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Concordance between
The Will to Power
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Frühjahr 1888 14 [101-227]

14 [101]

die décadence überhaupt

Wenn Lust und Unlust sich auf das Gefühl der Macht beziehen, so müßte Leben ein Wachsthum von Macht darstellen, so daß die Differenz des “Mehr” ins Bewußtsein träte ... Ein Niveau von Macht festgehalten: würde sich die Lust nur an Verminderungen des Niveaus zu messen haben, an Unlustzuständen,—nicht an Lustzuständen ... Der Wille zum Mehr liegt im Wesen der Lust: daß die Macht wächst, daß die Differenz in’s Bewußtsein tritt ...

Von einem gewissen Punkte an, bei der décadence tritt die umgekehrte Differenz ins Bewußtsein, die Abnahme: das Gedächtniß der starken Augenblicke von ehedem drückt die gegenwärtigen Lustgefühle herab,—der Vergleich schwächt jetzt die Lust ...

14 [102]

Zur Hygiene derSchwachen.”— Alles, was in der Schwäche gethan wird, mißräth. Moral: nichts thun. Nur ist das Schlimme, daß gerade die Kraft, das Thun auszuhängen, nicht zu reagiren, am stärksten krank ist unter dem Einfluß der Schwäche: daß man nie schneller, nie blinder reagirt als dann, wenn man gar nicht reagiren sollte ...

Die Stärke einer Natur zeigt sich im Abwarten und Aufschieben der Reaktion: eine gewisse •*4"n@D\" ist ihr so zu eigen, wie der Schwäche die Unfreiheit der Gegenbewegung, die Plötzlichkeit, Unhemmbarkeit der “Handlung” ...

der Wille ist schwach: und das Recept, um dumme Sachen zu verhüten, wäre, starken Willen zu haben, und nichts zu thun ...

Contradictio ...

Eine Art Selbstzerstörung, der Instinkt der Erhaltung ist compromittirt ... Der Schwache schadet sich selber ... das ist der Typus der décadence ...

Thatsächlich finden wir ein ungeheures Nachdenken über Praktiken, die Impassibilität zu provociren. Der Instinkt ist insofern auf richtiger Spur als nichts-thun nützlicher ist als etwas thun ...

Alle Praktiken der Orden, der solitären Philosophen, der Fakirs sind von dem richtigen Werthmaße eingegeben, daß eine gewisse Art Mensch sich noch am meisten nützt, wenn sie sich so viel wie möglich hindert, zu handeln ...

Erleichterungsmittel: der absolute Gehorsam

die machinale Thätigkeit

die Separation von Menschen und Dingen, welche ein sofortiges Entschließen und Handeln fördern würden

14 [103]

1.

Ich sehe mit Erstaunen, daß die Wissenschaft sich heute resignirt, auf die scheinbare Welt angewiesen zu sein: eine wahre Welt—sie mag sein, wie sie will, gewiß haben wir kein Organ der Erkenntniß für sie.

Hier dürfte man nun schon fragen: mit welchem Organ der Erkenntniß setzt man auch diesen Gegensatz nur an? ...

Damit daß eine Welt, die unseren Organen zugänglich ist, auch als abhängig von diesen Organen verstanden wird, damit daß wir eine Welt als subjektiv bedingt [verstehen,] damit ist nicht ausgedrückt, daß eine objektive Welt überhaupt möglich [ist]. Wer wehrt uns zu denken, daß die Subjektivität real, essentiell ist?

das “An sich” ist sogar eine widersinnige Conception: eine “Beschaffenheit an sich” ist Unsinn: wir haben den Begriff “Sein,” “Ding” immer nur als Relationsbegriff ...

Das Schlimme ist—daß mit dem alten Gegensatz “scheinbar” und “wahr” sich das correlative Werthurtheil fortgepflanzt [hat]: geringer an Werth und absolut “werthvoll”

die scheinbare Welt gilt uns nicht als eine “werthvolle” Welt; der Schein soll eine Instanz gegen die oberste Werthheit sein. Werthvoll an sich kann nur eine “wahre” Welt sein ...



Erstens: man behauptet, sie existirt

zweitens: man hat eine ganz bestimmte Werthvorstellung von ihr



Vorurtheil der Vorurtheile!
Erstens wäre an sich möglich, daß die wahre Beschaffenheit der Dinge dermaßen den Voraussetzungen des Lebens schädlich wäre, entgegengesetzt wäre, daß eben der Schein noth thäte, um leben zu können ... Dies ist ja der Fall in so vielen Lagen: z.B. in der Ehe

Unsere empirische Welt wäre aus den Instinkten der Selbsterhaltung auch in ihren Erkenntnißgrenzen bedingt: wir hielten für wahr, für gut, für werthvoll, was der Erhaltung der Gattung frommt ...

a.wir haben keine Kategorien, nach denen wir eine wahre und eine scheinbare Welt scheiden dürften. Es könnte eben bloß eine scheinbare Welt geben, aber nicht nur unsere scheinbare Welt ...
b.die wahre Welt angenommen, so könnte sie immer noch die geringere an Werth für uns sein: gerade das Quantum Illusion möchte in seinem Erhaltungswerth für uns höheren Ranges sein. Es sei denn, daß der Schein an sich ein Verwerfungsurtheil begründete?
c.daß eine Correlation besteht zwischen den Graden der Werthe und den Graden der Realität, so daß die obersten Werthe auch die oberste Realität hätten: ist ein metaphysisches Postulat von der Voraussetzung ausgehend, daß wir die Rangordnung der Werthe kennen: nämlich daß diese Rangordnung eine moralische ist ... Nur in dieser Voraussetzung ist die Wahrheit nothwendig für die Definition alles Höchstwerthigen

der “Schein” wäre ein Einwand gegen einen Werth überhaupt

2.

Es ist von kardinaler Wichtigkeit, daß man die wahre Welt abschafft. Sie ist die große Anzweiflerin und Werthverminderung der Welt, die wir sind: Sie war bisher unser gefährlichstes Attentat auf das Leben

Krieg gegen alle Voraussetzungen, auf welche hin man eine wahre Welt fingirt hat. Zu diesen Voraussetzungen gehört, daß die moralischen Werthe die obersten sind

Die moralische Werthung als oberste wäre widerlegt, wenn sie bewiesen werden könnte als die Folge einer unmoralischen Werthung

: als ein Spezialfall der realen Unmoralität

: sie reduzirte sich damit selbst auf einen Anschein

und als Anschein hätte sie, von sich aus, kein Recht mehr, den Schein zu verurtheilen.

3.

“Der Wille zur Wahrheit” wäre sodann psychologisch zu untersuchen: er ist keine moralische Gewalt, sondern eine Form des Willens zur Macht. Dies wäre damit zu beweisen, daß er sich aller unmoralischen Mittel bedient: der Metaphysik voran —

: die Methodik der Forschung ist erst erreicht, wenn alle moralischen Vorurtheile überwunden sind ... sie stellte einen Sieg über die Moral dar ...

NB. Wir sind heute vor die Prüfung der Behauptung gestellt, daß die moralischen Werthe die obersten Werthe sind.

14 [104]

Die Moralwerthe als Scheinwerthe, verglichen mit den physiologischen.

14 [105]

Unsere Erkenntniß ist in dem Maaße wissenschaftlich geworden, als sie Zahl und Maaß anwenden kann ...

Der Versuch wäre zu machen, ob nicht eine wissenschaftliche Ordnung der Werthe einfach auf eine Zahl- und Maßscala der Kraft aufzubauen wäre ...

— alle sonstigen “Werthe” sind Vorurtheile, Naivetäten, Mißverständnisse ...

— sie sind überall reduzirbar auf jene Zahl- und Maß-Scala der Kraft

— das Aufwärts in dieser Scala bedeutet jedes Wachsen an Werth:

das Abwärts in dieser Skala bedeutet Verminderung des Werths

Hier hat man den Schein und das Vorurtheil wider sich.



eine Moral, eine durch lange Erfahrung und Prüfung erprobte, bewiesene Lebensweise kommt zuletzt als Gesetz zum Bewußtsein, als dominirend ..

und damit tritt die ganze Gruppe verwandter Werthe und Zustände in sie hinein: sie wird ehrwürdig, unangreifbar, heilig, wahrhaft

es gehört zu ihrer Entwicklung, daß ihre Herkunft vergessen wird ... Es ist ein Zeichen, daß sie Herr geworden ist ...

* * *

Ganz dasselbe könnte geschehen sein mit den Kategorien der Vernunft: dieselben könnten, unter vielem Tasten und Herumgreifen, sich bewährt haben durch relative Nützlichkeit ... Es kam ein Punkt, wo man sie zusammenfaßte, sich als Ganzes zum Bewußtsein brachte,—und wo man sie befahl ... d.h. wo sie wirkten als befehlend ...

Von jetzt ab galten sie als a priori ..., als jenseits der Erfahrung, als unabweisbar ...

Und doch drücken sie vielleicht nichts aus als eine bestimmte Rassen- und Gattungs-Zweckmäßigkeit,—bloß ihre Nützlichkeit ist ihre “Wahrheit” —

Von der Herkunft der Vernunft
A.
Die obersten Werthe waren bisher die moralischen.
B.
Kritik dieser Werthe.
C.
— — —

14 [106]
[Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876:75-81.]

Vorschrift für den jungen Theologen:

1. daß er sich des Weibes enthalte und überhaupt jeder gegorenen Substanz; daß er weder Stiefeln, noch Sonnenschirm trage; daß er sich jedes Sinnenreizes (Gesang, Tanz und Musik) enthalte

2. Wenn der Candidat unfreiwillig eine Befleckung während seines Schlummers empfängt, so soll er sich bei dem Aufgang der Sonne drei Mal in den heiligen Sumpf tauchen, mit den Worten “daß Das, was wider Willen von mir gegangen ist, zu mir zurückkomme!”

3. Wenn sein Lehrer ihn unterbricht, so soll er ihm weder liegend, noch sitzend, noch essend, noch laufend, noch von fern, noch mit einem Seitenblick antworten:

4. Vielmehr soll er zu ihm kommen und, aufrecht, respektvoll, ihn ansehen und Antwort geben.

Wenn er im Wagen ist und seinen Lehrer bemerkt, soll er sofort aussteigen, um ihm seine honneurs zu machen.

Der Schüler darf das Weib seines Lehrers nicht beim Baden bedienen, noch sie parfümiren, noch sie massiren, noch ihren Haar-Aufputz arrangiren, noch sie salben

Er darf sich auch nicht vor der jungen Gattin seines Lehrers niederwerfen und respectvoll ihre Füße berühren, gesetzt nämlich, daß er durch sein Alter bereits das Wissen von Gut und Böse hat.

Es liegt in der Natur des Weibes daß es den Männern gefalle und sie versuchen will. Aber die Weisen lassen sich niemals so weit gehen, dieser Anziehungskraft nachzugeben, nämlich in Fällen, wo dies tadelnswerth ist.

Man soll nicht an einsamen Orten allein mit seiner Mutter, seiner Schwester, seiner Tochter und anderen Verwandtinnen weilen: die durch Einsamkeit aufgeregten Sinne sind so mächtig daß sie bisweilen über die Weisesten Recht bekommen.

Dies war der Fall mit dem weisen Vasta, der, um vor der Bosheit der Leute von Gotha zu fliehen, sich mit seinen 2 Töchtern in eine Höhle zurückzog: woselbst er sie alle beide zu Müttern machte.

14 [107]

[Vgl. Victor Brochard, Les Sceptiques Grecs. Par Victor Brochard, maître de conférences suppléant à l'Ecole Normale Supérieure. Ouvrage couronné par l'Académie des sciences et politiques. Paris: Imprimerie Nationale, 1887:85.]

Theorie und Praxis
Kritik vom Werth der Moral

Gefährliche Unterscheidung zwischentheoretischundpraktisch” z.B. bei Kant, aber auch bei den Alten

— sie thun, als ob die reine Geistigkeit ihnen die Probleme der Erkenntniß und Metaphysik vorlege

— sie thun, als ob, wie auch die Antwort der Theorie ausfalle, die Praxis nach eigenem Werthmaße zu beurtheilen sei.

Gegen das Erste richte ich meine Psychologie der Philosophen: ihr entfremdetster Calcul und “Geistigkeit” bleibt immer nur der letzte blasseste Abdruck einer physiologischen Thatsache; es fehlt absolut die Freiwilligkeit darin, Alles ist Instinkt, Alles ist von vorn herein in bestimmte Bahnen gelenkt ...

— gegen das Zweite frage ich, ob wir eine andere Methode kennen, um gut zu handeln als immer gut zu denken: letzteres ist ein Handeln, und ersteres setzt Denken voraus. Haben wir ein Vermögen, den Werth einer Lebensweise anderswie zu beurtheilen als den Werth einer Theorie durch Induktion, durch Vergleichung? ... Die Naiven glauben, hier wären wir besser daran, hier wüßten wir, was “gut” ist,—die Philosophen reden’s nach. Wir schließen, daß hier ein Glaube vorhanden ist, weiter nichts ...

“Man muß handeln; folglich bedarf es einer Richtschnur”—sagten selbst die antiken Skeptiker

die Dringlichkeit einer Entscheidung als Argument, irgend etwas hier für wahr zu halten! ...

Man muß nicht handeln:—sagten ihre consequenteren Brüder, die Buddhisten und ersannen eine Richtschnur, wie man sich losmachte vom Handeln ...

Sich einordnen, leben wie der “gemeine Mann” lebt, gut und recht halten, was er recht hält: das ist die Unterwerfung unter den Herdeninstinkt.

Man muß seinen Muth und seine Strenge so weit treiben, eine solche Unterwerfung wie eine Scham zu empfinden

Nicht mit zweierlei Maß leben! .. Nicht Theorie und Praxis trennen! —

14 [108]

Wille zur Macht als Moral

Die Vorherrschaft der moralischen Werthe.

Folgen dieser Vorherrschaft, die Verderbniß der Psychologie usw.

das Verhängniß überall, das an ihr hängt

Was bedeutet diese Vorherrschaft? Worauf weist sie hin?

— eine gewisse größere Dringlichkeit eines bestimmten Ja und Nein auf diesem Gebiete

— man hat alle Arten Imperative darauf verwendet, um die moralischen Werthe als fest erscheinen zu lassen: sie sind am längsten commandirt worden:—sie scheinen instinktiv wie innere Commandos ...

— es drücken sich Erhaltungsbedingungen der Societät darin aus, daß die moralischen Werthe als undiskutirbar empfunden werden

— die Praxis: das will heißen, die Nützlichkeit, mit einander sich über die obersten Werthe zu verstehen, hat hier eine Art Sanktion erlangt

— wir sehen alle Mittel angewendet, wodurch das Nachdenken und die Kritik auf diesem Gebiete lahm gelegt wird:—welche Attitüde nimmt noch Kant, nicht zu reden von denen, welche es als unmoralisch ablehnen, hier zu “forschen” —

Wie man die Moral zur Herrschaft gebracht hat

14 [109]

Wissenschaft und Philosophie

Alle diese Werthe sind empirisch und bedingt. Aber der, der an sie glaubt, der sie verehrt, will eben diesen Charakter nicht anerkennen ...

die Philosophen glauben allesammt an diese Werthe und eine Form ihrer Verehrung war die Bemühung, aus ihnen a priori Wahrheiten zu machen

fälschender Charakter der Verehrung ...

die Verehrung ist die hohe Probe der intellektuellen Rechtschaffenheit: aber es giebt in der ganzen Geschichte der Philosophie keine intellektuelle Rechtschaffenheit

sondern die “Liebe zum Guten” ...

: der absolute Mangel an Methode, um das Maaß dieser Werthe zu prüfen

zweitens: die Abneigung, diese Werthe zu prüfen, überhaupt sie bedingt zu nehmen

Bei den Moral-Werthen kamen alle antiwissenschaftlichen Instinkte zusammen in Betracht, um hier die Wissenschaft auszuschließen ...

Wie der unglaubliche Skandal, den die Moral in der Geschichte der Wissenschaft darstellt, zu erklären ..

14 [110]

Formel des “Fortschritts”-Aberglaubens eines berühmten Physiologen der cerebralen Thätigkeiten

“L’animal ne fait jamais de progrès comme espèce; l’homme seul fait de progrès comme espèce.” [Vgl. Émile Blanchard, La vie des êtres animés. Les conditions de la vie chez les êtres animés. L'origine des êtres. Paris: G. Masson [1888]: 72. S. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Charles Émile Blanchard.]

Nein: — — —

14 [111]

Philosophie als décadence

Die große Vernunft in aller Erziehung zur Moral war immer, daß man hier die Sicherheit eines Instinkts zu erreichen suchte: so daß weder die gute Absicht, noch die guten Mittel als solche erst ins Bewußtsein traten. So wie der Soldat exercirt, so sollte der Mensch handeln lernen. In der That gehört dieses Unbewußtsein zu jeder Art Vollkommenheit: selbst noch der Mathematiker handhabt seine Combinationen unbewußt ...

Was bedeutet nun die Reaktion des Sokrates, welcher die Dialektik als Weg zur Tugend anempfahl und sich darüber lustig machte, wenn die Moral sich nicht logisch zu rechtfertigen wußte? ... Aber eben das Letztere gehört zu ihrer Güte ... ohne sie taugt sie nichts! ... Scham erregen war ein nothwendiges Attribut des Vollkommenen! ...

Es bedeutet exakt die Auflösung der griechischen Instinkte, als man die Beweisbarkeit als Voraussetzung der persönlichen Tüchtigkeit in der Tugend voranstellte. Es sind selbst Typen der Auflösung, alle diese großen “Tugendhaften” und Wortemacher ...

In praxi bedeutet es, daß die moralischen Urtheile aus ihrer Bedingtheit, aus der sie gewachsen sind und in der allein sie Sinn haben, aus ihrem griechischen und griechisch-politischen Grund und Boden ausgerissen werden und, unter dem Anschein von Sublimirung, entnatürlicht werden. Die großen Begriffe “gut” “gerecht” werden losgemacht von den Voraussetzungen, zu denen sie gehören: und als frei gewordene “Ideen” Gegenstände der Dialektik. Man sucht hinter ihnen eine Wahrheit, man nimmt sie als Entitäten oder als Zeichen von Entitäten: man erdichtet eine Welt, wo sie zu Hause sind, wo sie herkommen ...

In summa: der Unfug ist auf [s]einer Spitze bereits bei Plato ...Und nun hatte man nöthig, auch den abstrakt-vollkommenen Menschen hinzu[zu]erfinden

gut, gerecht, weise, Dialektiker—kurz die Vogelscheuche des antiken Philosophen,

eine Pflanze, aus jedem Boden losgelöst; eine Menschlichkeit ohne alle bestimmten regulirenden Instinkte; eine Tugend, die sich mit Gründen “beweist.”

das vollkommen absurde “Individuum” an sich! die Unnatur höchsten Rangs ...

Kurz, die Entnatürlichung der Moralwerthe hatte zur Consequenz, einen entartenden Typus des Menschen zu schaffen—“den Guten,” “den Glücklichen,” “den Weisen”

Sokrates ist ein Moment der tiefsten Perversität in der Geschichte der Menschen

14 [112]

Es würde uns Zweifel gegen einen Menschen machen, zu hören, daß er Gründe nöthig hat, um anständig zu bleiben: gewiß ist, daß wir seinen Umgang meiden. Das Wörtchen “denn” compromittirt in gewissen Fällen; man widerlegt sich mitunter sogar durch ein einziges “denn.” Hören wir nun des Weiteren daß ein solcher Aspirant der Tugend schlechte Gründe nöthig hat, um respektabel zu bleiben, so giebt das noch keinen Grund ab, unseren Respekt vor ihm zu steigern. Aber er geht weiter, er kommt zu uns, er sagt uns ins Gesicht: “Sie stören meine Moralität mit Ihrem Unglauben, mein Herr Ungläubiger; so lange Sie nicht an meine schlechten Gründe, will sagen an Gott, an ein strafendes Jenseits, an eine Freiheit des Willens glauben, verhindern Sie meine Tugend ... Moral: man muß die Ungläubigen abschaffen, sie verhindern die Moralisirung der Massen.”

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Moral als décadence

Heute, wo uns jedes “so und so soll der Mensch sein” eine kleine Ironie in den Mund legt, wo wir durchaus daran festhalten, daß man, trotz allem, nur das wird, was man ist (trotz allem: will sagen Erziehung, Unterricht, milieu, Zufälle und Unfälle), haben wir in Dingen der Moral auf eine curiose Weise das Verhältniß von Ursache und Folge umdrehen gelernt,—nichts unterscheidet uns vielleicht gründlicher von den alten Moralgläubigen. Wir sagen z.B. nicht mehr “das Laster ist die Ursache davon, daß ein Mensch auch physiologisch zu Grunde geht”; wir sagen ebenso wenig “durch die Tugend gedeiht ein Mensch, sie bringt langes Leben und Glück.” Unsere Meinung ist vielmehr, daß Laster und Tugend keine Ursachen, sondern nur Folgen sind. Man wird ein anständiger Mensch, weil man ein anständiger Mensch ist: das heißt weil man als Capitalist guter Instinkte und gedeihlicher Verhältnisse geboren ist ... Kommt man arm zur Welt, von Eltern her, welche in Allem nur verschwendet und nichts gesammelt haben, so ist man “unverbesserlich,” will sagen reif für Zuchthaus und Irrenhaus ... Wir wissen heute die moralische Degenerescenz nicht mehr abgetrennt von der physiologischen zu denken: sie ist ein bloßer Symptom-Complex der letzteren; [man] ist nothwendig schlecht, wie man nothwendig krank ist ... Schlecht: das Wort drückt hier gewisse Unvermögen aus, die physiologisch mit dem Typus der Degenerescenz verbunden sind: z.B. die Schwäche des Willens, die Unsicherheit und selbst Mehrheit der “Person,” die Ohnmacht, auf irgend einen Reiz hin die Reaktion auszusetzen und sich zu “beherrschen,” die Unfreiheit vor jeder Art Suggestion eines fremden Willens. Laster ist keine Ursache; Laster ist eine Folge ... Laster ist eine ziemlich willkürliche Begriffs-Abgrenzung, um gewisse Folgen der physiologischen Entartung zusammenzufassen. Ein allgemeiner Satz, wie ihn das Christenthum lehrte, “der Mensch ist schlecht,” würde berechtigt sein, wenn es berechtigt wäre, den Typus des Degenerirten als Normal-Typus des Menschen zu nehmen. Aber das ist vielleicht eine Übertreibung. Gewiß hat der Satz überall dort ein Recht, wo gerade das Christenthum gedeiht und obenauf ist: denn damit ist ein morbider Boden bewiesen, ein Gebiet für Degenerescenz.

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Wachsthum oder Erschöpfung

Kritik der christlichen Werthe.

Kritik der antiken Philosophie.

Zur Geschichte des europäischen Nihilismus.

das Christenthum nihilistisch

die Vorarbeit dazu: die antike Philosophie

14 [115]

Wissenschaft und Philosophie

Wie weit die Verderbniß der Psychologen durch die Moral-Idiosynkrasie geht:

Niemand der alten Philosophen hat den Muth zur Theorie des “unfreien Willens” gehabt (das heißt zu einer die Moral negirenden Theorie)

Niemand hat den Muth gehabt, das Typische der Lust, jeder Art Lust (“Glück”) zu definiren als Gefühl der Macht: denn die Lust an der Macht galt als unmoralisch

Niemand hat den Muth gehabt, die Tugend als eine Folge der Unmoralität (eines Machtwillens) im Dienste der Gattung (oder der Rasse oder der Polis) zu begreifen (denn der Machtwille galt als Unmoralität, denn damit wäre erkannt worden, was die Wahrheit — — — daß Tugend nur [eine] Form der Unmoralität ist)

Es kommt in der ganzen Entwicklung der Moral keine Wahrheit vor: alle Begriffs-Elemente, mit denen gearbeitet wird, sind Fiktionen, alle Psychologica, an die man sich hält, sind Fälschungen; alle Formen der Logik, welche man in dies Reich der Lüge einschleppt, sind Sophismen. Was die Moral-Philosophen selbst auszeichnet: das ist die vollkommene Absenz jeder Sauberkeit, jeder Selbst-Zucht des Intellekts: sie halten “schöne Gefühle” für Argumente: ihr “geschwellter Busen” dünkt ihnen der Blasebalg der Gottheit ... Die Moral-Philosophie ist die scabreuse Partie in der Geschichte des Geistes.

Das erste große Beispiel: unter dem Namen der Moral, als Patronat der Moral ein unerhörter Unfug ausgeübt, thatsächlich eine décadence in jeder Hinsicht.

14 [116]

[Vgl. Victor Brochard, Les Sceptiques Grecs. Par Victor Brochard, maître de conférences suppléant à l'Ecole Normale Supérieure. Ouvrage couronné par l'Académie des sciences et politiques. Paris: Imprimerie Nationale, 1887:11, 36.]

Philosophie als décadence

Man kann nicht streng genug darauf insistiren, daß die großen griechischen Philosophen die décadence jedweder griechischen Tüchtigkeit repräsentiren und contagiös machen ... Diese gänzlich abstrakt gemachte “Tugend” war die größte Verführung, sich selbst abstrakt zu machen: d.h. sich herauszulösen ...

Der Augenblick ist sehr merkwürdig: die Sophisten streifen an die erste Kritik der Moral, die erste Einsicht in die Moral ...

— sie stellen die Mehrheit (die lokale Bedingtheit) der moralischen Werthurtheile neben einander

— sie geben zu verstehen, daß jede Moral sich dialektisch rechtfertigen [lasse],—daß es keinen Unterschied mache: das heißt, sie errathen, wie alle Begründung einer Moral nothwendig sophistisch sein muß —

— ein Satz, der hinterdrein im allergrößten Stil durch die antiken Philosophen von Plato an (bis Kant) bewiesen worden ist

— sie stellen die erste Wahrheit hin, daß “eine Moral an sich,” ein “Gutes an sich” nicht existirt, daß es Schwindel ist, von “Wahrheit” auf diesem Gebiete zu reden

Wo war nur die intellektuelle Rechtschaffenheit damals?

die griechische Cultur der Sophisten war aus allen griechischen Instinkten herausgewachsen: sie gehört zur Cultur der Perikleischen Zeit, so nothwendig wie Plato nicht zu ihr gehört: sie hat ihre Vorgänger in Heraklit, in Demokrit, in den wissenschaftlichen Typen der alten Philosophie; sie hat in der hohen Cultur des Thukydides z.B. ihren Ausdruck

— und, sie hat schließlich Recht bekommen: jeder Fortschritt der erkenntnißtheoretischen und moralistischen Erkenntniß hat die Sophisten restituirt ...

unsere heutige Denkweise ist in einem hohen Grade heraklitisch, demokritisch und protagoreisch ... es genügte zu sagen, daß sie protagoreisch [sei], weil Protagoras die beiden Stücke Heraklit und Demokrit in sich zusammennahm

Plato: ein großer Cagliostro,—man denke, wie ihn Epicur beurtheilte; wie ihn Timon, der Freund Pyrrhos, beurtheilte — — [Vgl. Victor Brochard, Les Sceptiques Grecs, par Victor Brochard, maître de conférences suppléant à l'Ecole Normale Supérieure. Ouvrage couronné par l'Académie des sciences et politiques. Paris: Imprimerie Nationale, 1887:82-83.]

Steht vielleicht die Rechtschaffenheit Platos außer Zweifel? ... Aber wir wissen zum Mindesten, daß er als absolute Wahrheit gelehrt wissen wollte, was nicht einmal bedingt ihm als Wahrheit galt: nämlich die Sonderexistenz und Sonder-Unsterblichkeit der “Seelen”

14 [117]

die Gegenbewegung: die Kunst

Das Rauschgefühl, thatsächlich einem Mehr von Kraft entsprechend:

am stärksten in der Paarungszeit der Geschlechter:

neue Organe, neue Fertigkeiten, Farben, Formen ...

die “Verschönerung” ist eine Folge der erhöhten Kraft

Verschönerung als nothwendige Folge der Kraft-Erhöhung

Verschönerung als Ausdruck eines siegreichen Willens, einer gesteigerten Coordination, einer Harmonisirung aller starken Begehrungen, eines unfehlbar perpendikulären Schwergewichts

die logische und geometrische Vereinfachung ist eine Folge der Krafterhöhung: umgekehrt erhöht wieder das Wahrnehmen solcher Vereinfachung das Kraftgefühl ...

Spitze der Entwicklung: der große Stil

Die Häßlichkeit bedeutet décadence eines Typus, Widerspruch und mangelnde Coordination der inneren Begehrungen

bedeutet einen Niedergang an organisirender Kraft, an “Willen” physiologisch geredet ...



der Lustzustand, den man Rausch nennt, ist exakt ein hohes Machtgefühl ...

die Raum- und Zeit-Empfindungen sind verändert: ungeheure Fernen werden überschaut und gleichsam erst wahrnehmbar

die Ausdehnung des Blicks über größere Mengen und Weiten

die Verfeinerung des Organs für die Wahrnehmung vieles Kleinsten und Flüchtigsten

die Divination, die Kraft des Verstehens auf die leiseste Hülfe hin, auf jede Suggestion hin, die “intelligente” Sinnlichkeit ...

die Stärke als Herrschaftsgefühl in den Muskeln, als Geschmeidigkeit und Lust an der Bewegung, als Tanz, als Leichtigkeit und Presto

die Stärke als Lust am Beweis der Stärke, als Bravourstück, Abenteuer, Furchtlosigkeit, gleichgültiges Wesen ...

Alle diese Höhen-Momente des Lebens regen sich gegenseitig an; die Bilder- und Vorstellungswelt der Einen genügt, als Suggestion, für die anderen ... Dergestalt sind schließlich Zustände in einander verwachsen, die vielleicht Grund hätten, sich fremd zu bleiben. Zum Beispiel

das religiöse Rauschgefühl und die Geschlechtserregung (zwei tiefe Gefühle, nachgerade fast verwunderlich coordinirt. Was gefällt allen frommen Frauen, alten und jungen? Antwort: ein Heiliger mit schönen Beinen, noch jung, noch Idiot ...)

die Grausamkeit in der Tragödie und das Mitleid (—ebenfalls normal coordinirt ...

Frühling, Tanz, Musik, alles Wettbewerb der Geschlechter—und auch noch jene Faustische “Unendlichkeit im Busen” ...

die Künstler, wenn sie etwas taugen, sind stark (auch leiblich) angelegt, überschüssig, Kraftthiere, sensuell; ohne eine gewisse Überheizung des geschlechtlichen Systems ist kein Raffael zu denken ... Musik machen ist auch noch eine Art Kindermachen; Keuschheit ist bloß die Ökonomie eines Künstlers:—und jedenfalls hört auch bei Künstlern die Fruchtbarkeit mit der Zeugungskraft auf ...

die Künstler sollen nichts so sehen, wie es ist, sondern voller, sondern einfacher, sondern stärker: dazu muß ihnen eine Art ewiger Jugend und Frühling, eine Art habitueller Rausch im Leibe sein.

Beyle und Flaubert, zwei unbedenkliche in solchen Fragen, haben in der That den Künstlern im Interesse ihres Handwerks Keuschheit anempfohlen: ich hätte auch Renan zu nennen der den gleichen Rath giebt, Renan ist Priester ...

14 [118]

die Epidemien‚die Hallucinationen,
‚die Tänze und Gebärden-Zeichen
‚das Lied (Überrest von Tanz
— — —
normale Funktionen:
sich übend
: der Traum (ein rauschartiger Zustand leitet ihn ein)
: die optischen Gesichtsbilder
: Gehörsbilder
: Tastbilder

14 [119]

Gegenbewegung

die Kunst

alle Kunst wirkt als Suggestion auf die Muskeln und Sinne, welche ursprünglich beim naiven künstlerischen Menschen thätig sind: sie redet immer nur zu Künstlern,—sie redet zu dieser Art von feiner Erreglichkeit des Leibes. Der Begriff “Laie” ist ein Fehlgriff. Der Taube ist keine Species des Guthörigen.

Alle Kunst wirkt tonisch, mehrt die Kraft, entzündet die Lust (d.h. das Gefühl der Kraft), regt alle die feineren Erinnerungen des Rausches an,—es giebt ein eigenes Gedächtniß, das in solche Zustände hinunterkommt: eine ferne und flüchtige Welt von Sensationen kehrt da zurück ...

Das Häßliche d.h. der Widerspruch zur Kunst, das, was ausgeschlossen wird von der Kunst, ihr Nein—jedes Mal, wenn der Niedergang, die Verarmung an Leben, die Ohnmacht, die Auflösung, die Verwesung von Fern nur angeregt wird, reagirt der aesthetische Mensch mit seinem Nein

Das Häßliche wirkt depressiv, es ist der Ausdruck einer Depression. Es nimmt Kraft, es verarmt, es drückt ...

Das Häßliche suggerirt Häßliches; man kann an seinen Gesundheitszuständen erproben, wie unterschiedlich das Schlechtbefinden auch die Fähigkeit der Phantasie des Häßlichen steigert. Die Auswahl wird anders, von Sachen, Interessen, Fragen: es giebt einen dem Häßlichen nächstverwandten Zustand auch im Logischen—Schwere, Dumpfheit ... Mechanisch fehlt dabei das Schwergewicht: das Häßliche hinkt, das Häßliche stolpert:—Gegensatz einer göttlichen Leichtfertigkeit des Tanzenden ...

Der aesthetische Zustand hat einen Überreichthum von Mittheilungsmitteln, zugleich mit einer extremen Empfänglichkeit für Reize und Zeichen. Er ist der Höhepunkt der Mittheilsamkeit und Übertragbarkeit zwischen lebenden Wesen,—er ist die Quelle der Sprachen.

die Sprachen haben hier ihren Entstehungsherd: die Tonsprachen, sogut als die Gebärden- und Blicksprachen. Das vollere Phänomen ist immer der Anfang: unsere Culturmensch-Vermögen sind subtrahirte aus volleren Vermögen. Aber auch heute hört man noch mit den Muskeln, man liest selbst noch mit den Muskeln.

Jede reife Kunst hat eine Fülle Convention zur Grundlage: insofern sie Sprache ist. Die Convention ist die Bedingung der großen Kunst, nicht deren Verhinderung ...

Jede Erhöhung des Lebens steigert die Mittheilungs-Kraft, insgleichen die Verständniß-Kraft des Menschen. Das Sichhineinleben in andere Seelen ist urspr[ünglich] nichts Moralisches, sondern eine physiologische Reizbarkeit der Suggestion: die “Sympathie” oder was man “Altruismus” nennt, sind bloße Ausgestaltungen jenes zur Geistigkeit gerechneten psychomotorischen Rapports (induction psycho-motrice meint Ch[arles]. Féré) [Vgl. Charles Féré, Dégénéréscence et criminalité. Essai physiologique. Paris: Alcan, 1888. HAAB Exemplar.] Man theilt sich nie Gedanken mit, man theilt sich Bewegungen mit, mimische Zeichen, welche von uns auf Gedanken hin zurück gelesen werden ...

* * *

Ich setze hier eine Reihe psychologischer Zustände als Zeichen vollen und blühenden Lebens hin, welche man heute gewohnt ist, als krankhaft zu beurtheilen. Nun haben wir verlernt, inzwischen, zwischen gesund und krank von einem Gegensatze zu reden: es handelt sich um Grade, — meine Behauptung in diesem Falle ist, daß was heute “gesund” genannt wird, ein niedrigeres Niveau von dem darstellt, was unter günstigen Verhältnissen gesund wäre ... daß wir relativ krank sind ... Der Künstler gehört zu einer noch stärkeren Rasse. Was uns schon schädlich, was bei uns krankhaft wäre, ist bei ihm Natur - - -



die Überfülle an Säften und Kräften kann so gut Symptome der Partiellen Unfreiheit von Sinnes-Hallucinationen, von Suggestions-Raffinements mit sich bringen, wie eine Verarmung an Leben ... der Reiz ist anders bedingt, die Wirkung bleibt sich gleich ...

Vor allem ist die Nachwirkung nicht dieselbe; die extreme Erschlaffung aller morbiden Natur[en] nach ihren Nerven-Excentricitäten hat nichts mit den Zuständen des Künstlers gemein: der seine guten Zeiten nicht abzubüßen hat ...

Er ist reich genug dazu: er kann verschwenden, ohne arm zu werden ...



Wie man heute “Genie” als eine Form der Neurose beurtheilen dürfte, so vielleicht auch die künstlerische Suggestions-Kraft, — und unsere Artisten sind in der That den hysterischen Weiblein nur zu verwandt!!! Das aber spricht gegen “heute ” und nicht gegen die “Künstler”...



Aber man wendet uns ein, daß gerade die Verarmung der Maschine die extravagante Verständnißkraft über jedwede Suggestion ermögliche: Zeugniß unsere hysterischen Weiblein “unsere Jenseitsforscher”

* * *

Inspiration: Beschreibung.

* * *

Die unkünstlerischen Zustände: die der Objektivität, der Spiegelung, des ausgehängten Willens ...

das skandalöse Mißverständniß Schopenhauers, der die Kunst als Brücke zur Verneinung des Lebens nimmt ...

* * *

Die unkünstlerischen Zustände: die Verarmenden, Abziehenden, Ablassenden unter deren Blick das Leben leidet .. der Christ...

* * *

Problem der tragischen Kunst.

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Die Romantiker: eine zweideutige Frage, wie alles Moderne.

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der Schauspieler

14 [120]

Liebe

Will man den erstaunlichsten Beweis dafür, wie weit die Transfigurationskraft des Rausches geht? Die “Liebe” ist dieser Beweis, das, was Liebe heißt, in allen Sprachen und Stummheiten der Welt. Der Rausch wird hier mit der Realität in einer Weise fertig, daß im Bewußtsein des Liebenden die Ursache ausgelöscht und etwas Andres sich an ihrer Stelle zu finden scheint—ein Zittern und Aufglänzen aller Zauberspiegel der Circe ... Hier macht Mensch und Thier keinen Unterschied; noch weniger, Geist, Güte, Rechtschaffenheit ... Man wird fein genarrt, wenn man fein ist, man wird grob genarrt, wenn man grob ist: aber die Liebe, und selbst die Liebe zu Gott, die Heiligen-Liebe “erlöster Seelen,” bleibt in der Wurzel Eins: als ein Fieber, das Gründe [hat], sich zu transfiguriren, ein Rausch, der gut thut, über sich zu lügen ... Und jedenfalls lügt man gut, wenn man liebt, vor sich und über sich: man scheint sich transfigurirt, stärker, reicher, vollkommener, man ist vollkommener ... Wir finden hier die Kunst als organische Funktion: wir finden sie eingelegt in den engelhaftesten Instinkt des Lebens: wir finden sie als größtes Stimulans des Lebens,—Kunst somit, sublim zweckmäßig auch noch darin, daß sie lügt ... Aber wir würden irren, bei ihrer Kraft zu lügen stehen zu bleiben: sie thut mehr als bloß imaginiren, sie verschiebt selbst die Werthe. Und nicht nur daß sie das Gefühl der Werthe verschiebt ... Der Liebende ist mehr werth, ist stärker. Bei den Thieren treibt dieser Zustand neue Stoffe, Pigmente, Farben und Formen heraus: vor allem neue Bewegungen, neue Rythmen, neue Locktöne und Verführungen. Beim Menschen ist es nicht anders. Sein Gesammthaushalt ist reicher als je, mächtiger ganzer als im Nichtliebenden. Der Liebende wird Verschwender: er ist reich genug dazu. Er wagt jetzt, wird Abenteurer, wird ein Esel an Großmuth und Unschuld; er glaubt wieder an Gott, er glaubt an die Tugend weil er an die Liebe glaubt: und andrerseits wachsen diesem Idioten des Glücks Flügel und neue Fähigkeiten und selbst zur Kunst thut sich ihm die Thüre auf. Rechnen wir aus der Lyrik in Ton und Wort die Suggestion jenes intestinalen Fiebers ab: was bleibt von der Lyrik und Musik übrig? ... L’art pour l’art vielleicht: das virtuose Gequak kaltgestellter Frösche, die in ihrem Sumpfe desperiren ... Den ganzen Rest schuf die Liebe ...

14 [121]

Wille zur Macht psychologisch

Einheitsconception der Psychologie.

Wir sind gewöhnt daran, die Ausgestaltung einer ungeheuren Fülle von Formen verträglich zu halten mit einer Herkunft aus der Einheit.

Daß der Wille zur Macht die primitive Affekt-Form ist, daß alle anderen Affekte nur seine Ausgestaltungen sind:

Daß es eine bedeutende Aufklärung giebt, an Stelle des individuellen “Glücks” nach dem jedes Lebende streben soll, zu setzen Macht: “es strebt nach Macht, nach Mehr in der Macht”—Lust ist nur ein Symptom vom Gefühl der erreichten Macht, eine Differenz-Bewußtheit —

— es strebt nicht nach Lust, sondern Lust tritt ein, wenn es erreicht, wonach es strebt: Lust begleitet, Lust bewegt nicht ...

Daß alle treibende Kraft Wille zur Macht ist, das es keine physische, dynamische oder psychische Kraft außerdem giebt ...

— in unserer Wissenschaft, wo der Begriff Ursache und Wirkung reduzirt ist auf das Gleichungs-Verhältniß, mit dem Ehrgeiz, zu beweisen, daß auf jeder Seite dasselbe Quantum von Kraft ist, fehlt die treibende Kraft: wir betrachten nur Resultate, wir setzen sie als gleich in Hinsicht auf Inhalt an Kraft, wir erlassen uns die Frage der Verursachung einer Veränderung ...

es ist eine bloße Erfahrungssache, daß die Veränderung nicht aufhört: an sich haben wir nicht den geringsten Grund zu verstehen, daß auf eine Ver[änderung] eine andere folgen müsse. Im Gegentheil: ein erreichter Zustand schiene sich selbst erhalten zu müssen, wenn es nicht ein Vermögen in ihm gebe, eben nicht sich erhalten [zu] wollen ...

Der Satz des Spinoza von der Selbsterhaltung müßte eigentlich der Veränderung einen Halt setzen: aber der Satz ist falsch, das Gegentheil ist wahr. Gerade an allem Lebendigen ist am deutlichsten zu zeigen, daß es alles thut, um nicht sich zu erhalten, sondern um mehr zu werden ...

ist “Wille zur Macht” eine Art “Wille” oder identisch mit dem Begriff “Wille”? heißt es so viel als begehren? oder commandiren?

ist es der “Wille,” von dem Schopenhauer meint, er sei das “An sich der Dinge”?

: mein Satz ist: daß Wille der bisherigen Psychologie, eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung ist, daß es diesen Willen gar nicht giebt, daß statt die Ausgestaltung Eines bestimmten Willens in viele Formen zu fassen, man den Charakter des Willens weggestrichen hat, indem man den Inhalt, das Wohin? heraus subtrahirt hat

: das ist im höchsten Grade bei Schopenhauer der Fall: das ist ein bloßes leeres Wort, was er “Wille” nennt. Es handelt sich noch weniger um einen “Willen zum Leben”: denn das Leben ist bloß ein Einzelfall des Willens zur Macht,—es ist ganz willkürlich zu behaupten, daß Alles danach strebe, in diese Form des Willens zur Macht überzutreten

14 [122]

Zur Erkenntnisstheorie: bloß empirisch:

Es giebt weder “Geist,” noch Vernunft, noch Denken, noch Bewußtsein, noch Seele, noch Wille, noch Wahrheit: alles Fiktionen, die unbrauchbar sind. Es handelt sich nicht um “Subjekt und Objekt” sondern um eine bestimmte Thierart, welche nur unter einer gewissen relativen Richtigkeit, vor allem Regelmäßigkeit ihrer Wahrnehmungen (so daß sie Erfahrung capitalisiren kann) gedeiht ...

Die Erkenntniß arbeitet als Werkzeug der Macht. So liegt es auf der Hand, daß sie wächst mit jedem Mehr von Macht ...

Sinn der “Erkenntniß”: hier ist, wie bei “gut” oder “schön,” der Begriff streng und eng anthropocentrisch und biologisch zu nehmen. Damit eine bestimmte Art sich erhält—und wächst in ihrer Macht—, muß sie in ihrer Conception der Realität so viel Berechenbares und Gleichbleibendes erfassen, daß darauf hin ein Schema ihres Verhaltens construirt werden kann. Die Nützlichkeit der Erhaltung, nicht irgend ein abstrakttheoretisches Bedürfniß, nicht betrogen zu werden, steht als Motiv hinter der Entwicklung der Erkenntnißorgane ... sie entwickeln sich so, daß ihre Beobachtung genügt, uns zu erhalten. Anders: das Maß des Erkennenwollens hängt ab von dem Maß des Wachsens des Willens zur Macht der Art: eine Art ergreift so viel Realität, um über sie Herr zu werden, um sie in Dienst zu nehmen.



der mechanistische Begriff der Bewegung ist bereits eine Übersetzung des Original-Vorgangs in die Zeichensprache von Auge und Getast.

der Begriff “Atom” die Unterscheidung zwischen einem “Sitz der treibenden Kraft und ihr selber” ist eine Zeichensprache aus unserer logisch-psychischen Welt her.

Es steht nicht in unserem Belieben, unser Ausdrucksmittel zu verändern: es ist möglich, zu begreifen, in wiefern es bloße Semiotik ist. [Vgl. Otto Liebmann, Gedanken und Thatsachen: philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. H. 1: Die Arten der Nothwendigkeit.— Die mechanische Naturerklärung.— Idee und Entelechie. Straßburg: Trübner, 1882:85-86.]

Die Forderung einer adäquaten Ausdrucksweise ist unsinnig: es liegt im Wesen einer Sprache, eines Ausdrucksmittels, eine bloße Relation auszudrücken ... Der Begriff “Wahrheit” ist widersinnig ... das ganze Reich von “wahr” “falsch” bezieht sich nur auf Relationen zwischen Wesen, nicht auf das “An sich” .. Unsinn: es giebt kein “Wesen an sich,” die Relationen constituiren erst Wesen, so wenig es eine “Erkenntniß an sich” geben kann ...

14 [123]

Gegenbewegung

Anti-Darwin.

Was mich beim Überblick über die großen Schicksale des Menschen am meisten überrascht ist, immer das Gegentheil vor Augen zu sehen von dem, was heute Darwin mit seiner Schule sieht oder sehen will: die Selektion zu Gunsten der Stärkeren, Besser-Weggekommenen, den Fortschritt der Gattung. Gerade das Gegentheil greift sich mit Händen: das Durchstreichen der Glücksfälle, die Unnützlichkeit der höher gerathenen Typen, das unvermeidliche Herr-werden der mittleren, selbst der untermittleren Typen. Gesetzt, daß man uns nicht den Grund aufzeigt, warum der Mensch die Ausnahme unter den Creaturen ist, neige ich zum Vorurtheil, daß die Schule Darwins sich überall getäuscht hat. Jener Wille zur Macht, in dem ich den letzten Grund und Charakter aller Veränderung wieder erkenne, giebt uns das Mittel in die Hand, warum gerade die Selektion zu Gunsten der Ausnahmen und Glücksfälle nicht statt hat: die Stärksten und Glücklichsten sind schwach, wenn sie organisirte Heerdeninstinkte, wenn sie die Furchtsamkeit der Schwachen, der Überzahl gegen sich haben. Mein Gesammtaspekt der Welt der Werthe zeigt, daß in den obersten Werthen, die über der Menschheit heute aufgehängt sind, nicht die Glücksfälle, die Selektions-Typen, die Oberhand [haben]: vielmehr die Typen der décadence—vielleicht giebt es nichts Interessanteres in der Welt als dies unerwünschte Schauspiel ....

So seltsam es klingt: man hat die Starken immer zu bewaffnen gegen die Schwachen; die Glücklichen gegen die Mißglückten; die Gesunden gegen die Verkommenden und Erblich-Belasteten. Will man die Realität zur Moral formuliren: so lautet diese Moral: die Mittleren sind mehr werth als die Ausnahmen, die Decadenz-Gebilde mehr als die Mittleren, der Wille zum Nichts hat die Oberhand über den Willen zum Leben—und das Gesammtziel ist

nun, christlich, buddhistisch, schopenhauerisch ausgedrückt:

besser nicht sein als sein

Gegen die Formulirung der Realität zur Moral empöre ich mich: deshalb perhorrescire ich das Christenthum mit einem tödtlichen Haß, weil es die sublimen Worte und Gebärden schuf, um einer schauderhaften Wirklichkeit den Mantel des Rechts der Tugend, der Göttlichkeit zu geben ...

Ich sehe alle Philosophen, ich sehe die Wissenschaft auf den Knien vor der Realität vom umgekehrten Kampf ums Dasein, als ihn die Schule Darwins lehrt—nämlich überall die obenauf, die übrigbleibend, die das Leben, den Werth des Lebens compromittiren.— Der Irrthum der Schule Darwins wurde mir zum Problem: wie kann man blind sein, um gerade hier falsch zu sehen? ... Daß die Gattungen einen Fortschritt darstellen, ist die unvernünftigste Behauptung von der Welt: einstweilen stellen sie ein Niveau dar, —

daß die höheren Organismen aus den niederen sich entwickelt haben, ist durch keinen Fall bisher bezeugt —

ich sehe, daß die niederen durch die Menge, durch die Klugheit, durch die List im Übergewicht sind—ich sehe nicht, wie eine zufällige Veränderung einen Vortheil abgiebt, zum Mindesten nicht für eine so lange Zeit, diese w[äre] wieder ein neues Motiv, zu erklären, w[arum] eine zufällige Veränderung derartig stark geworden ist —

— ich finde die “Grausamkeit der Natur,” von der man so viel redet, an einer anderen Stelle: sie ist grausam gegen ihre Glückskinder, sie schont und schützt und liebt les humbles—ganz wie — — —

* * *

In summa: das Wachsthum der Macht einer Gattung ist durch die Präponderanz ihrer Glückskinder, ihrer Starken vielleicht weniger garantirt als durch die Präponderanz der mittleren und niederen Typen ... In letzteren ist die große Fruchtbarkeit, die Dauer; mit ersteren wächst die Gefahr, die rasche Verwüstung, die schnelle Zahl-Verminderung.

* * *

14 [124]

Gegenbewegung

Vom Ursprung der Religion

In derselben Weise, in der jetzt noch der ungebildete Mensch daran glaubt, der Zorn sei die Ursache davon, wenn er zürnt, der Geist davon, daß er denkt, die Seele davon, daß er fühlt, kurz so wie auch jetzt noch unbedenklich eine Masse von psychologischen Entitäten angesetzt wird welche Ursachen sein sollen: so hat der Mensch auf einer noch naiveren Stufe eben dieselben Erscheinungen mit Hülfe von psychologischen Personal-Entitäten erklärt. Die Zustände, die ihm fremd, hinreißend, überwältigend schienen, legte er sich als Obsession und Verzauberung unter der Macht einer Person zurecht. So führt der Christ, die heute am meisten naive und zurückgebildete Art Mensch, die Hoffnung, die Ruhe, das Gefühl der “Erlösung” auf ein psychologisches Inspiriren Gottes zurück: bei ihm, als einem wesentlich leidenden und beunruhigten Typus erscheinen billigerweise die Glücks- Erhebungs- und Ruhegefühle als das Fremde, als das der Erklärung Bedürftige. Unter klugen, starken und lebensvollen Rassen erregte am meisten der Epileptische die Überzeugung, daß hier eine fremde Macht im Spiel ist; aber auch jede verwandte Unfreiheit, z.B. die des Begeisterten, des Dichters, des großen Verbrechers, der Passionen wie Liebe und Rache dient zur Erfindung von außermenschlichen Mächten. Man concrescirt einen Zustand in eine Person: und behauptet, dieser Zustand, wenn er an uns auftritt, sei die Wirkung jener Person. Mit anderen Worten: in der psychologischen Gottbildung wird ein Zustand, um Wirkung zu sein, als Ursache personifizirt.

Die psychologische Logik ist die: das Gefühl der Macht, wenn es plötzlich und überwältigend den Menschen überzieht,—und das ist in allen großen Affekten der Fall—erregt ihm einen Zweifel an seiner Person: er wagt sich nicht als Ursache dieses erstaunlichen Gefühls zu denken—und so setzt er eine stärkere Person, eine Gottheit für diesen Fall an.

In summa: der Ursprung der Religion liegt in den extremen Gefühlen der Macht, welche als fremd den Menschen überraschen: und dem Kranken gleich, der ein Glied zu schwer und seltsam fühlt und zum Schluß kommt, daß ein anderer Mensch über ihm liege, legt sich der naive homo religiosus in mehrere Personen auseinander. Die Religion ist ein Fall der “altération de la personnalité.” Eine Art Furcht- und Schreckgefühl vor sich selbst ...

Aber ebenso ein außerordentliches Glücks- und Höhengefühl ...

unter Kranken genügt das Gesundheits-Gefühl, um an Gott, an die Nähe Gottes zu glauben

14 [125]

Rudimentäre Psychologie des religiösen Menschen

alle Veränderungen sind Wirkungen,

alle Wirkungen sind Willens-Wirkungen. Der Begriff “Natur,” “Naturgesetz” fehlt.

zu allen Wirkungen gehört ein Thäter

rudimentäre Psychologie: man ist selber nur in dem Falle Ursache, wo man weiß, daß man gewollt hat.

Folge: die Zustände der Macht imputiren dem Menschen das Gefühl, nicht die Ursache zu sein, unverantwortlich dafür zu sein

: sie kommen, ohne gewollt zu sein: folglich sind wir nicht die Urheber

: der unfreie Wille (d.h. das Bewußtsein einer Veränderung mit uns, ohne daß wir sie gewollt haben) bedarf eines fremden Willens

Consequenz: der Mensch hat alle seine starken und erstaunlichen Momente nicht gewagt, sich zuzurechnen,—er hat sie als “passiv,” als “erlitten” als Überwältigungen concipirt

: die Religion ist eine Ausgeburt eines Zweifels an der Einheit der Person, eine altération der Persönlichkeit

: insofern alles Große und Starke vom Menschen als übermenschlich als fremd concipirt wurde, verkleinerte sich der Mensch,—er legte die zwei Seiten, eine sehr erbärmliche und schwache und eine sehr starke und erstaunliche in zwei Sphären auseinander, hieß die erste “Mensch,” die zweite “Gott.”

Er hat das immer fortgesetzt, er hat, in der Periode der moral[ischen] Idiosynkrasie, seine hohen und sublimen Moral-Zustände nicht als “gewollt,” als “Werk” der Person ausgelegt. Auch der Christ legt seine Person in eine mesquine und schwache Fiktion, die er Mensch nennt und eine andere, die er Gott (Erlöser, Heiland) nennt auseinander —

Die Religion hat den Begriff “Mensch” erniedrigt; ihre extreme Consequenz ist, daß alles Gute, Große, Wahre übermenschlich ist und nur durch eine Gnade geschenkt ...

14 [126]

Gegenbewegung: Religion

Moral als Versuch, den menschlichen Stolz herzustellen

Die Theorie vom “freien Willen” ist antireligiös. Sie will dem Menschen ein Anrecht schaffen, sich für seine hohen Zustände und Handlungen als Ursache denken zu dürfen; sie ist eine Form des wachsenden Stolzgefühls

Der Mensch fühlt seine Macht, sein “Glück,” wie man sagt: es muß “Wille” sein vor diesem Zustand,—sonst gehört er ihm nicht an

die Tugend ist der Versuch, ein Faktum von Wollen und Gewollt-haben, als nothwendiges Antecedens vor jedes hohe und starke Glücksgefühl zu setzen

wenn regelmäßig der Wille zu gewissen Handlungen im Bewußtsein vorhanden ist, so darf ein Machtgefühl als dessen Wirkung ausgelegt werden

Das ist eine bloße Optik der Psychologie: immer unter der falschen Voraussetzung, daß uns nichts zugehört, was wir nicht als gewollt im Bewußtsein haben

Die ganze Verantwortlichkeitslehre hängt an dieser naiven Psychologie, daß nur der Wille Ursache ist und daß man wissen muß, gewollt zu haben, um sich als Ursache glauben zu dürfen

der Mensch darf nur vor sich Achtung haben, sofern er tugendhaft ist.

Kommt die Gegenbewegung: die der Moralphilosophen, immer noch unter dem gleichen Vorurtheile, daß man nur für etwas verantwortlich ist das man gewollt hat.

Der Werth des Menschen als moralischer Werth angesetzt: folglich muß seine Moralität eine causa prima sein

folglich muß ein Princip im Menschen sein, ein “freier Wille” als causa prima

Hier ist immer der Hintergedanke: wenn der Mensch nicht causa prima ist als Wille, so ist er unverantwortlich,—folglich gehört er gar nicht vor das moralische Forum,—die Tugend oder das Laster wären automatisch oder machinal ...

In summa: damit der Mensch vor sich Achtung haben kann, muß er fähig sein, auch böse zu werden

14 [127]

Eine Form der Religion, um den Volks-Stolz herzustellen

Ein andrer Weg, den Menschen aus seiner Erniedrigung zu ziehen, welche der Abgang der hohen und starken Zustände, wie als fremder Zustände, mit sich brachte, war die Verwandtschafts-Theorie

: diese hohen und starken Zustände konnten wenigstens als Einwirkungen unserer Vorfahren ausgelegt werden, wir gehörten zu einander, solidarisch, wir wachsen in unseren eigenen Augen, indem wir nach uns bekannter Norm handeln.

Versuch, vornehmer Familien, die Religion mit ihrem Selbstgefühl auszugleichen

Die Transfiguration, die zeitweilige Metamorphose

— Dasselbe thun die Dichter und Seher, sie fühlen sich stolz, gewürdigt und auserwählt zu sein zu solchem Verkehre,—sie legen Werth darauf, als Individuen gar nicht in Betracht zu kommen, bloße Mundstücke zu sein (Homer)

Noch eine Form der Religion. Der Gott wählt aus, der Gott wird Mensch, oder Gott wohnt mit Menschen zusammen und hinterläßt große Wohlthaten, die Ortslegende, als “Drama” ewig dargestellt

Schrittweises Besitz-ergreifen von seinen hohen und stolzen Zuständen, Besitz-ergreifen von seinen Handlungen und Werken

— ehedem glaubte man sich zu ehren, wenn man für die höchsten Dinge, die man that, sich nicht verantwortlich wußte, sondern—Gott —

die Unfreiheit des Willens galt als das, was einer Handlung einen höheren Werth verlieh: damals war ein Gott zu ihrem Urheber gemacht ...

14 [128]

Wille zur Macht—Moral

Die Schauspielerei als Folge der Moral des “freien Willens”

Es ist ein Schritt in der Entwicklung des Machtgefühls selbst, seine hohen Zustände (seine Vollkommenheit) selber auch verursacht zu haben—folglich, schloß man sofort, gewollt zu haben ...

Kritik: alles vollkommene Thun ist gerade unbewußt und nicht mehr gewollt, das Bewußtsein drückt einen unvollkommenen und oft krankhaften Personalzustand aus. Die persönliche Vollkommenheit als bedingt durch Willen, als Bewußtheit, als Vernunft mit Dialektik ist eine Carikatur, eine Art von Selbstwiderspruch ... Der Grad von Bewußtsein macht ja die Vollkommenheit unmöglich ... Form der Schauspielerei.

14 [129]

Philosophie als décadence

Warum Alles auf Schauspielerei hinauskam.

Die rudimentäre Psychologie, welche nur die bewußten Momente des Menschen rechnete, als Ursachen, welche “Bewußtheit” als Attribut der Seele nahm, welche einen Willen (d.h. eine Absicht) hinter allem Thun suchte

: sie hatte nur nöthig zu antworten: erstens, was will der Mensch?

Antwort: das Glück (—man durfte nicht sagen “Macht”: das wäre unmoralisch gewesen)—folglich ist in allem Handeln des Menschen eine Absicht, mit ihm das Glück zu erreichen —

zweitens, wenn thatsächlich der Mensch das Glück nicht erreicht, woran liegt es? An den Fehlgriffen in Bezug auf die Mittel.

Welches ist unfehlbar das Mittel zum Glück? Antwort: die Tugend.

Warum die Tugend? Weil sie die höchste Vernünftigkeit [ist], und weil Vernünftigkeit den Fehler unmöglich macht, sich in den Mitteln zu vergreifen

als Vernunft ist die Tugend der Weg zum Glück ...

die Dialektik ist das beständige Handwerk der Tugend, weil sie alle Trübung des Intellekts, alle Affekte ausschließt

Thatsächlich will der Mensch nicht das “Glück” ...

Lust ist ein Gefühl von Macht: wenn man die Affekte ausschließt, so schließt man die Zustände aus, die am höchsten das Gefühl der Macht, folglich Lust geben.

die höchste Vernünftigkeit ist ein kalter, klarer Zustand, der fern davon ist, jenes Gefühl von Glück zu geben, das der Rausch jeder Art mit sich bringt ...

die antiken Phil[osophen] bekämpften alles, was berauscht,—was die absolute Kälte und Neutralität des Bewußtseins beeinträchtigt ...

sie waren consequent, auf Grund ihrer falschen Voraussetzung: daß Bewußtsein der hohe, der oberste Zustand sei, die Voraussetzung der Vollkommenheit,

während das Gegentheil wahr ist - - -

Soweit gewollt wird, soweit gewußt wird, giebt es keine Vollkommenheit im Thun irgendwelcher Art. Die antiken Philosophen waren die größten Stümper der Praxis, weil sie sich theoretisch verurtheilten, zur Stümperei ... In praxi lief Alles auf Schauspielerei hinaus:—und wer dahinter kam, Pyrrho z.B., urtheilte wie Jedermann, nämlich daß in der Güte und Rechtschaffenheit die “kleinen Leute” den Philosophen weit über sind

Alle tieferen Naturen des Alterthums haben Ekel an den Philosophen der Tugend gehabt:

man sah Streithämmel und Schauspieler in ihnen.

Urtheil über Platoseitens Epikurs
 seitens Pyrrhos

Resultat: in der Praxis des Lebens, in der Geduld, Güte und gegenseitigen Förderung sind ihnen die kleinen Leute über: ungefähr das Urtheil, wie es Dostojewsky oder Tolstoi für seine Moujik’s in Anspruch nimmt: sie sind philosophischer in der Praxis, sie haben eine beherztere Art, mit dem Nothwendigen fertig zu werden ... [Vgl. Lev Nikolayevich Tolstoy, Ma religion. Par le comte Léon Tolstoï. Paris: Fischbacher, 1885.]

14 [130]

Gegenbewegung: Religion

Moral als décadence

Reaktion der kleinen Leute:

das höchste Gefühl der Macht giebt die Liebe

Zu begreifen, in wiefern hier nicht der Mensch überhaupt, sondern eine Art Mensch redet. Diese ist näher auszugraben

“wir sind göttlich in der Liebe, wir werden ‘Kinder Gottes,’ Gott liebt uns und will gar nichts von uns, als Liebe”

das heißt: alle Moral, alles Gehorchen und Thun, bringt nicht jenes Gefühl von Macht und Freiheit hervor, wie es die Liebe hervorbringt

— aus Liebe thut man nichts Schlimmes, man thut viel mehr als man aus Gehorsam und Tugend thäte —

— hier ist das Heerdenglück, das Gemeinschafts-Gefühl im Großen und Kleinen, das lebendige Eins-Gefühl als Summe des Lebensgefühls empfunden

— das Helfen und Sorgen und Nützen erregt fortwährend das Gefühl der Macht, der sichtbare Erfolg, der Ausdruck der Freude unterstreicht das Gefühl der Macht

— der Stolz fehlt nicht, als Gemeinde, als Wohnstätte Gottes, als “Auserwählte.” —

Thatsächlich hat der Mensch nochmals eine Alteration der Persönlichkeit erlebt: dies Mal nannte er sein Liebesgefühl Gott

man muß ein Erwachen eines solchen Gefühls sich denken, eine Art Entzücken, eine fremde Rede, ein “Evangelium” —

diese Neuheit war es, welche ihm nicht erlaubte, sich die Liebe zuzurechnen—: er meinte, daß Gott vor ihm wandele, und in ihm lebendig geworden sei —

“Gott kommt zu den Menschen,” der “Nächste” wird transfigurirt, in einen Gott (insofern an ihm das Gefühl der Liebe sich auslöst) Jesus ist der Nächste, so wie dieser zur Gottheit, zur Machtgefühl erregenden Ursache umgedacht wurde.

14 [131]

Wissenschaft und Philosophie

Wissenschaftlichkeit: als Dressur oder als Instinkt.

Bei den griechischen Philosophen sehe ich einen Niedergang der Instinkte: sonst hätten sie nicht dermaßen fehlgreifen können, den bewußten Zustand als den werthvolleren anzusetzen

die Intensität des Bewußtseins steht im umgekehrten Verhältniß zur Leichtigkeit und Schnelligkeit der cerebralen Übermittlung.

Dort regierte die umgekehrte Meinung über den Instinkt: was immer das Zeichen geschwächter Instinkte ist.

Wir müssen in der That das vollkommene Leben dort suchen, wo es am wenigsten mehr bewußt wird (d.h. seine Logik, seine Gründe, seine Mittel und Absichten, seine Nützlichkeit sich vorführt)

Die Rückkehr zur Thatsache des bon sens, des bon homme, der “kleinen Leute” aller Art

einmagazinirte Rechtschaffenheit und Klugheit seit Geschlechtern, die sich niemals ihrer Principien bewußt wird und selbst einen kleinen Schauder vor Principien hat

das Verlangen nach einer räsonnirenden Tugend ist nicht räsonnabel ... Ein Philosoph ist mit einem solchen Verlangen compromittirt.

14 [132]
[vgl.: Frühjahr 1888 15 [25]]

Wenn durch Übung in einer langen Geschlechterkette genug Feinheit, Tapferkeit, Vorsicht und Mäßigung aufgesammelt ist, so strahlt die Instinkt-Kraft dieser einverleibten Tugend auch noch ins Geistigste aus—und jenes seltene Phänomen wird sichtbar, die intellektuelle Rechtschaffenheit. Dasselbe ist sehr selten: es fehlt bei den Philosophen.

man kann die Wissenschaftlichkeit oder moralisch ausgedrückt die intellektuelle Rechtschaffenheit eines Denkers, seine Instinkt gewordene Feinheit, Tapferkeit, Vorsicht, Mäßigung, die sich ins Geistigste noch übersetzt, auf eine Goldwage legen: man mache ihn Moral reden ...

und die berühmtesten Philosophen zeigen dann, daß ihre Wissenschaftlichkeit nur erst eine bewußte Sache, ein Ansatz, ein “guter Wille,” eine Mühsal ist—und daß eben im Augenblick, wo ihr Instinkt zu reden beginnt, wo sie moralisiren, es zu Ende [ist] mit der Zucht und Feinheit ihres Gewissens

die Wissenschaftlichkeit, ob bloße Dressur und Außenseite oder Endresultat einer langen Zucht und Moral-Übung:

im ersten Falle vikarirt sie sofort, wenn der Instinkt redet (z.B. der religiöse oder der Pflichtbegriffs-Instinkt)

im anderen Falle steht sie an Stelle dieser Instinkte und läßt sie nicht mehr zu, empfindet sie als Unsauberkeit und Verführungen ...

14 [133]

Anti-Darwin

Die Domestikation des Menschen: welchen definitiven Werth kann sie haben? oder hat überhaupt eine Domestikation einen definitiven Werth?— Man hat Gründe, dies letztere zu leugnen.

Die Schule Darwins macht zwar große Anstrengung, uns zum Gegentheil zu überreden: sie will, daß die Wirkung der Domestikation tief, ja fundamental werden kann. Einstweilen halten wir am Alten fest: es hat sich Nichts bisher bewiesen, als eine ganz oberflächliche Wirkung durch Domestikation—oder aber die Degenerescenz. Und Alles, was der menschlichen Hand und Züchtung entschlüpft, kehrt fast sofort wieder in seinen Natur-Zustand zurück. Der Typus bleibt constant: man kann nicht “dénaturer la nature.”

Man rechnet auf den Kampf um die Existenz den Tod der schwächlichen Wesen und das Überleben der Robustesten und Bestbegabten; folglich imaginirt man ein beständiges Wachsthum der Vollkommenheit für die Wesen. Wir haben uns umgekehrt versichert, daß, in dem Kampfe um das Leben, der Zufall den Schwachen so gut dient, wie den Starken, daß die List die Kraft oft mit Vortheil sich supplirt, daß die Fruchtbarkeit der Gattungen in einem merkwürdigen Rapport zu den Chancen der Zerstörung steht ...

Man theilt der natürlichen Selection zugleich langsame und unendliche Metamorphosen zu: man will glauben, daß jeder Vortheil sich vererbt und sich in abfolgenden Geschlechtern immer stärker ausdrückt (während die Erblichkeit so capriciös ist ...); man betrachtet die glücklichen Anpassungen gewisser Wesen an sehr besondere Lebensbedingungen und man erklärt, daß sie durch den Einfluß der milieux erlangt sind. Man findet aber Beispiele der unbewußten Selection nirgendswo (ganz und gar nicht) Die disparatesten Individuen einigen sich, die extremen mischen sich in die Masse. Alles concurrirt, den Typus aufrecht zu erhalten; Wesen, die äußere Zeichen haben, die sie gegen gewisse Gefahren schützen, verlieren dieselben nicht, wenn sie unter Umstände kommen, wo sie ohne Gefahr leben ... Wenn sie Orte bewohnen, wo das Kleid aufhört, sie zu verbergen, nähern sie sich keineswegs dem Milieu an.

Man hat die Auslese der Schönsten in einer Weise übertrieben, wie sie weit über den Schönheitstrieb unserer eigenen Rasse hinausgeht! Thatsächlich paart sich das Schönste mit sehr enterbten Creaturen, das Größte mit dem Kleinsten. Fast immer sehen wir Männchen und Weibchen jeder zufälligen Begegnung profitiren und sich ganz und gar nicht wählerisch zeigen.

Modifikation durch Clima und Nahrung. Aber in Wahrheit absolut gleichgültig.

Es giebt keine Übergangsformen ..

Verschiedene Arten auf Eine zurückgeführt. Die Erfahrung sagt, daß die Einigung zur Sterilität verurtheilt und Ein Typus wieder Herr wird.

Man behauptet die wachsende Entwicklung der Wesen. Es fehlt jedes Fundament. Jeder Typus hat seine Grenze: über diese hinaus giebt es keine Entwicklung. Bis dahin absolute Regelmäßigkeit.

Die primitiven Wesen sollen die Vorfahren der jetzigen sein. Aber ein Blick auf die fauna und flora der Tertiärperiode erlaubt uns nur wie an ein noch unerforschtes Land zu denken, wo es Typen giebt, die anderwärts nicht existiren und einander verwandt und selbst die, die anderwärts existiren.

Meine Consequenzen

Meine Gesammtansicht.— Erster Satz: der Mensch als Gattung ist nicht im Fortschritt. Höhere Typen werden wohl erreicht, aber sie halten sich nicht. Das Niveau der Gattung wird nicht gehoben.

Zweiter Satz: der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt im Vergleich zu irgend einem anderen Thier dar. Die gesammte Thier- und Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum Höheren ... Sondern Alles zugleich, und übereinander und durcheinander und gegeneinander.

Die reichsten und complexesten Formen—denn mehr besagt das Wort “höherer Typus” nicht—gehen leichter zu Grunde: nur die niedrigsten halten eine scheinbare Unvergänglichkeit fest. Erstere werden selten erreicht und halten sich mit Noth oben: letztere haben eine comprimittirende Fruchtbarkeit für sich.— Auch in der Menschheit gehen unter wechselnder Gunst und Ungunst die höheren Typen, die Glücksfälle der Entwicklung, am leichtesten zu Grunde.

Sie sind jeder Art von décadence ausgesetzt: sie sind extrem, und damit selbst beinahe schon décadents ... Die kurze Dauer der Schönheit, des Genies, des Caesar, ist sui generis: dergleichen vererbt sich nicht. Der Typus vererbt sich; ein Typus ist nichts Extremes, kein “Glücksfall” ...

Das liegt an keinem besonderen Verhängniß und “bösen Willen” der Natur, sondern einfach am Begriff “höherer Typus”: der höhere Typus stellt eine unvergleichlich größere Complexität,—eine größere Summe coordinirter Elemente dar: damit wird auch die Disgregation unvergleichlich wahrscheinlicher.

Das “Genie” ist die sublimste Maschine, die es giebt,—folglich die zerbrechlichste.

Dritter Satz: die Domestikation (“die Cultur”) des Menschen geht nicht tief ... Wo sie tief geht, ist sie sofort die Degenerescenz (Typus: der Christ) Der “wilde” Mensch (oder, moralisch ausgedrückt: der böse Mensch) ist seine Rückkehr zur Natur—und, in gewissem Sinne,—seine Wiederherstellung, seine Heilung von der “Cultur” ...

14 [134]

Philosophie als décadence

Warum die Philosophen Verleumder sind?

Die tückische und blinde Feindseligkeit der Philosophen gegen die Sinne

Die Sinne sind es nicht, die täuschen! —

— unsere Nase, von der, soviel ich weiß, noch nie ein Philosoph mit Ehrerbietung gesprochen hat, ist einstweilen das delikateste physikalische Instrument, das es giebt: es vermag noch Schwingungen zu constatiren, wo selbst das Spektroscop ohnmächtig ist.

Wie viel Pöbel und Biedermann ist in all diesem Haß!

Das Volk betrachtet einen Mißbrauch, von dem es schlechte Folgen fühlt, immer als Einwand gegen das, was mißbraucht worden ist: alle aufständischen Bewegungen gegen Principien, sei es im Gebiete der Politik, oder der Wirthschaft, argumentiren immer so, mit dem Hintergedanken, einen abusus als dem Princip nothwendig und inhärent darzustellen.

Das ist eine jammervolle Geschichte: der Mensch sucht nach einem Princip, von wo aus er den Menschen verachten kann,—er erfindet eine Welt, um diese Welt verleumden und beschmutzen zu können: thatsächlich greift er jedes Mal nach dem Nichts, und construirt das Nichts zum “Gott”, zur “Wahrheit”, und jedenfalls zum Richter und Verurtheiler dieses Seins ...

Wenn man einen Beweis dafür haben will, wie tief und gründlich die eigentlich barbarischen Bedürfnisse des Menschen auch noch in seiner Zähmung und “Civilisation” Befriedigung suchen: so sehe man die “Leitmotive” der ganzen Entwicklung der Philosophie an. Eine Art Rache an der Wirklichkeit, ein heimtückisches Zugrunderichten der Werthung, in der der Mensch lebt, eine unbefriedigte Seele, die die Zustände der Zähmung als Tortur empfindet und an einem krankhaften Aufdröseln aller Bande, die mit ihr verbinden, ihre Wollust hat.

Die Geschichte der Philosophie ist ein heimliches Wüthen gegen die Voraussetzungen des Lebens, gegen die Werthgefühle des Lebens, gegen das Parteinehmen zu Gunsten des Lebens. Die Philosophen haben nie gezögert, eine Welt zu bejahen, vorausgesetzt, daß sie dieser Welt widerspricht, daß sie eine Handhabe abgiebt, von dieser Welt schlecht zu reden. Es war bisher die große Schule der Verleumdung: und sie hat so sehr imponirt, daß heute noch unsere sich als Fürsprecherin des Lebens gebende Wissenschaft die Grundposition der Verleumdung acceptirt hat und diese Welt als scheinbar, diese Ursachenkette als bloß phänomenal handhabt. Was haßt da eigentlich? ...

Ich fürchte, es ist immer die Circe der Philosophen, die Moral, welche ihnen diesen Streich gespielt, zu allen Zeiten Verleumder sein zu müssen ... Sie glaubten an die moralischen “Wahrheiten”, sie fanden da die obersten Werthe,—was blieb ihnen übrig, als, je mehr sie das Dasein begriffen, um so mehr zu ihm Nein zu sagen? ... denn dieses Dasein ist unmoralisch ... Und dieses Leben ruht auf unmoralischen Voraussetzungen: und alle Moral verneint das Leben —

— Schaffen wir die wahre Welt ab: und, um dies zu können, haben wir die bisherigen obersten Werthe abzuschaffen, die Moral ...

Es genügt nachzuweisen, daß auch die Moral unmoralisch ist, in dem Sinne, in dem das Unmoralische bis jetzt verurtheilt worden ist. Ist auf diese Weise die Tyrannei der bisherigen Werthe gebrochen, haben wir die “wahre Welt” abgeschafft, so wird eine neue Ordnung der Werthe von selbst folgen müssen.

NB NB. Die scheinbare Welt und die erlogene Welt: ist der Gegensatz: letztere hieß bisher die “wahre Welt”, die “Wahrheit”, “Gott”. Diese haben wir abzuschaffen.

14 [135]

Logik meiner Conception:

1.Moral als oberster Werth (Herrin über alle Phasen der Philosophie, selbst der Skeptiker): Resultat: diese Welt taugt nichts, sie ist nicht die “wahre Welt”
2.Was bestimmt hier den obersten Werth? Was ist eigentlich Moral?

Der Instinkt der décadence, es sind die Erschöpften und Enterbten, die auf diese Weise Rache nehmen

Historischer Nachweis: die Philosophen sind immer décadents ... im Dienste der nihilistischen Religionen.
3.Der Instinkt der décadence, der als Wille zur Macht auftritt.

Beweis: die absolute Unmoralität der Mittel in der ganzen Geschichte der Moral.
  
IIWir haben in der ganzen Beweg[ung] nur einen Spezialfall des Willens zur Macht erkannt.

14 [136]

Der Wille zur Macht.
Versuch
einer Umwerthung aller Werthe.

I.
Kritik der bisherigen Werthe.

II.
Das neue Princip des Werths.
Morphologie des “Willens zur Macht”

III.
Frage vom Werthe unserer modernen Welt
: gemessen nach diesem Princip

IV.
Der grosse Krieg.

14 [137]

Erstes Buch.
welche Werthe bisher obenauf waren.

1. Moral als oberster Werth, in allen Phasen der Philosophie (selbst bei den Skeptikern)

Resultat: diese Welt taugt nichts, es muß eine “wahre Welt” geben

2. Was bestimmt hier eigentlich den obersten Werth? Was ist eigentlich Moral? Der Instinkt der décadence, es sind die Erschöpften und Enterbten, die auf diese Weise Rache nehmen und die Herren machen ...

Historischer Nachweis: die Philosophen immer décadents, immer im Dienste der nihilistischen Religionen.

3. Der Instinkt der décadence, der als Wille zur Macht auftritt. Vorführung seines Systems der Mittel: absolute Unmoralität der Mittel.

Gesammtansicht: die bisherigen obersten Werthe sind ein Spezialfall des Willens zur Macht; die Moral selbst ist ein Spezialfall der Unmoralität.

Zweites Buch.
warum die gegnerischen Werthe immer unterlagen.

1. Wie war das eigentlich möglich? Frage: warum unterlag das Leben, die physiologische Wohlgerathenheit überall? Warum gab es keine Philosophie des Ja, keine Religion des Ja? ... Die historischen Anzeichen solcher Bewegungen:

die heidnische Religion.Dionysos gegen den “Gekreuzigten”
die Renaissance.Die Kunst

2. Die Starken und die Schwachen: die Gesunden und die Kranken; die Ausnahme und die Regel. Es ist kein Zweifel, wer der Stärkere ist ...

Gesammtaspekt der Geschichte. Ist der Mensch damit eine Ausnahme in der Geschichte des Lebens?— Einsprache gegen den Darwinismus. Die Mittel der Schwachen, um sich oben zu erhalten, sind Instinkte, sind “Menschlichkeit” geworden, sind “Institutionen” ...

3. Nachweis dieser Herrschaft in unseren politischen Instinkten, in unseren socialen Werthurtheilen, in unseren Künsten, in unserer Wissenschaft.

Wir haben zwei “Willen zur Macht” im Kampfe gesehen; im Specialfall: wir haben ein Princip, dem Einen Recht zu geben, der bisher unterlag, und dem, der bisher siegte, Unrecht zu geben: wir haben die “wahre Welt” als eine “erlogene Welt” und die Moral als eine Form der Unmoralität erkannt. Wir sagen nicht: “der Stärkere hat Unrecht” ...

Drittes Buch

was die Ursache aller Werthe und Verschiedenheit der Werthe ist

1.die nihilistischen Werthe sind obenauf
2.die Gegenbewegung ist immer unterlegen,—alsbald entartet ..
3.Die Gegenbewegung bisher nur in halben und entarteten Formen bekannt.
 Reinigung und Wiederherstellung ihres Typus.
 Präciser Ausdruck des Systems:
Psychologie
Historie
Kunst
Politik

14 [138]

3. Reinigung der bisher unterlegenen Werthe

Wir haben begriffen, was bisher den obersten Werth bestimmt hat

und warum es Herr geworden ist über die gegnerische Werthung:

es war stärker ...

Reinigen wir jetzt die gegnerische Werthung von der Infektion und Halbheit, von der Entartung, in der sie uns allen bekannt ist.

Theorie ihrer Entnatürlichung und Wiederherstellung der Natur: moralinfrei



Erkenntnißtheorie, Wille zur Wahrheit
Theorie der Psychologie
Ursprung der Religion
Ursprung der Kunst
Theorie der Herrschaftsgebilde
Theorie des Lebens
Leben und Natur



Geschichte der Gegenbewegungen:
 Renaissance
 Revolution
 Emancipation der Wissenschaft

14 [139]

Der corrupte und gemischte Zustand der Werthe entspricht dem physiologischen Zustand der jetzigen Menschen: Theorie der Modernität

14 [140]

Die Niedergangs-Instinkte sind Herr über die Aufgangs-Instinkte geworden ...

der Wille zum Nichts ist Herr geworden über den Willen zum Leben ..

— ist das wahr? ist nicht vielleicht eine größere Garantie des Lebens, der Gattung in diesem Sieg der Schwachen und Mittleren?

— ist es vielleicht nur ein Mittel in der Gesammtbewegung zum Leben, eine tempo-Verzögerung? eine Nothwehr gegen etwas noch Schlimmeres?

— gesetzt, die Starken wären Herren, in Allem und auch in den Werthschätzungen geworden: ziehen wir die Consequenz, wie sie über Krankheit, Leiden, Opfer denken würden? Eine Selbstverachtung der Schwachen wäre die Folge; sie würden suchen, zu verschwinden und sich auszulöschen ... Und wäre dies vielleicht wünschenswerth? ...

— und möchten wir eigentlich eine Welt, wo die Nachwirkung der Schwachen, ihre Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, Biegsamkeit fehlte? ...

14 [141]

Wissenschaft

Wissenschaft bekämpft von den Philosophen

Das ist außerordentlich. Wir finden von Anfang der griechischen Philosophie an einen Kampf gegen die Wissenschaft, mit den Mitteln einer Erkenntnißtheorie, resp. Skepsis: und wozu? immer zu Gunsten der Moral ...

Der Haß gegen die Physiker und Ärzte

Sokrates, Aristipp, die Megariker, die Cyniker, Epikur, Pyrrho—General-Ansturm gegen die Erkenntniß zu Gunsten der Moral ...

Haß auch gegen die Dialektik ...

Es bleibt ein Problem: sie nähern sich der Sophistik, um die Wissenschaft los zu werden

Andererseits sind die Physiker alle so weit unterjocht, um das Schema der Wahrheit, des wahren Seins in ihre Fundamente aufzunehmen: z.B. das Atom, die 4 Elemente (Juxtaposition eines Seienden, um die Vielheit und Veränderung zu erklären—)

Verachtung gelehrt gegen die Objektivität des Interesses: Rückkehr zu dem praktischen Interesse, zur Personal-Nützlichkeit aller Erkenntniß ...

Der Kampf gegen die Wissenschaft richtet sich gegen
1) deren Pathos (Objektivität),
2) deren Mittel (d.h. gegen deren Nützlichkeit
3) deren Resultate (als kindisch

Es ist derselbe Kampf, der später wieder von Seiten der Kirche, im Namen der Frömmigkeit geführt wird:

: sie erbt das ganze antike Rüstzeug zum Kampfe.

Die Erkenntnißtheorie spielt dabei dieselbe Rolle, wie bei Kant, wie bei den Indern ...

Man will sich nicht drum zu bekümmern haben: man will die Hand behalten für seinen “Weg”

wogegen wehren sie sich eigentlich? Gegen die Verbindlichkeit, gegen die Gesetzlichkeit, gegen die Nöthigung, Hand in Hand zu gehen —

: ich glaube, man nennt das Freiheit ...

Darin drückt sich décadence aus: der Instinkt der Solidarität ist so entartet, daß die Solidarität als Tyrannei empfunden wird:

: sie wollen keine Autorität
 keine Solidarität
 keine Einordnung in Reih und Glied und unend[liche] Langsamkeit der Bewegung

sie hassen das Schrittweise, das tempo der Wissenschaft, sie hassen das Nicht-anlangen-wollen, den langen Athem, die Personal-Indifferenz des wissenschaftlichen Menschen —.

14 [142]

Theorie und Praxis

Verhängnißvolle Unterscheidung, wie als ob es einen eigenen Erkenntnißtrieb gäbe, der, ohne Rücksicht auf Fragen des Nutzens und Schadens, blindlings auf die Wahrheit los gienge: und dann, davon abgetrennt, die ganze Welt der praktischen Interessen ...

Dagegen suche ich zu zeigen, welche Instinkte hinter all diesen reinen Theoretikern thätig gewesen sind,—wie sie allesammt fatalistisch im Bann ihrer Instinkte auf Etwas losgiengen, was für sie “Wahrheit” war, für sie und nur für sie. Der Kampf der Systeme, sammt dem der erkenntnißtheoretischen Skrupel, ist ein Kampf ganz bestimmter Instinkte (Formen der Vitalität, des Niedergangs, der Stände, der Rassen usw.)

Der sogenannte Erkenntnißtrieb ist zurückzuführen auf einen Aneignungs- und Überwältigungstrieb: diesem Triebe folgend haben sich die Sinne, das Gedächtniß, die Instinkte usw. entwickelt ...

— die möglichst schnelle Reduktion der Phänomene, die Oekonomie, die Accumulation des erworbenen Schatzes an Erkenntniß (d.h. angeeigneter und handlich gemachter Welt



Die Moral ist deshalb eine so curiose Wissenschaft, weil sie im höchsten Grade praktisch ist: so daß die reine Erkenntnißposition, die wissenschaftliche Rechtschaffenheit sofort preisgegeben wird, sobald die Moral ihre Antworten fordert

Die Moral sagt: ich brauche manche Antworten,—Gründe, Argumente. Scrupel mögen hinterdrein kommen, oder auch nicht —

“Wie soll gehandelt werden?”

Denkt man nun nach, daß man mit einem souverän entwickelten Typus zu thun hat, von dem seit unzähligen Jahrtausenden “gehandelt” worden ist und alles Instinkt, Zweckmäßigkeit, Automatismus, Fatalität geworden ist, so kommt Einem die Dringlichkeit dieser Moral-Frage sogar ganz komisch vor.

“Wie soll gehandelt werden?”— Moral war immer ein Mißverständniß: thatsächlich wollte eine Art, die ein Fatum, so und so zu handeln, im Leibe hatte, sich rechtfertigen, indem sie ihre Norm als Universalnorm aufdekretiren wollte ...

“Wie soll gehandelt werden?” ist keine Ursache, sondern eine Wirkung. Die Moral folgt, das Ideal kommt am Ende.

— Andrerseits verräth das Auftreten der moralischen Skrupel, anders ausgedrückt: das Bewußtwerden der Werthe, nach denen man handelt, eine gewisse Krankhaftigkeit; starke Zeiten und Völker reflektiren nicht über ihr Recht, über Prinzipien zu handeln, über Instinkt und Vernunft —

das Bewußtwerden ist ein Zeichen davon, daß die eigentliche Moralität, d.h. Instinkt-Gewißheit des Handelns, zum Teufel geht ...

Die Moralisten sind, wie jedes Mal, daß eine neue Bewußtseins-Welt geschaffen wird, Zeichen einer Schädigung, Verarmung, Desorganisation —

die Tief-Instinktiven haben eine Scheu vor dem Logisiren der Pflichten: unter ihnen findet man pyrrhonistische Gegner der Dialektik und der Erkennbarkeit überhaupt ... Eine Tugend wird mit “um” widerlegt ...

Thesis: das Auftreten der Moralisten gehört in die Zeiten, wo es zu Ende geht mit der Moralität

Thesis: der Moralist ist ein Auflöser der moralischen Instinkte, so sehr er deren Wiederhersteller zu sein glaubt

Thesis: das, was den Moralisten thatsächlich führt, sind nicht moralische Instinkte, sondern die Instinkte der décadence, übersetzt in die Formeln der Moral: er empfindet das Unsicherwerden der Instinkte als Corruption: thatsächlich — — —

Thesis: die Instinkte der décadence, die durch die Moralisten über die Instinkt-Moral starker Rassen und Zeiten Herr werden wollen, sind

1)die Instinkte der Schwachen und Schlechtweggekommenen
2)die Instinkte der Ausnahmen, der Solitären, der Ausgelösten, des abortus im Hohen und Geringen
3)die Instinkte der Habituell-Leidenden, welche eine noble Auslegung ihres Zustandes brauchen und deshalb so wenig als möglich Physiologen sein dürfen

Moral als décadence

14 [143]

Ein Philosoph ist klug, wenn er “unpraktisch” ist: er erweckt Glauben an seine Ächtheit, Einfalt, Unschuld im Verkehr mit Gedanken,—unpraktisch bedeutet in seinem Falle “objektiv”. Schopenhauer war klug, als er sich einmal mit falsch zugeknöpfter Weste photographiren ließ: er sagte damit: “ich gehöre nicht in diese Welt: was geht einen Philosophen die Convention paralleler Nähte und Knöpfe an! ... Ich bin zu objektiv dafür! ...”



Es genügt nicht zu beweisen, daß man unpraktisch ist: die meisten Philosophen glauben damit genug gethan zu haben, um die Objektivität und Reinheit der Vernunft über allen Zweifel zu erheben.



1. Der angeblich reine Erkenntnißtrieb aller Philosophen ist commandirt durch ihre Moral- “wahrheiten”,—ist nur scheinbar unabhängig ...

2. die “Moralwahrheiten” “so soll gehandelt werden” sind bloße Bewußtseins-Formen eines müde-werdenden Instinkts: “so und so wird bei uns gehandelt”. Das “Ideal” soll einen Instinkt wiederherstellen, stärken: es schmeichelt dem Menschen, gehorsam zu sein, wo er nur Automat ist.

14 [144]

Wo es eine gewisse Einheit in der Gruppirung giebt, hat man immer den Geist als Ursache dieser Coordination gesetzt: wozu jeder Grund fehlt. Warum sollte die Idee eines complexen Factums eine der Bedingungen dieses Factums sein? oder warum müßte einem complexen Factum die Vorstellung davon präcediren? —

Wir werden uns hüten, die Zweckmäßigkeit durch den Geist zu erklären: es fehlt jeder Grund, dem Geiste die Eigenthümlichkeit zu organisiren und zu systematisiren zuzuschreiben.

Das Nervensystem hat ein viel ausgedehnteres Reich: die Bewußtseinswelt ist hinzugefügt. Im Gesammtprozeß der Adaptation und Systematisation spielt es keine Rolle.



Nichts ist fehlerhafter als aus psychischen und physischen Phänomenen die zwei Gesichter die zwei Offenbarungen einer und derselben Substanz zu machen. Damit erklärt man nichts: der Begriff “Substanz” ist vollkommen unbrauchbar, wenn man erklären will.



Das Bewußtsein, in zweiter Rolle, fast indifferent, überflüssig, bestimmt vielleicht zu verschwinden, und einem vollkommenen Automatismus Platz zu machen —



Wenn wir nur die inneren Phänomene beobachten, so sind wir vergleichbar den Taubstummen, die aus der Bewegung der Lippen die Worte errathen, die sie nicht hören. Wir schließen aus den Erscheinungen des inneren Sinns auf sichtbare und andere Phänomene, welche wir wahrnehmen würden, wenn unsere Beobachtungs-Mittel zureichend wären und welche man den Nervenstrom nennt.

14 [145]

Daß eine Welt, für die uns alle feineren Organe abgehen, so daß wir eine tausendfache Complexität noch als Einheit empfinden, so daß wir eine Causalität hineinerfinden, wo jeder Grund der Bewegung und Veränderung uns unsichtbar bleibt (die Aufeinanderfolge von Gedanken, von Gefühlen ist ja nur das Sichtbar-werden derselben im Bewußtsein; daß diese Reihenfolge irgend etwas mit einer Causal-Verkettung zu thun habe, ist völlig unglaubwürdig: das Bewußtsein liefert uns nie ein Beispiel von Ursache und Wirkung) — — —

14 [146]

Wissenschaft gegen Philosophie

Die ungeheuren Fehlgriffe:
1)die unsinnige Überschätzung des Bewußtseins, aus ihm eine Einheit gemacht, ein Wesen gemacht, “der Geist”, “die Seele”, etwas, das fühlt, denkt, will —
2)der Geist als Ursache, namentlich überall wo Zweckmäßigkeit, System, Coordination erscheinen
3)das Bewußtsein als höchste erreichbare Form, als oberste Art Sein, als “Gott”
4)der Wille überall eingetragen, wo es Wirkung giebt
5)die “wahre Welt” als geistige Welt, als zugänglich durch Bewußtseins-Thatsachen
6)die Erkenntniß absolut als Fähigkeit des Bewußtseins, wo überhaupt es Erkenntniß giebt
 
 
Folgerungen:
jeder Fortschritt liegt in dem Fortschritt zum Bewußtwerden; jeder Rückschritt im Unbewußtwerden.
Man nähert sich der Realität, dem “wahren Sein” durch Dialektik; man entfernt sich von ihm durch Instinkte, Sinne, Mechanismus ...
Den Menschen in Geist auflösen hieße ihn zu Gott machen: Geist, Wille, Güte —
Eins Alles Gute muß aus der Geistigkeit stammen, muß Bewußtseins-Thatsache sein
Der Fortschritt zum Besseren kann nur ein Fortschritt im Bewußtwerden sein
Das Unbewußtwerden galt als Verfallensein an die Begierden und Sinne—als Verthierung ...
 
 

Der Kampf gegen Sokrates, Plato, die sämmtlichen sokratischen Schulen geht von dem tiefen Instinkt aus, daß man den Menschen nicht besser macht, wenn man ihm die Tugend als beweisbar und als gründefordernd darstellt...



Zuletzt ist es die mesquine Thatsache, daß der agonale Instinkt alle diese geborenen Dialektiker dazu zwang, ihre Personal-Fähigkeit als oberste Eigenschaft zu verherrlichen, und alles übrige Gute als bedingt durch sie darzustellen. Der antiwissenschaftliche Geist dieser ganzen “Philosophie”: sie will Recht behalten.

14 [147]

[Vgl. Victor Brochard, Les Sceptiques Grecs. Par Victor Brochard, maître de conférences suppléant à l'Ecole Normale Supérieure. Ouvrage couronné par l'Académie des sciences et politiques. Paris: Imprimerie Nationale, 1887:13.]

Der Kampf der Wissenschaft

Sophisten

Die Sophisten sind nichts weiter als Realisten: sie formuliren die allen gang und gäben Werthe und Praktiken zum Range der Werthe,—sie haben den Muth, den alle starken Geister haben, um ihre Unmoralität zu wissen ...

Glaubt man vielleicht, daß diese kleinen griechischen Freistädte, welche sich vor Wuth und Eifersucht gern aufgefressen hätten, von menschenfreundlichen und rechtschaffenen Principien geleitet wurden? Macht man vielleicht dem Thukydides einen Vorwurf aus seiner Rede, die er den athenischen Gesandten in den Mund legt, als sie mit den Meliern über Untergang oder Unterwerfung verhandeln?

Inmitten dieser entsetzlichen Spannung von Tugend zu reden war nur vollendeten Tartuffes möglich—oder Abseits-Gestellten, Einsiedlern, Flüchtlingen und Auswanderern aus der Realität ... alles Leute, die negirten, um selber leben zu können —

Die Sophisten waren Griechen: als Sokrates und Plato die Partei der Tugend und Gerechtigkeit nahmen, waren sie Juden oder ich weiß nicht was— Die Taktik Grotes zur Verteidigung der Sophisten ist falsch: er will sie zu Ehrenmännern und Moral-Standarten erheben—aber ihre Ehre war, keinen Schwindel mit großen Worten und Tugenden zu treiben ...

14 [148]

Parmenides hat gesagt “man denkt das nicht, was nicht ist”—wir sind am anderen Ende und sagen “was gedacht werden kann, muß sicherlich eine Fiktion sein”. Denken hat keinen Griff auf Reales, sondern nur auf — — — [Vgl. Victor Brochard, Les Sceptiques Grecs. Par Victor Brochard, maître de conférences suppléant à l'Ecole Normale Supérieure. Ouvrage couronné par l'Académie des sciences et politiques. Paris: Imprimerie Nationale, 1887:9.]

14 [149]

Die Anhänger Pyrrho’s haben sich auch mit den Juden beschäftigt, namentlich der am aegyptischen Hofe lebende Hekatäus von Abdera, der über die Philosophie der Aegypter schrieb.

14 [150]

“Für das praktische Leben ist ein Glaube nothwendig”

14 [151]

die “Besserung”
Moral als décadence

Die allgemeine Täuschung und Täuscherei im Gebiete der sogenannten moralischen Besserung. Wir glauben nicht daran, daß ein Mensch ein Anderer wird, wenn er es nicht schon ist: d.h. wenn er nicht, wie es oft genug vorkommt, eine Vielheit von Personen, mindestens von Ansätzen zu Personen, ist. In diesem Falle erreicht man, daß eine andere Rolle in den Vordergrund tritt, daß “der alte Mensch” zurückgeschoben wird ... Der Anblick ist verändert, nicht das Wesen ... Selbst das ist nicht immer erreicht, daß es die Gewöhnung an ein gewisses Thun aufhebt, den besten Grund dazu nimmt. Wer [aus] fatum und Fähigkeit Verbrecher ist, verlernt nichts, sondern lernt immer hinzu: und eine lange Entbehrung wirkt sogar als tonicum auf sein Talent ... Daß Jemand aufhört, gewisse Handlungen zu thun, ist ein bloßes fatum brutum, das die verschiedenste Deutung zuläßt. Für die Gesellschaft freilich hat gerade das allein ein Interesse, daß Jemand gewisse Handlungen nicht mehr thut: sie nimmt ihn zu diesem Zwecke aus den Bedingungen heraus, wo er gewisse Handlungen thun kann: das ist jedenfalls weiser als das Unmögliche versuchen, nämlich die Fatalität seines So-und-So-seins zu brechen.

Die Kirche—und sie hat nichts gethan als die antike Philosophie hierin abzulösen und zu beerben—, von einem anderen Werthmaaße ausgehend und eine “Seele”, das “Heil” einer Seele retten wollend, glaubt einmal an die sühnende Kraft der Strafe und sodann an die auslöschende Kraft der Vergebung: beides sind Täuschungen des religiösen Vorurtheils—die Strafe sühnt nicht, die Vergebung löscht nicht aus, Gethanes wird nicht ungethan gemacht. Damit daß Jemand Etwas vergißt, ist bei weitem nicht erreicht, daß Etwas nicht mehr ist ... Eine That zieht ihre Consequenzen, im Menschen und außer dem Menschen, gleichgültig ob sie als bestraft, “gesühnt”, “vergeben” oder “ausgelöscht” gilt, gleichgültig ob die Kirche inzwischen ihren Thäter selbst zu einem Heiligen avancirt hat. Die Kirche glaubt an Dinge die es nicht giebt, an “Seelen”; sie glaubt an Wirkungen, die es nicht giebt, an göttliche Wirkungen; sie glaubt an Zustände, die es nicht giebt, an Sünde, an Erlösung, an das Heil der Seele; sie bleibt überall bei der Oberfläche stehen, bei Zeichen, Gebärden, Worten, Emblemen denen sie eine arbiträre Auslegung giebt: sie hat eine zu Ende gedachte Methodik der psychologischen Falschmünzerei.

14 [152]

Wille zur Macht als Erkenntniss

nicht “erkennen”, sondern schematisiren, dem Chaos so viel Regularität und Formen auferlegen, als es unserem praktischen Bedürfniß genug thut

In der Bildung der Vernunft, der Logik, der Kategorien ist das Bedürfniß maaßgebend gewesen: das Bedürfniß, nicht zu “erkennen”, sondern zu subsumiren, zu schematisiren, zum Zweck der Verständigung, der Berechnung ...

das Zurechtmachen, das Ausdichten zum Ähnlichen, Gleichen—derselbe Proceß, den jeder Sinneseindruck durchmacht, ist die Entwicklung der Vernunft!

Hier hat nicht eine präexistente “Idee” gearbeitet: sondern die Nützlichkeit, daß nur, wenn wir grob und gleich gemacht die Dinge sehen, sie für uns berechenbar und handlich werden ...

die Finalität in der Vernunft ist eine Wirkung, keine Ursache: bei jeder anderen Art Vernunft, zu der es fortwährend Ansätze giebt, mißräth das Leben,—es wird unübersichtlich—zu ungleich —

Die Kategorien sind “Wahrheiten” nur in dem Sinne, als sie lebenbedingend für uns sind: wie der Euklidische Raum eine solche bedingte “Wahrheit” ist. (An sich geredet, da Niemand die Nothwendigkeit, daß es gerade Menschen giebt, aufrecht erhalten wird, ist die Vernunft, so wie der Euklidische Raum eine bloße Idiosynkrasie bestimmter Thierarten und eine neben vielen anderen ...)

Die subjektive Nöthigung, hier nicht widersprechen zu können, ist eine biologische Nöthigung: der Instinkt der Nützlichkeit, so zu schließen wie wir schließen, steckt uns im Leibe, wir sind beinahe dieser Instinkt ... Welche Naivetät aber, daraus einen Beweis zu ziehen, daß wir damit eine “Wahrheit an sich” besäßen ...

Das Nicht-Widersprechen-können beweist ein Unvermögen, nicht eine “Wahrheit”.

*             *
  * 

Man muß den Phänomenalismus nicht an der falschen Stelle suchen: nichts ist phänomenaler (oder deutlicher) nichts ist so sehr Täuschung, als diese innere Welt die wir mit dem berühmten “inneren Sinn” beobachten.

Wir haben den Willen als Ursache geglaubt, bis zu dem Maße, daß wir nach unserer Personal-Erfahrung überhaupt eine Ursache in das Geschehen hineingelegt haben (d.h. Absicht als Ursache von Geschehen—)

Wir glauben, daß Gedanke und Gedanke, wie sie in uns nacheinander folgen, in irgend einer causalen Verkettung stehen: der Logiker in Sonderheit, der thatsächlich von lauter Fällen redet, die niemals in der Wirklichkeit vorkommen, hat sich an das Vorurtheil gewöhnt, daß Gedanken Gedanken verursachen,—er nennt das—Denken ...

Wir glauben—und selbst unsere Physiologen glauben es noch—daß Lust und Schmerz Ursache sind von Reaktionen, daß es der Sinn von Lust und Schmerz ist, Anlaß zu Reaktionen zu geben. Man hat Lust und das Vermeiden der Unlust geradezu Jahrtausende lang als Motive für jedes Handeln aufgestellt. Mit einiger Besinnung dürften wir zugeben, daß Alles so verlaufen würde, nach genau derselben Verkettung der Ursachen und Wirkungen, wenn diese Zustände “Lust und Schmerz” fehlten: und man täuscht sich einfach, zu behaupten, daß sie irgend etwas verursachen:—es sind Begleiterscheinungen mit einer ganz anderen Finalität, als der, Reaktionen hervorzurufen; es sind bereits Wirkungen innerhalb des eingeleiteten Prozesses der Reaktion ...

In summa: alles, was bewußt wird, ist eine Enderscheinung, ein Schluß—und verursacht nichts—alles Nacheinander im Bewußtsein ist vollkommen atomistisch. Und wir haben die Welt versucht zu verstehen mit der umgekehrten Auffassung,—als ob nichts wirke und real sei als Denken, Fühlen, Wollen ...

14 [153]

die Wissenschaft

Capitel I
Ursprung der “wahren Welt

Die Verirrung der Philosophie ruht darauf, daß man, statt in der Logik und den Vernunftkategorien Mittel zu sehen, zum Zurechtmachen der Welt zu Nützlichkeits-Zwecken (also “principiell”, zu einer nützlichen Fälschung) man in ihnen das Criterium der Wahrheit resp. der Realität zu haben glaubte. Das “Kriterium der Wahrheit” war in der That bloß die biologische Nützlichkeit eines solchen Systems principieller Fälschung: und da eine Gattung Thier nichts Wichtigeres kennt als sich zu erhalten, so dürfte man in der That hier von “Wahrheit” reden. Die Naivetät war nur die, die anthropocentrische Idiosynkrasie als Maß der Dinge, als Richtschnur über “real” und “unreal” zu nehmen: kurz, eine Bedingtheit zu verabsolutiren. Und siehe da, jetzt fiel mit Einem Mal die Welt auseinander in eine wahre Welt und eine “scheinbare”: und genau die Welt, in der der Mensch zu wohnen und sich einzurichten seine Vernunft erfunden hatte, genau dieselbe wurde ihm diskreditirt. Statt die Formen als Handhabe zu benutzen, sich die Welt handlich und berechenbar zu machen, kam der verrückte Scharfsinn der Philosophen dahinter, daß in diesen Kategorien der Begriff jener Welt gegeben ist, dem die andere Welt, die in der man lebt, nicht entspricht ... Die Mittel wurden mißverstanden als Werthmaaß, selbst als Verurtheilung der Absicht ...

Die Absicht war, sich auf eine nützliche Weise zu täuschen: die Mittel dazu, die Erfindung von Formeln und Zeichen, mit deren Hülfe man die verwirrende Vielheit auf ein zweckmäßiges und handliches Schema reduzirte.

Aber wehe! jetzt brachte man eine Moral-Kategorie ins Spiel: kein Wesen will sich täuschen, kein Wesen darf täuschen,—folglich giebt es nur einen Willen zur Wahrheit. Was ist “Wahrheit”?

Der Satz vom Widerspruch gab das Schema: die wahre Welt, zu der man den Weg sucht, kann nicht mit sich in Widerspruch sein, kann nicht wechseln, kann nicht werden, hat keinen Ursprung und kein Ende.

Das ist der größte Irrthum, der begangen worden ist, das eigentliche Verhängniß des Irrthums auf Erden: man glaubte ein Kriterium der Realität in den Vernunftformen zu haben, während man sie hatte, um Herr zu werden über die Realität, um auf eine kluge Weise die Realität mißzuverstehen ...

Und siehe da: jetzt wurde die Welt falsch, und exakt der Eigenschaften wegen, die ihre Realität ausmachen, Wechsel, Werden, Vielheit, Gegensatz, Widerspruch, Krieg.

Und nun war das ganze Verhängniß da:

1) wie kommt man los von der falschen, der bloß scheinbaren Welt? (—es war die wirkliche, die einzige

2) wie wird man selbst möglichst der Gegensatz zu dem Charakter der scheinbaren Welt? (Begriff des vollkommenen Wesens als eines Gegensatzes zu jedem realen Wesen, deutlicher als Widerspruch zum Leben ...

3) die ganze Richtung der Werthe war auf Verleumdung des Lebens aus

4) man schuf eine Verwechslung des Ideal-Dogmatismus mit der Erkenntniß überhaupt: so daß die Gegenpartei immer nun auch die Wissenschaft perhorrescirte

- - - der Weg zur Wissenschaft war dergestalt doppelt versperrt: einmal durch den Glauben an die wahre Welt und dann durch die Gegner dieses Glaubens.

Die Naturwissenschaft, Physiologie war 1) in ihren Objecten verurtheilt 2) um ihre Unschuld gebracht ...

In der wirklichen Welt, wo schlechterdings Alles verkettet und bedingt ist, heißt irgend Etwas verurtheilen und wegdenken, Alles wegdenken und verurtheilen.

Das Wort “das sollte nicht sein”, “das hätte nicht sein sollen” ist eine farce ... Denkt man die Consequenzen aus, so ruinirte man den Quell des Lebens, wenn man das abschaffen wollte, was in irgendeinem Sinne schädlich, zerstörerisch ist. Die Physiologie demonstrirt es ja besser!

14 [154]

Moral als décadence

Wir sehen, wie die Moral

a)die ganze Weltauffassung vergiftet
b)den Weg zur Erkenntniß, zur Wissenschaft abschneidet
c)alle wirklichen Instinkte auflöst und untergräbt (indem sie deren Wurzeln als unmoralisch empfinden lehrt

Wir sehen ein furchtbares Werkzeug der décadence vor uns arbeiten, das sich mit den heiligsten Namen und Gebärden aufrecht hält

14 [155]

[Vgl. Leopold Löwenfeld (1847-1924), Die moderne Behandlung der Nervenschwäche (Neurasthenie), der Hysterie und verwandter Leiden: mit besonderer Berücksichtigung der Luftcuren, Bäder, Anstaltsbehandlung und der Mitchell-Playfair'schen Mastcur. Wiesbaden: Bergmann, 1887:50ff., 112ff.]

décad[ence]

Religion als décadence

Gegen Reue und ihre rein-psychologische Behandlung
(Ich empfehle die Behandlung des Gewissenbisses mit der Mitchells-Kur — — )

Mit einem Erlebniß nicht fertig werden ist bereits ein Zeichen von décadence. Dieses Wieder-Aufreißen alter Wunden, das Sich-Wälzen in Selbstverachtung und Zerknirschung ist eine Krankheit mehr, aus der nimmermehr das “Heil der Seele”, sondern immer nur eine neue Krankheitsform derselben entstehen kann ...

diese “Erlösungs-Zustände” im Christen sind bloße Wechsel eines und desselben krankhaften Zustandes,—Auslegungen der epileptischen Crise unter einer bestimmten Formel, welche nicht die Wissenschaft, sondern der religiöse Wahn giebt

man ist auf eine krankhafte Manier gut, wenn man krank ist ... wir rechnen jetzt den größten Theil des Psychologischen Apparates, mit dem das Christenthum gearbeitet hat, unter die Formen der Hysterie und der Epilepsoidis.

diese ganze Praxis der seelischen Wiederherstellung muß auf eine physiologische Grundlage zurückgestellt werden: der “Gewissensbiß” als solcher ist ein Hinderniß der Genesung,—man muß Alles aufzuwiegen suchen durch neue Handlungen und möglichst schnell das Siechthum der Selbsttortur ...

man sollte die rein psychologische Praktik der Kirche und der Sekten als gesundheitsgefährlich in Verruf bringen ...

man heilt einen Kranken nicht durch Gebete, und Beschwörungen böser Geister: die Zustände der “Ruhe”, die unter solchen Einwirkungen eintreten, sind fern davon, im physiologischen Sinne Vertrauen zu erwecken ...

man ist gesund, wenn man sich über seinen Ernst und Eifer lustig macht, mit dem irgend eine Einzelheit unseres Lebens dergestalt uns hypnotisirt hat, wenn man beim Gewissensbiß Etwas fühlt wie beim Biß eines Hundes wider einen Stein,—wenn man sich seiner Reue schämt, —

Die bisherige Praxis, die rein psychologische und religiöse, war nur auf eine Veränderung der Symptome aus: sie hielt einen Menschen wiederhergestellt, wenn er vor dem Kreuze sich erniedrigte, und Schwüre that, ein guter Mensch zu sein ... Aber ein Verbrecher, der mit einem gewissen düsteren Ernst sein Schicksal festhält und nicht seine That hinterdrein verleumdet, hat mehr Gesundheit der Seele ... Die Verbrecher, mit denen D[ostoiewsky] zusammen im Zuchthaus lebte, waren sammt und sonders ungebrochene Naturen, — sind sie nicht hundert Mal mehr werth als ein “gebrochener” Christ?

14 [156]

Der Wille zur Macht
Versuch
einer Umwerthung aller Werthe.

Erstes Capitel:

die wahre und die scheinbare Welt
 

Zweites Capitel:

wie ist ein solcher Fehlgriff möglich? Was bedeutet das Mißverstehenwollen des Lebens?
Critik der Philosophen, als Typen der décadence.
 

Drittes Capitel.

Die Moral als Ausdruck der décadence.
Kritik des Altruismus, des Mitleids, des Christenthums, der Entsinnlichung
 

Viertes Capitel.

Giebt es keine Ansätze einer gegentheiligen Stellung?
1. Heidnisches in der Religion
2. “die Kunst”
3. Staat
Der Krieg gegen sie: was sich immer gegen sie verschwört ...
 

Fünftes Capitel.

Kritik der Gegenwart: wohin gehört sie?
ihr nihilistisches Abzeichen
ihre jasagenden Typen: man muß das ungeheure Faktum begreifen, daß ein gutes Gewissen der Wissenschaft besteht ...
 

Sechstes Capitel.

Der Wille zur Macht, als Leben
 

Siebentes Capitel.

Wir Hyperboreer.
Lauter absolute Stellungen z.B. Glück!! z.B. Geschichte ungeheurer Genuß und Triumph am Schluß, lauter klare Jas und Neins zu haben ... Erlösung von der Ungewißheit!

14 [157]

Moral als décadence

décadence

Sinne,” “Leidenschaften

Die Furcht vor den Sinnen, vor den Begierden, vor den Leidenschaften, wenn sie so weit geht, dieselben zu widerrathen, ist ein Symptom bereits von Schwäche: die extremen Mittel kennzeichnen immer abnormale Zustände. Was hier fehlt, resp. angebröckelt ist, das ist die Kraft zur Hemmung eines Impulses: wenn man den Instinkt hat, nachgeben zu müssen d.h. reagiren zu müssen, dann thut man gut, den Gelegenheiten (“Verführungen”) aus dem Wege zu gehen.

Ein “Anreiz der Sinne” ist nur insofern eine Verführung, als es sich um Wesen handelt, deren System zu leicht beweglich und bestimmbar ist: im entgegengesetzten Falle, bei großer Schwerfälligkeit und Härte des Systems, sind starke Reize nöthig, um die Funktionen in Gang zu bringen ...

Die Ausschweifung ist uns nur ein Einwand gegen den, der zu ihr kein Recht hat; und fast alle Leidenschaften sind in schlechten Ruf derentwegen gebracht, die nicht stark genug sind, sie zu ihrem Nutzen zu wenden —

Man muß sich darüber verstehen, daß gegen Leidenschaft eingewendet werden kann, was gegen Krankheit einzuwenden ist: trotzdem — wir dürften der Krankheit nicht entbehren und noch weniger der Leidenschaften ...

Wir brauchen das Anormale, wir geben dem Leben einen ungeheuren choc durch diese großen Krankheiten ...

* * *

Im Einzelnen ist zu unterscheiden:

1) die dominirende Leidenschaft, welche sogar die supremste Form der Gesundheit überhaupt mit sich bringt: hier ist die Coordination der inneren Systeme und ihr Arbeiten in Einem Dienste am besten erreicht—aber das ist beinahe die Definition der Gesundheit!

2) das Gegeneinander der Leidenschaften, die Zweiheit, Dreiheit, Vielheit der “Seelen in Einer Brust”: sehr ungesund, innerer Ruin, auseinanderlösend, einen inneren Zwiespalt und Anarchismus verrathend und steigernd—: es sei denn, daß eine Leidenschaft endlich Herr wird. Rückkehr der Gesundheit

3) das Nebeneinander, ohne ein Gegeneinander und Füreinander zu sein: oft periodisch, und dann, sobald es eine Ordnung gefunden hat, auch gesund ... Die interessantesten Menschen gehören hierher, die Chamaeleons; sie sind nicht im Widerspruch mit sich, sie sind glücklich und sicher, aber sie haben keine Entwicklung,—ihre Zustände liegen neben einander, wenn sie auch siebenmal getrennt sind. Sie wechseln, sie werden nicht ..

14 [158]

Moral als décadence

Der “gute Mensch” als Tyrann

Die Menschheit hat immer denselben Fehler wiederholt: daß sie aus einem Mittel zum Leben einen Maßstab des Lebens gemacht hat

: daß sie, statt in der höchsten Steigerung des Lebens selbst, im Problem des Wachsthums und der Erschöpfung das Maaß zu finden, die Mittel zu einem ganz bestimmten Leben zum Ausschluß aller anderen Formen des Lebens, kurz zur Kritik und Selektion des Lebens benutzt hat

: d.h. der Mensch liebt endlich die Mittel um ihrer selbst willen und vergißt sie als Mittel: so daß sie jetzt als Ziele ihm ins Bewußtsein treten, als Maaßstäbe von Zwecken ...

: d.h. eine bestimmte Species Mensch behandelt ihre Existenzbedingungen als gesetzlich aufzuerlegende Bedingungen, als “Wahrheit”, “Gut”, “Vollkommen”: sie tyrannisirt ...

: es ist eine Form des Glaubens, des Instinkts, daß eine Art Mensch nicht die Bedingtheit ihrer eigenen Art, ihre Relativität im Vergleich zu anderen einsieht:

: wenigstens scheint es zu Ende zu sein mit einer Art Mensch (Volk, Rasse) wenn sie tolerant wird, gleiche Rechte zugesteht und nicht mehr daran denkt, Herr sein zu wollen—

14 [159]

Religion als décadence

Kritik des Glaubens
Überzeugung und Lüge.

1. “Zwischen einer Lüge und einer Überzeugung besteht ein Gegensatz”: es giebt keinen größeren ...

2. Aber es ist mit Recht gesagt worden, daß Überzeugungen gefährlichere Feinde der Wahrheit sind als Lügen (M.AM.) [Menschliches, Allzumenschliches, 483]

3. Müßte vielleicht auch die vorangestellte Überzeugung unter die Feinde der Wahrheit gezählt werden? Und unter ihre gefährlichsten?

Eine jede Überzeugung hat ihre Geschichte, ihre Vorformen, ihre Tentativen und Fehlgriffe: sie wird Überzeugung, nachdem sie es lange nicht ist und noch länger kaum ist ...

könnte unter diesen Embryonal-Zuständen der Überzeugung nicht auch die Lüge sein? ...

sie bedarf oft eines Personen-Wechsels (—erst im Sohne wird Überzeugung, was im Vater noch Tendenz war—)

Was macht es, daß ein Lügner uns einen Irrthum für eine Wahrheit verkauft? Seine “praktische Vernunft” (—sein Vortheil, populärer geredet)

Was macht es, daß man zwischen verschiedenen Möglichkeiten sich entscheidet? Seine praktische Vernunft, sein Vortheil ...

Was macht es, daß man zwischen verschiedenen Hypothesen so und so wählt? Der Vortheil.

Welcher Unterschied bleibt zwischen einem Überzeugten und einem Belogenen? Keiner, wenn er gut belogen ist.

Was macht es, was alle Philosophen bestimmt, ihre Überzeugungen für Wahrheiten zu halten? Ihr Vortheil, ihre “praktische Vernunft”

Die Fiktion, die Nützlichkeit, die Vermuthung, die Wahrscheinlichkeit, die Gewißheit, die Überzeugung—eine Geschichte des inneren Pathos, an dessen Anfang die Lüge, deren Gott steht ...

“Ich will etwas für wahr halten”: ist das der Instinkt der Wahrheit oder nicht gerade ein anderer, der es sehr wenig streng nimmt mit der Wahrheit, aber den Vortheil kennt, den der Glaube mit sich bringt? ...

Gesetzt, man hat einen Vortheil davon, sich selbst zu belügen, worin unterscheidet sich das Pathos der Selbst-Belogenheit vom Pathos der Überzeugung? ...

Ist im Glauben, wie [ihn] das Christenthum versteht, die Klugheit oder die Wahrheit zur Herrschaft gebracht? Der Beweis der Kraft (d.h. der Vortheile, welche ein Glaube mit sich bringt), oder der — — —

Und was Märtyrer macht, ist das der Instinkt der Wahrheit, oder nicht umgekehrt eine Lücke der inneren Organisation, der Mangel eines solchen Instinkts? Wir betrachten Märtyrer als eine niedrigere Species: eine Überzeugung zu beweisen, hat gar keinen Sinn; sondern es gilt zu beweisen, daß man ein Recht hat, so überzeugt zu sein ... Die Überzeugung ist ein Einwand, ein Fragezeichen, ein défi, man hat zu beweisen, daß man nicht nur überzeugt ist—daß man nicht nur Narr ist ...

der Tod am Kreuze beweist keine Wahrheit, nur eine Überzeugung, nur eine Idiosynkrasie (—sehr populärer Irrthum: den Muth zu seiner Überzeugung haben—? aber den Muth zum Angriff auf seine Überzeugung haben!!!

14 [160]

Religion als décadence—die Überzeugung

Kritik des Opfertodes

Wir würden heute für manche Dinge in den Tod gehn, ohne dieses Opfer sehr feierlich zu nehmen, es liegt uns fern mit solchen Dingen Götzendienst zu treiben, bloß weil sie Menschen fordern ... Das berühmte “Vaterland” z.B., ein Begriff, der heute in Europa absonderlich theuer bezahlt wird: die noch berühmtere “Wissenschaft”, die, wie ich voraussetze, irgendwann einmal noch kostspieliger sogar werden dürfte, als der Begriff “Vaterland”

Ein Tod für ein — — —



Ist es nöthig, Recht zu haben, um Recht zu behalten? Im Gegentheil! Und abgesehen davon heißt es unbescheiden sein. Man muß nicht zu viel Ehre wollen ... Aber alle diese großen Weisen waren bescheiden:—sie behielten bloß Recht ...



Ihr meint eine Sache wird dadurch ehrenhaft, daß ihr mit eurem Leben dafür bezahlt? ... Ein Irrthum, der ehrenhaft wird, ist ein Irrthum, der eine Verführungskunst mehr besitzt! glaubt ihr, daß wir wünschen werden euch zu einem Opfertod für eure “Wahrheit” zu ermuthigen? ... Genau das war die welthistorische Dummheit aller Verfolger: sie zwangen ihre Gegner, Heroen zu werden ... sie haben alle Dummheiten zu Fetischen für die Menschheit gemacht ... Das Weib liegt heute noch auf den Knien vor einer Lehre, deren Lehrer am Kreuz gestorben ist ... ist das Kreuz ein Beweis?



Ein gewisser Grad von Glaube genügt uns heute als Einwand gegen das Geglaubte, noch mehr als Fragezeichen an der geistigen Gesundheit des Gläubigen: die “felsenfesten Überzeugungen” gehören fast immer ins Irrenhaus.

14 [161]

Ich sehe durchaus nicht ab, wie Einer es wieder gut machen kann, der versäumt hat, zur rechten Zeit in eine gute Schule zu gehen. Ein solcher kennt sich nicht; er geht durchs Leben, ohne gehen gelernt zu haben; der schlaffe Muskel verräth sich bei jedem Schritt noch. Mitunter ist das Leben so barmherzig, diese harte Schule nachzuholen: jahrelanges Siechthum vielleicht, das die äußerste Willenskraft und Selbstgenugsamkeit herausfordert; oder eine plötzlich hereinbrechende Nothlage, zugleich noch für Weib und Kind, welche eine Thätigkeit erzwingt, die den erschlafften Fasern wieder Energie giebt und dem Willen zum Leben die Zähigkeit zurückgewinnt ... Das Wünschenswertheste bleibt unter allen Umständen eine harte Disciplin zur rechten Zeit, das heißt in jenem Alter noch, wo es stolz macht, viel von sich verlangt zu sehen. Denn dies unterscheidet die harte Schule als gute Schule von jeder anderen: daß Viel verlangt wird; daß streng verlangt wird; daß das Gute, das Ausgezeichnete selbst als normal verlangt wird; daß das Lob selten ist, daß die Indulgenz fehlt; daß der Tadel scharf, sachlich, ohne Rücksicht auf Talent und Herkunft laut wird. Eine solche Schule hat man in jedem Betracht nöthig: das gilt vom Leiblichsten wie vom Geistigsten: es wäre verhängnißvoll, hier trennen zu wollen! Die gleiche Disziplin macht den Militär und den Gelehrten tüchtig: und näher besehen, es giebt keinen tüchtigen Gelehrten der nicht die Instinkte eines tüchtigen Militärs im Leibe hat ... in Reih und Glied stehen, aber fähig jeder Zeit, voranzugehen; die Gefahr dem Behagen vorziehen; das Erlaubte und Unerlaubte nicht in einer Krämerwage wiegen; dem Mesquinen, Schlauen, Parasitischen mehr feind sein als dem Bösen ...

— Was lernt man in einer harten Schule? Gehorchen und Befehlen, — — —

14 [162]

Philosoph

Pyrrho, der mildeste und geduldigste Mensch, der je unter Griechen gelebt hat, ein Buddhist obschon Grieche, ein Buddha selbst, wurde ein einziges Mal außer Rand und Band gebracht, durch wen?—durch seine Schwester, mit der er zusammenlebte: sie war Hebamme. Seitdem fürchteten sich am Allermeisten die Philosophen vor der Schwester—die Schwester! Schwester! ’s klingt so fürchterlich!—und vor der Hebamme! ... (Ursprung des Coelibats) [Vgl. Victor Brochard, Les Sceptiques Grecs. Par Victor Brochard, maître de conférences suppléant à l'Ecole Normale Supérieure. Ouvrage couronné par l'Académie des sciences et politiques. Paris: Imprimerie Nationale, 1887:75.]

14 [163]

(Zum Capitel: Religion als décadence)

Die religiöse Moral

Der Affekt, die große Begierde, die Leidenschaften der Macht, der Liebe, der Rache, des Besitzes—: die Moralisten wollen sie auslöschen, herausreißen, die Seele von ihnen “reinigen”

Die Logik ist: diese Begierden richten oft großes Unheil an,—folglich sind sie böse, verwerflich. Der Mensch muß los von ihnen kommen: eher kann er nicht ein guter Mensch sein ...

Das ist dieselbe Logik wie: “ärgert dich ein Glied, so reiße es aus”. In dem besonderen Fall, wie es jene gefährliche “Unschuld vom Lande”, der Stifter des Christenthums, seinen Jüngern zur Praxis empfahl, im Fall der geschlechtlichen Irritabilität, folgt leider dies nicht nur, daß ein Glied fehlt, sondern daß der Charakter des M[enschen] entmannt ist ... und das Gleiche gilt von dem Moralisten-Wahnsinn, welcher, statt der Bändigung, die Exstirpation der Leidenschaften verlangt. Ihr Schluß ist immer: erst der entmannte Mensch ist der gute Mensch.

Die großen Kraftquellen, jene oft so gefährlich und überwältigend hervorströmenden Wildwasser der Seele, statt ihre Macht in Dienst zu nehmen und zu ökonomisiren, will diese kurzsichtigste und verderblichste Denkweise, die Moral-Denkweise, versiegen machen.

14 [164]

Die christlichen Moral-Quacksalber

Mitleid und Verachtung folgen sich in schnellem Wechsel, und mitunter bin ich empört, wie beim Anblick eines schnöden Verbrechens. Hier ist der Irrthum zur Pflicht gemacht—zur Tugend—der Fehlgriff ist Handgriff geworden, der Zerstörer-Instinkt systematisirt als “Erlösung”; hier wird aus jeder Operation eine Verletzung, eine Ausschneidung selbst von Organen, deren Energie die Voraussetzung jeder Wiederkehr der Gesundheit ist. Und besten Falls, wird nicht geheilt, sondern nur eine Symptomen-Reihe des Übels in eine andere eingetauscht ... Und dieser gefährliche Unsinn, das System der Schändung und Verschneidung des Lebens gilt als heilig, als unantastbar; in seinem Dienste leben, Werkzeug dieser Heilkunst sein, Priester sein hebt heraus, macht ehrwürdig, macht heilig und unantastbar selbst. Nur die Gottheit kann die Urheberin dieser höchsten Heilkunst sein: nur als Offenbarung ist die Erlösung begreiflich, als Art der Gnade, als unverdientestes Geschenk, das der Creatur gemacht ist.



Erster Satz: die Gesundheit der Seele wird als Krankheit angesehen, mißtrauisch ...

Zweiter Satz: die Voraussetzungen für ein starkes und blühendes Leben, die starken Begehrungen und Leidenschaften, gelten als Einwände gegen ein starkes und blühendes Leben

Dritter Satz: Alles, woher dem Menschen Gefahr droht, Alles, was über ihn Herr werden und [ihn] zu Grunde richten kann, ist böse, ist verwerflich,—ist mit der Wurzel aus seiner Seele auszureißen.

Vierter Satz: der Mensch, ungefährlich gemacht, gegen sich und Andere, schwach, niedergeworfen in Demuth und Bescheidenheit, seiner Schwäche bewußt, der “Sünder”—das ist der wünschbarste Typus, der, welchen man mit einiger Chirurgie der Seele auch herstellen kann ...

14 [165]

Der Muth.

1.

Ich unterscheide den Muth vor Personen, den Muth vor Sachen und den Muth vor dem Papier. Letzterer war zum Beispiel der Muth David Straußens. Ich unterscheide nochmals den Muth vor Zeugen und den Muth ohne Zeugen: der Muth eines Christen, eines Gottgläubigen überhaupt kann niemals Muth ohne Zeugen sein—er ist damit allein schon degradirt. Ich unterscheide endlich den Muth aus Temperament und den Muth aus Furcht vor der Furcht: ein Einzelfall der letzteren Species ist der moralische Muth. Hierzu kommt noch der Muth aus Verzweiflung.



Wagner als Verführer.

2.

Wagner hatte diesen Muth. Seine Lage hinsichtlich der Musik war im Grunde verzweifelt. Ihm fehlte Beides, was zum guten Musiker befähigt: Natur und Cultur, die Vorbestimmung für Musik und die Zucht und Schulung zur Musik. Er hatte Muth: er schuf aus diesem Mangel ein Princip,—er erfand sich eine Gattung Musik. Die “dramatische Musik”, wie er sie erfand, ist die Musik, welche er machen konnte ... ihr Begriff sind die Grenzen Wagner’s.

Und man hat ihn mißverstanden— Hat man ihn mißverstanden? ... Fünf Sechstel der modernen Künstler sind in seinem Falle. Wagner ist ihr Retter: fünf Sechstel sind übrigens die “geringste Zahl”. Jedesmal, wo die Natur sich unerbittlich gezeigt hat und wo andrerseits die Cultur ein Zufall, eine Tentative, ein Dilettantismus blieb, wendet sich jetzt der Künstler mit Instinkt, was sage ich? mit Begeisterung an Wagner: “halb zog er ihn, halb sank er hin”, wie der Dichter sagt.

2.

Der Erfolg Wagners ist ein großer Verführer. Setzen wir einmal den Fall, daß dieser Verführer reden lernt, daß er sich in Gestalt eines klugen Freundes und Gewissensraths zu jungen Musikern gesellt, die in der Tiefe ihres Ichs ein kleines Verhängniß tragen—und schon hören wir ihn reden, zutraulich, biedermännisch, von einer engelhaften Toleranz für alle “kleinen Verhängnisse” ...

14 [166]

Motiv zu einem Bild. Ein Fuhrmann. Winterlandschaft. Der Fuhrmann schlägt mit einem Ausdruck schnödesten Cynismus sein Wasser an seinem eigenen Pferde ab. Die arme geschundene Creatur blickt sich um dazu—dankbar, sehr dankbar ...

14 [167]

Wagner als Problem.
Wagner der Schauspieler.
Das was populär geworden ist
Wagner als Vorbild.
Wagner als Verführung.



Musik als Mimik. Jeder Gedanke — — —

14 [168]

Die wahre und die scheinbare Welt

Entwurf des ersten Capitels

A.

Die Verführungen, die von diesem Begriff ausgehen, sind drei[erlei] Art:

eine unbekannte Welt:—wir sind Abenteurer, neugierig,—das Bekannte scheint uns müde zu machen (—die Gefahr des Begriffs liegt darin, uns “diese” Welt als bekannt zu insinuiren ...

eine andere Welt, wo es anders ist:—es rechnet Etwas in uns nach, unsere stille Ergebung, unser Schweigen verliert dabei ihren Werth,—vielleicht wird Alles gut, wir haben nicht umsonst gehofft ... die Welt, wo es anders, wo wir selbst—wer weiß? anders sind ...

eine wahre Welt:—das ist der wunderlichste Streich und Angriff, der auf uns gemacht wird; es ist so Vieles an das Wort “wahr” ankrustirt, unwillkürlich machen wir’s auch der “Wahren Welt” zum Geschenk: die wahre Welt muß auch eine wahrhaftige sein, eine solche, die uns nicht betrügt, nicht zu Narren hat: an sie glauben ist beinahe glauben müssen (—aus Anstand, wie es unter zutrauenswürdigen Wesen geschieht—)

der Begriff die “unbekannte Welt” insinuirt uns diese Welt als “bekannt” (—als langweilig—)

der Begriff die “andere Welt” insinuirt, als ob die Welt anders sein könnte—hebt die Nothwendigkeit und das Faktum auf (—unnütz, sich zu ergeben, sich anzupassen—)

der Begriff die “wahre Welt” insinuirt diese Welt als eine unwahrhaftige, betrügerische, unredliche, unächte, unwesentliche—und folglich auch nicht unserem Nutzen zugethane Welt (—unrathsam, sich ihr anzupassen, besser: ihr widerstreben)

wir entziehen uns also in dreierlei Weise dieser Welt:

mit unserer Neugierde, wie als ob der interessantere Theil wo anders wäre

: mit unserer Ergebung, wie als ob es nicht nöthig sei, sich zu ergeben,—wie als ob diese Welt keine Nothwendigkeit letzten Ranges sei

: mit unserer Sympathie und Achtung: wie als ob diese Welt sie nicht verdiente, als unlauter, als gegen uns nicht redlich ...

In summa: wir sind auf eine dreifache Weise revoltirt: wir haben ein x zur Kritik der “bekannten Welt” gemacht.

[B.]

Erster Schritt der Besonnenheit: zu begreifen, in wiefern wir verführt sind —

nämlich es könnte an sich exakt umgekehrt sein.

a)die unbekannte Welt könnte derartig beschaffen sein, um uns Lust zu machen zu dieser Welt,—als eine vielleicht stupide und geringere Form des Daseins
b)die andere Welt, geschweige daß sie unseren Wünschen, die hier keinen Austrag fänden, Rechnung trüge, könnte mit unter der Masse dessen sein, was uns diese Welt möglich macht: sie kennen lernen wäre ein Mittel, uns zufrieden zu machen
3)die wahre Welt: aber wer sagt uns eigentlich, daß die scheinbare Welt weniger Werth sein muß als die wahre? Widerspricht nicht unser Instinkt diesem Urtheile? Schafft sich nicht ewig der Mensch eine fingirte Welt, weil er eine bessere Welt haben will als die Realität? ...

Vor allem: wie kommen wir darauf, daß nicht unsere Welt die wahre ist? ... zunächst könnte doch die andere Welt die “scheinbare” sein ... in der That haben sich die Griechen z.B. ein Schattenreich, eine Scheinexistenz neben der wahren Existenz gedacht— Und endlich: was giebt uns ein Recht, gleichsam Grade der Realität anzusetzen? das ist etwas Anderes als eine unbekannte Welt, das ist bereits etwas-wissen-wollen von der unbekannten.

NB. Die “andere”, die unbekannte Welt—gut! aber sagen “wahre Welt” das heißt “etwas wissen von ihr”—das ist der Gegensatz zur Annahme einer x-Welt ...

In summa: die Welt x könnte langweiliger, unmenschlicher und unwürdiger in jedem Sinne sein als diese Welt.

Es stünde anders, wenn behauptet würde, es gäbe x Welten, d.h. jede mögliche Welt noch außer dieser. Aber das ist nie behauptet worden ...

Die “wahre” Welt = die wahrhaftige, die uns nicht belügt, die ehrlich ist
 = die rechte, auf die allein es ankommt
 = die ächte, im Gegensatz zu etwas Nachgemachtem und Gefälschtem

C.

Problem: warum die Vorstellung von der anderen Welt immer zum Nachtheil, resp. zur Kritik dieser Welt ausgefallen ist,—worauf das weist? —

Nämlich: ein Volk, das auf sich stolz ist, das im Aufgang des Lebens ist, denkt das Anders-sein immer als Niedriger-, Werthloser-sein; es betrachtet die fremde, die unbekannte Welt als seinen Feind, als seinen Gegensatz, es fühlt sich ohne Neugierde, in voller Ablehnung gegen das Fremde ...

ein Volk würde nicht zugeben, daß ein anderes Volk das “wahre Volk” wäre ...

schon daß ein solches Unterscheiden möglich ist—daß man diese Welt für die “scheinbare” und jene für die “wahre” nimmt, ist symptomatisch

Die Entstehungsheerde der Vorstellung: “andere Welt”
der Philosoph, der eine Vernunft-Welt erfindet, wo die Vernunft und die logischen Funktionen adaequat sind:—hierher stammt die “wahre” Welt
der religiöse Mensch, der eine “göttliche Welt” [erfindet]—hierher stammt die “entnatürlichte, widernatürliche” Welt
der moralische Mensch, der eine “freie Welt” fingirt—hierher stammt die “gute, vollkommene, gerechte, heilige,” Welt.
 
Das Gemeinsame der drei Entstehungsheerde ..
der psychologische Fehlgriff ... die physiologischen Verwechslungen

“die andere Welt”, wie sie thatsächlich in der Geschichte erscheint, mit welchen Prädikaten,—abgezeichnet mit den Stigmaten

des philosophischenü 
des religiösenýVorurtheils
des moralischenþ 

die andere Welt, wie sie aus diesen Thatsachen erhellt, als ein Synonym des Nicht-seins, des Nicht-lebens, des Nicht-leben-wollens ...



Gesammteinsicht: der Instinkt der Lebens-Müdigkeit und nicht der des Lebens hat die andere Welt geschaffen.



Consequenz: Philosophie, Religion und Moral
sind Symptome der décadence.

2tes Capitel

Historischer Nachweis, daß Religion, Moral und Philosophie décadence-Formen der Menschheit sind.

3tes Capitel
[vgl.: Götzen-Dämmerung, Die “Vernunft” in der Philosophie, 6]

1. die Gründe, darauf hin “diese” Welt als “scheinbar” bezeichnet worden ist, begründen vielmehr ihre Realität:—eine andere Art Realität ist absolut unnachweisbar.

2. die Kennzeichen, welche man dem “wahren Sein” der Dinge gegeben hat, sind die Kennzeichen des Nicht-seins,—man hat die “wahre Welt” aus dem Widerspruch zur “wirklichen Welt” aufgebaut: eine “scheinbare Welt” in der That, eine solche, die eine optisch-moralische Täuschung ist

3. In summa: von einer andren Welt als dieser zu fabeln hat gar keinen Sinn,—vorausgesetzt, daß nicht ein Instinkt der Verleumdung, Verkleinerung, Verdächtigung des Lebens in uns mächtig ist: im letzteren Falle rächen wir uns am Leben mit der Phantasmagorie eines “besseren Lebens” ...

4. Die Welt scheiden in eine “wahre” und eine “scheinbare” ist eine Suggestion der décadence:—den Schein höher zu schätzen als die Realität, wie es der Künstler thut, ist kein Einwand dagegen. Denn der Schein bedeutet hier nur diese Realität noch einmal in der Auswahl, Verstärkung, Correktur ... Oder giebt es pessimistische Künstler?— Ist der tragische Künstler Pessimist? ...

14 [169]

1.Die wahre und die scheinbare Welt.
2.Der Philosoph als Typus der décadence.
3.Der religiöse Mensch als Typus der décadence.
4.Der gute Mensch als Typus der décadence.
5.Die Gegenbewegung: die Kunst.
Problem des Tragischen.
6.Das Heidnische in der Religion.
7.Die Wissenschaft gegen Philosophie.
8.Politica.
9.Kritik der Gegenwart.
10.Der Nihilismus und sein Gegenbild: die Wiederkünftigen.
11.Der Wille zur Macht.
  
1)Gesetzt, sie ist mehr werth, warum sollte sie mehr real sein als diese?
... ist die Realität eine Qualität der Vollkommenheit?— Aber das ist ja der ontologische Beweis Gottes ...
2)Gesetzt aber, sie ist wahr, so könnte sie weniger werth sein als unsere Welt ...

14 [170]

Die Gegenbewegungen: die Kunst.

Es sind die Ausnahme-Zustände, die den Künstler bedingen: alle die mit krankhaften Erscheinungen tief verwandt und verwachsen sind: so daß es nicht möglich scheint, Künstler zu sein und nicht krank zu sein.

Die physiologischen Zustände, welche im Künstler gleichsam zur “Person” gezüchtet sind, die an sich in irgend welchem Grade dem Menschen überhaupt anhaften:

1. der Rausch: das erhöhte Machtgefühl; die innere Nöthigung, aus den Dingen einen Reflex der eigenen Fülle und Vollkommenheit zu machen —

2. die extreme Schärfe gewisser Sinne: so daß sie eine ganz andere Zeichensprache verstehen—und schaffen ...— dieselbe, die mit manchen Nervenkrankheiten verbunden erscheint—die extreme Beweglichkeit, aus der eine extreme Mittheilsamkeit wird; das Redenwollen alles dessen, was Zeichen zu geben weiß ... ein Bedürfniß, sich gleichsam loszuwerden durch Zeichen und Gebärden; Fähigkeit von sich durch hundert Sprachmittel zu reden ... ein explosiver Zustand—man muß sich diesen Zustand zuerst als Zwang und Drang denken, durch alle Art Muskelarbeit und Beweglichkeit die Exuberanz der inneren Spannung loszuwerden: sodann als unfreiwillige Coordination dieser Bewegung zu den inneren Vorgängen (Bildern, Gedanken, Begierden)—als eine Art Automatismus des ganzen Muskelsystems unter dem Impuls von Innen wirkender starker Reize—Unfähigkeit, die Reaktion zu verhindern: der Hemmungsapparat gleichsam ausgehängt. Jede innere Bewegung (Gefühl, Gedanke, Affekt) ist begleitet von Vaskular-Veränderungen und folglich von Veränderungen der Farbe, der Temperatur, der Sekretion: die suggestive Kraft der Musik, ihre “suggestion mentale”;

3. das Nachmachen-Müssen: eine extreme Irritabilität, bei der sich ein gegebenes Vorbild contagiös mittheilt,—ein Zustand wird nach Zeichen schon errathen und dargestellt ... Ein Bild, innerlich auftauchend, wirkt schon als Bewegung der Glieder ... eine gewisse Willens-Aushängung ... (Schopenhauer!!!!)

Eine Art Taubsein, Blindsein nach außen hin,—das Reich der zugelassenen Reize ist scharf umgrenzt —

* * *

Dies unterscheidet den Künstler vom Laien (dem künstlerisch-Empfänglichen): letzterer hat im Aufnehmen seinen Höhepunkt von Reizbarkeit; ersterer im Geben—dergestalt, daß ein Antagonismus dieser beiden Begabungen nicht nur natürlich, sondern wünschenswerth ist. Jeder dieser Zustände hat eine umgekehrte Optik,—vom Künstler verlangen, daß er sich die Optik des Zuhörers (Kritikers,—) einübe, heißt verlangen, daß er sich und seine spezifische Kraft verarme ... Es ist hier wie bei der Differenz der Geschlechter: man soll vom Künstler, der giebt, nicht verlangen, daß er Weib wird—daß er “empfängt” ...

Unsere Aesthetik war insofern bisher eine Weibs-Aesthetik, als nur die Empfänglichen für Kunst ihre Erfahrungen “was ist schön?” formulirt haben. In der ganzen Philosophie bis heute fehlt der Künstler ... Das ist, wie das Vorhergehende andeutete, ein nothwendiger Fehler; denn der Künstler, der anfienge wieder sich zu begreifen, würde sich damit vergreifen—er hat nicht zurück zu sehen, er hat überhaupt nicht zu sehen, er hat zu geben— Es ehrt einen Künstler, der Kritik unfähig zu sein ... andernfalls ist er halb und halb, ist er “modern”...

14 [171]

Religion als décadence

der Schlaf als Folge jeder Erschöpfung, die Erschöpfung als Folge jeder übermäßigen Reizung ...

das Bedürfniß nach Schlaf, die Vergöttlichung und Adoration selbst des Begriffs “Schlaf” in allen pessimistischen Religionen und Philosophien —

die Erschöpfung ist in diesem Fall eine Rassen-Erschöpfung; der Schlaf, physiologisch genommen, nur ein Gleichniß eines viel tieferen und längeren Ruhen-Müssens ... In praxi ist es der Tod, der hier unter dem Bilde seines Bruders, des Schlafes, so verführerisch wirkt ...

14 [172]

Die religiöse Monomanie erscheint gewöhnlich in der Form der folie circulaire, mit zwei contradiktorischen Zuständen, dem der Depression und dem der Tonicität.

Féré p 123. [Vgl. Charles Féré, Sensation et mouvement. Etudes expérimentales de psycho-mécanique. Paris: Alcan, 1887:123. Kap. 19, "Rapports de l'état psychique avec l'état somatique": "Cette corrélation entre l'état somatique et l'état psychique est surtout saisissante chez les individus atteints de formes atténuées de folie circulaire et qui sont sujets à des périodes alternantes de dépression et d'excitation."]

14 [173]

Der Wille zur Macht als Leben

Psychologie des Willens zur Macht.

Lust Unlust

Der Schmerz ist etwas Anderes als die Lust,—ich will sagen, er ist nicht deren Gegentheil. Wenn das Wesen der Lust zutreffend bezeichnet worden ist als ein Plus-Gefühl von Macht (somit als ein Differenz-Gefühl, das die Vergleichung voraussetzt), so ist damit das Wesen der Unlust noch nicht definirt. Die falschen Gegensätze, an die das Volk und folglich die Sprache glaubt, sind immer gefährliche Fußfesseln für den Gang der Wahrheit gewesen. Es giebt sogar Fälle, wo eine Art Lust bedingt ist durch eine gewisse rhythmische Abfolge kleiner Unlust-Reize: damit wird ein sehr schnelles Anwachsen des Machtgefühls, des Lustgefühls erreicht. Dies ist der Fall z.B. beim Kitzel, auch beim geschlechtlichen Kitzel im Akt des coitus: wir sehen dergestalt die Unlust als Ingredienz der Lust thätig. Es scheint, eine kleine Hemmung, die überwunden wird und der sofort wieder eine kleine Hemmung folgt, die wieder überwunden wird—dieses Spiel von Widerstand und Sieg regt jenes Gesammtgefühl von überschüssiger überflüssiger Macht am stärksten an, das das Wesen der Lust ausmacht.— Die Umkehrung, eine Vermehrung der Schmerzempfindung durch kleine eingeschobene Lustreize, fehlt: Lust und Schmerz sind eben nichts Umgekehrtes.— Der Schmerz ist ein intellektueller Vorgang, in dem entschieden ein Urtheil laut wurde,—das Urtheil “schädlich”, in dem sich lange Erfahrung aufsummirt hat. An sich giebt es keinen Schmerz. Es ist nicht die Verwundung, die weh thut; es ist die Erfahrung, von welchen schlimmen Folgen eine Verwundung für den Gesammt-Organismus sein kann, welche in Gestalt jener tiefen Erschütterung redet, die Unlust heißt (bei schädigenden Einflüssen, welche der älteren Menschheit unbekannt geblieben sind, z.B. von Seiten neu combinirter giftiger Chemikalien, fehlt auch die Aussage des Schmerzes,—und wir sind verloren ...) Im Schmerz ist das eigentlich Spezifische immer die lange Erschütterung, das Nachzittern eines schreckenerregenden choc’s in dem cerebralen Heerde des Nervensystems:—man leidet eigentlich nicht an der Ursache des Schmerzes (irgend einer Verletzung zum Beispiel), sondern an der langen Gleichgewichtsstörung, welche in Folge jenes choc’s eintritt. Der Schmerz ist eine Krankheit der cerebralen Nervenheerde—die Lust ist durchaus keine Krankheit ...— Daß der Schmerz die Ursache ist zu Gegenbewegungen, hat zwar den Augenschein und sogar das Philosophen-Vorurtheil für sich; aber in plötzlichen Fällen kommt, wenn man genau beobachtet, die Gegenbewegung ersichtlich früher als die Schmerzempfindung. Es stünde schlimm um mich, wenn ich bei einem Fehltritt zu warten hätte, bis das Faktum an die Glocke des Bewußtseins schlüge und ein Wink, was zu thun ist, zurücktelegraphirt würde ... Vielmehr unterscheide ich so deutlich als möglich, daß erst die Gegenbewegung des Fußes, um den Fall zu verhüten, folgt und dann, in einer meßbaren Zeitdistanz, eine Art schmerzhafter Welle plötzlich im vorderen Kopfe fühlbar wird. Man reagirt also nicht auf den Schmerz. Der Schmerz wird nachher projicirt in die verwundete Stelle:—aber das Wesen dieses Lokal-Schmerzes bleibt trotzdem nicht der Ausdruck der Art der Lokal-Verwundung, es ist ein bloßes Ortszeichen, dessen Stärke und Tonart der Verwundung gemäß ist, welches die Nerven-Centren davon empfangen haben. Daß in Folge jenes choc’s die Muskelkraft des Organismus meßbar heruntergeht, giebt durchaus noch keinen Anhalt dafür, das Wesen des Schmerzes in einer Verminderung des Machtgefühls zu suchen ... Man reagirt, nochmals gesagt, nicht auf den Schmerz: die Unlust ist keine “Ursache” von Handlungen, der Schmerz selbst ist eine Reaktion, die Gegenbewegung ist eine andere und frühere Reaktion,—beide nehmen von verschiedenen Stellen ihren Ausgangspunkt. —

14 [174]

[Vgl. William Henry Rolph, Biologische Probleme: zugleich als Versuch zur Entwicklung einer rationellen Ethik. Leipzig: Engelmann, 1884:60-68, 122-29, 176-77.]

Der Wille zur Macht als Leben

Der Mensch sucht nicht die Lust und vermeidet nicht die Unlust: man versteht, welchem berühmten Vorurtheile ich hiermit widerspreche. Lust und Unlust sind bloße Folge, bloße Begleiterscheinung,—was der Mensch will, was jeder kleinste Theil eines lebenden Organismus will, das ist ein plus von Macht. Im Streben danach folgt sowohl Lust als Unlust; aus jenem Willen heraus sucht er nach Widerstand, braucht er etwas, das sich entgegenstellt. Die Unlust, als Hemmung seines Willens zur Macht, ist also ein normales Faktum, das normale Ingredienz jedes organischen Geschehens, der Mensch weicht ihr nicht aus, er hat sie vielmehr fortwährend nöthig: jeder Sieg, jedes Lustgefühl, jedes Geschehen setzt einen überwundenen Widerstand voraus.

Nehmen wir den einfachsten Fall, den der primitiven Ernährung: das Protoplasma streckt seine Pseudopodien aus, um nach etwas zu suchen, was ihm widersteht—nicht aus Hunger, sondern aus Willen zur Macht. Darauf macht es den Versuch, dasselbe zu überwinden, sich anzueignen, sich einzuverleiben:—das, was man “Ernährung” nennt, ist bloß eine Folge-Erscheinung, eine Nutzanwendung jenes ursprünglichen Willens, stärker zu werden

Es ist nicht möglich, den Hunger als primum mobile zu nehmen: ebenso wenig als die Selbsterhaltung: der Hunger als Folge der Unterernährung aufgefaßt, heißt: der Hunger als Folge eines nicht mehr Herr werdenden Willens zur Macht

die Zweiheit als Folge einer zu schwachen Einheit



es handelt sich durchaus nicht um eine Wiederherstellung eines Verlustes,—erst spät, in Folge Arbeitstheilung, nachdem der Wille zur Macht ganz andere Wege zu seiner Befriedigung einschlagen lernt, wird das Aneignungsbedürfniß des Organismus reduzirt auf den Hunger, auf das Wiederersatzbedürfniß des Verlorenen.



Die Unlust hat also so wenig nothwendig eine Verminderung unseres Machtgefühls zur Folge, daß, in durchschnittlichen Fällen, sie gerade als Reiz auf dieses Machtgefühl wirkt,—das Hemmniß ist der Stimulus dieses Willens zur Macht.

Man hat die Unlust verwechselt mit einer Art der Unlust, mit der der Erschöpfung: letztere stellt in der That eine tiefe Verminderung und Herabstimmung des Willens zur Macht, eine meßbare Einbuße an Kraft dar. Das will sagen: Unlust als Reizmittel zur Verstärkung der Macht und Unlust nach einer Vergeudung von Macht; im ersteren Fall ein stimulus, im letzteren die Folge einer übermäßigen Reizung ... Die Unfähigkeit zum Widerstand ist der letzteren Unlust zu eigen: die Herausforderung des Widerstehenden gehört zur ersteren ... Die Lust welche im Zustande der Erschöpfung allein noch empfunden wird, ist das Einschlafen; die Lust im anderen Fall ist der Sieg ...



Die große Verwechslung der Psychologen bestand darin, daß sie diese beiden Lustarten die des Einschlafens und die des Sieges nicht auseinanderhielten

die Erschöpften wollen Ruhe, Gliederausstrecken, Frieden, Stille —

es ist das Glück der nihilistischen Religionen und Philosophien

die Reichen und Lebendigen wollen Sieg, überwundene Gegner, Überströmen des Machtgefühls über weitere Bereiche als bisher:

alle gesunden Funktionen des Organismus haben dies Bedürfniß,—und der ganze Organismus, bis zum Alter der Pubertät, ist ein solcher nach Wachsthum von Machtgefühlen ringender Complex von Systemen - - -

14 [175]

Plato: — — —

aber Manu sagt: der Akt, durch den die Seele nach dem Unbekannten aspirirt, ist eine Erinnerung an das Swarga, von dem sie eine Spur zurückbehalten hat, wie man oft unsicher beim Erwachen die Bilder sieht, die uns in den Träumen getroffen haben [Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876:464.]

14 [176]

Alcoholismus.

Der Brahmane, der sich berauscht, in Vergessenheit der göttlichen Substanz, aus der seine Person gebildet ist, sinkt zum Rang des unreinen Sudra hinab.

Der dwidja, der sich gegorenen Getränken hingiebt, wird durch ihr Feuer innerlich verbrannt werden. Er reinige sich, indem er kochenden Urin der Kühe trinkt [Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876:446.]

14 [177]

Möge er eine Kuh retten: diese verdienstliche Handlung sühnt den Mord eines Brahmanen. [Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876:445.]

14 [178]

Priester

— Der Brahmane ist eine Autorität in dieser Welt und in der anderen; der Brahmane ist ein Objekt der Verehrung für die Götter.

Der Mörder einer Kuh soll drei Monate bedeckt bleiben mit der Haut dieser Kuh und dann drei Monate im Dienste eines Kuhhirten zubringen. Dann soll er den Brahmanen zehn Kühe und einen Stier zum Geschenk [machen] oder besser noch, Alles, was er besitzt: dann ist sein Fehler gebüßt.

Wer einen Beschnittenen tödtet, reinigt sich durch eine einfache Darbringung (während überhaupt ein Thier tödten sechs Monate Pönitenz im Wald, mit Wachsenlassen von Bart und Haar fordert.) [Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876:446, 448, 450.]

14 [179]

Von der christlichen Praxis.

Der Mensch kannte sich nicht physiologisch, die ganze Kette der Jahrtausende entlang: er kennt sich auch heute noch nicht. Zu wissen z.B., daß man ein Nervensystem habe (—aber keine “Seele”) bleibt immer noch das Vorrecht der Unterrichtetsten. Aber der Mensch beargwöhnt sich nicht, hier nicht zu wissen;—man muß sehr human sein, um zu sagen “ich weiß das nicht”, um sich Ignoranzen zu gönnen ... gesetzt, er leidet oder er ist in guter Laune, so zweifelt er nicht, den Grund dafür zu finden, wenn er nur sucht. Also sucht er ihn ... In Wahrheit kann er den Grund nicht finden, weil er nicht einmal argwöhnt, wo er zu suchen hätte ... Was geschieht? ... Er nimmt eine Folge seines Zustandes als dessen Ursache

z.B. ein Werk, in guter Laune unternommen (im Grunde unternommen, weil schon die gute Laune Muth dazu gab) geräth: ecco, das Werk ist der Grund, zur guten Laune ...

Thatsächlich war wiederum das Gelingen bedingt durch dasselbe, was die gute Laune bedingte,—durch die glückliche Coordination der physiologischen Kräfte und Systeme

Er befindet sich schlecht: und folglich wird er mit einer Sorge, einem Skrupel, einer Selbst-Kritik nicht fertig ... In Wahrheit glaubt der Mensch, sein schlechter Zustand sei die Folge seines Skrupels, seiner “Sünde”, seiner “Selbstkritik” ...

Aber der Zustand der Wiederherstellung, oft nach einer tiefen Erschöpfung und Prostration, kehrt zurück. “Wie ist das möglich, daß ich so frei, so gelöst bin? Das ist ein Wunder, das kann nur Gott mir gethan haben” Schluß: “er hat mir meine Sünde vergeben” ...

Daraus ergiebt sich eine Praktik: um Sündengefühle anzuregen, um Zerknirschungen vorzubereiten, hat man den Körper in einen krankhaften und nervösen Zustand zu bringen. Die Methodik dafür ist bekannt. Wie billig, argwöhnt man nicht, die causale Logik der Thatsachen—man hat eine religiöse Deutung für die Kasteiung des Fleisches, sie erscheint als Zweck an sich, während sie sich nur als Mittel ergiebt, um jene krankhafte Indigestion der Reue möglich zu machen (die “Idée fixe” der Sünde, die Hypnotisirung der Henne durch den Strich “Sünde”)

Die Mißhandlung des Leibes erzeugt den Boden für die Reihe der “Schuldgefühle” ... d.h. ein allgemeines Leiden, das erklärt sein wird ...

Andrerseits ergiebt sich ebenso die Methodik der “Erlösung”: man hat jede Ausschweifung des Gefühls durch Gebete, Bewegungen, Gebärden, Schwüre herausgefordert,—die Erschöpfung folgt, oft jäh, oft unter epileptischer Form. Und, hinter dem Zustand tiefer Somnolenz kommt der Schein der Genesung—religiös geredet: “Erlösung”

14 [180]

der Muhammedanismus, als eine Religion für Männer, hat eine tiefe Verachtung für die Sentimentalität und Verlogenheit des Christenthums ... einer Weibs-Religion, als welche er sie fühlt —

14 [181]

[Vgl. Charles Féré, Dégénéréscence et criminalité. Essai physiologique. Paris: Alcan, 1888. HAAB Exemplar.]

Der religiöse Mensch als Typus der décadence

die religiösen Zustände in ihrer Verwandtschaft mit dem Irrsinn, mit der Neurasthenie

der Zeitpunkt, wo die religiöse Krisis ein Volk ergreift—historisch —

die Phantasie des religiösen Menschen als die Phantasie des Entnervten und Überreizten

die “moralische Nervösität” des Christen.



Wir haben jetzt die Aufgabe, das schwierige nicht nur uns zweideutige Phänomen des Christenthums darzustellen.



Das ganze christliche Buß- und Erlösungs-training kann aufgefaßt [werden] als eine willkürlich erzeugte folie circulaire; wie billig nur in bereits prädestinirten (nämlich morbid angelegten) Individuen erzeugbar.

14 [182]

Warum die Schwachen siegen.

In summa: die Kranken und Schwachen haben mehr Mitgefühl, sind “menschlicher” —

: die Kranken und Schwachen haben mehr Geist, sind wechselnder, vielfacher, unterhaltender,—boshafter: die Kranken allein haben die Bosheit erfunden.

(eine krankhafte Frühreife häufig bei Rhachitischen, Skrofulosen und Tuberkulosen.—)

esprit: Eigenthum später Rassen (Juden, Franzosen, Chinesen) Die Antisemiten vergeben es den Juden nicht, daß die Juden “Geist” haben—und Geld: der Antisemitismus, ein Name der “Schlechtweggekommenen”)

: der Narr und der Heilige—die zwei interessantesten Arten Mensch ...

in enger Verwandtschaft das “Genie” die großen “Abenteurer und Verbrecher”

: die Kranken und Schwachen haben die Fascination für sich gehabt, sie sind interessanter als die Gesunden

und alle Menschen, die gesündesten voran, sind gewisse Zeiten ihres Lebens krank:—die großen Gemüthsbewegungen, die Leidenschaft der Macht, die Liebe, die Rache sind von tiefen Störungen begleitet ...

Und was die décadence betrifft: so stellt sie jeder Mensch, der nicht zu früh stirbt, in jedem Sinne beinahe dar:—er kennt also auch die Instinkte, welche zu ihr gehören, aus Erfahrung —

: für die Hälfte fast jedes Menschenlebens ist der Mensch décadent.

Endlich: das Weib! die Eine Hälfte der Menschheit ist schwach, typisch-krank, wechselnd, unbeständig—das Weib braucht die Stärke, um sich an sie zu klammern,—und eine Religion der Schwäche, welche es als göttlich verherrlicht, schwach [zu] sein, zu lieben, demüthig zu sein ...

oder, besser, es macht die Starken schwach,—es herrscht, wenn es gelingt, die Starken zu überwältigen ...

das Weib hat immer mit den Typen der décadence, den Priestern zusammen conspirirt gegen die “Mächtigen”, die “Starken”, die Männer

das Weib bringt die Kinder bei Seite für den Cultus der Pietät, des Mitleids, der Liebe—die Mutter repräsentirt den Altruismus überzeugend ...

Endlich: die zunehmende Civilisation, die zugleich nothwendig auch die Zunahme der morbiden Elemente, des Neurotisch-Psychiatrischen und des Criminalistischen mit sich bringt ...

eine Zwischen-species entsteht, der Artist, von der Criminalität der That durch Willensschwäche und sociale Furchtsamkeit abgetrennt, insgleichen noch nicht reif für das Irrenhaus, aber mit seinen Fühlhörnern in beide Sphären neugierig hineingreifend: diese spezifische Cultur-Pflanze, der moderne Artist, Maler, Musiker, vor allem romancier, der für seine Art zu sein das sehr uneigentliche Wort “naturalisme” handhabt ...

Die Irren, die Verbrecher und die “Naturalisten” nehmen zu: Zeichen einer wachsenden und jäh vorwärts eilenden Cultur—das heißt der Ausschuß, der Abfall, die Auswurfstoffe gewinnen Importanz,—das Abwärts hält Schritt ...

Endlich: der sociale Mischmasch, Folge der Revolution, der Herstellung gleicher Rechte, des Aberglaubens an “gleiche Menschen”. Dabei mischen sich die Träger der Niedergangs-Instinkte (des ressentiment, der unzufriedenheit, des Zerstörer-Triebs, des Anarchismus und Nihilismus), eingerechnet der Sklaven-Instinkte, der Feigheits-, Schlauheits- und Canaillen-Instinkte der lange unten gehaltenen Schichten in alles Blut aller Stände hinein: zwei, drei Geschlechter darauf ist die Rasse nicht mehr zu erkennen—Alles ist verpöbelt. Hieraus resultirt ein Gesammtinstinkt gegen die Auswahl, gegen das Privilegium jeder Art, von einer Macht und Sicherheit, Härte, Grausamkeit der Praxis, daß in der That sich alsbald selbst die Privilegirten unterwerfen:

— was noch Macht festhalten will, schmeichelt dem Pöbel, muß den Pöbel auf seiner Seite haben —

die “Genies” voran: sie werden Herolde der Gefühle, mit denen man Massen begeistert—die Note des Mitleids, der Ehrfurcht selbst vor Allem, was leidend, niedrig, verachtet, verfolgt gelebt hat, klingt über alle anderen Noten weg (Typen: V[ictor]. Hugo und R[ichard]. Wagner).

die Heraufkunft des Pöbels bedeutet noch einmal die Heraufkunft der alten Werthe ...

* *

Bei einer solchen extremen Bewegung in Hinsicht auf tempo und Mittel, wie sie unsere Civilisation darstellt, verlegt sich das Schwergewicht der Menschen: der Menschen, auf die [es] am meisten ankommt, die es gleichsam auf sich haben, die ganze große Gefahr einer solchen krankhaften Bewegung zu compensiren;—es werden die Verzögerer par excellence, die Langsam-Aufnehmenden, die Schwer-Loslassenden, die Relativ-Dauerhaften inmitten dieses ungeheuren Wechselns und Mischens von Elementen sein. Das Schwergewicht fällt unter solchen Umständen nothwendig den Mediokren zu: gegen die Herrschaft des Pöbels und der Excentrischen (beide meist verbündet) consolidirt sich die Mediokrität, als die Bürgschaft und Trägerin der Zukunft. Daraus erwächst für die Ausnahme-Menschen ein neuer Gegner—oder aber eine neue Verführung. Gesetzt, daß sie sich nicht dem Pöbel anpassen und dem Instinkte der “Enterbten” zu Gefallen Lieder singen, werden sie nöthig haben, “mittelmäßig” und “gediegen” zu sein. Sie wissen: die mediocritas ist auch aurea,—sie allein sogar verfügt über Geld und Gold (—über Alles was glänzt ...) ... Und noch einmal gewinnt die alte Tugend, und überhaupt die ganze verlebte Welt des Ideals eine begabte Fürsprecherschaft ... Resultat: die Mediokrität bekommt Geist, Witz, Genie,—sie wird unterhaltend, sie verführt ...

* *

Resultat. Ich sage noch ein Wort von der dritten Kraft. Das Handwerk, der Handel, der Ackerbau, die Wissenschaft, ein großer Theil der Kunst—das Alles kann nur stehen auf einem breiten Boden, auf einer stark und gesund consolidirten Mittelmäßigkeit. In ihrem Dienste  und  von  ihr  bedient  arbeitet  die  Wissenschaft—und  selbst  die  Kunst. Die W[issenschaft] kann es sich nicht besser wünschen: sie gehört als solche zu einer mittleren Art Mensch,—sie ist deplacirt unter Ausnahmen,—sie hat nichts Aristokratisches und noch weniger etwas Anarchistisches in ihren Instinkten.— Die Macht der Mitte wird sodann aufrecht gehalten durch den Handel, vor allem den Geldhandel: der Instinkt der Großfinanciers geht gegen alles Extreme,—die Juden sind deshalb einstweilen die conservirendste Macht in unserem so bedrohten und unsicheren Europa. Sie können weder Revolutionen brauchen, noch Socialismus, noch Militarismus: wenn sie Macht haben wollen und brauchen auch über die revolutionäre Partei, so ist dies nur eine Folge des Vorhergesagten und nicht im Widerspruch dazu. Sie haben nöthig, gegen andere extreme Richtungen gelegentlich Furcht zu erregen—dadurch daß sie zeigen, was Alles in ihrer Hand steht. Aber ihr Instinkt selbst ist unwandelbar conservativ—und “mittelmäßig” ... Sie wissen überall, wo es Macht giebt, mächtig zu sein: aber die Ausnützung ihrer Macht geht immer in Einer Richtung. Das Ehren-Wort für mittelmäßig ist bekannt[lich] das Wort “liberal” ...

etwas, das nicht witzig und nicht einmal wahr ist ...



Besinnung.— Es ist unsinnig, voraus[zu]setzen, daß dieser ganze Sieg der Werthe antibiologisch sei: man muß suchen, ihn zu erklären aus einem Interesse des Lebens

die Aufrechterhaltung des Typus “Mensch” selbst durch diese Methodik der Überherrschaft der Schwachen und Schlechtweggekommenen —

: im anderen Falle existirte der Mensch nicht mehr?

Problem - - -

Die Steigerung des Typus verhängnißvoll für die Erhaltung der Art?

warum?

die Erfahrungen der Geschichte:

die starken Rassen dezimiren sich gegenseitig: Krieg, Machtbegierde, Abenteuer; ihre Existenz ist kostspielig, kurz,—sie reiben sich unter einander auf —

die starken Affekte: die Vergeudung—es wird Kraft nicht mehr kapitalisirt ...

die geistige Störung, durch die übertriebene Spannung—es treten Perioden tiefer Abspannung und Schlaffheit ein alle großen Zeiten werden bezahlt ...

die Starken sind hinterdrein schwächer, willenloser, absurder als die durchschnittlich-Schwachen

Es sind verschwenderische Rassen. —

Die “Dauer” an sich hätte ja keinen Werth: man möchte wohl eine kürzere, aber werthreichere Existenz der Gattung vorziehen.

Es bliebe übrig, zu beweisen, daß selbst so ein reicherer Werthertrag erzielt würde, als im Fall der kürzeren Existenz.

d.h. der Mensch als Aufsummirung von Kraft gewinnt ein viel höheres Quantum von Herrschaft über die Dinge, wenn es so geht, wie es geht ...

Wir stehen vor einem Problem der Oekonomie - - -

14 [183]

Ich gebe meine Argumentation in allen wesentlichen Schritten, Punkt für Punkt. Mit etwas Logik in dem Leibe und einer mir verwandten Energie, mit einem Muth zu dem, was man eigentlich weiß ... hätte man diese Argumentation auch schon meinen früheren Schriften entnehmen können. Man hat das Umgekehrte gethan und sich darüber beschwert, daß es denselben an Consequenz fehle: dieses Mischmasch-Gesindel von heute wagt das Wort Consequenz in den Mund zu nehmen!

14 [184]

die “Scheinbarkeit” = spezifische Aktions-Reaktions-thätigkeit

die scheinbare Welt d.h. eine Welt, nach Werthen angesehen, geordnet, ausgewählt nach Werthen d.h. in diesem Falle nach dem Nützlichkeits-Gesichtspunkt in Hinsicht auf die Erhaltung und Macht-Steigerung einer bestimmten Gattung von Animal.

das Perspektivische also giebt den Charakter der “Scheinbarkeit” ab!

Als ob eine Welt noch übrig bliebe, wenn man das Perspektivische abrechnete! Damit hätte man ja die Relativität abgerechnet, das —

jedes Kraftcentrum hat für den ganzen Rest seine Perspektive d.h. seine ganz bestimmte Werthung, seine Aktions-Art, seine Widerstandsart

Die “scheinbare Welt” reduzirt sich als[o] auf eine spezifische Art von Aktion auf die Welt, ausgehend von einem Centrum

Nun giebt es gar keine andere Art Aktion: und die “Welt” ist nur ein Wort für das Gesammtspiel dieser Aktionen

Die Realität besteht exakt in dieser Partikulär-Aktion und Reaktion jedes Einzelnen gegen das Ganze ...

Es bleibt kein Schatten von Recht mehr übrig, hier von Schein zu reden ...

Die spezifische Art zu reagiren ist die einzige Art des Reagirens: wir wissen nicht wie viele und was für Arten es Alles giebt.

Aber es giebt kein “anderes”, kein “wahres”, kein wesentliches Sein—damit würde eine Welt ohne Aktion und Reaktion ausgedrückt sein ...

Der Gegensatz der scheinbaren Welt und der wahren Welt reduzirt sich auf den Gegensatz “Welt” und “Nichts” —

14 [185]

Moral

Daß der Werth einer Handlung von dem abhängen soll, was ihr im Bewußtsein vorausgieng—wie falsch ist das!— Und man hat die Moralität danach bemessen, selbst die Criminalität ...

Man hat gemeint, man müsse ihre Folgen wissen: und die naiven Psych[ologen] von ehedem sagten — — —

Der Werth einer Handlung muß aus ihren Folgen bemessen werden—sagen die Utilitarier:—sie nach ihrer Herkunft zu messen, implicirt eine Unmöglichkeit, nämlich diese zu wissen.

Aber weiß man die Folgen? Fünf Schritt weit vielleicht. Wer kann sagen, was eine Handlung anregt, aufregt, wider sich erregt? Als Stimulans? als Zündfunke vielleicht für einen Explosivstoff? ... Die Utilitarier sind naiv ... Und zuletzt müßten wir erst wissen, was nützlich ist: auch hier geht ihr Blick nur fünf Schritt weit... Sie haben keinen Begriff von der großen Ökonomie, die des Übels nicht zu entrathen weiß—.

Man weiß die Herkunft nicht, und weiß die Folgen nicht:—hat folglich eine Handlung überhaupt einen Werth? ...

Bleibt die Handlung selbst: ihre Begleiterscheinungen im Bewußtsein, das Ja und das Nein, das ihrer Ausführung folgt: liegt der Werth einer Handlung in den subjektiven Begleiterscheinungen—? Sicherlich begleiten sie Werthgefühle, ein Macht- ein Zwang- ein Ohnmachtgefühl z.B., die Freiheit, die Leichtigkeit, anders gefragt: könnte man den Werth einer Handlung auf physiologische Werthe reduziren: ob sie ein Ausdruck des vollständigen oder gehemmten Lebens ist? der biologische Werth einer Handlung?

ist es erlaubt, ihren Werth nach Begleiterscheinungen abzumessen, nach Lust und Unlust, dem Spiel der Affekte, dem Gefühl der Entladung, Explosion, Freiheit ...

es mag sein, daß sich ihr biologischer Werth darin ausdrückt ...

das hieße den Werth der Musik nach dem Vergnügen oder Mißvergnügen abmessen, das sie uns macht ... das sie ihrem Componisten macht ...

Wenn also die Handlung weder nach ihrer Herkunft, noch nach ihren Folgen, noch nach ihren Begleiterscheinungen abwerthbar ist, so ist ihr Werth x, unbekannt ...

Also: hat eine Handlung keinen Werth.

In summa, in der Sprache des Kirchenliedes: “Kreuch fleug und schleich auf Gottes Wegen”

14 [186]

Philosophie

Die Physiker glauben an eine “wahre Welt” auf ihre Art: eine feste, für alle Wesen gleiche Atom-Systematisation in nothwendigen Bewegungen,—so daß für sie die “scheinbare Welt” sich reduzirt auf die jedem Wesen nach seiner Art zugängliche Seite des allgemeinen und allgemein nothwendigen Seins (zugänglich und auch noch zurechtgemacht—“subjektiv” gemacht) Aber damit verirren sie sich: das Atom, das sie ansetzen, ist erschlossen nach der Logik jenes Bewußtseins-Perspektivism,—ist somit auch selbst eine subjektive Fiktion. Dieses Weltbild, das sie entwerfen, ist durchaus nicht wesensverschieden von dem Subjektiv-Weltbild: es ist nur mit weitergedachten Sinnen construirt, aber durchaus mit unseren Sinnen ... Und zuletzt haben sie in der Constellation etwas ausgelassen, ohne es zu wissen: eben den nothwendigen Perspektivismus, vermöge dessen jedes Kraftcentrum—und nicht nur der Mensch—von sich aus die ganze übrige Welt construirt d.h. an seiner Kraft mißt, betastet, gestaltet ... Sie haben vergessen, diese Perspektiven-setzende Kraft in das “wahre Sein” einzurechnen ... In der Schulsprache geredet: das Subjekt-sein. Sie meinen, dies sei “entwickelt”, hinzugekommen —

Aber noch der Chemiker braucht es: es ist ja das Spezifisch-Sein, das bestimmt So-und-So-Agiren und -Reagiren, je nachdem

Der Perspektivismus ist nur eine complexe Form der Spezifität

Meine Vorstellung ist, daß jeder spezifische Körper darnach strebt, über den ganzen Raum Herr zu werden und seine Kraft auszudehnen (—sein Wille zur Macht:) und Alles das zurückzustoßen, was seiner Ausdehnung widerstrebt. Aber er stößt fortwährend auf gleiche Bestrebungen anderer Körper und endet, sich mit denen zu arrangiren (“vereinigen”), welche ihm verwandt genug sind:—so conspiriren sie dann zusammen zur Macht. Und der Prozeß geht weiter ...

14 [187]

Philosophie

Es giebt nichts Unveränderliches in der Chemie, das ist nur Schein, ein bloßes Schulvorurtheil. Wir haben das Unveränderliche eingeschleppt, immer noch aus der Metaphysik, meine Herren Physiker. Es ist ganz naiv von der Oberfläche abgelesen, zu behaupten, daß der Diamant, der Graphit und die Kohle identisch sind. Warum? Bloß weil man keinen Substanz-Verlust durch die Wage constatiren kann! Nun gut, damit haben sie noch etwas gemein, aber die Molekül-Arbeit bei der Verwandlung, die wir nicht sehen und wägen können, macht eben aus dem einen Stoff etwas Anderes,—mit spezifisch anderen Eigenschaften

14 [188]

Die neue Welt-Conception

1) Die Welt besteht; sie ist nichts, was wird, nichts, was vergeht. Oder vielmehr: sie wird, sie vergeht, aber sie hat nie angefangen zu werden und nie aufgehört zu vergehen—sie erhält sich in Beidem ... Sie lebt von sich selber: ihre Excremente sind ihre Nahrung ...

2) Die Hypothese einer geschaffenen Welt soll uns nicht einen Augenblick bekümmern. Der Begriff “schaffen” ist heute vollkommen undefinirbar, unvollziehbar; bloß ein Wort noch, rudimentär aus Zeiten des Aberglaubens; mit einem Wort erklärt man Nichts. Der letzte Versuch, eine Welt, die anfängt, zu concipiren, ist neuerdings mehrfach mit Hülfe einer logischen Prozedur gemacht worden—zumeist, wie zu errathen ist, aus einer theologischen Hinterabsicht

Die ewige Wiederkunft.

Philosophie

3) Man hat neuerdings mehrfach in dem Begriff Zeit-Unendlichkeit der Welt nach hinten einen Widerspruch finden gewollt: man hat ihn selbst gefunden, um den Preis freilich, dabei [den] Kopf mit dem Schwanz zu verwechseln. Nichts kann mich hindern, von diesem Augenblick an rückwärts rechnend zu sagen “ich werde nie dabei an ein Ende kommen”: wie ich vom gleichen Augenblick vorwärts rechnen kann, ins Unendliche hinaus. Erst wenn ich den Fehler machen wollte—ich werde mich hüten, es zu thun—diesen correkten Begriff eines regressus in infinitum gleichzusetzen mit einem gar nicht vollziehbaren Begriff eines unendlichen progressus bis jetzt, wenn ich die Richtung (vorwärts oder rückwärts) als logisch indifferent setzte, würde ich den Kopf, diesen Augenblick, als Schwanz zu fassen bekommen: das bleibe Ihnen überlassen, mein Herr Dühring! ...

4) Ich bin auf diesen Gedanken bei früheren Denkern gestoßen: jedes Mal war er durch andere Hintergedanken bestimmt (—meistens theologische, zu Gunsten des creator spiritus) Wenn die Welt überhaupt erstarren, vertrocknen, absterben, Nichts werden könnte, oder wenn sie einen Gleichgewichtszustand erreichen könnte, oder wenn sie überhaupt irgend ein Ziel hätte, das die Dauer, die Unveränderlichkeit, das Ein-für-alle-Mal in sich schlösse (kurz, metaphysisch geredet: wenn das Werden in das Sein oder ins Nichts münden könnte) so müßte dieser Zustand erreicht sein. Aber er ist nicht erreicht: woraus folgt ... Das ist unsere einzige Gewißheit, die wir in den Händen halten, um als Correktiv gegen eine große Menge an sich möglicher Welt-Hypothesen zu dienen. Kann z.B. der Mechanismus der Consequenz eines Finalzustandes nicht entgehen, welche Thompson ihm gezogen hat, so ist damit der Mechanismus widerlegt.

Philosophie

5) Wenn die Welt als bestimmte Größe von Kraft und als bestimmte Zahl von Kraftcentren gedacht werden darf—und jede andere Vorstellung bleibt unbestimmt und folglich unbrauchbar—so folgt daraus, daß sie eine berechenbare Zahl von Combinationen, im großen Würfelspiel ihres Daseins, durchzumachen hat. In einer unendlichen Zeit würde jede mögliche Combination irgendwann einmal erreicht sein; mehr noch, sie würde unendliche Male erreicht sein. Und da zwischen jeder “Combination” und ihrer nächsten “Wiederkehr” alle überhaupt noch möglichen Combinationen abgelaufen sein müßten und jede dieser Combinationen die ganze Folge der Combinationen in derselben Reihe bedingt, so wäre damit ein Kreislauf von absolut identischen Reihen bewiesen: die Welt als Kreislauf der sich unendlich oft bereits wiederholt hat und der sein Spiel in infinitum spielt.

Diese Conception ist nicht ohne weiteres eine mechanistische: denn wäre sie das, so würde sie nicht eine unendliche Wiederkehr identischer Fälle bedingen, sondern einen Finalzustand. Weil die Welt ihn nicht erreicht hat, muß der Mechanismus uns als unvollkommene und nur vorläufige Hypothese gelten.

14 [189]

Der Philosoph als Weiter-Entwicklung des priesterlichen Typus

— hat dessen Erbschaft im Leibe

— ist, selbst noch als Rivale, genöthigt, um dasselbe mit denselben Mitteln zu ringen, wie der Priester seiner Zeit.

— er aspirirt die höchste Autorität

was giebt Autorität, wenn man nicht die physische Macht in den Händen hat (keine Heere, keine Waffen überhaupt ...)?

wie gewinnt man namentlich die Autorität über die, welche die physische Gewalt und die Autorität besitzen?

sie concurriren mit der Ehrfurcht vor dem Fürsten, vor dem siegreichen Eroberer, dem weisen Staatsmann.

* *

Nur, indem sie den Glauben erwecken, eine höhere, stärkere Gewalt in den Händen zu haben,—Gott

Es ist Nichts stark genug: man hat die Vermittlung und die Dienste des Priesters nöthig.

Sie stellen sich als unentbehrlich dazwischen:—sie haben als Existenzbedingung nöthig,

1) daß an die absolute Überlegenheit ihres Gottes, daß an ihren Gott geglaubt wird

2) daß es keine anderen direkten Zugänge zu Gott giebt

Die zweite Forderung allein schafft den Begriff der “Heterodoxie”; die erste den des “Ungläubigen” (d.h. der an einen anderen Gott glaubt — ).

* *

Was ist denn am Philosophen rückständig?

Daß er seine Qualitäten als nothwendige und einzige Qualitäten lehrt, um zum “höchsten Gut” zu gelangen (z.B. Dialektik, wie Plato

Daß er alle Arten Mensch gradatim aufsteigen läßt zu seinem Typus als dem höchsten

Daß sie geringschätzen, was sonst geschätzt wird,—daß sie eine Kluft aufreißen [zwischen] den obersten priesterlichen Werthen und den weltlichen

daß er weiß, was wahr ist, was Gott ist, was das Ziel ist, was der Weg ist ... der typische Philosoph ist hier absolut Dogmatiker;—wenn er Skepsis nöthig hat, so ist es, um von seiner Hauptsache dogmatisch reden zu dürfen

14 [190]

[Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876:114-120.]

Das Problem der Unterdrückten

Ich sehe nicht ab, ob die Semiten nicht schon in sehr alten Zeiten unter der entsetzlichen Knechtschaft der Hindus gewesen sind: als Tschandala’s, so daß damals einige Eigenthümlichkeiten bereits festgewurzelt sind, die zum Typus des Geknechteten und Verachteten gehören (—wie später in Aegypten).

Später ennobliren sie sich, in dem Grade, in dem sie kriegerisch werden ... Und eigene Länder, eigene Götter sich erobern. Die semitische Götterbildung ist historisch zusammenfallend mit ihrem Eintritt in die Geschichte ...

Der “Geist”, die zähe Geduld, die verachteten Gewerbe

Der offizielle Begriff des Tschandala ist genau der eines Auswurfs und Excrements der vornehmen Classen ...

14 [191]

[Vgl. Victor Brochard, Les Sceptiques Grecs. Par Victor Brochard, maître de conférences suppléant à l'Ecole Normale Supérieure. Ouvrage couronné par l'Académie des sciences et politiques. Paris: Imprimerie Nationale, 1887:75.]

Plato ist ganz im Geiste Manu’s: man hat ihn in Aegypten eingeweiht. Die Moral der Kasten, der Gott der Guten, die “ewige einzige Seele”

— Plato der Brahmanist

— Pyrrho der Buddhist

copirt: der Typus des Philosophen.

die Kasten

die Trennung der Lehre in Esoterisch und Exoterisch

die “große Seele”

die Seelenwanderung als umgekehrter Darwinismus (—ist nicht griechisch)

14 [192]

BegriffEgoismus

Es gehört zum Begriff des Lebendigen, daß es wachsen muß,—daß es seine Macht erweitert und folglich fremde Kräfte in sich hineinnehmen muß. Man redet, unter der Benebelung durch die Moral-Narkose, von einem Recht des Individuums, sich zu vertheidigen: im gleichen Sinne dürfte man auch von seinem Rechte anzugreifen reden: denn Beides—und das Zweite noch mehr als das Erste—sind Necessitäten für jedes Lebendige—der aggressive und der defensive Egoismus sind nicht Sache der Wahl oder gar des “freien Willens”, sondern die Fatalität des Lebens selbst.

Hierbei gilt es gleich, ob man ein Individuum oder einen lebendigen Körper, eine aufwärtsstrebende “Gesellschaft” ins Auge faßt. Das Recht zur Strafe (oder die gesellschaftliche Selbstvertheidigung) ist im Grunde nur durch einen Mißbrauch zum Worte “Recht” gelangt: ein Recht wird durch Verträge erworben,—aber das Sich-wehren und Sich-vertheidigen ruht nicht auf der Basis eines Vertrags. Wenigstens dürfte ein Volk mit ebensoviel gutem Sinn sein Eroberungsbedürfniß, sein Machtgelüst, sei es mit Waffen, sei es durch Handel, Verkehr und Colonisation als Recht bezeichnen,—Wachsthums-Recht etwa. Eine Gesellschaft, die endgültig und ihrem Instinkt nach den Krieg und die Eroberung abweist, ist im Niedergang: sie ist reif für Demokratie und Krämerregiment ... In den meisten Fällen freilich sind die Friedensversicherungen bloße Betäubungsmittel

14 [193]

Im alten Strafrecht war ein religiöser Begriff mächtig: der der sühnenden Kraft der Strafe. Die Strafe reinigt: in der modernen Welt befleckt sie. Die Strafe ist eine Abzahlung: man ist wirklich das los, für was man so viel hat leiden wollen. Gesetzt daß an diese Kraft der Strafe geglaubt wird, so giebt es hinterdrein eine Erleichterung und ein Aufathmen, das wirklich einer neuen Gesundheit, einer Wiederherstellung nahe kommt. Man hat nicht nur seinen Frieden wieder mit der Gesellschaft gemacht, man ist vor sich selbst auch wieder achtungswürdig geworden,—“rein” ... Heute isolirt die Strafe noch mehr als das Vergehen; das Verhängniß hinter einem Vergehen ist dergestalt gewachsen, daß es unheilbar geworden ist. Man kommt als Feind der Gesellschaft aus der Strafe heraus ... Von jetzt ab giebt es einen Feind mehr ...

Das jus talionis kann diktirt sein durch den Geist der Vergeltung (d.h. durch eine Art Mäßigung des Rache-Instinkts); aber bei Manu z.B. ist es das Bedürfniß, ein Äquivalent zu haben, um zu sühnen, um religiös wieder “frei” zu sein

14 [194]

Der Philosoph gegen die Rivalen, z.B. gegen die Wissenschaft

: da wird er Skeptiker

: da behälter sich eine Form der Erkenntniß vor, die er dem wissenschaftlichen Menschen abstreitet

: da geht er mit dem Priester Hand in Hand, um [nicht] den Verdacht des Atheismus, Materialismus zu erregen

: er betrachtet einen Angriff auf sich als einen Angriff auf die Moral, die Tugend, die Religion, die Ordnung—er weiß seine Gegner als “Verführer” und “Unterminirer” in Verruf zu bringen

— da geht er mit der Macht Hand in Hand

Der Philosoph im Kampf mit anderen Philosophen:

: er sucht sie dahin zu drängen, als Anarchisten, Ungläubige, Gegner der Autorität zu erscheinen

In summa: soweit er kämpft, kämpft er ganz wie ein Priester, wie eine Priesterschaft.

14 [195]

Wie eine Jasagende arische Religion, die Ausgeburt der herrschenden Classen, aussieht:

das Gesetzbuch Manu’s.

Wie eine Jasagende semitische Religion, die Ausgeburt der herrschenden Classen, aussieht:

das Gesetzbuch Muhammeds. Das alte Testament, in den älteren Theilen

Wie eine Nein-sagende semitische Religion, als Ausgeburt der unterdrückten Klassen, aussieht:

nach indisch-arischen Begriffen: das neue Testament—eine Tschandala-Religion

Wie eine Neinsagende arische Religion aussieht, gewachsen unter den herrschenden Ständen .

: der Buddhismus.

Es ist vollkommen in Ordnung, daß wir keine Religion unterdrückter arischer Rassen haben: denn das ist ein Widerspruch: eine Herrenrasse ist obenauf oder geht zu Grunde.

14 [196]

Egoismus

Grundsatz: nur Einzelne fühlen sich verantwortlich. Die Vielheiten sind erfunden, um Dinge zu thun, zu denen der Einzelne nicht den Muth hat.

Eben deshalb sind alle Gemeinwesen, Gesellschaften hundert Mal aufrichtiger und belehrender über das Wesen des Menschen als das Individuum, welches zu schwach ist, um den Muth zu seinen Begierden zu haben ...

Der ganze “Altruismus” ergiebt sich als Privatmann-Klugheit: die Gesellschaften sind nicht “altruistisch” gegen einander ...

Das Gebot der Nächstenliebe ist noch niemals zu einem Gebote der Nachbar-Liebe erweitert worden. Vielmehr gilt da noch, was bei Manu steht ...

Die “Toleranz”

Das Studium der Gesellschaft ist deshalb so unschätzbar, weil der Mensch als Gesellschaft viel naiver ist als der Mensch als “Einheit”.

Die “Gesellschaft” hat die Tugend nie anders angesehen als als Mittel der Stärke, der Macht, der Ordnung.

Wie einfältig und würdig sagt es Manu: — — — [Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876.]

14 [197]

“Lohn und Strafe” ... Das lebt miteinander, das verfällt mit einander. Heute will man nicht belohnt sein, man will Niemanden anerkennen, der straft ...

Man hat den Kriegsfuß hergestellt: man will etwas, man hat Gegner dabei, man erreicht es vielleicht am vernünftigsten, wenn man sich verträgt,—wenn man einen Vertrag macht

Eine moderne Gesellschaft, bei der jeder Einzelne seinen “Vertrag” gemacht hat: der Verbrecher ist ein Vertragsbrüchiger ... Das wäre ein klarer Begriff. Aber dann könnte man nicht Anarchisten und principielle Gegner einer Gesellschaftsform innerhalb derselben dulden ...

14 [198]

“Bei Gott ist kein Ding unmöglich” denkt der Christ. Aber der Inder sagt: bei Frömmigkeit und Wissenschaft des Veda ist kein Ding unmöglich: die Götter sind denen unterworfen und gehorsam. Wo ist der Gott, der dem frommen Ernst und Gebet eines in den Wald zurückgezogenen Yati widerstehen könnte?

Wie ein Stein, den man in den See wirft, im Augenblick verschwindet, so tauchen die Sünden unter und verschwinden in der Wissenschaft des Veda. [Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876:455-56.]

14 [199]

Herkunft der Moral

Der Priester will durchsetzen, daß er als höchster Typus des Menschen gilt

daß er herrscht,—auch noch über die, welche die Macht in den Händen haben

daß er unverletzlich ist, unangreifbar ...

daß er die stärkste Macht in der Gemeinde ist, absolut nicht zu ersetzen und zu unterschätzen



Mittel.

Er allein ist der Wissende.

Er allein ist der Tugendhafte.

Er allein hat die höchste Herrschaft über sich

Er allein ist in einem gewissen Sinn Gott und geht zurück in die Gottheit

Er allein ist die Zwischenperson zwischen Gott und den Anderen

Die Gottheit straft jeden Nachtheil, jeden Gedanken wider einen Priester gerichtet



Mittel

Die Wahrheit existirt.

Es giebt nur eine Form, sie zu erlangen: Priester werden

Alles, was gut ist, in der Ordnung, in der Natur, in dem Herkommen, geht auf die Weisheit der Priester zurück.

Das heilige Buch ist ihr Werk. Die ganze Natur ist nur eine Ausführung der Satzungen darin

Es giebt keinen anderen Quell des Guten als den Priester.

Alle andere Art von Vortrefflichkeit ist rangverschieden von der des Priesters z.B. die des Kriegers



Consequenz:

wenn der Priester der höchste Typus sein soll: so muß die Gradation zu seinen Tugenden die Werthgradation der Menschen ausmachen.

Das Studium, die Entsinnlichung, das Nicht-Aktive, das Impassible, Affektlose, das Feierliche.— Gegensatz (die tiefste Gattung Mensch: — — —



Das Furchteinflößen
die Gebärden, die hieratischen Manieren
der Exceß der Verachtung des Leibes und der Sinne
— die Widernatur als Anzeichen der Übernatur



Der Priester hat Eine Art Moral gelehrt: um selbst als höchster Typus empfunden zu werden

Er concipirt einen Gegensatz-Typus: den Tschandala. Diesen mit allen Mitteln verächtlich zu machen giebt die Folie ab für die Kasten-Ordnung

seine extreme Angst vor der Sinnlichkeit ist zugleich bedingt durch die Einsicht, daß hier die Kasten-Ordnung (d.h. die Ordnung überhaupt) am schlimmsten bedroht ist ... Jede “freiere Tendenz” in puncto puncti wirft die Ehegesetzgebung über den Haufen

14 [200]
[Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876.]

An dieser Conception ist Einiges bewunderungswürdig: z.B. die absolute Abtrennung der Auswurf-Stoffe der Gesellschaft, mit der Tendenz, sie zu Grunde zu richten. Sie begriffen, was ein lebendiger Körper nöthig hat,—die kranken Glieder ausschneiden ...



1) Sie ist auf eine bewunderungswürdige Weise fern von der schlaffen Instinkt-Entartung, welche man jetzt “Humanität” nennt...

Sodann die Degradation aus einer Kaste in die andere ...



Sodann die Formulirung der Ehe: die Stellung der “Liebesheirath” (die Art der “himmlischen Musiker”: — — —

2) der Kampf gegen den Alcoholismus ... p. 332.

3) ihre vollkommene Würdigung des hohen Alters, des Weibes p 127

4) sie gehen davon aus, den Menschen ehrwürdig zu machen, vor sich selber: sie haben nöthig, selbst das Natürlichste zu transfiguriren, dadurch daß sie die Pflicht, als heilige Observanz dem Gefühl entgegenführen

14 [201]

Die Kasten begriffen als eine Arbeitstheilung, andrerseits als einzige Form, die vollkommene Leistung instinktiv zu machen ...

das Wesentliche ist die Tradition der Arbeit, die Mechanik, welche ebendamit, durch Geschlechter hindurch, vollkommen wird ...

14 [202]
[Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876:117, 128.]

Wenn die Einigung eines jungen Mannes und eines jungen Mädchens die Frucht einer gegenseitigen Wahl ist, so heißt diese Einigung, geboren, wie sie ist, aus der Liebe und die Liebe zum Zweck habend:

die Art der “himmlischen Musiker”

Die 4 letzteren Arten Ehe bringen nur Verschwender, Händelsuchende, Lügner als Kinder hervor, die die heilige Schrift und die Pflichten, welche sie vorschreibt, nicht kennen

Aus honnetten und lobenswerthen Ehen entstehen honnette und lobenswerthe Kinder; aber die schlechten Ehen sehen nur eine verächtliche Nachkommenschaft.

Das Lob der Jungfrau: p. 225 [Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876:225.]

14 [203]

Kritik Manus:

Reduktion der Natur auf die Moral: einen Strafzustand des Menschen: es giebt keine natürlichen Wirkungen—die Ursache ist das Brahman.

Reduktion der menschlichen Triebfedern auf die Furcht vor der Strafe und die Hoffnung auf Lohn: d.h. vor dem Gesetz, das Beides in der Hand hat ...

Man hat absolut conform dem Gesetz zu leben: das Vernünftige wird gethan, weil es befohlen ist; der naturgemäßeste Instinkt wird befriedigt, weil das Gesetz es vorgeschrieben hat.

Das ist eine Schule der Verdummung: in einer solchen Theologen-Brutanstalt (wo auch der junge Militär und Ackerbauer einen neunjährigen Cursus Theologie durchmachen muß, um “constant” zu werden—den neunjährigen “Militärdienst” der 3 obersten Kasten) müssen die Tschandala’s die Intelligenz und selbst das Interessante für sich gehabt haben. Sie waren die einzigen, welche die wahre Quelle des Wissens, die Empirie zugänglich hatten ... Hinzugerechnet die Inzucht der Kasten ...

Es fehlt die Natur, die Technik, die Geschichte, die Kunst, die Wissenschaft, — — —

14 [204]

Man redet heute viel von dem semitischen Geiste des neuen Testaments: aber was man so nennt, ist bloß priesterlich,—und im arischen Gesetzbuche reinster Rasse, im Manu, ist diese Art “Semitismus” d.h. Priester-Geist schlimmer als irgendwo.

* * *

Die Entwicklung des jüdischen Priesterstaates ist nicht original: sie haben das Schema in Babylon kennen gelernt: das Schema ist arisch. Wenn dasselbe später wieder, unter dem Übergewicht des germanischen Bluts, in Europa dominirte, so war dies dem Geiste der herrschenden Rasse gemäß: ein großer Atavismus. Das germanische Mittelalter war auf Wiederherstellung der arischen Kasten-Ordnung aus.

* * *

Muhammedanismus hat von den Christen wiederum gelernt: die Benutzung des “Jenseits” als Straf-Organ.

* *

Das Schema eines unveränderlichen Gemeinwesens, mit Priestern an der Spitze: das älteste große Cultur-Produkt Asiens im Gebiete der Organisation—muß natürlich in jeder Beziehung zum Nachdenken und Nachmachen aufgefordert haben.

Noch Plato: aber vor allen die Aegypter.

14 [205]

Eins wird am schwersten verziehen: daß man sich selbst achtet. Ein solches Wesen ist einfach abominabel: er bringt ja an’s Licht, was es mit der Toleranz, der einzigen Tugend der Übrigen und Aller auf sich hat ...



Ich wollte, man fienge damit an, sich selbst zu achten: Alles Andere folgt daraus. Freilich hört man eben damit für die Anderen auf: denn das gerade verzeihen sie am letzten. Wie? Ein Mensch der sich selbst achtet?

Das ist etwas Anderes als der blinde Trieb, sich selbst zu lieben: nichts ist gewöhnlicher, in der Liebe der Geschlechter, wie in der Zweiheit, welche “ich” genannt wird, als Verachtung gegen das, was man liebt, der Fatalismus in der Liebe —

14 [206]

Gegen das Contagium der Neurose
Wahl der Orte, Sachen, Bücher,
Der Alkoholismus
und die Musik ...
das klimatische und meteorologische optimum wählen; insgleichen das Culinarische
Verminderung der Zahl der Eindrücke:
Zeiten reserviren wo kein Buch und kein Ding zu uns redet, — geschweige ein Mensch ...
Wiederherstellungs-Zeiten, régime Genua; der Gesündeste hat solche Zeiten heute nöthig:—Fasten-Zeiten —
Gegen den Vegetarismus: — — —

14 [207]

Wir sind Tschandala: und unsere Künstler und Artisten voran ...

14 [208]

weshalb Alles Schauspielerei wird?

dem modernen Menschen fehlt:

der sichere Instinkt (Folge einer langen gleichartigen Thätigkeitsform einer Art Mensch)

die Unfähigkeit etwas Vollkommenes zu leisten ist bloß die Folge davon:—man kann als Einzelner die Schule nie nachholen

14 [209]

Die Zeiten, wo man mit Lohn und Strafe den Menschen lenkt, haben eine niedere noch primitive Art Mensch im Auge: das ist wie bei Kindern ...

Inmitten unserer späten Cultur ist die Fatalität und die Degenerescenz etwas, das vollkommen den Sinn von Lohn und Strafe aufhebt ...

— es setzt junge, starke, kräftige Rassen voraus, dieses wirkliche Bestimmen der Handlung durch Lohn- und Straf-Aussicht ...

in alten Rassen sind die Impulse so unwiderstehlich, daß eine bloße Vorstellung ganz ohnmächtig ist ...

nicht Widerstand leisten können, wo ein Reiz gegeben ist, sondern ihm folgen müssen: diese extreme Irritabilität der décadents macht solche Straf- und Besserungs-Systeme vollkommen sinnlos ...

* *

Der Begriff “Besserung” [beruht] auf der Voraussetzung eines normalen und starken Menschen, dessen Einzel-Handlung irgendwie wieder ausgeglichen werden soll, um ihn nicht zu verlieren, um ihn nicht als Feind zu haben ...

14 [210]

Die Decadence-Moralen haben das eigenthümlich, daß sie eine Praxis, ein Regime, empfehlen, welche die décadence beschleunigt ...

— sowohl physiologisch, als psychologisch: der Instinkt der Reparation und Plastik fungirt nicht mehr ...

— sie glauben Heilung, Erlösung auch welche, an die das Nichts, die tiefste Erschöpfung stößt

— sie suchen das Gleichartige zusammen aus allen Dingen, Zuständen und Zeiten: Beispiel die Gebrüder Goncourt ...

14 [211]

Die Energie der Gesundheit verräth sich bei Kranken in dem brüsken Widerstande gegen die krankmachenden Elemente ...

einer Reaktion des Instinkts, z.B. gegen Musik bei mir —

14 [212]
[Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876:315f., 334.]

Die Bestimmung des Weibes ist, die Familie durch Kinder fortzusetzen, die des Mannes diese zu zeugen: diese doppelte Pflicht, für die Mann und Weib zusammen thätig sind, hat ihre Heiligung durch die Schrift.



Welche sind zu betrachten als die Schuldigsten? Der Mörder eines Brahmanen, der Trinker von Spirituosen, der, welcher das Weib seines geistlichen Rathgebers verführt



Nach der vorgeschriebenen Sühnung soll er diese zum Tode oder zu anderen körperlichen Strafen verurtheilen. Er soll die Stirn dessen, der die Frau seines Rathgebers verführt hat, mit dem Bild des weiblichen Geschlechtstheils stigmatisiren, den Trinker von Spirituosen mit dem Zeichen des Destillations-Instrumentes, den Mörder eines Brahmanen mit dem Bilde eines Leibes ohne Kopf.

14 [213]

Ein solches Gesetzbuch resümirt die Erfahrung, Klugheit und experimentelle Moral von langen Jahrhunderten: es schließt ab, es beendet eine Epoche, es schafft Nichts mehr —

Die Mittel, einer schwer und kostspielig erworbenen Wahrheit Autorität zu schaffen, sind grundverschieden von den Mitteln, mit denen man sie beweisen würde. Ein Gesetzbuch beweist niemals den Nutzen und den Nachtheil einer Vorschrift: es zeigt nur die schlimmen Folgen für das Individuum, wenn es ein Gesetz als Gesetz nicht hält,—wenn es ungehorsam ist.

Alle natürlichen schlimmen Folgen einer Gesetzes-Übertretung werden nie in Hinsicht auf diese Natürlichkeit in Betracht gezogen: sondern die schlimme Folge ist eine übernatürliche Strafe, für die Nicht-Befolgung einer Vorschrift.

Das Problem ist dies: in einem gewissen Moment der Geschichte des Volks erklärt die intelligenteste Schicht desselben die Erfahrung, wonach gelebt oder nicht gelebt werden darf, für abgeschlossen. Ihr Ziel geht darauf, die Ernte möglichst reich und vollständig heimzubringen von den langen Perioden des Experiments und der schlimmen Erfahrung ...

Was jetzt vor allem zu verhüten ist, das ist das Neu-Experimentiren, das Fortfahren-Wollen in der Prüfung und Auswahl: dem wird eine doppelte Mauer entgegengestellt 1) die Offenbarung 2) die Tradition. Beides sind heilige Lügen: der intelligente Stand der sie erfindet, versteht sie so gut als Plato sie verstand.

Die Offenbarung: das ist die Behauptung, daß die Vernunft jener Gesetze nicht menschlichen Ursprungs, nicht langsam und mit Fehlgriffen gesucht und gefunden ist, sondern daß sie mit Einem Mal von der Gottheit mitgetheilt wurde ...

Die Tradition: das ist die Behauptung, daß es bereits seit uralten Zeiten so gewesen wäre. Genug, eine principielle Umfälschung der ganzen Geschichte eines Volks. (Beispiel die jüdische Umdeutung nach dem Exil,—das Mißverstehen wollen ihrer Vergangenheit)

1) es ist gottlos, das Gesetz zu kritisiren

2) es ist pietätlos,—es ist ein Verbrechen an den Vorfahren—man reizt sie gegen sich auf —

14 [214]

Das Weib, das seinen Gatten von sich stößt, weil er die Passion des Spiels oder der geistigen Getränke hat, an Stelle, daß sie ihn wie einen Kranken pflegt, soll drei Monate in die inneren Gemächer eingesperrt werden, ohne jedweden Putz und Zierat (avis an George Eliot!) [Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876:312.]

14 [215]

Transfiguration der natürlichen Folgen einer Handlung

es giebt keine natürlichen Folgen mehr: sondern der Ungehorsam wird bestraft, und die Tugend wird belohnt.

das Glück, das lange Leben, die Nachkommenschaft—alles sind Folgen der Tugend, vermittelt durch die ewige Ordnung der Dinge —

die Unreinlichkeit z.B. wird verboten, nicht, weil ihre Folgen der Gesundheit schaden: sondern, weil sie verboten ist, schadet sie der Gesundheit ...

* *

Also, principiell: die natürliche Folge einer Handlung wird dargestellt, als Lohn oder Strafe, je nachdem etwas geboten oder verboten ist ...

dazu ist nöthig, daß die größte Menge der Strafen eben nicht natürliche sind, sondern übernatürliche, jenseitige, bloß zukünftige ...

* *

Also, principiell: jeder Nachtheil, jedes Unglück ist Beweis von Verschuldung: selbst jede niedrige Existenzform (die Thiere z.B.)

Die Welt ist vollkommen: vorausgesetzt, daß dem Gesetz Genüge geschieht. Die ganze Unvollkommenheit kommt vom Ungehorsam gegen das Gesetz.

* * *

Die oberste Kaste hat, als die vollkommene, auch das Glück darzustellen: deshalb ist nichts unangemessener als der Pessimismus und die Entrüstung ...

kein Zorn, keine Entgegnung im Schlimmen —

die Askese nur als Mittel zu höherem Glück, zur Erlösung von Vielem

die oberste Klasse hat ein Glück aufrecht zu erhalten, unter dem Preis, den unbedingten Gehorsam, jede Art von Härte, Selbstbezwingung und Strenge gegen sich darzustellen—sie will als die ehrwürdigste Art Mensch empfunden werden,—auch als die bewundernswertheste: folglich kann sie nicht jede Art Glück brauchen —

14 [216]

Kritik des Gesetzes.

Die höhere Vernunft einer solchen Prozedur ist, das Bewußtsein Schritt für Schritt von dem als richtig erkannten Leben zurückzudrängen: so daß ein vollkommener Automatismus des Instinktes erreicht wird

— d.h. die Voraussetzung jeder Art Meisterschaft

Es ist fromm, es ist üblich, es ist das Abzeichen braver und hochsinniger Menschen, so und so zu handeln:—das bleibt übrig:

die Herkunft, die Nützlichkeit, die Vernunft der Vorschrift wird aus dem Bewußtsein verdrängt.

Das wesentlichste Mittel zu dieser Verdrängung ist, daß zwei andere Begriffe mit ungeheurer Gewalt in den Vordergrund treten: beide das eigentliche Nachdenken über die Herkunft und die Kritik des Gesetzes ausschließend ...

1) der Lohn

2) die Strafe

“Jeder Mensch, der eine Strafe für ein Vergehen empfangen hat auf Befehl des Königs, geht zum Himmel frei von jeder Befleckung, eben so rein wie der, der immer nur das Gute geübt hat.” [Vgl. Louis Jacolliot, Les Législateurs Religieux. Manou - Moïse - Mahomet: traditions religieuses comparées des lois de Manou, de la Bible, du Coran, du rituel Ègyptien, du Zend-Avesta des Parses et des traditions Finnoises. Paris: Lacroix, 1876:402.]

Es wird eine Sache der obersten Selbsterhaltung, des “Eins ist Noth”, hier absolut zu gehorchen ... Es wird zur höchsten Unklugheit umgestempelt, hier nicht zu gehorchen —

Der Egoismus wird in’s Spiel gezogen, dergestalt, daß Gehorchen und Nichtgehorchen wie Glück und tiefste Selbstbenachtheiligung sich gegenüber treten

Zu diesem Zwecke wird das ganze Leben in eine Jenseits-Perspektive gesetzt, so daß es als folgenreich im allererschreckendsten Sinne begriffen wird ...

— die relative Unsterblichkeit ist das große Vergrößerungsglas, um den Begriff Strafe ... Lohn unerhört zu steigern.

Diese Weisen glauben nicht daran:—sonst würden sie es nicht erfinden ...

14 [217]

Eine Kaste, welche alle Wehr- und Angriffs-Arbeit, selbst in der Gesinnung von sich abgelehnt hat,—und den Begriff “gut” streng nimmt ...

14 [218]

Der “gute Mensch”, als ein Gebilde der décadence, der “sich ergiebt”, der den Nachtheil alles Feind-seins, alles Zürnens und Sich-rächenwollens begreift,—der zu schwach ist, zu nervenschwach dazu ...

Der “gute Mensch”, aus Stärke, aus Machtfülle, als herrschender Typus, der sich eine Existenz ausgewählt hat, die ihn der Nöthigung enthebt, aggressive und defensive Affekte zu haben ...; der eine eigene Kaste mit diese Affekten beauftragt hat ... Ein solcher schafft sich nun auch einen “Gott” nach seinem Bilde —

— für ihn ist auch die Welt gerechtfertigt: das Übel hat einen pädagogischen Zweck, d.h. einen Straf-Zweck ...

14 [219]

Schwäche des Willens: das ist ein Gleichniß, das irreführen kann. Denn es giebt keinen Willen, und folglich weder einen starken, noch schwachen Willen. Die Vielheit und Disgregation der Antriebe, der Mangel an System unter ihnen resultirt als “schwacher Wille”; die Coordination derselben unter der Vorherrschaft eines einzelnen resultirt als “starker Wille”;—im ersteren Falle ist es das Oscilliren und der Mangel an Schwergewicht; im letzteren die Präcision und Klarheit der Richtung

14 [220]

Die Ja-sagende Religion.

Die höchste Ehrfurcht vor dem Zeugungsakt und der Familie:
Man hat die Schulden [seiner] Vorfahren zu bezahlen ...
der Instinkt der Tradition, die tiefste Verachtung gegen alles was die Tradition unterbrach ...
Der Instinkt gegen die Degenerescenz ...
Das ist zu studiren: was Alles zusammengerechnet wurde als degenerirt.
Die Lasterhaften
Die Geisteskranken.
Die Schwer-Aussätzigen
Die Huren.
Die Künstler.

14 [221]

Die Ordnung der Kasten beruht auf der Beobachtung, daß es drei oder vier Arten Mensch giebt, zu anderer Thätigkeit bestimmt und am besten entwickelt, wie diese Thätigkeit durch Arbeitstheilung ihnen allen zusteht ...

eine Art Sein als Vorrecht, eine Art Thätigkeit ebenfalls

die Ordnung der Kasten ist nur die Sanktionirung eines Naturabstandes zwischen mehreren physiologischen Typen (Charakteren, Temperamenten usw.)

— sie ist nur die Sanktion der Erfahrung, sie geht ihr nicht voraus, noch weniger hebt sie dieselbe auf ...

a)die geistigeren Menschen, (—die Gelehrten, die Rathgeber, die Richter, die Philosophen—)—Lehrstand
b)die muskulären Menschen, der Kriegerstand—Wehrstand
c)die Handel, Landbau und Viehzucht [treibenden]—Nährstand
d)endlich eine niedrige (unterworfene Art) von Eingeborenen, als Dienstboten-Rasse anerkannt.

Hier ist überall die Voraussetzung eine wirkliche Natur-Abscheidung: der Begriff Kaste sanktionirt nur die Natur-Abscheidung.

Die Heiligkeit der Familie, die Solidarität von Geschlecht mit Geschlecht ist die Voraussetzung des ganzen Baues:—folglich muß sie gerade ganz und gar ins Jenseitige übersetzt werden.

Man hat einen Sohn nöthig, weil nur ein Sohn erlöst ... man verheirathet sich, “um die Schuld der Vorfahren zu zahlen”

14 [222]

Die modernen Pessimisten als décadents:
Schopenhauer
Leopardi Baudelaire
Mainländer Goncourt
Dostoiewsky
man hat den geschmacklosen Versuch gemacht, Wagner und Schopenhauer unter die Geisteskranken zu subsumiren: was der Wahrheit ganz entsprach, war die scharfe Betonung der physiologischen décadence in ihrem Typus hervorzuheben ...

14 [223]

Die Juden machen den Versuch, sich durchzusetzen, nachdem ihnen zwei Kasten, die der Krieger und die der Ackerbauer, verloren gegangen sind

sie sind in diesem Sinne die “Verschnittenen”

— sie haben den Priester—und dann sofort den Tschandala ...

Wie billig, kommt es bei ihnen zu einem Bruch, zu einem Aufstand der Tschandala: der Ursprung des Christenthums.

Damit daß sie den Krieger nur als ihren Herrn kannten, brachten sie in ihre Religion die Feindschaft gegen die Vornehmen, gegen den Edeln, Stolzen, gegen die Macht, gegen die herrschenden Stände—: sie sind Entrüstungs-Pessimisten ...

Damit schufen sie eine wichtige neue Position: der Priester an der Spitze der Tschandala—

gegen die vornehmen Stände ...

das Christenthum zog die letzte Consequenz dieser Bewegung: auch im jüdischen Priesterthum empfand es noch die Kaste, den Privilegirten, den Vornehmen —

es strich den Priester aus

Christ ist der Tschandala, der den Priester ablehnt ... Der Tschandala, der sich selbst erlöst ...

Deshalb ist die französische Revolution die Tochter und Fortsetzerin des Christenthums ... sie hat den Instinkt gegen die Kirche, gegen die Vornehmen, gegen die letzten Privilegien — —

14 [224]

Man muß dies nicht verwechseln: die Sudras, eine Dienstboten-Rasse: wahrscheinlich eine niedrigere Art Volk, welche vorgefunden wurde auf dem Boden, wo diese Arier Fuß faßten ...

Aber der Begriff Tschandala drückt die Degenerirten aller Kasten aus: die Auswurfstoffe in Permanenz, die wiederum unter sich sich fortpflanzen

wider sie redet der tiefste Instinkt der Gesundheit einer Rasse. Hier hart zu sein ist synonym mit “gesund” sein: es ist der Ekel vor der Entartung, der hier eine Menge moralischer und religiöser Formeln findet ...

Nichts ist lehrreicher als die Bestandtheile dieses Auswurfs:—die alten feinen und tiefen Weisen haben gewußt, was man nicht gewußt hat—bis heute!!)

: daß Laster
Krankheit
Geistesstörung
Hyper-Nervosität gewisser
ü
ú
ý
þ
Symptome der physiologischen décadence sind.
 

geistiger Anlagen

  

Sie rechnen die Künstler unter die décadents ...

14 [225]

Gesetzt, es fallen die Gründe weg, um jene metaphysischen Hypothesen machen zu müssen, gesetzt, man will nicht mehr regieren, erziehen, seinen Typus als höchsten und ersten aufrecht erhalten:

gesetzt, man denkt als Tschandala über die Dinge, so findet man vielleicht die ganze Kette von Erfahrungen und Schlüssen wieder zusammen, die jenen Alten zur Voraussetzung diente, ihre Hypothesen zu machen: ich will sagen, man findet die “Wahrheit”—aber genau in der Auflösung aller Autorität, alles Respekts aller Traditionen, aller moralischen Vorurtheile—wir verbrauchen unseren Rest ererbter Moral[ität] bei dieser Arbeit ...

das, was jetzt Wissenschaft ist, ist ein genauer Gradmesser für den Niedergang des moralischen und religiösen Glaubens:—wir sind aufgelöst, wenn wir am Ende unserer “Weisheit” sind,—wir haben alle positiven Kräfte verbraucht, zur Erkenntniß ... Das Wissen an sich ist ja ohnmächtig: und was den “Egoismus” betrifft, so sind wir in einer décadence-Zeit durchaus nicht sicher, unseren Vortheil zu wollen: die Antriebe sind viel zu mächtig, als daß der Nutzen der leitende Gesichtspunkt bliebe— Der “Altruismus”, das Mitleben und Zusammenfühlen von aller Art Gefühlen und Zuständen ist in diesem Falle eine große Krankheit mehr: es ist das Tschandala-Gewissen, eine Schwäche, die mit Lust verknüpft ist ...

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das, was eine Moral, ein Gesetzbuch schafft, der tiefe Instinkt dafür, daß erst der Automatismus die Vollkommenheit möglich macht in Leben und Schaffen ...

Aber jetzt haben wir den entgegengesetzten Punkt erreicht, ja, wir haben ihn erreichen gewollt—die extremste Bewußtheit, die Selbstdurchschauung des Menschen und der Geschichte ...

— damit sind wir praktisch am fernsten von der Vollkommenheit in Sein, Thun und Wollen: unsere Begierde, unser Wille selbst zur Erkenntniß ist ein Symptom einer ungeheuren décadence ... Wir streben nach dem Gegentheil von dem, was starke Rassen, starke Naturen—wollen

— das Begreifen ist ein Ende ...

Daß Wissenschaft möglich ist in diesem Sinne, wie sie heute geübt wird, ist der Beweis dafür, daß alle elementaren Instinkte, Nothwehr- und Schutz-Instinkte des Lebens nicht mehr fungiren —

wir sammeln nicht mehr, wir verschwenden die Capitalien der Vorfahren, auch noch in der Art, wie wir erkennen

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Man hat mit einem willkürlichen und in jedem Betracht zufälligen Wort, dem Worte “Pessimismus” einen Mißbrauch getrieben, der wie ein Contagium um sich greift: man hat das Problem dabei übersehen in dem wir leben, das wir sind

es handelt sich nicht darum, wer Recht hat,—es fragt sich, wohin wir gehören, ob zu den Verurtheilten, den Niedergangs-Gebilden ... In diesem Fall urtheilen wir nihilistisch.

Man hat zwei Denkweisen gegen einander gestellt, wie als ob sie miteinander über die Wahrheit zu streiten hätten: während sie beide nur Symptome von Zuständen sind, während ihr Kampf das Vorhandensein eines cardinalen Lebens-Problems—und nicht eines Philosophen-Problems beweist. Wohin gehören wir?—sind wir — — —

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