From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel
 
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The Will to Power
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Herbst 1885—Frühjahr 1886 1 [1-100]

1 [1]

Eigentlich sollte ich einen Kreis von tiefen und zarten Menschen um mich haben, welche mich etwas vor mir selber schützten und mich auch zu erheitern wüßten: denn für einen, der solche Dinge denkt, wie ich sie denken muß, ist die Gefahr immer ganz in der Nähe, daß er sich selber zerstört.

1 [2]

Möge Niemand glauben, daß man unversehens und mit beiden Füßen eines Tages in einen solchen herzhaften Zustand der Seele hineinspringt, dessen Zeugniß oder Gleichniß das eben abgesungene Tanzlied sein mag. Bevor man solchermaaßen tanzen lernt, muß man gründlich gehn und laufen gelernt haben, und schon auf eigenen Beinen stehn ist Etwas, für das, wie mir scheint, immer nur Wenige vorbestimmt sind. In der Zeit, wo man sich zuerst auf den eignen Gliedmaaßen hinauswagt und ohne Gängelbänder und Geländer, in den Zeiten der ersten jungen Kraft und aller Anreize eines eigenen Frühlings, ist man am schlimmsten gefährdet und geht oft schüchtern, verzagt, wie ein Entlaufener, wie ein Verbannter, mit einem zitternden Gewissen und mit wunderlichem Mißtrauen seines Wegs:—wenn die junge Freiheit des Geistes wie ein Wein ist

1 [3]

Der Spiegel

Mangel einer herrschenden Denkweise.
Die Schauspieler.
Gleba.
Die neue Schamlosigkeit (die der Mittelmäßigen z.B. Engländer, auch der schreibenden Frauen)
Der Wille zum Vorurtheil (Nationen, Parteien usw.
Der latente Buddhismus.
Der Mangel an Einsamkeit (und folglich an guter Gesellschaft)
Alkohol, Buch und Musik und andere Stimulantia.
Die Philosophen der Zukunft.
Die herrschende Kaste und der Anarchismus.
Die curiosen Schwierigkeiten des Ungewöhnlichen, den seine plebejische Bescheidenheit stört.
Mangel einer Charakter-Erziehung. Mangel der höheren Klöster
Allmähliche Beschränkung der Volksrechte.

1 [4]

Die Lehre von den Gegensätzen (gut, böse usw.) hat Werth als Erziehungs-Maaßregel, weil sie Partei ergreifen macht.

— die mächtigsten und gefährlichsten Leidenschaften des Menschen, an denen er am leichtesten zu Grunde geht, sind so gründlich in Acht gethan, daß damit die mächtigsten Menschen selber unmöglich geworden sind oder sich als böse, als “schädlich und unerlaubt” fühlen müßten. Diese Einbuße ist groß, aber nothwendig bisher gewesen: jetzt, wo eine Menge Gegenkräfte groß gezüchtet sind, durch zeitweilige Unterdrückung jener Leidenschaften (von Herrschsucht, Lust an der Verwandlung und Täuschung) ist deren Entfesselung wieder möglich: sie werden nicht mehr die alte Wildheit haben. Wir erlauben uns die zahme Barbarei: man sehe unsere Künstler und Staatsmänner an

— Die Synthesis der Gegensätze und Gegentriebe ein Zeichen von der Gesamtkraft eines Menschen: wie viel kann sie bändigen?

— ein neuer Begriff von Heiligkeit: Plato’s Naivetät—Nicht mehr der Gegensatz der verketzerten Triebe im Vordergrund

— zu demonstriren, in wiefern die griechische Religion die höhere war als die jüdisch-christliche. Letztere siegte, weil die griechische Religion selber entartet (zurück gegangen) war.



Ziel: die Heiligung der mächtigsten furchtbarsten und bestverrufenen Kräfte, im alten Bilde geredet: die Vergöttlichung des Teufels

1 [5]

— Ich messe darnach, wie weit ein Mensch, ein Volk die furchtbarsten Triebe bei sich fesseln kann und zu seinem Heile wenden, ohne an ihnen zu Grunde zu gehn: vielmehr zu seiner Fruchtbarkeit in That und Werk

— die Auslegung aller Unglücksfalle als die Wirkung unversöhnter Geister ist das, was bisher die großen Massen zu religiösen Culten trieb. Selbst das höhere moralische Leben, das des Heiligen, ist nur als eines der Mittel erfunden worden, um unversöhnte Geister zu befriedigen.

— die Auslegung unserer Erlebnisse als providentieller Winke einer gütigen, erziehenden Gottheit, auch unserer Unglücksfälle:—Entwicklung des väterlichen Gottesbegriffs, von der patriarchalischen Familie aus.

— die absolute Verderbtheit des Menschen, die Unfreiheit zum Guten und folglich die Auslegung aller unserer Handlungen mit der Interpretation des bösen Gewissens: endlich Gnade. Wunder-Akt. Plötzliche Umkehr. Paulus, Augustin, Luther

— die Barbarisirung des Christenthums durch die Germanen: die zwischengöttlichen Wesen, und die Vielheit der Sühn-Kulte, kurz der vorchristliche Standpunkt kommt wieder. Ebenso das Compositions-system.

— Luther giebt wieder die Grundlogik des Christenthums, die Unmöglichkeit der Moral und folglich der Selbstzufriedenheit, die Nothwendigkeit der Gnade und folglich der Wunder und auch der Prädestination. Im Grunde ein Eingeständniß des Überwundenseins und ein Ausbruch von Selbst-Verachtung.

— “es ist unmöglich, seine Schulden zu bezahlen,” Ausbrüche der Heilsbegierde und der Culte und Mysterien. “Es ist unmöglich, seine Sünde loszuwerden” Ausbruch des Christenthums des Paulus Augustin und Luther. Ehemals war das äußere Unglück der Anstoß religiös zu werden; später das innere Unglücks-Gefühl, die Unerlöstheit, Angst, Unsicherheit. Was Christus und Buddha auszuzeichnen scheint: es scheint das innere Glück zu sein, das sie religiös mache

1 [6]

— das Gefühl der höheren Rangordnung anzugehören ist dominirend im sittlichen Gefühle: es ist das Selbst-zeugniß der höheren Kaste, deren Handlung und Zustände nachher wieder als Abzeichen einer Gesinnung gelten, mit der man in jene Kaste gehört oder gehören sollte

1 [7]

— zuerst wird das sittliche Gefühl in Bezug auf Mensch (Stände voran!) entwickelt, erst später auf Handlungen und Charakterzüge übertragen. Das Pathos der Distanz ist im innersten Grunde jenes Gefühls.

1 [8]

— die Unkenntniß des Menschen und das Nicht-Nachdenken macht, daß die individuelle Zurechnung erst spät gemacht wird. Man fühlt sich selber zu unfrei, ungeistig, durch plötzliche Antriebe fortgerissen, als daß man über sich anders denken sollte als in Betreff der Natur: es wirken auch in uns Dämonen.

1 [9]

— Menschliches, Allzumenschliches. Man kann nicht über Moral nachdenken, ohne sich nicht unwillkürlich moralisch zu bethätigen und erkennen zu geben. So arbeitete ich damals an jener Verfeinerung der Moral, welche “Lohn” und “Strafe” bereits als “unmoralisch” empfindet und den Begriff “Gerechtigkeit” nicht mehr zu fassen weiß als “liebevolles Begreifen,” im Grunde “Gutheißen.” Darin ist vielleicht Schwäche, vielleicht Ausschweifung, vielleicht auch — — —

1 [10]

— die “Strafe” entwickelt sich im engsten Raume, als Reaktion des Mächtigen, des Hausherrn, als Ausdruck seines Zorns gegen die Mißachtung seines Befehls und Verbotes.— Vor der Sittlichkeit der Sitte (deren Kanon will “alles Herkömmliche soll geehrt werden”) steht die Sittlichkeit der herrschenden Person (deren Kanon will, daß “der Befehlende allein geehrt werde”) Das Pathos der Distanz, das Gefühl der Rangverschiedenheit liegt im letzten Grunde aller Moral.

1 [11]

— “Seele” zuletzt als “Subjektsbegriff”

1 [12]

— Wenn die Dinge unbekannt sind, so ist es auch der Mensch. Was ist da loben und tadeln!

1 [13]

— ich begreife nicht, wie man Theolog sein kann. Ich möchte nicht gern gering von dieser Art Menschen denken, welche doch nicht nur Erkenntniß-Maschinen sind

1 [14]

— Jede Handlung, deren ein Mensch nicht fähig ist, wird von ihm mißverstanden. Es ist auszeichnend, mit seinen Handlungen immer mißverstanden zu werden. Es ist dann auch nothwendig und kein Anlaß zur Erbitterung.

1 [15]

— Es ist nicht uneigennützig, wenn ich lieber über die Causalität als über den Prozeß mit meinem Verleger nachdenke; mein Nutzen und mein Genuß liegt auf der Seite der Erkenntnisse, meine Spannung, Unruhe, Leidenschaft ist gerade dort am längsten thätig gewesen.

1 [16]

Gedanken sind Handlungen

1 [17]

— wie haben wir in fünfzig Jahren umgelernt! Die ganze Romantik mit ihrem Glauben an das “Volk” ist widerlegt! Keine Homerische Dichtung als Volks-Poesie! Keine Vergötterung der großen Naturmächte! Kein Schluß aus Sprach-Verwandtschaft auf Rassen-Verwandtschaft! Keine “intellektuelle Anschauung” des Übersinnlichen! Keine in der Religion verschleierte Wahrheit!

1 [18]

Das Problem der Wahrhaftigkeit ist ganz neu. Ich bin erstaunt: Wir betrachten solche Naturen wie Bismarck als schuldig hierin aus Fahrlässigkeit, solche wie Richard Wagner aus Mangel an Bescheidenheit, wir würden Plato mit seiner pia fraus verurtheilen, Kant wegen der Ableitung seines kategorischen Imperativs, während der Glaube ihm sicher nicht auf diesem Wege gekommen ist

1 [19]

— Endlich wendet sich der Zweifel auch gegen sich selber: Zweifel am Zweifel. Und die Frage nach der Berechtigung der Wahrhaftigkeit und ihrem Umfange steht da

1 [20]

— Alle unsere bewußten Motive sind Oberflächen-Phänomene: hinter ihnen steht der Kampf unserer Triebe und Zustände, der Kampf um die Gewalt.

1 [21]

— Daß diese Melodie schön klingt, wird nicht den Kindern durch die Autorität oder Unterricht beigebracht; ebenso wenig das Wohlgefühl beim Anblick eines ehrwürdigen Menschen. Die Werthschätzungen sind angeboren, trotz Locke!, angeerbt; freilich, sie entwickeln sich stärker und schöner, wenn zugleich die Menschen, welche uns hüten und lieben, mit uns gleich schätzen. Welche Marter für ein Kind, immer im Gegensatz zu seiner Mutter sein Gut und Böse anzusetzen und dort, wo es verehrt, gehöhnt und verachtet zu werden!

1 [22]

— Wie vielfach ist das, was wir als “sittliches Gefühl” empfinden: darin ist Verehrung, Furcht, die Berührung wie von etwas Heiligem und Geheimem, darin redet etwas Befehlendes, etwas, das sich wichtiger nimmt als wir; etwas, das erhebt, entflammt oder ruhig und tief macht. Unser sittliches Gefühl ist eine Synthesis, ein Zugleich-Erklingen aller herrschaftlichen und unterthänigen Gefühle, welche in der Geschichte unserer Vorfahren gewaltet haben

1 [23]

Zu Gunsten der Gegenwart. Die Gesundheit wird gefördert, asketisch-weltverneinende Denkweisen (mit ihrem Willen zur Krankheit) kaum begriffen. Alles Mögliche gilt und wird gelten gelassen und anerkannt, feuchte milde Luft, in der jede Art Pflanze wächst. Es ist das Paradies für alle kleine üppige Vegetation

1 [24]

— Seele und Athem und Dasein esse gleich gesetzt. Das Lebende ist das Sein: weiter giebt es kein Sein.

1 [25]

— “Die gute Leute sind alle schwach: sie sind gut, weil sie nicht stark genug sind, böse zu sein” sagte der Latuka-Häuptling Comorro zu Baker [Vgl. Samuel White Baker, The Albert N'Yanza, Great Basin of the Nile, and Explorations of the Nile Sources. With Maps, Illustrations and Portraits. In Two Volumes. Vol. I. London: Macmillan, 1866, 249f. "Commoro.— 'Most people are bad; if they are strong they take from the weak. The good people are all weak; they are good because they are not strong enough to be bad.'" Carl von Gersdorff translated this short excerpt from Baker's book that Heinrich Köselitz sent to Nietzsche along with his letter of August 26, 1881.]

1 [26]

gin ist arabisch und heißt spiritus ( = g’inn)

1 [27]

“Für schwache Herzen giebt es kein Unglück” sagt man im Russichen [Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, "Katia." In: L'esprit souterrain. Traduit et adapté par E. Halpérine et Ch. Morice. Paris: Plon-Nourrit, 1886:120. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky.]

1 [28]

— alle Bewegungen sind als Gebärden aufzufassen, als eine Art Sprache, wodurch sich die Kräfte verstehn. In der unorganischen Welt fehlt das Mißverständnis, die Mittheilung scheint vollkommen. In der organischen Welt beginnt der Irrthum. “Dinge” “Substanzen” Eigenschaften, Thätig-“keiten”—das alles soll man nicht in die unorganische Welt hineintragen! Es sind die spezifischen Irrthümer, vermöge deren die Organismen leben. Problem von der Möglichkeit des “Irrthums”? Der Gegensatz ist nicht “falsch” und “wahr,” sondern “Abkürzungen der Zeichen” im Gegensatz zu den Zeichen selber. Das Wesentliche ist: die Bildung von Formen, welche sich viele Bewegungen repräsentiren, die Erfindung von Zeichen für ganze Arten von Zeichen.



— alle Bewegungen sind Zeichen eines inneren Geschehens; und jedes innere Geschehen drückt sich aus in solchen Veränderungen der Formen. Das Denken ist noch nicht das innere Geschehen selber, sondern ebenfalls nur eine Zeichensprache für den Machtausgleich von Affekten. [Vgl. Otto Liebmann, Gedanken und Thatsachen. Philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. Heft 1. Die Arten der Nothwendigkeit. — Die mechanische Naturerklärung. — Idee und Entelechie. Straßburg: Trübner, 1882:66, 85.]

1 [29]

— die Vermenschlichung der Natur—die Auslegung nach uns.

1 [30]

A. Psychologischer Ausgangspunkt:
unser Denken und Werthschätzungen ist nur ein Ausdruck für dahinter waltende Begehrungen.
die Begehrungen spezialisiren sich immer mehr: ihre Einheit ist der Wille zur Macht (um den Ausdruck vom stärksten Triebe herzunehmen, der alle organische Entwicklung bis jetzt dirigirt hat)
Reduktion aller organischen Grundfunktion auf den Willen zur Macht
Frage, ob er nicht das mobile ebenfalls in der unorganischen Welt ist? Denn in der mechanistischen Weltauslegung bedarf es immer noch eines mobile.
“Naturgesetz”: als Formel für die unbedingte Herstellung der Macht-Relationen und -Grade.
die mechanische Bewegung ist nur ein Ausdrucksmittel eines inneren Geschehens.
“Ursache und Wirkung”
[Vgl. Otto Liebmann, Gedanken und Thatsachen. Philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. Heft 1. Die Arten der Nothwendigkeit. — Die mechanische Naturerklärung. — Idee und Entelechie. Straßburg: Trübner, 1882:85.]

1 [31]

— der Kampf als Mittel des Gleichgewichts

1 [32]

— die Annahme von Atomen ist nur eine Consequenz vom Subjekts- und Substanz-Begriff: irgend wo muß es “ein Ding” geben, von wo die Thätigkeit ausgeht. Das Atom ist der letzte Abkömmling des Seelenbegriffs. [Vgl. Otto Liebmann, Gedanken und Thatsachen. Philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. Heft 1. Die Arten der Nothwendigkeit. — Die mechanische Naturerklärung. — Idee und Entelechie. Straßburg: Trübner, 1882:109f.]

1 [33]

— das furchtbarste und gründlichste Verlangen des Menschen, sein Trieb nach Macht,—man nennt diesen Trieb “Freiheit”—muß am längsten in Schranken gehalten werden. Deshalb ist die Ethik bisher, mit ihren unbewußten Erziehungs- und Züchtungs-Instinkten, darauf aus gewesen, das Macht-Gelüst in Schranken zu halten: sie verunglimpft das tyrannische Individuum und unterstreicht, mit ihrer Verherrlichung der Gemeindefürsorge und der Vaterlandsliebe, den Heerden-Machtinstinkt

1 [34]

— Naturgemäß müssen sich die Kräfte der Menschheit in der Reihenfolge entwickeln, daß die ungefährlichen voran entwickelt (gelobt, gutgeheißen) werden, daß umgekehrt die stärksten am längsten verketzert und verläumdet bleiben.

1 [35]

Der Wille zur Macht.
Versuch einer neuen Auslegung alles
Geschehens.
Von
Friedrich Nietzsche.

1 [36]

die Welt des Denkens nur ein zweiter Grad der Erscheinungswelt —

1 [37]

— die Bewegungen sind nicht “bewirkt” von einer “Ursache”: das wäre wieder der alte Seelen-Begriff!—sie sind der Wille selber, aber nicht ganz und völlig!

1 [38]

NB. Der Glaube an Causalität geht zurück auf den Glauben, daß ich es bin, der wirkt, auf die Scheidung der “Seele” von ihrer Thätigkeit. Also ein uralter Aberglaube!

1 [39]

Die Zurückführung einer Wirkung auf eine Ursache ist: zurück auf ein Subjekt. Alle Veränderungen gelten als hervorgebracht von Subjekten.

1 [40]

— die jetztige Stufe der Moralität fordert:
a) keine Strafe!
2) keinen Lohn —
}keine Vergeltung!
3) keine Servilität  
4) keine pia fraus!  

1 [41]

— wir ertragen den Anblick nicht mehr, folglich schaffen wir die Sclaven ab

1 [42]

Es ist ein Lieblingswort der Schlaffen und Gewissenlosen tout comprendre c’est tout pardonner: es ist auch eine Dummheit. Oh wenn man erst immer auf das “comprendre” warten wollte: es scheint mir, man würde da zu selten zum Verzeihen kommen! Und zuletzt, warum sollte man gerade verzeihen, wenn man begriffen hat? Gesetzt, ich begriffe ganz und gar, warum dieser Satz mir mißrieth, dürfte ich ihm darum nicht durchstreichen?— Es giebt Fälle, wo man einen Menschen durchstreicht, weil man ihn begriffen hat. [Vgl. The Isaiah Berlin Virtual Library. Untraced Quotations (links added): "Tout comprendre, c'est tout pardonner." Proverb of uncertain origin — perhaps a commonplace for centuries? This precise formulation is used by Tolstoy in War and Peace (1868), vol. 1, part 1, chapter 28 (the last in this book: chapter-numbering varies) and by Theodor Fontane in a letter to his wife dated 18 August 1876 — in both cases without attribution. Approximations to it (see Georg Büchmann, Geflügelte Wörte [und Zitatenschatz], s.v. "tout": but his account is incomplete) appear, in chronological order, in Goethe, Torquato Tasso (1790), act 2, scene 1, line 1113 ("was wir verstehen, das können wir nicht tadeln"); Madame de Staël, Corinne ou l'Italie (1807), book 18, chapter 5 ("tout comprendre rend très indulgent"); Goethe, "Derb und Tüchtig," in West-östlicher Divan (1819) ("Denn wer einmal uns versteht / Wird uns auch verzeihn"); and Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel (1892), chapter 7 ("comprendre c'est pardonner"), where it is attributed to George Sand without reference (probably in error, says one of Fontane's editors, without giving a reason).]

1 [43]

— der Begriff “Veränderung” setzt schon das Subjekt voraus, die Seele als Substanz

1 [44]

— der Anstoß, den man nimmt an der Lehre “von der Unfreiheit des Willens” ist der: es scheint als ob sie behaupte “du thust, was du thust, nicht freiwillig, sondern unfreiwillig d.h. gezwungen.” Nun weiß jeder, wie einem zu Muthe ist, wenn er etwas unfreiwillig thut. Es scheint also mit jener Lehre gelehrt zu werden: alles, was du thust, thust du unfreiwillig also ungern, “wider deinen Willen”—und das giebt man nicht zu, weil man vieles gern thut, auch gerade viel “Moralisches.” Man versteht also “unfreier Wille” als “gezwungen durch einen fremden Willen”: als ob die Behauptung wäre: “alles, was du thust, thust du gezwungen durch einen fremdem Willen.” Den Gehorsam gegen den eigenen Willen nennt man nicht Zwang: denn es ist Lust dabei. Daß du dir selber befiehlst, das heißt “Freiheit des Willens”

1 [45]

Sapientia victrix.
Vorspiel zu einer Philosophie der Zukunft.

1 [46]

Die Religionen leben die längste Zeit ohne mit der Moral verquickt zu sein: moralfrei. Man erwäge, was eigentlich jede Religion will—man kann es ja heute noch mit Händen greifen: man will durch sie nicht nur Erlösung von der Noth, sondern vor Allem Erlösung von der Furcht vor Noth. Alle Noth gilt als Folge von bösem, feindseligem Walten von Geistern: alle Noth, die einen trifft, ist zwar nicht “verdient,” aber es weckt den Gedanken, wodurch ein Geist gegen uns gereizt sein mag; der Mensch zittert vor unbekannten schweifenden Unholden und möchte sie hold stimmen. Dabei prüft er sein Verhalten: und wenn es überhaupt Mittel giebt, bestimmte Geister, die er kennt, sich freundlich zu stimmen, so fragt er sich, ob er auch wirklich Alles gethan habe, was er dazu hätte thun können. Wie ein Höfling sein Verhalten zu dem Fürsten prüft, wenn er an ihm eine ungenädige Stimmung wahrgenommen hat:—er sucht nach einer Unterlassung usw. “Sünde” ist ursprünglich das, wodurch irgend ein Geist sehr beleidigt werden könnte, irgend eine Unterlassung, ein — — — : da hat man etwas wieder gut zu machen.— Nur insofern ein Geist, eine Gottheit ausdrücklich auch gewisse moralische Gebote als Mittel, ihm zu gefallen und zu dienen hingestellt hat, kommt in die “Sünde” auch die sittliche Werthschätzung: oder vielmehr: dann erst kann ein Verstoß gegen ein sittliches Gebot als “Sünde” empfunden werden, als etwas, das von Gott trennt, ihn beleidigt und auch von seiner Seite Gefahr und Noth im Gefolge hat.

1 [47]

Klugheit, Vorsicht und Vorsorge (im Contrast zur Indolenz und zum Leben im Augenblick)—man meint jetzt beinahe eine Handlung zu erniedrigen, wenn man diese Motive nennt. Aber was hat es gekostet, diese Eigenschaften groß zu züchten! Die Klugheit als Tugend zu betrachten—ist noch griechisch!

Ebenso dann die Nüchternheit und “Besonnenheit” im Gegensatz zum Handeln aus gewaltsamen Impulsen, zur “Naivetät” des Handelns.

1 [48]

Die absolute Hingebung (in der Religion) als Reflex der sklavischen Hingebung oder der weiblichen (—das Ewig-Weibliche ist der idealisirte Sklavensinn)

1 [49]

Den moralischen Werth der Handlung nach der Absicht messen: setzt voraus, daß die Absicht wirklich die Ursache der Handlung ist—was doch heißt die Absicht als eine vollkommene Erkenntniß als “Ding an sich” betrachten. Zuletzt ist sie doch nur das Bewußtsein von der Auslegung eines Zustandes (von Unlust, Begehren usw.)

1 [50]

— mit der Sprache sollen Zustände und Begehrungen bezeichnet werden: also Begriffe sind Zeichen zum Wiedererkennen. Die Absicht auf Logik liegt nicht darin; das logische Denken ist ein Auflösen. Aber jedes Ding das wir “begreifen,” jeder Zustand ist eine Synthesis, die man nicht “begreifen,” wohl aber bezeichnen kann: und auch die nur indem man eine gewisse Ähnlichkeit mit Dagewesenem anerkannt. “Unwissenschaftlich” ist jede innere geistige Aktion thatsächlich, auch jedes Denken.

1 [51]

Denker von bescheidener oder unehrlicher Abkunft begreifen die Herrschsucht falsch, auch schon den Trieb der Auszeichnung: sie rechnen beides unter die Eitelkeit, wie als ob es sich darum handele, in der Meinung anderer Menschen geachtet, gefürchtet oder angebetet dazustehn.

1 [52]

Nach wissenschaftlichem Maaße gemessen, ist der Werth jedes sittliches Werthurteils von Mensch über Mensch sehr gering: es ist ein Tasten und Tappen und viel Wahn und Ungewißheit in jedem Wort.

1 [53]

Das sind getrennte Aufgaben:
1)die gegenwärtig (und in einem begrenzten Culturbereich) herrschende Art der moralischen Abschätzung von Mensch und Handlungen zu fassen und festzustellen
2)der gesamte Moral-Codex einer Zeit ist ein Symptom z.B. als Mittel der Selbst-Bewunderung oder Unzufriedenheit oder Tartüfferie: es ist also noch außer der Feststellung des gegenwärtigen Charakters der Moral zweitens die Deutung und Auslegung dieses Charakters zu geben. Denn an sich ist sie vieldeutig.
3)die Entstehung dieser gerade jetzt herrschenden Urtheilsweise zu erklären,
4)die Kritik derselben zu machen resp. fragen: wie stark ist sie? worauf wirkt sie? was wird aus der Menschheit (oder aus Europa) unter ihrem Banne? Welche Kräfte fördert sie, welche unterdrückt sie? Macht sie gesünder, kränker, muthiger, feiner, kunstbedürftiger usw.?
Hier ist schon vorausgesetzt, daß es keine ewige Moral giebt: dies darf als bewiesen gelten. So wenig es eine ewige Art der Urtheile über Ernährung giebt. Aber neu ist die Kritik, die Frage: ist “gut” wirklich “gut”? Und welchen Nutzen hat vielleicht das jetzt Zurückgesetzte und Beschimpfte? Die Zeitdistanzen kommen in Betracht.

1 [54]

Der Charakter des unbedingten Willens zur Macht ist im ganzen Reiche des Lebens vorhanden. Haben wir ein Recht, das Bewußtsein zu leugnen, so doch schwerlich das Recht, die treibenden Affekte zu leugnen z.B. in einem Urwalde.

(Bewußtsein enthält immer eine doppelte Spiegelung—es giebt nichts Unmittelbares.)

1 [55]

Grundfrage: wie tief geht das Sittliche? Gehört es nur zum Angelernten? Ist es eine Ausdrucksweise?

Alle tieferen Menschen sind darin einmüthig—es kommt Luthern Augustin Paulus zum Bewußtsein—, daß unsere Moralität und deren Ereignisse nicht mit unserem bewußten Willen sich decken—kurz, daß die Erklärung aus Zweck-Absichten nicht reicht.

1 [56]

Objektiv, hart, fest, streng bleiben im Durchsetzen eines Gedankens—das bringen die Künstler noch am besten zu Stande; wenn Einer aber Menschen dazu nöthig hat (wie Lehrer, Staatsmänner usw.) da geht die Ruhe und Kälte und Härte schnell davon. Man kann bei Naturen wie Cäsar und Napoleon etwas ahnen von einem “interesselosen” Arbeiten an seinem Marmor, mag dabei von Menschen geopfert werden, was nur möglich. Auf dieser Bahn liegt die Zukunft der höchsten Menschen: die größte Verantwortlichkeit tragen und nicht daran zerbrechen.— Bisher waren fast immer Inspirations-Täuschungen nöthig, um selbst den Glauben an sein Recht und seine Hand nicht zu verlieren.

1 [57]

Verwandlungen des Willens zur Macht, seine Ausgestaltungen, seine Spezialisirungen—parallel der morphologischen Entwicklung darzustellen!

1 [58]

Von jedem unserer Grundtriebe aus giebt es eine verschiedne perspektivische Abschätzung alles Geschehens und Erlebens. Jeder dieser Triebe fühlt sich in Hinsicht auf jeden anderen gehemmt, oder gefördert, geschmeichelt, jeder hat sein eigenes Entwicklungsgesetz (sein Auf und Nieder, sein Tempo, usw.)—und dieser ist absterbend, wenn jener steigt.

Der Mensch als eine Vielheit von Willen zur Macht”: jeder mit einer Vielheit von Ausdrucksmitteln und Formen. Die einzelne angeblichen “Leidenschaften” (z.B. der Mensch ist grausam) sind nur fiktive Einheiten, insofern das, was von den verschiedenen Grundtrieben her als gleichartig ins Bewußtsein tritt, synthetisch zu einem “Wesen” oder “Vermögen,” zu einer Leidenschaft zusammengedichtet wird. Ebenso also, wie die “Seele” selber ein Ausdruck für alle Phänomene des Bewußtseins ist: den wir aber als Ursache aller dieser Phänomene auslegen (das “Selbstbewußtsein” ist fiktiv!)

1 [59]

Alles Materielle ist eine Art von Bewegungssymptom für ein unbekanntes Geschehen: alles Bewußte und Gefühle ist hinwiederum Symptom von unbekannten — — — . Die Welt, die uns von diesen beiden Seiten her sich zu verstehen giebt, könnte noch viele andere Symptome haben. Es besteht kein nothwendiges Verhätniß zwischen Geist und Materie, als ob sie irgendwie die Darstellungsformen erschöpften und allein repräsentirten.

Bewegungen sind Symptome, Gedanken sind ebenfalls Symptome: die Begierden sind uns nachweisbar hinter beidem, und die Grundbegierde ist der Wille zur Macht.— “Geist an sich” ist nichts, so wie “Bewegung an sich” nichts ist. [Vgl. Otto Liebmann, Gedanken und Thatsachen. Philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. Heft 1. Die Arten der Nothwendigkeit. — Die mechanische Naturerklärung. — Idee und Entelechie. Straßburg: Trübner, 1882:85f.]

1 [60]

Es ist beinahe komisch, daß unsere Philosophen verlangen, die Philosophie müsse mit einer Kritik des Erkenntnißvermögens beginnen: ist es nicht sehr unwahrscheinlich, daß das Organ der Erkenntniß sich selber “kritisiren” kann, wenn man mißtrauisch geworden ist über die bisherigen Ergebnisse der Erkenntniß? Die Reduktion der Philosophie auf den “Willen zu einer Erkenntnißtheorie” ist komisch. Als ob sich so Sicherheit finden ließe! —

1 [61]

Alles, was in Bewußtsein tritt, ist das letzte Glied einer Kette, ein Abschluß. Daß ein Gedanke unmittelbar Ursache eines anderen Gedankens wäre, ist nur scheinbar. Das eigentlich verknüpfte Geschehen spielt sich ab unterhalb unseres Bewußtseins: die auftretenden Reihen und Nacheinander von Gefühlen Gedanken usw. sind Symptome des eigentlichen Geschehens!— Unter jedem Gedanken steckt ein Affekt. Jeder Gedanke, jedes Gefühl, jeder Wille ist nicht geboren aus Einem bestimmten Triebe, sondern er ist ein Gesamtzustand, eine ganze Oberfläche des ganzen Bewußtseins und resultirt aus der augenblicklichen Macht-Feststellung aller der uns constituirenden Triebe—also des eben herrschenden Triebes sowohl als der ihm gehorchenden oder widerstrebenden. Der nächste Gedanke ist ein Zeichen davon, wie sich die gesammte Macht-Lage inzwischen verschoben hat.

1 [62]

“Wille”—eine falsche Verdinglichung.

1 [63]

— Wie wird sich später einmal Goethe ausnehmen! wie unsicher, wie schwimmend! Und sein “Faust”—welches zufällige und zeitliche, und wenig nothwendige und dauerhafte Problem! Eine Entartung des Erkennenden, ein Kranker, nichts mehr! Keineswegs die Tragödie des Erkennenden selber! Nicht einmal die des “freien Geistes.”

1 [64]

Menschenliebe.ü 
        Gerechtigkeitú 
Grausamkeit.ú 
Lohn und Strafe.ýalles hat sein Für und Wider schon gehabt
Selbst-Genügsamkeit.ú 
Vernünftigkeitú 
        Rangordnung.ú 
Sklaverei (Hingebung)þ 
alles Loben und Tadeln ist perspektivisch von einen Willen zur Macht aus.
“angeborne Ideen”
die Seele, das Ding—falsch. Ebenso “der Geist”

1 [65]

Capitel über die Auslegung
die Verdinglichung
das Nachleben untergegangener Ideale (z.B. Sclavensinn bei Augustin)

[Vgl. Nizza, 31. März 1885: Brief an Franz Overbeck. "Ich las jetzt, zur Erholung, die Confessionen des h[eiligen] Augustin, mit großem Bedauern, daß Du nicht bei mir warst. Oh dieser alte Rhetor! Wie falsch und augenverdreherisch! Wie habe ich gelacht! (zb. über den 'Diebstahl' seiner Jugend, im Grunde eine Studenten-Geschichte.) Welche psychologische Falschheit! (zb. als er vom Tode seines besten Freundes redet, mit dem er Eine Seele gewesen sei, 'er habe sich entschlossen, weiter zu leben, damit auf diese Weise sein Freund nicht ganz sterbe.' So etwas ist ekelhaft verlogen.) Philosophischer Werth gleich Null. Verpöbelter Platonismus, das will sagen, eine Denkweise, welche für die höchste seelische Aristokratie erfunden wurde, zurecht gemacht für Sklaven-Naturen. Übrigens sieht man, bei diesem Buche, dem Christenthum in den Bauch: ich stehe dabei mit der Neugierde eines radikalen Arztes und Physiologen. —"]

1 [66]

Die Menschenliebe des Christen, welche keinen Unterschied macht, ist erst möglich bei der fortwährenden Anschauung Gottes, im Verhältniß zu dem die Rangordnung zwischen Mensch und Mensch verschwindend klein wird, und der Mensch selber überhaupt so unbedeutend wird, daß die Größenverhältnisse kein Interesse mehr erregen: wie von einem hohen Berge aus Groß und Klein ameisenhaft und ähnlich wird.— Man soll diese Geringschätzung des Menschen überhaupt nicht übersehen, welche im christlichen Gefühle der Menschenliebe liegt: “du bist mein Bruder, ich weiß schon, wie es dir zu Muthe ist, was du auch seist—schlecht nämlich!” usw. Thatsächlich ist ein solcher Christ eine äußerst zudringliche und unbescheidene Art.

Umgekehrt: läßt man Gott fahren, so fehlt uns ein Typus eines Wesens, das höher ist als der Mensch: und das Auge wird fein für die Differenzen dieses “höchsten Wesens.”

1 [67]

— Ich bin mißtrauisch gegen die Beschaulichen, Selbst-in-sich-Ruhenden, Beglückten unter den Philosophen:—es fehlt da die gestaltende Kraft und die Feinheit der Redlichkeit, welche sich den Mangel als Kraft eingesteht

1 [68]

Die Verwandlung des sittlich-Verworfenen in sittlich-Verehrtes—und umgekehrt.

1 [69]

— die Einen suchen im Inneren eine unbedingte Verbindlichkeit aus und erdichten sie unter Umständen, die Anderen wollen es beweisen und zugleich damit pflanzen —

1 [70]

— wie unbescheiden nimmt sich der Mensch mit seinen Religionen aus, auch wenn er sich noch vor Gott wälzt, gleich dem heiligen Augustin! Welche Zudringlichkeit! Dieses väterliche oder großväterliche Princip im Hintergrunde! [Vgl. Nizza, 31. März 1885: Brief an Franz Overbeck. "Ich las jetzt, zur Erholung, die Confessionen des h[eiligen] Augustin, mit großem Bedauern, daß Du nicht bei mir warst. Oh dieser alte Rhetor! Wie falsch und augenverdreherisch! Wie habe ich gelacht! (zb. über den 'Diebstahl' seiner Jugend, im Grunde eine Studenten-Geschichte.) Welche psychologische Falschheit! (zb. als er vom Tode seines besten Freundes redet, mit dem er Eine Seele gewesen sei, 'er habe sich entschlossen, weiter zu leben, damit auf diese Weise sein Freund nicht ganz sterbe.' So etwas ist ekelhaft verlogen.) Philosophischer Werth gleich Null. Verpöbelter Platonismus, das will sagen, eine Denkweise, welche für die höchste seelische Aristokratie erfunden wurde, zurecht gemacht für Sklaven-Naturen. Übrigens sieht man, bei diesem Buche, dem Christenthum in den Bauch: ich stehe dabei mit der Neugierde eines radikalen Arztes und Physiologen. —"]

1 [71]

— Die Moral galt unter Sterblichen bisher als das Ernsthafteste, was es giebt: das ist den Moralisten zu Gute gekommen, auf welche unter Göttern—und vielleicht auch einmal unter Menschen—kein kleines Gelächter wartet: man trägt auf die Dauer niemals ungestraft die Würde eines Lehrmeisters. Menschen zu “belehren,” Menschen zu “verbessern”—die Anmaaßung eines solchen Vorhabens

1 [72]

Daß die Katze Mensch immer wieder auf ihre vier Beine, ich wollte sagen auf ihr Eines Bein “Ich” zurückfällt, ist nur ein Symptom seiner psychologischen “Einheit,” richtiger “Vereinigung”: kein Grund, an eine “seelische Einheit” zu glauben.

1 [73]

Moral ist ein Theil der Lehre von den Affekten: wie weit reichen die Affekte ans Herz des Daseins?

1 [74]

Wenn es überhaupt ein “an sich” gäbe, was wäre dann das “An sich” eines Gedankens?

1 [75]

Die Gedanken sind Zeichen von einem Spiel und Kampf der Affekte: sie hängen immer mit ihren verborgenen Wurzeln zusammen

1 [76]

Wer den Werth einer Handlung nach der Absicht mißt, aus der sie geschehen ist, meint dabei die bewußte Absicht: aber es giebt, bei allem Handeln, viel unbewußte Absichtlichkeit; und was als “Wille” und “Zweck” in den Vordergrund tritt, ist vielfach ausdeutbar und an sich nur ein Symptom. “Eine ausgesprochene, aussprechbare Absicht” ist eine Ausdeutung, eine Interpretation, welche falsch sein kann; außerdem eine willkürliche Simplifikation und Fälschung usw

1 [77]

Die Berechnung auf Lust als eine mögliche Folge einer Handlung und die mit einer Thätigkeit selber verbundene Lust, als Auslösung einer gebundnen und aufgestauten Kraft: was für Mühe hat es schon gemacht, diese beiden Lüste auseinander zu halten! Es giebt zu lachen! Ebenso wie die Annehmlichkeit des Lebens—und Seligkeit als moralische Trunkenheit und Selbst-Anbetung verwechselt wird.

1 [78]

Mit der Menschenkenntniß hat auch die Moral sich verfeinert
a) statt der Sünde als Vergehen an Gott—“das Unrecht an mir selber”
b) statt des Betens und des Verlangens nach wunderbarer Hülfe —
c) statt der Interpretation des Erlebnisses als Lohn und Strafe —
d) statt der Feindschaft gegen alle Art Noth und Unruhe und Streit —
e) statt der zudringlichen gleichsetzenden Menschenliebe des Christen —

1 [79]

Die größte Aufrichtigkeit und Überzeugung vom Werthe des eigenen Werkes vermag nichts: ebenso kann die zweiflerische Unterschätzung den Werth desselben nicht berühren. So steht es mit allen Handlungen: wie moralisch ich mir mit einer Absicht auch vorkommen mag, an sich ist damit nichts über den Werth der Absicht und noch weniger über den Werth der Handlung ausgemacht. Die ganze Herkunft einer Handlung müßte bekannt sein, und nicht nur das Stückchen, das davon ins Bewußtsein fällt (die sogenannte Absicht) Aber damit wäre eben absolute Erkenntniß verlangt —

1 [80]

In wie fern eine Überwindung des moralischen Menschen möglich ist:

wir messen den Werth einer Handlung nicht mehr nach ihren Folgen

wir messen ihn auch nicht mehr nach ihrer Absicht

1 [81]

So wenig wir noch beten und die Hände nach Oben strecken, so wenig werden wir eines Tages die Verleumdung und Verlästerung nöthig haben, um gewisse Triebe in uns als Feinde zu behandeln; und ebenso kann unsere Macht, welche uns zwingt, Menschen und Institutionen zuzerstören, dies einmal thun, ohne daß wir selbst darüber in Affekte der Entrüstung und des Ekels gerathen: mit göttlichen Auge und ungestört vernichten! Die Vernichtung der Menschen welche sich gut fühlen, voran! experimentum crucis.

1 [82]

Jenseits von Gut und Böse

Versuch
einer Überwindung der Moral.

Von
Friedrich Nietzsche.

1 [83]

Die religiöse Auslegung überwunden.

Moral gehört in die Lehre von den Affekten (nur ein Mittel ihrer Bändigung, während andere groß gezüchtet werden sollen.

1 [84]

Die Überwindung der Moral.

Bisher der Mensch kümmerlich sich erhaltend, indem er die ihm gefährlichsten Triebe bösartig behandelte und verlästerte und ebenso vor den ihn erhaltenden servil schmeichelte. Gewinnung neuer Mächte und Länder

a) der Wille zur Unwahrheit
b) der Wille zur Grausamkeit
c) der Wille zur Wollust
d) der Wille zur Macht

1 [85]

auf das Verstehen der Außenwelt und die Mittheilung an dieselbe eingerichtet müssen Intellekt und Sinne oberflächlich sein.

Vollkommene Leerheit der Logik —

1 [86]

Arbeitstheilung, Gedächtniß, Übung, Gewohnheit, Instinkt, Vererbung, Vermögen, Kraft—alles Worte, mit denen wir nichts erklären, aber wohl bezeichnen und andeuten.

1 [87]

Das “Ich” (welches mit der einheitlichen Verwaltung unseres Wesens nicht eins ist!) ist ja nur eine begriffliche Synthesis—also giebt es gar kein Handeln aus “Egoismus”

1 [88]

— daß irgend eine bewußte oder unbewußte Berechnung der Lust, die man im Gefolge eines Thuns hat (sei es im Thun, oder nachher), wirklich Ursache des Thuns ist, ist eine Hypothese!!!

1 [89]

Wir gehören zum Charakter der Welt, das ist kein Zweifel! Wir haben keinen Zugang zu ihr als durch uns: es muß alles Hohe und Niedrige an uns als nothwendig ihrem Wesen zugehörig verstanden werden!

1 [90]

NB. Wir wollen unsere Neigungen und Abneigungen redlich eingestehn und es uns wehren, dieselben aus moralischen Farbentöpfen zu schminken. So gewiß wir unsere Noth nicht mehr als unseren “Kampf mit Gott und Teufel” auslegen werden! Seien wir naturalistisch und gestehen wir ein gutes Recht auch Dem zu, was wir bekämpfen müssen, an uns oder außer uns!

1 [91]

Durch die Arbeitstheilung sind die Sinne vom Denken und Urtheilen beinahe gelöst: während früher dies in ihnen lag, ungeschieden. Noch früher müssen die Begierden und die Sinne Eins gewesen sein.

1 [92]

[Vgl. Maximilian Drossbach, Ueber die scheinbaren und die wirklichen Ursachen des Geschehens in der Welt. Halle: Pfeffer, 1884:22.]

Aller Kampf—alles Geschehen ist ein Kampf—braucht Dauer. Was wir “Ursache” und “Wirkung” nennen, läßt den Kampf aus und entspricht folglich nicht dem Geschehen. Es ist consequent, die Zeit in Ursache und Wirkung zu leugnen.

1 [93]

Thun wir einigen Aberglauben von uns ab, der in Bezug auf Philosophen bisher gang und gäbe war

1 [94]

Die neue Aufklärung

Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.

Von
Friedrich Nietzsche.

1 [95]

Freie Geister und andere Philosophen.
Jenseits von Gut und Böse.

1 [96]

Moralisten-Moral.

1 [97]

Zur Verwechslung von Ursache und Symptom

Lust und Unlust sind die ältesten Symptome aller Werthurtheile: nicht aber Ursachen der Werthurtheile!

Also: Lust und Unlust gehören wie die sittlichen und aesthetischen Urtheile unter Eine Kategorie.

1 [98]

Die Worte bleiben: die Menschen glauben, auch die damit bezeichneten Begriffe!

1 [99]

Es fehlen uns viele Begriffe, um Verhältnisse auszudrücken: wie schnell sind wir mit “Herr und Diener” “Vater und Kind” usw. fertig!

1 [100]

Grundmißverständniß: ein Mensch legt nach sich jeden Anderen aus; daher Mißverständniß vieler Tugenden und Affekte, die einer höheren Art eignen. Selbst der selbe Mensch versteht sich falsch, wenn er in einem niederen Augenblick auf seine hohen Festzeiten zurückblickt. “Selbst-Erniedrigung” “Demuth”

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