire, l’autre des scènes de moeurs, celui-ci traduit des religions, celui-là une philosophie. Jener ahmt Raffael nach, ein anderer die ersten ital[ienischen] Meister; die Landschafter verwenden Bäume und Wolken, um Oden und Elegien zu machen. Keiner ist einfach Maler; alle sind Archäologen, Psychologen, In-Scene-Setzen irgendwelcher Erinnerung oder Theorie. Sie gefallen sich an unsrer Erudition, an unsrer Philosophie. Sie sind, wie wir, voll und übervoll von allgemeinen Ideen. Sie lieben eine Form nicht um das, was sie ist, sondern um das, was sie ausdrückt. Sie sind die Söhne einer gelehrten, gequälten und reflektirten Generation—Tausend Meilen weit von den alten Meistern, welche nicht lasen, und nur dran dachten, ihren Augen ein Fest zu geben. [Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:345.]



Unser Zustand: der Wohlstand macht die Sensibilität wachsen; man leidet an den kleinsten Leiden; unser Körper ist besser geschützt, unsere Seele kränker. Die Gleichheit, das bequeme Leben, die Freiheit des Denkens,—aber zu gleicher Zeit l’envie haineuse, la fureur de parvenir, l’impatience du présent, le besoin du luxe, l’instabilité des gouvernements, les souffrances du doute et de la recherche. [Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:175.]

— man verliert ebenso viel als man gewinnt —

Ein Bürger von 1850, verglichen mit dem von 1750, glücklicher? moins opprimé, plus instruit, mieux fourni de bien-être, aber nicht plus gai - - - [Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:175.]



Im 17ten Jahrhundert war nichts häßlicher als ein Gebirge; man hatte tausend Gedanken ans Unglück dabei. Man war müde der Barbarei, wie wir heute müde der Civilisation sind. Die Straßen heute so reinlich, die Gendarmes in Überfluß, die Sitten so friedlich, die Ereignisse so klein, so vorhergesehen, daß man aime la grandeur et limprévu. Die Landschaft wechselt wie die Litteratur; damals bot sie lange zuckersüße Romane und galante Abhandlungen: heute bietet sie la poésie violente et des drames physiologistes. [Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:192.]

Diese Wildniß, die allgemeine unversöhnliche Herrschaft der nackten Felsen ennemi de la vie—nous délasse de nos trottoirs, de nos bureaux et nos boutiques. Nur deshalb lieben wir sie [Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:193.]

Zu Delacroix:
chanter avec la couleur
“du Echo der Stimme Victor Hugo’s
während der Kriege hatten sich in die französische Seele eingeschlichen la mélancholie poétique d’Angleterre, le lyrisme philosophique d’Allemagne
l’âme complémentaire de Victor Hugo
[Vgl. G[uillaume] Dubufe Fils, "Eugène Delacroix." In: La Nouvelle revue. Septième Année. Tome trente-troisième (1. avril 1885). Paris: [s.n.], 590-617 (591f.). s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: G. Dubufe Fils.]

das Übergewicht der Musik in den Romantikern von 1830 und 40

Delacroix

Ingres ein leidenschaftlicher Musiker, Cultus für Gluck Haydn, Beethoven Mozart [Vgl. Albert Bournet, Rome. Études de littérature et d'art. Paris: Plon, 1883:246. S. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Albert Bournet.]

sagte seinen Schülern in Rom “si je pouvais vous rendre tous musiciens, vous y gagneriez comme peintres” — ) [Vgl. Albert Bournet, Rome. Études de littérature et d'art. Paris: Plon, 1883:246 S. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Albert Bournet.]

insgleichen Horace Vernet, mit einer besonderen Leidenschaft für den Don Juan (wie Mendelssohn bezeugt 1831) [Vgl. Albert Bournet, Rome. Études de littérature et d'art. Paris: Plon, 1883:225 S. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Albert Bournet.]

insgleichen Stendhal, der von sich sagt: — — —



Der Präsident De Brosses sagt von der campagna Romana: “il fallait que Romulus fût ivre, quand il songea à bâtir une ville dans un terrain aussi laid” [Vgl. Albert Bournet, Rome. Études de littérature et d'art. Paris: Plon, 1883:39 S. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Albert Bournet.]

Fénelon vergleicht den gothischen Stil mit einer schlechten Predigt.



Chateaubriand 1803 in einem Briefe an M. de Fontanes giebt den ersten Eindruck der campagna Romana. [Vgl. Albert Bournet, Rome. Études de littérature et d'art. Paris: Plon, 1883:67 S. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Albert Bournet.]

Lamartine hat für Sorrent und den Posilipp die Sprache — [Vgl. Albert Bournet, Rome. Études de littérature et d'art. Paris: Plon, 1883:74 S. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Albert Bournet.]

V. Hugo schwärmt für Spanien, parce que “aucune autre nation n’a moins imprunté à l’antiquité, parce qu’elle n’a subi aucune influence classique” [Vgl. Albert Bournet, Rome. Études de littérature et d'art. Paris: Plon, 1883:141 S. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Albert Bournet.]

Auch Delacroix wollte Rom nicht, es machte ihm Furcht. Er schwärmte für Venedig, wie Shakespeare, wie Byron, wie G. Sand. [Vgl. Albert Bournet, Rome. Études de littérature et d'art. Paris: Plon, 1883:141 S. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Albert Bournet.] Die Abneigung gegen Rom auch bei Th. Gautier—und bei R. Wagner.



Was an unsrer Democratie zum Lachen ist: der schwarze Rock ...

l’envie, la tristesse, le manque de mesure et de politesse, les héros de George Sand, de Victor Hugo et de Balzac
        (et de Wagner)
[Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:41.]


le goût de la Renaissance

ein Ameublement darin, éclatant et sombre, d’un style tourmenté et magnifique
[Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:65.]

cet âge de force et d’effort, d’audace inventive, de plaisirs effrénés et de labeur terrible, de sensualité et d’hérosïme [Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:65.]



Jeanne d’Albret, die Mutter Heinrich IV, nach d’Aubingés Urtheil:

“princesse n’ayant de la femme que le sexe, l’âme entière aux choses viriles, l’esprit puissant aux grandes affaires, le coeur invincible aux adversités.” [Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:65.]



Agir, oser, jouir, dépenser sa force et sa peine en prodigue, s’abandonner à la sensation présente, être toujours pressé de passions toujours vivantes, supporter et rechercher les excès de tous les contrastes, voilà la vie du seizième siècle. [Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:70-71.]



Parmi ces violences et ces voluptés la dévotion était ardente. Die Religion war damals nicht eine Tugend, sondern eine Passion. Man gieng zur Kirche wie zur Schlacht oder zum Rendezvous. [Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:74.]



die Ritter in der Zeit der Kreuzzüge—enfants robustes. Im Tödten und Heulen ein Raubthier. Ist die Wuth vorüber, dann kommen sie auf Thränen zurück und werfen sich munter an den Hals, zärtlich. [Vgl. Hippolyte Taine, Voyage aux Pyrénées. Paris: Hachette, 1858:142-43.]



Das Urtheil “angenehm” “unangenehm” vgl. Musik—wechselt und formirt sich nach dem, was wir als “gesetzlich” vernünftig, sinnvoll, bedeutsam empfinden.

Physiologie der Kunst

Der Sinn und die Lust an der Nüance (die eigentliche Modernität), an dem, was nicht generell ist, läuft dem Triebe entgegen, welcher seine Lust und Kraft im Erfassen des Typischen hat: gleich dem griechischen Geschmacke der besten Zeit. Ein Überwältigen der Fülle des Lebendigen ist darin, das Maaß wird Herr, jene Ruhe der starken Seele liegt zu Grunde, welche sich langsam bewegt und einen Widerwillen vor dem Allzu-Lebendigen hat. Der allgemeine Fall, das Gesetz wird verehrt und heraus gehoben; die Ausnahme wird umgekehrt bei Seite gestellt, die Nuance weggewischt. Das Feste, Mächtige, Solide, das Leben, das breit und gewaltig ruht und seine Kraft birgt—das “gefällt”: d.h. das correspondirt mit dem, was man von sich hält.

7 [8]

Nihilismus

Zur Vorrede.

Ich habe eine Tortur bisher ausgestanden: alle die Gesetze, auf denen das Leben sich entwickelt, schienen mir im Gegensatz zu den Werthen zu stehen, um derentwillen Unsereins zu leben aushält. Es scheint das nicht der Zustand zu sein, an dem Viele bewußt leiden: trotzdem will ich die Zeichen zusammenstellen, aus denen ich annehme, daß es der Grundcharakter, das eigentlich tragische Problem unsrer modernen Welt und als geheime Noth Ursache oder Auslegung aller ihrer Nöthe ist. Dies Problem ist in mir bewußt geworden.

Nihilismus

A.

Von einer vollen herzhaften Würdigung unserer jetzigen M[enschheit] auszugehen:

sich nicht durch den Augenschein täuschen lassen (diese Menschheit ist weniger “effektvoll,” aber sie giebt ganz andere Garantien der Dauer, ihr tempo ist langsamer, aber der Takt selbst ist viel reicher

die Gesundheit nimmt zu, die wirklichen Bedingungen des starken Leibes werden erkannt und allmählich geschaffen, der “Asketismus” ironice —

die Scheu vor Extremen, ein gewisses Zutrauen zum “rechten Weg,” keine Schwärmerei; ein zeitweiliges Sich-Einleben in engere Werthe (wie “Vaterland”), wie “Wissenschaft” usw.

dies ganze Bild wäre aber immer noch zweideutig:

— es könnte eine aufsteigende

— oder aber eine absteigende Bewegung des Lebens sein.

B.

Der Glaube an denFortschritt”—in der niederen Sphäre der Intelligenz erscheint er als aufsteigendes Leben: aber da ist Selbsttäuschung;

in der höheren Sphäre der Intelligenz als absteigendes

Schilderung der Symptome.

Einheit des Gesichtspunktes: Unsicherheit in Betreff der Werthmaaße.

Furcht vor einem allgemeinen “Umsonst”

Nihilismus.

C.

Die Abhängigkeit aller Werthmaaße von den moralischen

der religiösen, ästhetischen, wirtschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen

D.

Anzeichen eines Niedergangs im Glauben an die Moral.

Nihilismus.

Nichts ist gefährlicher als eine dem Wesen des Lebens widerstreitende Wünschbarkeit.



die  nihilistische  Consequenz  (der  Glaube  an  die  Werthlosigkeit)  als  Folge der moral[ischen] Werthschätzung

das Egoistische ist uns verleidet (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit des Unegoistischen)

das Nothwendige ist uns verleidet (selbst nach Einsicht in die Unmöglichkeit eines liberum arbitrium und einer “intelligiblen Freiheit”)

wir sehen, daß wir die Sphäre, wohin wir unsere Werthe gelegt haben, nicht erreichen—damit hat die andere Sphäre, in der wir leben, noch keineswegs an Werth gewonnen: im Gegentheil, wir sind müde, weil wir den Hauptantrieb verloren haben. “Umsonst bisher!”



Hemmung der Erkenntniß durch die Moral.

z.B. Versuch, das Leben mit der Moral zu vereinbaren (zu identificiren) und vor der Moral zu rechtfertigen

Altruismus uranfänglich

die selbstlose Denkweise möglich auch sans obligation und sanction

In wiefern die Moral die Erkenntniß gehemmt hat.

der Werth des Individuums, die “ewige Seele,” Fälschung der Psychologie

Widerstand gegen die Causalität: Fälschung der Physik

gegen die Entstehungsgeschichte überhaupt:

Fälschung der Historie. Fälschung der Erkenntnißtheorie

7 [9]

[Vgl. Carl Wilhelm von Nägeli, Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre. Mit einem Anhang. 1. Die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniss. 2. Kräfte und Gestaltungen im molecularen Gebiet. München; Leipzig: Oldenbourg, 1884. William Henry Rolph, Biologische Probleme: zugleich als Versuch zur Entwicklung einer rationellen Ethik. Leipzig: Engelmann, 1884:92-93, 122-29.]

Methodisch: der Werth der inneren und der äußeren Phänomenologie.

A. Das Bewußtsein spät, kümmerlich entwickelt, zu äußeren Zwecken, den gröbsten Irrthümern ausgesetzt, sogar essentiell etwas Fälschendes, Vergröberndes, Zusammenfassendes

B. dagegen das Phänomen der sinnlichen Welt hundert Male vielfacher, feiner und genauer zu beobachten. Die äußere Phänomenologie giebt uns den bei weitem reichsten Stoff und erlaubt die größere Strenge der Beobachtung; während die inneren Phänomene schlecht zu fassen sind und dem Irrthum verwandter (die inneren Prozesse sind essentiell Irrthum-erzeugend, weil Leben nur möglich ist unter der Führung solcher verengender Perspektive-schaffender Kräfte)

NB. Alle Bewegung als Zeichen eines inneren Geschehens:—also der ungeheuer überwiegende Theil alles inneren Geschehens ist uns nur als Zeichen gegeben. [Vgl. Otto Liebmann, Gedanken und Thatsachen: philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. H. 1: Die Arten der Nothwendigkeit.— Die mechanische Naturerklärung.— Idee und Entelechie. Straßburg: Trübner, 1882:85-86.]

Princip des Lebens

Grundirrthümer der bisherigen Biologen: es handelt sich nicht um die Gattung, sondern um stärker auszuwirkende Individuen (die Vielen sind nur Mittel)

das Leben ist nicht Anpassung innerer Bedingungen in äußere, sondern Wille zur Macht, der von innen her immer mehr “Äußeres” sich unterwirft und einverleibt

diese Biologen setzen die moral[ischen] Werthschätzungen fort (der an sich höhere Werth des Altruismus, die Feindschaft gegen die Herrschsucht, gegen den Krieg, gegen die Unnützlichkeit, gegen die Rang- und Ständeordnung).



Gegen die Theorie, daß das einzelne Individuum den Vortheil der Gattung, seiner Nachkommenschaft im Auge hat, auf Unkosten des eigenen Vortheils: das ist nur Schein

die ungeheure Wichtigkeit, mit der das Individuum den geschlechtlichen Instinkt nimmt, ist nicht eine Folge von dessen Wichtigkeit für die Gattung: sondern das Zeugen ist die eigentliche Leistung des Individuums und sein höchstes Interesse folglich, seine höchste Machtäußerung (natürlich nicht vom Bewußtsein aus beurtheilt, sondern von dem Centrum der ganzen Individuation)

Princip des Lebens

Das Bewußtsein, ganz äußerlich beginnend, als Coordination und Bewußtwerden der “Eindrücke”—anfänglich am weitesten entfernt vom biologischen Centrum des Individuums; aber ein Prozeß, der sich vertieft, verinnerlicht, jenem Centrum beständig annähert.



Zur Entstehung der Logik. Der fundamentale Hang, gleichzusetzen, gleichzusehen wird modifizirt, im Zaum gehalten durch Nutzen und Schaden, durch den Erfolg: es bildet sich eine Anpassung aus, ein milderer Grad, in dem er sich befriedigen kann, ohne zugleich das Leben zu verneinen und in Gefahr zu bringen. Dieser Prozeß ist ganz entsprechend jenem äußeren mechanischen (der sein Symbolist), daß das Plasma fortwährend, was es sich aneignet, sich gleich macht und in seine Formen und Reihen einordnet.



Die Individuation, vom Standpunkte der Abstammungstheorie beurtheilt, zeigt das beständige Zerfallen von Eins in Zwei, und das ebenso beständige Vergehen der Individuen auf den Gewinn von wenig Individuen, die die Entwicklung fortsetzen: die übergroße Masse stirbt jedes Mal ab (“der Leib”) Das Grundphänomen: unzählige Individuen geopfert um weniger willen, als deren Ermöglichung.— Man muß sich nicht täuschen lassen: ganz so steht es mit den Völkern und Rassen: sie bilden den “Leib” zur Erzeugung von einzelnen werthvollen Individuen, die den großen Prozeß fortsetzen.

Princip des Lebens

Die Mächte in der Geschichte sind wohl zu erkennen, bei Abstreifung aller moralischen und religiösen Teleologie. Es müssen die Mächte sein, die auch im ganzen Phänomen des organischen Daseins wirken. Die deutlichsten Aussagen im Pflanzenreich.

Die großen Siege über das Thier: das Thier als Sklave,
                           oder als Feind.
                 — des Mannes über das Weib: das Weib

neben den grossen Schwankungen z.B. zwischen den Gesunden und Kranken.

Wohinein die Würde des Menschen gesetzt worden ist:
über das Thier im Menschen
Herr geworden zu sein
über das Weib im Menschen
Herr geworden zu sein
ü
ú
ý
þ

griechisches Ideal
dagegen die christliche Würde:
über den Stolz im Menschen Herr geworden zu sein
über den — — —



Princip des Lebens

— die größere Complicirtheit, die scharfe Abscheidung, das Nebeneinander der ausgebildeten Organe und Funktionen, mit Verschwinden der Mittelglieder—wenn das Vollkommenheit ist, so ergiebt sich ein Wille zur Macht im organischen Prozeß, vermöge dessen herrschaftliche gestaltende befehlende Kräfte immer das Gebiet ihrer Macht mehren und innerhalb desselben immer wieder vereinfachen: der Imperativ wachsend.



— nützlich in Bezug auf die Beschleunigung des tempos der Entwicklung ist ein anderes “Nützlich” als das in Bezug auf möglichste Feststellung und Dauerhaftigkeit des Entwickelten.



der Geist ist nur ein Mittel und Werkzeug im Dienste des höheren Lebens, der Erhöhung des Lebens: und was das Gute anbetrifft, so wie es Plato (und nach ihm das Christenthum) verstand, so scheint es mir sogar ein lebensgefährliches, lebenverleumdendes, lebenverneinendes Princip.

7 [10]

Man kennt die Art Mensch, welche sich in die Sentenz tout comprendre c’est tout pardonner verliebt hat. Es sind die Schwachen, es sind vor Allem die Enttäuschten: wenn es an Allem etwas zu verzeihen giebt, so giebt es auch an Allem etwas zu verachten? Es ist die Philosophie der Enttäuschung, die sich hier so human in Mitleiden einwickelt und süß blickt.

Das sind Romantiker, denen der Glaube flöten gieng: nun wollen sie wenigstens noch zusehen, wie Alles läuft und verläuft. Sie nennen’s l’art pour l’art, “Objektivität” usw.

7 [11]

Sind nicht aus dem Anschein des Leeren und Vollen, des Festen und Lockeren, des Ruhenden und Bewegten, des Gleichen und Ungleichen—ist nicht der älteste Anschein zur Metaphysik gemacht?

Das europäische Philosophiren der letzten Jahrhunderte, das mit einer Würde und Biederkeit

— was ist erkennen? Kann ich erkennen?

7 [12]

Die volksthümlichen Ideale, der gute Mensch, der Selbstlose, der Heilige, der Weise, der Gerechte. Oh Mark Aurel! [Vgl. Marcus Aurelius Antoninus, Selbstgespräche [Commentarii]. Uebersetzt und erläutert von Carl Cleß. Stuttgart: Krais & Hoffmann, 1866.]

7 [13]

Man muß die Augen auf haben: wenn irgend ein von Anbeginn altersschwacher Gesell immer seine Müdig[keit] als Weisheit Pess[imismus] und Verklärung zur Schau trägt.

Wenn ein müder verunglückter von Anbeginn altersschwacher Gesell seine Müdigkeit immer als Ergebniß eines tiefen kämpfenden, leidenden Innen- und Bierlebens — — —

oder eine vorlaute und unruhige Gackergans ihren Ehrgeiz in bedrucktes Papier aushaucht

was habe ich schon Alles in Hinsicht auf philosophische Falschmünzerei erlebt: der müde von Anbeginn altersschwache Esel, der seine Müdigkeit — — —

7 [14]

Philosophie von Kant definirt als “Wissenschaft von den Grenzen der Vernunft”!



Daß es eine “Wahrheit” gäbe, der man sich irgendwie nähern könne —



Wenn ich ein regelmäßiges Geschehen in eine Formel bringe, so habe ich mir die Bezeichnung des ganzen Phänomens erleichtert, abgekürzt usw. Aber ich habe kein “Gesetz” constatirt, sondern die Frage aufgestellt, woher es kommt, daß hier Etwas sich wiederholt: es ist eine Vermuthung, daß der Formel ein Complex von zunächst unbekannten Kräften und Kraft-Auslösungen entspricht: es ist Mythologie zu denken, daß hier Kräfte einem Gesetze gehorchen, so daß in Folge ihres Gehorsams wir jedes Mal das gleiche Phänomen haben.

7 [15]

Ethik oder “Philosophie der Wünschbarkeit.” “Es sollte anders sein,” es soll anders werden: die Unzufriedenheit wäre also der Keim der Ethik.

Man könnte sich retten, erstens indem man auswählt, wo man nicht das Gefühl hat; zweitens, indem man die Anmaaßung und Albernheit begreift: denn verlangen, daß Etwas anders ist als es ist, heißt: verlangen, daß Alles anders ist,—es enthält eine verwerfende Kritik des Ganzen—es ist insofern ... Aber Leben ist selbst ein solches Verlangen!

Feststellen, was ist, wie es ist, scheint etwas unsäglich Höheres, Ernsteres als jedes “so sollte es sein”: weil Letzteres, als menschliche Kritik und Anmaaßung, von vornherein zur Lächerlichkeit verurtheilt erscheint. Es drückt sich darin ein Bedürfniß aus, welches verlangt, daß unsrem menschlichen Wohlbefinden die Einrichtung der Welt entspricht; auch der Wille, so viel als möglich auf diese Aufgabe hin zu thun. Andrerseits hat nur dies [Verlan]gen “so sollte es sein” jenes andere Verlangen nach dem, was, ist, hervorgerufen: [das W]issen nämlich darum, was ist, ist bereits eine Consequenz jenes Fragens: “wie? ist [es] möglich? warum gerade so?” Die Verwunderung über die Nicht-Übereinstimmung unsrer Wünsche und des Weltlaufs hat dahin geführt, den Weltlauf kennen zu lernen. Vielleicht steht es noch anders: vielleicht ist jenes “so sollte es sein,” unser Welt-Überwältigungs-Wunsch, — —

7 [16]

Unsre Abzeichen z.B. die kritische Stellung zum Christenthum MA 2, 182
Tafel der Abgrenzungen
z.B. gegen Idealisten und Romantiker
                                als Schauspieler und Selbstbelügner
       gegen die Beschaulichen
       gegen den Nationalismus.
Zur Psychologie der Einsamkeit.
Zu Ehren des Irrthums.
Antagonismus zwischen Vermenschlichung und Vergrösserung des Menschen.
Die Vollen und Schenkenden im Gegensatz zu den Suchenden, Begehrenden.
Die aesthetischen Zustände zwiefach.
Bücher und Menschen.
Fragen der Gesundheit.
     Moderne Musik.
     Classische Erziehung.
     Großstadt.
Laster des Intellects

7 [17]

Den größten Ekel haben mir bisher die Schmarotzer des Geistes gemacht: man findet sie, in unserem ungesunden Europa, überall sitzen, und zwar mit dem besten Gewissen von der Welt. Vielleicht ein wenig trübe, ein wenig air pessimiste, in der Hauptsache aber gefräßig, schmutzig, beschmutzend, sich einschleichend, einschmiegend, diebisch, krätzig,—und unschuldig wie alle kleinen Sünder und Mikrobien. Sie leben davon, daß andere Leute Geist haben, und ihn mit vollen Händen ausgeben: sie wissen, wie es selbst zum Wesen des reichen Geistes gehört, unbekümmert, ohne kleinliche Vorsicht, auf den Tag hin und selbst verschwenderisch sich auszugeben—denn der Geist ist ein schlechter Haushalter und hat kein Augenmerk darauf, wie Alles von ihm lebt und zehrt.

7 [18]

Jede Thätigkeit als solche macht Lust”—sagen die Physiologen. In wiefern? Weil die aufgestaute Kraft eine Art von Drang und Druck mit sich gebracht hat, einen Zustand, dem gegenüber das Thun als Befreiung gefühlt wird? Oder insofern jede Thätigkeit ein Überwinden von Schwierigkeiten und Widerständen ist? Und viele kleine Widerstände, immer wieder überwunden, leicht und wie in einem rhythmischen Tanze eine Art Kitzel des Machtgefühls mit sich bringen?

Lust als Kitzel des Machtgefühls: immer etwas voraussetzend, was widersteht und überwunden wird.

Alle Lust- und Unlusterscheinungen sind intellektuell, Gesammtbeurtheilungen von irgend welchen Hemmungserscheinungen, auslegungen derselben

7 [19]

In willensschwächeren und vielfacheren Zeitaltern ist ein hoher Grad von Entartung und Absonderlichkeit nicht sofort gefährlich und bedingt keine Ausmerzung aus dem gesellschaftlichen Körper; andrerseits geht man nicht gleich zu Grunde, weil die mittlere Quantität aller Kräfte selbst in sehr willkürlichen und eigensüchtigen Wesen nach außen zu die aggressive und herrschsüchtige Tendenz verhindert.

Die Gefahren solcher Zeitalter sind die concentrirten Willensmächtigen; während in starken Zeitaltern die Gefahr in den Unsicheren liegt.

7 [20]

Die Philosophen-Moral von Sokrates ab eine Don-Quixoterie

ein gutes Stück Schauspielerei

ein Selbst-Mißdeuten

was sie eigentlich ist?

idiosynkratisch: die Begeisterung für Dialektik, optimistisch—die überreizbare Sinnlichkeit und folglich Furcht

die größte aller Schwindeleien und Selbstverlogenheiten, zwischen gut, wahr und schön eine Identität zu setzen und diese Einheit darzustellen

der Kampf gegen die Sophisten ist psychologisch schwer zu fassen: es ist eine Abtrennung nöthig, um nicht mit ihnen verwechselt zu werden (wozu Alles einlud, weil sie nämlich sich verwandt fühlten). Wettbewerb um die Jünglinge

Tugend und Ironie und Scharfsinn bei Socrates—bei Plato der Verliebte (Päderast), der Künstler (?), der Oligarch —

Unabhängigkeits-Erklärung, Auswanderung aus der Polis, Ablösung von der Herkunft —

Kritik der Cultur vom Standpunkt der “Moral” und der Dialektik!!! —

absoluter Mangel an “historischem Sinn” —

Symptom der décadence

— ob nicht alle spezifisch moralischen Bewegungen bisher Symptome der décadence waren?

7 [21]

Perspektivismus der Wünschbarkeit (des Ideals)

7 [22]

Einer kritisirt: sein Temperament sagt dazu Ja
oft thut uns die Abwesenheit von Geist wohl

7 [23]

NB. In psychologischer Hinsicht habe ich zwei Sinne:
einmal:den Sinn für das Nackte
sodann:den Willen zum großen Stil (wenige Hauptsätze, diese im strengsten Zusammenhang; kein esprit, keine Rhetorik).

7 [24]

Alle die Triebe und Mächte, welche von der Moral gelobt werden, ergeben sich mir als essentiell gleich mit den von ihr verleumdeten und abgelehnten z.B. Gerechtigkeit als Wille zur Macht, Wille zur Wahrheit als Mittel des Willens zur Macht

7 [25]

[Vgl. Carl Wilhelm von Nägeli, Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre. Mit einem Anhang. 1. Die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniss. 2. Kräfte und Gestaltungen im molecularen Gebiet. München; Leipzig: Oldenbourg, 1884.]

Gegen den Darwinismus.

— der Nutzen eines Organs erklärt nicht seine Entstehung, im Gegentheil!

— die längste Zeit, während deren eine Eigenschaft sich bildet, erhält sie das Individuum nicht und nützt ihm nicht, am wenigsten im Kampfe mit äußeren Umständen und Feinden

— was ist zuletzt “nützlich”? Man muß fragen “in Bezug worauf nützlich?” Z.B. was der Dauer des Individuums nützt, könnte seiner Stärke und Pracht ungünstig sein; was das Individuum erhält, könnte es zugleich festhalten und stille stellen in der Entwicklung. Andrerseits kann ein Mangel, eine Entartung vom höchsten Nutzen sein, insofern sie als stimulans anderer Organe wirkt. Ebenso kann eine Nothlage Existenzbedingung sein, insofern sie ein Individuum auf das Maaß herunterschraubt, bei dem es zusammenhält und sich nicht vergeudet.



— Das Individuum selbst als Kampf der Theile (um Nahrung, Raum usw.): seine Entwicklung geknüpft an ein Siegen, Vorherrschen einzelner Theile, an ein Verkümmern, “Organwerden” anderer Theile

— der Einfluß der “äußeren Umstände” ist bei D[arwin] ins Unsinnige überschätzt; das Wesentliche am Lebensprozeß ist gerade die ungeheure gestaltende, von Innen her formschaffende Gewalt, welche die “äußeren Umstände” ausnützt, ausbeutet ...

— daß die von Innen her gebildeten neuen Formen nicht auf einen Zweck hin geformt sind, aber daß im Kampf der Theile eine neue Form nicht lange ohne eine Beziehung zu einem partiellen Nutzen stehen wird, und dann dem Gebrauche nach sich immer vollkommener ausgestaltet

— wenn sich nur das erhalten hat, was sich dauernd als nützlich bewies, so in erster Reihe die schädigenden zerstörenden auflösenden Fähigkeiten, das Sinnlose, Zufällige, — — —

7 [26]

Was bedeutet das, daß wir die campagna Romana nachfühlen? Und das Hochgebirge? Was bedeutet unser Nationalismus?

Idealismus oder Selbstverlogenheit.
Kritik der Civilisation.
Die Metamorphosen des Kreuzes.
Die Verfeinerungen der Furcht
                               der Wollüstigkeit.
                               der Verachtung

7 [27]

Vollerer Begriff des Lebens
Die Arten des Rausches
Die moderne Schauspielerei (z.B. “Vaterland”: in wiefern es uns wider das Gewissen geht, Patrioten zu sein)
Die ganze Europäische Falschheit.
Die Kluft —

7 [28]

Der starke Mensch, mächtig in den Instinkten einer starken Gesundheit verdaut seine Thaten ganz eben so, wie er die Mahlzeiten verdaut; er wird mit schwerer Kost selbst fertig: in der Hauptsache aber führt ihn ein unversehrter und strenger Instinkt, daß er nichts thut, was ihm widersteht, so wenig als er etwas ißt, das ihm nicht schmeckt.

7 [29]

Zur Geschichte des modernen Lasters.

Der Anarchismus.

7 [30]

— Naivetät des philosophischen Alterthums, psychologische Unschuld; ihre “Weisen” waren langweilig.

Gegen das Alterthum gehalten, das an die Vernunft (die göttliche Herkunft der Vernunft), an die Tugend (als höchste Vernünftigkeit und Unabhängigkeit des Geistes) glaubte, lehrt das Christenthum den Verdacht, daß Alles im Grunde böse und unverbesserlich sei, daß der Stolz des Geistes seine größte Gefahr sei usw.

7 [31]

Das tragische Zeitalter für Europa: bedingt durch den Kampf mit dem Nihilismus.

7 [32]

Der absolute Mangel an Vorbereitung für das Aufnehmen von Wahrheiten; keine Gradation der Erziehung; blindes Zutrauen in den Geist; die moderne “Gutmüthigkeit.”

7 [33]

Gegen die Theorie vom “milieu.” Die Rasse unsäglich wichtiger. Das milieu ergiebt nur “Anpassung”; innerhalb derselben spielt die ganze aufgespeicherte Kraft.

7 [34]

Der Causalismus. Dieses “Aufeinander” bedarf immer noch der Auslegung: “Naturgesetz” ist eine Auslegung usw.

“Ursache und Wirkung” geht zurück auf den Begriff “Thun und Thäter.” Diese Scheidung woher?



Bewegung als Symptom eines nicht-mechanischen Geschehens. Bei der mechanistischen Weltauffassung stehen bleiben—das ist, wie als ob ein Tauber die Partitur eines Werks als Ziel nimmt. [Vgl. Otto Liebmann, Gedanken und Thatsachen: philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. H. 1: Die Arten der Nothwendigkeit.— Die mechanische Naturerklärung.— Idee und Entelechie. Straßburg: Trübner, 1882:85-86.]



Logik—ihr Wesen nicht entdeckt. Kunst der eindeutigen Bezeichnung?

7 [35]

Kritik der menschlichen Ziele. Was wollte die antike Philosophie? Was das Christenthum? Was die Vedanta-Philosophie? Was Buddha?— Und hinter diesem Willen was steckt da?

Psychologische Genesis der bisherigen Ideale: was sie eigentlich bedeuten?

7 [36]

Gesetzt, unsere übliche Auffassung der Welt wäre ein Mißverständniß: könnte eine Vollkommenheit concipirt werden, innerhalb deren selbst solche Mißverständnisse sanktionirt wären?

Conception einer neuen Vollkommenheit: das, was unserer Logik, unserem “Schönen,” unserem “Guten,” unserem “Wahren” nicht entspricht, könnte in einem höheren Sinne vollkommen sein, als es unser Ideal selbst ist.

7 [37]

vis est vita, vides, quae nos facere omnia cogit

Lucilius

#\@l i"8gÃJ"4 *r*l $\‘ B@k\.gJ"4

7 [38]

Es ist ganz und gar nicht die erste Frage ob wir mit uns zufrieden sind, sondern ob wir überhaupt irgend womit zufrieden sind. Gesetzt, wir sagen Ja zu einem einzigen Augenblick, so haben wir damit nicht nur zu uns selbst, sondern zu allem Dasein Ja gesagt. Denn es steht nichts für sich, weder in uns selbst, noch in den Dingen: und wenn nur ein einziges Mal unsre Seele wie eine Saite vor Glück gezittert und getönt hat, so waren alle Ewigkeiten nöthig, um dies Eine Geschehen zu bedingen—und alle Ewigkeit war in diesem einzigen Augenblick unseres Jasagens gutgeheißen, erlöst, gerechtfertigt und bejaht.

7 [39]

Eine volle und mächtige Seele wird nicht nur mit schmerzhaften, selbst furchtbaren Verlusten, Entbehrungen, Beraubungen, Verachtungen fertig: sie kommt aus solchen Höllen mit größerer Fülle und Mächtigkeit heraus: und, um das Wesentlichste zu sagen, mit einem neuen Wachsthum in der Seligkeit der Liebe. Ich glaube, der w[elch]er etwas von den untersten Bedingungen jedes Wachsthums in der Liebe errathen hat, wird Dante, als er, über die Pforte seines inferno schrieb: “auch mich schuf die ewige Liebe” [, verstehen.]

7 [40]

Die Welt ist ins Ungeheure gewachsen und wächst fortwährend: unsere Weisheit lernt endlich, von sich kleiner zu denken; wir Gelehrten sogar, wir fangen eben an, wenig zu wissen ...

7 [41]

Das Begierden-Erdreich, aus dem die Logik herausgewachsen ist: Heerden-Instinkt im Hintergrunde, die Annahme der gleichen Fälle setzt die “gleiche Seele” voraus. Zum Zweck der Verständigung und Herrschaft.

7 [42]

Der Antagonism zwischen der “wahren Welt,” wie sie der Pessimismus aufdeckt, und einer lebensmöglichen Welt:—dazu muß man die Rechte der Wahrheit prüfen, es ist nöthig, den Sinn aller dieser “idealen Triebe” am Leben zu messen, um zu begreifen, was eigentlich jener Antagonism ist: der Kampf des krankhaften verzweifelnden, sich an Jenseitiges klammernden Lebens mit dem gesünderen dümmeren verlogneren reicheren unzersetzteren Leben. Also nicht “Wahrheit” im Kampf mit Leben, sondern eine Art Leben mit einer anderen.— Aber es will die höhere Art sein!— Hier muß die Beweisführung einsetzen, daß eine Rangordnung noth thut,—daß das erste Problem das der Rangordnung der Arten Leben ist.

7 [43]

Nihilismus als Folge der moralischen Welt-Auslegung.
Rangordnung.
Die ewige Wiederkunft.

7 [44]

[Vgl. William Henry Rolph, Biologische Probleme: zugleich als Versuch zur Entwicklung einer rationellen Ethik. Leipzig: Engelmann, 1884:72-97.]

“Nützlich” im Sinne der darwinistischen Biologie, d.h. im Kampf mit Anderen sich als begünstigend erweisend. Aber mir scheint schon das Mehrgefühl, das Gefühl des Stärker-Werdens, ganz abgesehn vom Nutzen im Kampf, der eigentliche Fortschritt: aus diesem Gefühle entspringt erst der Wille zum Kampf, —

7 [45]

1.
Kritik der Werthe, gemessen am Leben.
2.
Die Herkunft der Werthe
3.
Das Leben als Wille zur Macht
4.
Die Umgekehrten

ihr Hammer “die Lehre von der Wiederkunft.”

7 [46]

Die Art Mensch, deren Mundstück ich bin:

nicht an unerfüllten Idealen leidend, sondern an erfüllten! daran nämlich, daß das Ideal, welches wir darstellen und von dem so viel Wesens gemacht wird, von uns mit einer leichten Geringschätzung behandelt wird —

ein gefährliches Heimweh nach der ehemaligen “Wildniß” der Seele, nach den Bedingungen der Größe, so gut als der Teufelei —

wir genießen unsre unordentlicheren, wilderen, verrückteren Augenblicke, wir wären im Stande, ein Verbrechen zu begehen, nur um zu sehn, was es mit einem Gewissensbiß auf sich hat —

wir  sind  blasirt  gegen  die  alltäglichen  Reize  des  “guten Menschen,”  der, guten gesellsch[aftlichen] Ordnung, der braven Gelehrsamkeit —

wir leiden nicht an der “Verderbniß,” wir sind sehr verschieden von Rousseau und sehnen uns nicht nach dem “guten Naturmenschen” —

wir sind des Guten müde, nicht des Leidens: wir nehmen Krankheit, Unglück, Alter, Tod nicht mehr ernst genug, am wenigsten mit dem Ernste der Buddhisten, als ob die Einwände gegen das Leben gegeben seien.

7 [47]

Kritik der Vaterländerei: wer über sich Werthe fühlt, die er hundert Mal höher nimmt als das Wohl des “Vaterlands,” der Gesellschaft, der Bluts- und Rassenverwandtschaft,—Werthe, die jenseits der Vaterländer und Rassen stehen, also internationale Werthe—der würde zum Heuchler, wenn er den “Patrioten” spielen wollte. Es ist eine Niederung von Mensch und Seele, welche den nationalen Haß bei sich aushält (oder gar bewundert und verherrlicht): die dynastischen Familien beuten diese Art Mensch aus,—und wiederum giebt es genug Handels- und Gesellschaftsklassen (auch natürlich die käuflichen Hanswürste, die Künstler), die ihre Förderung gewinnen, wenn diese nationalen Scheidewässer wieder die Macht haben. Thatsächlich ist eine niedrigere Species zum Übergewicht gelangt — —

7 [48]

Intellektualität des Schmerzes: er bezeichnet nicht an sich, was augenblicklich geschädigt ist, sondern welchen Werth die Schädigung hat in Hinsicht auf das allgemeine Individuum.

ob es Schmerzen giebt, in denen “die Gattung” und nicht das Individuum leidet —

Was bedeutet activ und passiv? ist es nicht herrwerden und überwältigt werden

und Subject und Object?

7 [49]

Die Frage der Werthe ist fundamentaler als die Frage der Gewißheit: letztere erlangt ihren Ernst erst unter der Voraussetzung, daß die Werthfrage beantwortet ist.

Sein und Schein, psychologisch nachgerechnet, ergiebt kein “Sein an sich,” keine Kriterien für “Realität,” sondern nur für Grade der Scheinbarkeit gemessen an der Stärke des Antheils den wir einem Schein geben.

7 [50]

Das Problem der Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Gewißheit.

Das Problem des Guten

Das Problem der Gerechtigkeit.

Das Problem des Maaßes.

Das Problem der Rangordnung.

7 [51]

Die Verletzung provocirt entweder die Reaktion oder die Unterwerfung

7 [52]

Die christlichen Interpreten, wie Carlyle, heute als Form der Unredlichkeit: ebenso die Bewunderung der Zeiten des Glaubens.

7 [53]

Nicht ein Kampf um Existenz wird zwischen den Vorstellungen und Wahrnehmungen gekämpft, sondern um Herrschaft:—vernichtet wird die überwundene V[orstellung] nicht, nur zurückgedrängt oder subordinirt. Es giebt im Geistigen keine Vernichtung ...

7 [54]

Dem Werden den Charakter des Seins aufzuprägen—das ist der höchste Wille zur Macht.



Zwiefache Fälschung, von den Sinnen her und vom Geiste her, um eine Welt des Seienden zu erhalten, des Verharrenden, Gleichwerthigen usw.

Daß Alles wiederkehrt, ist die extremste Annäherung einer Welt des Werdens an die des Seins: Gipfel der Betrachtung.



Von den Werthen aus, die dem Seienden beigelegt werden, stammt die Verurtheilung und Unzufriedenheit im Werdenden: nachdem eine solche Welt des Seins erst erfunden war.

Die Metamorphosen des Seienden (Körper, Gott, Ideen, Naturgesetze, Formeln usw.)

“Das Seiende” als Schein; Umkehrung der Werthe: der Schein war das Werthverleihende

Erkenntniß an sich im Werden unmöglich; wie ist also Erkenntniß möglich? Als Irrthum über sich selbst, als Wille zur Macht, als Wille zur Täuschung.

Werden als Erfinden Wollen Selbstverneinen, Sich-selbst-Überwinden: kein Subjekt, sondern ein Thun, Setzen, schöpferisch, keine “Ursachen und Wirkungen.”

Kunst als Wille zur Überwindung des Werdens, als “Verewigen,” aber kurzsichtig, je nach der Perspektive: gleichsam im Kleinen die Tendenz des Ganzen wiederholend

Was alles Leben zeigt, als verkleinerte Formel für die gesammte Tendenz zu betrachten: deshalb eine neue Fixirung des Begriffs “Leben,” als Wille zur Macht

Anstatt “Ursache und Wirkung” der Kampf der Werdenden mit einander, oft mit Einschlürfung des Gegners; keine constante Zahl der Werdenden.

Unbrauchbarkeit der alten Ideale zur Interpretation des ganzen Geschehens, nachdem man deren thierische Herkunft und Nützlichkeit erkannt hat; alle überdies dem Leben widersprechend.

Unbrauchbarkeit der mechanistischen Theorie—giebt den Eindruck der Sinnlosigkeit.

Der ganze Idealismus der bisherigen Menschheit ist im Begriff, in Nihilismus umzuschlagen—in den Glauben an die absolute Werthlosigkeit das heißt Sinnlosigkeit ...

Die Vernichtung der Ideale, die neue Öde, die neuen Künste, um es auszuhalten, wir Amphibien.

Voraussetzung: Tapferkeit, Geduld, keine “Rückkehr,” keine Hitze nach vorwärts

NB. Zarathustra, sich beständig parodisch zu allen früheren Werthen verhaltend, aus der Fülle heraus.

7 [55]

Wenn es “nur Ein Sein giebt, das Ich” und nach seinem Bilde alle anderen “Seienden” gemacht sind,—wenn schließlich der Glaube an das “Ich” mit dem Glauben an die Logik d.h. metaphysische Wahrheit der Vernunft-Kategorie steht und fällt: wenn andrerseits das Ich sich als etwas Werdendes erweist: so — — —

7 [56]

Gegen das physikalische Atom. Um die Welt zu begreifen, müssen wir sie berechnen können; um sie berechnen zu können, müssen wir constante Ursachen haben; weil wir in der Wirklichkeit keine solchen constanten Ursachen finden, erdichten wir uns welche—die Atome. Dies ist die Herkunft der Atomistik.

Die Berechenbarkeit der Welt, die Ausdrückbarkeit alles Geschehens in Formeln—ist das wirklich ein “Begreifen”? Was wäre wohl an einer Musik begriffen, wenn alles, was an ihr berechenbar ist und in Formeln abgekürzt werden kann, berechnet wäre?— Sodann die “constanten Ursachen,” Dinge, Substanzen, etwas “Unbedingtes” also; erdichtet—was hat man erreicht?

7 [57]

[Vgl. Kuno Fischer, Geschichte der neuern Philosophie. Bd. 1, Ed. 2, Th. 2. Descartes' Schule. Geulinx, Malebranche, Baruch Spinoza. Heidelberg: Bassermann, 1865.]

Es gab einen melancholischen Nachmittag, an dem Spinoza mit sich unzufrieden war: ein kleines Vorkommniß wollte ihm nicht aus dem Sinn—er tadelte sich in Hinsicht auf dieses Vorkommniß. Mit Einem Male sagte er sich: das ist der morsus conscientiae! Aber wie ist der morsus conscientiae bei mir noch möglich?

7 [58]

Kritik des christlichen Ideals: seine Voraussetzungen die Existenzbedingungen der Seele—es handelt sich ums ewige Leben, und um Verdammniß oder Seligkeit

7 [59]

Der Determinism ist nur jener Moral schädlich, welche an’s liberum arbitrium als Voraussetzung der Moralität glaubt an die “Verantwortlichkeit”

7 [60]

Gegen den Positivismus, welcher bei dem Phänomen stehen bleibt “es giebt nur Thatsachen,” würde ich sagen: nein, gerade Thatsachen giebt es nicht, nur Interpretationen. Wir können kein Factum “an sich” feststellen: vielleicht ist es ein Unsinn, so etwas zu wollen. “Es ist alles subjektiv” sagt ihr: aber schon das ist Auslegung, das “Subjekt” ist nichts Gegebenes, sondern etwas Hinzu-Erdichtetes, Dahinter-Gestecktes.— Ist es zuletzt nöthig, den Interpreten noch hinter die Interpretation zu setzen? Schon das ist Dichtung, Hypothese.

Soweit überhaupt das Wort “Erkenntniß” Sinn hat, ist die Welt erkennbar: aber sie ist anders deutbar, sie hat keinen Sinn hinter sich, sondern unzählige Sinne “Perspektivismus.”

Unsre Bedürfnisse sind es, die die Welt auslegen: unsre Triebe und deren Für und Wider. Jeder Trieb ist eine Art Herrschsucht, jeder hat seine Perspektive, welche er als Norm allen übrigen Trieben aufzwingen möchte.

7 [61]

Vorläufige Überschriften von Capiteln.
Antagonismus von “Verbesserung” und “Vergrößerung” des Menschen (resp. Zähmung und Verstärkung)
Kritik des christlichen Ideals (Demuth, Keuschheit, Armut, Einfalt)
Kritik des stoischen Ideals (eingerechnet der “Fakir”)
Kritik des epikureischen Ideals (eingerechnet das “olympische”—auch die “Beschaulichen”)
Die Metamorphosen der Sklaverei.
Künstler und Eroberer. Was will Schönheit?
Gerechtigkeit, Schuld, Strafe, Verantwortlichkeit—der Gesetzgeber.
Kritik des romantischen Ideals, insgleichen jenes Ideals, das dem Pessimisten seine Kraft zu hassen und zu verachten giebt
Der interpretative Charakter des Lebens (was bedeutet Nihilismus?)      “Ziellosigkeit”
Das nächste Jahrhundert und seine Vorgänger.
Kritik der Handlung (Ursache und Wirkung, Thun, Zweck)
Rangordnung

7 [62]

Die Wenigsten machen sich klar, was der Standpunkt der Wünschbarkeit, jedes “so sollte es sein, aber es ist nicht” oder gar “so hätte es sollen gewesen sein” in sich schließt: eine Verurtheilung des gesammten Gangs der Dinge. Denn in ihm giebt es nichts Isolirtes: das Kleinste trägt das Ganze, auf deinem kleinen Unrechte steht der ganze Bau der Zukunft, das Ganze wird bei jeder Kritik, die das Kleinste trifft, mit verurtheilt. Gesetzt nun gar, daß die moralische Norm, wie es selbst Kant vermeinte, niemals vollkommen erfüllt worden ist und als eine Art Jenseits über der Wirklichkeit hängen bliebe, ohne jemals in sie hineinzufallen: so schlösse die Moral ein Urtheil über, das Ganze in sich, welches aber doch erlaubte zu fragen: woher nimmt sie das Recht dazu? Wie kommt der Theil dazu, dem Ganzen gegenüber hier den Richter zu machen?— Und wäre es in der That ein unausrottbarer Instinkt, dieses moral[ische] Urtheilen und Ungenügen am Wirklichen, wie man behauptet hat, gehörte dann dieser Instinkt nicht vielleicht mit zu den unausrottbaren Dummheiten, auch Unbescheidenheiten unserer species?— Aber, indem wir dies sagen, thun wir das, was wir tadeln; der Standpunkt der Wünschbarkeit, des unbefugten Richterspielens gehört mit in den Charakter des Gangs der Dinge, jede Ungerechtigkeit und Unvollkommenheit ebenso,—es ist eben unser Begriff von “Vollkommenheit,” welcher seine Rechnung nicht findet. Jeder Trieb, der befriedigt werden will, drückt seine Unzufriedenheit mit der jetzigen Lage der Dinge aus: wie? ist vielleicht das Ganze aus lauter unzufriedenen Theilen zusammengesetzt, die allesammt Wünschbarkeiten im Kopf haben? ist der “Gang der Dinge” vielleicht eben das “Weg von hier! Weg von der Wirklichkeit!,” die ewige Unbefriedigung selbst? ist die Wünschbarkeit vielleicht die treibende Kraft selbst? ist sie—deus?

Es scheint mir wichtig, daß man das All, die Einheit los wird, irgend eine Kraft, ein Unbedingtes; man würde nicht umhin können, es als höchste Instanz zu nehmen und Gott zu taufen. Man mu[ß] das All zersplittern; den Respekt vor dem All verlernen; das, was wir dem Unbekannten [und] Ganzen gegeben haben, zurücknehmen für das Nächste, Unsre. Was Kant z.B. sagt “Zwei Dinge bleiben ewig verehrenswerth”—heute würden wir eher sagen “die Verdauung ist ehrwürdiger.” Das All brächte immer die alten Probleme mit sich “wie Übel möglich sei?” usw. Also: es gie[bt] kein All, es fehlt das große Sensorium oder Inventarium oder Kraft-Magazin: darin [+ + +] [Vgl Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Schluß: "Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir."]

7 [63]

Muß nicht alle Philosophie endlich die Voraussetzungen, auf denen die Bewegung der Vernunft ruht, ans Licht bringen? Unseren Glauben an das Ich, als an eine Substanz, als an die einzige Realität, nach welcher wir überhaupt den Dingen Realität zusprechen? Der älteste “Realismus” kommt zuletzt ans Licht: zu gleicher Zeit, wo die ganze religiöse Geschichte der Menschheit sich wiedererkennt als Geschichte vom Seelen-Aberglauben. Hier ist eine Schranke: unser Denken selbst involvirt jenen Glauben (mit seiner Unterscheidung von Substanz-Accidens, Thun, Thäter usw.), ihn fahren lassen heißt nicht-mehr-denken-dürfen.

Daß aber ein Glaube, so nothwendig er ist, zur Erhaltung von Wesen, nichts mit der Wahrheit zu thun hat, erkennt man z.B. selbst daran, daß wir an Zeit Raum und Bewegung glauben müssen, ohne uns gezwungen zu fühlen, hier absolute [+ + +]

7 [64]

[+ + +] aller Werthe

Erstes Buch.

Der europäische Nihilismus.

Zweites Buch.

Kritik der höchsten Werthe.

Drittes Buch.

Princip einer neuen Werthsetzung.

Viertes Buch.

Zucht und Züchtung.

entworfen den 17. März 1887, Nizza.

I. Jede rein moralische Werthsetzung (wie z.B. die buddhistische) endet mit Nihilismus: dies für Europa zu erwarten! Man glaubt mit einem Moralism ohne religiösen Hintergrund auszukommen: aber damit ist der Weg zum Nihilismus nothwendig. In der Religion fehlt der Zwang, uns als werthsetzend zu betrachten.

7 [65]

Wie plump ist jedes Mal der Erfolg und sein erbärmlicher Ausgangspunkt in Eins gerechnet! Selbst bei Künstlern: wie kann man vom Werk auf den Künstler zurückschließen! Homer—fühlt ihr nicht den Pessimisten und Überreizbaren, der um seiner Leiden willen jene Fülle von Vollendung der Olympier erdichtet! Die Theorien des Philosophen sind entweder die brutale Verallgemeinerung seiner Sensibilitäts-Erfahrung, oder das Mittel, wodurch er über diese Sensibilität Herr bleiben will,—Geistigkeit usw.

— Flucht vor ihr ins Geistig-Kalte, Formelhaft-Starre.

4.

Egoismus und sein Problem! Die christliche Verdüsterung in Larochefoucauld, welcher ihn überall herauszog und damit den Werth der Dinge und Tugenden vermindert glaubte! Dem entgegen suchte ich zunächst zu beweisen, daß es gar nichts anderes geben könne als Egoismus,—daß den Menschen, bei denen das ego schwach und dünn wird, auch die Kraft der großen Liebe schwach wird,—daß die Liebendsten vor allem es aus Stärke ihres ego sind,—daß Liebe ein Ausdruck von Egoismus ist usw. Die falsche Werthschätzung zielt in Wahrheit auf das Interesse 1) derer, denen genützt, geholfen wird, der Heerde 2) enthält [sie] einen pessimistischen Argwohn gegen den Grund des Lebens 3) möchte [sie] die prachtvollsten und wohlgerathensten Menschen verneinen; Furcht 4) will [sie] den Unterliegenden zum Rechte verhelfen gegen die Sieger 5) bringt sie eine universale Unehrlichkeit mit sich, und gerade bei den werthvollsten Menschen.

5.

Musik und ihre Gefährlichkeit,—ihre Schwelgerei, ihre Auferweckungskunst für christliche Zustände, vor allem für jene Mischung von versetzter Sinnlichkeit und Gebets-Brünstigkeit (Franc[iscus] von Assisi)—geht Hand in Hand mit der Unsauberkeit des Kopfes, und der Schwärmerei des Herzens; zerbricht den Willen, überreizt die Sensibilität, die Musiker sind geil.

NB. Ursachen (innere Zustände) aus denen die Kunst wächst: und, sehr verschieden davon, die Wirkung[en.]

7 [66]

Welche Art Menschen mag sich beim Lesen meiner Schriften schlecht befinden? Von denen, wie billig, abgesehn, welche sie überhaupt “nicht verstehen” (wie die gebildeten Schweine und Großstadt-Gänse, oder die Pfarrer, oder die “deutschen Jünglinge,” oder Alles, was Bier trinkt und nach Politik stinkt). Da sind zum Beispiel Litteraten, welche mit dem Geiste Schacher treiben und von ihren Meinungen “leben” wollen—sie haben nämlich entdeckt, daß etwas an einer Meinung (wenigstens an gewissen Meinungen) ist, das Geldes Werth hat,—gegen sie bläst aus meinen Schriften ein beständiger Hauch eisiger Verachtung. Insgleichen beglücke ich schwerlich die Litteratur-Weiberchen, wie sie zu sein pflegen, mit krankhaften Geschlechts-Werkzeugen und Tintenklexen an den Fingern; vielleicht weil ich zu hoch vom Weibe denke, als daß ich es zum Tintenfische herabbringen möchte? Insgleichen verstehe ich, warum alle geschwollenen Agitatoren mir gram sind: denn sie brauchen gerade die großen Worte und den Lärm tugendhafter Principien, welche ich — — — und die, sobald sie einen Stich fühlen, in Gefahr sind zu platzen — — —



An all dieser Gegnerschaft ist mir wenig gelegen: aber es giebt eine andre, deren Wehe mir selbst wehthut:—das sind die aus dem Pöbel Sich-mühsam-Emporarbeitenden, die Menschen des sittlichen Durstes, der kämpfenden Spannung, die nach dem Vornehmen leidenschaftlich Verlangenden. Ihnen muß es scheinen, als ob aus meinen Schriften sie ein ironisches Auge anblicke, das sich nichts von ihrem kleinen Heldenthum entgehen läßt—ein Auge, dem ihr ganzes kleines Elend, auch ihre Ermüdungen und was von Eitelkeit allen Müden Noth thut, ihr Ameisen-Klettern und -Herabpurzeln beständig gegenwärtig ist.

7 [67]
[Vgl. Sommer 1886—Herbst 1887 5 [45].]

Neulich hat ein Herr Theodor Fritsch aus Leipzig an mich geschrieben. Es giebt gar keine unverschämtere und stupidere Bande in Deutschland als diese Antisemiten. Ich habe ihm brieflich zum Danke einen ordentlichen Fußtritt versetzt. Dies Gesindel wagt es, den Namen Z[arathustra] in den Mund zu nehmen! Ekel! Ekel! Ekel!

[Vgl. Nizza, den 29. März 1887: Brief an Theodor Fritsch:

Sehr geehrter Herr,

hiermit sende ich Ihnen die drei übersandten nummern Ihres Correspondenz-Blattes zurück, für das Verrtrauen dankend, mit dem Sie mir erlaubten, in den Principien-Wirrwarr auf dem Grunde dieser wunderlichen Bewegung einen Blick zu thun. Doch bitte ich darum, mich fürderhin nicht mehr mit diesen Zusendungen zu bedenken: ich fürchte zuletzt für meine Geduld. Glauben Sie mir: dieses abscheuliche Mitredenwollen noioser Dilettanten über den Werth von Menschen und Rassen, diese Unterwerfung unter “Autoritäten,” welche von jedem besonneneren Geiste mit kalter Verachtung abgelehnt werden (z. B. E. Dühring, R. Wagner, Ebrard, Wahrmund, P. de Lagarde—wer von ihnen ist in Fragen der Moral und Historie der unberechtigtste, ungerechteste?), diese beständigen absurden Fälschungen und Zurechtmachungen der vagen Begriffe “germanisch,” “semitisch,” “arisch,” “christlich,” “deutsch”—das Alles könnte mich auf die Dauer ernsthaft erzürnen und aus dem ironischen Wohlwollen herausbringen, mit dem ich bisher den tugendhaften Velleitäten und Pharisäismen der jetzigen Deutschen zugesehen habe.

— Und zuletzt, was glauben Sie, das ich empfinde, wenn der Name Zarathustra von Antisemiten in den Mund genommen wird? ...

Ihr ergebenster                      

Dr. Fr. Nietzsche]

7 [68]

NB!!

so daß man unter den Atheisten weniger Freisinnigkeit in moralischen Dingen findet als unter den Frommen und Gottgläubigen (z.B. Pascal ist in moralischen Fragen freier und freisinniger als Schopenhauer)

7 [69]

Pascal sah in zwei Gestalten, in Epictet und Montaigne, seine eigentlichen Versucher, gegen die er nöthig hatte sein Christenthum immer wieder zu vertheidigen und sicher zu stellen.

7 [70]

Es giebt über dem Dampf und Schmutz der menschlichen Niederungen eine höhere hellere Menschheit, die der Zahl nach eine sehr kleine sein wird—denn alles, was hervorragt, ist seinem Wesen nach, selten—: man gehört zu ihr, nicht weil man begabter oder tugendhafter oder heroischer oder liebevoller wäre, als die Menschen da unten, sondern weil man kälter, heller, weitsichtiger, einsamer ist, weil man die Einsamkeit erträgt, vorzieht, fordert als Glück, Vorrecht, ja als Bedingung des Daseins, weil man unter Wolken und Blitzen wie unter seines Gleichen lebt, aber ebenso unter Sonnenstrahlen, Thautropfen, Schneeflocken und allem, was nothwendig aus der Höhe kommt und, wenn es sich bewegt, sich ewig nur in der Richtung von Oben nach Unten bewegt. Die Aspirationen nach der Höhe sind nicht die unsrigen.— Die Helden, Märtyrer, Genies und Begeisterten sind uns nicht still, geduldig, fein, kalt, langsam genug.

From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel