From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel
 
English Translation
Concordance between
The Will to Power
and KSA
Home

COPYRIGHT NOTICE: The content of this website, including text and images, is the property of The Nietzsche Channel. Reproduction in any form is strictly prohibited. © The Nietzsche Channel.

Herbst 1887 10 [101-206]

10 [101]

(219)      das Dasein als Strafe und Buße: “der Mythus vom Sündenfall ist es allein, was mich mit dem alten Testament aussöhnt” Schopenhauer [Vgl. Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena. Kleine philosophische Schriften. Bd. 2. Leipzig: Brockhaus, 1874:323.]

10 [102]

(220)      NB. meine positiven Hauptsachen—welche sind sie?

— und meine hauptsächlichsten negativa—welche sind sie?

— und das Reich meiner neuen Fragen und Fragezeichen—welche sind sie?

10 [103]

(221)      Solchen Menschen, welche mich etwas angehn, wünsche ich Leiden, Verlassenheit, Krankheit, Mißhandlung, Entwürdigung,—ich wünsche daß ihnen die tiefe Selbstverachtung, die Marter des Mißtrauens gegen sich, das Elend des Überwundenen nicht unbekannt bleibt: ich habe kein Mitleid mit ihnen, weil ich ihnen das Einzige wünsche, was heute beweisen kann, ob Einer Werth hat oder nicht,—daß er Stand hält ...

Ich habe noch keinen Idealisten, aber viele Lügner kennengelernt — —

10 [104]

(222)      Schopenhauer wünscht, daß man die Schurken castrirt und die Gänse ins Kloster sperrt: von welchem Gesichtspunkte aus könnte das wünschbar sein? Der Schurke hat das vor den Mittelmäßigen voraus, daß er nicht mittelmäßig ist; und der Dumme das vor uns, daß er nicht am Anblick der Mittelmäßigkeit leidet ... Wunschbarer wäre es, daß die Kluft größer würde,—also die Schurkerei und die Dummheit wüchse ... Dergestalt erweiterte sich die menschliche Natur ... Aber zuletzt ist eben das auch das Nothwendige; es geschieht und wartet nicht darauf, ob wir es wünschen oder nicht. Die Dummheit, die Schurkerei wachsen: das gehört zum “Fortschritt.” [Vgl. Arthur Schopenhauer, Arthur Schopenhauer's sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt. Bd. 3, 2: Die Welt als Wille und Vorstellung. Zweiter Band, welcher die Ergänzungen zu den vier Büchern des ersten Bandes enthält. Zweite Auflage. Leipzig: Brockhaus, 1873. Kapitel 43. Erblichkeit der Eigenschaften. "[....] Schon Plato hat so etwas im Sinne gehabt, als er, im fünften Buche seiner Republik, den wunderlichen Plan zur Vermehrung und Veredelung seiner Kriegerkaste darlegte. Könnte man alle Schurken kastriren und alle dummen Gänse ins Kloster stecken, den Leuten von edelem Charakter ein ganzes Harem beigeben, und allen Mädchen von Geist und Verstand Männer, und zwar ganze Männer, verschaffen; so würde bald eine Generation erstehn, die ein mehr als Perikleisches Zeitalter darstellte, – Ohne jedoch auf solche Utopische Pläne einzugehn, ließe sich in Erwägung nehmen, daß wenn, wie es, irre ich mich nicht, bei einigen alten Völkern wirklich gewesen ist, nach der Todesstrafe die Kastration als die schwerste Strafe bestände, ganze Stammbäume von Schurken der Welt erlassen seyn würden; um so gewisser, als bekanntlich die meisten Verbrechen schon in dem Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren begangen werden."]

10 [105]

(223)

Zur Stärke des 19. Jahrhunderts.

 

Wir sind mittelalterlicher als das 18. Jahrhundert; nicht bloß neugieriger oder reizbarer für Fremdes und Seltenes. Wir haben gegen die Revolution revoltirt ...

Wir haben uns von der Furcht vor der raison, dem Gespenst des 18. Jahrhunderts, emancipirt: wir wagen wieder lyrisch, absurd und kindisch zu sein ... mit einem Wort: “wir sind Musiker”

— ebensowenig fürchten wir uns vor dem Lächerlichen wie vor dem Absurden

— der Teufel findet die Toleranz Gottes zu seinen Gunsten: mehr noch, er hat ein Interesse, als der Verkannte, Verleumdete von Alters her,—wir sind die Ehrenretter des Teufels

— wir trennen das Große nicht mehr von dem Furchtbaren

— wir rechnen die guten Dinge zusammen in ihrer Complexität mit den schlimmsten: wir   haben   die   absurde   “Wünschbarkeit”   von   Ehedem   überwunden   (das das W[achsthum] des Guten wollte ohne das Wachsthum des Bösen—)

— die Feigheit vor dem Ideal der Renaissance hat nachgelassen—wir wagen es, zu ihren Sitten selbst zu aspiriren —

— die Intoleranz gegen die Priester und die Kirche hat zu gleicher Zeit ein Ende bekommen: “es ist unmoralisch, an Gott zu glauben,” aber gerade das gilt uns als die beste Form der Rechtfertigung dieses Glaubens.

Wir haben alledem ein Recht bei uns gegeben. Wir fürchten uns nicht vor der Kehrseite der “guten Dinge” (—wir suchen sie ... wir sind tapfer und neugierig genug dazu) z.B. am Griechenthum, an der Moral, an der Vernunft, am guten Geschmack (—wir rechnen die Einbuße nach, die man mit all solchen Kostbarkeiten macht: man macht sich beinahe arm mit einer solchen Kostbarkeit—) Ebenso wenig verhehlen wir uns die Kehrseite der schlimmen Dinge ...

10 [106]

“die Meinung ist die Hälfte der Menschlichkeit” hat Napoleon gesagt

10 [107]

(224)      Ob ich damit der Tugend geschadet habe? ... Eben so wenig, als die Anarchisten den Fürsten: erst seitdem sie angeschossen werden, sitzen sie wieder fest auf ihrem Thron ... Denn so stand es immer und wird es stehen: man kann einer Sache nicht besser nützen als indem man sie verfolgt und mit allen Hunden hetzt ... Dies—habe ich gethan.

10 [108]

[(225)]      Gegen die Reue. Ich liebe diese Art Feigheit gegen die eigene That nicht; man soll sich selbst nicht im Stich lassen, unter dem Ansturz unerwarteter Schande und Bedrängniß. Ein extremer Stolz ist da eher am Platz. Zuletzt was hilft es! Keine That wird dadurch, daß sie bereut wird, ungethan; ebensowenig dadurch, daß sie “vergeben” oder daß sie “gesühnt” wird. Man müßte Theologe sein, um an eine schuldentilgende Macht zu glauben: wir Immoralisten ziehen es vor, nicht an “Schuld” zu glauben. Wir halten dafür, daß jedwederlei Handlung in der Wurzel werthidentisch ist,—insgleichen, daß Handlungen, welche sich gegen uns wenden, ebendarum immer noch, ökonomisch gerechnet, nützliche, allgemein-wünschbare Handlungen sein können.— Im einzelnen Fall werden wir zugestehen, daß eine That uns leicht hätte erspart bleiben können,—nur die Umstände haben uns zu ihr begünstigt.— Wer von uns hätte nicht, von den Umständen begünstigt, schon die ganze Skala der Verbrechen durchgemacht? ... Man soll deshalb nie sagen: “das und das hättest du nicht thun sollen,” sondern immer nur: “wie seltsam, daß ich das nicht schon hundert Mal gethan habe.”— Zuletzt sind die wenigsten Handlungen typische Handlungen, und wirklich Abbreviaturen einer Person; und in Anbetracht, wie wenig Person die meisten sind, wird selten ein Mensch durch eine einzelne That charakterisirt. That der Umstände, bloß epidermal, bloß reflexmäßig als Auslösung auf einen Reiz erfolgend: bevor die Tiefe unseres Seins davon berührt, darüber befragt worden ist. Ein Zorn, ein Griff, ein Messerstich: was ist daran von Person!— Die That bringt häufig eine Art Starrblick und Unfreiheit mit sich: so daß der Thäter durch ihre Erinnerung wie gebannt ist und sich selbst bloß als Zubehör zu ihr noch fühlt. Diese geistige Störung, eine Form von Hypnotisirung, hat man vor allem zu bekämpfen: eine einzelne That, sie sei welche sie sei, ist doch im Vergleich mit allem, was man that, gleich Null und darf weggerechnet werden, ohne daß die Rechnung falsch würde. Das billige Interesse, welches die Gesellschaft haben kann, unsere ganze Existenz nur in Einer Richtung hin nachzurechnen, wie als ob ihr Sinn sei, eine einzelne That herauszutreiben, sollte den Thäter selbst nicht anstecken: leider geschieht es fast beständig. Das hängt daran, daß jeder That mit ungewöhnlichen Folgen eine geistige Störung folgt: gleichgültig selbst, ob diese Folgen gut oder schlimm sind. Man sehe einen Verliebten an, dem ein Versprechen zu Theil geworden; einen Dichter, dem ein Theater Beifall klatscht: sie unterscheiden sich, was den torpor intellectualis betrifft, in nichts von dem Anarchisten, den man mit einer Haussuchung überfällt.— Es giebt Handlungen die unser unwürdig sind: Handlungen die, als typisch genommen, uns in eine niedrigere Gattung herabdrücken würden. Hier hat man allein diesen Fehler zu vermeiden, daß man sie typisch nimmt. Es giebt die umgekehrte Art Handlungen, deren wir nicht würdig sind: Ausnahmen, aus einer besonderen Fülle von Glück und Gesundheit geboren, unsere höchsten Fluthwellen, die ein Sturm, ein Zufall einmal so hoch trieb: solche Handlungen und “Werke” (—) sind nicht typisch. Man soll einen Künstler nie nach dem Maaße seiner Werke messen.

10 [109]

(226)      Man soll die Tugend gegen die Tugendprediger vertheidigen: das sind ihre schlimmsten Feinde. Denn sie lehren die Tugend als ein Ideal für Alle; sie nehmen der Tugend ihren Reiz des Seltenen, des Unnachahmlichen, des Ausnahmsweisen und Undurchschnittlichen,—ihren aristokratischen Zauber. Man soll insgleichen Front machen gegen die verstockten Idealisten, welche eifrig an alle Töpfe klopfen und ihre Genugthuung haben, wenn es hohl klingt: welche Naivetät, Großes und Seltenes zu fordern und seine Abwesenheit mit Ingrimm und Menschenverachtung feststellen!— Es liegt z.B. auf der Hand, daß eine Ehe so viel werth ist als die, welche sie schließen, d.h. daß sie im Großen Ganzen etwas Erbärmliches und Unschickliches sein wird: kein Pfarrer, kein Bürgermeister kann etwas Anderes draus machen.

Die Tugend hat alle Instinkte des Durchschnittsmenschen gegen sich: sie ist unvortheilhaft, unklug, sie isolirt, sie ist der Leidenschaft verwandt und der Vernunft schlecht zugänglich; sie verdirbt den Charakter, den Kopf, den Sinn—immer gemessen mit dem Maaß des Mittelguts von Mensch; sie setzt in Feindschaft gegen die Ordnung, gegen die Lüge, welche in jeder Ordnung, Institution, Wirklichkeit versteckt liegt,—sie ist das schlimmste Laster, gesetzt daß man sie nach der Schädlichkeit ihrer Wirkung auf die Anderen beurtheilt.

— Ich erkenne die Tugend daran, daß sie 1) nicht verlangt, erkannt zu werden 2) daß sie nicht Tugend überall voraussetzt, sondern gerade etwas Anderes 3) daß sie an der Abwesenheit der Tugend nicht leidet, sondern umgekehrt dies als das Distanzverhältniß betrachtet, auf Grund dessen etwas an der Tugend zu ehren ist: sie theilt sich nicht mit 4) daß sie nicht Propaganda macht... 5) daß sie Niemandem erlaubt, den Richter zu machen, weil sie immer eine Tugend für sich ist 6) daß sie gerade alles das thut, was sonst verboten ist: Tugend, wie ich sie verstehe, ist das eigentliche vetitum innerhalb aller Heerden-Legislatur 7) kurz, daß sie Tugend im Renaissancestil ist, virtù, moralinfreie Tugend ...

10 [110]

(227)      Zuletzt, was habe ich erreicht? Verbergen wir uns dies wunderlichste Resultat nicht: ich habe der Tugend einen neuen Reiz ertheilt,—sie wirkt als etwas Verbotenes. Sie hat unsere feinste Redlichkeit gegen sich, sie ist eingesalzen in das “cum grano salis” des wissenschaftlichen Gewissensbisses; sie ist altmodisch im Geruch und antikisirend, so daß sie nunmehr endlich die Raffinirten anlockt und neugierig macht;—kurz, sie wirkt als Laster. Erst nachdem wir Alles als Lüge, Schein erkannt haben, haben wir auch die Erlaubniß wieder zu dieser schönsten Falschheit, der der Tugend, erhalten. Es giebt keine Instanz mehr, die uns dieselbe verbieten dürfte: erst indem wir die Tugend als eine Form der Immoralität aufgezeigt haben, ist sie wieder gerechtfertigt,—sie ist eingeordnet und gleichgeordnet in Hinsicht auf ihre Grundbedeutung, sie nimmt Theil an der Grund-Immoralität alles Daseins,—als eine Luxus-form ersten Ranges, die hochnäsigste, theuerste und seltenste Form des Lasters. Wir haben sie entrunzelt und entkuttet, wir haben sie von der Zudringlichkeit der Vielen erlöst, wir haben ihr die blödsinnige Starrheit, das leere Auge, die steife Haartour, die hieratische Muskulatur genommen.

10 [111]

(228)

Zur Rangordnung

 

Was ist am typischen Menschen mittelmäßig? Daß er nicht die Kehrseite der Dinge als nothwendig versteht: daß er die Übelstände bekämpft, wie als ob man ihrer entrathen könnte; daß er das Eine nicht mit dem Anderen hinnehmen will,—daß er den typischen Charakter eines Dinges, eines Zustandes, einer Zeit, einer Person verwischen und auslöschen möchte, indem er nur einen Theil ihrer Eigenschaften gutheißt und die anderen abschaffen möchte. Die “Wünschbarkeit” der Mittelmäßigen ist das, was von uns Anderen bekämpft wird: das Ideal gefaßt als etwas, an dem nichts Schädliches, Böses, Gefährliches, Fragwürdiges, Vernichtendes übrig bleiben soll. Unsere Einsicht ist die umgekehrte: daß mit jedem Wachsthum des Menschen auch seine Kehrseite wachsen muß, daß der höchste Mensch, gesetzt daß ein solcher Begriff erlaubt ist, der Mensch wäre, welcher den Gegensatz-Charakter des Daseins am stärksten darstellte, als dessen Glorie und einzige Rechtfertigung ... Die gewöhnlichen Menschen dürfen nur ein ganz kleines Eckchen und Winkelchen dieses Naturcharakters darstellen: sie gehen alsbald zu Grunde, wenn die Vielfachheit der Elemente und die Spannung der Gegensätze wächst d.h. die Vorbedingung für die Größe des Menschen. Daß der Mensch besser und böser werden muß, das ist meine Formel für diese Unvermeidlichkeit ...

Die Meisten stellen den Menschen als Stücke und Einzelheiten dar: erst wenn man sie zusammenrechnet, so kommt ein Mensch heraus. Ganze Zeiten, ganze Völker haben in diesem Sinne etwas Bruchstückhaftes; es gehört vielleicht zur Ökonomie der Menschen-Entwicklung, daß der Mensch sich stückweise entwickelt. Deshalb soll man durchaus nicht verkennen, daß es sich trotzdem nur um das Zustandekommen des synthetischen Menschen handelt, daß die niedrigen Menschen, die ungeheure Mehrzahl bloß Vorspiele und Einübungen sind, aus deren Zusammenspiel hier und da der ganze Mensch entsteht, der Meilenstein-Mensch, welcher anzeigt, wie weit bisher die Menschheit vorwärts gekommen. Sie geht nicht in Einem Striche vorwärts; oft geht der schon erreichte Typus wieder verloren ...

— — wir haben z.B. mit aller Anspannung von 3 Jahrhunderten noch nicht den  Menschen  der  Renaissance  wieder  erreicht;  und  hinwiederum blieb der M[ensch] der R[enaissance] hinter dem antiken Menschen zurück ...

— — man muß einen Maaßstab haben: ich unterscheide den großen Stil; ich unterscheide Aktivität und Reaktivität; ich unterscheide die Überschüssigen Verschwenderischen und die Leidend-Leidenschaftlichen (—die “Idealisten”)

10 [112]

(229)      Jede Gesellschaft hat die Tendenz, ihre Gegner bis zur Carikatur herunterzubringen und gleichsam auszuhungern,—zum Mindesten in ihrer Vorstellung. Eine solche Carikatur ist z.B. unser “Verbrecher.” In Mitten der römisch-aristokratischen Ordnung der Werthe war der Jude zur Carikatur reduzirt. Unter Künstlern wird der “Biedermann und bourgeois” zur Carikatur; unter Frommen der Gottlose; unter Aristokraten der Volksmann. Unter Immoralisten wird es der Moralist: Plato zum Beispiel wird bei mir zur Carikatur.

10 [113]

(230)      Propaganda machen ist unanständig: aber klug! aber klug!

Welcher Art von bizarrem Ideal man auch folgt (z.B. als “Christ” oder als “freier Geist” oder als “Immoralist” oder als Reichsdeutscher—), man soll nicht fordern, daß es das Ideal sei: denn damit nähme man ihm den Charakter des Privilegiums, des Vorrechts. Man soll es haben, um sich auszuzeichnen, nicht um sich gleichzusetzen

Wie kommt es trotzdem, daß die meisten Idealisten sofort für ihr Ideal Propaganda machen, wie als ob sie kein Recht haben könnten auf das Ideal, falls nicht Alle es anerkennten? ... Das thun z.B. alle jene muthigen Weiblein, die sich die Erlaubniß nehmen, Latein und Mathematik zu lernen. Was zwingt sie dazu? Ich fürchte, der Instinkt der Heerde, die Furchtsamkeit vor der Heerde: sie kämpfen für die “Emancipation des Weibes,” weil sie unter der Form einer genereusen Thätigkeit, unter der Flagge des “Für Andere” ihren kleinen Privat-Separatismus am klügsten durchsetzen ...

Klugheit der Idealisten, nur Missionäre und Vertreter eines Ideals zu sein: sie “verklären” sich damit in den Augen derer, welche an Uneigennützigkeit und Heroism glauben. Indeß: der wirkliche Heroism besteht darin, daß man nicht unter der Fahne der Aufopferung, Hingebung, Uneigennützigkeit kämpft, sondern gar nicht kämpft ... “So bin ich; so will ich’s:—hol’ euch der Teufel!”

10 [114]

(231)      Krieg gegen die weichliche Auffassung der “Vornehmheit”—ein Quantum Brutalität mehr ist nicht zu erlassen; so wenig als eine Nachbarschaft zum Verbrechen. Auch die “Selbstzufriedenheit” ist nicht darin; man muß abenteuerlich auch zu sich stehen, versucherisch, verderberisch — nichts von “schöner Seel”-Salbaderei—Ich will einem robusteren Ideale Luft machen.

10 [115]

Gelegentliches über die Griechen
                       über das Heidnische

10 [116]

(232)

Aesthetica.

 

über unsere moderne Musik: die Verkümmerung der Melodie ist das Gleiche, wie die Verkümmerung der “Idee,” der Dialektik, der Freiheit geistigster Bewegung,—eine Plumpheit und Gestopftheit, welche sich zu neuen Wagnissen und selbst zu Principien entwickelt—man hat schließlich nur die Principien seiner Begabung, seiner Bornirtheit von Begabung

was die elementaren Bedingungen zu einem Genie betrifft, so war O[ffenbach] genialer als Wagner ...

“dramatische Musik” Unsinn! Das ist einfach schlechte Musik, so gewiß als — — —

die Ersatzmittel der Hohn tanzenden und spöttischen Geistigkeit

das “Gefühl,” die “Leidenschaft” als Surrogate, wenn man die hohe Geistigkeit und das Glück derselben (z.B. Voltaire’s) nicht mehr zu erreichen weiß. Technisch ausgedrückt, ist das “Gefühl,” die “Leidenschaft” leichter—es setzt viel ärmere Künstler voraus. Die Wendung zum Drama verräth, daß ein Künstler über die Scheinmittel noch mehr sich Herr weiß als über die ächten Mittel. Wir haben dramatische Malerei, dramatische Lyrik usw.

10 [117]

(233)      Ich habe dem bleichsüchtigen Christen-Ideale den Krieg erklärt (sammt dem, was ihm nahe verwandt ist), nicht in der Absicht, es zu vernichten, sondern nur um seiner Tyrannei ein Ende zu setzen und Platz frei zu bekommen für neue Ideale, für robustere Ideale ... Die Fortdauer des christlichen Ideals gehört zu den wünschenswerthesten Dingen, die es giebt: und schon um der Ideale willen, die neben ihm und vielleicht über ihm sich geltend machen wollen—sie müssen Gegner starke Gegner haben, um stark zu werden.— So brauchen wir Immoralisten die Macht der Moral: unser Selbsterhaltungstrieb will, daß unsere Gegner bei Kräften bleiben,—will nur Herr über sie werden. —

10 [118]

(234)      Schopenhauer hat die hohe Intellektualität als Loslösung vom Willen ausgelegt; er hat das Frei-werden von den Moral-Vorurtheilen, welches in der Entfesselung des großen Geistes liegt, die typische Unmoralität des Genies, nicht sehen wollen; er hat künstlich das, was er allein ehrte, den moralischen Werth der “Entselbstung,” auch als Bedingung der geistigsten Thätigkeit, des “Objektiv”-Blickens, angesetzt. “Wahrheit,” auch in der Kunst, tritt hervor nach Abzug des Willens ...

Quer durch alle moral[ische] Idiosynkrasie hindurch sehe ich eine grundverschiedene Werthung: solche absurde Auseinandertrennung von “Genie” und Willens-Welt der Moral und Immoral kenne ich nicht. Der moralische Mensch ist eine niedrigere species als der unmoralische, eine schwächere; ja—er ist der M[oral] nach ein Typus, nur nicht sein eigener Typus; eine Copie, eine gute Copie jedenfalls,—das Maaß seines Werthes liegt außer ihm. Ich schätze den Menschen nach dem Quantum Macht und Fülle seines Willens: nicht nach dessen Schwächung und Auslöschung; ich betrachte eine Philosophie, welche die Verneinung des Willens lehrt, als eine Lehre der Herunterbringung und der Verleumdung ...

— ich schätze die Macht eines Willens darnach, wie viel von Widerstand, Schmerz, Tortur er aushält und sich zum Vortheil umzuwandeln weiß; nach diesem Maaße muß es mir fern liegen, dem Dasein seinen bösen und schmerzhaften Charakter zum Vorwurf anzurechnen, sondern [ich] ergreife die Hoffnung, daß es einst böser und schmerzhafter sein wird als bisher ...

Die Spitze des Geistes, die Schopenhauer imaginirte, war, zur Erkenntniß zu kommen, daß Alles keinen Sinn hat, kurz, zu erkennen, was instinktiv der gute Mensch schon thut ... er leugnet, daß es höhere Arten Intellekt geben könne—er nahm seine Einsicht als ein non plus ultra ... Hier ist die Geistigkeit tief unter die Güte geordnet; ihr höchster Werth (als Kunst z.B.) wäre es, die moralische Umkehr anzurathen, vorzubereiten: absolute Herrschaft der Moralwerthe. —

neben Schopenhauer will ich Kant charakterisiren (Goethes Stelle über das Radikal-Böse): nichts Griechisches, absolut widerhistorisch (Stelle über die französische Revolution) und Moral-Fanatiker. Auch bei ihm im Hintergrund die Heiligkeit...

ich brauche eine Kritik des Heiligen ...

Hegels Werth “Leidenschaft”

Krämer-Philosophie des Herrn Spencer: vollkommene Abwesenheit eines Ideals, außer dem des mittleren Menschen.

Instinkt-Grundsatz aller Philosophen und Historiker und Psychologen: es muß alles, was werthvoll ist in Mensch, Kunst, Geschichte, Wissenschaft, Religion, Technik bewiesen werden als moralisch-werthvoll, moralisch-bedingt, in Ziel, Mittel und Resultat. Alles verstehen in Hinsicht auf den obersten Werth: z.B. Rousseaus Frage in Betreff der Civilisation “wird durch sie der Mensch besser?”—eine komische Frage, da das Gegentheil auf der Hand liegt und eben das ist was zu Gunsten der Civilisation redet

10 [119]

(235)

WirObjektiven.”

 

Das ist nicht das “Mitleid,” was uns die Thore zu den fernsten und fremdesten Arten Sein und Cultur aufmacht; sondern unsere Zugänglichkeit und Unbefangenheit, welche gerade nicht “mit leidet,” sondern im Gegentheil sich bei hundert Dingen ergötzt, wo man ehedem litt (empört oder ergriffen war, oder feindselig und kalt blickte—) Das Leiden in allen Nüancen ist uns jetzt interessant: damit sind wir gewiß nicht die Mitleidigeren, selbst wenn der Anblick des Leidens uns durch und durch erschüttert und die Thräne fließt:—wir sind schlechterdings deshalb nicht hülfreicher gestimmt.

In diesem freiwilligen Anschauen-wollen von aller Art Noth und Vergehen sind wir stärker und kräftiger geworden, als es das 18. Jahrhundert war; es ist ein Beweis unseres Wachsthums an Kraft (—wir haben uns dem 17. und 16. Jahrhundert genähert ...) Aber es ist ein tiefes Mißverständniß, unsere “Romantik” als Beweis unserer “verschönerten Seele” aufzufassen ...

Wir wollen starke sensations, wie alle gröberen Zeiten und Volksschichten sie wollen ... Dies hat man wohl auseinander zu halten vom Bedürfniß der Nervenschwachen und décadents: bei denen ist das Bedürfniß nach Pfeffer da, selbst nach Grausamkeit ...

Wir Alle suchen Zustände, in denen die bürgerliche Moral nicht mehr mitredet, noch weniger die priesterliche (—wir haben bei jedem Buche, an dem etwas Pfarrer- und Theologenluft hängen geblieben ist, den Eindruck einer bemitleidenswerthen niaiserie und Armut ...) Die “gute Gesellschaft” ist die, wo im Grunde nichts interessirt, als was bei der bürgerlichen Gesellschaft verboten ist und üblen Ruf macht: ebenso steht es mit Büchern, mit Musik, mit Politik, mit der Schätzung des Weibes

10 [120]

Zu befragen auf ihre Werthe hin:
Plato. Epictet. Marc Aurel. Epicur.
Augustin. Pascal.
Bentham Comte. Hegel.

Bücher :
Reuters Augustin und religiöse Aufklärung des Mittelalters [Vgl. Hermann Reuter (1817-1889), Augustinische Studien. Gotha: Perthes, 1887. Geschichte der religiösen Aufklärung im Mittelalter vom Ende des achten Jahrhunderts bis zum Anfange des vierzehnten. Bd. 1. Berlin: Hertz, 1875.]
Sainte-Beuve Port-Royal
Teichmüller, Griechische Philosophie.

10 [121]

(236)      Wie ist es möglich, daß Jemand vor sich gerade in Hinsicht auf die moralischen Werthe allein Respekt hat, daß er alles Andere unterordnet und gering nimmt im Vergleich mit Gut, Böse, Besserung, Heil der Seele usw.? z.B. Amiel. [Vgl. Henri Frédérique Amiel, Fragments d'un Journal intime. Précédés d'une étude par Edmond Scherer. Tome 1. Paris: Sandoz et Thuillier, 1884. Tome 2. Geneva, Bale, Lyon: Georg; Paris: Robert, 1884.] Was bedeutet die Moral-Idiosynkrasie?— ich frage psychologisch, auch physiologisch, z.B. Pascal. Also in Fällen, wo große andere Qualitäten nicht fehlen; auch im Falle Schopenhauers, der ersichtlich das schätzte, was er nicht hatte und haben konnte ...—ist es nicht die Folge einer bloß gewohnheitsmäßigen Moral-Interpretation von thatsächlichen Schmerz- und Unlust-Zuständen? ist es nicht eine bestimmte Art von Sensibilität, welche die Ursache ihrer vielen Unlustgefühle nicht versteht, aber mit moral[ischen] Hypothesen sich zu erklären glaubt? So daß auch ein gelegentliches Wohlbefinden und Kraftgefühl immer sofort gleich wieder unter der Optik vom “guten Gewissen,” von der Nähe Gottes, vom Bewußtsein der Erlösung überleuchtet erscheint? ... Also der Moral-Idiosynkratiker hat

1) entweder wirklich in der Annäherung an den Tugend-Typus der Gesellschaft seinen eigenen Werth: “der Brave,” “Rechtschaffene,”—ein mittlerer Zustand hoher Achtbarkeit: in allem Können mittelmäßig, aber in allem Wollen honnett, gewissenhaft, fest, geachtet, bewährt

2) oder er glaubt ihn zu haben, weil er alle seine Zustände überhaupt nicht anders zu verstehen glaubt ..., er ist sich unbekannt, er legt sich dergestalt aus.

Moral als das einzige Interpretationsschema, bei dem der Mensch sich aushält ... eine Art Stolz? ...

10 [122]
[Vgl.: Frühling 1888 15 [118].

(237)      Wie dürfte man den Mittelmäßigen ihre Mittelmäßigkeit verleiden! Ich thue, wie man sieht, das Gegentheil: denn jeder Schritt weg von ihr—so lehre ich—führt ins Unmoralische ...

10 [123]

(238)      Die längste Dauer der Scholastik—das Gute, das Böse, das Gewissen, die Tugend lauter Entitäten imaginärer Herkunft

10 [124]

(239)      das Nachdenken über das Allgemeinste ist immer rückständig: die letzten “Wünschbarkeiten” über den Menschen z.B. sind von den Philosophen eigentlich niemals als Problem genommen worden. Die “Verbesserung” des Menschen wird von ihnen allen naiv angesetzt, wie als ob wir durch irgend eine Intuition über das Fragezeichen hinausgehoben wären, warum gerade “verbessern”? In wiefern ist es wünschbar, daß der Mensch tugendhafter wird? oder klüger? oder glücklicher? Gesetzt, daß man nicht schon das “Warum?” des Menschen überhaupt kennt, so hat jede solche Absicht keinen Sinn; und wenn man das Eine will, wer weiß? vielleicht darf man dann das Andere nicht wollen? ... Ist die Vermehrung der Tugendhaftigkeit zugleich verträglich mit einer Vermehrung der Klugheit und Einsicht? Dubito: ich werde nur zu viel Gelegenheit haben, das Gegentheil zu beweisen. Ist die Tugendhaftigkeit als Ziel im rigorösen Sinne nicht thatsächlich bisher im Widerspruch mit dem Glücklichwerden gewesen? braucht sie andererseits nicht das Unglück, die Entbehrung und Selbstmißhandlung als nothwendiges Mittel? Und wenn die höchste Einsicht das Ziel wäre, müßte man nicht eben damit die Steigerung des Glücks ablehnen? und die Gefahr, das Abenteuer, das Mißtrauen, die Verführung als Weg zur Einsicht wählen? ...

Und will man Glück, nun, so muß man vielleicht zu den “Armen des Geistes” sich gesellen.

10 [125]

(240)      Die wohlwollenden hulfreichen gutigen Gesinnungen sind schlechterdings nicht um des Nutzens willen, der von ihnen ausgeht, zu Ehren gekommen: sondern weil sie Zustände reicher Seelen sind, welche abgeben können und ihren Werth als Füllegefühl des Lebens tragen. Man sehe die Augen des Wohlthäters an! Das ist das Gegenstück der Selbstverneinung, des Hasses auf das moi, des “Pascalisme.” —

10 [126]

(241)      Alles, was aus der Schwäche kommt, aus der Selbstanzweiflung und Kränkelei der Seele, taugt nichts: und wenn es in der größten Wegwerfung von Hab und Gut sich äußerte. Denn es vergiftet als Beispiel das Leben... Der Blick eines Priesters, sein bleiches Abseits hat dem Leben mehr Schaden gestiftet als alle seine Hingebung Nutzen stiftet: solch Abseits verleumdet das Leben ...

10 [127]

(242)      Die Präoccupation mit sich und seinem “ewigen Heile” ist nicht der Ausdruck einer reichen und selbstgewissen Natur: denn diese fragt den Teufel danach, ob sie selig wird,—sie hat kein solches Interesse am Glück irgend welcher Gestalt, sie ist Kraft, That, Begierde,—sie drückt sich den Dingen auf, sie vergreift sich an den Dingen ... Christenthum ist eine romantische Hypochondrie solcher, die nicht auf festen Beinen stehn.— Überall, wo die hedonistische Perspektive in den Vordergrund tritt, darf man auf Leiden und eine gewisse Mißrathenheit schließen.

10 [128]

(243)      Wie unter dem Druck der asketischen Entselbstungs-Moral gerade die Affekte der Liebe, der Güte, des Mitleids, selbst der Gerechtigkeit, der Großmuth, des Heroism mißverstanden werden mußten: Hauptcapitel.

Es ist der Reichthum an Person, die Fülle in sich, das Überströmen und Abgeben, das instinktive Wohlsein und Jasagen zu sich, was die großen Opfer und die große Liebe macht: es ist die starke und göttliche Selbstigkeit, aus der diese Affekte wachsen, so gewiß wie auch das Herr-werden-wollen, Übergreifen, die innere Sicherheit, ein Recht auf Alles zu haben. Die nach gemeiner Auffassung entgegengesetzten Gesinnungen sind vielmehr Eine Gesinnung; und wenn man nicht fest und wacker in seiner Haut sitzt, so hat man nichts abzugeben, und Hand aus[zu]strecken, und Schutz und Stab [zu] sein ...

Wie hat man diese Instinkte so umdeuten können, daß der Mensch als werthvoll empfindet, was seinem Selbst entgegengeht? wenn er sein Selbst einem andern Selbst preisgiebt!

Oh über die psychologische Erbärmlichkeit und Lügnerei, welche bisher in Kirche und kirchlich angekränkelter Philosophie das große Wort geführt hat!

Wenn der Mensch sündhaft ist, durch und durch, so darf er sich nur hassen. Im Grunde dürfte er auch seine Mitmenschen mit keiner anderen Empfindung behandeln wie sich selbst; Menschenliebe bedarf einer Rechtfertigung,—sie liegt darin, daß Gott sie befohlen hat.— Hieraus folgt, daß alle die natürlichen Instinkte des Menschen (zur Liebe usw.) ihm an sich unerlaubt scheinen und erst, nach ihrer Verleugnung, auf Grund eines Gehorsams gegen Gott wieder zu Recht kommen ... Pascal, der bewunderungswürdige Logiker des Christenthums, gieng so weit! man erwäge sein Verhältniß zu seiner Schwester, p. 162: “sich nicht lieben machen” schien ihm christlich. [Vgl. Jean Marie Guyau, L'irréligion de l'avenir. Paris: F. Alcan, 1887:162f.]

10 [129]

NB. Beweis der Hypothese und Erklärung auf Grund der Hypothese—nicht zu verwechseln!

10 [130]

“Schlachtgemeinschaft ist noch im Islam Sakralgemeinschaft: wer an unserem Gottesdienst theilnimmt und unser Schlachtfleisch ißt, der ist ein Muslim.” [Vgl. Julius Wellhausen, Skizzen und Vorarbeiten. Heft 3. Reste arabischen Heidentumes. Berlin: Reimer, 1887:114.]

10 [131]

[Vgl. Julius Wellhausen, Skizzen und Vorarbeiten. Heft 3. Reste arabischen Heidentumes. Berlin: Reimer, 1887:111, 113f.]

(244)      “Ein Gebot des Cultus verwandelt sich in ein Gebot der Cultur.” Muhammed verbot das Blutessen (die Heiden ließen Thiere zur Ader, um in Hungersnöthen eine Art Blutwurst zu machen)

Hauptritus: das Blut ungenützt fließen lassen

Wein und Oel unarabisch (beim Opfer)

10 [132]

(221)      — — — denn unsere bisherigen Werthe sind es, aus denen der Nih[ilismu]s die Schlußfolgerung ist

10 [133]

(245)      Nützlich sind die Affekte allesammt, die einen direkt, die anderen indirekt; in Hinsicht auf den Nutzen ist es schlechterdings unmöglich, irgend eine Werthabfolge festzusetzen,—so gewiß, ökonomisch gemessen, die Kräfte in der Natur allesammt gut d.h. nützlich sind, so viel furchtbares und unwiderrufliches Verhängniß auch von ihnen ausgeht. Höchstens könnte man sagen, daß die mächtigsten Affekte die werthvollsten sind: insofern es keine größeren Kraftquellen giebt

10 [134]

(246)      Die Krähwinkelei und Schollenkleberei der moralischen Abwerthung und ihres “nützlich” und “schädlich” hat ihren guten Sinn; es ist die nothwendige Perspektive der Gesellschaft, welche nur das Nähere und Nächste in Hinsicht der Folgen zu übersehen vermag.— Der Staat und der Politiker hat schon eine mehr übermoralische Denkweise nöthig: weil er viel größere Complexe von Wirkungen zu berechnen hat. Insgleichen wäre eine Weltwirthschaft möglich, die so ferne Perspektiven hat, daß alle ihre einzelnen Forderungen für den Augenblick als ungerecht und willkürlich erscheinen dürften.

10 [135]

(247)      Das Christenthum ist möglich als privateste Daseinsform; es setzt eine enge, abgezogene, vollkommen unpolitische Gesellschaft voraus,—es gehört ins Conventikel. Ein “christlicher Staat” dagegen, eine “christliche Politik,”—das sind bloß Dank-Gebets-Worte im Munde solcher, welche Gründe haben, Dank-Gebets-Worte zu machen. Daß diese auch von einem “Gott der Heerscharen” als Generalstabschef reden: sie täuschen Niemanden damit. In praxi treibt auch der christliche Fürst die Politik Macchiavells: vorausgesetzt nämlich daß er nicht schlechte Politik treibt.

10 [136]

(248)      Mit der moral[ischen] Herabwürdigung des ego geht auch noch in der Naturwissenschaft eine Überschätzung der Gattung Hand in Hand. Aber die Gattung ist etwas ebenso Illusorisches wie das ego: man hat eine falsche Distinktion gemacht. Das ego ist hundert Mal mehr als bloß eine Einheit in der Kette von Gliedern; es ist die Kette selbst, ganz und gar; und die Gattung ist eine bloße Abstraktion aus der Vielheit dieser Ketten und deren partieller Ähnlichkeit. Daß, wie so oft behauptet worden ist, das Individuum der Gattung geopfert wird, ist durchaus kein Thatbestand: vielmehr nur das Muster einer fehlerhaften Interpretation.

10 [137]

(249)

Nothwendigkeit einer objektiven Werthsetzung.

 

In Hinsicht auf das Ungeheure und Vielfache des Für- und Gegeneinander-arbeitens, wie es das Gesammtleben jedes Organism darstellt, ist dessen bewußte Welt von Gefühlen, Absichten, Werthschätzungen ein kleiner Ausschnitt. Dies Stück Bewußtsein als Zweck, als Warum? für jenes Gesammt-Phänomen von Leben anzusetzen, fehlt uns alles Recht: ersichtlich ist das Bewußtwerden nur ein Mittel mehr in der Entfaltung und Machterweiterung des Lebens. Deshalb ist es eine Naivetät, Lust oder Geistigkeit oder Sittlichkeit oder irgend eine Einzelheit der Sphäre des Bewußtseins als höchsten Werth anzusetzen: und vielleicht gar “die Welt” aus ihnen zu rechtfertigen.— Das ist mein Grundeinwand gegen alle philosophisch-moral[ischen] Kosmo- und Theodiceen, gegen alle Warums und höchsten Werthe in der bisherigen Philosophie und Religionsphilosophie. Eine Art der Mittel ist als Zweck mißverstanden worden: das Leben und seine Machtsteigerung wurde umgekehrt zum Mittel erniedrigt.

Wenn wir einen Zweck des Lebens weit genug ansetzen wollten, so dürfte er mit keiner Kategorie des bewußten Lebens zusammenfallen; er müßte vielmehr jede noch erklären als Mittel zu sich ...

die “Verneinung des Lebens” als Ziel des Lebens, Ziel der Entwicklung, das Dasein als große Dummheit: eine solche Wahnwitz-Interpretation ist nur die Ausgeburt einer Messung des Lebens mit Faktoren des Bewußtseins (Lust und Unlust, Gut und Böse) Hier werden die Mittel geltend gemacht gegen den Zweck; die “unheiligen,” absurden, vor allem unangenehmen Mittel—wie kann der Zweck etwas taugen, der solche Mittel gebraucht! Aber der Fehler steckt darin, daß wir, statt nach dem Zweck zu suchen, der die Nothwendigkeit solcher Mittel erklärt, von vornherein einen Zweck voraussetzen, welcher solche Mittel gerade ausschließt: d.h. daß wir eine Wünschbarkeit in Bezug auf gewisse Mittel (nämlich angenehme, rationelle, tugendhafte) zur Norm nehmen, nach der wir erst ansetzen, welcher Gesammtzweck wünschbar ist ...

Der Grundfehler steckt immer darin, daß wir die Bewußtheit, statt sie als Werkzeug und Einzelheit im Gesammt-Leben, als Maaßstab, als höchsten Werthzustand des Lebens ansetzen: kurz, die fehlerhafte Perspektive des a parte ad totum. Weshalb instinktiv alle Philos[ophen] darauf aus sind, ein Gesammtbewußtsein, ein bewußtes Mitleben und Mitwollen alles dessen, was geschieht, einen “Geist” “Gott” zu imaginiren. Man muß ihnen aber sagen, daß eben damit das Dasein zum Monstrum wird; daß ein “Gott” und Gesammtsensorium schlechterdings etwas wäre, dessentwegen das Dasein verurtheilt werden müßte ... Gerade daß wir das zweck- und mittelsetzende Gesammt-Bewußtsein eliminirt haben: das ist unsere große Erleichterung,—damit hören wir auf, Pessimisten sein zu müssen... Unser größter Vorwurf gegen das Dasein war die Existenz Gottes ...

10 [138]

(250)      Die einzige Möglichkeit, einen Sinn für den Begriff “Gott” aufrecht zu erhalten, wäre: Gott, nicht als treibende Kraft, sondern Gott als Maximal-zustand, als eine Epoche ... Ein Punkt in der Entwicklung des Willens zur Macht, aus dem sich ebenso sehr die Weiterentwicklung als das Vorher, das Bis-zu-ihm erklärte ...

— mechanistisch betrachtet, bleibt die Energie des Gesammt-werdens constant; ökonomisch betrachtet, steigt sie bis zu einem Höhepunkt und sinkt von ihm wieder herab in einem ewigen Kreislauf; dieser “Wille zur Macht” drückt sich in der Ausdeutung, in der Art des Kraftverbrauchs aus—Verwandlung der Energie in Leben und Leben in höchster Potenz erscheint demnach als Ziel. Dasselbe Quantum Energie bedeutet auf den verschiedenen Stufen der Entwicklung Verschiedenes:

— das, was das Wachsthum im Leben ausmacht, ist die immer sparsamer und weiter rechnende Ökonomie, welche mit immer weniger Kraft immer mehr erreicht ... Als Ideal das Princip des kleinsten Aufwandes ...

— daß die Welt nicht auf einen Dauerzustand hinauswill, ist das Einzige, was bewiesen ist. Folglich muß man ihren Höhezustand so ausdenken, daß er kein Gleichgewichtszustand ist ...

— die absolute Necessität des gleichen Geschehens in einem Weltlauf wie in allen übrigen in Ewigkeit, nicht ein Determinismus über dem Geschehen, sondern bloß der Ausdruck dessen, daß das Unmögliche nicht möglich ist ... daß eine bestimmte Kraft eben nichts anderes sein kann als eben diese bestimmte Kraft; daß sie sich an einem Quantum Kraft-Widerstand nicht anders ausläßt, als ihrer Stärke gemäß ist—Geschehen und Nothwendig-Geschehen ist eine Tautologie.

10 [139]

Lieber der letzte in Rom als der erste in der Provinz: auch so ist es noch cäsarisch.

10 [140]

Das Leben in seiner kleinsten Form kann am ersten zur Vollkommenheit gebracht werden: Goethe sagt z.B. ... aber im Kleinsten die Ersten sein — — —

10 [141]

(251)      Ich liebe die Unglücklichen, welche sich schämen; die nicht ihre Nachttöpfe voll Elend auf die Gasse schütten; denen so viel guter Geschmack auf Herz und Zunge zurück blieb, sich zu sagen “man muß sein Unglück in Ehren halten, man muß es verbergen” ...

10 [142]

— man muß Schlimmeres, Tieferes erlebt haben als die Herren Pessimisten von Heute, diese mageren Affen, denen nicht Schlimmes und Tiefes zustoßen wird, um vor deren Pessimism Achtung haben zu dürfen.

10 [143]

(252)      Nichts fällt uns leichter als weise, geduldig, überlegen, voll Nachsicht, Geduld und Mitgefühl zu sein; wir sind auf eine absurde Weise in Allem und Jedem unmenschlichgerecht, wir verzeihen Alles. Verzeihen, das gerade ist unser Element. Ebendarum sollten wir uns etwas strenger halten und an uns wenigstens von Zeit zu Zeit einen kleinen Affekt, ein kleines Laster von Affekt, heraufzüchten. Es mag uns sauer angehn—und, unter uns, wir lachen über den Aspekt, den wir dabei geben—: aber was hilft es! wir haben keine andere Art mehr von Selbstüberwindung ...

10 [144]

(253)      [Man] hat die Grausamkeit zum tragischen Mitleiden verfeinert, sodaß sie als solche geleugnet wird. Desgleichen die Geschlechtsliebe in der Form amour-passion; die Sklavengesinnung als christlicher Gehorsam; die Erbärmlichkeit als Demuth; die Erkrankung des nervus sympathicus z.B. als Pessimismus, Pascalismus oder Carlylismus usw.

10 [145]

(254)      Gesichtspunkte für meine Werthe: ob aus der Fülle oder aus dem Verlangen ... ob man zusieht oder Hand anlegt ... oder wegsieht, bei Seite geht ... ob aus der aufgestauten Kraft “spontan” oder bloß reaktiv angeregt, angereizt ... ob einfach aus Wenigkeit der Elemente oder aus überwältigender Herrschaft über viele, so daß sie dieselben in Dienst nimmt, wenn sie sie braucht ... ob man Problem oder Lösung ist ... ob vollkommen bei der Kleinheit der Aufgabe oder unvollkommen bei dem Außerordentlichen eines Ziels ... ob man ächt oder nur Schauspieler, ob man als Schauspieler ächt oder nur ein nachgemachter Schauspieler, ob man “Vertreter” oder das Vertretene selbst ist—ob “Person” oder bloß ein Rendez-vous von Personen ... ob krank aus Krankheit oder aus überschüssiger Gesundheit ... ob man vorangeht als Hirt oder als “Ausnahme” (dritte Species: als Entlaufener) ... ob man Würde nöthig hat—oder den “Hanswurst”? ob man den Widerstand sucht oder ihm aus dem Wege geht? ob man unvollkommen ist als “zu früh” oder als “zu spät” ... ob man von Natur Ja sagt oder Nein sagt oder ein Pfauenwedel von bunten Dingen ist? ob man stolz genug ist, um sich auch seiner Eitelkeit nicht zu schämen? ob man eines Gewissensbisses noch fähig ist (die species wird selten: früher hatte das Gewissen zu viel zu beißen: es scheint, jetzt hat es nicht mehr Zähne genug dazu)? ob man einer “Pflicht” noch fähig ist? (—es giebt solche, die sich den Rest Lebenslust rauben würden, wenn sie sich “die Pflicht” rauben ließen ... sonderlich die Weiblichen, die Unterthänig-Geborenen ...)

10 [146]

(255)      NB. An dieser Stelle weiterzugehn überlasse ich einer andern Art von Geistern als die meine ist. Ich bin nicht bornirt genug zu einem System—und nicht einmal zu meinem System ...

10 [147]

“Denknothwendigkeiten seien Moralnothwendigkeiten.” “Der letzte Prüfstein für die Wahrheit eines Satzes ist die Unbegreiflichkeit ihrer Verneinung” (Herbert Spencer) ist Unsinn.

“ein geistiges Produkt zum Prüfstein der objektiven Wahrheit machen; der abstrakte Ausdruck eines Glaubenssatzes zum Beweis seiner Wahrheit, zur Rechtfertigung” [Vgl. John Stuart Mill, August Comte und der Positivismus. Aus dem Engl. übersetzt von Elise Gomperz. In: John Stuart Mill's Gesammelte Werke. Autorisirte Übersetzung unter Redaktion von Theodor Gomperz. Bd. 9. Leipzig: Fues, 1874:50f.]

10 [148]

Es giebt zart und kränklich angelegte Naturen, sogenannte Idealisten, die es nicht höher treiben können als bis zu einem Verbrechen, cru, vert: es ist die große Rechtfertigung ihres kleinen und blassen Daseins, eine Abzahlung für eine lange Feigheit und Verlogenheit, ein Augenblick wenigstens von Stärke: hinterdrein gehen sie daran zu Grunde.

10 [149]

(früher hatte das Gewissen zu viel zu beißen: es scheint, jetzt hat es nicht mehr Zähne genug dazu)

10 [150]

Moral als höchste Abwerthung

Entweder ist unsere Welt das Werk und der Ausdruck (der modus) Gottes: dann muß sie höchst vollkommen sein (Schluß Leibnitzens ...)—und man zweifelte nicht, was zur Vollkommenheit gehöre, zu wissen—dann kann das Böse, das Übel nur scheinbar sein (radikaler bei Spinoza die Begriffe Gut und Böse) oder muß aus dem höchsten Zweck Gottes abgeleitet sein (—etwa als Folge einer besonderen Gunsterweisung Gottes, der zwischen Gut und Böse zu wählen erlaubt: das Privilegium, kein Automat zu sein; “Freiheit” auf die Gefahr hin, sich zu vergreifen, falsch zu wählen ... z.B. bei Simplicius im Commentar zu Epictet) [Vgl. Vgl. Simplikios, Simplikios' Commentar zu Epiktetos Handbuch [Commentarius]. Aus dem Griechischen in das Deutsche übertragen von K. Enk. Wien: Beck, 1867.]

Oder unsere Welt ist unvollkommen, das Übel und die Schuld sind real, sind determinirt, sind absolut ihrem Wesen inhärent; dann kann sie nicht die wahre Welt sein: dann ist Erkenntniß eben nur der Weg, sie zu verneinen, dann ist sie eine Verirrung, welche als Verirrung erkannt werden kann. Dies die Meinung Schopenhauers auf Kantischen Voraussetzungen. Naiv! Das wäre ja eben nur ein anderes miraculum! Noch desperater Pascal: er begriff daß dann auch die Erkenntniß corrupt, gefälscht sein müsse—daß Offenbarung noth thut, um die Welt auch nur als verneinenswerth zu begreifen ...

(256) Inwiefern der Schopenhauer[ische] Nihilism immer noch die Folge des gleichen Ideals ist, welches den christlichen Theismus geschaffen hat

Der Grad von Sicherheit in Betreff der höchsten Wünschbarkeit, der höchsten Werthe, der höchsten Vollkommenheit war so groß, daß die Philosophen davon wie von einer absoluten Gewißheit a priori ausgiengen: “Gott” an der Spitze als gegebene Wahrheit. “Gott gleich zu werden,” “in Gott aufzugehn”—dies waren Jahrtausende lang die naivsten und überzeugendsten Wünschbarkeiten (—aber eine Sache, die überzeugt, ist deshalb noch nicht wahr: sie ist bloß überzeugend. Anmerkung für Esel)

Man hat verlernt, jener Ansetzung von Ideal auch die Personen-Realität zuzugestehn: man ward atheistisch. Aber hat man eigentlich auf das Ideal verzichtet?— Die letzten Metaphysiker suchen im Grunde immer noch in ihm die wirkliche “Realität,” das “Ding an sich,” im Verhältniß zu dem Alles Andere nur scheinbar ist. Ihr Dogma ist daß, weil unsere Erscheinungswelt so ersichtlich nicht der Ausdruck jenes Ideals ist, sie eben nicht “wahr” ist,—und im Grunde nicht einmal auf jene metaphysische Welt als Ursache zurückführt. Das Unbedingte, sofern es jene höchste Vollkommenheit ist, kann unmöglich den Grund für alles Bedingte abgeben. Schopenhauer, der es anders wollte, hatte nöthig, jenen metaphysischen Grund sich als Gegensatz zum Ideale zu denken, als “bösen blinden Willen”: dergestalt konnte er dann “das Erscheinende” sein, das in der Welt der Erscheinung sich offenbart. Aber selbst damit gab er nicht jenes Absolutum von Ideal auf—er schlich sich durch ... (Kant schien die Hypothese der “intelligiblen Freiheit” nöthig, um das ens perfectum von der Verantwortlichkeit für das So-und-So-sein dieser Welt zu entlasten, kurz um das Böse und das Übel zu erklären: eine skandalöse Logik bei einem Philosophen ...)

10 [151]

(257)      Die Moral-Hypothese zum Zweck der Rechtfertigung Gottes, sehr gut dargestellt im Commentar des Simplicius zu Epictet, hieß: Das Böse muß freiwillig sein (bloß damit an die Freiwilligkeit des Guten geglaubt werden kann) und, andrerseits: in allem Übel und Leiden liegt ein Heilszweck [Vgl. Vgl. Simplikios, Simplikios' Commentar zu Epiktetos Handbuch [Commentarius]. Aus dem Griechischen in das Deutsche übertragen von K. Enk. Wien: Beck, 1867.]

Der Begriff Schuld als nicht bis auf die letzten Gründe des Daseins zurückreichend, und der Begriff Strafe als eine erzieherische Wohlthat, folglich als Akt eines guten Gottes.

Absolute Herrschaft der Moral-Werthung über alle andern: man zweifelte nicht daran, daß Gott nicht böse sein könne und nichts Schädliches thun könne, d.h. man dachte sich bei Vollkommenheit bloß eine moralische Vollkommenheit

10 [152]

(258)      Man überlege sich die Einbuße, welche alle menschlichen Institutionen machen, falls überhaupt eine göttliche und jenseitige höhere Sphäre angesetzt wird, welche diese Institutionen erst sanktionirt. Indem man sich gewöhnt, den Werth dann in dieser Sanktion zu sehn (z.B. in der Ehe), hat man ihre natürliche Würdigkeit zurückgesetzt, unter Umständen geleugnet ... Die Natur ist in dem Maaße mißgünstig beurtheilt als man die Widernatur eines Gottes zu Ehren gebracht hat. “Natur” wurde so viel wie “verächtlich” “schlecht” ...

Das Verhängniß eines Glaubens an die Realität der höchsten moralischen Qualitäten als Gott: damit waren alle wirklichen Werthe geleugnet und grundsätzlich als Unwerthe gefaßt. So stieg das Widernatürliche auf den Thron. Mit einer unerbittlichen Logik langte man bei der absoluten Forderung der Verneinung der Natur an.

10 [153]

(259)      Die Überreste der Natur-Entwerthung durch Moral-Transscendenz:

Werth der Entselbstung, Cultus des Altruismus

Glaube an eine Vergeltung innerhalb des Spiels der Folgen

Glaube an die “Güte,” an das “Genie” selbst, wie als ob das Eine wie das Andere Folgen der Entselbstung wären.

die Fortdauer der kirchlichen Sanktion des bürgerlichen Lebens

absolutes Mißverstehen-Wollen der Historie (als Erziehungswerk zur Moralisirung) oder Pessimism im Anblick der Historie (—letzterer so gut eine Folge der Naturentwerthung wie jene Pseudo-Rechtfertigung, jenes Nicht-Sehen-Wollen dessen, was der Pessimist sieht ...

10 [154]

(260)      Meine Absicht, die absolute Homogeneität in allem Geschehen zu zeigen und die Anwendung der moral[ischen] Unterscheidung nur als perspektivisch bedingt; zu zeigen, wie alles das, was moralisch gelobt wird, wesensgleich mit allem Unmoralischen ist und nur, wie jede Entwicklung der Moral, mit unmoralischen Mitteln und zu unmoralischen Zwecken ermöglicht worden ist ...; wie umgekehrt alles was als unmoralisch in Verruf ist, ökonomisch betrachtet, das Höhere und Principiellere ist und wie eine Entwicklung nach größerer Fülle des Lebens nothwendig auch den Fortschritt der Unmoralität bedingt ... “Wahrheit” der Grad, in dem wir uns die Einsicht in diese Thatsache gestatten ...

10 [155]

(261)      Es giebt heute auch einen Musiker-Pessimismus selbst noch unter Nicht-Musikern. Wer hat ihn nicht erlebt, wer hat ihm nicht geflucht—dem unseligen Jüngling, der sein Clavier bis zum Verzweiflungsschrei martert, der eigenhändig den Schlamm der düstersten graubraunsten Harmonien vor sich herwälzt? Damit ist man erkannt, als Pessimist.— Ob man aber damit auch als musikalisch erkannt ist? Ich würde es nicht zu glauben wissen. Der Wagnerianer pur sang ist unmusikalisch; er unterliegt den Elementarkräften der Musik ungefähr wie das Weib dem Willen seines Hypnotiseurs unterliegt—und um dies zu können, darf er durch kein strenges und feines Gewissen in rebus musicis et musicantibus mißtrauisch gemacht sein. Ich sagte “ungefähr wie”—: aber vielleicht handelt es sich hier um mehr als ein Gleichniß. Man erwäge die Mittel zur Wirkung, deren sich Wagner mit Vorliebe bedient (—die er zu einem guten Theile sich erst hat erfinden müssen):—Wahl der Bewegungen, der Klangfarben seines Orchesters, das abscheuliche Ausweichen von der Logik und Quadratur des Rhythmus, das Schleichende, Streichende, Geheimnißvolle, der Hysterismus seiner “unendlichen Melodie”:—sie ähneln in einer befremdlichen Weise den Mitteln, mit denen der Hypnotiseur es zur Wirkung bringt. Und ist der Zustand, in welchen zum Beispiel das Lohengrin-Vorspiel den Zuhörer und noch mehr die Zuhörerin versetzt, wesentlich verschieden von der somnambulischen Ekstase?— Ich hörte eine Italiänerin nach dem Anhören des genannten Vorspiels sagen, mit jenen hübsch verzückten Augen, auf welche sich die Wagnerianerin versteht: “come si dorme con questa musica!” —

10 [156]

[(262)]      Die “freie Ehe” ist ein Widersinn; die Erleichterung in der Ehescheidung ist [ein] Stück Wegs dahin: im Grunde nur als die gefährliche Folge davon, daß man beim Einrichten der Ehe den Individuen zu viel eingeräumt hat [und] die Gesellschaft nunmehr ihre Verantwortlichkeit für das Zustandekommen der Ehe hat fahren lassen.



Die Ehe: eine tüchtige, vorurtheilsfreie Zwangs-Einrichtung mit viel bon sens und ohne Sentimentalität ausgedacht, grob, viereckig, auf jene Durchschnitts-Natur[en] und natürlichen Bedürfnisse angelegt, auf welche alle Haupt-Institutionen berechnet sein sollen. Aber ich denke, es giebt keinen Grund, ihretwegen den Ehebruch mit einem abergläubischen Entsetzen zu betrachten. Im Gegentheil: man sollte dafür dankbar sein, daß es in Hinsicht auf die möglichste Dauer jener Institution ein natürliches Ventil giebt: damit sie nicht zum Platzen bringt. Eine gute Ehe verträgt überdieß eine kleine Ausnahme; es kann selbst die Probe für ihre Güte sein. Principiell geredet: so ist zwischen Ehebruch und Ehescheidung der Erstere — — —



Die Ehe ist das Stück Natur, welches von der Gesellschaft mit dem höchsten Werthe ausgezeichnet wird: denn sie selbst wächst aus der von ihr gepflegten und sicher gestellten Institution. Nichts ist bei [ihr] wenig[er] am Platz, als ein absurder Idealism: schon die zum Princip gemachte “Liebesheirath” ist ein solcher Idealism.

Die Verwandten sollen bei ihr mehr zu sagen haben als die berühmten “zwei Herzen.”

Aus der Liebe macht man keine Institution: man macht sie aus dem Geschlechtstrieb und anderen Natur-Trieben, welche durch die Ehe befriedigt werden.

Man sollte eben deshalb auch den Priester davonlassen: man entwürdigt die Natur in der Ehe, wenn man den geschworenen Antinaturalisten ermächtigt, etwas zum Segen der Ehe beitragen zu können—oder gar überhaupt ihn erst hineinlegen zu können.

10 [157]

(263)

Moral-Castratismus.— Das Castraten-Ideal.

 

1.

Das Gesetz, die gründlich realistische Formulirung gewisser Erhaltungsbedingungen einer Gemeinde, verbietet gewisse Handlungen in einer bestimmten Richtung, namentlich insofern sie gegen die Gemeinde sich wenden: sie verbietet nicht die Gesinnung, aus der diese Handlungen fließen,—denn sie hat dieselben Handlungen in einer anderen Richtung nöthig—nämlich gegen die Feinde der Gemeinschaft. Nun tritt der Moral-Idealist auf und sagt “Gott siehet das Herz an: die Handlung selbst ist noch nichts; man muß die feindliche Gesinnung ausrotten, aus der sie fließt ...” Darüber lacht man in normalen Verhältnissen; nur in jenen Ausnahmefällen, wo eine Gemeinschaft absolut außerhalb der Nöthigung lebt, Krieg für ihre Existenz zu führen, hat man überhaupt das Ohr für solche Dinge. Man läßt eine Gesinnung fahren, deren Nützlichkeit nicht mehr abzusehn ist.

Dies war z.B. beim Auftreten Buddhas der Fall, innerhalb einer sehr friedlichen und selbst geistig übermüdeten Gesellschaft.

Dies war insgleichen bei der ersten Christengemeinde (auch Judengemeinde) der Fall, deren Voraussetzung die absolut unpolitische jüdische Gesellschaft ist. Das Christenthum konnte nur auf dem Boden des Judenthums wachsen, d.h. innerhalb eines Volkes, das politisch schon Verzicht geleistet hatte und eine Art Parasiten-Dasein innerhalb der römischen Ordnung der Dinge lebte. Das Christenthum ist um einen Schritt weiter: man darf sich noch viel mehr “entmannen,”—die Umstände erlauben es.

NB. man treibt die Natur aus der Moral heraus, wenn man sagt “liebet eure Feinde”: denn nun ist die Natur “du sollst deinen Nächsten lieben, deinen Feind hassen” in dem Gesetz (im Instinkt) sinnlos geworden; nun muß auch die Liebe zu dem Nächsten sich erst neu begründen (als eine Art Liebe zu Gott). Überall Gott hinein gesteckt und die “Nützlichkeit” herausgezogen: überall geleugnet, woher eigentlich alle Moral stammt: die Naturwürdigung, welche eben in der Anerkennung einer Natur-Moral liegt, in Grund und Boden vernichtet ...

Woher kommt der Verführungsreiz eines solchen entmannten Menschheits-Ideals? Warum degoutirt es nicht, wie uns etwa die Vorstellung des Castraten degoutirt? ... Eben hier liegt die Antwort: die Stimme des Castraten degoutirt uns auch nicht, trotz der grausamen Verstümmelung, welche die Bedingung ist: sie ist süßer geworden ... Eben damit, daß der Tugend die “männlichen Glieder” ausgeschnitten sind, ist ein femininischer Stimmklang in die Tugend gebracht, den sie vorher nicht hatte.

Denken wir anderseits an die furchtbare Härte, Gefahr und Unberechenbarkeit, die ein Leben der männlichen Tugenden mit sich bringt—das Leben eines Corsen heute noch oder das der heidnischen Araber (welches bis auf die Einzelheiten dem Leben der Corsen gleich ist: die Lieder könnten von Corsen gedichtet sein)—so begreift man, wie gerade die robusteste Art Mensch von diesem wollüstigen Klang der “Güte,” der “Reinheit” fascinirt und erschüttert wird... Eine Hirtenweise ... ein Idyll... der “gute Mensch”: dergleichen wirkt am stärksten in Zeiten, wo der Gegensatz schauerlich ist (—der Römer hat das idyllische Hirtenstück erfunden—d.h. nöthig gehabt)

2.

Hiermit haben wir aber auch erkannt, in wiefern der “Idealist” (—Ideal-Castrat) auch aus einer ganz bestimmten Wirklichkeit heraus geht und nicht bloß ein Phantast ist ... Er ist gerade zur Erkenntniß gekommen, daß für seine Art Realität eine solche grobe Vorschrift des Verbotes bestimmter Handlungen, in der groben Populär-Manier des Gesetzes, keinen Sinn hat (weil der Instinkt gerade zu diesen Handlungen geschwächt ist, durch langen Mangel an Übung, an Nöthigung zur Übung) Der Castratist formulirt eine Summe von neuen Erhaltungsbedingungen für Menschen einer ganz bestimmten species: darin ist er Realist. Die Mittel zu seiner Legislatur sind die gleichen, wie für die älteren Legislatoren: der Appell an alle Art Autorität, an “Gott,” die Benutzung des Begriffs “Schuld und Strafe,” d.h. er macht sich den ganzen Zubehör des älteren Ideals zu nutz: nur in einer neuen Ausdeutung, die Strafe z.B. innerlicher gemacht (etwa als Gewissensbiß)

In praxi geht diese Species Mensch zu Grunde, sobald die Ausnahmebedingungen ihrer Existenz aufhören—eine Art Tahiti und Inselglück, wie es das Leben der kleinen Juden in der Provinz war. Ihre einzige natürliche Gegnerschaft ist der Boden, aus dem sie wuchsen: gegen ihn haben sie nöthig zu kämpfen, gegen ihn müssen sie die Offensiv- und Defensiv-Affekte wieder wachsen lassen: ihre Gegner sind die Anhänger des alten Ideals (—diese Species Feindschaft ist großartig durch Paulus im Verhältniß zum jüdischen vertreten, durch Luther im Verhältniß zum priesterlich-asketischen Ideal) Der Buddhismus ist darum die mildmöglichste Form des Moral-Castratismus, weil er keine Gegnerschaft hat und er insofern seine ganze Kraft [auf die] Ausrottung der feindseligen Gefühle richten darf. Der Kampf gegen das ressentiment erscheint fast als erste Aufgabe des Buddhisten: erst damit ist der Frieden der Seele verbürgt. Sich loslösen, aber ohne Rancune: das setzt allerdings eine erstaunlich gemilderte und süß gewordene Menschlichkeit voraus—Heilige ...

3.

Die Klugheit des Moral-Castratismus. Wie führt man Krieg gegen die männlichen Affekte und Werthungen? Man hat keine physischen Gewaltmittel, man kann nur einen Krieg der List, der Verzauberung, der Lüge, kurz “des Geistes” führen.

Erstes Recept: man nimmt die Tugend überhaupt für sein Ideal in Anspruch, man negirt das ältere Ideal bis zum Gegensatz zu allem Ideal. Dazu gehört eine Kunst der Verleumdung.

Zweites Recept: man setzt seinen Typus als Werthmaß überhaupt an; man projicirt ihn in die Dinge, hinter die Dinge, hinter das Geschick der Dinge—als Gott

Drittes Recept: man setzt die Gegner seines Ideals als Gegner Gottes an, man erfindet sich das Recht zum großen Pathos, zur Macht, zu fluchen und zu segnen, —

Viertes Recept: man leitet alles Leiden, alles Unheimliche, Furchtbare und Verhängnißvolle des Daseins aus der Gegnerschaft gegen sein Ideal ab:—alles Leiden folgt als Strafe: und selbst bei den Anhängern (—es sei denn, daß es eine Prüfung ist usw.)

Fünftes Recept: man geht so weit, die Natur als Gegensatz zum eignen Ideal zu entgöttern: man betrachtet es als eine große Geduldsprobe, als eine Art Martyrium, so lange im Natürlichen auszuhalten, man übt sich auf den dédain der Mienen und Manieren in Hinsicht auf alle “natürlichen Dinge” ein

Sechstes Recept: der Sieg der Widernatur, des idealen Castratismus, der Sieg der Welt des Reinen, Guten, Sündlosen, Seligen wird projicirt in die Zukunft, als Ende, Finale, große Hoffnung, als “Kommen des Reichs Gottes”



— Ich hoffe, man kann über diese Emporschraubung einer kleinen Species zum absoluten Werthmaß der Dinge noch lachen? ...

10 [158]

(264)      “Es wird gedacht: folglich giebt es Denkendes”: darauf läuft die argumentatio des Cartesius hinaus. Aber das heißt, unsern Glauben an den Substanzbegriff schon als “wahr a priori” ansetzen:—daß, wenn gedacht wird, es etwas geben muß, “das denkt,” ist aber einfach eine Formulirung unserer grammatischen Gewöhnung, welche zu einem Thun einen Thäter setzt. Kurz, es wird hier bereits ein logisch-metaphysisches Postulat gemacht—und nicht nur constatirt ... Auf dem Wege des Cartesius kommt man nicht zu etwas absolut Gewissem, sondern nur zu einem Faktum eines sehr starken Glaubens

Reduzirt man den Satz auf “es wird gedacht, folglich giebt es Gedanken” so hat man eine bloße Tautologie: und gerade das, was in Frage steht die “Realität des Gedankens” ist nicht berührt,—nämlich in dieser Form ist die “Scheinbarkeit” des Gedankens nicht abzuweisen. Was aber Cartesius wollte, ist, daß der Gedanke nicht nur eine scheinbare Realität hat, sondern an sich.

10 [159]

(265)      Die Zunahme der “Verstellung” gemäß der aufwärtssteigenden Rangordnung der Wesen. In der anorganischen Welt scheint sie zu fehlen, in der organischen beginnt die List: die Pflanzen sind bereits Meister in ihr. Die höchsten Menschen wie Caesar, Napoleon (Stendhals Wort über ihn [Vgl. Stendhal, Vie de Napoléon. Fragments. Paris: Calmann-Lévy, 1876:xv: “Une croyance presque instinctive chez moi c'est que tout homme puissant ment quand il parle et á plus forte raison quand il écrit”]), insgleichen die höheren Rassen (Italiäner), die Griechen (Odysseus); die Verschlagenheit gehört ins Wesen der Erhöhung des Menschen ... Problem des Schauspielers. Mein Dionysos-Ideal ... Die Optik aller organischen Funktionen, aller stärksten Lebensinstinkte: die irrthum wollende Kraft in allem Leben; der Irrthum als Voraussetzung selbst des Denkens. Bevor “gedacht” wird, muß schon “gedichtet” worden sein; das Zurechtbilden zu identischen Fällen, zur Scheinbarkeit des Gleichen ist ursprünglicher als das Erkennen des Gleichen.

10 [160]

Schreckgespenster, moralische Gurgeltöne, tragische Farce

10 [161]

Wahrheiten, nach denen sich tanzen läßt,—Wahrheiten für unsere Füße ...

10 [162]

Hier sind Wetterwolken: aber ist das ein Grund, daß wir freien luftigen lustigen Geister nicht uns einen guten Tag machen sollten?

10 [163]

(266)      NB.— sie sind den christlichen Gott los—und glauben nun um so mehr das christliche Moral-Ideal festhalten zu müssen? Das ist eine englische Folgerichtigkeit; das wollen wir den Moralweiblein à la Eliot überlassen (—in England muß man sich für jede kleine Emancipation von der Theologie auf eine furchtbare Weise als Moral-Fanatiker wieder zu Ehren bringen ...) Das ist dort die Buße, die man zahlt ... [Vgl. Arvède Barine, "George Eliot, d'après sa correspondance." In: Revue des deux mondes, 1. Julliet 1885:118.]

Wenn man den christlichen Glauben aufgiebt, zieht man sich das Recht zu den moralischen Werthurtheilen des Christenthums unter den Füßen weg. Diese verstehen sich schlechterdings nicht von selbst: das muß man heute der abgeschmackten Flachheit der englischen Freigeister zum Trotz ans Licht stellen. Das Christenthum ist eine wohl zusammengedachte und ganze Ansicht der Dinge. Bricht man aus ihm den Glauben an den christlichen Gott heraus, so bricht man das ganze System seiner Werthungen zusammen: man hat nichts Festes mehr zwischen den Fingern! Das Christenthum setzt voraus, daß der Mensch nicht wisse, nicht wissen könne, was gut und böse für ihn ist: er glaubt an Gott, der allein es weiß; die christliche Moral ist ein Befehl aus dem Jenseits, und als solche jenseits der menschlichen Beurtheilung.— Daß die Engländer jetzt glauben, von sich aus zu wissen, was gut und böse ist und folglich das Christenthum nicht mehr nöthig zu haben, das ist selbst die Folge der Herrschaft der christlichen Werthurtheile—bis zum Vergessen ihres Ursprungs, ihres höchst bedingten Rechts auf Dasein.

10 [164]

(267)      NB. Es giebt ganz naive Völker und Menschen, welche glauben, ein beständig gutes Wetter sei etwas Wünschbares: sie glauben noch heute in rebus moralibus, der “gute Mensch” allein und nichts als der “gute Mensch” sei etwas Wünschbares—und eben dahin gehe der Gang der menschlichen Entwicklung, daß nur er übrig bleibe (und allein dahin müsse man alle Absicht richten—) Das ist im höchsten Grade unökonomisch gedacht und, wie gesagt, der Gipfel des Naiven. Man ist an die Annehmlichkeit, die der “gute Mensch” macht (—er erweckt keine Furcht, er erlaubt die Ausspannung, er giebt, was man nehmen kann; — — —

10 [165]

[(268)]      Was verdorben ist durch den Mißbrauch, den die Kirche damit getrieben hat:

1) die Askese: man hat kaum noch den Muth dazu, deren natürliche Nützlichkeit, deren Unentbehrlichkeit im Dienste der Willens-Erziehung ans Licht zu ziehen. Unsre absurde Erzieher-Welt (der der “brauchbare Staatsdiener” als regulirendes Schema vorschwebt) glaubt mit “Unterricht,” mit Gehirn-Dressur auszukommen; ihr fehlt selbst der Begriff davon, daß etwas Anderes zuerst noth thut—Erziehung der Willenskraft; man legt Prüfungen für Alles ab, nur nicht für die Hauptsache: ob man wollen kann, ob man versprechen darf: der junge Mann wird fertig, ohne auch nur eine Frage, eine Neugierde für dieses oberste Werthproblem seiner Natur zu haben

2) das Fasten: in jedem Sinne, auch als Mittel, die feine Genußfähigkeit aller guten Dinge aufrechtzuerhalten (z.B. zeitweil[ig] nicht lesen; keine Musik mehr hören; nicht mehr liebenswürdig sein; man muß auch Fasttage für seine Tugend haben)

3) das “Kloster,” die zeitweilige Isolation mit strenger Abweisung z.B. der Briefe; eine Art tiefster Selbstbesinnung und Selbst-Wiederfindung, welche nicht den “Versuchungen” aus dem Wege gehen will, sondern den “Pflichten”: ein Heraustreten aus dem Cirkeltanz des milieu, ein Heraustreten aus der Tyrannei verderblicher kleiner Gewohnheiten und Regeln; ein Kampf gegen die Vergeudung unserer Kräfte in bloßen Reaktionen; ein Versuch, unserer Kraft Zeit zu geben, sich zu häufen, wieder spontan zu werden. Man sehe sich unsere Gelehrten aus der Nähe an: sie denken nur noch reaktiv d.h. sie müssen erst lesen, um zu denken

4) die Feste. Man muß sehr grob sein, um nicht die Gegenwart von Christen und christlichen Werthen als einen Druck zu empfinden unter dem jede eigentliche Feststimmung zum Teufel geht. Im Fest ist einbegriffen: Stolz, Übermuth, Ausgelassenheit; die Narrheit; der Hohn über alle Art Ernst und Biedermännerei; ein göttliches Jasagen zu sich aus animaler Fülle und Vollkommenheit—lauter Zustände, zu denen der Christ nicht ehrlich Ja sagen darf.

Das Fest ist Heidenthum par excellence.

5) die Muthlosigkeit vor der eignen Natur : die Kostümirung insMoralische” —

daß man keine Moral-Formel nöthig hat, um einen Affekt bei sich gutzuheißen

Maßstab, wie weit Einer zur Natur bei sich Jasagen kann,—wie viel oder wie wenig er zur Moral rekurriren muß ...

6) der Tod

10 [166]

(269)      Proben moralistischer Verleumdungs-Kunst.

Die Moral war bisher die größte Verleumderin und Giftmischerin des Lebens

Man überlege, bis zu welchem Grade man durch sie verdorben sein muß, um folgenden Satz zu schreiben:

“Jeder große Schmerz, sei er leiblich oder geistig, sagt aus, was wir verdienen; denn er könnte nicht an uns kommen, wenn wir ihn nicht verdienten.” Schopenhauer II, 666 [Vgl. Arthur Schopenhauer, Arthur Schopenhauer's sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt. Bd. 3, 2: Die Welt als Wille und Vorstellung. Zweiter Band, welcher die Ergänzungen zu den vier Büchern des ersten Bandes enthält. Leipzig: Brockhaus, 1873:666.]

10 [167]

(270)

Aesthetica.

 

Zur Entstehung des Schönen und des Häßlichen. Was uns instinktiv widersteht, aesthetisch, ist aus allerlängster Erfahrung dem Menschen als schädlich, gefährlich, mißtrauen-verdienend bewiesen: der plötzlich redende aesthetische Instinkt (im Ekel z.B.) enthält ein Urtheil. Insofern steht das Schöne innerhalb der allgemeinen Kategorie der biologischen Werthe des Nützlichen, Wohlthätigen, Lebensteigernden: doch so, daß eine Menge Reize, die ganz von Ferne an nützliche Dinge und Zustände erinnern und anknüpfen, uns das Gefühl des Schönen d.h. der Vermehrung von Machtgefühl geben (—nicht also bloß Dinge, sondern auch die Begleitempfindung[en] solcher Dinge oder ihre Symbole)

Hiermit ist das Schöne und Häßliche als bedingt erkannt; nämlich in Hinsicht auf unsere untersten Erhaltungswerthe. Davon abgesehn ein Schönes und ein Häßliches ansetzen wollen ist sinnlos. Das Schöne existirt so wenig als das Gute, das Wahre. Im Einzelnen handelt es sich wieder um die Erhaltungsbedingung[en] einer bestimmten Art von Mensch: so wird der Heerdenmensch bei anderen Dingen das Werthgefühl des Schönen haben als der Ausnahme- und Über-mensch.

Es ist die Vordergrunds-Optik, welche nur die nächsten Folgen in Betracht zieht, aus der der Werth des Schönen (auch des Guten, auch des Wahren) stammt

Alle Instinkt-Urtheile sind kurzsichtig in Hinsicht auf die Kette der Folgen: sie rathen an, was zunächst zu thun ist. Der Verstand ist wesentlich ein Hemmungsapparat gegen das Sofort-Reagiren auf das Instinkt-Urtheil: er hält auf, er überlegt weiter, er sieht die Folgenkette ferner und länger.

Die Schönheits- und Hässlichkeits-Urtheile sind kurzsichtig—sie haben immer den Verstand gegen sich—: aber im höchsten Grade überredend; sie appelliren an unsere Instinkte, dort, wo sie am schnellsten sich entscheiden und ihr Ja und Nein sagen, bevor noch der Verstand zu Worte kommt ...

Die gewohntesten Schönheits-Bejahungen regen sich gegenseitig auf und an; wenn der aesthetische Trieb einmal in Arbeit ist, krystallisirt sich um “das einzelne Schöne” noch eine ganze Fülle anderer und anderswoher stammender Vollkommenheiten. Es ist nicht möglich, objektiv zu bleiben resp. die interpretirende, hinzugebende, ausfüllende dichtende Kraft auszuhängen (—letztere ist jene Verkettung der Schönheits-Bejahungen selber) Der Anblick eines “schönen Weibes” ...

Also: 1) das Schönheits-Urtheil ist kurzsichtig, es sieht nur die nächsten Folgen

2) es überhäuft den Gegenstand, der es erregt, mit einem Zauber, der durch die Association verschiedener Schönheits-Urtheile bedingt ist,—der aber dem Wesen jenes Gegenstandes ganz fremd ist.

Ein Ding als schön empfinden heißt: es nothwendig falsch empfinden ... (—weshalb, beiläufig gesagt, die Liebesheirath die gesellschaftlich unvernünftigste Art der Heirath ist—)

10 [168]

(271)

Aesthetica.

 

Es ist die Frage der Kraft (eines Einzelnen oder eines Volkes), ob und wo [das] Urtheil “schön” angesetzt wird. Das Gefühl der Fülle, der aufgestauten Kraft (aus dem es erlaubt ist Vieles muthig und wohlgemuth entgegenzunehmen, vor dem der Schwächling schaudert)—das Machtgefühl spricht das Urtheil “schön” noch über Dinge und Zustände aus, welche der Instinkt der Ohnmacht nur als hassenswerth als “häßlich” abschätzen kann. Die Witterung dafür, womit wir ungefähr fertig werden würden, wenn es leibhaft entgegenträte, als Gefahr, Problem, Versuchung,—diese Witterung bestimmt auch noch unser aesthetisches Ja: (“das ist schön” ist eine Bejahung)

Daraus ergiebt sich, in’s Große gerechnet, daß die Vorliebe für fragwürdige und furchtbare Dinge ein Symptom für Stärke ist: während der Geschmack am Hübschen und Zierlichen den Schwachen, den Delikaten zugehört. Die Lust an der Tragödie kennzeichnet starke Zeitalter und Charaktere: ihr non plus ultra ist vielleicht die div[ina] com[media]. Es sind die heroischen Geister, welche zu sich selbst in der tragischen Grausamkeit Ja sagen: sie sind hart genug, um das Leiden als Lust zu empfinden ... Gesetzt dagegen, daß die Schwachen von einer Kunst Genuß begehren, welche für sie nicht erdacht ist, was werden sie thun, um die Tragödie sich schmackhaft zu machen? Sie werden ihre eigenen Werthgefühle in sie hinein interpretiren: z.B. den “Triumph der sittlichen Weltordnung” oder die Lehre vom “Unwerth des Daseins” oder die Aufforderung zur Resignation (—oder auch halb medizinische, halb moralische Affekt-Ausladungen à la Aristoteles) Endlich: die Kunst des Furchtbaren, insofern sie die Nerven aufregt, kann als stimulans bei den Schwachen und Erschöpften in Schätzung kommen: das ist heute z.B. der Grund für die Schätzung der W[agnerschen] Kunst.

Es ist ein Zeichen von Wohl- und Machtgefühl, wie viel Einer den Dingen ihren furchtbaren, ihren fragwürdigen Charakter zugestehen darf; und ob er überhaupt “Lösungen” am Schluß braucht, —

— diese Art Künstler-Pessimismus ist genau das Gegenstück zum moralisch-religiösen Pessimismus, welcher an der “Verderbniß” des Menschen, am Räthsel des Daseins leidet. Dies will durchaus eine Lösung, wenigstens eine Hoffnung auf Lösung ... Die Leidenden, Verzweifelten, An-sich-Mißtrauischen, die Kranken mit Einem Wort, haben zu allen Zeiten die entzückenden Visionen nöthig gehabt, um es auszuhalten (der Begriff “Seligkeit” ist dieses Ursprungs)

— Ein verwandter Fall: die Künstler der décadence, welche im Grunde nihilistisch zum Leben stehn, flüchten in die Schönheit der Form ... in die ausgewählten Dinge wo die Natur vollkommen ward, wo sie indifferent groß und schön ist ...

— die “Liebe zum Schönen” kann somit etwas Anderes als das Vermögen sein, ein Schönes zu sehn, das Schöne zu schaffen: sie kann gerade der Ausdruck von Unvermögen dazu sein.

— die überwältigenden Künstler, welche einen Consonanz-Ton aus jedem Conflikte erklingen lassen, sind die, welche ihre eigene Mächtigkeit und Selbsterlösung noch den Dingen zu Gute kommen lassen: sie sprechen ihre innerste Erfahrung in der Symbolik jedes Kunstwerkes aus,—ihr Schaffen ist Dankbarkeit für ihr Sein.

Die Tiefe des tragischen Künstlers liegt darin, daß sein aesthetischer Instinkt die ferneren Folgen übersieht, daß er nicht kurzfristig beim Nächsten stehen bleibt, daß er die Ökonomie im Großen bejaht, welche das Furchtbare, Böse, Fragwürdige rechtfertigt und nicht nur ... rechtfertigt.

10 [169]

Es giebt eine große Litteratur der Verleumdung (zu der das neue Testament gehört; die Kirchenväter; die imitatio [Vgl. Thomas von Kempen (Thomas à Kempis), Thomas von Kempen vier Bücher von der Nachfolge Christi [de imitatione Christi]. Für Evangelische Christen bearbeitet und mit Beicht- und Communiongebeten versehen. Von August Ludwig Gottlob Krehl. Mit Illustrationen von Alex. Straehuber. Hildburghausen; Leipzig: Kesselring, 1858.]; Pascal; Schopenhauer), der auch eine Kunst der Verleumdung sekundirt (zu letzterer gehört z.B. Wagners Parsifal)

10 [170]

(272)      NB Verstecktere Formen des Cultus des christlichen Moral-Ideals.— Der weichliche und feige Begriff Natur, der von den Naturschwärmern aufgebracht ist (—abseits von allen Instinkten für das Furchtbare, Unerbittliche und Cynische auch der “schönsten” Aspekte) eine Art Versuch, jene moralisch-christliche “Menschlichkeit” aus der Natur herauszulesen,—der Rousseausche Naturbegriff, wie als ob “Natur” Freiheit, Güte Unschuld, Billigkeit, Gerechtigkeit Idyll sei ... immer Cultus der christlichen Moral im Grunde ...

— Stellen zu sammeln, was eigentlich die Dichter verehrt haben z.B. am Hochgebirge usw.— Was Goethe an ihr haben wollte,—warum er Spinoza verehrte— Vollkommene Unwissenheit der Voraussetzung dieses Cultus ...

— der weichliche und feige Begriff Mensch à la Comte und nach Stuart Mill womöglich gar Cultus-Gegenstand ... [Vgl. John Stuart Mill, August Comte und der Positivismus. Aus dem Engl. übersetzt von Elise Gomperz. In: John Stuart Mill's Gesammelte Werke. Autorisirte Übersetzung unter Redaktion von Theodor Gomperz. Bd. 9. Leipzig: Fues, 1874.] Es ist immer wieder der Cultus der christlichen Moral unter einem neuen Namen ... die Freidenker z.B. Guyau [Vgl. Jean Marie Guyau, L'irréligion de l'avenir. Paris: F. Alcan, 1887.]

— der weichliche und feige Begriff Kunst als Mitgefühl für alles Leidende, Schlechtweggekommene (selbst die Historie z.B. Thierrys): es ist immer wieder der Cultus des christlichen Moral-Ideals

— und nun gar das ganze socialistische Ideal: nichts als ein tölpelhaftes Mißverständniß jenes christlichen Moral-Ideals

10 [171]

Daß die Zahl der Irrthümer abgenommen hat: Naivetät des Glaubens bei den Freigeistern

der Fortschritt als fühlbare Verbesserung des Lebens

als Triumph der Logik

als Triumph der Liebe (Guyau) Fouillée [Vgl. Jean Marie Guyau, L'irréligion de l'avenir. Paris: F. Alcan, 1887. Alfred Fouillée, La science sociale contemporaine. Paris: Hachette, 1880.]

zur vollkommenen Kenntniß von sich und den Dingen, und von da zu einer größeren Consequenz des Gedankens mit sich

ich finde absol[ute] Monarchie, göttl[iches] Recht, Kaste, Sklaverei als dicke Irrthümer behandelt

10 [172]

Bücher: imitatio, christliche Moral [Vgl. Thomas von Kempen (Thomas à Kempis), Thomas von Kempen vier Bücher von der Nachfolge Christi [de imitatione Christi]. Für Evangelische Christen bearbeitet und mit Beicht- und Communiongebeten versehen. Von August Ludwig Gottlob Krehl. Mit Illustrationen von Alex. Straehuber. Hildburghausen; Leipzig: Kesselring, 1858.]

10 [173]

Schopenhauer sagt von den Verfassern der Upanischad “kaum als Menschen denkbar” [Vgl. Arthur Schopenhauer, Arthur Schopenhauer's sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt. Bd. 3, 2: Die Welt als Wille und Vorstellung. Zweiter Band, welcher die Ergänzungen zu den vier Büchern des ersten Bandes enthält. Zweite Auflage. Leipzig: Brockhaus, 1873. Kapitel 41. Ueber den Tod und sein Verhältniß zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich. S. 543f. "Plato gründete mit Recht die ganze Philosophie auf die Erkenntniß der Ideenlehre, d. h. auf das Erblicken des Allgemeinen im Einzelnen. Ueberaus lebhaft aber mich die hier beschriebene, unmittelbar aus der Auffassung der Natur hervorgehende Ueberzeugung in jenen erhabenen und kaum als bloße Menschen denkbaren Urhebern des Upanischads der Veden gewesen seyn, da dieselbe aus unzähligen ihrer Aussprüche so sehr eindringlich zu uns redet, daß wir diese unmittelbare Erleuchtung ihres Geistes [544] Dem zuschreiben müssen, daß diese Weisen, als dem Ursprunge unsers Geschlechtes, der Zeit nach, näher stehend, das Wesen der Dinge klarer und tiefer auffaßten, als das schon abgeschwächte Geschlecht, οίοι νυν βροτοι εισιν,* es vermag." *Homer, Iliad, Bk. 12, line 540: "Such men as live in these degenerate days." S. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Arthur Schopenhauer.]

10 [174]

Die Begierde vergrößert das, was man haben will; sie wächst selbst durch Nichterfüllung,—die größten Ideen sind die, welche die heftigste und längste Begierde geschaffen hat. Wir legen den Dingen immer mehr Werth bei, je mehr unsere Begierde nach ihnen wächst: wenn die “moralischen Werthe” die höchsten Werthe geworden sind, so verräth dies, daß das moralische Ideal das unerfüllteste gewesen ist. Insofern es galt als Jenseits alles Leids, als Mittel der Seligkeit. Die Menschheit hat mit immer wachsender Brunst eine Wolke umarmt: sie hat endlich ihre Verzweiflung, ihr Unvermögen “Gott” genannt ...

10 [175]

Der Haß gegen die Mittelmäßigkeit ist eines Philosophen unwürdig: es ist fast ein Fragezeichen an seinem Recht auf “Philosophie.” Gerade deshalb, weil er die Ausnahme ist, hat er die Regel in Schutz zu nehmen, hat er allem Mittleren den guten Muth zu sich selber zu erhalten.

10 [176]

(273)      Es ist heute in der Gesellschaft eine große Menge von Rücksicht, von Takt und Schonung, von gutwilligem Stehenbleiben vor fremden Rechten, selbst vor fremden Ansprüchen verbreitet; mehr noch gilt ein gewisser wohlwollender Instinkt des menschlichen Werthes überhaupt, welcher sich im Vertrauen und Credit jeder Art zu erkennen giebt; die Achtung vor den Menschen und zwar ganz und gar nicht bloß vor den tugendhaften Menschen—ist vielleicht das Element, welches uns am stärksten von einer christlichen Werthung abtrennt. Wir haben ein gut Theil Ironie, wenn wir überhaupt noch Moral predigen hören; man erniedrigt sich in unsern Augen und wird scherzhaft, falls man Moral predigt.

Diese moralistische Liberalität gehört zu den besten Zeichen unserer Zeit. Finden wir Fälle, wo sie entschieden fehlt, so muthet uns das wie Krankheit an (der Fall Carlyle in England, der Fall Ibsen in Norwegen, der Fall des Sch[openhauer]schen Pessimismus in ganz Europa) Wenn irgend etwas mit unserer Zeit versöhnt, so ist es das große Quantum Immoralität welches sie sich gestattet, ohne darum von sich geringer zu denken. Im Gegentheil!— Was macht denn die Überlegenheit der Cultur gegen die Unkultur aus? Der Renaissance z.B. gegen das Mittelalter?— Immer nur Eins: das große Quantum zugestandener Immoralität. Daraus folgt, mit Nothwendigkeit, als was alle Höhen der menschlichen Entwicklung sich dem Auge der Moral-Fanatiker darstellen müssen: als non plus ultra der Corruption (—man denke an Platos Urtheil über das Perikleische Athen, an Savonarolas Urtheil über Florenz, an Luthers Urtheil über Rom, an Rousseaus Urtheil über die Gesellschaft Voltaires, an das deutsche Urtheil contra Goethe.)

10 [177]

(274)      Man muß zusammenrechnen, was Alles sich gehäuft hatte, als Folge der höchsten moralischen Idealität: wie sich fast alle sonstigen Werthe um das Ideal krystallisirt hatten

das beweist, daß es am längsten, am stärksten begehrt worden ist,—daß es nicht erreicht worden ist: sonst würde es enttäuscht haben (resp. eine mäßigere Werthung nach sich gezogen haben)

die höchste Ehre und Macht bei Menschen: selbst von Seiten der Mächtigsten.

die einzige ächte Art des Glücks

ein Vorrecht zu Gott, zur Unsterblichkeit, unter Umständen zur unio

die Macht über die Natur—der “Wunderthäter” (Parsifal)

Macht über Gott, über Seligkeit und Verdammniß der Seele usw.

der Heilige als die mächtigste Species Mensch—: diese Idee hat den Werth der moralischen Vollkommenheit so hoch gehoben.



Man muß die gesammte Erkenntniß sich bemüht denken, zu beweisen, daß der moralischste Mensch der mächtigste, göttlichste ist

— die Überwältigung der Sinne, der Begierden—alles erregte Furcht ... das Widernatürliche erschien als das Übernatürliche, Jenseitige ...

10 [178]

(275)

das christliche Ideal ”: jüdisch klug in Scene gesetzt.

 
 
die psychologischen Grundtriebe, seine “Natur”:
:der Aufstand gegen die herrschende geistliche Macht
:Versuch, die Tugenden, unter denen das Glück der Niedrigsten möglich ist, zum richterlichen Ideal aller Werthe zu machen,—es Gott zu heißen: der Erhaltungs-Instinkt der lebensärmsten Schichten
:die absolute Enthaltung von Krieg und Widerstand aus dem Ideal zu rechtfertigen,—insgleichen den Gehorsam
:die Liebe unter einander, als Folge der Liebe zu Gott
Kunstgriff: alle natürlichen mobilia ableugnen und umkehren ins Geistlich-Jenseitige ... die Tugend und deren Verehrung ganz und gar für sich ausnützen, schrittweise sie allem Nicht-Christlichen absprechen.

10 [179]

(276)

Typus der Predigt des ressentiment

Proben der heiligen Unverschämtheit
.

 

Paulus 1 Cor. 1, 20

Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Thorheit gemacht?

21 Denn dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch thörichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben.

26 Nicht viel Weise nach dem Fleische, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen.

27 Sondern was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die Weisen zu Schanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er zu Schanden mache, was stark ist;

28 Und das Unedle vor der Welt, und das Verachtete hat Gott erwählet, und das da Nichts ist, daß er zu Nichte mache, was Etwas ist;

29 Auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme.

Paulus 1 Cor. 3, 16

Wisset ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?

17 So Jemand den Tempel Gottes verderbet, den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, der seid ihr.

1 Cor. 6, 2 Wisset ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden? So denn nun die Welt soll von euch gerichtet werden: seid ihr denn nicht gut genug, geringere Sachen zu richten?

Wisset ihr nicht, daß wir über die Engel richten werden? Wie viel mehr über die zeitlichen Güter!

* * *

Die Menschheit hat die Selbstvergötterung dieser kleinen Leute theuer bezahlen müssen: es ist das Judenthum noch einmal

“das auserwählte Volk”; die Welt, die Sünde gegen sich; der heilige Gott als “fixe Idee”; die Sünde als einzige Causalität des Leidens; alles Nicht-Sündige nur Schein-Leiden. Gegen die Sünde ein allzeit bereites und leichtes Mittel ...

10 [180]

(277)      Ob nicht ganz dieselbe frech-fromme Interpretations-Manier der Geschichte (d.h. absolute Fälschung, um die Gültigkeit des Priester-codex zu beweisen) auch für die jüdisch-christlichen Interpreten und Erzähler der Geschichte Jesu gilt? —

von Paulus zurechtgemacht a) Tod für unsere Sünden b) Sinn der Auferstehung

10 [181]

(278)      Die Realität, auf der das Christenthum sich aufbauen konnte, war die kleine jüdische Familie der Diaspora, mit ihrer Wärme und Zärtlichkeit, mit ihrer im ganzen römischen Reiche unerhörten und vielleicht unverstandenen Bereitschaft zum Helfen, Einstehen für einander, mit ihrem verborgenen und in Demuth verkleideten Stolz der “Auserwählten,” mit ihrem innerlichsten Neinsagen ohne Neid, zu allem, was  obenauf  ist  und  was  Glanz  und  Macht  für  sich hat. Das als Macht erkannt zu haben, diesen seel[ischen] Zustand als mittheilsam, verführerisch, ansteckend auch für Heiden erkannt zu haben—ist das Genie des Paulus: den Schatz von latenter Energie, von klugem Glück auszunützen zu einer “jüdischen Kirche freieren Bekenntnisses,” die ganze jüdische Erfahrung und Meisterschaft der Gemeinde-Selbsterhaltung unter der Fremdherrschaft, auch die jüdische propaganda—das errieth er als seine Aufgabe. Was er vorfand, das war eben jene absolut unpolitische und abseits gestellte Art kleiner Leute: ihre Kunst, sich zu behaupten und durchzusetzen, in einer Anzahl Tugenden angezüchtet, welche den einzigen Sinn von Tugend ausdrückten (“Mittel der Erhaltung und Steigerung einer bestimmten Art Mensch”)

Aus der kleinen jüdischen Gemeinde kommt das Princip der Liebe her: es ist eine leidenschaftlichere Seele, die hier unter der Asche von Demuth und Armseligkeit glüht: so war es weder griechisch noch indisch noch gar germanisch. Das Lied zu Ehren der Liebe, welches Paulus gedichtet hat, ist nichts Christliches, sondern ein jüdisches Auflodern der ewigen Flamme, die semitisch ist. Wenn das Christenthum etwas Wesentliches in psychologischer Hinsicht gethan hat, so ist es eine Erhöhung der Temperatur der Seele bei jenen kälteren und vornehmeren Rassen, die damals obenauf waren; es war die Entdeckung, daß das elendste Leben reich und unschätzbar werden kann durch eine Temperatur-Erhöhung ...

Es versteht sich, daß eine solche Übertragung nicht stattfinden konnte in Hinsicht auf die herrschenden Stände: die Juden und Christen hatten die schlechten Manieren gegen sich,—und was Stärke und Leidenschaft der Seele bei schlechten Manieren ist, das wirkt abstoßend und beinahe Ekel erregend. (—Ich sehe diese schlechten Manieren, wenn ich das neue Testament lese) Man mußte durch Niedrigkeit und Noth mit dem hier redenden Typus des niederen Volks verwandt sein, um das Anziehende zu empfinden ... Es ist eine Probe davon, ob man etwas klassischen Geschmack im Leibe hat, wie man zum neuen Testament steht (vergl. Tacitus): wer davon nicht revoltirt ist, wer dabei nicht ehrlich und gründlich etwas von foeda superstitio empfindet, etwas, wovon man die Hand zurückzieht, wie um nicht sich zu beschmutzen: der weiß nicht, was klassisch ist. Man muß das “Kreuz” empfinden wie Goethe —

[Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Venezianischen Epigrammen, 67:

Vieles kann ich ertragen. Die meisten beschwerlichen
      Dinge
   Duld’ ich mit ruhigen Mut, wie esein Gott mir gebeut.
Wenige sind mir jedoch wie Gift und Schlange zuwider,
   Viere: Rauch des Tabaks, Wanzen und Knoblauch
      und
.]

10 [182]

Das Heil kommt von den Juden”—hat der Stifter des Christenthums gesagt (Ev. Joh. 4, 22) Und man hat es ihm geglaubt!!!

10 [183]

(279)      Wenn man sich den ersten Eindruck des neuen Testaments eingesteht: etwas Ekelhaftes und Widriges vom schlechten Geschmack, eine Mucker-Sentimentalität, lauter widrige Symbole im Vordergrunde; und die verdorbene Luft des Winkels und des Conventikels:—man sympathisirt nicht. Pilatus, Pharisäer —

10 [184]

(280)      Daß es nicht darauf ankommt, ob etwas wahr ist, sondern wie es wirkt—absoluter Mangel an intellekt[ueller] Rechtschaffenheit. Alles ist gut, die Lüge, die Verleumdung, die unverschämteste Zurechtmachung, wenn es dient, jenen Wärmegrad zu erhöhen,—bis man “glaubt” —

Eine förmliche Schule der Mittel der Verführung zu einem Glauben: principielle Verachtung der Sphären, woher der Widerspruch kommen könnte (—der Vernunft, der Philosophie und Weisheit, des Mißtrauens, der Vorsicht); ein unverschämtes Loben und Verherrlichen der Lehre unter beständiger Berufung [darauf], daß Gott es sei, der sie gebe—daß der Apostel nichts bedeute,—daß hier nichts zu kritisiren sei, sondern nur zu glauben, anzunehmen; daß es die außerordentlichste Gnade und Gunst sei, eine solche Erlösungslehre zu empfangen; daß die tiefste Dankbarkeit und Demuth der Zustand sei, in dem man sie zu empfangen habe ...

Es wird beständig spekulirt auf die ressentiments, welche diese Niedrig-Gestellten gegen Alles, was in Ehren ist, empfinden: daß man ihnen diese Lehre als Gegensatz-Lehre gegen die Weisheit der Welt, gegen die Macht der Welt darstellt, das verführt zu ihr. Sie überredet die Ausgestoßenen und Schlechtweggekommenen aller Art, sie verspricht die Seligkeit, den Vorzug, das Privilegium den Unscheinbarsten und Demüthigsten; sie fanatisirt die armen kleinen thörichten Köpfe zu einem unsinnigen Dünkel, wie als ob sie der Sinn und das Salz der Erde wären —

Das Alles, nochmals gesagt, kann man nicht tief genug verachten: wir ersparen uns die Kritik der Lehre; es genügt die Mittel anzusehn, deren sie sich bedient, um zu wissen, womit man es zu thun hat. In der ganzen Geschichte des Geistes giebt es keine frechere und barere Lüge, keine durchdachtere Nichtswürdigkeit als das Christenthum— Aber—sie akkordirte mit der Tugend, sie nahm die ganze Fascinations-Kraft der Tugend schamlos für sich allein in Anspruch ... sie akkordirte mit der Macht des Paradoxen, mit dem Bedürfniß alter Civilisationen nach Pfeffer und Widersinn; sie verblüffte, sie empörte, sie reizte auf zu Verfolgung und zu Mißhandlung, —

Es ist genau dieselbe Art durchdachter Nichtswürdigkeit, mit der die jüdische Priesterschaft ihre Macht festgestellt [hat] und die jüdische Kirche geschaffen worden ist ...

Man soll unterscheiden: 1) jene Wärme der Leidenschaft “Liebe” (auf dem Untergrund einer hitzigen Sinnlichkeit ruhend) 2) das absolut Unvornehme des Christenthums

— die beständige Übertreibung, die Geschwätzigkeit
— den Mangel an kühler Geistigkeit und Ironie (—es kommt kein schlechter Witz vor und damit nicht einmal ein guter)
— das Unmilitärische in allen Instinkten
— das priesterliche Vorurtheil gegen den männlichen Stolz, die Sinnlichkeit, die Wissenschaften und die Künste.

10 [185]

(281)      Es fehlt absolut alles Geistige in diesem Buch: “Geist” selbst kommt nur als Mißverständniß [vor].

Sehr wesentlich dieser Gegensatz: “Geist und Fleisch.” Hier ist “Geist” in einem priesterlichen Sinn ausgedeutet

der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch ist kein nütze—Ev. Joh. 6, 63

10 [186]

Auch die Christen haben es gemacht, wie die Juden und das, was sie als Existenzbedingung und Neuerung empfanden, ihrem Meister in den Mund gelegt und sein Leben darum inkrustirt. Insgleichen haben sie die ganze Spruchweisheit ihm zurückgegeben—: kurz, ihr thatsächliches Leben und Treiben als einen Gehorsam dargestellt und dadurch für ihre Propaganda geheiligt.

Woran Alles hängt, das ergiebt sich bei Paulus: es ist wenig. Das Andere ist die Ausgestaltung eines Typus von Heiligem, aus dem was ihnen als heilig galt.

Die ganze “Wunderlehre,” eingerechnet die Auferstehung, ist eine Consequenz der Selbstverherrlichung der Gemeinde, welche das, was sie sich selber zutraute, in höherem Grade ihrem Meister zutraute (resp. aus ihm ihre Kraft ableitete ...)

10 [187]

Die tiefe Gemeinheit solcher Worte: “um der Hurerei willen habe ein Jeglicher sein eigenes Weib und eine Jegliche habe ihren eigenen Mann: es ist besser freien, denn Brunst leiden.” 1 Cor. 7, 2

10 [188]

(282)

Wie auch dieHerrenChristen werden können. —

 

Es liegt in dem Instinkt einer Gemeinschaft (Stamm, Geschlecht, Heerde, Gemeinde), die Zustände und Begehrungen, denen sie ihre Erhaltung verdankt, als an sich werthvoll zu empfinden, z.B. Gehorsam, Gegenseitigkeit, Rücksicht, Mäßigkeit, Mitleid,—somit Alles, was denselben im Wege steht oder widerspricht, herabzudrücken.

Es liegt insgleichen in dem Instinkt der Herrschenden (seien es Einzelne, seien es Stände), die Tugenden, auf welche hin die Unterworfenen handlich und ergeben sind, zu patronisiren und auszuzeichnen (—Zustände und Affekte, die den eigenen so fremd wie möglich sein können)

Der Heerdeninstinkt und der Instinkt der Herrschenden kommen im Loben einer gewissen Anzahl von Eigenschaften und Zuständen überein: aber aus verschiedenen Gründen, der erstere aus unmittelbarem Egoism, der zweite aus mittelbarem E[goismus].

Die Unterwerfung der Herren-Rassen unter das Christenthum ist wesentlich die Folge der Einsicht, daß das Christenthum eine Heerdenreligion ist, daß es Gehorsam lehrt: kurz daß man Christen leichter beherrscht als Nichtchristen. Mit diesem Wink empfiehlt noch heute der Papst dem Kaiser von China die christliche Propaganda

Es kommt hinzu, daß die Verführungskraft des christlichen Ideals am stärksten vielleicht auf solche Naturen wirkt, welche die Gefahr, das Abenteuer und das Gegensätzliche lieben, welche alles lieben, wobei sie sich riskiren, wobei aber ein non plus ultra von Machtgefühl erreicht werden kann. Man denke sich die heilige Theresa, inmitten der heroischen Instinkte ihrer Brüder:—das Christenthum erscheint da als eine Form der Willens-Ausschweifung, der Willensstärke, als eine Don Quixoterie des Heroismus ...

10 [189]

(283)      Paulus: ein zügelloser und selbst wahnsinniger Ehrgeiz eines Agitators; mit einer raffinirten Klugheit, welche sich nie eingesteht, was er eigentlich will und die Selbstverlogenheit mit Instinkt handhabt, als Mittel der Fascination. Sich demüthigend und unter der Hand das verführerische Gift des Auserwähltseins eingebend ...

10 [190]

(284)      Im Buddhism überwiegt dieser Gedanke: “Alle Begierden, alles, was Affekt, was Blut macht, zieht zu Handlungen fort,”—nur in sofern wird gewarnt vor dem Bösen. Denn Handeln—das hat keinen Sinn, Handeln hält im Dasein fest: alles Dasein aber hat keinen Sinn. Sie sehen im Bösen den Antrieb zu etwas Unlogischem: zur Bejahung von Mitteln, deren Zweck man verneint. Sie suchen nach einem Wege zum Nichtsein und deshalb perhorresciren sie alle Antriebe seitens der Affekte. Z.B. ja nicht sich rächen! ja nicht feind sein!—der Hedonism der Müden giebt hier die höchsten Werthmaaße ab. Nichts ist dem Buddhisten ferner als der jüdische Fanatism eines Paulus: nichts würde mehr seinem Instinkt widerstreben als diese Spannung, Flamme, Unruhe des religiösen Menschen, vor allem jene Form der Sinnlichkeit, welche das Christenthum unter dem Namen der “Liebe” geheiligt hat. Zu alledem sind es die gebildeten und sogar übergeistigten Stände, die im B[uddhismus] ihre Rechnung finden: eine Rasse, durch einen Jahrhunderte langen Philosophen-Kampf abgesotten und müde gemacht, nicht aber unterhalb aller Cultur,  wie  die  Schichten , aus denen das Christenthum entsteht ... Im Ideal des Buddh[ismus] erscheint das Loskommen auch von Gut und Böse wesentlich: es wird da eine raffinirte Jenseitigkeit der Moral ausgedacht, die mit dem Wesen der Vollkommenheit zusammenfällt [unter] der Voraussetzung, daß man auch die guten Handlungen bloß zeitweilig nöthig hat, bloß als Mittel,—nämlich um von allem Handeln loszukommen.

10 [191]

(285)      Ich betrachte das Christenthum als die verhängnißvollste Lüge der Verführung, die es bisher gegeben hat, als die große unheilige Lüge: ich ziehe seinen Nachwuchs und Ausschlag von Ideal noch unter allen sonstigen Verkleidungen heraus, ich wehre alle Halb- und Dreiviertel-Stellungen zu ihm ab,—ich zwinge zum Krieg mit ihm.

die Kleine-Leute-Moralität als Maß der Dinge: das ist die ekelhafteste Entartung, welche die Cultur bisher aufzuweisen hat. Und diese Art Ideal als “Gott” hängen bleibend über der Menschheit!!

10 [192]

(286)

Zum Plane.

 

Der radikale Nihilismus ist die Überzeugung einer absoluten Unhaltbarkeit des Daseins, wenn es sich um die höchsten Werthe, die man anerkennt, [handelt], hinzugerechnet die Einsicht, daß wir nicht das geringste Recht haben, ein Jenseits oder ein An-sich der Dinge anzusetzen, das “göttlich,” das leibhafte Moral sei.

Diese Einsicht ist eine Folge der großgezogenen “Wahrhaftigkeit”: somit selbst eine Folge des Glaubens an die Moral.

Dies ist die Antinomie: so fern wir an die Moral glauben, verurtheilen wir das Dasein.

Die Logik des Pessimismus bis zum letzten Nihilimus: was treibt da?— Begriff der Werthlosigkeit, Sinnlosigkeit: in wiefern moralische Werthungen hinter allen sonstigen hohen Werthen stecken.

— Resultat: die moralischen Werthurtheile sind Verurtheilungen, Verneinungen, Moral ist die Abkehr vom Willen zum Dasein ...

Problem: was ist aber die Moral?

10 [193]

(287)

Heidnisch-christlich

 

Heidnisch ist das Jasagen zum Natürlichen, das Unschuldsgefühl im Natürlichen, “die Natürlichkeit”

Christlich ist das Neinsagen zum Natürlichen, das Unwürdigkeits-Gefühl im Natürlichen, die Widernatürlichkeit

“Unschuldig” ist z.B. Petronius; ein Christ hat im Vergleich mit diesem Glücklichen ein für alle Mal die Unschuld verloren.

Da aber zuletzt auch der christliche Status bloß ein Naturzustand sein muß, sich aber nicht als solchen begreifen  darf,  so  bedeutet  “christlich”  eine  zum  Princip  erhobene  Falschmünzerei  der  psycholog[ischen] Interpretation ...

10 [194]

(288)      “Die Moral um der Moral willen! ”—eine wichtige Stufe in ihrer Entnaturalisirung: sie erscheint selbst als letzter Werth. In dieser Phase hat sie die Religion mit sich durchdrungen: im Judenthum z.B. Und ebenso giebt es eine Phase, wo sie die Religion wieder von sich abtrennt, und wo ihr kein Gott “moralisch” genug ist: dann zieht sie das unpersönliche Ideal vor ... Das ist jetzt der Fall.

Die Kunst um der Kunst willen”—das ist ein gleichgefährliches Princip: damit bringt man einen falschen Gegensatz in die Dinge,—es läuft auf eine Realitäts-Verleumdung (“Idealisirung” ins Häßliche) hinaus. Wenn man ein Ideal ablöst vom Wirklichen, so stößt man das Wirkliche hinab, man verarmt es, man verleumdet es. “Das Schöne um des Schönen willen,” “das Wahre um des Wahren willen,” “das Gute um des Guten willen”—das sind drei Formen des bösen Blicks für das Wirkliche.

Kunst, Erkenntniß, Moral sind Mittel: statt die Absicht auf Steigerung des Lebens in ihnen zu erkennen, hat man sie zu einem Gegensatz des Lebens in Bezug gebracht, zu “Gott,” — gleichsam als Offenbarungen einer höheren Welt, die durch diese hie und da hindurchblickt ...

— “schön und häßlich,” “wahr und falsch,” “gut und böse”—diese Scheidungen und Antagonismen verrathen Daseins- und Steigerungs-Bedingungen, nicht vom Menschen überhaupt, sondern von irgendwelchen festen und dauerhaften Complexen, welche ihre Widersacher von sich abtrennen. Der Krieg, der damit geschaffen wird, ist das Wesentliche daran: als Mittel der Absonderung, die die Isolation verstärkt ...

10 [195]

(289)      Consequenz des Kampfes: der Kämpfende sucht seinen Gegner zu seinem Gegensatz umzubilden,—in der Vorstellung natürlich

— er sucht an sich bis zu dem Grade zu glauben, daß er den Muth der “guten Sache” haben kann (als ob er die gute Sache sei): wie als ob die Vernunft, der Geschmack, die Tugend von seinem Gegner bekämpft werde ...

— der Glaube, den er nöthig hat, als stärkstes Defensiv- und Aggressiv-Mittel ist ein Glaube an sich, der sich aber als Glaube an Gott zu mißverstehen weiß

— sich nie die Vortheile und Nützlichkeiten des Siegs vorstellen, sondern immer nur den Sieg um des Siegs willen, als “Sieg Gottes” —

— Jede kleine im Kampf befindliche Gemeinschaft (selbst Einzelne) sucht sich zu überreden: “wir haben den guten Geschmack, das gute Urtheil und die Tugend für uns” ... Der Kampf zwingt zu einer solchen Übertreibung der Selbstschätzung ...

10 [196]

(290)      Die Einleitung für Pessimisten,—und zugleich gegen die Pessimisten ... Denen, die heute nicht an dem Fragwürdigen unseres Daseins leiden, habe ich nichts zu sagen: sie mögen Zeitungen lesen und über die Schlecht-Juden sich Gedanken machen.— Ein Wort über die absolute Vereinsamung: wer mir nicht mit einem Hundertstel von Leidenschaft und von Liebe entgegenkommt, hat keine Ohren für mich ... Ich habe mich bisher durchgeschlagen ...

10 [197]

(291)      “Seid einfach”—eine Aufforderung an uns verwickelte und unfassbare Nierenprüfer, welche eine einfache Dummheit ist ... Seid natürlich! aber wie, wenn man eben “unnatürlich” ist ...

10 [198]

(292)      “So ihr nicht werdet wie die Kinder”: oh wie fern wir von dieser psychologischen Naivetät sind!

10 [199]

(293)      Die psychologische Voraussetzung: die Unwissenheit und Uncultur, die Ignoranz, die jede Scham verlernt hat: man denke sich diese unverschämten Heiligen mitten in Athen

: der jüdischeAuserwählten-Instinkt”: sie nehmen alle Tugenden ohne Weiteres für sich in Anspruch und rechnen den Rest der Welt als ihren Gegensatz: tiefes Zeichen der Gemeinheit der Seele

: der vollkommne Mangel an wirklichen Zielen, an wirklichen Aufgaben, zu denen man andere Tugenden als die des Muckers braucht,

der Staat nahm ihnen diese Arbeit ab: das unverschämte Volk that trotzdem, als ob sie ihn nicht nöthig hätte.



Die lügnerischen Gegensätze

“was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch, und was vom Geist geboren wird, das ist Geist” Ev. Joh. 3, 6

“irdisch”—“himmlisch”

Wahrheit, Licht, Finsterniß, Gericht: wer Arges thut, der hasset das Licht und kommt nicht an das Licht, auf daß seine Werke nicht bestraft werden. Wer aber die Wahrheit thut, der kommt an das Licht, daß seine Werke offenbar werden ... Das aber ist das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist; und die Menschen liebten die Finsterniß mehr als das Licht.



Die schauderhaften Mißbräuche mit der Zukunft:

das Gericht ist ein christlicher Gedanke, nicht ein jüdischer: es ist der Ressentiments-Grundgedanke aller Aufständischen.

die tiefe Unwürdigkeit, mit der alles Leben außerhalb des christlichen beurtheilt wird: es genügt ihnen nicht, ihre eigentlichen Gegner sich gemein zu denken, sie brauchen nichts weniger als eine Gesammtverleumdung von allem, was nicht sie sind ... Mit der Arroganz der Heiligkeit verträgt sich aufs Beste eine niederträchtige und verschmitzte Seele: Zeugniß die ersten Christen.

Die Zukunft: sie lassen es sich tüchtig bezahlen ... Es ist die unsauberste Art Geist, die es giebt:

Das ganze Leben Christi wird so dargestellt, daß er den Weissagungen zum Recht verhilft: er handelt so, damit sie Recht bekommen ...

10 [200]

(294)      Matth. 5, 46 Denn so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Thun nicht dasselbe auch die Zöllner?

Und so ihr [euch] nur zu euren Brüdern freundlich thut, was thut ihr Sonderliches? Thun nicht die Zöllner auch also?

Zwei Motive: Lohn und Absonderung

Das ganze 6te Cap. des Matthäus handhabt diese schöne Moral: hütet euch, wenn ihr klug seid, vor allem Öffentlichwerden eurer tugendhaften Handlungen. Denn anders habt ihr keinen Lohn bei meinem Vater im Himmel.“—dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird’s dir vergelten, öffentlich”

6, 14 Denn so ihr den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben.

Hier spricht aus jedem Wort die tiefe Feindseligkeit gegen die religiöse Praxis der herrschenden Stände

Diese ganze Reduktion auf Heuchelei, auf Geiz (6, 19 “ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden usw. ihr könnet nicht Gott dienen und dem Mammon” 6, 24)

“Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit: so wird euch solches Alles zufallen” (nämlich Nahrung, Kleider, die ganze Nothdurft des Lebens, die ganze Fürsorge): ist einfach Unsinn. “Das Leben in den Tag hinein”—gerade zu als Prüfung Gottes gefördert, als Prüfung des Glaubens (30 “so Gott das Gras auf dem Felde kleidet, sollte er das nicht viel mehr euch thun? Oh ihr Kleingläubigen!”)

Matth. 7, 1 “Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet ... mit welcherlei Maaß ihr messet, wird euch gemessen werden”

Luc. 6, 35 Doch aber liebet eure Feinde; thut wohl und leihet, daß ihr nichts dafür hoffet: so wird euer Lohn groß sein und werdet Kinder des Allerhöchsten sein.

Diese ganze Uneigennützigkeit-Moral ist eine Rancune gegen die Pharisäer. Aber der Jude verräth sich darin, daß sie zuletzt auch noch als profitable dargestellt wird ...

Das Evangelium an die Armen, die Hungernden, die Weinenden, die Gehaßten, Ausgestoßenen, Schlimm-Beleumdeten

— zur Ermuthigung an die Jünger: Freuet euch alsdann und hüpfet: denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Desgleichen thaten ihre Väter den Propheten auch. (welche zügellose Frechheit, diesem armen Jünger-Gesindel anzudeuten, sich gleichen Rangs mit den Propheten fühlen zu dürfen, weil sie gleiches Schicksal haben!—)

Und nun der Fluch auf die Reichen, die Satten, die Heitern, die Gelehrten, die Geehrten! (Immer sind es die Pharisäer: “desgleichen thaten ihre Väter den falschen Propheten auch”)

Es ist eine vollkommene Biedermännerei, deretwegen Niemand vom Himmel zu kommen braucht, Moral predigen z.B. zu den Zöllnern zu sagen “fordert nicht mehr, denn gesetzt ist!” oder den Kriegsleuten “thut Niemandem Gewalt, noch unrecht”

Diese pfäffische Unduldsamkeit

Marc. 6, 11 “und welche euch nicht aufnehmen, noch hören, da gehet von dannen heraus und schüttelt den Staub ab von euren Füßen, zu einem Zeugniß über sie. Ich sage euch: Wahrlich, es wird Sodom und Gomorra am jüngsten Gerichte erträglicher ergehen, denn solcher Stadt.”

Und nun denke man sich dieses arme Mucker-Gesindel sich durchs Land schleichend, mit solchen Jüngsten-Gerichts-Flüchen in der Tasche

Man kann dies Buch [nicht] lesen, ohne die Partei alles dessen zu nehmen, was darin angegriffen wird: z.B. der Pharisäer und Schriftgelehrten

Und diese frechen Versprechungen z.B. Marc. 9, 1 “Wahrlich, ich sage euch, es stehen Etliche hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis daß sie sehen das Reich Gottes mit Kraft kommen.”

Das neue Testament wird durch seine “Denns” compromittirt ...

Immer die heilige Juden-Selbstsucht im Hintergrund der Aufopferung und Selbstverleugnung: z.B. Marc. 8, 34:

“Wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn (—man beachte die “Denns” im neuen Testament—sie enthalten seine Widerlegung—) wer sein Leben will erhalten, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet und des Evangeliums willen, der wird es behalten.”

Alles ist gefälscht und verdorben:

der Tod als Strafe; das Fleisch; das Irdische; die Erkenntniß; das ewige Leben als Lohn

die sämmtlichen Handlungen der Liebe, Mildthätigkeit und seel[ischer] Delikatesse als Schlauheiten der Auserwählten in Hinsicht auf die überreichlichste Belohnung

die ganze Tugend ist um ihre “Unschuld” gebracht ...

Die Widerlegung der evangelischen Reden liegt in derenDenn

“Und wer der Kleinen einen ärgert, die an mich glauben, dem wäre es besser, daß ihm ein Mühlstein an seinen Hals gehängt würde und er in das Meer geworfen würde.”—sagt Jesus Marc. 9, 42.

Ärgert dich dein Auge, so wirf es von dir. Es ist dir besser, daß du einäugig in das Reich Gottes gehest, denn daß du zwei Augen habest und werdest in das höllische Feuer geworfen; da ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht verlöscht. Marc. 9, 47

— eine Aufforderung zur Castration; wie sich aus der entsprechenden Stelle ergiebt Matt. 5, 28 “wer ein Weib ansiehet, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Ärgert dich aber dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirf von dir. Es ist dir besser, daß eines deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.” (V. 31 ist er immer noch bei dem Geschlechts-Capitel und der raffinirten Auffassung des Ehebruchs: nämlich die Ehescheidung bereits als Ehebruch ...)



Wenn das Christenthum nur ein kluger Eigennutz ist, so ist es ein noch klügerer Eigennutz, es aus dem Wege zu schaffen —

10 [201]

(295)      Dies war die verhängnißvollste Art Größenwahn, die bisher auf Erden dagewesen ist: wenn diese verlogenen kleinen Mißgeburten von Muckern anfangen, die Worte “Gott;” “jüngstes Gericht” “Wahrheit” “Liebe” “Weisheit” “heiliger Geist” für sich in Anspruch zu nehmen und sich damit gegen “die Welt” abzugrenzen, wenn diese Art Mensch anfängt, die Werthe nach sich umzudrehen, wie als ob sie der Sinn, das Salz, das Maaß und Gewicht vom ganzen Rest wären: so sollte man ihnen Irrenhäuser bauen und nichts weiter thun. Daß man sie verfolgte, das war eine antike Dummheit großen Stils: damit nahm man sie zu ernst, damit machte man aus ihnen einen Ernst.

Das ganze Verhängniß war dadurch ermöglicht, daß schon eine verwandte Art von Grössenwahn in der Welt war, der jüdische: nachdem einmal die Kluft zwischen den Juden und den Christen-Juden aufgerissen und letztere nur durch die Ersteren zum Recht auf Dasein kommen konnten, mußten die Christen-Juden die Prozedur der Selbsterhaltung, welche der jüdische Instinkt erfunden hatte, nochmals und in einer letzten Steigerung zu ihrer Selbsterhaltung anwenden—; daß andererseits die griechische Philosophie der Moral Alles gethan hatte, um einen Moral-Fanatism selbst unter Griechen und Römern vorzubereiten und schmackhaft zu machen ... Plato, die große Zwischenbrücke der Verderbniß, der zuerst die Natur in der Moral mißverstehen wollte, der die Moral als Sinn, Zweck — — —, der bereits die griechischen Götter mit seinem Begriff Gut entwerthet hatte, der bereits jüdisch-angemuckert war (—in Ägypten?)

10 [202]

(296)      Das “Ding an sich” widersinnig. Wenn ich alle Relationen, alle “Eigenschaften” alle “Thätigkeiten” eines Dinges wegdenke, so bleibt nicht das Ding übrig: weil Dingheit erst von uns hinzufingirt ist, aus logischen Bedürfnissen, also zum Zweck der Bezeichnung,  der  Verständigung,  nicht — — — (zur  Bindung  jener  Vielheit von Relat[ionen] Eigenschaften Thätigkeiten)

10 [203]

(297)      Der neuere Mensch hat seine idealisirende Kraft in Hinsicht auf einen Gott zumeist in einer wachsenden Vermoralisirung desselben ausgeübt—was bedeutet das? Nichts Gutes, ein Abnehmen an Kraft des M[enschen]

An sich wäre nämlich das Gegentheil möglich: und es giebt Anzeichen davon. Gott, gedacht als das Freigewordensein von der Moral, die ganze Fülle der Lebensgegensätze in sich drängend und sie in göttlicher Qual erlösend, rechtfertigend:—Gott als das Jenseits, das Oberhalb der erbärmlichen Eckensteher-Moral von “Gut und Böse.”

Dieselbe Art Mensch, welche uns “gutes Wetter” wünscht, wünscht auch nur “gute Menschen” und überhaupt gute Eigenschaften,—mindestens die immer wachsende Herrschaft des Guten. Mit einem überlegenen Auge wünscht man gerade umgekehrt die immer größere Herrschaft des Bösen, die wachsende Freiwerdung des Menschen von der engen und ängstlichen Moral-Einschnürung, das Wachstum der Kraft, um [die] größten Naturgewalten, die Affekte in Dienst nehmen zu können ...

10 [204]

(298)      Wenn man auch noch so bescheiden in seinem Anspruch auf intell[ektuelle] Sauberkeit ist, man kann nicht verhindern, bei der Berührung mit dem neuen Testament etwas wie einen unaussprechlichen Ekel zu empfinden: denn die schmutzige und zügellose Frechheit des Mitredenwollens Unberufenster über die großen Probleme, ja ihr Anspruch auf Richterthum in solchen Dingen übersteigt jedes Maaß. Die unverschämte Leichtfertigkeit, mit der hier von den unzugänglichsten Problemen geredet wird, wie als ob sie keine Probleme wären: Leben, Welt, Gott, Zweck des Lebens, sondern einfach Sachen, die diese kleinen Mucker wissen

10 [205]

(299)      Das Dasein im Ganzen von Dingen behaupten, von denen wir gar nichts wissen, exakt weil ein Vortheil darin liegt, nichts von ihnen wissen zu können, war eine Naivetät Kants, Folge eines Nachschlags von Bedürfnissen, namentlich moralisch-metaphysischen ...

10 [206]

(300)      Die Intoleranz der Moral ist ein Ausdruck von der Schwäche des Menschen: er fürchtet sich vor seiner “Unmoralität,” er muß seine stärksten Triebe verneinen, weil er sie noch nicht zu benutzen weiß ... So liegen die fruchtbarsten Striche der Erde am längsten unbebaut:—die Kraft fehlt, die hier Herr werden könnte ...

From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel