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The Will to Power
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Herbst 1885—Herbst 1886 2 [101-210]

2 [101]

Der Rückschluß vom Werk auf den Schöpfer: die furchtbare Frage, ob die Fülle oder die Entbehrung, der Wahnsinn des Entbehrens zum Schaffen drängt: der plötzliche Blick dafür, daß jedes romantische Ideal eine Selbstflucht, eine Selbst-Verachtung und Selbst-Verurtheilung dessen ist, der es erfindet.

Es ist zuletzt eine Frage der Kraft: diese ganze romantische Kunst könnte von einem Überreichen und willensmächtigen Künstler ganz ins Antiromantische oder—um meine Formel zu brauchen—ins Dionysische umgebogen werden, ebenso wie jede Art Pessimismus und Nihilismus in der Hand des Stärksten nur ein Hammer und Werkzeug mehr wird, mit dem man sich ein neues Paar Flügel zusetzt.

Ich erkannte mit einem Blick, daß Wagner zwar sein Ziel erreicht, aber nur so wie Napoleon sein Moskau erreicht hatte—an jeder Etappe war so viel verloren, unersetzbar verloren, daß gerade am Ende des ganzen Aufmarsches und scheinbar im Augenblick des Siegs das Schicksal schon entschieden war. Verhängnißvoll die Verse Brünnhildes. So kam Napoleon nach Moskau (R. Wagner nach Bayreuth—)

Sich mit keinen krankhaften und von vornherein besiegten Mächten verbünden —

Hätte ich mir selber mehr getraut: mir hat die Wagner[sche] Unfähigkeit zu gehn (noch mehr zu tanzen—und ohne Tanz giebt es für mich keine Erholung und Seligkeit) immer Noth gemacht.

Das Verlangen nach vollständigen Passionen ist verrätherisch: wer ihrer fähig ist, verlangt den Zauber des Gegentheils d.h. der Skepsis. Die von Grund aus Gläubigen haben ihre gelegentliche Wohlthat und Erholung in der Scepsis.



Wagner von den Entzückungen redend, die er dem christlichen Abendmahle abzugewinnen wisse: das entschied bei mir, er galt mir als besiegt.— Es kam hinzu, daß ein Mißtrauen bei mir erwachte, ob er nicht für möglich hielte zum Zweck seiner neuen Einbürgerung in Deutschland etwas den Christen und Neubekehrten zu spielen: dies Mißtrauen schadete ihm noch mehr bei mir als der Verdruß, auf einen alt werdenden Romantiker Hoffnungen gesetzt zu haben, dessen Kniee schon müde genug zum Niederfallen vor dem Kreuze waren.

2 [102]

Der Glaube an den Leib ist fundamentaler als der Glaube an die Seele: letzterer ist entstanden aus den Aporien der unwissenschaftlichen Betrachtung des Leibes (etwas, das ihn verläßt. Glaube an die Wahrheit des Traumes

2 [103]

Mißtrauen gegen die Selbstbeobachtung. Daß ein Gedanke Ursache eines Gedankens ist, ist nicht festzustellen. Auf dem Tisch unseres Bewußtseins erscheint ein Hintereinander von Gedanken, wie als ob ein Gedanke die Ursache des Folgenden sei. Thatsächlich sehen wir den Kampf nicht, der sich unter dem Tische abspielt — —

2 [104]

Bei Plato als bei einem Menschen der überreizbaren Sinnlichkeit und Schwärmerei ist der Zauber des Begriffs so groß gewesen, daß er unwillkürlich den Begriff als eine Idealform verehrte und vergötterte. Dialektik-Trunkenheit, als das Bewußtsein, mit ihr eine Herrschaft über sich auszuüben — — als Werkzeug des Machtwillens.

2 [105]

Druck und Stoß etwas unsäglich Spätes, Abgeleitetes, Unursprüngliches. Es setzt ja schon etwas voraus, das zusammenhält und drücken und stoßen kann! Aber woher hielte es zusammen?

2 [106]

Die Bedeutung der deutschen Philosophie (Hegel): einen Pantheismus auszudenken, bei dem das Böse, der Irrthum und das Leid nicht als Argumente gegen Göttlichkeit empfunden werden. Diese grandiose Initiative ist mißbraucht worden von den vorhandenen Mächten (Staat usw.), als sei damit die Vernünftigkeit des gerade Herrschenden sanktionirt.



Schopenhauer  erscheint  dagegen  als  hartnäckiger  Moral-Mensch,  welcher  endlich,  um  mit  seiner moral[ischen] Schätzung Recht zu behalten, zum Welt-Verneiner wird. Endlich zum “Mystiker.”



Ich selbst habe eine ästhetische Rechtfertigung versucht: wie ist die Häßlichkeit der Welt möglich?— Ich nahm den Willen zur Schönheit, zum Verharren in gleichen Formen, als ein zeitweiliges Erhaltungs- und Heilmittel: fundamental aber schien mir das Ewig-Schaffende als das ewig-Zerstören-Müssende gebunden an den Schmerz. Das Häßliche ist die Betrachtungsform der Dinge, unter dem Willen, einen Sinn, einen neuen Sinn in das sinnlos Gewordene zu legen: die angehäufte Kraft, welche den Schaffenden zwingt, das Bisherige als unhaltbar, mißrathen, verneinungswürdig, als häßlich zu fühlen? —



Die Täuschung Apollos: die Ewigkeit der schönen Form; die aristokratische Gesetzgebung “so soll es immer sein!”

Dionysos: Sinnlichkeit und Grausamkeit. Die Vergänglichkeit könnte ausgelegt werden als Genuß der zeugenden und zerstörenden Kraft, als beständige Schöpfung.

2 [107]

NB. Die Religionen gehn an dem Glauben der Moral zu Grunde: der christlich-moralische Gott ist nicht haltbar: folglich “Atheismus”—wie als ob es keine andere Art Götter geben könne.

Insgleichen geht die Cultur am Glauben an die Moral zu Grunde: denn wenn die nothwendigen Bedingungen entdeckt sind, aus denen allein sie wächst, so will man sie nicht mehr: Buddhismus.

2 [108]

Daß der Werth der Welt in unserer Interpretation liegt (—daß vielleicht irgendwo noch andere Interpretationen möglich sind als bloß menschliche—) daß die bisherigen Interpretationen perspektivische Schätzungen sind, vermöge deren wir uns im Leben, das heißt im Willen zur Macht, zum Wachsthum der Macht erhalten, daß jede Erhöhung des Menschen die Überwindung engerer Interpretationen mit sich bringt, daß jede erreichte Verstärkung und Machterweiterung neue Perspektiven aufthut und an neue Horizonte glauben heißt—dies geht durch meine Schriften. Die Welt, die uns etwas angeht, ist falsch d.h. ist kein Thatbestand, sondern eine Ausdichtung und Rundung über einer mageren Summe von Beobachtungen; sie ist “im Flusse,” als etwas Werdendes, als eine sich immer neu verschiebende Falschheit, die sich niemals der Wahrheit nähert: denn—es giebt keine “Wahrheit.”

2 [109]

Die “Sinnlosigkeit des Geschehens”: der Glaube daran ist die Folge einer Einsicht in die Falschheit der bisherigen Interpretationen, eine Verallgemeinerung der Muthlosigkeit und Schwäche—kein nothwendiger Glaube.

Unbescheidenheit des Menschen—: wo er den Sinn nicht sieht, ihn zu leugnen!

2 [110]

ZurGeburt der Tragödie.”

Das “Sein” als die Erdichtung des am Werden Leidenden.

Ein Buch aus lauter Erlebnissen über ästhetische Lust- und Unlustzustände aufgebaut, mit einer Artisten-Metaphysik im Hintergrunde. Zugleich ein Romantiker-Bekenntniß, endlich ein Jugend-Werk voller Jugend-Muth und Melancholie. Der Leidendste verlangt am tiefsten nach Schönheit—er erzeugt sie.

Psychologische Grunderfahrungen: mit dem Namen “apollinisch” wird bezeichnet das entzückte Verharren vor einer erdichteten und erträumten Welt, vor der Welt des schönen Scheins als einer Erlösung vom Werden: auf den Namen des Dionysos ist getauft, andererseits, das Werden aktiv gefaßt, subjektiv nachgefühlt, als wüthende Wollust des Schaffenden, der zugleich den Ingrimm des Zerstörenden kennt. Antagonismus dieser beiden Erfahrungen und der ihnen zu Grunde liegenden Begierden: die erstere will die Erscheinung ewig, vor ihr wird der Mensch stille, wunschlos, meeresglatt, geheilt, einverstanden mit sich und allem Dasein: die zweite Begierde drängt zum Werden, zur Wollust des Werden-machens d.h. des Schaffens und Vernichtens. Das Werden, von innen her empfunden und ausgelegt, wäre das fortwährende Schaffen eines Unbefriedigten, Überreichen, Unendlich-Gespannten und -Gedrängten, eines Gottes, der die Qual des Seins nur durch beständiges Verwandeln und Wechseln überwindet:—der Schein als seine zeitweilige, in jedem Augenblick erreichte Erlösung; die Welt als die Abfolge göttlicher Visionen und Erlösungen im Scheine.— Diese Artisten-Metaphysik stellt sich der einseitigen Betrachtung Schopenhauer’s entgegen, welcher die Kunst nicht vom Künstler aus, sondern vom Empfangenden aus allein zu würdigen versteht: weil sie Befreiung und Erlösung im Genuß des Nicht-Wirklichen mit sich bringt, im Gegensatz zur Wirklichkeit (die Erfahrung eines an sich und seiner Wirklichkeit Leidenden und Verzweifelnden)—Erlösung in der Form und ihrer Ewigkeit (wie auch Plato es erlebt haben mag: nur daß dieser auch im Begriff schon den Sieg über seine allzu reizbare und leidende Sensibilität genoß) Dem wird die zweite Thatsache, die Kunst vom Erlebniß des Künstlers aus, entgegengestellt, vor Allem des Musikers: die Tortur des Schaffenmüssens, als dionysischer Trieb.

Die tragische Kunst, an beiden Erfahrungen reich, wird als Versöhnung des Apoll und Dionysos bezeichnet: der Erscheinung wird die tiefste Bedeutsamkeit geschenkt, durch Dionysos: und diese Erscheinung wird doch verneint und mit Lust verneint. Dies ist gegen Schopenhauer’s Lehre von der Resignation als tragische Weltbetrachtung gekehrt.

Gegen Wagner’s Theorie, daß die Musik Mittel ist, und das Drama Zweck.

Ein Verlangen nach dem tragischen Mythus (nach “Religion” und zwar pessimistischer Religion) (als einer abschließenden Glocke worin Wachsendes gedeiht)

Mißtrauen gegen die Wissenschaft: obwohl ihr augenblicklich lindernder Optimismus stark empfunden ist. Heiterkeit des theoretischen Menschen.

Tiefer Widerwille gegen das Christenthum: warum? Die Entartung des deutschen Wesens wird ihm zugeschoben.

Nur aesthetisch giebt es eine Rechtfertigung der Welt. Gründlicher Verdacht gegen die Moral (sie gehört mit in die Erscheinungswelt).

Das Glück am Dasein ist nur möglich als Glück am Schein

Das Glück am Werden ist nur möglich in der Vernichtung des Wirklichen des “Daseins,” des schönen Anscheins, in der pessimistischen Zerstörung der Illusion.

in der Vernichtung auch des schönsten Scheins kommt das dionysische Glück auf seinen Gipfel.

2 [111]

Das Problem vom Sinn der Kunst: wozu Kunst?

Wie verhielten sich die lebenskräftigsten und wohlgerathensten Menschen die Griechen zur Kunst?

Thatsache: die Tragödie gehört ihrer reichsten Zeit von Kraft an—warum?

Zweite Thatsache: das Bedürfniß nach Schönheit, ebenso nach Logisirung der Welt gehört in ihre décadence

Deutung beider Thatsachen: — — —

Fehlerhafte Nutzanwendung auf die Gegenwart: ich deutete den Pessimismus als Folge der höheren Kraft und Lebensfülle, welche sich den Luxus des Tragischen erlauben kann. Insgleichen deutete ich die deutsche Musik als Ausdruck einer dionysischen Überfülle und Ursprünglichkeit d.h.

1) ich überschätzte das deutsche Wesen
2) ich verstand die Quelle der modernen Verdüsterung nicht
3) mir fehlte das kulturhistorische Verständniß für den Ursprung der modernen Musik und ihre essentielle Romantik.

Abgesehen von dieser fehlerhaften Nutzanwendung bleibt das Problem bestehn: wie würde eine Musik sein, welche nicht romantischen Ursprungs wäre—sondern eines dionysischen?

2 [112]

ein Romantiker ist ein Künstler, den das große Mißvergnügen an sich schöpferisch macht—der von sich und seiner Mitwelt wegblickt, zurückblickt

2 [113]

Ich fieng an mit einer metaphysischen Hypothese über den Sinn der Musik: aber zu Grunde lag eine psychologische Erfahrung, welcher ich noch keine genügende historische Erklärung unterzuschieben wußte. Die Übertragung der Musik in’s Metaphysische war ein Akt der Verehrung und Dankbarkeit; im Grunde haben es alle religiösen Menschen bisher so mit ihrem Erlebniß gemacht.— Nun kam die Kehrseite: die unleugbar schädliche und zerstörerische Wirkung eben dieser verehrten Musik auf mich—und damit auch das Ende ihrer religiösen Verehrung. Damit giengen mir auch die Augen auf für das moderne Bedürfniß nach Musik (welches gleichzeitig in der Geschichte erscheint mit dem zunehmenden Bedürfniß nach Narcoticis) Gar das “Kunstwerk der Zukunft” erschien mir als Raffinement des Aufregungs- und Betäubungs-Bedürfnisses, wobei alle Sinne zugleich ihre Rechnung finden wollen, eingerechnet der idealistische, religiöse, hypermoralische Widersinn—als eine Gesamt-Excitation der ganzen nervösen Maschinerie. Das Wesen der Romantik gieng mir auf: der Mangel einer fruchtbaren Art von Menschen ist da zeugend geworden. Zugleich die Schauspielerei der Mittel, die Unächtheit und Entlehntheit aller einzelnen Elemente, der Mangel an Probität der künstlerischen Bildung, die abgründliche Falschheit dieser modernsten Kunst: welche wesentlich Theaterkunst sein möchte. Die psychologische Unmöglichkeit dieser angeblichen Helden- und Götterseelen, welche zugleich nervös, brutal und raffinirt sind gleich den Modernsten unter den Pariser Malern und Lyrikern.— Genug, ich stellte sie mit hinein in die moderne “Barbarei.”— Damit ist über das Dionysische Nichts gesagt. In der Zeit der größten Fülle und Gesundheit erscheint die Tragödie, aber auch in der Zeit der Nervenerschöpfung und -Überreizung. Entgegengesetzte Deutung.— Bei Wagner ist bezeichnend, wie er schon dem Ring des Nibelungen einen nihilistischen (ruhe- und endesüchtigen) Schluß gab.

2 [114]

Das Kunstwerk, wo es ohne Künstler erscheint z.B. als Leib, als Organisation (preußisches Offiziercorps, Jesuitenorden). In wiefern der Künstler nur eine Vorstufe ist. Was bedeutet das “Subjekt” — ?

Die Welt als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk — —

Ist die Kunst eine Folge des Ungenügens am Wirklichen? Oder ein Ausdruck der Dankbarkeit über genossenes Glück? Im ersten Falle Romantik, im zweiten Glorien-schein und Dithyrambus (kurz Apotheosen-Kunst): auch Raffael gehört hierhin, nur daß er jene Falschheit hatte, den Anschein der christlichen Weltauslegung zu vergöttern. Er war dankbar für das Dasein, wo es nicht spezifisch-christlich sich zeigte.

Mit der moral[ischen] Interpretation ist die Welt unerträglich. Das Christenthum war der Versuch, damit die Welt zu überwinden: das heißt zu verneinen. In praxi lief ein solches Attentat des Wahnsinns—einer wahnsinnigen Selbstüberhebung des Menschen angesichts der Welt—[auf] Verdüsterung, Verkleinlichung, Verarmung des Menschen hinaus: die mittelmäßigste und unschädlichste Art, die heerdenhafte Art Mensch, fand allein dabei ihre Rechnung, ihre Förderung, wenn man will ...

Homer als Apotheosen-Künstler; auch Rubens. Die Musik hat noch keinen gehabt.

Die Idealisirung des großen Frevlers (der Sinn für seine Größe) ist griechisch; das Herunterwürdigen, Verleumden, Verächtlichmachen des Sünders ist jüdisch-christlich.

2 [115]

“Gott ist todt.” Gefahr in der Gottesverehrung nach jüdisch-christlichen Schemen.

2 [116]

Jene Selbst-Erkenntniß, welche Bescheidenheit ist—denn wir sind nicht unser eigen Werk—aber ebensosehr auch Dankbarkeit ist—denn wir sind “gut gerathen” —

2 [117]

Psychologie des wissenschaftlichen Bedürfnisses.

Die Kunst aus Dankbarkeit oder aus Ungenügen.

Die moralische Welt-ausdeutung endet in Weltverneinung (Kritik des Christenthums).

Antagonismus zwischen “Verbesserung” und Verstärkung des Typus Mensch.

Unendliche Ausdeutbarkeit der Welt: jede Ausdeutung ein Symptom des Wachsthums oder des Untergehens.

Die bisherigen Versuche, den moralischen Gott zu überwinden (Pantheismus Hegel usw.)

Die Einheit (der Monismus) ein Bedürfniß der inertia; die Mehrheit der Deutung Zeichen der Kraft. Der Welt ihren beunruhigenden und änigmatischen Charakter nicht abstreiten wollen!

2 [118]

1.



{I.
II.
Der Nihilismus in allen Anzeichen vor der Thür.
Unvermeidlich, falls man nicht seine Voraussetzungen begreift. Diese sind die Werthschätzungen (nicht die socialen Thatsachen: welche alle erst durch eine bestimmte Ausdeutung bald pessimistisch, bald optimistisch wirken)
2. III.Genesis der Werthschätzungen, als Kritik derselben.
3. IV.Die Umgekehrten. Ihre Psychologie.
4. V.Der Hammer: als die Lehre, welche die Entscheidung herbeiführt.
    
  1.Die Gefahr der Gefahren.
  2.Kritik der Moral.
  3.Wir Umgekehrten.
  4.Der Hammer.

2 [119]

“Wie weit reicht die Kunst ins Innere der Welt? Und giebt es abseits vom ‘Künstler’ noch künstlerische Gewalten?” Diese Frage war, wie man weiß, mein Ausgangspunkt: und ich sagte Ja zu der zweiten Frage; und zur ersten “die Welt selbst ist nichts als Kunst.” Der unbedingte Wille zum Wissen, zur Wahr- und Weisheit erschien mir in einer solchen Welt des Scheins als Frevel an dem metaphysischen Grundwillen, als Wider-Natur: und billigerweise wendet sich [die] Spitze der Weisheit gegen den Weisen. Das Widernatürliche der Weisheit offenbart sich in ihrer Kunstfeindlichkeit: erkennen wollen, wo der Schein eben die Erlösung ist—welche Umkehrung, welcher Instinkt zum Nichts!

2 [120]

Alle Culte stellen ein einmaliges Erlebniß, das Zusammenkommen mit einem Gotte, einen Heils-Akt in irgend einem Sinne, fest, und führen es immer wieder vor. Die Ortslegende als Ursprung eines Dramas: wo die Poesie den Gott spielt.

2 [121]

(38)

Die Schauspielerei

Die Farbenbuntheit des modernen Menschen und ihr Reiz. Wesentlich Versteck und Überdruß.
Der Litterat.
Der Politiker (im “Nationalen Schwindel”)
Die Schauspielerei in den Künsten
Mangel an Probität der Vorbildung und Schulung (Fromentin)
die Romantiker (Mangel an Philosophie und Wissenschaft und Überfluß an Litteratur)
die Romanschreiber (Walter Scott, aber auch die Nibelungen-Ungeheuer mit der nervösesten Musik)
die Lyriker
Die “Wissenschaftlichkeit”
Virtuosen (Juden)
die volksthümlichen Ideale als überwunden aber noch nicht vor dem Volk:
der Heilige, der Weise, der Prophet

2 [122]

(37)

Zur Geschichte der modernen Verdüsterung.

Die Staats-Nomaden (Beamte usw.): ohne “Heimat” —
Der Niedergang der Familie.
“Der gute Mensch” als Symptom der Erschöpfung.
Gerechtigkeit als Wille zur Macht (Züchtung)
Geilheit und Neurose.
Schwarze Musik:—die erquickliche Musik wohin?
Der Anarchist.
Menschenverachtung Ekel.
Tiefste Unterscheidung: ob der Hunger oder der Überfluß schöpferisch wird? Ersterer erzeugt die Ideale der Romantik
nordische Unnatürlichkeit.
das Bedürfniß nach Alcoholica und die Arbeiter- “Noth”
der philosophische Nihilismus.

2 [123]

Die Christen müssen an die Wahrhaftigkeit Gottes glauben: da bekommen sie leider den Glauben in die Bibel und an deren “Naturwissenschaft” mit in Kauf; sie dürfen durchaus keine relative Wahrheit (oder deutlicher gesagt — — — ) zugestehen. An dem unbedingten Charakter seiner Moral zerbricht das Christenthum.— Die Wissenschaft hat den Zweifel an der Wahrhaftigkeit des christlichen Gottes geweckt: an diesem Zweifel stirbt das Christenthum (Pascals deus absconditus).

2 [124]

1. Geburt der Tragödie.Artisten-Metaphysik.
  
2. Unzeitgemässe Betrachtungen.Der Bildungsphilister. Der Ekel.
 Leben und Historie — Grundproblem.
 Der philosophische Einsiedler. “Erziehung”
 Der Künstler-Einsiedler. Was an Wagner zu lernen ist.
  
3. Menschliches Allzumenschliches.Der freie Geist.
  
4. Vermischte Meinungen und Sprüche.Der Pessimist des Intellekts.

(7)

Causalität. Warum bin ich so und so? Der unsinnige Gedanke für sein Dasein, auch für sein So- und So-sein selbst frei wählend sich zu denken. Hintergrund: die Forderung, es müßte ein Wesen geben, welches ein sich selbst verachtendes Geschöpf, wie ich es bin, am Entstehen verhindert hätte. Sich als Gegenargument gegen Gott fühlen

5. Wanderer und Schatten.Einsamkeit als Problem.
  
6. Morgenröthe.Moral als eine Summe von Vorurtheilen
  
7. Fröhliche Wissenschaft.Hohn über die europäische Moralistik.
 Aussicht auf eine Überwindung der Moral.
 Wie müßte ein Mensch beschaffen sein, der jenseits lebte?
 

Z[arathustra] - - -

Sieben Vorreden.
Ein Nachtrag
zu sieben Veröffentlichungen.

2 [125]

Zur Geschichte des Pessimismus.
Die moderne Verdüsterung.
Die Schauspielerei.

2 [126]

Zu 2) Kritik der höchsten Werthe.

Zur Geschichte der Verleumdung.
Wie man Ideale macht.
Cultur (und “Vermenschlichung”: antagonistisch)
Moral als Instinkt der Scham, als Verkleidung, Maske, grundsätzlich wohlmeinende Interpretation

(37)

Urtheile über die Pessimisten einzumischen! Die Inder
Der Pessimismus (als Instinkt) und der Wille zum Pessimismus: Haupt-Contrast

Der Pessimist des Intellektsìjener dem Unlogischen,
Der Pessimist derídieser dem Schmerzhaften
Sensibilitätî  nachspürend.

— alle diese Maaßstäbe sind es nur aus moralischen Gründen
— oder, wie Plato, auch die Z*@<Z, als Werth-Umwertherin und Verführerin gefürchtet



A. Was ist Wahrheit?
B. Gerechtigkeit.
C. Zur Geschichte der Mitgefühle.
D. Der “gute Mensch.”
E. Der “höhere Mensch.”
F. Der Künstler.

(36)

Was ist Wahrheit? (inertia, die Hypothese, bei der Befriedigung entsteht, geringster Verbrauch von geistiger Kraft usw.)

2 [127]

(2)

Der Nihilismus steht vor der Thür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste? —

I1.Ausgangspunkt: es ist ein Irrthum, auf “social Nothstände” oder “physiologische Entartungen” oder gar auf Corruption hinzuweisen als Ursache des Nihilismus. Diese erlauben immer noch ganz verschiedene Ausdeutungen. Sondern in einer ganz bestimmten Ausdeutung, in der christlich-moralischen steckt der Nihilismus. Es ist die honnetteste, mitfühlendste Zeit. Noth, seelische, leibliche, intellektuelle Noth ist an sich durchaus nicht vermögend, Nihilismus d.h. die radikale Ablehnung von Werth, Sinn, Wünschbarkeit hervorzubringen
   
 2.Der Untergang des Christenthums—an seiner Moral (die unablösbar ist—) welche sich gegen den christlichen Gott wendet (der Sinn der Wahrhaftigkeit, durch das Christenthum hoch entwickelt, bekommt Ekel vor der Falschheit und Verlogenheit aller christlichen Welt- und Geschichtsdeutung. Rückschlag von “Gott ist die Wahrheit” in den fanatischen Glauben “Alles ist falsch.” Buddhismus der That ...
   
 3.Skepsis an der Moral ist das Entscheidende. Der Untergang der moral[ischen] Weltauslegung die keine Sanktion mehr hat, nachdem sie versucht hat, sich in eine Jenseitigkeit zu flüchten: endet in Nihilismus “Alles hat keinen Sinn” (die Undurchführbarkeit Einer Weltauslegung, der ungeheure Kraft gewidmet worden ist—erweckt das Mißtrauen ob nicht alle Weltauslegungen falsch sind—) Buddhistischer Zug, Sehnsucht in’s Nichts. (Der indische Buddhism hat nicht eine grundmoralische Entwicklung hinter sich, deshalb ist bei ihm im Nihilismus nur unüberwundene Moral: Dasein als Strafe, Dasein als Irrthum combinirt, der Irrthum also als Strafe—eine moralische Werthschätzung) Die philosophischen Versuche, den “moralischen Gott” zu überwinden (Hegel, Pantheismus). Überwindung der volksthümlichen Ideale: der Weise. Der Heilige. Der Dichter. Antagonismus von “wahr” und “schön” und “gut” — —
   
 4.Gegen die “Sinnlosigkeit” einerseits, gegen die moralischen Werthurtheile andererseits: in wiefern alle Wissenschaft und Philosophie bisher unter moralischen Urtheilen stand? und ob man nicht die Feindschaft der Wissenschaft mit in den Kauf bekommt? Oder die Anti-wissenschaftlichkeit? Kritik des Spinozismus. Die christlichen Werthurtheile überall in den socialistischen und positivistischen Systemen rückständig. Es fehlt eine Kritik der christlichen Moral.
   
 5.die nihilistischen Consequenzen der jetzigen Naturwissenschaft (nebst ihren Versuchen ins Jenseitige zu entschlüpfen). Aus ihrem Betriebe folgt endlich eine Selbstzersetzung, eine Wendung gegen sich, eine Anti-Wissenschaftlichkeit.— Seit Copernikus rollt der Mensch aus dem Centrum ins x
   
 6.Die nihilistischen Consequenzen der politischen und volkswirthschaftlichen Denkweise wo alle “Principien” nachgerade zur Schauspielerei gehören: der Hauch von Mittelmäßigkeit, Erbärmlichkeit, Unaufrichtigkeit usw. Der Nationalismus, der Anarchismus usw. Strafe. Es fehlt der erlösende Stand und Mensch, die Rechtfertiger —
   
 7.die nihilistischen Consequenzen der Historie und der “praktischen Historiker” d.h. der Romantiker. Die Stellung der Kunst: absolute Unoriginalität ihrer Stellung in der modernen Welt. Ihre Verdüsterung. Goethes angebliches Olympier-thum.
   
 8.Die Kunst und die Vorbereitung des Nihilismus. Romantik (Wagners Nibelungen-Schluß)

2 [128]

I.Grundwiderspruch in der Civilisation und der Erhöhung des Menschen. Es ist die Zeit des großen Mittags, der fruchtbarsten Aufhellung: meine Art von Pessimismus:—großer Ausgangspunkt.
II.Die moral[ischen] Werthschätzungen als eine Geschichte der Lüge und Verleumdungskunst im Dienste eines Willens zur Macht (des Heerden-Willens) welcher sich gegen die stärkeren Menschen auflehnt
III.Die Bedingungen jeder Erhöhung der Cultur (der Ermöglichung einer Auswahl auf Unkosten einer Menge) sind die Bedingungen alles Wachsthums.
IV.Die Vieldeutigkeit der Welt als Frage der Kraft, welche alle Dinge unter der Perspektive ihres Wachsthums ansieht. Die moralischen christlichen Werthurtheile als Sklaven-Aufstand und Sklaven-Lügenhaftigkeit (gegen die aristokratischen Werthe der antiken Welt).
Wie weit reicht die Kunst hinab in das Wesen der Kraft?

2 [129]

Die ewige Wiederkunft.

Zarathustrische Tänze und
Umzüge.
Erster Theil: Gottes Todtenfest.

Von
Friedrich Nietzsche.

1. Gottes Todtenfest.
2. Am großen Mittag.
3. “Wo ist die Hand für diesen Hammer?”
4. Wir Gelobenden.

I.

Die Peststadt. Er wird gewarnt, er fürchtet sich nicht und geht hinein, verhüllt. Alle Arten des Pessimismus ziehen vorbei. Der Wahrsager deutet jeden Zug. Die Sucht zum Anders, die Sucht zum Nein, endlich die Sucht zum Nichts folgen sich.

Zuletzt giebt Zarathustra die Erklärung: Gott ist todt, dies ist die Ursache der größten Gefahr: wie? sie könnte auch die Ursache des größten Muths sein!

II.

Das Erscheinen der Freunde.
Der Genuß der Untergehenden an dem Vollkommenen: Abziehende.
Die Rechenschaft der Freunde.
Festzüge. Die entscheidende Zeit, der große Mittag.
Das große Dank- und Todtenopfer an den todten Gott.

III.

Die neue Aufgabe.Der Tod Gottes, für den Wahrsager
Das Mittel der Aufgabe.das furchtbarste Ereigniß, ist das
Die Freunde verlassen ihn.Glücklichste und Hoffnungsreichste für Zarathustra

Zarathustra stirbt.

IV. Wir Gelobenden

2 [130]

Das Phänomen “Künstler” ist noch am leichtesten durchsichtig:—von da aus hinzublicken auf die Grundinstinkte der Macht, der Natur usw.! Auch der Religion und Moral!

“das Spiel,” das Unnützliche, als Ideal des mit Kraft Überhäuften, als “kindlich.” Die “Kindlichkeit” Gottes, B"Ãl B"\.T<

2 [131]

Plan des ersten Buches

Es dämmert der Gegensatz der Welt, die wir verehren, und der Welt, die wir leben, die wir—sind. Es bleibt übrig, entweder unsere Verehrungen abzuschaffen oder uns selbst. Letzteres ist der Nihilismus.

1.Der heraufkommende Nihilismus, theoretisch und praktisch. Fehlerhafte Ableitung desselben.
(Pessimismus, seine Arten: Vorspiele des Nihilismus, obschon nicht nothwendig.)
Übergewicht des Nordens über den Süden.
2.Das Christenthum an seiner Moral zu Grunde gehend. “Gott ist die Wahrheit” “Gott ist die Liebe” “der gerechte Gott.”— Das größte Ereigniß— “Gott ist todt”—, dumpf gefühlt. Der deutsche Versuch, Chr[istenthum] in eine Gnosis umzuwandeln, ist zum tiefsten Mißtrauen ausgeschlagen: das “Unwahrhaftige” dabei am stärksten empfunden (—gegen Schelling z.B.).
3.Moral, ohne Sanktion nunmehr, weiß sich selbst nicht mehr zu halten. Man läßt die moralische Ausdeutung endlich fallen— (Das Gefühl überall noch voller Nachschläge des christlichen Werthurtheils—)
4.Aber auf moralischen Urtheilen beruhte der Werth bisher, vor Allem der Werth der Philosophie! (“des Willens zur Wahrheit”—)
die volksthümlichen Ideale “der Weise” “der Prophet” “der Heilige” hingefallen
5.Nihilistischer Zug in den Naturwissenschaften. (“Sinnlosigkeit”—) Causalismus, Mechanismus. Die “Gesetzmäßigkeit” ein Zwischenakt, ein Überbleibsel.
6.Insgleichen in der Politik: es fehlt der Glaube an sein Recht, die Unschuld, es herrscht die Lügnerei, die Augenblicks-Dienerei
7.Insgleichen in der Volkswirthschaft: die Aufhebung der Sklaverei: Mangel eines erlösenden Standes, eines Rechtfertigers,— Heraufkommen des Anarchismus. “Erziehung?”
8.Insgleichen in der Geschichte: der Fatalismus, der Darwinismus, die letzten Versuche, Vernunft und Göttlichkeit hineinzudeuten, mißrathen. Sentimentalität vor der Vergangenheit; Man ertrüge keine Biographie!— (der Phänomenalismus auch hier: Charakter als Maske, es giebt keine Thatsachen)
9.Insgleichen in der Kunst: Romantik und ihr Gegenschlag (Widerwille gegen die romantischen Ideale und Lügen)—die reinen Artisten (gleichgültig gegen den Inhalt). Letzteres, moralisch, als Sinn größerer Wahrhaftigkeit, aber Pessimistisch
(Beichtvater-Psychologie und Puritaner-Psychologie, zwei Formen der psychologischen Romantik: aber auch noch ihr Gegenschlag, der Versuch, sich rein artistisch zum “Menschen” zu stellen,—auch da wird noch nicht die umgekehrte Werthschätzung gewagt!)
10.Das ganze europäische System der menschlichen Bestrebungen fühlt sich theils sinnlos, theils bereits “unmoralisch.” Wahrscheinlichkeit eines neuen Buddhismus. Die höchste Gefahr. “Wie verhalten sich Wahrhaftigkeit, Liebe, Gerechtigkeit zur wirklichen Welt?” Gar nicht! —
 Die Anzeichen.
Der europäische Nihilismus.
Seine Ursache: die Entwerthung der bisherigen Werthe.

Das unklare Wort “Pessimismus”: Leute, die sich schlecht befinden und Leute, die sich zu gut befinden—beide sind P[essimisten] gewesen.

 Verhältniß von Nihilismus, Romantik und Positivismus (letzterer ein Gegenschlag gegen die Romantik, Werk enttäuschter Romantiker)
 “Rückkehr zur Natur” 1. seine Stationen: Hintergrund christliche Vertrauensseligkeit (ungefähr schon Spinoza “deus sive natura”!)
 Rousseau, die Wissenschaft nach dem romantischen Idealismus
 Der Spinozismus höchst einflußreich:
1)Versuch, sich zufrieden zu geben mit der Welt, wie sie ist
2)Glück und Erkenntniß naiv in Abhängigkeit gesetzt (ist Ausdruck eines Willens zum Optimismus, an dem sich ein tief Leidender verräth—)
3)Versuch, die moralische Weltordnung loszuwerden, um “Gott,” eine vor der Vernunft bestehende Welt übrig zu behalten ...

“Wenn der Mensch sich nicht mehr für böse hält, hört er auf es zu sein—” Gut und böse sind nur Interpretationen, und durchaus kein Thatbestand, kein An sich. Man kann hinter den Ursprung dieser Art Interpretation kommen; man kann den Versuch machen, damit sich von der eingewurzelten Nöthigung, moralisch zu interpretiren, langsam zu befreien.

Zum zweiten Buche

Entstehung und Kritik der moralischen Werthschätzungen. Beides fällt nicht zusammen, wie man leichthin glaubt (dieser Glaube ist schon das Resultat einer moralischen Schätzung “etwas so und so Entstandnes ist wenig werth, als unmoralischen Ursprungs”)

Maaßstab, wonach der Werth der moralischen Werthschätzungen zu bestimmen ist: Kritik der Worte “Besserung, Vervollkommnung, Erhöhung.”

Die übersehene Grundthatsache: Widerspruch zwischen dem “Moralischer-werden” und der Erhöhung und Verstärkung des Typus Mensch

Homo natura. Der “Wille zur Macht.”

Zum dritten Buche

Der Wille zur Macht.

Wie die Menschen beschaffen sein müßten, welche diese Umwerthung an sich vornehmen.

Die Rangordnung als Machtordnung: Krieg und Gefahr die Voraussetzung, daß ein Rang seine Bedingungen festhält. Das grandiose Vorbild: der Mensch in der Natur, das Schwächste Klügste Wesen sich zum Herrn machend, die dümmeren Gewalten sich unterjochend

Zum vierten Buche

Der größte Kampf: dazu braucht es einer neuen Waffe.

Der Hammer: eine furchtbare Entscheidung heraufbeschwören, Europa vor die Consequenz stellen, ob sein Wille zum Untergang “will”

Verhütung der Vermittelmäßigung. Lieber noch Untergang!

2 [132]

(36)

Die Voraussetzung, daß es im Grunde der Dinge so moralisch zugeht, daß die menschliche Vernunft Recht behält,—ist eine Treuherzigkeit und Biedermanns-Voraussetzung, die Nachwirkung des Glaubens an die göttliche Wahrhaftigkeit—Gott als Schöpfer der Dinge gedacht.— Die Begriffe eine Erbschaft aus einer jenseitigen Vorexistenz — —

Ein Werkzeug kann nicht seine eigene Tauglichkeit kritisiren: der Intellekt kann nicht selber seine Grenze, auch nicht sein Wohlgerathensein oder sein Mißrathensein bestimmen. —

“Erkennen” ist ein Zurückbeziehn: seinem Wesen nach ein regressus in infinitum. Was Halt macht (bei einer angeblichen causa Prima, bei einem Unbedingten usw.) ist die Faulheit, die Ermüdung — —

So gut man immer noch die Bedingungen verstanden haben mag, unter denen eine Sache entsteht, deshalb versteht man sie selbst noch nicht:—den Herrn Historikern ins Ohr gesagt.

2 [133]

Gegen das Versöhnen-Wollen und die Friedfertigkeit. Dazu gehört auch jeder Versuch von Monismus.

2 [134]

(39)

Die Volks- und Massen-Wirkung von Seiten der Künstler: Balzac V. Hugo, R. Wagner

2 [135]

— Error veritate simplicior —

2 [136]

— Eines jener schlagenden Argumente, das den schlägt, der es anwendet —

2 [137]

Gedanken-Wegweiser.
Hülfsmittel
zu einem ernstlichen Studium
meiner Schriften.

Grundsätzliches. Zur Lehre vom Machtgefühl.
 Zur psychologischen Optik.
Zur Kritik der Religionen
Zur disciplina intellectus.
Das Fragwürdige an den Tugenden.
Zu Ehren des Bösen.
Das Problem des Künstlers.
Politika.

An die Logiker.
Gegen die Idealisten.
Gegen die Wirklichkeits-Gläubigen.
Von der Musik.
Aufklärung über das Genie.
Aus den Geheimnissen der Einsamkeit.
Was ist griechisch?

Zur Kunst des Lebens. Die moderne Verdüsterung. Weib und Liebe. Bücher und Menschen. Völker und “Volk.”

2 [138]

Jenseits von Gut und Böse.

Vorspiel
einer Philosophie der Zukunft.

Von
Friedrich Nietzsche

Neue verständlichere Ausgabe.
Zweiter Band.
Mit einem Anhang: Gedankenwegweiser.
Ein Hülfsmittel zum ernsthaften Studium meiner Schriften.

2 [139]

(7)

Zum “Causalismus.”

Es liegt auf der Hand, daß weder Dinge an sich mit einander im Verhältniß von Ursache und Wirkung stehen können, noch Erscheinung mit Erscheinung: womit sich ergiebt, daß der Begriff “Ursache und Wirkung” innerhalb einer Philosophie, die an Dinge an sich und an Erscheinungen glaubt, nicht anwendbar ist. Die Fehler Kants —... Thatsächlich stammt der Begriff “Ursache und Wirkung,” psychologisch nachgerechnet, nur aus einer Denkweise, die immer und überall Wille auf Wille wirkend glaubt,—die nur an Lebendiges glaubt und im Grunde nur an “Seelen” (und nicht an Dinge) Innerhalb der mechanistischen Weltbetrachtung (welche Logik ist und deren Anwendung auf Raum und Zeit) reduzirt sich jener Begriff auf die mathematische Formel—mit der, wie man immer wieder unterstreichen muß, niemals Etwas begriffen, wohl aber etwas bezeichnet, verzeichnet wird.

Die unabänderliche Aufeinanderfolge gewisser Erscheinungen beweist kein “Gesetz,” sondern ein Machtverhältniß zwischen 2 oder mehreren Kräften. Zu sagen: “aber gerade dies Verhältniß bleibt sich gleich!” heißt nichts Anderes als: “ein und dieselbe Kraft kann nicht auch eine andere Kraft sein.”— Es handelt sich nicht um ein Nacheinander,—sondern um ein Ineinander, einen Prozeß, in dem die einzelnen sich folgenden Momente nicht als Ursachen und Wirkungen sich bedingen ....

Die Trennung des “Thuns” vom “Thuenden,” des Geschehens von einem [Etwas], das geschehen macht, des Prozesses von einem Etwas, das nicht Prozeß, sondern dauernd, Substanz, Ding, Körper, Seele usw. ist,—der Versuch das Geschehen zu begreifen als eine Art Verschiebung und Stellungs-Wechsel von “Seiendem,” von Bleibendem: diese alte Mythologie hat den Glauben an “Ursache und Wirkung” festgestellt, nachdem er in den sprach[lichen] grammat[ikalischen] Funktionen eine feste Form gefunden hatte. —

2 [140]

(30)

Gegen beide Behauptungen “es kann das Gleiche nur vom Gleichen erkannt werden” und “es kann das Gleiche nur vom Ungleichen erkannt werden”—um welche schon im Alterthum ein Kampf von Jahrhunderten gekämpft worden ist—läßt sich heute einwenden, von einem strengen und vorsichtigen Begriff des Erkennens aus: es kann gar nicht erkannt werden—und zwar ebendeshalb, weil das Gleiche nicht das Gleiche erkennen kann, und weil ebensowenig das Gleiche vom Ungleichen erkannt werden kann. —

2 [141]

Diese Scheidungen des Thuns und des Thuenden, des Thuns und des Leidens, des Seins und des Werdens, der Ursache und der Wirkung

schon der Glaube an die Veränderungen setzt den Glauben an etwas voraus, das “sich ändert.”

die Vernunft ist die Philosophie des Augenscheins

2 [142]

(30)

die “Regelmäßigkeit” der Aufeinanderfolge ist nur ein bildlicher Ausdruck, wie als ob hier eine Regel befolgt werde: kein Thatbestand. Ebenso “Gesetzmäßigkeit.” Wir finden eine Formel, um eine immer wiederkehrende Art der Folge auszudrücken: damit haben wir keinGesetzentdeckt, noch weniger eine Kraft, welche die Ursache zur Wiederkehr von Folgen ist. Daß etwas immer so und [so] geschieht, wird hier interpretirt, als ob ein Wesen in Folge eines Gehorsams gegen ein Gesetz oder einen Gesetzgeber immer so und so handelte: während es, abgesehen vom “Gesetz,” Freiheit hätte, anders zu handeln. Aber gerade jenes So-und-nicht-anders könnte aus dem Wesen selbst stammen, das nicht in Hinsicht erst auf ein Gesetz sich so und so verhielte, sondern als so und so beschaffen. Es heißt nur: etwas kann nicht auch etwas anderes sein, kann nicht bald dies, bald anderes thun, ist weder frei, noch unfrei, sondern eben so und so. Der Fehler steckt in der Hineindichtung eines Subjekts

2 [143]

Gesetzt, die Welt verfügte über Ein Quantum von Kraft, so liegt auf der Hand, daß jede Macht-Verschiebung an irgend einer Stelle das ganze System bedingt—also neben der Causalität hinter einander wäre eine Abhängigkeit neben und miteinander gegeben.

2 [144]

(40)

Gesetzt selbst, daß ein Gegenbeweis des christlichen Glaubens nicht geführt werden könnte, hielt Pascal in Hinsicht auf eine furchtbare Möglichkeit, daß er dennoch wahr sei, es für klug im höchsten Sinne, Christ zu sein. Heute findet man, zum Zeichen, wie sehr das Christenthum an Furchtbarkeit eingebüßt hat, jenen andern Versuch seiner Rechtfertigung, daß, selbst wenn es ein Irrthum wäre, man zeitlebens doch den großen Vortheil und Genuß dieses Irrthums habe: es scheint also, daß gerade um seiner beruhigenden Wirkungen willen dieser Glaube aufrecht erhalten werden solle,—also nicht aus Furcht vor einer drohenden Möglichkeit, vielmehr aus Furcht vor einem Leben, dem ein Reiz abgeht. Diese hedonistische Wendung, der Beweis aus der Lust ist ein Symptom des Niedergangs: er ersetzt den Beweis aus der Kraft, aus dem, was an der christlichen Idee Erschütterung ist, aus der Furcht. Thatsächlich nähert sich in dieser Umdeutung das Christenthum der Erschöpfung: man begnügt sich mit einem opiatischen Christenthum, weil man weder zum Suchen, Kämpfen, Wagen, Alleinstehen-wollen die Kraft hat, noch zum Pascalismus, zu dieser grüblerischen Selbstverachtung, zum Glauben an die menschliche Unwürdigkeit, zur Angst des “Vielleicht-Verurtheilten.” Aber ein Christenthum, das vor allem kranke Nerven beruhigen soll, hat jene furchtbare Lösung eines “Gottes am Kreuze” überhaupt nicht nöthig: weshalb im Stillen überall der Buddhismus in Europa Fortschritte macht.

2 [145]

Die Auslegung eines Geschehens als entweder Thun oder Leiden — also jedes Thun ein Leiden — sagt: jede Veränderung, jedes Anderswerden setzt einen Urheber voraus und einen, an dem verändertwird.

2 [146]

Es läßt sich eine vollkommene Analogie führen zwischen dem Vereinfachen und Zusammendrängen zahlloser Erfahrungen auf General-Sätze und dem Werden der Samenzelle, welche die ganze Vergangenheit verkürzt in sich trägt: und ebenso zwischen dem künstlerischen Herausbilden aus zeugenden Grundgedanken bis zum “System” und dem Werden des Organismus als einem Aus- und Fortdenken, als einer Rückerinnerung des ganzen vorherigen Lebens, der Rück-Vergegenwärtigung, Verleiblichung.

Kurz: das sichtbare organische Leben und das unsichtbare schöpferische seelische Walten und Denken enthalten einen Parallelismus: am “Kunstwerk” kann man diese zwei Seiten am deutlichsten als Parallel demonstriren.— In wiefern Denken, Schließen und alles Logische als Außenseite angesehen werden kann: als Symptom viel innerlicheren und gründlicheren Geschehens?

2 [147]

(30)

“Zweck und Mittel”als Ausdeutungü(nicht als Thatbestand)
“Ursache undals Ausdeutungúalle im Sinne eines
Wirkung” ý 
“Subjekt und Objekt”als AusdeutungþWillens zur Macht
“Thun und Leiden”
(“Ding an sich und Erscheinung”) als Ausdeutung
und inwiefern vielleicht nothwendige Ausdeutungen? (als
“erhaltende”)

2 [148]

Der Wille zur Macht interpretirt: bei der Bildung eines Organs handelt es sich um eine Interpretation; er grenzt ab, bestimmt Grade, Machtverschiedenheiten. Bloße Machtverschiedenheiten könnten sich noch nicht als solche empfinden: es muß ein wachsen-wollendes Etwas da sein, das jedes andere wachsen-wollende Etwas auf seinen Werth hin interpretirt. Darin gleich — — In Wahrheit ist Interpretation ein Mittel selbst, um Herr über etwas zu werden. (Der organische Prozeß setzt fortwährendes Interpretiren voraus.

2 [149]

Ein “Ding an sich” ebenso verkehrt wie ein “Sinn an sich,” eine “Bedeutung an sich.” Es giebt keinen “Thatbestand an sich,” sondern ein Sinn muß immer erst hineingelegt werden, damit es einen Thatbestand geben könne

Das “was ist das?” ist eine Sinn-Setzung von etwas Anderem auf gesehen. Die “Essenz,” die “Wesenheit” ist etwas Perspektivisches und setzt eine Vielheit schon voraus. Zu Grunde liegt immer “was ist das für mich?” (für uns, für alles, was lebt usw.)

Ein Ding wäre bezeichnet, wenn an ihm erst alle Wesen ihr “was ist das?” gefragt und beantwortet hätten. Gesetzt, ein einziges Wesen, mit seinen eigenen Relationen und Perspektiven zu allen Dingen, fehlte: und das Ding ist immer noch nicht “definirt.”

2 [150]

Kurz, das Wesen eines Dings ist auch nur eine Meinung über das “Ding.” Oder vielmehr: das “es gilt” ist das eigentliche “das ist,” das einzige “das ist.”

2 [151]

Man darf nicht fragen: “wer interpretirt denn?” sondern das Interpretiren selbst, als eine Form des Willens zur Macht, hat Dasein (aber nicht als ein “Sein,” sondern als ein Prozeß, ein Werden) als ein Affekt.

2 [152]

Die Entstehung der “Dinge” ist ganz und gar das Werk der Vorstellenden, Denkenden, Wollenden, Erfindenden. Der Begriff “Ding” selbst ebenso als alle Eigenschaften.— Selbst “das Subjekt” ist ein solches Geschaffenes, ein “Ding,” wie alle Andern: eine Vereinfachung, um die Kraft, welche setzt, erfindet, denkt, als solche zu bezeichnen, im Unterschiede von allem einzelnen Setzen, Erfinden, Denken selbst. Also das Vermögen im Unterschiede von allem Einzelnen bezeichnet: im Grunde das Thun in Hinsicht auf alles noch zu erwartende Thun (Thun und die Wahrscheinlichkeit ähnlichen Thuns) zusammengefaßt

2 [153]

NB. Aus der uns bekannten Welt ist der humanitäre Gott nicht nachzuweisen: so weit kann man euch heute zwingen und treiben:—aber welchen Schluß zieht ihr heraus? Er ist uns nicht nachweisbar: Skepsis der Erkenntniß. Aber ihr Alle fürchtet den Schluß: “aus der uns bekannten Welt würde ein ganz anderer Gott nachweisbar sein, ein solcher, der zum Mindesten nicht humanitär ist” — — und, kurz und gut, d.h. ihr haltet euren Gott fest und erfindet für ihn eine Welt, die uns nicht bekannt ist.

2 [154]

(36)

Gegen das wissenschaftliche Vorurtheil.

— Die größte Fabelei ist die von der Erkenntniß. Man möchte wissen, wie die Dinge an sich beschaffen sind: aber siehe da, es giebt keine Dinge an sich! Gesetzt aber sogar, es gäbe ein An-sich, ein unbedingtes, so könnte es eben darum nicht erkannt werden! Etwas unbedingtes kann nicht erkannt werden: sonst wäre es eben nicht unbedingt! Erkennen ist aber immer “sich-irgend-wozu-in-Bedingung-setzen”— —; ein solcher “Erkennender” will, daß das, was er erkennen will, ihn nichts angeht; und daß dasselbe etwas überhaupt Niemanden nichts angeht: wobei erstlich ein Widerspruch gegeben ist, im Erkennen-Wollen und dem Verlangen, daß es ihn nichts angehen soll (wozu doch dann Erkennen!) und zweitens, weil etwas, das Niemanden nichts angeht, gar nicht ist, also auch nicht erkannt werden kann.— Erkennen heißt “sich in Bedingung setzen zu etwas”: sich durch etwas bedingt fühlen und zwischen uns — — es ist also unter allen Umständen ein Feststellen Bezeichnen Bewußtmachen von Bedingungen (nicht ein Ergründen von Wesen, Dingen, “An-sichs”)

2 [155]

Tiefe Abneigung, in irgend einer Gesammt-Betrachtung der Welt ein für alle Mal auszuruhen; Zauber der entgegengesetzten Denkweise; sich den Anreiz des änigmatischen Charakters nicht nehmen lassen.

2 [156]

Zum Capitel “Künstler” (als Bildner, Werthzuleger, Besitzergreifer)

Unsere Sprachen als Nachklänge der ältesten Besitzergreifungen der Dinge, von Herrschenden und Denkern zugleich— —: jedem gemünzten Wort lief der Befehl neben her “so soll das Ding nunmehr genannt werden!”

2 [157]

Sollten nicht alle Quantitäten Anzeichen von Qualitäten sein? Die größere Macht entspricht einem anderen Bewußtsein, Gefühl, Begehren, einem anderen Perspektivischen Blick; Wachsthum selbst ist ein Verlangen, mehr zu sein; aus einem quale heraus erwächst das Verlangen nach einem Mehr von Quantum; in einer rein quantitativen Welt wäre alles todt, starr, unbewegt.— Die Reduktion aller Qualitäten auf Quantitäten ist Unsinn: was sich ergiebt, ist daß eins und das andere beisammen steht, eine Analogie —

2 [158]

Psychologische Geschichte des Begriffs “Subject.” Der Leib, das Ding, das vom Auge construirte “Ganze” erweckt die Unterscheidung von einem Thun und einem Thuenden; der Thuende, die Ursache des Thuns immer feiner gefaßt, hat zuletzt das “Subjekt” übrig gelassen.

2 [159]

Ist jemals schon eine Kraft constatirt? Nein, sondern Wirkungen, übersetzt in eine völlig fremde Sprache. Das Regelmäßige im Hintereinander hat uns aber so verwöhnt, daß wir uns über das Wunderliche daran nicht wundern

2 [160]

Heute, wo es gilt, diesem Buch, das offen steht aber trotzdem nach seinem Schlüssel verlangt, hierzu einen Eingang eine Vorrede zu geben, soll es das Erste sein, zu sagen, warum ich mich damals vor einer Vorrede fürchtete.

2 [161]

(41)

Zur Vorrede.

Gegen die erkenntnißtheoretischen Dogmen tief mißtrauisch, liebte [ich] es, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster zu blicken, hütete mich, [mich] darin festzusetzen, hielt sie für schädlich—und zuletzt: ist es wahrscheinlich, daß ein Werkzeug seine eigene Tauglichkeit kritisiren kann??— Worauf ich Acht gab, war vielmehr daß niemals eine erkenntnißtheoretische Skepsis oder Dogmatik ohne Hintergedanken entstanden ist,—daß sie einen Werth zweiten Ranges hat, sobald man erwägt, was im Grunde zu dieser Stellung zwang: selbst schon der Wille zur Gewißheit, wenn er nicht der Wille “ich will erst leben” — — — Grundeinsicht: sowohl Kant als Hegel als Schopenhauer—sowohl die skeptisch-epochistische Haltung, als die historisirende als die pessimistische sind moralischen Ursprungs. Ich sah Niemanden, der eine Kritik der moralischen Werthgefühle gewagt hätte: und den spärlichen Versuchen, zu einer Entstehungsgeschichte dieser Gefühle zu kommen (wie bei den englischen und deutschen Darwinisten) wandte ich bald den Rücken.— Wie erklärt sich Spinoza’s Stellung, seine Verneinung und Ablehnung der moralischen Werthurtheile? (Es war eine Consequenz einer Theodicee?)

2 [162]

Man bemerkt, bei meinen früheren Schriften, einen guten Willen zu unabgeschlossenen Horizonten, eine gewisse kluge Vorsicht vor Überzeugungen, ein Mißtrauen gegen die Bezauberungen und Gewissens-Überlistungen, welche jeder starke Glaube mit sich bringt; mag man darin zu einem Theile die Behutsamkeit des gebrannten Kindes, des betrogenen Idealisten sehen — wesentlicher scheint mir der epikureische Instinkt eines Räthselfreundes, der sich den änigmatischen Charakter der Dinge nicht leichten Kaufs nehmen lassen will, am wesentlichsten endlich ein aesthetischer Widerwille gegen die großen tugendhaften unbedingten Worte, ein Geschmack, der sich gegen alle viereckigen Gegensätze zur Wehr setzt, ein gut Theil Unsicherheit in den Dingen wünscht und die Gegensätze wegnimmt, als Freund der Zwischenfarben, Schatten, Nachmittagslichter und endlosen Meere.

2 [163]

Gewöhnliche Fehler der Moral-Historiker:

1. sie sagen, daß es bei verschiedenen Völkern verschiedene moralische Schätzungen giebt und schließen daraus deren Unverbindlichkeit überhaupt.— Oder sie behaupten irgend einen consensus der Völker, mindestens der christlichen, in gewissen Dingen der Moral und schließen daraus auf dessen Verbindlichkeit für uns:—Beides ist gleich naiv.

2. sie kritisiren die Meinung eines Volkes über seine Moral (über die Herkunft, Sanktion, Vernünftigkeit usw.) und Glauben eine Moral selbst kritisirt zu haben, welche mit diesem Unkraut von Unvernunft überwachsen ist.

3. sie stehen selbst unter dem Regiment einer Moral, ohne es zu wissen und thun im Grunde nichts anderes als ihrem Glauben an sie zum Siege zu verhelfen:—ihre Gründe beweisen nur ihren eigenen Willen, daß das und das geglaubt würde, daß das und das durchaus wahr sein solle.



Mit den bisherigen Moral-Historikern hat es wenig auf sich: sie stehen gewöhnlich selbst unter dem Commando einer Moral und thun im Grunde nichts Anderes als deren Propaganda zu machen. Ihr gewöhnlicher Fehler ist, daß sie die thörichten Meinungen eines Volkes über seine Moral kritisiren (also über deren Herkunft, Sanktion, Vernünftigkeit) und eben damit die Moral selbst kritisirt zu haben glauben, welche mit diesem Unkraut von Unvernunft überwachsen ist. Aber der Werth einer Vorschrift “du sollst” ist unabhängig von der Meinung über dieselbe, so gewiß der Werth eines Medikaments unabhängig davon ist, ob ich wissenschaftlich oder wie ein altes Weib über Medizin denke

Oder wiederum sie behaupten irgend einen consensus der Völker, mindestens der zahmen Völker über gewisse Dinge der Moral und schließen daraus auf deren unbedingte Verbindlichkeit, auch für dich und mich: was Beides gleich große Naivetäten sind —

2 [164]

Ein durch Kriege und Siege gekräftigter Geist, dem die Eroberung, das Abenteuer, die Gefahr, der Schmerz sogar zum Bedürfniß geworden ist; eine Gewöhnung an scharfe hohe Luft, an winterliche Wanderungen, an Eis und Gebirge in jedem Sinne; eine Art sublimer Bosheit und letzten Muthwillens der Rache, denn es ist Rache darin, Rache am Leben selbst, wenn ein Schwerleidender das Leben in seine Protektion nimmt. Dies Buch, dem nicht nur Eine Vorrede noth thun mag, ist aus vielen Gründen schwerverständlich, nicht durch ein Ungeschick seines Urhebers, noch weniger durch dessen schlechten Willen, sondern [durch] den letzten Muthwillen eines Schwer-Leidenden, der sich beständig über ein Ideal lustig macht, an das das Volk glaubt, welches er vielleicht in diesen Zuständen erreicht hat.

— Und vielleicht habe ich ein Recht, über diese Zustände mitzureden, weil ich ihnen nicht nur zugesehen habe.



Ich zweifle nicht: es war der Zustand des Weisen, wie ihn das Volk sich denkt, über den ich damals mit einer ironischen Selbst-Überlegenheit hinweglebte: die sanfte Unfruchtbarkeit und Selbstbefriedigung des Weisen, wie ihn sich das Volk denkt, das Abseits und Jenseits des “Rein-Erkennenden,” der ganze sublime Onanismus eines Geistes, dem der gute Wille zur That, zur Zeugung, zum Schaffen in jedem Sinne abhanden gekommen ist. Wer fühlt mir das wunderliche Glück jener Zeit nach, in der das Buch entstand! Die sublime Bosheit einer Seele, welche — — —

Meinem Geschmack von heute sagt etwas anderes zu: der Mensch der großen Liebe und der großen Verachtung, den seine überflüssige Kraft aus allem “Abseits” und “Jenseits” mittenhinein in die Welt treibt, den die Einsamkeit zwingt, sich Wesen zu schaffen, die ihm gleich sind—ein Mensch mit dem Willen zu einer furchtbaren Verantwortlichkeit, an sein Problem geschmiedet



Was vielleicht am schwersten an diesem schwerverständlichen Buch zu begreifen ist, dem nicht nur Eine Vorrede noth thut, das ist die Ironie des Gegensatzes zwischen seinem Thema, einer Auflösung und Aufdröselung der moralischen Werthe—und seinem Ton, dem der höchsten mildesten weisesten Gelassenheit, an dem ein Schwer-Leidender, ein dem Leben Abgewandter sich wie an seinem letzten Muthwillen ergetzte.

2 [165]

(41)

Zur Vorrede der “Morgenröthe.”

Versuch über Moral zu denken, ohne unter ihrem Zauber zu stehen, mißtrauisch gegen die Überlistung ihrer schönen Gebärden und Blicke.

Eine Welt, die wir verehren können, die unserem anbetenden Triebe gemäß ist—die sich fortwährend beweist—durch Leitung des Einzelnen und Allgemeinen—: dies die christliche Anschauung, aus der wir Alle stammen.

Durch ein Wachsthum an Schärfe, Mißtrauen, Wissenschaftlichkeit (auch durch einen höher gerichteten Instinkt der Wahrhaftigkeit, also unter wieder christlichen Einwirkungen) ist diese Interpretation uns immer mehr unerlaubt worden.

Feinster Ausweg: der Kantsche Kriticismus. Der Intellekt stritt sich selbst das Recht ab sowohl zur Interpretation in jenem Sinne als zur Ablehnung der Interpretation in jenem Sinne. Man begnügt sich, mit einem Mehr von Vertrauen und Glauben, mit einem Verzichtleisten auf alle Beweisbarkeit seines Glaubens, mit einem unbegreiflichen und überlegenen “Ideal” (Gott) die Lücke auszufüllen.

Der Hegelische Ausweg, im Anschluß an Plato, ein Stück Romantik und Reaktion, zugleich das Symptom des historischen Sinns, einer neuen Kraft: der “Geist” selbst ist das sich enthüllende und verwirklichende Ideal, im “Prozeß,” im “Werden” offenbart sich ein immer Mehr von diesem Ideal, an das wir glauben—, also das Ideal verwirklicht sich, der Glaube richtet sich auf die Zukunft, in der er seinem edlen Bedürfnisse nach anbeten kann. Kurz,

1) Gott ist uns unerkennbar und unnachweisbar—Hintersinn der erkenntnißtheoretischen Bewegung

2) Gott ist nachweisbar, aber als etwas Werdendes—, und wir gehören dazu, eben mit unsrem Drang zum Idealen—Hintersinn der historisirenden Bewegung

Aber derselbe historische Sinn, in die Natur übertretend, hat — — —

Man sieht: es ist niemals die Kritik an das Ideal selbst gerückt, sondern nur an das Problem, woher der Widerspruch gegen dasselbe kommt, warum es noch nicht erreicht oder warum es nicht nachweisbar im Kleinen und Großen ist.

Das Ideal des Weisen in wiefern grundmoralisch bis her? - - -

Es macht den größten Unterschied: ob man aus der Leidenschaft heraus, aus einem Verlangen heraus diesen Nothstand als Nothstand fühlt oder ob man ihn mit der Spitze des Gedankens und einer gewissen Kraft der historischen Imagination gerade noch als ein Problem erreicht ....

Abseits von der religiös-philosophischen Betrachtung finden wir dasselbe Phänomen: der Utilitarismus (der Socialismus, der Demokratismus) kritisirt die Herkunft der moralischen Werthschätzungen, aber er glaubt an sie, ebenso wie der Christ. (Naivetät, als ob Moral übrig bliebe, wenn der sanktionirende Gott fehlt. Das “Jenseits” absolut nothwendig, wenn der Glaube an Moral aufrecht erhalten werden soll.)

Grundproblem: woher diese Allgewalt des Glaubens? Des Glaubens an die Moral?

(—der sich auch darin verräth, daß selbst die Grundbedingungen des Lebens zu Gunsten der Moral falsch interpretirt werden: trotz Kenntniß der Thierwelt und Pflanzenwelt.

die “Selbsterhaltung”: darwinistische Perspektive auf Versöhnung altruistischer und egoistischer Principien.

(Kritik des Egoismus, z.B. Larochefoucauld)

Mein Versuch, die moralischen Urtheile als Symptome und Zeichensprachen zu verstehen, in denen sich Vorgänge des physiologischen Gedeihens oder Mißrathens, ebenso das Bewußtsein von Erhaltungs- und Wachsthumsbedingungen verrathen: eine Interpretation’s-Weise vom Werthe der Astrologie. Vorurtheile, denen Instinkte souffliren (von Rassen, Gemeinden, von verschiedenen Stufen wie Jugend oder Verwelken usw.)

Angewendet auf die speziell christlich-europäische Moral: unsere moralischen Urtheile sind Anzeichen von Verfall, von Unglauben an das Leben, eine Vorbereitung des Pessimismus.

Was bedeutet es, daß wir einen Widerspruch in das Dasein hineininterpretirt haben?— Entscheidende Wichtigkeit: hinter allen anderen Werthschätzungen stehen commandirend jene moralischen Werthschätzungen. Gesetzt, sie fallen fort, wonach messen wir dann? und welchen Werth haben dann Erkenntniß usw. usw.???

Mein  Hauptsatz:  es  giebt  keine  moralischen  Phänomene,  sondern  nur  eine moral[ische] Interpretation dieser Phänomene. Diese Interpretation selbst ist außermoralischen Ursprungs.

2 [166]

Vorrede zurFröhlichen Wissenschaft

Eine Lustbarkeit vor einer großen Unternehmung, zu der man jetzt endlich die Kraft bei sich zurückkehren fühlt: wie Buddha sich 10 Tage den weltl[ichen] Vergnügungen ergab, als er seinen Hauptsatz gefunden.

Allgemeiner Spott über alles Moralisiren von heute. Vorbereitung zu Zarathustras naiv-ironischer Stellung zu allen heiligen Dingen (naive Form der Überlegenheit: das Spiel mit dem Heiligen)

(42)

Über das Mißverständniß derHeiterkeit.” Zeitweilige Erlösung von der langen Spannung, der Übermuth eines Geistes, der sich zu langen und furchtbaren Entschließungen weiht und vorbereitet. DerNarrin der Form derWissenschaft.”



Diesem Buche thut vielleicht nicht nur Eine Vorrede noth: von seiner “fröhlichen Wissenschaft” hat man gar nichts verstanden. Selbst über den Titel — — —

Von dieser “fröhlichen Wissenschaft” hat man gar Nichts verstanden: nicht einmal den Titel, über dessen provenzalischem Sinn vergaßen viele Gelehrten — — —



Der triumphirende Zustand, aus dem dies Buch hervorgieng, ist schwer zu begreifen—ich selbst war aber aus einem Zustand hervorgegangen.

das Bewußtsein des Widerwillens gegen Alles, was hinter mir lag, gepaart mit einem sublimen Willen zur Dankbarkeit selbst für das “Hinter mir,” welcher nicht zu fern von dem Gefühl des Rechts auf eine lange Rache war

ein Stück graues eiskaltes Greisenthum, an der unrechtesten Stelle des Lebens eingeschaltet, die Tyrannei des Schmerzes überboten durch die Tyrannei des Stolzes, der die Folgerungen des Schmerzes ablehnt, die Vereinsamung als Nothwehr gegen eine krankhafte hellseherische Menschen-Verachtung und deshalb noch als Erlösung geliebt und genossen, andererseits ein Verlangen nach dem Bittersten Herbsten Wehethuendsten der Erkenntniß

Es gehört zu den Dingen, die ich nicht vergessen werde, daß man mir zu keinem Buche so aufrichtig gratulirt hat wie zu diesem, man gab mir selbst zu verstehen, wie gesund eine solche Denkweise sei



Nichts beleidigt so tief als die Höhe und Strenge der eigenen Ansprüche an sich merken zu lassen.



Nichts beleidigt so tief, nichts trennt so gründlich ab, als etwas von der Strenge, mit der man sich selbst behandelt, merken zu lassen: oh wie entgegenkommend und liebreich zeigt sich alle Welt gegen uns, sobald wir es machen wie alle Welt und uns “gehen lassen” wie alle Welt!



Es gehört zu den Dingen, die ich nicht vergessen werde, daß man mir zu diesem Buche des “gai saber” mehr Glückwünsche gesagt hat als zu allen übrigen zusammen: man war plötzlich versöhnt, man zeigte sich wieder entgegenkommend und liebreich, alle Welt sah darin eine Genesung, Rückkehr, Heimkehr, Einkehr—nämlich als Rückkehr zu “aller Welt.”



Abgesehen von einigen Gelehrten, deren Eitelkeit an dem Worte “Wissenschaft” Anstoß nahm (—sie gaben mir zu verstehen, Das sei “fröhlich” vielleicht, sicherlich aber nicht “Wissenschaft,”—) nahm alle Welt dies Buch wie eine Rückkehr zu “aller Welt” und zeigte sich um seinetwillen entgegenkommend und liebreich gegen mich: und ich errieth nachträglich, wie Nichts am tiefsten beleidigt und am gründlichsten gegen uns — — —



NB Vielleicht daß man zum Schluß auch einigen übermüthigen Liedern Gehör schenkt, in denen ein Dichter sich über Dichter lustig macht und deren schöne lyrische Gefühle.

NB!! Zarathustra, der auf eine heilige Weise allen heiligen Dingen Muth und Spott entgegenstellt und seinen Weg zum Verbotensten, Bösesten mit Unschuld geht - - -

2 [167]

Leugnung der Causalität. Um nicht für Jegliches Alles verantwortlich zu machen und den Faden kurz zu nehmen, an dem etwas hängt. “Zufall” existirt wirklich.

2 [168]

Tendenz der Moral-Entwicklung. Jeder wünscht, daß keine andere Lehre und Schätzung der Dinge zur Geltung komme außer einer solchen, bei der er selbst gut wegkommt. Grundtendenz folglich der Schwachen und Mittelmäßigen aller Zeiten, die Stärkeren schwächer zu machen, herunterzuziehen: Hauptmittel das moralische Urtheil. Das Verhalten des Stärkeren gegen den Schwächeren wird gebrandmarkt; die höheren Zustände des Stärkeren bekommen schlechte Beinamen.

Der Kampf der Vielen gegen die Wenigen, der Gewöhnlichen gegen die Seltenen, der Schwachen gegen die Starken

— eine seiner feinsten Unterbrechungen ist die, daß die Ausgesuchten Feinen Anspruchsvolleren sich als die Schwachen präsentiren und die gröberen Mittel der Macht von sich weisen —

2 [169]

(34)

Es könnte scheinen als ob ich der Frage nach der Gewißheit ausgewichen sei. Das Gegentheil ist wahr: aber indem ich nach dem Kriterium der Gewißheit fragte, prüfte ich, nach welchem Schwergewichte überhaupt bisher gewogen worden ist—und daß die Frage nach der Gewißheit selbst schon eine abhängige Frage sei, eine Frage zweiten Ranges.

2 [170]

(44)

Es fehlt das Wissen und Bewußtsein davon, welche Umdrehungen bereits das moralische Urtheil denn durchgemacht hat, und wie wirklich mehrere Male schon im gründlichsten Sinne “Böse” auf “Gut” umgetauft worden ist. Auf eine dieser Verschiebungen habe ich mit dem Gegensatze “Sittlichkeit der Sitte” und — — —

Auch das Gewissen hat seine Sphäre vertauscht: es gab einen Heerden-Gewissensbiß



In wiefern auch unser Gewissen, mit seiner anscheinenden persönlichen Verantwortung doch noch Heerden-Gewissen ist.

2 [171]

(43)

Der Gewissensbiß wie alle ressentiments bei einer großen Fülle von Kraft fehlend (Mirabeau, B. Cellini, Cardanus).

2 [172]

Das “Sein”—wir haben keine andere Vorstellung davon als “leben.”— Wie kann also etwas Todtes “sein”?

2 [173]

Zu l’art pour l’art cf. Doudan pensées p. 10 wie der Cultus der Farben depravirt [Vgl. Ximénès Doudan, Pensées et fragments suivis des révolutions du goût. Paris: Calmann Lévy, 1881:10.]

Scherer VIII p. 292. [Vgl. Edmond Scherer, Études sur la littérature contemporaine. Vol. 8. Paris: Lévy, 1885:292.]

2 [174]

Man findet in den Dingen nichts wieder als was man nicht selbst hineingesteckt hat: dies Kinderspiel, von dem ich nicht gering denken möchte, heißt sich Wissenschaft? Im Gegentheil: führen wir fort mit Beiden, es gehört guter Muth zu Beiden—die Einen zum Wiederfinden, die Andern—wir Andern—zum Hineinstecken!

— der Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder als was er selbst in sie hineingesteckt hat: das Wiederfinden heißt sich Wissenschaft, das Hineinstecken—Kunst, Religion, Liebe, Stolz. In Beidem, wenn es selbst Kinderspiele sein sollten, — — —

2 [175]

[Vgl. Carl Wilhelm von Nägeli, Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre. Mit einem Anhang. 1. Die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniss. 2. Kräfte und Gestaltungen im molecularen Gebiet. München; Leipzig: Oldenbourg, 1884.]

(45)

NB. Gegen die Lehre vom Einfluß des milieu und der äußeren Ursachen: die innere Kraft ist unendlich überlegen; Vieles, was wie Einfluß von Außen aussieht, ist nur ihre Anpassung von Innen her. Genau dieselben milieu’s können entgegengesetzt ausgedeutet und ausgenutzt werden: es giebt keine Thatsachen.— Ein Genie ist nicht erklärt aus solchen Entstehungs-Bedingungen —

2 [176]

Was den starken Menschen des 20. Jahrhunderts ausmacht: —

2 [177]

(46)

Volksthümliche Ideale z.B. Franz von Assisi: Leugnung der Seelen-Hierarchie, vor Gott Alle gleich.

2 [178]

Es thut gut, “Recht” “Unrecht” usw. in einem bestimmten engen bürgerlichen Sinn zu nehmen, wie “thue Recht und scheue Niemanden”: d.h. einem bestimmten groben Schema gemäß, innerhalb dessen ein Gemeinwesen besteht, seine Schuldigkeit thun.

2 [179]

Vorrede

Von einer Vorstellung des Lebens ausgehend (das nicht ein Sich-erhalten-wollen, sondern ein Wachsen-Wollen ist) habe ich einen Blick über die Grundinstinkte unserer politischen geistigen gesellschaftlichen Bewegung Europas gegeben.



Wovon ich vielleicht einen Begriff gegeben habe?

1) daß hinter den grundsätzlichsten Verschiedenheiten der Philosophen eine gewisse Gleichheit des Bekenntnisses steht: die unbewußte Führung durch moralische Hinterabsichten, deutlicher: durch volksthümliche Ideale;—daß folglich das moralische Problem radikaler ist als das erkenntnißtheoretische

2) daß einmal eine Umkehrung des Blicks noth thut, um das Vorurtheil der Moral und aller volksthümlichen Ideale ans Licht zu bringen: wozu alle art “freier Geister”—d.h. unmoralischer—gebraucht werden kann.

3) daß das Christenthum, als plebejisches Ideal, mit seiner Moral auf Schädigung der stärkeren höher gearteten männlicheren Typen hinausläuft und einen Heerdenart-Menschen begünstigt: daß es eine Vorbereitung der demokratischen Denkweise ist

4) daß die Wissenschaft im Bunde mit der Gleichheits-Bewegung vorwärts geht, Demokratie ist, daß alle Tugenden des Gelehrten die Rangordnung ablehnen

5) daß das demokratische Europa nur auf eine sublime Züchtung der Sklaverei hinausläuft, welche durch eine starke Rasse kommandirt werden muß, um sich selbst zu ertragen

6) daß eine Aristokratie nur unter hartem langem Druck entsteht (Herrschaft über die Erde)

2 [180]

Vielleicht giebt es ein Paar Menschen in Europa, auch in Deutschland, welche an das Problem dieses Buches reichen, und nicht nur mit ihrer Neugierde, nicht nur mit den Fühlhörnern eines verwöhnten Verstandes, ihrer errathenden Ein- und Nachbildungskraft, ihres “historischen Sinns” zumal, sondern mit der Leidenschaft des Entbehrenden: deren Seele Höhe genug hat, um meine Conception des “freien Geistes” als ein Ausdrucksmittel, als eine Feinheit, wenn man will, als eine Bescheidenheit zu verstehn: diese werden sich nicht über meine Dunkelheit beklagen.

Es giebt viele Dinge, gegen welche ich nicht nöthig gefunden habe, zu reden: es versteht sich von selbst, daß mir der “Litterat” widerlich ist, daß mir alle politischen Parteien von heute widerlich sind, daß der Sozialist von mir nicht nur mit Mitleiden behandelt wird. Die beiden vornehmsten Formen Mensch, denen ich leibhaft begegnet bin, (waren) der vollkommene Christ—ich rechne es mir zu Ehren, aus einem Geschlechte zu stammen, das in jedem Sinne Ernst mit seinem Christenthum gemacht hat—und der vollkommene Künstler des romantischen Ideals, welchen ich tief unter dem christlichen Niveau gefunden habe: es liegt auf der Hand, daß, wenn man diesen Formen den Rücken gekehrt hat, weil sie Einem nicht genügen, man nicht leicht in einer anderen Art Mensch von heute sein Genüge findet,—in sofern bin ich zur Einsamkeit verurtheilt, obwohl ich mir sehr gut eine Art Menschen denken kann, an der ich mein Vergnügen hätte. Mein duldsamer und milder Ekel vor der Selbstgenügsamkeit unserer mit Bildung sich putzenden Großstädter, unserer Gelehrten — — —

2 [181]

(42)

Die Ironie des Plato, mit der eine übergroße Zartheit des Gefühls und der Sinne, eine Verletzlichkeit des Herzens sich zu schützen, mindestens zu verbergen weiß, jenes olympische Wesen Goethes, der Verse über seine Leiden machte, um sie loszuwerden, insgleichen Stendhal, Merimée —

2 [182]

(10)

Damit etwas bestehen soll, was länger ist als ein Einzelner, damit also ein Werk bestehen bleibt, das vielleicht ein Einzelner geschaffen hat: dazu muß dem Einzelnen alle mögliche Art von Beschränkung, von Einseitigkeit usw. auferlegt werden. Mit welchem Mittel? Die Liebe Verehrung Dankbarkeit gegen die Person, die das Werk schuf, ist eine Erleichterung: oder daß unsere Vorfahren es erkämpft haben: oder daß meine Nachkommen nur so garantirt sind, wenn ich jenes Werk (z.B. die B`84l) garantire. Moral ist wesentlich das Mittel, über die Einzelnen hinweg, oder vielmehr durch eine Versklavung der Einzelnen etwas zur Dauer zu bringen. Es versteht sich, daß die Perspektive von unten nach oben ganz andere Ausdrücke geben wird, als die von oben nach unten.

Ein Macht-Complex: wie wird er erhalten? Dadurch, daß viele Geschlechter ihm sich opfern, d.h. — — —

2 [183]

Zur Einleitung.

Für Jeden, der mit einem großen Fragezeichen wie mit seinem Schicksale zusammengelebt hat und dessen Tage und Nächte sich in lauter einsamen Zwiegesprächen und Entscheidungen verzehrten, sind fremde Meinungen über das gleiche Problem eine Art Lärm, gegen den er sich wehrt und die Ohren zuhält: überdies, gleichsam etwas Zudringliches Unbefugtes und Schamloses, von Seiten solcher, welche, wie er glaubt, kein Recht auf ein solches Problem besitzen: weil sie es nicht gefunden haben. Es sind die Stunden des Mißtrauens gegen sich selbst, des Mißtrauens gegen das eigene Recht und Vorrecht, wo der einsiedlerische Liebende—denn das ist ein Philosoph—zu hören verlangt, was Alles über sein Problem gesagt und geschwiegen wird; vielleicht, daß er dabei erräth, daß die Welt voll solcher eifersüchtig Liebender ist, gleich ihm, und daß alles Laute, Lärmende, Öffentliche, der ganze Vordergrund von Politik, Alltag, Jahrmarkt, “Zeit” nur erfunden zu sein scheint, damit alles, was uns heute Einsiedler und Philosoph ist, sich dahinter verstecken könne—als in ihre eigenste Einsamkeit; Alle mit Einem beschäftigt, in Eins verliebt, auf Eins eifersüchtig, gerade auf sein Problem. “Es wird gar nichts Andres heute gedacht wo überhaupt gedacht wird”—sagt er sich endlich; “es dreht sich Alles gerade um dies Fragezeichen; was mir vorbehalten schien, darum bewirbt sich das ganze Zeitalter: es begiebt sich im Grunde gar nichts Anderes; ich selbst—aber was liegt an mir!”

2 [184]

(47)

Spät komme ich zum Bewußtsein, wie weit die moralistische Skepsis gegangen ist: woran erkenne ich mich wieder?

der Determinismus: wir sind für unser Wesen nicht verantwortlich

der Phänomenalismus: wir wissen nichts von einem “Ding an sich”

Mein Problem: Welchen Schaden hat die Menschheit bisher von der Moral sowohl wie von ihrer Moralität gehabt? Schaden am Geiste usw.

mein Ekel am Weisen als einem Zuschauer

mein höherer Begriff “Künstler”

2 [185]

(47)

Wir Immoralisten

wirkliche Kritik des moralischen Ideals

— des guten Menschen, des Heiligen, des Weisen

— von der Verleumdung der sogenannten bösen Eigenschaften

— welchen Sinn haben die verschiedenen moralischen Interpretationen?

— was ist die Gefahr der jetzt in Europa herrschenden Interpretation?

— was ist das Maaß, woran gemessen werden kann? (“Wille zur Macht”)

2 [186]

Glaubt ja nicht, daß ich euch zu dem gleichen Wagnisse auffordern werde! Oder auch nur zur gleichen Einsamkeit. Denn wer auf eigenen Wegen geht, begegnet Niemandem: das bringen die “eigenen Wege” mit sich. Niemand kommt ihm dabei zu “Hülfe,” und mit allem, was ihm von Gefahr, Zufall, Bosheit und schlechtem Wetter zustößt, muß er selbst fertig werden. Er hat eben seinen Weg für sich, und auch seinen gelegentlichen Verdruß über dieses harte unerbittliche “für sich”: wozu es zum Beispiel gehört, daß selbst seine guten Freunde nicht immer sehen und wissen, wo er eigentlich geht, wohin er eigentlich will—und sich bisweilen fragen: wie? geht er überhaupt? hat er einen Weg? ..

— Indem ich hiermit den Versuch mache, denen, welche mir bisher —trotz alledem—wohlgesinnt geblieben sind, einen Wink über den Weg zu geben, welchen ich gegangen bin, empfiehlt es sich zuerst zu sagen, auf welchen Wegen man mich bisweilen gesucht und selbst zu finden geglaubt hat. Man pflegt mich zu verwechseln: ich gestehe es ein; insgleichen, daß mir ein großer Dienst geschehen wäre, wenn Jemand Anderer mich gegen diese Verwechslungen vertheidigte und abgrenzte. Aber, wie gesagt, ich muß mir selbst zu Hülfe kommen: wozu geht man “auf eigenen Wegen”?

antimetaphysisch, antiromantisch, artistisch, Pessimistisch, skeptisch, historisch



Eine artistische Weltbetrachtung eine antimetaphysische—ja, aber eine artistische —
                                                 eine Pessimistische-buddhistische —
                                                 eine skeptische —
                                                 eine wissenschaftliche—nicht positiv[istische]

2 [187]

placatumque nitet diffuso lumine coelum[Vgl. Lucretius. De rerum naturae, I, 9.]

2 [188]

daß sich die Geschichte sämmtl[icher] Ph[änomene] der Moralität dermaaßen vereinfachen lasse, wie es Schopenhauer glaubte—nämlich so, daß als Wurzel jeder bisherigen moral[ischen] Neigung das Mitleiden wiederzufinden sei—zu diesem Grade von Widersinn und Naivetät konnte nur ein Denker kommen, der von allem historischen Instinkte entblößt war und in der wunderlichsten Weise selbst jener starken Schulung zur Historie, wie sie die Deutschen von Herder bis Hegel durchgemacht haben, entschlüpft war.

2 [189]

Die Frage nach der Herkunft unserer Werthschätzungen und Gütertafeln fällt ganz und gar nicht mit deren Kritik zusammen, wie so oft geglaubt wird: so gewiß auch die Einsicht in irgend eine pudenda origo für das Gefühl eine Werthverminderung der so entstandenen Sache mit sich bringt und gegen dieselbe eine kritische Stimmung und Haltung vorbereitet.

2 [190]

(47)

was sind unsere Werthschätzungen und moralischen Gütertafeln selber werth? Was kommt bei ihrer Herrschaft heraus? Für wen? In Bezug worauf?— Antwort: für das Leben. Aber was ist Leben? Hier thut also eine neue bestimmtere Fassung des Begriffs “Leben” noth: meine Formel dafür lautet: Leben ist Wille zur Macht.

was bedeutet das Werthschätzen selbst? weist es auf eine andere metaphysische Welt zurück oder hinab? Wie noch Kant glaubte (der vor der großen historischen Bewegung steht) Kurz: wo ist esentstanden”? Oder ist es nicht “entstanden”? Antwort: das moralische Werthschätzen ist eine Auslegung, eine Art zu interpretiren. Die Auslegung selbst ist ein Symptom bestimmter physiologischer Zustände, ebenso eines bestimmten geistigen Niveaus von herrschenden Urtheilen. Wer legt aus?— Unsere Affekte.

2 [191]

Meine Behauptung: daß man die moralischen Werthschätzungen selbst einer Kritik unterziehn muß. Daß man dem moralischen Gefühls-Impuls mit der Frage: warum? Halt gebieten muß. Daß dies Verlangen nach einem “Warum?,” nach einer Kritik der Moral, eben unsere jetzige Form der Moralität selbst ist, als ein sublimer Sinn der Redlichkeit. Daß unsere Redlichkeit, unser Wille, uns nicht zu betrügen sich selbst ausweisen muß: “warum nicht?”— Vor welchem Forum?— Der Wille, sich nicht betrügen [zu] lassen, ist anderen Ursprungs, eine Vorsicht gegen Überwältigung, Ausbeutung, ein Nothwehr-Instinkt des Lebens.



Das sind meine Forderungen an euch—sie mögen euch schlecht genug zu Ohren gehen—: daß ihr die moralischen Werthschätzungen selbst einer Kritik unterziehen sollt. Daß ihr dem moralischen Gefühls-Impuls, welcher hier Unterwerfung und nicht Kritik verlangt, mit der Frage: “warum Unterwerfung?” Halt gebieten sollt. Daß ihr dies Verlangen nach einem “Warum?,” nach einer Kritik der Moral, eben als eure jetzige Form der Moralität selbst ansehen sollt, als die sublimste Art von Rechtschaffenheit, die euch und eurer Zeit Ehre macht.

2 [192]

das Gefühl: du sollst!, die Unruhe beim Zuwiderhandeln—Frage: “wer befiehlt da? Wessen Ungnade fürchten wir da?”

2 [193]

(7)

Unsere Unart, ein Erinnerungs-Zeichen, eine abkürzende Formel als Wesen zu nehmen, schließlich als Ursache z.B. vom Blitz zu sagen: “er leuchtet.” Oder gar das Wörtchen “ich.” Eine Art von Perspektive im Sehen wieder als Ursache des Sehens selbst zu setzen: das war das Kunststück in der Erfindung des “Subjekts,” des “Ichs”!

2 [194]

(23)

Stendhal: “Combien de lieues ne ferais-je pas à pied, et à combien de jours de prison ne me soumettrais-je pas pour entendre Don Juan ou le Matrimonio segreto; et je ne sais pour quelle autre chose je ferais cet effort.” Damals war er 56 Jahre alt. [Vgl. "Notice biographique" [Biographical notes of Stendhal as related to Romain Colomb]. In: La chartreuse de Parme. Paris: Hetzel, 1846, 35. "Notice biographique" [Biographical notes of Stendhal as related to Romain Colomb]. In: Armance. Paris: Calmann-Lévy, 1877, LVI.]

2 [195]

(41)

Hegel: seine populäre Seite die Lehre vom Krieg und den großen Männern. Das Recht ist bei den Siegreichen: er stellt den Fortschritt der Menschheit dar.

Versuch, die Herrschaft der Moral aus der Geschichte zu beweisen

Kant: uns entzogen, unsichtbar, wirklich, ein Reich der moralischen Werthe

Hegel: eine nachweisbare Entwicklung, Sichtbarwerdung des moralischen Reichs

Wir wollen uns weder auf die Kantische noch Hegelsche Manier betrügen lassen:—wir glauben nicht mehr, wie sie, an die Moral und haben folglich auch keine Philosophien zu gründen, damit die Moral Recht behalte. Sowohl der Kriticismus als der Historicismus hat für uns nicht darin seinen Reiz:—nun, welchen hat er denn? —

2 [196]

Wir Heimatlosenja! Aber wir wollen die Vortheile unserer Lage ausnützen und, geschweige an ihr zu Grunde zu gehn, uns die freie Luft und mächtige Lichtfülle zu Gute kommen lassen.

2 [197]

Ungläubige und Gottlose, ja!—aber ohne jene Bitterkeit und Leidenschaft des Losgerissenen, der sich aus dem Unglauben einen Glauben, einen Zweck, oft ein Martyrium zurecht macht: wir sind abgesotten und kalt geworden in der Einsicht, daß es in der Welt durchaus nicht göttlich zugeht, ja noch nicht einmal nach vernünftigem, barmherzigem, menschlichem Maaß; wir wissen es, die Welt, in der wir leben, ist unmoralisch, ungöttlich, unmenschlich—wir haben sie allzulange im Sinne unserer Verehrung interpretirt. Die Welt ist nicht das werth, was wir geglaubt haben: und der letzte Spinnefaden von Trost, den Schopenhauer gesponnen hat, ist von uns zerrissen worden: eben das sei der Sinn der ganzen Geschichte, daß sie hinter ihre Sinnlosigkeit kommt und ihrer selber satt wird. Dies Am-Dasein-Müde-werden, dieser Wille zum Nicht-mehr-wollen, das Zerbrechen des Eigenwillens, des Eigenwohls, [des] Subjekts (als Ausdruck dieses umgekehrten Willens)—dies und nichts Anderes wollte Schopenhauer mit der höchsten Ehre geehrt wissen: er hieß es Moral, er dekretirte, daß alles selbstlose Handeln — — — er glaubte selbst der Kunst ihren Werth zu sichern, indem er in den indifferenten Zuständen, welche sie schafft, Vorbereitungen für jene gänzliche Loslösung und Sattheit des Ekels erkennen möchte.

— aber wären wir wirklich in Hinsicht auf den Anblick einer unmoralischen Welt Pessimisten? Nein, denn wir glauben nicht an die Moral — — wir glauben, daß Barmherzigkeit, Recht, Mitleid, Gesetzlichkeit bei weitem überschätzt sind, daß ihr Gegentheil verleumdet worden ist, daß in Beidem, im Übertreiben und Verleumden, in der ganzen Anlegung des moral[ischen] Ideals und Maaßstabes eine ungeheure Gefährdung des Menschen lag. Vergessen wir auch den guten Ertrag nicht: das Raffinement der Auslegung, der moral[ischen] Vivisektion, der Gewissensbiß hat die Falschheit des Menschen aufs Höchste gesteigert und ihn geistreich gemacht.

An  sich  hat  eine  Religion  nichts  mit  der  Moral  zu thun: aber die beiden Abkömmlinge der jüdischen R[eligion] sind beide wesentlich moralische Religionen, solche, die darüber Vorschriften geben, wie gelebt werden soll und mit Lohn und Strafe ihren Forderungen Gehör schaffen.

2 [198]

die aera Bismarcks (die aera der deutschen Verdummung)

auf  solchem  Sumpfboden  gedeihen ,  wie  billig,  auch  die   eigentlichen   Sumpfpflanzen,   z.B.   die  A[ntisemiten]

2 [199]

— national zu sein, in dem Sinne und Grade, wie es jetzt von der Öffentlichen Meinung verlangt wird, würde an uns geistigeren Menschen, wie mir scheint, nicht nur eine Abgeschmacktheit: sondern eine Unredlichkeit sein, eine willkürliche Betäubung unseres besseren Wissens und Gewissens.

2 [200]

Insgleichen sind wir keine Christen mehr: wir sind dem Christenthum entwachsen, nicht weil wir ihm zu fern, sondern weil wir ihm zu nahe gewohnt haben, mehr noch weil wir aus ihm gewachsen sind—es ist unsere strengere und verwöhntere Frömmigkeit selbst, die uns heute verbietet, noch Christen zu sein—

2 [201]

Wenn ich einstmals das Wort “unzeitgemäß” auf meine Bücher geschrieben habe, wie viel Jugend, Unerfahrenheit, Winkel drückt sich in diesem Worte aus! Heute begreife ich, daß mit dieser Art Klage Begeisterung und Unzufriedenheit ich eben damit zu den Modernsten der Modernen gehörte.

2 [202]

Kant: die bloße Idee von einer möglichen Wissenschaft, welcher man sich auf mancherlei Wegen zu nähern sucht, so lange, bis der einzige, sehr durch Sinnlichkeit verwachsene Fußsteig entrückt wird” — [Vgl. Heinrich Romundt, Grundlegung zur Reform der Philosophie: vereinfachte und erweiterte Darstellung von Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft. Berlin: Nicolai, 1885:16.]

2 [203]

Und auch heute noch geben die Philosophen, ohne daß sie es wissen, den stärksten Beweis, wie weit diese Autorität der Moral reicht. Mit allem ihrem Willen zur Unabhängigkeit, mit ihren Gewohnheiten oder Grundsätzen des Zweifels, selbst mit ihrem Laster des Widerspruchs, der Neuerung um jeden Preis, des Hochmuths vor jeder Höhe—was wird aus ihnen, sobald sie über “du sollst” und “du sollst nicht” nachdenken? Es giebt sofort gar nichts Bescheideneres auf Erden: die Circe Moral hat sie eben angehaucht und verzaubert! Alle diese Stolzen und Einsam-Wandelnden!— Nun sind es mit einem Mal Lämmer, nun wollen sie Heerde sein. Zunächst wollen sie allesammt ihr “du sollst” und “du sollst nicht” mit Jedermann gemein haben,—erstes Zeichen der preisgegebenen Unabhängigkeit. Und was ist ihr Kriterium einer moralischen Vorschrift? Alle sind darüber einmüthig: deren Gemeingültigkeit, ihr Absehen von der Person. Dies heiße ich “Heerde.” Darauf freilich trennen sie sich: denn jeder will mit seiner besten Kraft der M[oral] zu Diensten sein. Die meisten von ihnen verfallen darauf “die Moral zu begründen,” wie man sagt, nämlich sie mit der Vernunft zu verschwistern und zu vereinbaren, womöglich bis zur Einheit; die Feineren finden umgekehrt in der Unbegründbarkeit der Moral das Anzeichen und Vorrecht ihres Ranges, ihres der Vernunft überlegenen Ranges; andere werden sie historisch ableiten wollen (etwa mit den Darwinisten, welche das Hausmittelchen für schlechte Historiker erfunden haben “erst Nützlichkeit und Zwang, dann Gewohnheit, endlich Instinkt, sogar Vergnügen”), wieder Andere widerlegen diese Ableitungen und leugnen überhaupt jede historische Ableitbarkeit der Moral, und dies ebenfalls zu Ehren ihres Ranges, ihrer höheren Art und Bestimmung: alle aber sind einmüthig in der Hauptsache “die Moral ist da, die Moral ist gegeben!,” sie glauben alle, redlich, unbewußt, ungebrochen an den Werth dessen, was sie Moral nennen, das heißt, sie stehen unter deren Autorität. Ja! Der Werth der Moral! Wird man es erlauben, daß hier jemand das Wort nimmt, der gerade über diesen Werth Zweifel hat? Der nur in dieser Hinsicht sich auch um ihre Ableitung, Ableitbarkeit, psychologische Möglichkeit und Unmöglichkeit kümmert?

2 [204]

Fünftes Buch: Wir Umgekehrten.

Unsere neue “Freiheit”
Gegen die volksthümlichen Idealmenschen
Wie weit geht Kunst und Falschheit in’s Wesen des Seins?
Warum wir nicht mehr Christen sind.
Warum wir antinational sind.
Pessimismus und Dionysismus.
Unser Mißtrauen gegen die Logik
L’art pour l’art
Die Beschränktheit aller Teleologie.
Gegen den Causalitäts-Fatalismus.
Gegen die Lehre vom Milieu: Maske und Charakter. Zum Begriff “Phänomenalismus.”
Gegen die Romantik.
Begriff der Sklaverei d.h. Verwerkzeugung
Mißverständniß der Heiterkeit.
Was die Rangordnung macht.
Kritik der neueren Philosophie: fehlerhafter Ausgangspunkt, als ob es “Thatsachen des Bewußtseins” gäbe—und keinen Phänomenalismus in der Selbst-Beobachtung

2 [205]

Es giebt gar keinen Egoismus, der bei sich stehen bliebe und nicht übergriffe—es giebt folglich jenen “erlaubten,” “moralisch indifferenten” E[goismus] gar nicht, von dem ihr redet.

“Man fördert sein Ich stets auf Kosten des Andern”; “Leben lebt immer auf Unkosten andern Lebens.”— Wer das nicht begreift, hat bei sich noch nicht den ersten Schritt zur Redlichkeit gemacht.

2 [206]

(48)

Welches Freiheitsgefühl liegt darin, zu empfinden, wie wir befreiten Geister empfinden, daß wir nicht in ein System von “Zwecken” eingespannt sind! Insgleichen, daß die Begriffe “Lohn” und “Strafe” nicht im Wesen des Daseins ihren Sitz haben! Insgleichen daß die gute und böse Handlung nicht an sich, sondern nur unter der Perspektive der Erhaltungs-Tendenzen gewisser Arten von menschlichen Gemeinschaften, gut und böse zu nennen ist! Insgleichen, daß unsere Abrechnungen über Lust und Schmerz keine kosmische, geschweige denn eine metaphysische Bedeutung haben!— Jener Pessimismus, der Lust und Unlust des Daseins selbst auf die Wagschale zu setzen sich anheischig macht, mit seiner willkürlichen Einsperrung in das vor-kopernikanische Gefängniß und Gesichtsfeld, würde etwas Rückständiges und Rückfälliges [sein], falls er nicht nur ein schlechter Witz eines Berliners ist (der P[essimismus] E[duard] von Hartmanns

2 [207]

Anfang

Schluß.

In wiefern diese Selbstvernichtung der Moral noch ein Stück ihrer eigenen Kraft ist. Wir Europäer haben das Blut solcher in uns, die für ihren Glauben gestorben sind; wir haben die Moral furchtbar und ernst genommen und es ist nichts, was wir ihr nicht irgendwie geopfert haben. Andrerseits: unsre geistige Feinheit ist wesentlich durch Gewissens-Vivisektion erreicht worden. Wir wissen das wohin? noch nicht, zu dem wir getrieben werden, nachdem wir uns dergestalt von unsrem alten Boden abgelöst haben. Aber dieser Boden selbst hat uns die Kraft angezüchtet, die uns jetzt hinaus treibt in die Ferne, in’s Abenteuer, [durch die wir] in’s Uferlose, Unerprobte, Unentdeckte hinausgestossen werden,—es bleibt uns keine Wahl, wir müssen Eroberer sein, nachdem wir kein Land mehr haben, wo wir heimisch sind, wo wir “erhalten” möchten. Nein, das wißt ihr besser, meine Freunde! Das verborgene Ja in euch ist stärker als alle Neins und Vielleichts, an denen ihr mit eurer Zeit krank und süchtig seid; und wenn ihr aufs Meer müßt, ihr Auswanderer, so zwingt euch ein Glaube dazu ...

2 [208]

das nicht-fertig-werden mit dem Christenthum

2 [209]

Es ist Ehren-Sache meiner Freunde, für meinen Namen, Ruf und weltliche Sicherheit thätig zu sein und mir eine Burg zu bauen, wo ich gegen die grobe Verkennung bewahrt bin: ich selbst will keinen Finger mehr dafür rühren

2 [210]

die vollkommene Funktions-Sicherheit der regulirenden Instinkte

From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel