From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel
 
English Translation
Concordance between
The Will to Power
and KSA
Home

COPYRIGHT NOTICE: The content of this website, including text and images, is the property of The Nietzsche Channel. Reproduction in any form is strictly prohibited. © The Nietzsche Channel.

Herbst 1888 21 [1-8]

21 [1]

Teich[müller] [Vgl. Gustav Teichmüller, Die wirkliche und die scheinbare Welt. Neue Grundlegung der Metaphysik. Breslau: Koebner, 1882.]
Scep[tiques] gr[ecs] [Vgl. Victor Brochard, Les Sceptiques Grecs. Par Victor Brochard, maître de conférences suppléant à l'Ecole Normale Supérieure. Ouvrage couronné par l'Académie des sciences et politiques. Paris: Imprimerie Nationale, 1887.]
Spir [Vgl. Afrikan Spir, Denken und Wirklichkeit. Versuch einer Erneuerung der kritischen Philosophie. Bd. 1. Das Unbedingte. Bd. 2. Die Welt der Erfahrung. Leipzig: Findel, 1877.]
A[ugust] Müller, der Islam [Vgl. August Müller, Der Islam in Morgen- und Abendland. Berlin: G. Grote, 1885-87. Bd. 1., Bd. 2..]

21 [2]

Abends ins Café Livorno
3—5 ins Café Florio

Nicht zu Roma
nicht zu Löscher

Nicht Brille in der Straße aufsetzen!

keine Bücher kaufen!
nicht in die Menge gehn!
Abends  durch  Garten  V[alentino]  bis  Schloß, dann wieder hinein bis Ende piazza Vitt[orio Emanuele I] und ins Café Livorno

im Theater mit Gall[eria] num[erata] probiren!

21 [3]

Cap. über Glauben
Cap. über Paulus

die mittel, krank zu machen
die mittel, verrückt zu machen

21 [4]

keine Briefe schreiben!
keine Bücher lesen!
ins Café etwas mitnehmen zum Lesen!
Notizbuch!

21 [5]

Wasser trinken.
Nie spirituosa.
von Zeit zu Zeit (Rhaba[r]ber)
Morgens Ein Glas Thee: kalt werden lassen!
nachts etwas wärmer!
im Theater galé[rie] posto numer[ato]
nicht Brille auf Straße
nicht in die Menge gehn!
nicht zu Löscher
nicht zu Roma!
keine Briefe schreiben
Abends warme Kleider!

21 [6]

Ah welche Wohlthat ist ein Jude unter deutschem Hornvieh! .. Das unterschätzen die Herren Antisemiten. Was unterscheidet eigentlich einen Juden von einem Antisemiten: der Jude weiß, daß er lügt, wenn er lügt: der Antisemit weiß nicht, daß er immer lügt —

21 [7]

Man sieht heute nicht selten junge Männer achtbarer Herkunft in durchaus zweideutigen Bewegungen verschwinden: sie haben lange ihrem Leben keinen Sinn zu geben gewußt,—irgend ein Sinn wird schließlich bei ihnen ein fast tyrannisches Bedürfniß. Zeletzt entscheidet der Zufall: sie verfallen einer Partei, die einen “Sinn” hat, gegen den im Grunde nicht nur ihr Geschmack, sondern ihr Geruch pro[te]stirt, —

gegen die im Grunde nicht bloß der Geschmack sondern der Geruch protestirt, die Antisemiten zum Beispiel: bloß weil die Antisemiten ein Ziel haben, das handgreiflich bis zur Unverschämtheit ist das jüdische Geld

ihrem Leben keinen Sinn zu geben wissen und die endlich einer Partei verfallen, die einen Sinn hat, den Antisemiten zum Beispiel, deren Ziel handgreiflich bis zur Unverschämtheit ist: das jüdische Geld

sie werden zum Beispiel Antisemiten, bloß weil die Antisemiten ein Ziel haben, das handgreiflich bis zur Unverschämtheit ist—das jüdische Geld

Definition des Antisemiten: Nied, ressentiment, ohnmächtige Wuth als Leitmotiv im Instinkt: der Anspruch des “Auserwählten”; die vollkommene moralistische Selbst-Verlogenheit—diese hat die Tugend und alle großen Worte beständig im Munde. Dies als das typische Zeichen: sie merken nicht einmal wem sie damit zum Verwechseln ähnlich sehn? ein Antisemit ist ein neidischer d. h. stupidester Jude — —

21 [8]

Ich wage noch ein proprium meines Leben anzudeuten, zumal es benahe das proprium ist. Ich habe Etwas, das ich meine inneren Nüstern nenne. Bei jeder Berührung mit Menschen ist das Erste, was mir sich verräth, der Grad von innerer Sauberkeit [— — —] —ich rieche gerade die “schönen Seelen” als besonders unreinlich. Wie Jemand zu sich steht, ob er sich sel[ber] Etwas vor[ma]cht, ob er daraufhält, mit sich unzweideutig zu verkehren,—ob er sich erträgt oder ein “Ideal” nöthig [hat] ... Der Idealist riecht mir schlecht ...

Ich möchte wagen dürfen, den Namen eines Gelehrten jüdischer Abkunft zu nennen, der mich durch eine Instinkt gewordene vornehme Kühle und Klarheit gegen sich jeder Zeit ein tiefes Gefühl von Schönheit, von Reinlichkeit in meinem Sinn gegeben hat: er vergaß sich keinen Augenblick, er war immer kein Anderer, er verlor sich weder vor Zeugen noch ohne Zeugen. Dazu gehört nicht nur eine vollkommene Gewöhnung an Härte und Freimuth gegen sich; es gehört eine große Widerstandskraft dazu, um sich unter dem Eindruck von Gesellschaft oder Buch oder Zufall nicht zu verderben. Es ist ebenso ein Zeichen der Stärke wie — — —

Den Gegensatz zu dem geschilderten reinlichen Typus geben mir im Durchschnitt fast alle Deutschen, die ich kenne; im Besonderen die Herren Antisemiten, die ich als [—] par excellence empfinde. Schlechte Instinkte, ein absurder Ehrgeiz, die Eitelkeit, [— — —] und dabei die Attitüde der “höheren Werthe,” des “Idealismus” ...

From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel