From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel
 
English Translation
Concordance between
The Will to Power
and KSA
Home

COPYRIGHT NOTICE: The content of this website, including text and images, is the property of The Nietzsche Channel. Reproduction in any form is strictly prohibited. © The Nietzsche Channel.

November 1887—März 1888 11 [301-417]

11 [301]

Diese Figur ist nicht aus einem Guß. Nicht nur daß man sie mit allerlei Weisheit- und Sprüchwort-Biedermännerei verkleidet hat, so daß sie beinahe zum “Moralisten” vulgarisirt ist: das Schlimme ist, daß man den Typus selbst nicht unangetastet hat. Man erräth, wie früh diese Figur verschiedenen Absichten von vornherein hat dienen müssen: in kurzer Zeit schon gab es bloß noch eine Tradition dieser bereits zurechtgemachten Figur. Es scheint, daß der alte typische Prophet Israels stark auf diese Zeichnung abgefärbt hat: die unevangelischen Züge, der Zorn, die Verfluchungen, die ganze so unwahrscheinliche Prophezeiung des “Gerichts,” der ganze Wüsten-Typus, die zügellose Sprache gegen Pharisäer und Schriftgelehrte, das Austreiben aus dem Tempel

— auch die Verfluchung des Feigenbaums—der typische Fall, wo und wie man nicht ein Wunder thun soll

Du sollst nicht fluchen. Du sollst nicht zaubern. Du sollst keine Rache üben. Du sollst nicht lügen (—denn daß eine Sache, bloß deshalb, weil sie für wahr gehalten wird, die Gefälligkeit hätte, zur Wahrheit zu werden, ist eine Lüge: man erlebt die demonstratio ad absurdum jeden Tag zu drei Malen —

11 [302]

Hier ist jedes Wort Symbol; es giebt im Grunde keine Realität mehr. Die Gefahr ist außerordentlich, sich über diese Symbole zu vergreifen. Fast alle kirchlichen Begriffe und Werthungen führen irre: man kann das neue Testament gar nicht gründlicher mißverstehen als es die Kirche mißverstanden hat. Ihr fehlten alle Voraussetzungen zu einem Verständniß: die Historiker-Neutralität, welche sich den Teufel darum kümmert, ob “das Heil der Seele” am Worte hängt

Die Kirche hat nie den guten Willen gehabt, das neue Testament zu verstehen: sie hat sich mit ihm beweisen wollen. Sie suchte und sucht hinter demselben ein theologisches System: sie setzt es voraus,—sie glaubt an die Eine Wahrheit. Es bedurfte erst des neunzehnten Jahrhunderts—le siècle de l’irrespect [Vgl. Edmond and Jules Huot de Goncourt, Journal des Goncourt. Mémoires de la vie littéraire. Vol. 1: 1851-1861. Paris: Charpentier, 1887:63.]—um einige der vorläufigsten Bedingungen wieder zu gewinnen, um das Buch als Buch (und nicht als Wahrheit) zu lesen, um diese Geschichte nicht als “heilige Geschichte,” sondern als eine Teufelei von Fabel, Zurechtmachung, Fälschung, Palimpsest, Wirrwarr, kurz als Realität wieder zu erkennen ...



Man giebt sich nicht genug Rechenschaft darüber, in welcher Barbarei der Begriffe wir Europäer noch leben.

NB: Daß man hat glauben können, “das Heil der Seele” hänge an einem Buche! ... Und man sagt mir, man glaube das heute noch.

Was hilft alle wissenschaftliche Erziehung, alle Kritik und Hermeneutik, wenn ein solcher Widersinn von Bibel-Auslegung, wie ihn die Kirche aufrecht erhält, noch nicht die Schamröthe zur Leibfarbe gemacht hat?

11 [303]

Liebe

Seht hinein: diese Liebe, dieses Mitleid der Weiber — giebt es etwas Egoistischeres? ... Und wenn sie sich opfern, ihre Ehre, ihren Ruf, wem opfern sie sich? dem Mann? oder nicht vielmehr einem zügellosen Bedürfnisse?

— das sind genau so selbstsüchtige Begierden: ob sie nun Anderen wohlthun und Dankbarkeit anpflanzen ...

— in wiefern eine derartige Hyperfötation Einer Werthung alles übrige heiligen kann!!

11 [304]

[Vgl. Benjamin Constant, Quelque réflections sur le théatre allemand. Paris; Genève: 1809:xlix.]

Wir würden Recht haben, davon chokirt zu sein: ein solcher Enthusiasmus wie der Theklas ist etwas, das man unmöglich im Princip gutheißen kann. Wir können uns durch das Talent des Dichters dazu fortreißen lassen, mit einem einzelnen Individuum zu sympathisiren, das ihn erfährt: aber er kann nicht als Basis für ein allgemeines System dienen et nous n’aimons en France que ce qui peut être d’une application universelle.

Die Theater-Moral in Frankreich ist viel rigoröser als die in Deutschland. Cela tient à ce, que les Allemands prennent le sentiment pour base de la morale, tandis que pour nous cette base est la raison. Un sentiment sincère, complet, sans bornes, leur paraît, non seulement excuser ce qu’il inspire, mais l’ennoblir et, si j’ose employer cette expression, le sanctifier. Wir haben viel strengere Principien und wir entfernen uns von ihnen niemals in der Theorie. Das Gefühl, das eine Pflicht verkennt, scheint uns nur ein Fehler mehr; wir würden leichter dem Interesse verzeihen, weil das Interesse in seine überschreitungen mehr Geschick und Decenz legt. Das Gefühl fordert die Meinung heraus, brave l’opinion, und sie wird dadurch gereizt; das Interesse zucht sie zu täuschen, indem es sie schont, und selbst wenn sie die Täuschung entdeckt, weiß sie ihren Dank für diese Art Huldigung.

11 [305]

Nous n’envisageons l’amour que comme les passions humaines, c’est-à-dire ayant pour effet d’égarer notre raison, ayant pour but de nous procurer des jouissances. B. Constant. [Vgl. Benjamin Constant, Quelque réflections sur le théatre allemand. Paris; Genève: 1809:xliv.]

11 [306]

[Vgl. Benjamin Constant, Quelque réflections sur le théatre allemand. Paris; Genève: 1809:xxxiv-xxxvi, xxxviii.]

Die Regel der Einheiten macht die Composition sehr schwierig: elles circonscrivent les tragédies, surtout historiques, dans un espace.— Sie zwingen den Dichter oft, in den Ereignissen und den Charakteren, die Wahrheit der Gradation, die Delikatesse der nuances zu vernachlässigen; es giebt Lücken, zu brüske übergänge.

Die Franzosen malen nur Ein Faktum oder Eine Leidenschaft. Sie haben ein Bedürfniß nach Einheit. Ils repoussent des caractères tout ce qui ne sert pas à faire ressortir la passion qu’ils veulent peindre; ils suppriment de la vie antérieure de leurs héros tout ce qui ne s’enchaîne pas nécessairement au fait, qu’ils ont choisi.

Das französische System präsentirt le fait qui forme le sujet und ebenso la passion, qui est le mobile de chaque tragédie, in einem vollkommenen isolement. Einheit des Interesses, der Perspektive. Der Zuschauer erkennt, daß das nicht eine historische Personnage ist, sondern un héros factice, une créature d’invention —

11 [307]

[Vgl. Benjamin Constant, Quelque réflections sur le théatre allemand. Paris; Genève: 1809.]

Bedarf die Liebe der Unruhe und Ängste? ist ihr die Eifersucht als Dünger nöthig? strebt sie sanft in die reine und friedliche Luft der Träume?— Im anderen Falle wäre ein geschickter und desinteressirter Egoism die erste der Tugenden, le plus raisonnable des devoirs —

11 [308]

Les circonstances sont bien peu de chose, le caractère est tout. [Vgl. Benjamin Constant, Adolphe. 1816. "RÉPONSE [....] Les circonstances sont bien peu de chose, le caractère est tout; c'est en vain qu'on brise avec les objets et les êtres extérieurs; on ne saurait briser avec soi-même. On change de situation, mais on transporte dans chacune le tourment dont on espérait se délivrer; et comme on ne se corrige pas en se déplaçant, l'on se trouve seulement avoir ajouté des remords aux regrets et des fautes aux souffrances."]

11 [309]

On change de situation; on ne se corrige pas en se deplaçant. [Vgl. Benjamin Constant, Adolphe. 1816. "RÉPONSE [....] Les circonstances sont bien peu de chose, le caractère est tout; c'est en vain qu'on brise avec les objets et les êtres extérieurs; on ne saurait briser avec soi-même. On change de situation, mais on transporte dans chacune le tourment dont on espérait se délivrer; et comme on ne se corrige pas en se déplaçant, l'on se trouve seulement avoir ajouté des remords aux regrets et des fautes aux souffrances."]

11 [310]

Die ganze Auffassung vom Rang der Leidenschaften: wie als ob das Rechte und Notmale sei, von der Vernunft geleitet zu werden—während die Leidenschaften das Unnormale, Gefährliche, Halbthierische sind, überdies, ihrem Ziele nach, nichts anderes als Lust-Begierden ...

Die Leidenschaft ist entwürdigt 1) wie als ob sie nur ungeziemender Weise, und nicht nothwendig und immer das mobile sei 2) insofern sie etwas in Aussicht nimmt, was keinen hohen Werth hat, ein Vergnügen ...

Die Verkennung von Leidenschaft und Vernunft, wie als ob letztere ein Wesen für sich sei und nicht vielmehr ein Verhältnißzustand verschiedener Leidenschaften und Begehrungen; und als ob nicht jede Leidenschaft ihr Quantum Vernunft in sich hätte ...

11 [311]

[Vgl. Benjamin Constant, Quelque réflections sur le théatre allemand. Paris; Genève: 1809:xxxviii-xl.]

Indem man nur Eine Leidenschaft malt (und nicht einen ganzen individuellen Charakter) erhält man tragische Wirkungen, weil die individuellen Charaktere, die immer gemischt sind, der Einheit des Eindrucks schaden. Aber die Wahrheit verliert dabei. Man fragt sich, was von den Heroen übrigbleiben würde, wenn sie nicht von dieser Leidenschaft bewegt wären: sicherlich nur wenig ... Der Charaktere sind unzählige. Die Theater-Leidenschaften eine geringe Zahl. “Polyphonte le tyran (“der Tyrann”) est un genre: le tyran Richard III un individu”

11 [312]

[Vgl. Benjamin Constant, Quelque réflections sur le théatre allemand. Paris; Genève: 1809.]

Zukünftiges. Gegen die Romantik der großen “Passion.”

Zu begreifen, wie zu jedem “klassischen” Geschmack ein Quantum Kälte, Lucidität, Härte hinzugehört: Logik vor allem, Glück in der Geistigkeit, “drei Einheiten,” Concentration—Haß gegen Gefühl, Gemüth, esprit, Haß gegen das Vielfache, Unsichere, Schweifende, Ahnende so gut als gegen das Kurze Spitze Hübsche Gütige

Man soll nicht mit künstlerischen Formeln spielen: man soll das Leben umschaffen, daß es sich nachher formuliren muß ...

Es ist eine heitere Comödie, über die erst jetzt wir lachen lernen, die wir jetzt erst sehen: daß die Zeitgenossen Herders, Winckelmanns, Goethes und Hegels in Anspruch nahmen, das klassische Ideal wieder entdeckt zu haben ... Und zu gleicher Zeit Shakespeare!

— und dasselbe Geschlecht hatte sich von der klassischen Schule der Franzosen auf schnöde Art losgesagt!

— als ob nicht das Wesentliche so gut hier wie dorther hätte gelernt werden können! ...

Aber man wollte die “Natur,” die “Natürlichkeit”: oh Stumpfsinn! man glaubte, die Classicität sei eine Art Natürlichkeit!



Ohne Vorurtheil und Weichlichkeit zu Ende denken, auf welchem Boden ein klassischer Geschmack wachsen kann.

Verhärtung, Vereinfachung, Verstärkung, Verböserung des Menschen: so gehört es zusammen. Die logisch-psychologische Vereinfachung. Die Verachtung des Details, des Complexen, des Ungewissen —

Die Romantiker in Deutschland protestirten nicht gegen den Classicismus, sondern gegen Vernunft, Aufklärung, Geschmack, 18. Jahrhundert.

Die Sensibilität der romantisch-Wagnerischen Musik: Gegensatz, die klassische Sensibilität ...

der Wille zur Einheit (weil die Einheit tyrannisirt: nämlich die Zuhörer, Zuschauer) aber Unfähigkeit, sie in der Hauptsache tyrannisiren zu lassen: nämlich in Hinsicht auf das Werk selbst (auf Verzichtleisten, Kürzen, Klären, Vereinfachen.

die überwältigung durch Masse (Wagner, Victor Hugo, Zola, Taine) und nie mit der Größe

11 [313]

“Wähntest du etwa, ich sollte das Leben hassen, in Wüsten fliehen, weil nicht alle Blüthenträume reiften?”—sagt der Prometheus Goethes.

11 [314]

Die Wagnersche Kunst: ein Compromiß zwischen den drei modernsten Bedürfnissen: nach Krankhaftem, nach Brutalem und nach Unschuldigem (Idiotischem) ...

11 [315]

Warum kulminirt die deutsche Musik zur Zeit der deutschen Romantik? Warum fehlt Goethe in der deutschen Musik? Wie viel Schiller, genauer wie viel “Thekla” ist dagegen in Beethoven! [Vgl. Benjamin Constant, Quelque réflections sur le théatre allemand. Paris; Genève: 1809:xlix.]

— Schumann hat Eichendorff, Uhland, Heine, Hoffmann, Tieck in sich

— Richard Wagner hat Freischütz, Hoffmann, Grimm, die romantische Sage, den mystischen Katholizismus des Instinkts, den Symbolismus, die “Freigeisterei der Leidenschaft,” Rousseau’s Absichten

Der “fliegende Holländer” schmeckt nach Frankreich, wo le ténébreux 1830 der Verführer-Typus war [Vgl. Edmond and Jules Huot de Goncourt, Journal des Goncourt. Mémoires de la vie littéraire. Vol. 1: 1851-1861. Paris: Charpentier, 1887:319.]

Cultus der Musik: die revolutionäre Romantik der Form

Wagner resümirt die Romantik, die deutsche und die französische —

11 [316]

Die großen Worte:

“Frieden der Seele”
die “Liebe”
der “klassische Geschmack”

11 [317]

Der Nationalism hat in Frankreich den Charakter, in Deutschland den Geist und Geschmack verdorben: um eine große Niederlage—und zwar eine definitive—zu vertragen, muß man jünger und gesünder sein als der Sieger

11 [318]

Der Exotism Wagners unter den Anhängern der “Deutschthümelei”

11 [319]

Der Humor der europäischen Cultur: man hält das für wahr, aber thut jenes z.B. was hilft alle Kunst des Lesens und der Kritik, wenn die kirchliche Interpretation der Bibel, (die protestantische so gut wie die katholische) nach wie vor aufrecht erhalten wird!

11 [320]

Der Wagnerianer, mit seiner voreiligen Bewunderung für alles, was an Wagner durchaus nicht wunderbar ist, vielmehr “Wagnerisch” —

11 [321]

— diese unsinnige überladung mit Details, diese Unterstreichung der kleinen Züge, der Mosaik-Effekt: Paul Bourget [Vgl. Paul Bourget, Essais de Psychologie Contemporaine. Paris: Lemerre, 1883:25.]



Der Ehrgeiz des großen Stils—und dabei Nicht-Verzichtleisten-wollen auf das, was er besser machte, auf das Kleine, das Kleinste; dieses überladen mit Details; diese Ciseleur-Arbeit in Augenblicken, wo Niemand für Kleines Augen haben dürfte; diese Unruhe des Auges, welches bald für Mosaik und bald für verwegen hingeworfene Wand-Fresken eingestellt werden soll



ich habe die eigenthümliche Qual, welche mir das Anhören Wagn[erscher] Musik erregt, darauf zurückgeführt, daß diese Musik einem Gemälde gleicht, welches mir nicht erlaubt, auf Einem Platz zu bleiben ... daß beständig das Auge, um zu verstehen, sich anders einstellen muß: bald myopisch, damit ihm die raffinirteste Mosaik-Ciseleurarbeit nicht entgeht, bald für verwegene und brutale Fresken, welche sehr aus der Ferne gesehen werden wollen. Das Nicht-festhalten-können einer bestimmten Optik macht den Stil der Wagnerschen Musik aus: Stil hier im Sinne von Stil-Unfähigkeit gebraucht

11 [322]

[Vgl. Hippolyte Taine, Essai sur Tite Live. Paris: Hachette, 1856:Préface.]

Wagner:1)nicht sich täuschen lassen durch die, deutsche Tendenz

— seine Sensibilität ist so wenig deutsch als möglich; dagegen um so deutscher seine Art Geist und Geistigkeit (den Stil eingerechnet)

— er hat die tiefste Sympathie für die großen Symbole des mittelalterlichen Europa und sucht deren “Träger” —

— der Typus seiner Helden ist so wenig deutsch als möglich: Tannhäuser, der fliegende Holländer, Rienzi, Lohengrin, Elsa, Tristan, Siegfried, Parsifal: man versuche doch die — — —: bleibt der “Meistersinger”

— der Cultus der “Passion” ist nicht deutsch

— der Cultus des “Dramas” ist nicht deutsch: er hat eine ungeheure überzeugungskraft durch Wucht und Furchtbarkeit der Gebärde.
   
 2)was ist deutsch?

— die ungewisse Symbolik, die Lust am Ungenau-Gedachten, der falsche “Tiefsinn,” das Willkürliche, der Mangel an Feuer, Witz und Anmuth, die Unfähigkeit zur großen Linie, zum Nothwendigen in — — —
   
 3)man muß in der Hauptsache sich nicht irreführen lassen: das musikalische Drama W[agner]s ist ein Rückschritt, schlimmer, eine Decadence-Form der Musik —

— er hat alles Musikalische, die Musik geopfert, um aus ihr eine Kunst des Ausdrucks, der Verstärkung, der Suggestion, des Psychologisch-Pittoresken zu machen

der außerordentliche Schauspieler- und Theater-Instinkt war bisher insgleichen nicht deutsch (—man versteht nichts von Wagner, wenn man nicht in diesem Instinkt seine faculté maîtresse, seinen dominirenden Instinkt begreift)

die deutsche Tiefe, Vielheit, Willkür, Fülle, Ungewißheit: die großen Symbole und Räthsel, mit sanftem Donner aus ungeheurer Ferne laut werdend: der deutsche graue und bösartige Himmel, der das Glück nur als Carikatur und Wunsch kennt —

11 [323]

Woher nimmt er seinen Anhang? Aus der überzahl der Unmusikalischen, Halbmusikalischen, Dreiviertel-Gebildeten beiderlei Geschlechts, deren Eitelkeit es schmeichelt, Wagner zu verstehen

Sieg des unmusikalischen, halbmusikalischen Bildungs-Schwärmers, dem die große Attitüde Wagner’s schmeichelt, wie als ob es ein Zeichen von Superiorität sei, hier zu “verstehen”

: er appellirt an die schönen Gefühle und den gehobenen Busen

er erregt namentlich das, was eine schwärmerische—die deutsche — Naturempfindung — — —

— er hypnotisirt die mystisch-erotischen Weibchen, indem seine Musik den Geist eines Magnetiseurs bis in ihr Rückenmark hinein fühlbar macht (—man beobachte das Lohengrin-Vorspiel in seinen physiologischen Einwirkungen auf die Sekretion und — — —

— er erreicht jedes Mal die Höhe des Pathos zugleich mit einer Breite und Strom-Ausdehnung, welche ihn in Gegensatz zu allen Kurzathmigen und Augenblicks-Dramatikern stellt

11 [324]

die Mißverständnisse der Kirche

das Abendmahl
“der Sohn Gottes”
der Tod am Kreuz als Abzahlung
der Sündenfalls-Geschichte
des “Glaubens”

11 [325]

Zur Kritik des guten Menschen

Rechtschaffenheit, Würde, Pflichtgefühl, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Geradheit, gutes Gewissen—sind wirklich mit diesen wohlklingenden Worten Eigenschaften um ihrer selber willen bejaht und gutgeheißen? oder sind hier an sich werthindifferente Eigenschaften und Zustände nur unter irgend welchen Gesichtspunkt gerückt, wo sie Werth bekommen?— Liegt der Werth dieser Eigenschaften in ihnen oder in dem Nutzen, Vortheil, der aus ihnen folgt (zu folgen scheint, zu folgen erwartet wird)?

Ich meine hier natürlich nicht einen Gegensatz von ego und alter in der Beurtheilung: die Frage ist, ob die Folgen es sind, sei es für den Träger dieser Eigenschaften, sei es für die Umgebung, Gesellschaft, “Menschheit,” derentwegen diese Eigenschaften Werth haben sollen: oder ob sie an sich selbst Werth haben ...

Anders gefragt: ist es die Nützlichkeit, welche die entgegengesetzten Eigenschaften verurtheilen, bekämpfen, verneinen heißt (—unzuverlässigkeit, Falschheit, Verschrobenheit, Selbst-Ungewißheit, Unmenschlichkeit—)? Ist das Wesen solcher Eigenschaften oder nur die Consequenz solcher Eigenschaften verurtheilt?

Anders gesagt: wäre es wünschbar, daß Menschen dieser zweiten Eigenschaften nicht existirten?— Das wird jedenfalls geglaubt

aber hier steckt der Irrthum, die Kurzsichtigkeit, die Bornirtheit des Winkel-Egoismus.

Anders ausgedrückt: wäre es wünschbar, Zustände zu schaffen, in denen der ganze Vortheil auf Seiten der Rechtschaffenen ist—so daß die entgegengesetzten Naturen und Instinkte entmuthigt würden und langsam ausstürben?

— dies ist im Grunde eine Frage des Geschmacks und der Aesthetik: wäre es wünschbar, daß die “achtbarste” d.h. langweiligste Species Mensch übrig bliebe? die Rechtwinkligen, die Tugendhaften, die Biedermänner, die Braven, die Geraden, die “Hornochsen”?

— denkt man sich die ungeheure überfülle der “Anderen” weg: so hat sogar der Rechtschaffene nicht einmal mehr ein Recht auf Existenz: er ist nicht mehr nöthig—und hier begreift man, daß nur die grobe Nützlichkeit eine solche unausstehliche Tugend zu Ehren gebracht hat.

Die Wünschbarkeit liegt vielleicht gerade auf der umgekehrten Seite: Zustände schaffen, bei denen der “rechtschaffene Mensch” in die bescheidene Stellung eines “nützlichen Werkzeugs” herabgedrückt wird—als das “ideale Heerdenthier,” bestenfalls Heerden-Hirt: kurz, bei denen er nicht mehr in die obere Ordnung zu stehen kommt—: welche andere Eigenschaften verlangt —

11 [326]

Rubriken.

1 Zur Kritik des “guten Menschen.”
2 Aus der Schule der Starken.
3 Die grossen Worte.
4 Zur Kritik der “Christlichkeit.”
5 Wie man die Tugend zur Herrschaft bringt.
6 Die aesthetischen Werthe; deren Herkunft und Zukunft.
7 Die Heraufkunft des Nihilismus.
8 Zur “Modernität

11 [327]

Tagebuch des Nihilisten ...

der Schauder über die entdeckte “Falschheit”

leer: kein Gedanke mehr; die starken Affekte um Objekte ohne Werth sich drehend:

— Zuschauer für diese absurden Regungen für und wider
— überlegen, höhnisch, kalt gegen sich
— die stärksten Regungen erscheinen wie Lügner: als ob wir an ihre Objekte glauben sollten, als ob sie uns verführen wollten —
— die stärkste Kraft weiß nicht mehr, wozu?
— es ist Alles da, aber keine Zwecke —
der Atheismus als die Ideallosigkeit

Phase des leidenschaftlichen Neins und Neinthuns: in ihm entladet sich die aufgespeicherte Begierde nach Bejahung, nach Anbetung ..

Phase der Verachtung selbst gegen das Nein ...
selbst gegen den Zweifel ..
selbst gegen die Ironie ..
selbst gegen die Verachtung ..
  
Katastropheob nicht die Lüge etwas Göttliches ist ...

ob nicht der Werth aller Dinge darin beruht, daß sie falsch sind? ...

ob nicht die Verzweiflung bloß die Folge eines Glaubens an die Gottheit der Wahrheit ist

ob nicht gerade das Lügen und Falschmachen (Umfälschen) das Sinn-Einlegen ein Werth, ein Sinn, ein Zweck ist

ob man nicht an Gott glauben sollte, nicht weil er wahr ist (sondern weil er falsch—?

11 [328]

I.
Begriff des Nihilismus.
Zur Psychologie des Nihilisten.
Zur Geschichte des europäischen Nihilism
Kritik derModernität

Die großen Worte.
Aus der Schule der Starken.
Der gute Mensch.
Die Christlichkeit

Genealogie des Ideals
Die Circe der Philosophen
Die aesthetischen Werthe: Herkunft und Kritik

Kunst und Künstler: neue Fragezeichen.

11 [329]

NB. Kritik der Vaterländerei (zu “Modernität”).

11 [330]

Winckelmanns  und  Goethes  Griechen,  V[ictor]. Hugo’s  Orientalen,  Wagners  Edda-Personnagen,  W[alter]. Scotts Engländer des 13. Jahrhunderts—irgend wann wird man die ganze Komödie entdecken: es war Alles über alle Maaßen historisch falsch, aber—modern, wahr!

11 [331]

[Vgl. Fyodor Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 2. Paris: Plon, 1886:405-09.]

Bési.

Niemanden anklagen —



Meine Wünsche haben nicht genug Kraft, um mich zu leiten —



selbst gegen diese négateurs eifersüchtig: eifersüchtig auf ihre Hoffnungen—daß sie einen Haß so ernst nehmen können!



“Wozu diese Kraft verwenden?” —



Mit ihnen mich zu verbinden, daran verhinderte mich nicht die Furcht vor dem Lächerlichen—darüber bin ich hinaus—sondern der Haß und die Verachtung, die sie mir einfloßen. Ich habe, trotz allem, die Gewohnheiten eines homme, comme il faut, und ihr Verkehr widersteht mir.

“Hätte ich noch mehr Haß und Eifersucht in Hinsicht auf sie empfunden, vielleicht hätte ich mich mit ihnen ins Einvernehmen gesetzt.”



“Ich habe Furcht vor dem Selbstmord, denn ich fürchte Größe der Seele zu zeigen ... Ich sehe, daß das noch eine tromperie sein würde,—eine letzte Lüge zu allen zahllosen von Ehedem!— Welchen Vortheil gäbe es darin, sich selbst zu betrügen, einzig um den Großartigen zu spielen?— Da ich immer der Entrüstung und der Scham fremd war, werde ich niemals mehr die Verzweiflung kennen lernen ...”



Bemerken Sie auch, daß ich kein Mitleid mit Ihnen habe, um Sie zu rufen; und Sie nicht schätze, um Sie zu erwarten ... Indessen rufe ich Sie und erwarte Sie —



Ich kann, wie ich das immer gekonnt habe, das Bedürfniß haben, eine gute That zu thun und ich habe Vergnügen daran; nebenbei aber wünsche ich auch, übel zu thun und habe ebenfalls Genugthuung dabei. Alle diese Eindrücke, wenn sie überhaupt entstehen, was selten genug ist, sind, wie immer, sehr leicht ...



“On  peut  traverser  une  rivière  sur  une  poutre  et  non  sur  un  copeau.”  Ich  habe  die  débauche  experiment[irt] im großen Stile und meine Kräfte dabei erschöpft; aber ich liebe sie nicht, sie war nicht mein Ziel.



Wenn man sich nicht mehr an sein Vaterland attachirt, hat man keine Götter mehr, das heißt keine Ziele mehr in der Existenz ...



Man kann unendlich über Alles diskutiren, aber aus mir ist nur eine Negation ohne Größe und ohne Kraft hervorgegangen. Zuletzt schmeichle ich mir noch, indem ich so rede. Alles ist immer faible et mou.



Der großherzige Kiriloff ist durch einen Gedanken besiegt worden: er hat sich erschossen. Ich sehe die Größe seiner Seele darin, daß er den Kopf verloren hat. Niemals würde ich so handeln können. Niemals würde ich an eine Idee so leidenschaftlich glauben können ... Mehr noch, es ist mir unmöglich, mich mit Ideen auf einen solchen Punkt zu beschäftigen ... Niemals, niemals würde ich mich erschießen können ...

Ich weiß, daß ich mich tödten sollte, daß ich die Erde von mir reinigen sollte, wie von einem miserablen Insekt.

11 [332]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 2. Paris: Plon, 1886:407.]

Zur Psychologie des Nihilisten.

“das Verehrungswürdigste am Menschen, nach Goethe: — — — Folgerichtigkeit, das gehört dem Nihilisten zu.

Um diese Zeit überredet er sich zur Ausschweifung. Man unterschätze die Logik darin nicht; man muß Philosoph [sein], um das zu verstehen. Die Ideen sind Täuscherei; die Sensationen sind die letzte Realität ... Es ist der letzte Hunger nach “Wahrheit,” der die Ausschweifung anräth — Es könnte nicht “die Liebe” sein: es müssen alle die Schleier und Verschönerungen d.h. Fälschungen abgewischt [werden]: deshalb muß es die Ausschweifung, der Schmerz und die Combination von Ausschweifung und Schmerz sein.



Eine Steigerung: der Schmerz ist realer als die Lust ... Das bejahende Element in der letzteren hat den Charakter der Werthschätzung, der Betrügerei und übertreibung ...

der Schmerz berauscht nicht leicht, seine Nüchternheit ...

Vorsicht vor den berauschenden und umnebelnden Schmerzen ...

— der Schmerz, den man zufügt, ist realer als der, den man leidet —

11 [333]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 2. Paris: Plon, 1886.]

Die absolute Veränderung, welche mit der Negation Gottes eintritt —

Wir haben absolut keinen Herrn mehr über uns; die alte Werthungs-Welt ist theologisch—sie ist umgeworfen —

Kürzer: es giebt keine höhere Instanz über uns: so weit Gott sein könne, sind wir selbst jetzt Gott ...

Wir müssen uns die Attribute zuschreiben, die wir Gott zuschrieben ...

11 [334]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 2. Paris: Plon, 1886:334-37.]

Die Logik des Atheismus.

Wenn Gott existirt, hängt Alles von seinem Willen ab und ich bin nichts außer seinem Willen. Wenn er nicht existirt, so hängt Alles von mir ab, und ich muß meine Unabhängigkeit beweisen —

Der Selbstmord die completeste Art, seine Unabhängigkeit zu beweisen —

Gott ist nothwendig, folglich muß er existiren
Aber er existirt nicht
Also kann man nicht mehr leben.

dieser Gedanke hat auch Stavrogin verzehrt: “wenn er glaubt, glaubt er nicht, daß er glaubt. Wenn er nicht glaubt, glaubt er nicht, daß er nicht glaubt.”

die klassische Formel Kiriloffs bei Dostoj[ewsky:]

Ich bin gehalten, meinen Unglauben zu affirmiren; in meinen Augen giebt es keine größere Idee als die Leugnung Gottes. Was ist die Geschichte der Menschheit? Der Mensch hat nichts gemacht als Gott erfinden, um sich nicht zu tödten. Ich, als der Erste, stoße die Fiktion Gottes zurück ...



Einen anderen tödten—das wäre die Unabhängigkeit in der niedrigsten Form: ich will den höchsten Punkt der Unabhängigkeit erreichen



Die früheren Selbstmörder hatten Gründe dazu; ich aber habe keinen Grund, einzig, um meine Unabhängigkeit zu beweisen —

11 [335]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 2. Paris: Plon, 1886.]

der Anfang des Nihilismus

die Ablösung, der Bruch mit der Scholle
unheimisch beginnts
unheimlich endets

11 [336]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 2. Paris: Plon, 1886:338f.]

Wenn die Natur selbst ihr Meisterstück nicht geschont hat, wenn sie Jesus hat leben lassen in mitten der Lüge und für eine Lüge (—und ihm schuldet die Erde Alles, was sie hat lebenlassen—) ohne ihn wäre der Planet, mit Allem, was darauf ist, bloße Thorheit, nun, so ruht der Planet auf einer Lüge, auf einer dummen Verspottung. Folglich sind die Gesetze der Natur selbst eine Imposture und eine diabolische farce. Warum also leben, wenn du ein Mensch bist? ...

“Wenn Sie aber enttäuscht sind? wenn Sie begriffen haben, daß der ganze Irrthum im Glauben an den alten Gott lag?”

Das Heil der Menschheit hängt davon ab, ihr diesen Gedanken zu beweisen —

Ich begreife nicht, wie bisher ein Atheist hat wissen können, daß es keinen Gott giebt und sich nicht sofort getödtet hat ...

“Fühlen daß Gott nicht ist und nicht zugleich fühlen, daß man eben damit Gott geworden ist, ist eine Absurdität: andernfalls würde man nicht verfehlen, sich zu tödten. Wenn du das fühlst, bist du tzar, und, fern davon dich zu tödten, wirst du auf dem Gipfel der Glorie leben ...

“Ich bin Gott nur durch Zwang und ich bin unglücklich, denn ich bin verpflichtet, meine Freiheit zu beweisen. Alle sind unglücklich, weil sie Furcht haben, ihre Freiheit zu beweisen. Wenn der Mensch bis jetzt so unglücklich und so arm war, so geschah dies, weil er nicht wagte, sich in der höchsten Bedeutung des Wortes frei zu zeigen, weil er sich mit einer schülermäßigen Insubordination begnügte ... Denn ich bin schrecklich unglücklich, denn ich habe schrecklich Furcht. Die Furcht ist der Fluch des Menschen

Dies wird alle Menschen retten und physisch die folgende Generation umbilden: denn, nach mir zu urtheilen, kann unter seiner gegenwärtigen physischen Form der Mensch des alten Gottes nicht entrathen ... Ich suche seit 3 Jahren das Attribut meiner Göttlichkeit: und ich habe es gefunden—die Unabhängigkeit. Ich will mich tödten, um meine Insubordination zu beweisen, meine neue und schreckliche Freiheit” —

11 [337]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 2. Paris: Plon, 1886:303f.]

Fünf, sechs Sekunden und nicht mehr: da fühlt ihr plötzlich die Gegenwart der ewigen Harmonie. Der Mensch kann, in seiner sterblichen Hülle, das nicht aushalten; er muß sich physisch umformen oder sterben. Es ist ein klares und indiskutables Gefühl. Ihr scheint euch in Contakt mit der ganzen Natur und ihr sagt: “Ja, dies ist wahr!” Als Gott die Welt geschaffen hatte, sagte er am Ende jedes Tags: “Ja, dies ist wahr, dies ist gut!” Das ist nicht Rührung, das ist Freude. Ihr verzeiht nichts, weil es nichts zu verzeihen giebt. Ihr liebt nicht mehr—oh, dies Gefühl ist höher als die Liebe. Das schrecklichste ist die schauerliche Bestimmtheit, mit der es sich ausdrückt und die Freude, mit der es erfüllt. Wenn das länger dauerte, könnte die Seele es nicht aushalten, sie müßte verschwinden— In diesen 5 Sekunden lebe ich eine ganze Menschen-Existenz, für sie würde ich mein ganzes Leben geben, es wäre nicht zu theuer bezahlt. Um dies länger zu ertragen, müßte man sich physisch transformiren. Ich glaube, der Mensch hört auf zu zeugen. Wozu Kinder, wenn das Ziel erreicht ist?



Verständniß des Auferstehungs-Symbols:

“Nach der Auferstehung wird man nicht mehr zeugen, man wird sein, wie die Engel Gottes”  d.h.  das  Ziel  ist  erreicht:  wozu  Kinder? ... Im  Kinde  drückt  sich die Unbefried[igun]g des Weibes aus ...

11 [338]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 2. Paris: Plon, 1886.]

Wenn die Menschen Consequenz im Leibe hätten, hätten sie auch Consequenz im Kopfe. Aber ihr Mischmasch ...

11 [339]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 2. Paris: Plon, 1886.]

Woran mir am meisten Verdruß entstanden ist? Zu sehen, daß Niemand mehr den Muth hat, zu Ende zu denken ...

11 [340]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 2. Paris: Plon, 1886:141f.]

Die Vorzeichen einer großen Revolte: ein Cynismus auf Befehl, ein Durst nach Skandal, agaçant, irritation, lassitude. Das Publikum entnervt, auf falschen Wegen erkannte sich nicht mehr

In Momenten der Crisis fühlt man eine Menge Individuen aus den tiefsten Schichten der Bevölkerung auftauchen, die kein Ziel, keine Idee irgend einer Art haben und die sich nur durch die Liebe zum désordre unterscheiden. Fast immer stehen sie unter dem Antrieb der kleinen Gruppe der “avancés,” welche aus ihnen machen, was sie wollen ..

Die gens de rien bekamen eine plötzliche Wichtigkeit, sie kritisirten laut alle respektablen Dinge, sie, die bisher nicht den Mund zu öffnen gewagt hatten, und die Begabtesten hörten ihnen schweigend zu, oft selbst mit einem kleinen Lächeln der Zustimmung.

11 [341]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 2. Paris: Plon, 1886:89-98.]

— eine verbrecherische Solidarität suchend und seine Herrschaft über ihn gewinnend?

Die Spionage. In seinem System hat jedes Mitglied das Auge auf das andere, die Delation ist Pflicht. Jeder gehört Allen und Alle Jedem. Alle sind Sklaven und gleich in der Sklaverei. Die Verleumdung und das Assassinat in den äußersten Fällen, aber überall die “Gleichheit.” Vorerst das Niveau der wissenschaftlichen Cultur und der Talente niedriger machen, herunterbringen! Ein wissenschaftliches Niveau ist nur höheren Intelligenzen zugänglich; aber es darf keine höhere Intelligenz geben. Menschen von hohen Fähigkeiten haben sich immer der Macht bemächtigt und sind immer Despoten gewesen. Sie können gar nicht anders als Despoten sein, sie haben immer mehr übel als Gutes gethan; man treibe sie aus oder man überliefere sie au supplice. Cicero die Zunge abschneiden, Copernikus blenden, Shakespeare steinigen ... Sklaven dürfen gleich sein: ohne Despotism hat es noch niemals weder Freiheit noch Gleichheit gegeben, aber in einer Heerde darf Gleichheit herrschen ... Man muß die Berge ebnen; nieder mit Unterricht und Wissenschaft! Man hat dafür genug für ein Jahrtausend; aber man muß den Gehorsam organisiren, die einzige Sache, die in der Welt fehlt. Der Durst nach Studium ist ein aristokratischer Durst. Mit der Familie oder der Liebe verschwindet der Durst nach Eigenthum. Wir werden diesen Durst tödten: wir werden die Trunkenheit, den Lärm, die Delation begünstigen, wir werden eine Ausschweifung ohne Gleichen propagiren, wir werden die Geniés in der Wiege ersticken. “Reduktion von Allen au même dénominateur, vollkommene Gleichheit!”

“Wir haben ein Handwerk gelernt und sind honnete Leute; wir haben nichts Andres nöthig”—haben jüngst englische Arbeiter gesagt. Das Nothwendige allein ist nothwendig, das soll die Devise des Erdballs von jetzt ab sein. Aber man hat auch Convulsionen nöthig, dafür werden wir sorgen, wir anderen Leiter und Lenker ... Die Sklaven müssen Herren haben. Vollständiger Gehorsam, vollständige Entpersönlichung: aber alle dreißig Jahre wird man das Signal zu Convulsionen geben und alle werden sich plötzlich daran machen, sich gegenseitig aufzufressen, bis zu einem gewissen Punkt natürlich, zu dem einzigen Zweck, sich nicht zu langweilen. Die Langeweile ist ein aristok[ratisches] Gefühl; in dem Socialism wird es keine Begierde geben. Wir reserviren uns den Schmerz und die Begierde, die Sklaven werden den Socialism haben ... Ich habe daran gedacht, die Welt dem Papst zu überliefern. Er möge mit bloßen Füßen aus seinem Palaste heraustreten und zum Volke sagen: “darauf hat man mich reduzirt!”— Alles, auch die Armée, wird sich zu seinen Füßen niederwerfen. Der Papst oben, wir um ihn und unter uns der Socialism ... Die Internationale muß sich mit dem Papst verständigen: er wird gleich zustimmen, er hat keinen anderen Ausweg ...

Sie sind schön! Sie vergessen bisweilen, was es Exquisites an Ihnen giebt! Selbst Bonhomie und Naivetät! Sie leiden ohne Zweifel, Sie leiden tief, auf Grund dieser Bonhomie. Ich bin Nihilist, aber ich liebe die Schönheit—je suis nihiliste, mais j’aime la beauté. Lieben die Nihilisten sie nicht? Das, was sie nicht lieben, das sind Götzenbilder: ich, ich liebe Götzenbilder und Sie sind das meinige!

Sie beleidigen Niemanden und sind allgemein verabscheut; Sie betrachten alle Menschen wie Ihres Gleichen, und Alle haben Furcht vor Ihnen: so ist es Recht. Niemand wird wagen Ihnen auf die Schulter zu schlagen. Sie sind ein schrecklicher Aristokrat, und wenn er zu Demokraten kommt, so ist der Aristokrat un charmeur. Es ist Euch gleichmäßig gleichgültig Euer Leben oder das Andrer zu opfern. Sie sind präcis der Mann, den man nöthig hat ..

Wir dringen in das Volk selbst ein, wir sind jetzt schon furchtbar stark. Nicht nur die sind die Unsrigen, welche erwürgen, Feuer anzünden und klassische coups machen. Diese hemmen uns mehr .. Ich begreife nichts ohne Disciplin. Ich habe sie alle gezählt: der Lehrer, der sich mit den Kindern über ihren Gott und ihre Wiege moquirt; der Advokat, der einen wohlgebildeten Meuchelmörder vertheidigt, der beweist, daß er eine bessere Erziehung hatte als sein Opfer und daß er, um sich Geld zu verschaffen, kein andres Mittel hatte, als zu tödten; die Studenten, die, um eine Sensation zu erproben, einen Bauern tödten; die Geschworenen, die systematisch alle Verbrecher freisprechen; der Procurator, der vor dem Tribunal zittert, sich nicht liberal genug zu zeigen ... Unter der Verwaltung, unter den Gelehrten—wie Viele gehören zu uns! (—und sie wissen es nicht!) ... Anderseits, überall eine unermeßliche Eitelkeit, ein bestialischer appétit ... Wissen Sie, wie viel wir den berühmten Theorien danken? Als ich Rußland verließ, machte die Theorie Littré’s, der das Verbrechen der Narrheit annäherte, furore; ich komme zurück, und schon ist das Verbrechen nicht mehr eine Narrheit, sondern der bon sens selbst, fast eine Pflicht, zum allermindesten ein nobler Protest. “Hé bien, wie wird ein aufgeklärter Mann nicht meucheln, wenn er Geld nöthig hat?” Aber das ist noch nichts. Der russische Gott hat dem Getränk Platz gemacht; alles ist Trinker, die Kirchen sind leer ... Wenn wir die Herren sind, werden wir sie kuriren... nöthigenfalls relegiren wir sie für 40 Jahre in eine Thebaide. Aber für 2 Generationen ist die d[ébauche] nothwendig, eine débauche ignoble, inouïe, sale, die thut noth! ... Bis jetzt hat das russische Volk, trotz der Derbheit seines Ingrimm-Vokabulärs, nicht den Cynism gekannt. Wissen Sie, daß der Leibeigene sich mehr respektirte als sich Turgenjef respektirt? ... Man schlug [ihn], aber er blieb seinen Göttern treu—und T[urgenjef] hat die seinen verlassen ...

Das Volk muß glauben, daß wir alle das Ziel wissen. Wir werden die Zerstörung predigen: diese Idee ist so verführerisch. Wir werden die Feuersbrunst zu Hülfe rufen— Und Pistolenschüsse ... Il se cache ... Es bedarf einer unerhörten Kraft ...

11 [342]

Die Theatromanie

11 [343]

“ceci tuera cela” [Vgl. Victor Hugo, Notre Dame de Paris. Paris: Renduel, 1832:25, 27ff.]

11 [344]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 1. Paris: Plon, 1886:219f.]

Der Dekabrist (russischer Aufstand von 1825) hat sein ganzes Leben die Gefahr gesucht: das Gefühl der Gefahr berauschte ihn und war ein Bedürfniß seiner Natur geworden ... Die Tapferen der Legende waren sicher in hohem Grad zugänglich der Furcht: andernfalls würden sie viel ruhiger gewesen sein und nicht das Gefühl der Gefahr in ein Bedürfniß ihrer Natur umgewandelt haben. Aber in sich la poltronnerie besiegen, mit Bewußtsein dieses Siegs und denken daß nichts sie zurückscheuchen könnte—das hat sie verführt! ... Einbegriffen den Kampf unter allen Formen; nicht nur in der Bärenjagd und im Duell schätzte er bei sich den Stoicismus und die Charakterstärke.

Aber die nervöse Disposition des neueren Geschlechts läßt nicht mehr das Bedürfniß dieser freien und unmittelbaren Sensationen zu, welche mit solcher Gluth einige unruhige Personnagen der guten alten Zeit suchten. N[icolas] wäre ebenso tapfer in allen Fällen gewesen, wie jener Decabrist: nur, er hätte kein Vergnügen in diesem Kampfe gefunden; er würde ihn mit Indolenz und Langeweile acceptirt haben, wie man sich einer unangenehmen Nothwendigkeit unterzieht. Für den Zorn, konnte ihm Niemand verglichen werden: er war kalt, ruhig, raisonnable—folglich war er schrecklicher als irgend ein anderer.

11 [345]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 1. Paris: Plon, 1886:273.]

Rom predigte einen Christus, der der dritten Versuchung nachgegeben hat; es hat erklärt, daß er eines irdischen Reichs nicht entrathen könne und hat ebendamit den Antichrist proklamirt ...

11 [346]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 1. Paris: Plon, 1886:274f.]

Gott als Attribut der Nationalität

Das Volk, das ist der Leib Gottes. Eine Nation verdient diesen Namen nur, so lange sie einen eignen Gott hat und hartnäckig alle anderen von sich stößt; so lange nur als sie rechnet, mit ihrem Gott zu siegen und die fremden Götter aus der ganzen Welt fortzujagen.

Die Völker bewegen sich durch die Kraft eines unersättlichen Bedürfnisses zum Ziel zu kommen: es ist die unermüdliche beständige Affirmation seiner Existenz und Negation des Todes. “Der Geist des Lebens,” der “Strom lebendigen Wassers,” das aesthetische oder moralische Prinzip der Philosophen, la “recherche de Dieu.” Bei jedem Volke, auf jeder Phase seiner Existenz, ist das Ziel seiner Bewegung la recherche de Dieu, eines Gottes für sich, an den es als den allein wahren glaubt. Gott ist die synthetische Person eines ganzen Volkes, betrachtet von seinem Anfang bis zu seinem Ende. Wenn die Culte anfangen sich zu generalisiren, ist die Destruktion der Nationalitäten nahe. Wenn die Götter ihren Einzel-Charakter verlieren, sterben sie und mit ihnen die Völker. Je stärker eine Nation, um so stärker unterscheidet sich ihr Gott. Man hat niemals ein Volk ohne Religion gefunden (d.h. ohne den Begriff von Gut und Böse) Jedes Volk versteht diese Worte auf seine Manier. Wenn diese Ideen auf gleiche Weise bei mehreren Völkern verstanden werden, so sterben sie und die Differenz zwischen Gut und Böse beginnt zu erlöschen und zu verschwinden. Die Vernunft hat diese Begriffe nie definiren können, und selbst nicht einmal sie auch nur annähernd trennen: immer hat sie dieselben auf eine schmähliche Weise vermengt: la science a conclu en faveur de la force brutale. Das ist namentlich durch die Halb-Wissenschaft geschehen, der größte Fluch, der Despot, vor dem sich Alles neigt, selbst die Wissenschaft ...

11 [347]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 1. Paris: Plon, 1886:276.]

Die Juden haben nur gelebt, um den wahren Gott zu erwarten; die Griechen haben die Natur vergöttlicht und haben der Welt ihre Religion, das heißt die Philosophie und die Kunst, vererbt. Rom hat das Volk im Staate vergöttlicht.

11 [348]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 1. Paris: Plon, 1886:276.]

“Si un grand peuple ne croit pas qu’en lui seul se trouve la vérité, s’il ne se croit pas seul appelé à ressusciter et à sauver l’univers par sa vérité, il cesse immédiatement d’être un grand peuple pour devenir une matière éthnographique.”

Ein wahrhaft großes Volk hat sich niemals mit einer sekundären Rolle begnügt, eine selbst einflußreiche Rolle genügt ihm nicht; es bedarf unbedingt der ersten. Die Nation, die auf diese überzeugung verzichtet, verzichtet auf die Existenz ...

11 [349]

il y a là un audacieux défi au sens commun: das hat Euch verführt! ... [Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 1. Paris: Plon, 1886:279.]

11 [350]

Die zweite Hälfte des Lebens besteht aus den Gewohnheiten, die man in der ersten contrahirt hat. [Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 1. Paris: Plon, 1886:290.]

11 [351]

il faut être un grand homme pour savoir resister au bon sens: un grand homme ou un imbécile. [Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Vol. 1. Paris: Plon, 1886:290.]

11 [352]

Malebranche hat gesagt, Gott, weil er Gott sei, habe nur mit den einfachsten Mitteln handeln können

“Dieu, parce qu’il était Dieu, ne pouvait agir que par les voies les plus simples”

Folglich—giebt es keinen Gott.

11 [353]

Seinem Gefühle folgen?

Daß man, einem genereusen Gefühle nachgebend, sein Leben in Gefahr bringt, und unter dem Impuls eines Augenblicks: das ist wenig werth ... und charakterisirt nicht einmal ... in der Fähigkeit dazu sind sich Alle gleich—und in der Entschlossenheit dazu übertrifft der Verbrecher, Bandit und Corse uns honneten Menschen gewiß...

Die höhere Stufe ist: auch diesen Andrang bei sich zu überwinden und die heroische That nicht auf Impulse hin zu thun,—sondern kalt, raisonnable, ohne das stürmische überwallen von Lustgefühlen dabei ...

Dasselbe gilt vom Mitleid: es muß erst habituell durch die raison durchgesiebt sein, im anderen Fall ist es so gefährlich, wie irgend ein Affekt ...

Die blinde Nachgiebigkeit gegen einen Affekt, sehr gleichgültig, ob es ein genereuser und mitleidiger oder feindseliger ist, ist die Ursache der größten Übel ...

Die Größe des Charakters besteht nicht darin, daß man diese Affekte nicht besitzt—im Gegentheil, man hat sie im furchtbarsten Grade: aber daß man sie am Zügel führt ... und auch das noch ohne Lust an dieser Bändigung, sondern bloß weil ..

11 [354]

Christliche Mißverständnisse

Der Schächer am Kreuz:—wenn der Verbrecher selbst, der einen schmerzhaften Tod leidet, urtheilt: “so, wie dieser Jesus, ohne Revolte, ohne Feindschaft, gütig, ergehen, leidet und stirbt, so allein ist es das Rechte”: hat er das Evangelium bejaht: und damit ist er im Paradiese ...

Das Himmelreich ist ein Zustand des Herzens (—von den Kindern wird gesagt “denn ihrer ist das Himmelreich”); nichts, was “über der Erde” ist.

Das Reich Gottes “kommt” nicht chronologisch-historisch, nicht nach dem Kalender, etwas, das eines Tages da wäre und Tags vorher nicht: sondern es ist eine “Sinnes-Änderung im Einzelnen,” etwas das jeder Zeit kommt und jeder Zeit noch nicht da ist ...

Moral: der Stifter des Christenthums hat es büßen müssen, daß er sich an die niedrigste Schicht der jüdischen Gesellschaft und Intelligenz gewendet hat ...

— sie hat ihn nach dem Geiste concipirt, den sie begriff ...

— es ist eine wahre Schande, eine Heilsgeschichte, einen persönlichen Gott, einen persönlichen Erlöser, eine persönliche Unsterblichkeit herausfabrizirt zu haben und die ganze Mesquinerie der “Person” und der “Historie” übrig behalten zu haben aus einer Lehre, die allem Persönlichen und Historischen die Realität bestreitet ...

Die Heils-Legende an Stelle der symbolischen Jetzt- und Allzeit, Hier und überall, das Mirakel an Stelle des psychologischen Symbols

11 [355]

Wenn ich irgend etwas von diesem großen Symboliker verstehe, so ist es dies, daß er nur innere Realitäten sah und anerkannte: daß er den Rest (alles Natürliche, Historische, Politische) nur als Zeichen und Gelegenheit zum Gleichniß verstand—nicht als Realität, nicht als “wahre Welt” ...

Insgleichen ist der Menschen-Sohn nicht eine concrete Person der Geschichte sondern ein “ewiges Faktum,” ein nicht in die Zeit eingesperrtes psychologisches Symbol ...

Dasselbe gilt endlich im höchsten Grade noch einmal vom Gott dieses typischen Symbolikers ... vom Reich Gottes, vom “Himmelreich” ...

der “Vater” und der “Sohn”: letzterer drückt den Eintritt in jenen Gesammtverklärungs-zustand aller Dinge aus, ersterer ist eben dieser...

— und diese Vorstellung hat man so weit mißverstanden, daß man die Amphitryon-Geschichte (einen schlecht maskirten Ehebruch) an die Spitze des neuen Glaubens gestellt hat (nebst der abscheulichen Vorstellung einer unbefleckten Empfängniß: wie als ob an sich die Empfängniß etwas Beflecktes wäre—)

Die tiefe Entartung 1)durch das Historisch-Verstehen-wollen
 2)durch das Mirakel-Sehen-wollen (—wie als ob es sich um durchbrochene und überwundene Naturgesetze handelte!)
 3)— — —

11 [356]

[Vgl. Lev Nikolayevich Tolstoy, Ma religion. Par le comte Léon Tolstoï. Paris: Fischbacher, 1885.]

Man kann das Christenthum gar nicht mehr mißverstehen, als wenn man annimmt, daß zu Anfang die grobe Wunderthäter- und Erlöser-Geschichte steht und daß das Spiritual- und Symbolisch-Nehmen erst eine spätere Form der Metamorphose ist ...

Umgekehrt: die Geschichte des Christenthums ist die Geschichte des schrittweisen immer gröberen Mißverstehen-müssens eines sublimen Symbolismus ...: mit jeder Ausbreitung des Christenthums über immer breitere und rohere Massen, die den Ursprungs-Instinkten des Christenthums fern standen (—denen alle Voraussetzungen abgiengen, es zu verstehen—) ist eine Legendengeschichte, eine Theologie, eine Kirchen-Gründung zum Vorschein gekommen—: das Bedürfniß der niedrigsten, später der barbarischen Schichten brachte die Nothwendigkeit mit sich, das Christenthum erst zu vulgarisiren, dann zu barbarisiren ...

Die Kirche ist der Wille, die Vulgär- und Barbaren-Sprache des Christenthums als “die Wahrheit” aufrecht zu erhalten— ... und heute noch!

Der Paulinische, der Augustinische Platonismus—: bis endlich diese schamlose Carikatur von Philosophie und Rabbinismus fertig geworden ist, die christliche Theologie ...

die unwürdigen Bestandtheile des Christenthums:

das Wunder
die Hierarchie der Seelen, die Rangordnung
die Heilsgeschichte und der Glaube an sie ...
der Begriff der “Sünde”

die Geschichte des Christenthums ist die Nothwendigkeit, daß ein Glaube selbst so niedrig und vulgär wird, als die Bedürfnisse sind, die mit ihm befriedigt werden sollen —

... man denke an Luther! Was könnte eine mit so groben Begierden überladene Natur mit dem ursprünglichen Christenthum anfangen!

die jüdische Stufe der Entnatürlichung: “Abfall, Unglück, Buße, Versöhnung” als übrig gebliebenes Schema,—im übrigen Haß gegen die “Welt”

Jesus geht direkt auf den Zustand los, das “Himmelreich” im Herzen und findet die Mittel nicht in der Observanz der jüdischen Kirche—er rechnet selbst die Realität des Judenthums (seine Nöthigung, sich zu erhalten) für nichts; er ist rein innerlich

ebenso macht er sich nichts aus den sämmtlichen groben Formeln im Verkehr mit Gott: er wehrt sich gegen die ganze Buß- und Versöhnungs-Lehre; er zeigt, wie man leben muß, um sich als “vergöttlicht” zu fühlen—und wie man nicht mit Buße und Zerknirschung über seine Sünden dazu kommt: “es liegt nichts an Sünde” ist sein Haupturtheil. Um “göttlich” zu werden, ist die Hauptsache, daß man sich satt hat: insofern ist sogar der Sünder besser denn als der Gerechte...

Sünde, Buße, Vergebung,—das gehört Alles nicht her ... das ist eingemischtes Judenthum, oder es ist heidnisch

11 [357]

der tiefe Instinkt dafür, wie man leben müsse, um sich “im Himmel” zu fühlen, während man sich im anderen Falle durchaus nicht im Himmel fühlt ... das ist die psychologische Realität des Christenthums

11 [358]

Unser neunzehntes Jahrhundert hat endlich die Voraussetzung, um etwas zu verstehen, das neunzehn Jahrhunderte im Grunde mißverstanden worden ist—das Christenthum ...

Man war unsäglich fern von jener liebevollen und gewissenhaften Neutralität—Zustand voller Sympathie und Zucht des Geistes—man war in einer schmählichen Weise, zu allen Zeiten der Kirche, egoistisch-blind, zudringlich, unverschämt, immer mit der Miene unterwürfigster Verehrung

11 [359]

der Symbolism des Christenthums ruht auf dem jüdischen, der auch schon die ganze Realität (Historie, Natur) in eine heilige Unnatürlichkeit und Unrealität aufgelöst hatte ... der die wirkliche Geschichte nicht mehr sehen wollte—, der sich für den natürlichen Erfolg nicht mehr interessirte —

11 [360]

[Vgl. Lev Nikolayevich Tolstoy, Ma religion. Par le comte Léon Tolstoï. Paris: Fischbacher, 1885.]

Man soll dem, der böse gegen uns ist, weder durch die That, noch im Herzen Widerstand leisten.

Man soll keinen Grund anerkennen, sich von seinem Weibe zu scheiden. Vielleicht auch: “man soll sich verschneiden.”

Man soll keinen Unterschied [zwischen] Fremden und Einheimischen, Ausländern und Volksgenossen machen.

Man soll sich gegen Niemanden erzürnen, man soll Niemanden geringschätzen ... Gebt Almosen im Verborgenen—man soll nicht reich werden wollen —

Man soll nicht schwören— Man soll nicht richten— Man soll sich versöhnen, man soll vergehen—betet nicht öffentlich —

Lasset eure guten Werke sehen, lasset euer Licht leuchten! Wer wird in den Himmel kommen? Der den Willen meines Vaters im Himmel thut ...

Die “Seligkeit” ist nichts Verheißenes: sie ist da, wenn man so und so lebt und thut:

Ist nicht die Kirche genau das: “falsche Propheten in Schafskleidern, inwendig reißende Wölfe”? ...

“Weissagen, Wunderthun, Teufel-Austreiben—das ist Alles nichts” ...

Auf eine ganz absurde Weise ist die Lohn- und Straf-Lehre hineingemengt: es ist Alles damit verdorben.

Insgleichen ist die Praxis der ersten ecclesia militans, des Apostels und sein Verhalten auf eine ganz verfälschende Weise als geboten, als voraus festgesetzt dargestellt ...

die nachträgliche Verherrlichung des thatsächlichen Lebens und Lehrens der ersten Christen: wie als ob alles so vorgeschrieben ... und bloß befolgt wäre ...

die ganze Propheten- und Wunderthäter-Attitüde, der Zorn, die Heraufbeschwörung des Gerichts ist eine abscheuliche Verderbniß (z.B. Marc. 6, 11 “und die welche euch nicht aufnehmen ... ich sage euch, wahrlich, es wird Sodom und Gomorrha usw.”)

der Feigenbaum

“Ein Prophet gilt nirgends weniger, als daheim, als bei den Seinen”: ist Unsinn, das Gegentheil ist die Wahrheit ...

Nun gar die Erfüllung der Weissagungen: was ist da Alles gefälscht und zurecht gemacht worden!

11 [361]

NB. Schopenhauer hatte, aus seinem Nihilismus heraus, ein vollkommenes Recht darauf, das Mitleiden allein als Tugend übrig zu behalten: mit ihm wird in der That die Verneinung des Willens zum Leben am kräftigsten gefördert. Das Mitleiden, die caritas kreuzt, indem es den Deprimirten und Schwachen gestattet fortzuleben und Nachkommenschaft zu haben? die natürlichen Gesetze der Entwicklung: es beschleunigt den Verfall, es zerstört die Gattung,—es verneint das Leben. Warum erhalten sich die anderen Thier-Gattungen gesund? Weil ihnen das Mitleiden abgeht.

11 [362]

NB. Der antisociale Hang, die Geistesstörung, der Pessimismus: die drei typischen Formen der décadence. Das Christenthum, als eine Religion der décadence, wuchs auf einem Boden auf, der von Degenerirten aller drei Arten wimmelte

11 [363]

Wir haben das christliche Ideal wieder hergestellt: es bleibt übrig, seinen Werth zu bestimmen.

1. Welche Werthe werden durch dasselbe negirt: was enthält das Gegensatz-Ideal?

Stolz, Pathos der Distanz, die große Verantwortung, den übermuth, die prachtvolle Animalität, die kriegerischen und eroberungslustigen Instinkte, die Vergöttlichung der Leidenschaft, der Rache, der List, des Zorns, der Wollust, des Abenteuers, der Erkenntniß ...

: das vornehme Ideal wird negirt: Schönheit, Weisheit, Macht, Pracht und Gefährlichkeit des Typus Mensch: der Ziele setzende, der “zukünftige” Mensch (—hier ergiebt sich die Christlichkeit als Schlußfolgerung des Judenthums—)

2. Ist es realisirbar?

Ja, doch klimatisch bedingt ... Ähnlich wie das indische ... Es fehlt die Arbeit ... — es löst heraus aus Volk, Staat, Cultur-Gemeinschaft, Gerichtsbarkeit, es lehnt den Unterricht, das Wissen, die Erziehung zu guten Manieren, den Erwerb, den Handel ab ... es löst alles ab, was den Nutzen und Werth des Menschen ausmacht—es schließt ihn durch eine Gefühls-Idiosynkrasie ab—unpolitisch, antinational, weder aggressiv, noch defensiv,—nur möglich innerhalb des festgeordnetsten Staats- und Gesellschaftslebens, welches diese heiligen Parasiten auf allgemeine Unkosten wuchern läßt ...

3. es bleibt eine Consequenz des Willens zur Lust—und zu nichts weiter! “die Seligkeit” gilt als Etwas, das sich selbst beweist, das keine Rechtfertigung mehr braucht,—alles übrige (die Art leben und leben lassen) ist nur Mittel zum Zweck ...

— Aber das ist niedrig gedacht: die Furcht vor dem Schmerz, vor der Verunreinigung, vor der Verderbniß selbst als ausreichendes Motiv, alles fahren zu lassen ... Dies ist eine arme Denkweise ... Zeichen einer erschöpften Rasse ... Man soll sich nicht täuschen lassen (“werdet wie die Kinder”)—die verwandten Naturen: Franz von Assisi (neurotisch, epileptisch, Visionär, wie Jesus)

11 [364]

[Vgl. Lev Nikolayevich Tolstoy, Ma religion. Par le comte Léon Tolstoï. Paris: Fischbacher, 1885.]

Zur Geschichte des Christenthums.

Fortwährende Veränderung des milieu: die christliche Lehre verändert damit fortwährend ihr Schwergewicht ..

die Begünstigung der niederen und kleinen Leute ..

die Entwicklung der caritas ..

der Typus “Christ” nimmt schrittweise Alles wieder an, was er ursprünglich negirte (in dessen Negation er bestand—)

der Christ wird Bürger, Soldat, Gerichtsperson, Arbeiter, Handelsmann, Gelehrter, Theolog, Priester, Philosoph, Landwirth, Künstler, Patriot, Politiker, “Fürst” ... er nimmt alle Thätigkeiten wieder auf, die er abgeschworen hat (—die Selbstvertheidigung, das Gerichthalten, das Strafen, das Schwören, das Unterscheiden zwischen Volk und Volk, das Geringschätzen, das Zürnen ...)

Das ganze Leben des Christen ist endlich genau das Leben, von dem Christus die Loslösung predigte ...

Die Kirche gehört so gut zum Triumph des Antichristlichen, wie der moderne Staat, der moderne Nationalismus ...

Die Kirche ist die Barbarisirung des Christenthums.



Über das Christenthum Herr geworden: der Judaism (Paulus) der Platonism (Augustin) die Mysterienkulte (Erlösungslehre, Sinnbild des “Kreuzes”) der Asketismus (—Feindschaft gegen die “Natur,” “Vernunft,” “Sinne,”—Orient ...)

11 [365]

[Vgl. Lev Nikolayevich Tolstoy, Ma religion. Par le comte Léon Tolstoï. Paris: Fischbacher, 1885. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Paris: Plon, 1886..]

es fehlt der excentrische Begriff der “Heiligkeit” —

“Gott” und “Mensch” sind nicht auseinander gerissen

das “Wunder” fehlt—es giebt gar nicht jene Sphäre ..

— die einzige, die in Betracht kommt, ist die “geistliche” (d.h. symbolisch-psychologische) als décadence: Seitenstück zum “Epicureismus” ... das Paradies, nach griechischem Begriff, auch ein “Garten Epicurs”

es fehlt die Aufgabe in einem solchen Leben

: es will nichts ... :

eine Form der “epikurischen Götter” —

: es fehlt aller Grund, noch Ziele zu setzen: Kinder zu haben ... alles ist erreicht ...

Das Christenthum ist jeden Augenblick noch möglich ... Es ist an keines der unverschämten Dogmen gebunden, welche sich mit seinem Namen geschmückt haben: es braucht weder die Lehre vom persönlichen Gott, noch von der Sünde, noch von der Unsterblichkeit, noch von der Erlösung, noch vom Glauben, es hat schlechterdings keine Metaphysik nöthig, noch weniger den Asketismus, noch weniger eine christliche “Naturwissenschaft” ...

Wer jetzt sagte “ich will nicht Soldat sein,” “ich kümmere mich nicht um die Gerichte,” “die Dienste der Polizei werden von mir nicht in Anspruch genommen”—der wäre Christ... “ich will nichts thun, was den Frieden in mir selbst stört: und wenn ich daran leiden muß, nichts wird mehr mir den Frieden erhalten als Leiden” ...

Die ganze christliche Lehre von dem, was geglaubt werden soll, die ganze christliche “Wahrheit” ist eitel Lug und Trug: und genau das Gegentheil von dem, was den Anfang der christlichen Bewegung gegeben hat ...

das gerade, was im kirchlichen Sinn das Christliche ist, ist das Antichristliche von Vornherein: lauter Sachen und Personen statt der Symbole, lauter Historie statt der ewigen Thatsachen, lauter Formeln, Riten, Dogmen statt einer Praxis des Lebens ... Christlich ist die vollkommene Gleichgültigkeit gegen Dogmen, Cultus, Priester, Kirche, Theologie.

Die   Praxis   des   Christenthums   ist   keine   Phantasterei,   so   wenig   die   Praxis des B[uddhismus] sie ist: sie ist ein Mittel, glücklich zu sein ...

11 [366]

Unser Zeitalter ist in einem gewissen Sinne reif (nämlich décadent), wie es die Zeit Buddha’s war ...

Deshalb ist eine Christlichkeit ohne die absurden Dogmen möglich ...

die widerlichsten Ausgeburten des antiken Hybridism

Die Barbarisirung der Christlichkeit

11 [367]

Christianismi et buddhismi Essentia.
(Vergleichung des ersten Buddhismus und der ersten Christlichkeit)

Buddhismus Christlichkeit sind Schluß-Religionen: jenseits der Cultur, der Philosophie, der Kunst, des Staates

A.Gemeinsam: der Kampf gegen die feindseligen Gefühle,—diese als Quell des übels erkannt. Das “Glück”: nur als innerlich,—Indifferenz gegen den Anschein und Prunk des Glückes.

Buddhism: loskommen-wollen vom Leben, philosophische Klarheit; einem hohen Grad von Geistigkeit entsprungen, mitten aus den höheren Ständen ...

Christlichkeit: will im Grunde dasselbe (—schon “die jüdische Kirche” ist ein décadence-Phänomen des Lebens), aber, gemäß einer tiefen Unkultur, ohne Wissen um das, was man will ... hängen bleibend bei der “Seligkeit” als Ziel ...
B.die kräftigsten Instinkte des Lebens nicht mehr als lustvoll empfunden vielmehr als Leidens-Ursachen

für den Buddhisten: insofern diese Instinkte zum Handeln antreiben (das Handeln aber als Unlust gilt ...)

für den Christen: insofern sie Anlaß zur Feindschaft und Widerspruch geben (das Feindsein, das Wehe-thun aber als Unlust, als Störung des “Seelen-Friedens” gilt)

(Ein tüchtiger Soldat hat umgekehrt keine Freude außer in einem rechtschaffenen Kriegführen und Feindseinwollen.)

11 [368]

[Vgl. Lev Nikolayevich Tolstoy, Ma religion. Par le comte Léon Tolstoï. Paris: Fischbacher, 1885.]

Der Typus Jesus.

Man vergreift sich, wenn man sich ein fanatisches Element in Jesus hineindenkt ... “impérieux” Renan

— es fehlt alle Tortur im Glauben, es ist eine gute Botschaft und der Zustand eines “guten Botschafters” ...

— dieser Glaube ist nicht erkämpft, hat keine Entwicklung, keine Katastrophe ... vielmehr kindlich ... die Kindheit ist bei solchen Naturen wie eine Krankheit zurückgetreten

— dieser Glaube zürnt nicht, tadelt nicht, straft nicht, wehrt sich nicht —

— dieser Glaube bringt nicht “das Schwert” ... er ahnt nicht, daß er trennen könnte ...

— dieser Glaube beweist sich weder durch Wunder, noch durch Versprechung auf Lohn ... er selbst ist jeden Augenblick sein Beweis, sein Lohn, sein Wunder —

— dieser Glaube formulirt sich nicht, weil er lebt— ... er hält nichts sonst für real ... “wahr” d.h. lebendig ..

— die Zufälle der Vorbildung, der Lektüre (die Propheten) bestimmen seine Begriffs-Sprache: das Jüdische am Christenthum ist vor allem die jüdische Begriffswelt. Vehikel, die jüdische Psychologie: aber man hüte sich hier zu verwechseln—: ein Christ in Indien hätte sich der Formeln der Sankhya-Philosophie bedient, in China der des Laotse—darauf kommt gar nichts an —

Christ[us] als “freier Geist”: er macht sich aus allem Festen nichts (Wort, Formel, Kirche, Gesetz, Dogmen) “alles, was fest ist, tödtet ...” er glaubt nur ans Leben und Lebendige—und das “ist” nicht, das wird ...

: er steht außerhalb aller Metaphysik, Religion, Historie, Naturwissenschaft, Psychologie, Ethik—: er hat nie geahnt, daß es dergleichen giebt ...

: er redet bloß vom Innersten, von Erlebnissen: alles Übrige hat den Sinn eines Zeichens und eines Sprachmittels —

11 [369]

Zum Typus Jesus.

— Was abzuziehen bleibt? die ganze Art Motivirung der Weisheit Christi, insgleichen seiner Lebensakte... letztere sollen als Gehorsam gegen die Verheißungen gethan sein; er erfüllt, er hat ein Schema von alle dem, was der Messias zu thun und zu leiden hat, ein Programm ... Andererseits ist jedes “denn” im Munde Jesus unevangelisch ... Nutzen, Schlauheit, Lohn, Strafe ...

— Was abzuziehen bleibt: das reichliche Maaß Galle, was aus dem erregten Zustand der ersten Propaganda auf den Typus ihres Meisters übergeflossen ist ... sie machte ihn nach ihrem Bilde, sie rechtfertigte sich, indem sie sich einen richtenden, hadernden, zürnenden, hassenden Propheten aus ihm zurecht machte ... sie brauchte ein solches “Vorbild”—: insgleichen den Glauben an die “Wiederkunft,” an das “Gericht” (—das ist jüdisch, s. Apocalypse)

Der psychologische Aberwitz und Widerspruch in der Attitüde Jesus wider die Cleriker und Theologen der jüdischen Kirche ...

Insgleichen in dem richterlichen Gebahren in Hinsicht auf die, welche ihn nicht annehmen ...

Insgleichen in der typischen Geschichte vom Feigenbaum —

Das psychologische Problem in Hinsicht auf den Lehrer einer solchen Lehre ist exakt: “wie verhält er sich zu anderen Lehren und Lehrern?”

Seine Lehre selbst ist nicht aus dem Gegensatz und Widerspruch gewachsen: ich zweifle, daß eine solche Natur um den Gegensatz und Widerspruch zu seiner Lehre wissen kann ... Es fehlt ihr absolut die freie Imagination des Anders-Werthen- und -Wollen-könnens ... sie kann das gegentheilige Urtheilen sich nicht vorstellen ... Wo sie es trifft, wird sie mit dem innerlichsten Mitgefühl nur über eine “Blindheit” trauern, aber nicht dagegen sprechen ...

Es fehlt die Dialektik, es fehlt der Glaube an irgend eine Beweisbarkeit der Lehre, außer der durch “innerliche Wirkungen” (“Früchte,” “Beweis der Kraft”

ein solcher Lehrer kann nicht widersprechen ... er versteht gar nicht, wie man den Irrthum bekämpfen dürfe ... er vertheidigt sich nicht, er greift nicht an ...

Dagegen ist das Erklären, Fortsetzen, Subtilisiren, Transfiguriren des Alten seine Sache ... das Abkürzen ...

11 [370]

eine nihilistische Religion, einem greisenhaft-zähen, alle starken Instinkte überlebt habenden Volke entsprungen und gemäß—Schritt für Schritt in andre milieu’s übertragen, endlich in die jungen, noch gar nicht gelebt habenden Völker eintretend —

sehr seltsam! eine Schluß- Hirten- Abend-Glückseligkeit Barbaren, Germanen gepredigt! Wie mußte das alles erst germanisirt, barbarisirt werden! solchen, die ein Walhall geträumt hatten ...—: die alles Glück im Kriege fanden!—eine übernationale Religion in ein Chaos hinein gepredigt, wo noch nicht einmal Nationen da waren —

11 [371]

| : diese nihilistische Religion sucht sich die Decadence-Elemente und Verwandtes im Alterthum zusammen, nämlich:

a)die Partei der Schwachen und Mißrathenen ... (den Ausschuß der antiken Welt: das, was sie am kräftigsten von sich stieß ...
b)die Partei der Vermoralisirten und Antiheidnischen ...
c)die Partei der Politisch-Ermüdeten und Indifferenten (blasirte Römer ...) der Entnationalisirten, denen eine Leere geblieben war
d)die Partei derer, die sich satt haben,—die gern an einer unterirdischen Verschwörung mit arbeiten—

11 [372]

das Christenthum war im Alterthum die große nihilistische Bewegung, die damit endete, daß sie siegte: und nun mehr regierte sie ...

11 [373]

Die beiden großen nihilistischen Bewegungen: a) der Buddhism b) das Christenthum: letzteres hat erst jetzt ungefähr Cultur-Zustände erreicht, in denen es seine ursprüngliche Bestimmung erfüllen kann—ein Niveau, zu dem es gehört .. in dem es sich rein zeigen kann ...

11 [374]

Unser Vorrang: wir leben im Zeitalter der Vergleichung, wir können nachrechnen, wie nie nachgerechnet worden ist: wir sind das Selbstbewußtsein der Historie überhaupt ...

Wir genießen anders, wir leiden anders: die Vergleichung eines unerhört Vielfachen ist unsere instinktivste Thätigkeit ...

Wir verstehen Alles, wir leben Alles, wir haben kein feindseliges Gefühl mehr zurück ... Ob wir selbst dabei schlecht wegkommen, unsere entgegenkommende und beinahe liebevolle Neugierde geht ungescheut auf die gefährlichsten Dinge los ...

“Alles ist gut”—es kostet uns Mühe, zu verneinen ...

Wir leiden, wenn wir einmal so unintelligent werden, Partei gegen etwas zu nehmen ...

Im Grunde erfüllen wir Gelehrten heute am besten die Lehre Christi — —

11 [375]

[Vgl. Victor Brochard, Les Sceptiques Grecs. Par Victor Brochard, maître de conférences suppléant à l'Ecole Normale Supérieure. Ouvrage couronné par l'Académie des sciences et politiques. Paris: Imprimerie Nationale, 1887:16.]

Zur Kritik der griechischen Philosophie

Das Erscheinen der griechischen Philosoph[en] von Socrates an ist ein Symptom der décadence; die antihellenischen Instinkte kommen oben auf ...

Noch ganz hellenisch ist der “Sophist” — eingerechnet Anaxagoras, Demokrit, die großen Jonier —

Aber als übergangsform: die Polis verliert ihren Glauben an ihre E[inzi]gkeit der Cultur, an ihr Herren-Recht über jede andere Polis ...

man tauscht die Cultur d.h. “die Götter” aus,—man verliert dabei den Glauben an das Allein-Vorrecht des deus autochthonus ...

das Gut und Böse verschiedener Abkunft mischt sich: die Grenze zwischen Gut und Böse verwischt sich ...

Das ist der “Sophist” —



Der “Philosoph” dagegen ist die Reaktion: er will die alte Tugend ...

— er sieht die Gründe [des Verfalls] im Verfall der Institutionen, er will alte Institutionen—

— er sieht den Verfall im Verfall der Autorität: er sucht nach neuen Autoritäten (Reisen ins Ausland, in fremde Litteraturen, in exotische Religionen ...)

— er will die ideale Polis, nachdem der Begriff “Polis” sich überlebt hatte (ungefähr wie die Juden sich als “Volk” festhielten, nachdem sie in Knechtschaft gefallen waren)

: sie interessiren sich für alle Tyrannen: sie wollen die Tugend mit force majeure wiederherstellen —

— allmählich wird alles Ächthellenische verantwortlich gemacht für den Verfall (und Plato ist genau so undankbar gegen Homer, Tragödie, Rhetorik, Pericles, wie die Propheten gegen David und Saul)

der Niedergang von Griechenland wird als Einwand gegen die Grundlagen der hellenischen Cultur verstanden: Grundirrthum der Philosophen

Schluß: die griechische Welt geht zu Grunde. Ursache: Homer, der Mythos, die antike Sittlichkeit usw.

Die antihellenische Entwicklung des Philosophen-Werthurtheils:

: das Aegyptische (“Leben nach dem Tode” als Gericht ...)
: das Semitische (die “Würde des Weisen,” der “Sheikh” —
: die Pythagoreer, die unterirdischen Culte, das Schweigen, die Jenseits-Furchtmittel; die Mathematik: religiöse Schätzung, eine Art Verkehr mit dem kosmischen All
: das Priesterliche, Asketische, Transscendente —
: die Dialektik,—ich denke, es ist eine abscheuliche und pedantische Begriffsklauberei schon in Plato?
Niedergang des guten geistigen Geschmacks: man empfindet das Häßliche und Klappernde aller direkten Dialektik bereits nicht mehr.

Neben einander gehen die beiden décadence-Bewegungen und Extreme:

a) die üppige, liebenswürdig-boshafte, prunk- und kunstliebende décadence,
b) und die Verdüsterung des religiös-moralischen Pathos, die stoische Selbst-Verhärtung, die platonische Sinnen-Verleumdung, die Vorbereitung des Bodens für das Christenthum ...

11 [376]

NB unsere heiligsten überzeugungen, unser unwandelbares in Hinsicht der obersten Werthe sind Urtheile unserer Muskeln.

11 [377]

[Vgl. Julius Wellhausen, Geschichte Israels. Bd. 1. Prolegomena zur Geschichte Israels. Berlin: Reimer, 1883:437-51.]

Aus J. Wellhausen

Gerechtigkeit als sociales Erforderniß:

“die Gerechtigkeit der Bergpredigt kann erst an die Reihe kommen, wenn die bürgerliche Rechtsordnung selbstverständlich ist” ...

die Juden haben mit dem Hochmuth einer geistlichen Aristokratie als Fundament, auf dem ihr künstliches Gebilde von Theokratie erst möglich war, den Staat verachtet ... Ohne den Staat kann keine “Kirche” bestehen ... Die Fremdherrschaft hält das Pathos der Distanz aufrecht.

die Stufen der Entnatürlichung:

: durch die Aufrichtung des Königthums gab es erst eine Nation, eine Einheit, ein Gesammt-Selbstbewußtsein: aber damit war der “Gott der Wüste” und ebenso der (Kanaaniten-) übernommene Naturgott des Ackerbaus und der Viehzucht (Baal-Dionysus) — — — Der Festcultus blieb zwar noch lange halb-heidnisch; aber bezog sich immer mehr auf die Schicksale der Nation und streifte seinen Naturcharakter ab. Javeh zu Volk und Reich in nothwendiger Beziehung: dieser Glaube stand auch den schlimmsten Götzendienern fest: von Niemandem anderen kam Sieg und Heil. Der bürgerliche Staat war das Wunder, war “die Hülfe Gottes”: “die obrigkeitliche Vorsehung” blieb ihnen ein Ideal (—offenbar weil sie ihnen fehlte ...)

Als das Reich in Spaltung und Gefahr geräth, als man in einer Anarchie und äußeren Zertrümmerung fortlebt, in Furcht vor dem Assyrer, träumt man um so stärker die Wiederkehr des vollkommenen königlichen Regiments, des nationalen Staates in aller Unabhängigkeit: diese Art Phantasie ist die prophetische. Jesaia ist höchster Typus mit seinen sogenannten messianischen Weissagungen—Propheten waren Kritiker und Satyriker, Anarchisten; im Grunde hatten sie nichts zu sagen, die Leitung war in anderen Händen; sie wollen die Wiederaufrichtung des bürgerlichen Staates; sie wünschen durchaus kein “goldenes Zeitalter,” sondern ein straffes und strenges Regiment, einen Fürsten mit militärischen und religiösen Instinkten, der das Vertrauen in Jahve wieder aufrichtet. Das ist der “Messias”: jeder moderne Souverän hätte der Sehnsucht der Propheten genug gethan, vielleicht zu sehr selbst: wie man fürchten muß ...

Aber es erfüllte sich Nichts. Man hatte die Wahl, seinen alten Gott aufzugeben oder aus ihm etwas Anderes zu machen. Letzteres thaten z.B. Elias und Amos: sie zerschnitten das Band, genauer die Einheit von Volk und Gott; sie trennten nicht nur, sondern sie hoben die eine Seite hoch empor und drückten die andere herab: sie concipirten ein neues Verhältniß zwischen beiden Theilen, ein Versöhnungsverhältniß. Jahve war bisher der Gott Israels und folglich Gott der Gerechtigkeit: jetzt wurde er zuerst und -oberst der Gott der Gerechtigkeit und, abseits davon erst, der Gott Israels. Die Thora Jahves, ursprünglich wie all sein Thun ein Helfen, ein Rechtschaffen, Wegweisen, Lösen verwickelter Probleme wurde Inbegriff seiner Forderungen, von denen seine Beziehung zu Israel abhieng.

Ein Gesetz wurde dadurch rechtskräftig, daß die, denen es galt, sich verpflichteten, es zu halten. “Vertrag” für Gesetz. Ursprünglich hatten die verschiedenen Vertreter des Volkes sich verpflichtet zur Haltung des “Gesetzes,” jetzt sollen Jahve und Israel die Contrahenten sein ... Seit dem feierlichen Akt, durch den Josia das Gesetz einführte, trat die Idee der Bundschließung zwischen Jahve und Israel in die Mitte der religiösen Reflexion. Das babylonische wie das assyrische Exil hat beigetragen, daß man sich mit der Idee der Bedingtheit, der eventuellen Lösung vertraut machte.

Der Untergang des Reichs gab den schwärmerischen Phantasien freien Lauf: das Gegensatz-Gefühl gegen den ganzen Rest breitet sich aus: seit dem Exil wird von einer allgemeinen Vereinigung aller Völker gegen das “neue Jerusalem” phantasirt. Früher war der nationale Staat der höchste Wunsch, jetzt wird von einer universalen Weltherrschaft geträumt, welche über den Trümmern der heidnischen Reiche sich in Jerusalem erheben sollte.

Die Gefahr war, daß die jüdischen Exulanten, wie vorher die samarischen, von den Heiden absorbirt würden. Man organisirt nun den heiligen Rest, damit er übrig bleibt, als Träger der Verheißung und die Stürme der Zwischenzeit überdauert ...

Gleichberechtigung der contrahirenden Theile nicht wesentlich: das Wort berith auch von der Capitulation, deren Bedingungen der stärkere auflegt —

Fortsetzung: Wellhausen.

Worauf hin konnte man organisiren? Die Wiedererrichtung eines wirklichen Staates war unmöglich; die Fremdherrschaft ließ eine solche nicht zu. Da zeigte sich die Wichtigkeit der Institutionen.

Das alte Gemeinwesen der Königszeit stand bei den Männern der Restauration in schlimmem Rufe: ersichtlich war es durch Jahve verworfen ... Man erinnerte sich an die Propheten, welche sagten, Festungen, Rosse, Kriegsleute, Könige, Fürsten—das hilft Alles nichts ...

Der jüdische Reichstempel in Jerusalem—unter dem Schatten des Königthums waren die Priester von Jerusalem groß geworden. Je schwächer der Staat, je höher das Ansehen des Tempels, desto selbstständiger die Macht der Priesterschaft. Aufschwung des Cultus im siebenten Jahrhundert, Einführung kostspieligen Materials z.B. Weihrauchs, Bevorzugung der schweren Leistungen (Kinder- und Sühnopfer) Blutiger Ernst in der Ausübung des Gottesdienstes

Als das Reich zusammenbrach, waren im Stand der Priester die Elemente vorhanden zur Organisirung der “Gemeinde.” Die Bräuche und Ordnungen waren in der Hauptsache da: sie wurden systematisirt, als Mittel zur Herstellung einer Organisation des Restes ...

Die “heilige Verfassung des Judenthums”: das Kunstprodukt ... Israel darauf reduzirt, ein “Reich von Priestern und ein heiliges Volk zu sein.” Früher hatte die natürliche Ordnung der Gesellschaft ihren Halt im Gottesglauben; jetzt sollte der Gottesstaat sichtbar dargestellt werden in einer künstlichen Sphäre, jedenfalls im gewöhnlichen Volksleben. Die Idee, die früher die Natur durchdrang, sollte jetzt einen eigenen heiligen Körper haben. Ein äußerlicher Gegensatz von Heilig und Profan entstand, man gränzte ab, man drängte das Naturgebiet immer weiter zurück ... (Ressentiment thätig—) Die Heiligkeit, leer, antithetisch, wird der regierende Begriff: ursprünglich = göttlich, jetzt gleich priesterlich, geistlich,—als sei das Göttliche dem Weltlichen, Natürlichen durch äußere Merkmale entgegengesetzt

Hierocratie ... unter ungünstigen Bedingungen mit ewig staunenswürdiger Energie durchgesetztes Kunstprodukt, unpolitisch: die mosaische Theokratie, das residuum eines untergegangenen Staates—sie hat die Fremdherrschaft zur Voraussetzung. Nächstverwandt mit der altkatholischen Kirche, in der That deren Mutter ...

Worin der Rückschritt lag. Jahves Gesetz bedeutete die jüdische Eigenthümlichkeit im Gegensatz zu den Heiden. Diese lag in Wahrheit nicht im Cultus: man kann zwischen griechischen und hebräischen Riten keine wesentliche Differenz ausfindig machen. Der Cultus ist das Heidnische in der Religion Israels: im Priestercodex wird er die Hauptsache. Ist das nicht ein Rückschritt ins Heidenthum?—es ist das, was die Propheten am Gründlichsten bekämpft haben.— Ebenfalls: der Cultus ist durch die Priestergesetzgebung seinem eignen Wesen entfremdet und in sich überwunden. Die Feste haben alle Erinnerung an Ernte und Viehzucht verloren, sie sind zu historischen Erinnerungstagen geworden; sie verleugnen ihre Herkunft aus der Natur, sie feiern die Stiftung einer übernatürlichen Religion und der Gnadenthaten Jahve’s. Das allgemein Menschliche, das Freiwüchsige geht davon, sie werden statutarisch und spezifisch israelitisch ... Sie ziehen nicht mehr die Gottheit ins irdische Leben, daß sie an dessen Freud und Leid theilnehme, sie sind keine Versuche mehr, ihr etwas zu Gute zu thun und sie gnädig zu stimmen. Nichts als göttliche Gnadenmittel, die Jahve, als Sakramente der Hierarchie, eingesetzt hat. Sie gründen sich nicht auf den inneren Werth der Sache, auf frische Anlässe, sondern auf den peinlich-genauen Befehl eines unmotivirten Willens. Das Band zwischen Cult und Sinnlichkeit zerschnitten. Der Cult eine übung der Gottseligkeit; keine natürliche sondern nur eine transscendente, unvergleichliche und unangebbare Bedeutung. Seine Hauptwirkung die Sühne. Seit dem Exil ist das Sündenbewußtsein permanent; Israel von Gottes Angesicht verworfen ...

Das Werthvolle in den Darbringungen nicht in ihnen selbst, sondern im Gehorsam gegen Vorschriften; das Schwergewicht des Cultus in ein ihm fremdes Reich, die Moral verlegt. Opfer und Gaben treten zurück hinter asketischen Leistungen, die mit der Moral in noch einfacherer Verbindung stehen. Vorschriften, die ursprünglich größtentheils die Heiligung der Priester zu gottesdienstlichen Funktionen im Auge hatten, wurden auf die Laien ausgedehnt; die Beobachtung der Gebote der leiblichen Reinigkeit war von größerer durchgreifender Bedeutung als der große öffentliche Cultus und führte auf geradem Wege zum Ideal der Heiligkeit und des allgemeinen Priesterthums. Das ganze Leben ward in eine heilige Bahn eingeengt, indem stets ein göttliches Gebot zu erfüllen war. das hielt ab, den eigenen Gedanken und Herzenswünschen nachzuschweifen. Dieser kleine, fortwährend in Anspruch nehmende Privatcultus hielt das Gefühl der Sünde im Einzelnen wach und rege.

Der große Patholog des Judenthums hat Recht: der Cultus ist zum Zuchtmittel geworden. Dem Herzen ist er fremd: er wurzelt nicht mehr im naiven Sinn: er ist todtes Werk, trotz aller Wichtigkeit, oder gerade wegen der Peinlichkeit und Gewissenhaftigkeit. Die alten Bräuche sind zu einem System zusammengeflickt, zu einem System, das als Form, als harte Schale diente, um Edleres darin zu retten. Das Heidenthum auf seinem eigenen Gebiete, im Cult überwunden: der Cultus ist, nachdem die Natur darin ertödtet war, bloß der Panzer eines übernatürlichen MonotheismusSchluss

11 [378]

Meine Theorie vom Typus Jesu.

Der Typus des “Erlösers” verdorben, ja zerstört ...

Ursachen: das geistige Niveau, in dem sich fortwährend Alles vergröbert, verstellt, verschiebt, die absolute Blindheit gegen sich selbst (—hier ist noch nicht einmal der Anfang der Selbsterkenntniß gemacht—), die ungeheure Unbedenklichkeit aller Sektirer, sich ihres Meisters wie ihrer Apologie zu bedienen ... der Verbrecher-Tod Christi als Räthsel ...

Es wird im Typus rückständig sein: die Crudität des Geistes: man wandelt nicht ungestraft unter Fischern

: die falsche Generalisirung zum Allerwelts-Typus des Wundermanns, Propheten, Messias —

: die nachträgliche Geschichte und Psychologie der jungen Gemeinde, welche ihre stärksten Affekte in das Bild ihres Meisters eintrug —

: die kranke ausschweifende Gefühlsamkeit und Verwöhnung statt aller Vernunft: so daß die Instinkte sofort wieder Herr werden—es ist nicht die kleinste Spur von Geistigkeit, von Zucht und Strenge im Geistigen, von Gewissenhaftigkeit.

Wie Schade, daß nicht ein Dostoiewsky unter dieser Gesellschaft war: in der That gehört die ganze Geschichte am besten in einen russischen RomanKrankhaftes, Rührendes, einzelne Züge sublimer Fremdheit, mitten unter Wüstem und Schmutzig-Pöbelhaftem .. (wie Maria von Magdala

Erst der Tod, der unerwartete schmähliche Tod, erst das Kreuz, das im Allgemeinen der Canaille aufgespart blieb,—erst diese schauerlichste Paradoxie brachte die Jünger vor das eigentliche Räthsel: “wer war das?,” “was war das?

Das erschütterte und im Tiefsten beleidigte Gefühl, der Argwohn, es möchte ein solcher Tod die Widerlegung einer Sache sein, das schreckliche Fragezeichen “warum so?”—denn hier mußte Alles nothwendig sein, Sinn, Vernunft, höchste Vernunft haben—: die Liebe eines Jüngers kennt keinen Zufall:

erst jetzt trat die Kluft auseinander: “wer hat ihn getödtet?” “wer war der natürliche Feind?” Antwort: das herrschende Judenthum, sein erster Stand

— Man empfand sich selbst im Aufruhr gegen dieOrdnung

— man verstand hinterdrein Jesus als im Aufruhr gegen die Ordnung

Bis dahin fehlte dieser kriegerische Zug in Jesus: mehr noch, er war unmöglich bei seiner Denkart. Praktisch war auch sein Verhalten bei der Verurtheilung und dem Tod wohl das ganze Gegen[theil]: er widersteht nicht, er vertheidigt sich nicht, er bittet für sie. Die Worte an den Schächer am Kreuz heißen nichts anders: wenn du fühlst, daß das das Rechte ist, nicht-sich-wehren, nicht zürnen, nicht verantwortlich-machen, vielmehr leiden, mitleiden, vergeben, beten für die, welche uns verfolgen und tödten: nun, so hast du das Eine, was noth thut, den Frieden der Seele—so bist du im Paradiese

Offenbar verstand man gerade die Hauptsache nicht: das Vorbild von dieser Freiheit von allem Ressentiment:

wieder hat ja der Tod Christi keinen Sinn als das stärkste Vorbild und die stärkste Erprobung seiner Lehre zu sein ...

Seine Jünger waren alle fern davon, diesen Tod zu verzeihen: das am meisten unevangelische Gefühl, die Rache kam obenauf ...

Unmöglich konnte die Sache zu Ende sein: man brauchte eine “Vergeltung,” ein “Gericht” (—und nichts ist weniger evangelisch als Lohn und Strafe!)

Jetzt erst kamen die populären Erwartungen eines Messias wieder in den Vordergrund: einen historischen Augenblick erwartend, wo “der Richter” zu Gericht kommt über seine Feinde ...

: jetzt erst mißverstand man das Kommen des “Reichs Gottes” wie als Prophezeiung über einen Schlußakt der Geschichte

: jetzt erst trug man die ganze Verachtung und Bitterkeit gegen die Pharisäer und Theologen hinein in den Typus des Meisters

: man verstand nicht die Hauptsache: daß eben ein solcher Tod selbst der höchste Sieg über die “Welt” war (über die Gefühle von Feindschaft, Rache usw.)—über das Böse, über den Bösen, dies immer nur als innerliche psychologische Realität verstanden

: die Verehrung dieser ganz aus dem Gleichgewicht gerathenen Seelen hielt es nicht aus, jene gültige Gleichberechtigung von Jedermann zum “Sohn Gottes,” wie sie Jesus gelehrt hatte, zu glauben: ihre Rache war, auf eine ausschweifende Manier Jesus emporzuheben (—ganz so wie die Juden die Rolle von Israel in die Höhe gehoben hatten, wie als ob der ganze Rest Welt sein Feind sei. Ursprung der absurden Theologie von Einem Gott und seinem Einen Sohn —

Problem “wie konnte Gott das zulassen?” Darauf fand man die absurde Antwort “er gab seinen Sohn zur Vergebung der Sünden, als Opfer.” Wie war Alles mißverstanden!!! Nichts ist unevangelischer als das Schuldopfer und gar das des Unschuldigen für die Sünden des Schuldigen;

: aber Jesus hatte ja die Sünde abgeschafft!—nicht durch den “Glauben,” sondern durch das Gefühl der Göttlichkeit, Gottgleichheit.

Es tritt in den Typus hinein:

a) die Lehre vom Gericht und von der Wiederkunft
b) die Lehre vom Tode als Opfer
c) die Lehre von der Auferstehung: wodurch die ganze “Seligkeit,” der ganze Sinn des Evangeliums auf einmal eskamotirt wird zu Gunsten eines Zustandes—“nach dem Tode” ...

Paulus, mit rabbinischer Frechheit diese Auffassung logisirend: “wenn Christus nicht auferstanden ist von den Todten, so ist unser Glaube eitel”

: zuletzt gar noch die “Unsterblichkeit der Person”

Und so hatte man in der zweiten Generation nach Jesus bereits alles das als christlich, was am tiefsten den evangelischen Instinkten zuwider ging

das Opfer, sogar das Blutopfer, als Erstlingsopfer

Strafe, Lohn, Gericht ...

ein Auseinanderhalten von Diesseits und Jenseits, von Zeit und Ewigkeit

eine Theologie statt einer Praxis, ein “Glaube” statt einer Lebensweise

eine tiefe und tödtliche Feindseligkeit gegen alles Nichtchristliche

die ganze Nothlage des Missionars hat sich in die Lehre Jesus hineingetragen: alle die harten und bösen Dinge, gegen die, welche seine Missionare nicht annehmen, sollen jetzt vom Meister schon proklamirt sein

nachdem einmal in der Hauptsache Gericht, Strafe, Lohn wieder acceptirt waren, wurde die ganze Lehre und Sprüchwortweisheit Jesus damit durchtränkt ...

11 [379]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Paris: Plon, 1886.]

Der Nihilist.

Das Evangelium: die Nachricht, daß den Niedrigen und Armen ein Zugang zum Glück offen steht,—daß man nichts zu thun hat als sich von der Institution, der Tradition, der Bevormundung der oberen Stände loszumachen: insofern ist die Heraufkunft des Christenthums nichts weiter als die typische Socialisten-Lehre.

Eigenthum, Erwerb, Vaterland, Stand und Rang, Tribunale, Polizei, Staat, Kirche, Unterricht, Kunst, Militärwesen: Alles ebenso viele Verhinderungen des Glücks, Irrthümer, Verstrickungen, Teufelswerke, denen das Evangelium das Gericht ankündigt ... Alles typisch für die Socialistenlehre.

Im Hintergrunde der Aufruhr, die Explosion eines aufgestauten Widerwillens gegen die “Herren,” der Instinkt dafür, wie viel Glück nach so langem Drucke schon im Frei-sich-fühlen liegen könnte ...

Meistens ein Symptom davon, daß die unteren Schichten zu menschenfreundlich behandelt worden sind, daß sie ein ihnen verbotenes Glück bereits auf der Zunge schmecken ... Nicht der Hunger erzeugt Revolutionen, sondern daß das Volk en mangeant Appetit bekommen hat ...

11 [380]

[Vgl. Fyodor Mikhaylovich Dostoyevsky, Les Possédés. Traduit du russe par Victor Derély. Paris: Plon, 1886.]

Die angebliche Jugend

Man betrügt sich, wenn man hier von einem naiven und jungen Volks-Dasein träumt, das sich gegen eine alte Cultur abhebt; es geht der Aberglaube, als ob in diesen Schichten des niedersten Volkes, wo das Christenthum wuchs und Wurzeln schlug, die tiefere Quelle des Lebens wieder emporgesprudelt sei: man versteht nichts von der Psychologie der Christlichkeit, wenn man sie als Ausdruck einer neu heraufkommenden Volks-Jugend und Rassen-Verstärkung nimmt. Vielmehr: es ist eine typische décadence-Form; die Moral-Verzärtlichung und Hysterie einer müde und ziellos gewordenen, krankhaften Mischmasch-Bevölkerung. Diese wunderliche Gesellschaft, welche hier um diesen Meister der Volks-Verführung sich zusammenfindet, gehört eigentlich sammt und sonders in einen russischen Roman: alle Nervenkrankheiten geben sich bei ihnen ein Rendez-vous ... die Abwesenheit von Aufgaben, der Instinkt, daß Alles eigentlich am Ende sei, daß sich Nichts mehr lohne, die Zufriedenheit in einem dolce far niente

: die Macht und Zukunfts-Gewißheit des jüdischen Instinkts, das Ungeheure seines zähen Willens zu Dasein und Macht liegt in seiner herrschenden Classe; die Schichten, welche das junge Christenthum emporhebt, sind durch Nichts schärfer gezeichnet als durch die Instinkt-Ermüdung. Man hat es satt: das ist das Eine—und man ist zufrieden, bei sich, in sich, für sich—das ist das Andre.

11 [381]

Unfähigkeit, pol[itische] Ideale anders als mit religiösen Formeln auszudrücken

11 [382]

[Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:xxiiif., liv-lvi, lxi.]

Renan.

Im Orient ist der Narr ein priviligirtes Wesen; er tritt ein vor die höchsten Räthe, ohne daß Jemand ihn aufzuhalten wagt; man hört ihn, man befragt ihn. Das ist ein Wesen, das man Gott näher glaubt, weil man, da seine individuelle Vernunft erloschen ist, voraussetzt, daß er theil hat an der göttlichen. Der esprit, der durch einen feinen Spott jeden Fehler des raisonnements heraushebt, fehlt in Asien.

Man hat weniger Werth auf diese Schriften gelegt als auf die mündliche Tradition: und das noch in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts. Daher das Wenige von Autorität dieser Schriften: man machte sie sich zurecht, ergänzte sie, die Einen aus den Anderen —

Im Johannes-Evangelium fehlen die Parabeln, die Exorcismen ...

11 [383]

Ego:

“Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich nicht gespeiset—geht hin von mir, ihr Verfluchten usw.” Matth. 25, 41 usw.

diese empörende Sprache “was ihr nicht gethan habt einem unter diesen Geringsten meiner Brüder, das habt ihr mir auch nicht gethan”

“der Geist der Propaganda,” der sich als Geist Christi präsentirt ... “der Geist der unbefriedigten Rachsucht,” der in Worten, Flüchen und Voraussagungen von Gerichtsscenen austobt ...

“der Geist des Asketismus” (“das Halten der Gebote” als Mittel der Zucht, als Weg zur jenseitigen Belohnung, wie im Judenthum) statt jenes christlichen Indifferentism, der alle diese Güter von sich weist, aus “Seligkeit” ... die Essener, Johannes usw.

“der Geist des Sündengefühls und der Nothwendigkeit der Erlösung”



Mit dem Tode Christi und der psychologischen Nöthigung, hierin keinen Schluß zu sehen, waren sämmtliche Populär-Tendenzen wieder hergestellt: alle die Cruditäten, welche in Geist umzuwandeln die Arbeit jenes typischen Spiritualisten war —

: der Messianismus, das Kommen vom “Reiche Gottes,” der Geist der Feindschaft und Rachsucht, die Erwartung des “Lohns” und der “Strafe,” der Hochmuth der “Auserwählten” (sie richten, fluchen, verurtheilen, die Opfer-Idee des Judenthums .. die socialistische Tendenz zu Gunsten der Armen, der “Unehrlichen,” der Verachteten)



Jesus, der als Erfüllung aller populären Erwartungen lebte, der nichts anderes that als sagen: “hier ist das Himmelreich,” der die Crudität dieser Erwartungen in Geist verwandelte:

— aber mit dem Tode war Alles vergessen (auf deutsch: widerlegt) man hatte keine Wahl, entweder den Typus zurückübersetzen in die Populär-Vorstellung des “Messias,” des zukünftigen “Richters,” des Propheten im Kampfe — — —



Als Nachwirkung dieses Schlags, dem diese ungewisse und schwärmerische Bande nicht gewachsen war, trat sofort die vollkommene Entartung ein: es war Alles umsonst gewesen ...

eine absurde Vergröberung aller geistlichen Werthe und Formeln

die anarchistischen Instinkte gegen die herrschende Classe treten unverschämt in den Vordergrund.

: der Haß gegen die Reichen, die Mächtigen, die Gelehrten—mit dem “Himmelreich,” mit dem “Frieden auf Erden” war es zu Ende: aus einer psychologischen Realität wird ein Glaube, eine Erwartung an eine irgendwann kommende Realität, “eine Wiederkunft”: ein Leben in der Imagination ist die ewige Form der “Erlösung”—oh wie anders hatte das Jesus verstanden!

11 [384]

Die erste Entartung des Christenthums ist der Einschlag des Judain,—eine Rückbildung in überwundene Formen ...

11 [385]

[Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:347, 368, 406, 409.]

“Mein Reich ist nicht von dieser Welt”

“ich werde den Tempel Gottes zerstören und in drei Tagen wieder auferbauen”

die Prozedur gegen den “Verführer” (mesith), der die Religion in Frage stellt: die Steinigung war im Gesetz vorgesehen

[gegen] jeden Propheten, jeden Wunderthäter, der das Volk vom alten Glauben entfernte —

ce grand maître en ironie

Renan findet es billig, daß er diesen Triumph mit dem Leben zahlte.

11 [386]

“er ist nur disputeur, wenn er gegen die Pharisäer argumentirt: der Gegner zwingt ihn, wie das fast immer geschieht, seinen eigenen Ton anzunehmen” — [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:346.]

11 [387]

Renan I, 346

Ses exquises moqueries, ses malignes provocations frappaient toujours au coeur. Stigmates éternelles, elles sont restées figées dans la plaie. Cette tunique de Nessus du ridicule, que le juif, fils des pharisiens, traîne en lambeaux après lui depuis dixhuitsiècles, c’est Jésus, qui l’a tissée avec un artifice divin. Chefs-d’oeuvre de haute raillerie, ses traits se sont inscrits en lignes de feu sur la chair de l’hypocrite et du faux dévot. Traits incomparables, traits dignes d’un fils de Dieu! Un dieu seul sait tuer de la sorte. Socrate et Molière ne font qu’effleurer la peau. Celui-ci porte jusqu’au fond des os le feu et la rage. [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:346f.]

Und das ist dasselbe, das von sich Isaias 42, 2-3 sagen konnte!! [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:339.]

11 [388]

Er hatte nie einen Begriff von “Person,” “Individuum”: man ist eins, wenn man sich liebt, wenn man nur vom andern lebt. Seine Schüler und er waren Eins. [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:254.]

11 [389]

Daß er Gott sei, gottgleich sei, war als Verleumdung der Juden dargestellt (vgl. Johannes V, 18; X, 33). Er ist weniger als der Vater: der Vater hat ihm nicht Alles offenbart. Er wehrt sich, gottgleich genannt zu werden. Er ist Gottes Sohn: alle können es werden (—so ist es jüdisch: die göttliche Sohnschaft wird mehreren Personen im alten Testament zugetheilt, von denen man durchaus nicht prätendirt, daß sie gottgleich sind) “Sohn” in den semitischen Sprachen ist ein äußerst vager, freier Begriff [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:253f.]

11 [390]

Die große umbrische Bewegung des XIII. Jahrhunderts, am verwandtesten mit der des Galiläers, geschah im Namen der Armut:

Franz von Assisi: exquise bonté, sa communion délicate fine et tendre avec la vie universelle [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:190f.]

11 [391]

in der rabbinischen Sprache dieser Zeit ist “Himmel” gleichbedeutend mit “Gott”: dessen Namen man vermied. [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:81f.]

11 [392]

“Das Reich Gottes ist unter uns” Luc. 17, 20. [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:83.]

11 [393]

“selig sind die Gottes Worte hören und thun.” Luc. 11, 27 etc. [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:44f.]

11 [394]

es fehlt ganz und gar der Begriff “Natur,” “Naturgesetz”: alles geht moralisch zu, “Wunder” sind nichts “Widernatürliches” (weil es keine Natur giebt) [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:255ff.]

11 [395]

“Das Gesetz ist vernichtet: er ist es, der es vernichten wird”: Spaltung unter seinen ersten Schülern, von denen ein beträchtlicher Theil jüdisch blieb ... Der Prozeß gegen ihn läßt keinen Zweifel ... [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:245.]

11 [396]

“der Nächste” im jüdischen Sinn ist der Glaubensgenosse [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:241.]

11 [397]

es giebt gar keinen unevangelischeren Typus als den der Gelehrten der griechischen Kirche, die vom IV. Jahrhundert an das Christenthum auf den Weg einer absurden Metaphysik drängen; und insgleichen die Scholastiker des lateinischen Mittelalters. [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:460.]

11 [398]

Renan I, 461

... le sentiment que Jésus a introduit dans le monde est bien le nôtre. Son parfait idéalisme est la plus haute règle de la vie détachée et vertueuse. Il a créé le ciel des âmes pures, où se trouve ce qu’on demande en vain à la terre, la parfaite noblesse des enfants de Dieu, la sainteté accomplie, la totale abstraction des souillures du monde, la liberté enfin, que la société réelle exclut comme une impossibilité et qui n’a toute son amplitude que dans le domaine de la pensée. Le grand maître de ceux qui se réfugient dans ce paradis idéal est encore Jésus. Le premier, il a proclamé la royauté de l’esprit: le premier, il a dit, au moins par ses actes: “mon royaume n’est pas de ce monde.” La fondation de la vraie religion est bien son oeuvre ... [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:461.]

11 [399]

“Christenthum” ist synonym mit “Religion” geworden: alles was man außerhalb der großen und guten christlichen Tradition thut, wird unfruchtbar sein. [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:462.]

11 [400]

[Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:464f., 473.]

Unsere Civilisation, regiert durch eine minutieuse Polizei, giebt keinen Begriff davon, was der Mensch in Epochen thut, wo die Originalität eines Jeden freieren Spielraum hat.

Nos petites tracasseries préventives, bien plus meurtrières que les supplices pour les choses de l’esprit, n’existaient pas. Jesus konnte, drei Jahre lang ein Leben führen, welches ihn, in unseren Gesellschaften, zwanzig Mal vor das Tribunal gebracht hätte ...

Dégagées de nos conventions polies, exemptes de l’éducation uniforme, qui nous raffine, mais qui diminue si fort notre individualité, ces âmes entières portaient dans l’action une énergie surprenante ... Le souffle de Dieu était libre chez eux; chez nous, il est enchaîné par les liens de fer d’une société mesquine et condamnée à une irrémédiable médiocrité.

Plaçons donc au plus haut sommet de la grandeur humaine la personne de Jésus: fordert uns Herr Renan auf.

11 [401]

Die Medizin, die in einer gewissen moralischen délicatesse den Anfang d’étisie sieht ... (de phtisie?) [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:469.]

11 [402]

La philosophie ne suffit pas au grand nombre. Il lui faut la sainteté.— Eine artige Bosheit Renan’s. [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:468.]

11 [403]

Qui n’aimerait mieux être malade comme Pascal que bien portant comme le vulgaire? Renan. [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:469.]

11 [404]

[Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:473ff.]

Qu’on se figure Jésus, réduit à porter jusqu’à soixante ou soixante-dix ans le fardeau de sa divinité, perdant sa flamme céleste, s’usant peu à peu sous les nécessités d’un rôle inouï! Renan.



Voué sans réserve à son idée, il y a subordonné toute chose à un tel degré que l’univers n’exista plus pour lui. C’est par cet accès de volonté héroïque, qu’il a conquis le ciel. Il n’y a pas eu d’homme, Çakia-Mouni peut-être excepté, qui ait à ce point foulé aux pieds la famille, les joies de ce monde, tout soin temporel ... Pour nous, éternels enfants, condamnés à l’impuissance, inclinons-nous devant ces demi-dieux! Renan.

11 [405]

Renan, p. 187

Le mouvement démocratique le plus exalté, dont l’humanité ait gardé le souvenir, agitait depuis longtemps la race juive. La pensée que Dieu est le vengeur du pauvre et du faible contre le riche et le puissant se retrouve à chaque page des écrits de l’Ancien Tcstament. L’histoire d’Israël est de toutes les histoires celle où l’esprit populaire a le plus constamment dominé. Les prophètes, vrais tribuns et, on peut le dire, les plus hardis des tribuns, avaient tonné sans cesse contre les grands et établi une étroite relation entre les mots de “pauvre, doux, humble, pieux” et de l’autre entre les mots “riche, impie, violent, méchant.” Sous les Séleucides, les aristocrates ayant presque tous apostasié et passéà l’hellénisme, ces associations d’idées ne firent que se fortifier. Le livre d’Hénoch contiens des malédictions plus violentes encore que celles de l’Évangile contre le monde, les riches, les puissants. Le nom de “pauvre” (ébion) était devenu synonyme de “saint,” d’“ami de Dieu.” [Vgl. Ernest Renan, Histoire des origines du Christianisme. Livre premier. Vie de Jésus. Paris: Michel Lévy fréres, 1867:187ff.]

11 [406]

Pierre Loti, Pêcheurs d’Islande. [Vgl. Pierre Loti, Pêcheurs d'Islande. 1886.]

11 [407]

Der Staat oder die organisirte Unmoralität ...

inwendig: als Polizei, Strafrecht, Stände, Handel, Familie

auswendig: als Wille zur Macht, zum Kriege, zur Eroberung, zur Rache

wie wird es erreicht, daß eine große Menge Dinge thut, zu denen der Einzelne sich nie verstehen würde?

— durch Zertheilung der Verantwortlichkeit

— des Befehlens und der Ausführung

— durch Zwischenlegung der Tugenden des Gehorsams, der Pflicht, der Vaterlands- und Fürstenliebe

die Aufrechterhaltung des Stolzes, der Strenge, der Stärke, des Hasses, der Rache, kurz aller typischen Züge, welche dem Heerdentypus widersprechen ...

Die Kunstgriffe, um Handlungen, Maaßregeln, Affekte zu ermöglichen, welche, individuell gemessen, nicht mehr “statthaft” sind,—auch nicht mehr “schmackhaft” sind —

— die Kunst “macht sie uns schmackhaft,” die uns in solche “entfremdete” Welten eintreten läßt

— der Historiker zeigt ihre Art Recht und Vernunft; die Reisen; der Exotismus; die Psychologie; Strafrecht; Irrenhaus; Verbrecher; Sociologie

— die “Unpersönlichkeit”: so daß wir als Media eines Collektivwesens uns diese Affekte und Handlungen gestatten (Richtercollegien, Jury, Bürger, Soldat, Minister, Fürst, Societät, “Kritiker”) ... giebt uns das Gefühl als ob wir ein Opfer brächten ...

Die Aufrechterhaltung des Militär-Staates ist das allerletzte Mittel, die große Tradition sei es aufzunehmen, sei es festzuhalten hinsichtlich des obersten Typus Mensch, des starken Typus. Und alle Begriffe, die die Feindschaft und Rangdistanz der Staaten verewigen, dürfen darauf hin sanktionirt erscheinen ...

z.B. Nationalismus, Schutzzoll, — — —



der starke Typus wird aufrechterhalten als wertbestimmend ...

11 [408]

Man soll das Christenthum nicht schmücken und herausputzen (wie es dieser zweideutige Herr Renan thut): es hat einen Todkrieg gegen den starken Typus Mensch gemacht

es hat alle Grundinstinkte dieses Typus in Bann gelegt

es hat aus diesen Instinkten das Böse, den Bösen herausfabrizirt

: der starke Mensch als der typisch verwerfliche und verworfene Mensch

es hat die Partei alles Schwachen, Niedrigen, Mißrathenen genommen

: es hat ein Ideal aus dem Widerspruch gegen die Erhaltungs-Instinkte des starken Lebens gemacht ...

: es hat die Vernunft selbst der geistigsten Menschen verdorben, indem es die obersten Instinkte der Geistigkeit als sündhaft, als irreführend, als Versuchungen empfinden lehrte ..

das jammervollste Beispiel—die Verderbniß Pascals, der an die Verderbniß seiner Vernunft durch die Erbsünde glaubt: während sie nur durch sein Christenthum ihm verdorben ist ...

11 [409]

Autoren, an denen heute noch Wohlgefallen zu haben, ein für alle Mal compromittirt: Rousseau, Schiller, George Sand, Michelet, Buckle [Vgl. Henry Thomas Buckle, Geschichte der Civilization in England. Deutsch von Arnold Ruge. 7. Aufl. Leipzig: Winter, 1881. Vol. 1. Vol. 2.], Carlyle, die imitatio [Vgl. Thomas von Kempen (Thomas à Kempis), Thomas von Kempen vier Bücher von der Nachfolge Christi [de imitatione Christi]. Für Evangelische Christen bearbeitet und mit Beicht- und Communiongebeten versehen. Von August Ludwig Gottlob Krehl. Mit Illustrationen von Alex. Straehuber. Hildburghausen; Leipzig: Kesselring, 1858.]

11 [410]

NB. Ich mißtraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Wege. Der Wille zum System ist, für einen Denker wenigstens, etwas, das compromittirt, eine Form der Unmoralität ... Vielleicht erräth man bei einem Blick unter und hinter dies Buch, welchem Systematiker es selbst mit Mühe ausgewichen ist—mir selber ...

11 [411]

Vorrede.

1.

Große Dinge verlangen, daß man von ihnen schweigt oder groß redet: groß, das heißt cynisch und mit Unschuld. [Vgl. Frühjahr 1888 15 [118]; Juli - August 1888 18 [12].]

2.

Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Nothwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsere ganze europäische Cultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.

3.

— Der hier das Wort nimmt, hat umgekehrt Nichts bisher gethan als sich zu besinnen: als ein Philosoph und Einsiedler aus Instinkt, der seinen Vortheil im Abseits, im Außerhalb, in der Geduld, in der Verzögerung, in der Zurückgebliebenheit fand; als ein Wage- und—Versucher-Geist, der sich schon in jedes Labyrinth der Zukunft einmal verirrt hat; als ein Wahrsagevogel-Geist, der zurückblickt, wenn er erzählt, was kommen wird; als der erste vollkommene Nihilist Europas, der aber den Nihilismus selbst schon in sich zu Ende gelebt hat,—der ihn hinter sich, unter sich, außer sich hat ...

4.

Denn man vergreife sich nicht über den Sinn des Titels, mit dem dies Zukunfts-Evangelium benannt sein will. “Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwerthung aller Werthe”—mit dieser Formel ist eine Gegenbewegung zum Ausdruck gebracht, in Absicht auf Princip und Aufgabe: eine Bewegung, welche in irgend einer Zukunft jenen vollkommenen Nihilismus ablösen wird; welche ihn aber voraussetzt, logisch und psychologisch, welche schlechterdings nur auf ihn und aus ihm kommen kann. Denn warum ist die Heraufkunft des Nihilismus nunmehr nothwendig? Weil unsere bisherigen Werthe selbst es sind, die in ihm ihre letzte Folgerung ziehn; weil der Nihilism die zu Ende gedachte Logik unserer großen Werthe und Ideale ist,—weil wir den Nihilismus erst erleben müssen, um dahinter zu kommen, was eigentlich der Werth dieser “Werthe” war ... Wir haben, irgendwann, neue Werthe nöthig ...

11 [412]

Bücher lesen, welche von Vielen geschrieben sein könnten: sie verrathen am deutlichsten die intellektuellen Gewohnheiten des Gelehrten-Typus einer Zeit, sie sind “unpersönlich.”

11 [413]
[Vgl. Der Antichrist, 3 und 4.]

Der übermensch

: es ist nicht meine Frage, was den Menschen ablöst: sondern welche Art Mensch als höherwerthige gewählt, gewollt, gezüchtet werden soll ...

Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren; oder Stärkeren; oder Höheren dar; in dem Sinne, in dem es heute geglaubt wird: der Europäer des 19. Jahrhunderts ist, in seinem Werthe, bei weitem unter dem Europäer der Renaissance; Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgend welcher Nothwendigkeit Erhöhung, Steigerung, Verstärkung ...

in einem andrem Sinne giebt es ein fortwährendes Gelingen einzelner Fälle an den verschiedensten Stellen der Erde und aus den verschiedensten Culturen heraus, in denen in der That sich ein höherer Typus darstellt: etwas, das im Verhältniß zur Gesammt-Menschheit eine Art “übermensch” ist. Solche Glücksfälle des großen Gelingens waren immer möglich und werden viell[eicht] immer möglich sein. Und selbst ganze Stämme, Geschlechter, Völker können unter Umständen einen solchen Treffer darstellen ...

Von den ältesten uns errathbaren Zeiten der indischen, ägyptischen und chinesischen Cultur bis heute ist der höhere Typus Mensch viel gleichartiger als man denkt ...

Man vergißt, wie wenig die Menschheit in eine einzige Bewegung hineingehört, wie Jugend, Alter, Untergang durchaus keine Begriffe sind, die ihr als Ganzem zukommen

Man vergißt, um ein Beispiel zu geben, wie unsere europäische Cultur erst heute sich wieder jenem Zustand von philosophischer Mürbigkeit und Spätcultur annähert, aus dem die Entstehung eines Buddhism begreiflich wird.

Wenn es einmal möglich sein wird, isochronische Cultur-Linien durch die Geschichte zu ziehen, so wird der moderne Begriff Fortschritt artig auf den Kopf zu stehen kommen:—und der Index selbst, nach dem er gemessen, der Demokratismus

11 [414]
[Vgl. Der Antichrist, 2 und 3.]

Vorrede.

* * *

Was ist gut?— Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen steigert.

Was ist schlecht?— Alles, was aus der Schwäche stammt.

Was ist Glück?— Das Gefühl davon, daß die Macht wächst,—daß ein Widerstand überwunden wird.

Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht; nicht Frieden überhaupt, sondern Krieg; nicht Tugend, sondern Tüchtigkeit (Tugend im Renaissance-Stile, virtù, moralinfreie Tugend.)

Die Schwachen und Mißrathenen sollen zu Grunde gehn: erster Satz der Gesellschaft. Und man soll ihnen dazu noch helfen.

Was ist schädlicher als irgend ein Laster?— Das Mitleiden der That mit allem Mißrathenen und Schwachen,—“das Christenthum” ...

* * *

Nicht was die Menschheit ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen, ist mein Problem, das ich hiermit stelle; sondern welchen Typus Mensch man züchten soll, wollen soll, als den höherwertigen, lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren.

Dieser höherwerthigere Typus ist oft genug schon dagewesen: aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme,—niemals als gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war bisher beinahe das Furchtbare: und aus der Furcht heraus hat man den umgekehrten Typus gewollt, gezüchtet, erreicht: das Hausthier, das Heerdenthier, das Thier der “gleichen Rechte,” das schwache Thier Mensch,—den “Christen” ...

* * *

Der Wille zur Macht.
Versuch einer Umwerthung aller Werthe.

11 [415]

Die Conception der Welt, auf welche man in dem Hintergrunde dieses Buches stößt, ist absonderlich düster und unangenehm: unter den bisher bekannt gewordenen Typen des Pessimismus scheint keiner diesen Grad von Bösartigkeit erreicht zu haben. Hier fehlt der Gegensatz einer wahren und scheinbaren Welt: es giebt nur Eine Welt, und diese ist falsch, grausam, widersprüchlich, verführerisch, ohne Sinn ... Eine so beschaffene Welt ist die wahre Welt ... Wir haben Lüge nöthig, um über diese Realität, diese “Wahrheit” zum Sieg zu kommen das heißt, um zu leben ... Daß die Lüge nöthig ist, um zu leben, das gehört selbst noch mit zu diesem furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins ...

Die Metaphysik, die Moral, die Religion, die Wissenschaft—sie werden in diesem Buche nur als verschiedene Formen der Lüge in Betracht gezogen: mit ihrer Hülfe wird ans Leben geglaubt. “Das Leben soll Vertrauen einflößen”: die Aufgabe, so gestellt, ist ungeheuer. Um sie zu lösen, muß der Mensch von Natur schon ein Lügner sein, er muß mehr als alles Andere noch Künstler sein ... Und er ist es auch: Metaphysik, Moral, Religion, Wissenschaft—Alles nur Ausgeburten seines Willens zur Kunst, zur Lüge, zur Flucht vor der “Wahrheit,” zur Verneinung der “Wahrheit.” Dies Vermögen selbst, dank dem er die Realität durch die Lüge vergewaltigt, dieses Künstler-Vermögen par excellence des Menschen—er hat es noch mit Allem, was ist, gemein: er selbst ist ja ein Stück Wirklichkeit, Wahrheit, Natur—er selbst ist auch ein Stück Genie der Lüge ...

Daß der Charakter des Daseins verkannt wird—tiefste und höchste Geheim-Absicht [der] Wissenschaft, Frömmigkeit, Künstlerschaft. Vieles niemals sehn, Vieles falsch sehn, Vieles hinzusehn ... Oh wie klug man noch ist, in Zuständen, wo man am fernsten davon ist, sich für klug zu halten! Die Liebe, die Begeisterung, “Gott”—lauter Feinheiten des letzten Selbstbetrugs, lauter Verführungen zum Leben! In Augenblicken, wo der Mensch zum Betrogenen wird, wo er wieder ans Leben glaubt, wo er sich überlistet hat: oh wie schwillt es da ihm auf! Welches Entzücken! Welches Gefühl der Macht! Wie viel Künstler-Triumph im Gefühl der Macht! ... Der Mensch ward wieder einmal Herr über den “Stoff”—Herr über die Wahrheit! ... Und wann immer der Mensch sich freut, er ist immer der Gleiche in seiner Freude: er freut sich als Künstler, er genießt sich als Macht. Die Lüge ist die Macht ...

Die Kunst und nichts als die Kunst. Sie ist die große Ermöglicherin des Lebens, die große Verführerin zum Leben, das große Stimulans zum Leben ...

11 [416]

Umwerthung der Werthe.

Buch 1: der Antichrist.
Buch 2: der Misosoph.
Buch 3: der Immoralist
Buch 4: Dionysos.
 

Umwerthung aller Werthe.

11 [417]

ich habe den D[eutschen] das tiefste Buch gegeben, das sie besitzen, meinen Zarathustra—ich gebe ihnen heute das unabhängigste. Wie? sagt mir dazu mein schlechtes Gewissen, wie willst du Perlen vor die Deutschen werfen! ...

[Vgl. Herbst 1887 9 [190]; Juli-August 1888 18 [5]; Götzen-Dämmerung, Streifzüge eines Unzeitgemässen, 51; 18. Juli 1888, Brief an Dr. Carl Fuchs: "Ich habe den Menschen das tiefste Buch gegeben, das sie besitzen, meinen Zarathustra: ein Buch, das dermaßen auszeichnet, daß wer sagen kann 'ich habe sechs Sätze davon verstanden, das heißt erlebt' damit zu einer höheren Ordnung der Sterblichen gehört.— Aber wie man das büßen muß! abzahlen muß! es verdirbt beinahe den Charakter! Die Kluft ist zu groß geworden. Ich treibe seitdem eigentlich nur Possenreißerei, um über eine unerträgliche Spannung und Verletzbarkeit Herr zu bleiben."]

From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel