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The Will to Power
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Frühjahr-Sommer 1883 7 [1-100]

7 [1]

Zur Einleitung.

Absolute Ehrlichkeit—bis jetzt fehlend bei Moralisten. Jede Schwäche des Charakters wird sich an der Untersuchung kundgeben.

Sodann historischer Sinn.

Tapferkeit gegen die eigenen Neigungen zur Werthschätzung.

Altes Ziel: die Erzeugung höherer Menschen, die Verwendung der Menschenmassen als Mittel dazu.

Zum Plane.

Jede objektive Verbindlichkeit fehlt. Die Übereinstimmung Aller ein lebensfeindliches Princip.

Es sind Befehle von Individuen: eine unbewußte Sklaverei

es ist eine Forderung der Ehrlichkeit, was man der Nützlichkeit wegen thut, auch als solche zu bezeichnen.

Motive der Ehrlichkeit usw. liegen in den Antrieben der Mächtigen: in derselben Sphäre wächst auch die Emancipation von der Moral.

Unverantwortlichkeit positiv wenden: wir wollen unser Bild vom Menschen durchsetzen. Daß man’s kann!—ist die Sache! Wer sich unterworfen fühlt, gehört in die niedere Ordnung. Es muß “Sklaven” geben.

Man übersah bisher das Individuelle als schöpferisch: man sah nur Verbrecher usw. man übersah den Haupt-Verbrecher

Homer Michel Angelo.

Möglichste Verschiedenheit der Individuen! Entfesselung des Kampfes!

Man will zu einer Ethik: und weil man vom Egoismus aus sie nicht glaubt finden zu können, flüchtet man zur Autorität, zum Herkommen.

der sittliche Geschmack ist eine Sache ohne Gründe—aber er ist entstanden einmal als Zwang, in Folge von anderen Trieben, welche ein bestimmtes Urtheil und Werthschätzen aufnöthigten.

Wo wir unsre Gefühle nicht mehr wegen ihrer Complizirtheit der Entstehung abzuleiten wissen, da setzen wir sie an als etwas Anderes: so sind die aesthetischen ethischen moralischen metaphysischen Triebe zu verstehen.

Wir empfinden einen Namen und meinen, ihm entspreche etwas Neues.

NB. Die moral[ische] Denkweise folgt unsrer Handlungsweise, aber führt sie nicht!

Wo kein Trieb zum Gehorchen da ist, da hat ein “du sollst” keinen Sinn.

So wie wir sind—so werden wir widerspenstig bei einem “du sollst.” Unsere Moral muß heißen “ich will.”

7 [2]

Der Egoism des Einzelnen greift thatsächlich so weit als er kann und Kraft hat—: es ist Unsinn, sich zu fürchten vor den Folgen des Egoist[ischen] Princips. Niemand wird durch Principien in Schranken gehalten! [Vgl. Eduard von Hartmann, Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins. Prolegomena zu jeder künftigen Ethik Berlin: C. Duncker's Verlag (C. Heymons), 1879.]

7 [3]

Zu schreiben und nicht zu fragen, welche Dauer jetzt alles Geschriebene hat, wäre sehr oberflächlich!

7 [4]

Die Sicherheit unsrer Handlungsweise ist außer allem Verhältniß zur Güte unsrer Gründe, so und so zu handeln!

7 [5]

von Sokrates an die Tugend ohne Scham (in Concurrenz) und als Gegenstand der Klugheit hat sie Scham nicht nöthig! Eine Art Selbst-Erniedrigung der Tugend. —

7 [6]

Kritik des “Guten,” ja des Besten! Skepsis sehr berechtigt!

Meine Gesamtrichtung geht nicht auf Moral—was ehedem Sünden-Bewußtsein, das wende ich auch gegen den Intellekt, die Tugend, das Glück, die Kraft des Menschen.

Aus einer wesentlich außermoralischen Betrachtungsweise kam ich zur Betrachtung der Moral aus der Ferne.

Die Bedingungen zu errathen, unter denen die zukünftigen Menschen leben—weil ein solches Errathen und Vorwegnehmen die Kraft eines Motivs hat: die Zukunft als das, was wir wollen, wirkt auf unser Jetzt.

Die Unmoralität unserer Zeit in ihrem Besten (z.B. dem Mangel an Pietät gegen Natur)

7 [7]

Reden an meine Freunde.

Ich habe mich immer darum bemüht, die Unschuld des Werdens mir zu beweisen: und wahrscheinlich wollte ich so das Gefühl der völligen “Unverantwortlichkeit” gewinnen—mich unabhängig machen von Lob und Tadel, von allem Heute und Ehedem: um Ziele zu verfolgen, die sich auf die Zukunft der Menschheit beziehen.

Die erste Lösung war mir die aesthetische Rechtfertigung des Daseins. Indessen: “rechtfertigen” selber sollte nicht nöthig sein! Moral gehört in’s Reich der Erscheinung.

Die zweite Lösung war mir die objektive Werthlosigkeit aller Schuld-Begriffe und die Einsicht in den subjektiven, nothwendig ungerechten und unlogischen Charakter alles Lebens.

Die dritte Lösung war mir die Leugnung aller Zwecke und die Einsicht in die Unerkennbarkeit der Causalitäten.

die Erlösung durch den Schein: das principium individuationis mit aller Moral für das Individuum eine erlösende Vision.

Moral Mittel, innerhalb der Individuation zu bleiben und nicht in das Urleiden zurückverschlungen zu werden.

die Kunst als die “eigentlich metaphysische Thätigkeit des Menschen.”

daß das “Leben im Grunde der Dinge trotz allem Wechsel der Erscheinungen unzerstörbar mächtig und lustvoll sei” p. 54. als Trost der Tragödie.

Ihn rettet die Kunst (vor einer Verneinung des Willens:) und durch die Kunst rettet ihn sich das Leben.

Ein Protest gegen den Pessimismus: vom Standpunkte der Griechen aus. Der “tiefsinnige” und zum zartesten und schwersten Leiden einzig befähigte Grieche.

Die Musik als die bei weitem lebendigste Kunst.

Die Aufgabe der Musik in einem zerdachten Zeitalter, das denkmüde ist:

p.82 Die Wissenschaft immer wieder an ihre Grenzen geführt muß in Kunst umschlagen—das, was sie führt, ist der Wahn, sie könne das Dasein corrigiren.

Sokrates durch Wissen und Gründe der Todesfurcht enthoben.

die Bestimmung der Wissenschaft, das Dasein als begreiflich und damit als gerechtfertigt erscheinen zu machen: wozu zuletzt, wenn die Gründe nicht reichen, auch der Mythus dienen muß—auf den ist es abgesehen im Grunde!

Wäre jene Summe von Kraft nicht auf Erkenntniß verwendet worden, sondern auf die praktischen Ziele der Völker und Menschen, so wäre die Lust am Leben so abgeschwächt, daß eine Ethik der Vernichtung aus Mitleid hätte entstehen können (Die Inder zu schwach und passiv selbst in ihrem Mitleiden)

die tragische Erkenntniß braucht die Kunst, “die in’s Unaufhellbare starrt”

Die Kunst als abhängig dargestellt von der Entwicklung der Erkenntniß: sie bricht dort heraus, wo die Erkenntniß sich selber verzehrt.

Wir sollen die Lust nicht in den Erscheinungen, sondern hinter ihnen suchen.

p. 92 Quintessenz.

p. 102. die Selbstvernichtung der Erkenntniß und Einsicht in ihre letzten Grenzen war das, was mich für Kant und Schopenhauer begeisterte. Aus dieser Unbefriedigung glaubte ich an die Kunst.

Ich meinte, ein neues Zeitalter für die Kunst sei gekommen. Ich empfand das Resultat der Philosophie als ein tragisches Ereigniß: wie aushalten!

Mir schien W[agner] ein Mittel, die D[eutschen] dem Christenthum zu entfremden

sein altersmüdes Werk Parsifal spricht auch nicht dagegen noch weniger die blindwüthigen Verehrer mit ihren geschundenen Knien und Gehirnen.

Glaube an die Wiedergeburt der griechischen Welt p. 117.

“ein anderer Sinn und eine höhere Lust, zu denen sich der kämpfende Held nicht durch seine Siege, sondern durch seinen Untergang vorbereitet” p. 120.

“Erst ein mit Mythen umstellter Horizont schließt eine ganze Culturbewegung zur Einheit ab” p. 132.

p. 136 antichristlich—in diesem Sinne,

p. 142 ”        ”        ” deutsche Hoffnung

7 [8]

Das ganze 18te Jahrhundert hatte die tiefste Verachtung gegen die gothische Baukunst Lecky I 199. [Vgl. William Edward Hartpole Lecky, Geschichte des Ursprungs und Einflusses der Aufklärung in Europa. Bd. 1. Leipzig: Winter, 1873:199.]

Dieses Jahrhundert hatte seinen Geschmack. Der Mailänder Dom als Gegenstand des Spottes.

Unser Jahrhundert muß viele jener Empfindungen wieder gewonnnen haben, aus denen jene Kirchen entstanden sind —

Die Verkennung Homers s. bei — — —

die Beurtheilung des Laokoon bei Winckelmann.

7 [9]

Mitleiden. Zunächst Nachbilden eines fremden Schmerzes. Darauf muß nun eine Reaktion erfolgen

entweder gewaltsames Sich-aus-dem-Sinne-schlagen, Davon-laufen (wie beim Anblick einer ekelhaften Wunde

oder positives Beseitigen und Vernichten des uns Wehethuenden, also mit Eingriff in die Sphäre des Leidenden, von ihm als Hülfe usw. interpretirt.

Über jedes Leiden sind wir empört, wenn es sinnlos ist, “unverdient” ist (unsre Gewohnheit zu tadeln und strafen wirkt hier als verletzter Trieb: das Bild des Leidenden ist ein Angriff auf die Grundlagen dieses Triebs) Wir reagiren gegen diese Empörung mit “Hülfe” usw.

Sodann:—wir schaudern, wir selber fühlen die Gefährlichkeit, Unsicherheit Plötzlichkeit des Unglücks “es ist unglaublich!”—unser Sinn für das Harmonische und Logische ist empört.

wo wir fühlen helfen zu können, erwacht unser Machtgefühl, daher der Pflichteifer, die Anspannung, der Heroismus bei dem Retten von Verunglückten; die Lust an einer Gelegenheit, tapfer zu sein usw.

Liebe, Zärtlichkeit sind nicht nothwendig dabei!

7 [10]

Hartmann p.776. die Souveränität des Individuums fällt bei ihm mit egoistischen Klugheitsrücksichten, welche der Willkür Schranken setzen, zusammen! Das charakterisirt!! [Vgl. Eduard von Hartmann, Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins: Prolegomena zu jeder künftigen Ethik Berlin: C. Duncker's Verlag (C. Heymons), 1879:776.]

7 [11]

Der Nächste als unser Erzeugniß

die Züge ihm gegeben, auf welche unsre Triebe reagiren. Das ganze Bild ein uns nützliches Erzeugniß: das uns Wohlthätige, Schädliche usw. Ist herausgekehrt—zum Zwecke der Assimilation oder der Flucht.

Was ist also “Nächstenliebe”?

Der Nächste an sich unerkennbar, sondern nur nach uns zu erschließen, und dies gemäß unsrer Feinheit und Grobheit von Beobachtung: unserer Übereiltheit im Schließen (Sache der Furcht oder der Sehnsucht) usw.

Wir bekämpfen in unseren Feinden das uns Schädlich-Scheinende: was unserem Wachsthum, unserem Fortleben hinderlich ist, was uns die Luft verdirbt: wir bekämpfen also unsre Triebe des Mißtrauens, der Spannung—d. h. eine Art Triebe beseitigt eine andre.

7 [12]

Die Juden durch die aegyptische Gefangenschaft verdorben.

7 [13]

Die Architektur: das Ferne nahe zu bringen (Peterskirche)

anderes Princip: möglichstes Streben in die Ferne.

7 [14]

Man haßt den am meisten, der uns zu Empfindungen zurückverführt, über die wir mit größter Anstrengung Sieger wurden: der uns nach dem Siege an unsre Feinde verräth: wie es dem geht, der noch zur Rache verführt wird, nachdem er vergeben hat.

7 [15]

das Gewissen verändert [sich] nach der Umgebung, in der wir leben; insofern das Gefühl der Nicht-Übereinstimmung der Werthschätzung bei uns den Trieb der Furcht, Skepsis, des Verschweigens, der Verstohlenheit usw. erzeugt: diese Triebe entladen sich allmählich sofort bei unseren Regungen und verwandeln unser Gewissen in ein böses Gewissen.

7 [16]

Wagner hat viele Wohlthaten von seinen Zeitgenossen empfangen: aber er meinte, die grundsätzliche Ungerechtigkeit gegen Wohlthäter gehöre zum “großen Stile”: er lebte immer als Schauspieler und im Wahne der Bildung, wie sie Schauspieler zu haben pflegen. Ich selber bin vielleicht sein größter Wohlthäter gewesen. Es ist möglich, daß in diesem Falle das Bild länger lebt als der, welchen es abschilderte: das liegt darin, daß in meinem Bilde noch Raum ist für eine ganze Anzahl wirkliche Wagners: und vor Allem für viel reicher begabte und reiner wollende.

7 [17]

Wer unter Deutschen lebt, muß sich schon glücklich schätzen, Einen zu finden, der von jener idealistischen Selbst-Belügnerei und Farbenblindheit sich freihält, welche die Deutschen lieben und beinahe als Tugend selber verehren. (Die Franzosen mit ihrem Montaigne La Rochefoucauld Pascal Chamfort Stendhal sind eine viel reinlichere Nation des Geistes) Dies war meine Freude, als ich Rée kennen lernte: er redete von der Moral, so weit er von ihr wußte, und ohne sich Etwas auf seine Moral-Triebe einzubilden. Freilich: er wußte von ihr nicht viel und dies fast nur aus Hören-sagen: und er meinte zuletzt am Ende, Moral selber sei Hören-sagen.

7 [18]

Seit Kant ist alles Reden von Kunst, Schönheit, Erkenntniß, Weisheit vermanscht und beschmutzt durch den Begriff “ohne Interesse.”

Mir gilt als schön (historisch betrachtet): was an den verehrtesten Menschen einer Zeit sichtbar wird, als Ausdruck des Verehrungs-Würdigsten.

7 [19]

Es war ein Verdienst des Helvétius, eine Sache der Bravheit, sich der Lust (intérêt) anzunehmen (so Socrates mit dem Nutzen): ganz wie Epicur (im Gegensatz zu der Lust am Paradoxen, wie bei Mandeville): und es war vielleicht plaisir zu sagen, wie Stendhal wünschte, ihm doch schon zu verletzend (für den moralischen Geschmack, aus dem er selber erwuchs)

7 [20]

Wie die Optik hinter dem Sehen herhinkt, so die Moralistik hinter der Moralität.

Die Einzelbeobachtungen sind bei weitem das Werthvollste.

Eine moral[ische] Grundfehler-Theorie ist meist der Ursprung der großen philosophischen Systeme: es soll etwas bewiesen werden, wozu die Praxis des Philosophen stimmt (Spinoza z. B.) (Schopenhauer Ausnahme—noblesse darin)

7 [21]

Meine Forderung: Wesen hervorzubringen, welche über der ganzen Gattung “Mensch” erhaben dastehen: und diesem Ziele sich und “die Nächsten” zu opfern.

Die bisherige Moral hatte ihre Grenze innerhalb der Gattung: alle bisherigen Moralen waren nützlich, um der Gattung zuerst unbedingte Haltbarkeit zu geben: wenn diese erreicht ist, kann das Ziel höher genommen werden.

Die eine Bewegung ist unbedingt: die Nivellirung der Menschheit, große Ameisen-Bauten usw. (Dühring zu charakterisiren als außerordentlich ärmlich und typisch-gering, trotz seinen pathetischen Worten)

Die andere Bewegung: meine Bewegung: ist umgekehrt die Verschärfung aller Gegensätze und Klüfte, Beseitigung der Gleichheit, das Schaffen Über-Mächtiger.

Jene erzeugt den letzten Menschen. Meine Bewegung den Übermenschen.

Es ist durchaus nicht das Ziel, die letzteren als die Herren der Ersteren aufzufassen: sondern: es sollen zwei Arten neben einander bestehen—möglichst getrennt; die eine wie die epikurischen Götter, sich um die andere nicht kümmernd.



Grundsätze: es hat keine moralischen Handlungen gegeben. Und es ist jede Moral unmöglich: ebenso wie jede moralische Handlung.

Aber Geschichte dessen, was bisher als moralische Handlung gegolten hat: und wahre Bedeutung desselben. Und Geschichte der Entstehung dieser Geltungen.

Sie gehen alle vom Glauben aus, daß die Moralität selber da sei, mindestens als bewußter Maaßstab (wie bei Kant), daß es bekannt sei, was gut und böse ist.

Die wesentliche Unerkennbarkeit.

Es wird nothwendig Etwas erreicht: aber schon ein Wissen darum ist unmöglich, also auch ein Vorherwissen!

Wichtigster Gesichtspunkt: die Unschuld des Werdens zu gewinnen, dadurch daß man die Zwecke ausschließt. Nothwendigkeit, Causalität—nichts mehr! Und alles das als Verlogenheit zu bezeichnen, dort von “Zweck” zu reden, wo immer ein nothwendiges Resultat vorliegt! Die Geschichte kann niemals “die Zwecke” beweisen: denn allein klar ist, daß, was Völker und Einzelne gewollt haben, immer etwas wesentlich Anderes war als das, was erreicht wurde—kurz, daß alles Erreichte dem Gewollten absolut incongruent ist (z.B. Kauen als “Absicht” und “Aktion”)

Geschichte der “Absichten” ist etwas Anderes als Geschichte der “Thatsachen”:—in der Moral. Es ist das gemeinste Vorurtheil, welches von der Handlung nicht mehr sieht als was an ihr sich mit dem Beabsichtigten Zwecke deckt. Es ist dieses Augenmerk auf Zwecke ein Zeichen der tiefen Stufe des Intellekts—alles Wesentliche, die Handlung selber und das Resultat werden übersehen!

7 [22]

Bei meiner Wanderung durch die vielen feineren und gröberen Moralen, fand ich gewisse Züge regelmäßig immer mit einander wiederkehrend und an einander geknüpft: so daß sich mir endlich zwei Grundtypen verriethen: es giebt Herren-Moral und Sklaven-Moral. Ich füge hinzu, daß in Zeiten höherer Cultur Versuche der Verurtheilung beider Moralen zum Vorschein kommen, noch öfter ein Durcheinander derselben, ja bisweilen ein hartes Nebeneinander—sogar im selben Menschen, innerhalb Einer Seele.

Erste Frage: wo sind die moralischen Werthschätzungen entstanden? Im Allgemeinen unter Aristokraten, unter einer herrschenden Art, welche sich ihres Unterschieds gegen eine beherrschte bewußt wird.

Im Allgemeinen bedeutet das moralische Werthschätzen, daß sich eine höhere Art Mensch gegen eine niedrigere als höhere bewußt wird.

Die Nöthigung, sie zu bilden, bestand einmal im Verhältniß zu den Unterworfenen, dann im Verhältniß zur Tugend. Im ersten Falle wird an den Eigenschaften das Auszeichnende, Seltene, Edle, Abhebende hervorgehoben, im anderen Falle das Schwere in der Erlangung und Festhaltung des vornehmen Typus, kurz in der Arbeit zur Tugend.

Zweite Frage. Was folgt im Allgemeinen aus der Thatsache, daß die Herrschenden es sind, welche den Begriff “gut” bestimmen?

Es giebt in der That eine Menge von Zügen, die bei den verschiedensten Moralen wiederkehren: der Grund liegt darin, daß die Züge des Mächtigen darin sind.

Der Unmoralische ist im Allgemeinen der Verächtliche (nicht der “Böse”).

Dies geht bis in die letzte Consequenz: selbst der, welcher, gleich mir, die moralischen Werthschätzungen selber unter einander abschätzt, will sich damit als einen höheren Menschen abscheiden von denen, welche unter hergebrachten Werthschätzungen es aushalten zu leben.

Es sind die erhobenen stolzeren Zustände, welche als “gut” bezeichnet werden:

Verachtung des Feigen, Ängstlichen

Verachtung des an enge Nützlichkeit Denkenden, Kleinlichen

Verachtung des Mißtrauischen, der Schwüre haben will

Verachtung des Armen, Bettelnden, Sich-Erniedrigenden, Sklaven- und Hunde-Art, welche sich mißhandeln läßt.

Ehre dagegen dem Gefühl der Fülle und des Überströmens. reich genug, um dem Unglücklichen zu helfen,

Ehre für den, welcher Macht über sich selber hat, zu reden und zu schweigen versteht, zu befehlen und zu gehorchen versteht

Ehre der Weisheit, welche den langen Nutzen ins Auge zu fassen versteht und lange Beschlüsse festhalten kann

Ehre dessen, der nicht gefallen will, weil er sich gefällt: des Stolzen.

Ehrerbietung gegen die Älteren
gegen das Herkommen

die Ehrerbietung gegen die Frauen ist modern: es fehlt etwas die Achtung vor dem Alter.

•:b<gFh"4 “Abwehr” in der Rache.

Fähigkeit zur langen Dankbarkeit und Rache.

Wiedervergeltung als Wahn der Gerechtigkeit. —

wer gleichgültig gegen eine schwere Kränkung bleibt, ist verächtlich ...... aber: “der ist der beste Mann, der die meisten Beleidigungen zu ertragen weiß” Menander.

aber nicht nachzutragen geneigt! —

vollkommene Verschiedenheit in der Beurtheilung von Handlungen gegen Gleiche und gegen die Wesen niedrigen Ranges.

der Freund

Der Feind gilt nicht als verächtlich: deshalb haben die bösen Handlungen als Feindes-Handlungen eine andere Schätzung.

In sofern Feindschaft noth thut, muß auch der Sinn dazu erhalten bleiben, also in gewissem Sinn gepflegt werden.

(so die Lüge bei den Spartanern)

die Härte, Grausamkeit usw.

Man muß Feinde haben als Abzugsgräben solcher Affekte, wie Neid, Streitsucht—um gut Freund sein zu können.

der Mächtige urtheilt: wer mir schadet, ist an sich schädlich. Er ist der höchste Werthbestimmer.

Das Logische, die Zeit, der Raum müßten von uns produzirt sein: Unsinn! Wenn der Geist ihren Gesetzen sich fügt, so ist es, weil sie thatsächlich wahr sind, wahr an sich! Daß wir an diese Wahrheit glauben, absolut, das ist die Folge davon, daß die Abnormen aussterben: der Fehler an diesen Wahrheiten rächt sich.

7 [23]

Wie müßte das Gleichartige in der Moral aussehen, wenn die Schwächeren, Beherrschten und Gedrückten moralisiren?

Wenn die Vergewaltigten, Gedrückten, Leidenden, Unfreien, ihrer-selber-Ungewissen, Müden moralisiren: was wird das Gleichartige ihrer moralischen Unterscheidungen sein? Wahrscheinlich wird ein Argwohn zum Ausdruck kommen; vielleicht eine Verurtheilung des Menschen mitsammt seiner Lage.

Ein abgünstiger Blick für die Tugenden der Mächtigeren: feine Skepsis und Mißtrauen gegen alles “Gute” wird dort geehrt und Verkleinerung des Glücks der Mächtigen und des Lebens.

Hervorkehrung der Eigenschaften, vermöge deren sich Leidende das Leben erleichtern: Ruhm des Mitleidens, aber aus anderen Gründen, als wenn die Mächtigen es rühmen (die Nützlichkeit ist der Grund)

Ruhm der Demuth und Verfeinerung dieses Gesichtspunktes in allgemeiner Unterwerfung unter die Gesetze des Daseins: Vorliebe für “Unfreiheit des Willens”—der Mensch durch und durch abhängig.

Eine Art Rache liegt in der Hervorkehrung der entgegengesetzten Tugenden: so wird gelobt Abstinenz, willkürliche Peinigung, Einsamkeit, geistige Armut: und mit der Zukunft verbindet man die Apathie.

Diese ganze Moral-Wendung ist in Europa jüdisch.

Gesetzt, eine solche Gesinnung kommt allmählich zur Herrschaft und Menschen mit ihr werden die Herrschenden: so ist die Folge eine ungeheure moralische Verlogenheit (oder Schamlosigkeit).

(das Plebejische in den griechischen Moralisten Socrates)

Dies geschah im europäischen Priesterthum. Im englischen Utilitarism, in Kant, Schopenhauer.

(Werth der Franzosen: ihr Takt hinsichtlich der Scham)

Nun ist eine zweite Wendung möglich: die der Schamlosigkeit: die allgemeine Lust an der Bestie Mensch, an der Thatsache der Illusionen

Unter den Beherrschten wird das Böse schlecht.”

Vorstellung einer großen Rache (Tertullian)

7 [24]

Da Rée von dem Grundsatze ausgeht, gut sei allein das, was Einer nicht um seiner selber willen thue: so hat er sich in der lächerlichsten Weise selber die Schnur um den Hals gelegt, wenn er der Gesellschaft das Recht geben will, von dem Satze “der Zweck heiligt das Mittel” Gebrauch zu machen. Denn mit allem Strafen von Verbrechen will die Gesellschaft ihre Erhaltung und Förderung—das ist kein Zweifel. Folglich ist ihr Zweck kein guter, kein heiliger: folglich kann ihr Zweck nicht ihre bösen Mittel heiligen.

Wer an “gut” und “böse” hängen bleibt, kann nicht strafen: ebenso wer an “verdient” und “nicht verdient” glaubt: alledem gegenüber muß man die absolute Kausalität aufstellen.— Nur wenn man als höhere Art Mensch sich die Macht nimmt, die geringere zu unterdrücken, in Zaum zu halten, jedenfalls ihr auf alle Weise Feindschaft zu machen: verstehe ich alles “Strafen.” Es ist Unterdrückung—mit dem Worte Recht treibt man Pharisäismus. Ich wüßte nicht, woher es abzuleiten wäre, daß das Stärkere, Höhere seine Macht gegen das Geringere ausüben dürfte: noch weniger, warum es das nicht dürfte.

Überall, wo das Höhere nicht das Mächtigere ist, fehlt etwas am Höheren selber: es ist nur ein Stück und Schatten erst.

7 [25]

Schmerz und Lust sind nur Begleiterscheinungen.

Der Hunger hat nicht als Ziel Befriedigung des Appetits: sondern der Prozeß, dessen Merkmal für uns Hunger heißt, ist überhaupt kein Trieb und kein Zustand der Empfindung: es ist ein chemischer Zustand, in dem die Affinität zu anderen Dingen vielleicht größer ist.

Wie armselig steht es mit unserer Einsicht in alles Wirkliche, wenn wir an Lust und Unlust als die einzige Sprache desselben gebunden sind!

“Trieb” ist nur eine Übersetzung in die Sprache des Gefühls aus dem Nichtfühlenden:

“Wille”: das ist das, was in Folge jenes Vorgangs unserem Gefühle sich mittheilt—also bereits eine Wirkung, und nicht der Anfang und die Ursache.

Unser Sprechen ist ein Mischmasch zweier Sphären.

“Zweck und Mittel”—ist nur aus der Sprache des Gefühls genommen.

Also sämmtliche Funktionen gehen ihren Gang: aber wie wenig merken wir davon!— Und doch meinen wir, mit “Zwecken,” mit Glückseligkeits-Streben unser Handeln zu erklären!

7 [26]

Nicht “das Glück folgt der Tugend”—sondern der Mächtigere bestimmt seinen glücklichen Zustand erst als Tugend.

Die bösen Handlungen gehören zu den Mächtigen und Tugendhaften: die schlechten niedrigen zu den Unterworfenen.

Der mächtigste Mensch müßte der böseste sein, insofern er sein Ideal an allen Menschen durchsetzt gegen alle ihre Ideale und sie zu seinem Bilde umschafft—der Schaffende.

Böse heißt hier: hart schmerzhaft aufgezwungen

7 [27]

Solche Menschen wie Napoleon müssen immer wieder kommen und den Glauben an die Selbstherrlichkeit des Einzelnen befestigen: er selber aber war durch die Mittel, die er anwenden mußte, corrumpirt worden und hatte die noblesse des Charakters verloren. Unter einer anderen Art Menschen sich, durchsetzend hätte er andere Mittel anwenden können und so wäre es nicht nothwendig, daß ein Cäsar schlecht werden müßte.

7 [28]

Der gemeinen Masse zur Herrschaft zu verhelfen ist natürlich das einzige Mittel, ihre Art zu veredeln: aber erst als herrschende, nicht im Kampfe um die Herrschaft dürfte man darauf hoffen. Der Kampf entfesselt vielmehr ihre tiefste Gemeinheit.

So ist eine zeitweilige Herrschaft der Juden das einzige Mittel, sie zu veredeln.

7 [29]

“Wir handeln nach Zwecken” (nach Vorstellungen zu erwartender angenehmer Gefühle)—so sagen wir. In Wahrheit geschieht etwas ganz Anderes, Unbewußtes und Unwißbares: den kleinsten Theil dessen, was geschieht, fassen wir in’s Auge beim Worte “Zweck und Mittel”—und auch den legen wir erst aus als Zweck und Mittel.

Wir reden so als ob die Gefühle Ursachen wären und Ursachen sein könnten im Reich des Nicht-Fühlenden.

Die Bilder und Reflexe eines Prozesses werden von uns als Prozeß selber verstanden und ausgedeutet.

Das ist unser größter Irrthum, zu meinen, die Wirklichkeit eines Vorgangs werde durch Lust und Schmerz bewiesen, hier gehe es am realsten zu.

Die Gefühle als Begleit-Erscheinungen können uns wohl die Folge der Vorgänge lehren, von denen sie Bilder sind: aber nicht die Causalität dieser Folge.

7 [30]

Wer Anderen nützt, warum soll der besser sein als wenn er sich nützt? Doch nur, wenn der Nutzen, den er Anderen erweist, in einem absoluten Sinn höherer Nutzen ist als der welchen er sich erweist. Sind die Anderen weniger werth, so wird er, wenn er sich nützt, selbst auf Unkosten der Anderen, Recht handeln.

Alles Gerede von “Nutzen” setzt schon voraus, daß das, was den Menschen nützlich ist, definirt sei: mit anderen Worten, Nützlich wozu! d.h. der Zweck des Menschen ist schon voraus genommen. Erhaltung, Glücklich-machen usw. wenn das Zwecke sind: so sind doch auch unter Umständen die Gegentheile die höheren Zwecke z. B. bei einer pessimistischen Ansicht vom Leben und Leiden.

Also ein Glaube ist schon vorausgesetzt—beim Lobe des Uneigennützigen: daß das ego nicht verdiene, dem ego Anderer vorgezogen zu werden? Dem widerstreitet aber die höhere Taxation des Uneigennützigen: gerade es wird ja angenommen, daß er eine seltnere Art sei. Weshalb soll nun der seltnere höhere Mensch sich aus dem Auge verlieren?— Er soll’s gar nicht, es ist eine Dummheit, aber er thut’s: und die Anderen haben den Vortheil davon und sind ihm dafür dankbar: sie loben ihn.— Also die Egoisten loben den Unegoistischen, weil er so dumm ist, ihren Vortheil seinem Vortheile voranzustellen: weil er so handelt, wie sie nicht handeln würden—aber zu ihren Gunsten.

7 [31]

Nach Spinoza: “sofern der Mensch die Vernunft anwendet, hält er nur das für nützlich, was zum Erkennen führt.” [Vgl. Eduard von Hartmann, Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins: Prolegomena zu jeder künftigen Ethik Berlin: C. Duncker's Verlag (C. Heymons), 1879:12.]

7 [32]

Der Alleinherrscher und der Sklave (ersterer zum Gotte geschraubt, letzterer in eben dem Maaße sinkend)

7 [33]

Daß in allen “Sinnes-Eindrücken” wir nicht nur passiv, sondern sehr aktiv sind, auswählend, verbindend, ausfüllend, auslegend—es handelt sich um die Ernährung wie bei der Zelle: um Assimilation und Umstellung des Ungleichartigen.

7 [34]

die engen Mittel der Erkenntniß “der ist beruhigt, bezähmt, entsagend, geduldig, gesammlet” die näheren: Vedastudium, Opfer, Almosen, Büßen, Fasten—ein Mittel zur Erreichung der Erkenntniß.

7 [35]

Spinoza nahm mit seiner Ethik Rache am jüdischen Gesetz: “das Individuum kann thun, was es will ”: ähnlich wie Paulus.

7 [36]

Kant suchte die äußerste Gebärde des moralischen Stolzes als er allen Eudämonismus verwarf: das absolute Gehorchen: das Ideal eines Unterworfenen und Gedrückten, der allen Werth dorthinein setzt, wozu die Gehorchenden die beste Vorübung haben—und nur ja keine “Lust”!

7 [37]

“Illusionen sind nöthig, nicht nur zum Glück, sondern zur Erhaltung und Erhöhung des Menschen: insonderheit ist gar kein Handeln möglich ohne Illusion. Selbst jeder Fortschritt der Erkenntniß ist durch die Illusion erst möglich: folglich muß der Quell der Illusion unterhalten werden, falls wir erkennen, gut handeln und wachsen wollen”—so dachte ich einst.

Gäbe es eine absolute Moral, so würde sie verlangen, daß unbedingt der Wahrheit gefolgt werde: folglich, daß ich und die Menschen an ihr zu Grunde gehen.— Dies mein Interesse an der Vernichtung der Moral. Um leben und höher werden zu können—um den Willen zur Macht zu befriedigen, müßte jedes absolute Gebot beseitigt werden. Für den mächtigsten Menschen ist auch die Lüge ein erlaubtes Mittel, beim Schaffen: ganz so verfährt die Natur.

7 [38]

Die Moral der Klugheit bei unterdrückten Naturen ausgebildet: bis dahin, daß das Verbrechen, welches verborgen bleibt und wohlthätige Folgen für den Thäter hat, tugendhaft sei.

Das Erstreben der Lust als Ziel der Moral ist schon charakteristisch für unterdrückte und leidende Naturen.

Die vorhandene Lust schätzt die Dinge ab bei den Mächtigen: das hohe Gefühl wird da intellektuell.

Eudämonism Hedonism Utilitarianism als Zeichen der Unfreiheit, ebenso alle Klugheits-Moral.

Heroism als Zeichen der Freiheit. “Fingerzeige einer heroischen Philosophie.”

Zum Heroism gehört dann auch der herzliche Antheil am Kleinen, Idyllischen.

7 [39]

Man muß die Moral nicht bei den Schriftstellern über Moral suchen (noch weniger die Moralität!), die Moralisten sind in der großen Mehrheit Gedrückte Leidende Ohnmächtige Rachsüchtige—ihre Tendenz ist ein Bischen Glück: Kranke, welche meinen, Genesung sei Alles.

7 [40]

Aus La Rochefoucauld schimmert eine sehr noble Denkart der damaligen Gesellschaft hindurch: er selber ist ein enttäuschter Idealist, der nach Anleitung des Christenthums die häßlichen Namen der damaligen Triebfedern hervorsucht.

7 [41]

Die moralische Complizirtheit der Seele durch Christenthum und Ritterlichkeit gehört mit zum Charakter Louis XIV und seiner Zeit: die Griechen (Homer) erscheinen zu schlicht und einfältig, auch ihren Seelen nach.

7 [42]

Bei der Freizügigkeit des Verkehrs können Gruppen gleichartiger Menschen sich zusammenthun und Gemeinwesen gründen. Überwindung der Nationen.

Die Raubthiere und der Urwald beweisen, daß die Bosheit sehr gesund sein kann und den Leib prachtvoll entwickelt. Wäre das Raubthierartige mit innerer Qual behaftet, so wäre es längst verkümmert und entartet.

Der Hund (der so viel klagt und winselt) ist ein entartetes Raubthier, ebenso die Katze. Eine Unzahl gutmüthiger gedrückter Menschen beweisen, daß die Gutartigkeit mit einem Herunterkommen der Kräfte verbunden ist: die ängstlichen Empfindungen überwiegen! und bestimmen den Organismus.

Man muß also das Böse, welches als Überfeinerung und Stimulans, als Folge physischer Entartung auftritt (Grausamkeits-Wollust usw.) und den moralischen Stumpfsinn bei moral insanity nicht in den Vordergrund stellen!

Das Gute zu betrachten, wie es als Zeichen der Entartung auftritt—als religiöser Wahnsinn z. B. als Philanthropie usw.: überall wo der gesunde Egoismus nachläßt und Apathie oder Ascese erstrebt werden. Der “Heilige” als Ideal leiblicher Verkümmerung, auch die ganze Brahman-Philosophie ein Zeichen der Entartung.

a) Die höhere Art: — — —
b) Die niedrigere Art: — — —
c) Die Entartenden: ihr “Gutes”
 ihr “Böses.”

7 [43]

Stendhal citirt als Sprüchwort der Coulissen: “Telle trouve à se vendre, qui n’eût pas trouvé à se donner.” [Vgl. Stendhal, De l'amour. Seule édition complète augmentée de préface et de fragments entieérement inédits. Paris: Michel Lévy, 1857: 38.]

“Niemand will sie geschenkt: so muß sie sich schon verkaufen!”—sagte ich

7 [44]

Ich betrachte die griechische Moralität als die höchste bisherige; was mir bewiesen damit ist, daß sie [es] mit ihrem leiblichen Ausdruck auf das Höchste bisher gebracht hat. Dabei aber meine ich die thatsächliche Volks-Moralität,—nicht die von den Philosophen vertretene: mit Socrates beginnt der Niedergang der Moral: es sind lauter Einseitigkeiten in den verschiedenen Systemen, die ehemals Glieder eines Ganzen waren—es ist das auseinandergefallene ältere Ideal. Dazu kommt der vorherrschend plebejische Charakter, es sind Menschen ohne Macht, bei Seite Gestellte, Gedrückte usw.

In der neueren Zeit hat die italienische Renaissance den Menschen am höchsten gebracht: “der Florentiner”—aus ähnlichen Gründen. Man sieht auch da die einzelnen Bedingungen, neben den vollkommenen und ganzen Menschen, wie Bruchstücke: z.B. “der Tyrann” ist ein solches Bruchstück: der Kunstliebhaber.

Vielleicht war der Provençale schon ein solcher Höhepunkt in Europa—sehr reiche, vielartige, doch von sich beherrschte Menschen, die sich ihrer Triebe nicht schämten.

7 [45]

Luther verräth in der Art, wie er Feind ist, seine bäurische Abkunft und Gemeinheit, Mangel an Vornehmheit.

7 [46]

Napoleon corrumpirt im Kampf um die Macht, wie Bismarck. Ich hoffe auf kleine “Tyrannen” für’s nächste Jahrhundert.

7 [47]

Moral als Zeichensprache.”

7 [48]

Die Anfänge des moralischen Urtheilens (also der Moral welches spät, vielleicht um Jahrtausende später gekommen ist als die Moralität, kann man sich gewiß nicht leicht ärmlich genug denken: daher hatte ich Vergnügen, zu sehen, wie R[ée] auf ein paar Klugheiten, ein paar Irrthümer, ein paar Vergeßlichkeiten das ganze wundervolle gothische Bauwerk der Moral aufzubauen unternahm! ich selber hatte andere Grundlagen: aber die Tendenz, daß es möglichst schlechte sein müßten, hatten wir gemeinsam.

7 [49]

Wie vernagelt und unwissenschaftlich da noch alles zugeht—siehe die erste Seite Lecky!

7 [50]

Kriegstüchtig und gebärtüchtig: das entscheidet zunächst und zuhöchst.

7 [51]

Es ist die Forderung der noblesse, daß Gleiches mit Gleichem vergolten wird, auch in der Rache: die Sache eines Solchen, der auch im Affekte sich noch Grenzen setzt—ebenso noch in der Dankbarkeit. Aber was hat der Staat mit dieser noblesse zu schaffen!

7 [52]

Die freieste Handlung ist die, wo unsre eigenste stärkste feinstens eingeübte Natur hervorspringt und so, daß zugleich unser Intellekt seine dirigirende Hand zeigt.— Also die willkürlichste und doch vernünftigste Handlung!

7 [53]

das Argument gegen die Rache aus dem unfreien Willen wäre auch ein Argument gegen die Dankbarkeit: man vergilt Wohlthaten nicht, weil der Thäter unfrei war.

7 [54]

Lohn und Strafe verderben den Blick für die natürlichen Folgen jeder Handlung.

7 [55]

Wie kann der Staat Rache übernehmen! Erstens ist er kalt und handelt nicht im Affekt: was der Rache-Übende thut. Dann ist er keine Person, am wenigsten eine noble Person: kann also auch nicht im Maßhalten (im “Gleiches mit Gleichem”) seine noblesse und Selbstzucht beweisen. Drittens nimmt er gerade das weg an der Rache, was zur Wiederherstellung der verletzten Ehre dient: das freiwillige Preisgeben des Lebens, die Gefährlichkeit um der Ehre willen. Er würde also nur dem unnobel denkenden Verletzten eine Genugthuung bieten, dem Nobleren im Gegentheil die Wiederherstellung seiner Ehre rauben.— Endlich: er setzt Schamlosigkeit des Verletzten voraus: der von seiner Verletzung öffentlich reden muß! Die “Klage” ist ja eine Forderung, die der Staat macht! Aber der edle Mensch leidet schweigend.— Also nur die gemeinen Naturen können im Staate das Werkzeug der Vergeltung sehen. Daher der erbitterte Kampf für die Blutrache gegen den Staat.— Pasquale Paoli mußte deshalb die Hingebung an das Ganze als das Noblere—als ein Opfer!—hinstellen und das Verzichtleisten auf die Blutrache fordern, als eine höhere Selbstüberwindung: deshalb setzte er Beschimpfung auf den, der sich rächt.

Der Staat gewährt Schutz dem Schwächeren, der sich selber gegen den Übelthäter nicht schützen kann: also Strafen sind zuerst Sicherheitsmaßregeln, auch insofern sie abschrecken. Er will nicht, daß man sich selber wehrt—er fürchtet nicht die Rache, sondern die souveräne Gesinnung!

Also: die Unterordnung unter die Gerechtigkeit des Staates ist eine Aufopferung, nicht eine Nützlichkeit für edlere Menschen. Somit muß der Staat selber als eine höhere Empfindung gewirkt haben: kurz, älter als die Einordnung unter die Gerechtigkeits-Übung des Staates muß der Glaube an die Heiligkeit (Ehrwürdigkeit) des Staates sein: älter und stärker! In Bezug auf Kinder und Sklaven hält der Vornehme lange seine Hoheit fest: seine Souverainetät also.— Nicht Gesichts-Punkte der Klugheit, sondern Impulse des Heroismus sind in der Entstehung des Staates mächtig gewesen: der Glaube, daß es etwas Höheres giebt als Souverainetät des Einzelnen. Da wirkt die Ehrfurcht vor dem Geschlechte und den Ältesten des Geschlechts: ihm bringt der Jüngere sein Opfer. Die Ehrfurcht vor den Todten und den überlieferten Satzungen der Vorfahren: ihnen bringt der Gegenwärtige sein Opfer.— Da wirkt die Huldigung vor einem geistig Überlegenen und Siegreichen: das Entzücken, seinem Musterbilde leibhaft zu begegnen: da entstehen Gelöbnisse der Treue.— Es ist nicht der Zwang, und nicht die Klugheit, welche die älteren Staatsformen aufrecht erhält: sondern das Fortströmen nobler Regungen. Der Zwang würde gar nicht auszuüben sein, und die Klugheit ist vielleicht noch zu wenig individuell entwickelt.— Eine gemeinsame Gefahr giebt vielleicht den Anlaß zum Zusammenkommen: und das Gefühl der neuen gemeinsamen Macht hat etwas Hinreißendes und ist eine Quelle nobler Entschließungen.

7 [56]

Einstmals hatte man die Theorie vom Staat als einer berechnenden Nützlichkeit: jetzt hat man die Praxis dazu!— Die Zeit der Könige ist vorbei, weil die Völker ihrer nicht mehr würdig sind: sie wollen nicht das Urbild ihres Ideals im Könige sehen, sondern ein Mittel ihres Nutzens.— Das ist die ganze Wahrheit!

7 [57]

Der Mensch möchte gern etwas haben, wie höchsten Zweck, letztes Ziel, absolute Pflicht, [absolutes] Soll: das Verlangen darnach ist die Ursache der vielen Moralen. Aber was ist die Ursache dieses Verlangens? Wohl Vielerlei z.B.— jeder einzelne Trieb des Menschen hat wohl das Verlangen, wenn er sich des Intellekts bemächtigt hat, als letzter Herr und Zwecksetzer aller menschlichen Dinge zu gelten. In den Moralen haben sich die verschiedensten Triebe ihre Denkmäler gesetzt.

7 [58]

Es giebt Moralen, welche ihren Urheber vor Anderen rechtfertigen sollen: andere sollen ihn beruhigen und zufrieden machen; mit anderen will er sich selber an’s Kreuz schlagen; mit anderen will er an den Anderen Rache üben; mit anderen will er sich verstecken; mit anderen will er sich verklären, sei es vor sich oder anderen; mit anderen will er sich empor und vorwärts bringen; mit anderen will er an der Menschheit Macht und Schöpferkraft ausüben; mit anderen will er gehorchen, mit anderen herrschen und demüthigen. Mit anderen will er vergessen oder sich vergessen machen. Genug, die Moralen sind auch nur eine Zeichensprache der Affekte.

7 [59]

nicht die Absicht, sondern gerade das Unabsichtliche daran macht den Werth oder Unwerth einer Handlung aus.

7 [60]

Die Moralen als Zeichensprache der Affekte: die Affekte selber aber eine Zeichensprache der Funktionen alles Organischen.

7 [61]

Ganz abgesehen vom Werthe solcher Behauptungen: wie “es giebt einen kategorischen Imperativ!” kann man immer noch fragen: was sagt eine solche Behauptung von dem Behauptenden aus.

7 [62]

Jetzt erst dämmert es den Menschen auf, daß die Musik eine Zeichensprache der Affekte ist: und später wird man lernen, das Trieb-system eines Musikers aus seiner Musik deutlich zu erkennen. Er meinte wahrlich nicht, daß er sich damit verrathen habe. Das ist die Unschuld dieser Selbstbekenntnisse, im Gegensatz zu allen geschriebenen Werken.

Aber es giebt auch bei den großen Philosophen diese Unschuld: sie sind sich nicht bewußt, daß sie von sich reden—sie meinen, es handle sich “um die Wahrheit”—aber es handelt sich im Grunde um sie. Oder vielmehr: der in ihnen gewaltigste Trieb bringt sich an’s Licht, mit der größten Schamlosigkeit und Unschuld eines Grundtriebes—er will Herr sein und womöglich der Zweck aller Dinge, alles Geschehens! Der Philosoph ist nur eine Art Gelegenheit und Ermöglichung dafür, daß der Trieb einmal zum Reden kommt.

Es giebt viel mehr Sprachen als man denkt: und der Mensch verräth sich viel öfter als er wünscht. Was redet nicht!—aber es giebt der Hörenden immer noch Wenige, so daß der Mensch seine Bekenntnisse gleichsam in den leeren Raum hinein plaudert: er ist ein Vergeuder mit seinen “Wahrheiten,” wie die Sonne es mit ihrem Lichte ist.— Ist es nicht Schade, daß der leere Raum keine Ohren hat?

Es giebt Ansichten, da empfindet der Mensch: “das ist allein wahr und richtig und wahrhaft menschlich; wer anders denkt, irrt”—das nennt man religiöse und sittliche Ansichten. Es ist klar, daß hier der souveräne Trieb redet, der stärker ist als der Mensch. Jedesmal glaubt hier der Trieb, die Wahrheit und den höchsten Begriff  “Mensch” zu haben.

Es giebt wohl viele M[enschen], in denen ein Trieb nicht souverän geworden ist: in denen giebt es keine Überzeugungen. Dies ist also das erste Characteristicum: Jedes geschlossene System eines Philosophen beweist, daß in ihm Ein Trieb Regent ist, daß eine feste Rangordnung besteht. Das heißt sich dann: “Wahrheit.”— Die Empfindung ist dabei: mit dieser Wahrheit bin ich auf der Höhe “Mensch”: der Andere ist niedrigerer Art als ich, mindestens als Erkennender.

Bei rohen und naiven Menschen herrscht die Überzeugung auch in Betreff ihrer Sitten, ja ihrer Geschmäcker: es ist der bestmögliche. Bei Culturvölkern herrscht eine Toleranz hierin: aber um so strenger hält man fest an seinem höchsten Maßstab für Gut und Böse: darin will man nicht nur den feinsten Geschmack haben, sondern den allein berechtigten.

Dies ist die allgemein herrschende Form der Barbarei, daß man noch nicht weiß, Moral ist Geschmacks-Sache.

Im Übrigen wird in diesem Bereiche am meisten gelogen und geschwindelt: die moralistische Litteratur und die religiöse ist die verlogenste. Der herrschende Trieb, er mag sein welcher er wolle, handhabt List und Lüge gegen die anderen Triebe, um sich oben zu erhalten.



Neben den Religionskriegen her geht fortwährend der Moral-Krieg: d.h. Ein Trieb will die Menschheit sich unterwerfen; und je mehr die Religionen aussterben, um so blutiger und sichtbarer wird dies Ringen werden. Wir sind im Anfange!

7 [63]

Die Apperzeption ist zuerst nur Thätigkeit (“willkürliche” Bewegungen!)

7 [64]

Meine Theorie: in jeder Handlung eines Menschen wird die ganze Entwicklung des psychischen Lebens durchgemacht

schon die Sinneswahrnehmungen sind Handlungen: damit etwas wahrgenommen werden kann, muß eine aktive Kraft bereits fungiren, welche den Reiz annimmt, wirken läßt und als solchen Reiz sich anpaßt und modifizirt.

Es ist eine Thatsache, daß sich immerfort etwas absolut Neues erzeugt. “Ursache und Wirkung” ist nur die populäre Verallgemeinerung von “Mittel und Zweck” d. h. einer noch populäreren logischen Funktion, der Nichts in der Wirklichkeit entspricht. Es giebt keine Enderscheinungen, außer für ein Wesen, welches schon Anfang und Ende geschaffen hat.

Es erzeugt sich auch in der geistigen Entwicklung immer etwas Neues. Die Empfindung und die Vorstellung sind absolut nicht aus einander ableitbar. Gedanke und Gefühl!

7 [65]

Die “willkürliche” Bewegung der niedersten Organismen ist — — —

7 [66]

Erstens: wie macht man den Menschen herrschend über sich? zweitens: wie — — —

7 [67]

Es ist durchaus nicht das Wünschenswertheste, alles verdauen zu können, was die Vergangenheit hervorbrachte: so wünschte ich, Dante gienge uns gründlich wider Geschmack und Magen.

7 [68]

Hamlet für eine Spitze des menschlichen Geistes anzusehen—das heiße ich bescheiden über Geist und Spitzen urtheilen. Vor allem ist es ein mißrathenes Werk: sein Urheber würde es mir wohl lachend eingestehen, wenn ich‘s ihm ins Gesicht sagte.

7 [69]
[Vgl. Rudolf von Jhering, Der Zweck im Recht. Bd. 2. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1883: 191, 212, 226.]

Warum hat sich neben dem Straf-Recht nicht auch ein Lohn-Recht entwickelt? Warum übernahm der Staat nicht auch die Dankbarkeit der Einzelnen gegen die Anderen?

“Recht,” nach Jhering, die Sicherung der Lebensbedingungen der Gesellschaft in der Form des Zwanges.

Nicht an sich ist eine Handlung böse, sondern insofern usw.

z. B. der Friedlose kann bußlos getödtet werden

das Martern und Foltern von Seiten des Staates das Stehlen bei Aegyptern

Collectiv-Gewissen und -Verantwortlichkeit.

Nicht die Schuld wird gestraft.

Das Verbrechen als Mißgeschick.

Schlecht (verächtlich) und böse zu unterscheiden.

Die Moral bei den Mächtigen und den Unterworfenen.

Ungeheure Complizirtheit der Entstehung der gegenwärtigen moralischen Werthbestimmung: aber Einheit als Gefühl.

Wer nicht strafen will wegen Freiheit des Willens, darf auch nicht loben, danken, zürnen: der Grundglaube aller Affekte im Verkehre ist — — —

7 [70]

Rachegefühl ist Bewußtsein des Geschädigtseins, einmal thatsächlich, zweitens in seinem Glauben an seine Macht (Vernunft, Furchtbarkeit usw.) Beides will einen Gegenakt, also: 1) Abwehr, 2) Ersatz, und 3) Herstellung des Machtgefühls: ganz abgesehen noch vom Glauben an die Schuld des Thäters. Das Rachegefühl hat mit dem Glauben an Freiheit des Willens nichts zu thun.

7 [71]

Organisch—moralisch.
Freiheit des Willens.
Böse als die Vorstufe einer Güte.

7 [72]

“Was für mich gut ist, ist an sich gut” ist nur das Urtheil des Mächtigen, der gewohnt ist, Werth zu geben.

7 [73]

Daß überhaupt moralisirt wird, ist vielleicht noch nie als Problem gefaßt worden. Ist es nothwendig, daß die Menschen immer moralisiren werden? Oder könnte nicht Moral aussterben, wie das astrologische und das alchemistische Nachdenken ausgestorben sind oder aussterben? Nothwendig wofür? Für das Leben? Aber daß man ohne moralisches Urtheilen leben könne, beweisen die Pflanzen und die Thiere. Oder für das Glücklich-leben? Die ebengenannten Thiere beweisen, daß man jedenfalls glücklicher leben könne als Mensch—auch ohne Moral. Also kann die Moral weder nothwendig sein für das Leben überhaupt, noch für das Glücklicher-werden: um nicht schon so weit zu gehen, die Moral verantwortlich zu machen dafür, daß der Mensch mehr leidet als das Thier:—das Mehr-leiden könnte ja andere Gründe haben und die Moral vielleicht ein Mittel sein, das sehr-viel-mehr-Leiden zu verhüten. Aber sicher ist, daß wenn Glücklicher- und Leidloser-werden das Ziel wäre, das wir uns zu stecken hätten: die langsame Verthierung rationell wäre: wozu jedenfalls auch das Ablassen von den moralischen Urtheilen gehörte. Wenn der Mensch also nicht nur leben und nicht glücklicher leben will: was will er denn? Nun sagt die Moral: so und so soll gehandelt werden—warum “soll”? Also die Moral muß es wissen: dies Warum, dies Ziel, welches weder Leben überhaupt noch Glücklicher-werden ist.— Aber sie weiß es nicht! sie widerspricht sich! Sie befiehlt, aber sie vermag sich nicht zu rechtfertigen.— Das Befehlen ist das Wesentliche daran!

Also wozu Moral? Weg mit allem “du sollst”!

7 [74]

Das Gefühl der “Schlechtigkeit” ist ganz anders auf jener Stufe, wo die Schuld nicht eigentlich an die Absicht geknüpft wird: Oedipus (mehr Befleckung und Unglück)

Eigentlich giebt es bei der vornehmen Moral kein “Schlechtes”: “das Böse” aber hat immer noch etwas Ehrfurcht oder Mitgefühl-Einflößendes.

7 [75]

Handlungen z. B. Stehlen werden mit ganz anderen Gefühls- und Urtheilsgruppen begleitet, wenn sie als erlaubt gelten.

Man kann durch Vergleichung der Völker beweisen, daß dies hier als gut und dort als schlecht empfunden wird: aber der Gegensatz selbst von “gut” und “schlecht” ist überall vorhanden: nur daß die Handlungen anders einrubrizirt werden.— Doch giebt es auch Verschiedenheiten des Gesammt-Urtheils gut und schlecht!

7 [76]

Die Thiere folgen ihren Trieben und Affekten: wir sind Thiere. Thun wir etwas Anderes? Vielleicht ist es nur ein Schein, wenn wir der Moral folgen? In Wahrheit folgen wir unseren Trieben, und die Moral ist nur eine Zeichensprache unsrer Triebe? Was ist “Pflicht” “Recht” das “Gute,” das “Gesetz”—welches Triebleben entspricht diesen abstrakten Zeichen?

Wenn die Moral sagt: “du sollst besser werden”—warum “besser”?— Es läßt sich weder aus dem Leben noch dem Glücklicherleben beweisen. Folglich der unbeweisbare Imperativ der Befehl ohne Zweck—das wäre Moral?

Aber “besser”—ist ohne Zweck gar nicht zu denken.

7 [77]

Woraus wird gehandelt? Das ist meine Frage. Das wozu? wohin? ist etwas Zweites. Entweder aus Lust (überströmendem Kraftgefühl, welches sich austhun muß) oder aus Unlust (Hemmung des Machtgefühls, welches sich befreien oder entschädigen muß) Die Frage: wie soll gehandelt werden? wird gestellt: als ob mit dem Handeln erst etwas erreicht werden solle: aber das Nächste ist das Handeln selber als der Erfolg, das Erreichte, abgesehen von den Folgen das Handelns.

Also nicht um des Glücks wegen oder Nutzens wegen oder um Unlust abzuwehren handelt der Mensch: sondern eine gewisse Kraftmenge giebt sich aus, ergreift etwas, woran sie sich auslassen kann. Das, was man “Ziel,” “Zweck” nennt, ist in Wahrheit das Mittel für diesen unwillkürlichen Explosions-Vorgang.

Und Ein und dieselbe Kraftgefühls-Menge kann sich auf tausend Weisen entladen: dies ist “Freiheit des Willens”—das Gefühl, daß im Verhältniß zu der nothwendigen Explosion hundert von Handlungen gleich gut dienen. Das Gefühl einer gewissen Beliebigkeit der Handlung in Betreff dieser Spannungs-Erleichterung.

Meine Lösung: der Grad des Kraftgefühls befruchtet den Geist; der führt viele Ziele vor, wählt sich ein Ziel aus, dessen Folgen für das Gefühl ausspannend sind: also giebt es eine doppelte Entladung: einmal in der Vorwegnahme eines ausspannenden Ziels, sodann im Handeln selber.

“wenn ich Jenes thäte, so würde ich mich verachten, so würde ich unglücklich sein.” Dies wäre also: eine That nicht thun wegen der Folgen für meine Empfindung.

Helvétius meint, wir fragen im Grunde, wenn uns die Möglichkeit einer Handlung aufsteigt, “was werden die Folgen dieser Handlung für meine Empfindung sein?”

Stendhal sur l’amour v. p. 252. [Vgl. Stendhal, De l'amour. Seule édition complète augmentée de préface et de fragments entieérement inédits. Paris: Michel Lévy, 1857: 252.]

Aber das erste Faktum ist, daß ihm diese Möglichkeit auftaucht: der Edle sieht Etwas, wovon eine gemeine Seele keine Idee hat.

Ein überströmendes geladenes Kraftgefühl ist da: das vorgestellte Ziel der Handlung giebt eine Vorwegnahme der Ausspannung und reizt dadurch noch mehr zur Entladung; die folgende Handlung giebt die eigentliche Ausspannung.

So ist es! Das vorgestellte Ziel steigert die Begierde der Entladung auf’s Höchste.

Also: das Glück, “le plaisir” als Ziel des Handelns ist nur ein Steigerungsmittel der Spannung: es darf nicht verwechselt werden mit dem Glück, das in der Action selber liegt. Das finale Glück ist sehr bestimmt; das Glück in der Action würde durch hundert solche bestimmte Glücksbilder zu bezeichnen sein.

Also: das “damit” ist eine Illusion: “ich thue dies, um davon das Glück einzuernten.” So steht es nicht. Der Handelnde vergißt die eigentliche treibende Kraft und sieht nur das “Motiv.”

“Das Glück im erreichten Ziele” ist selber eine Ausgeburt der Kraft-Spannung: ein gleichnißweises Vorwegnehmen und sich-selber-Steigern. Der Eudämonismus ist also eine Folge ungenauer Beobachtung. Man handelt nicht um des Vergnügens willen: das ist aber die Illusion des Handelnden.

7 [78]

Dühring Cursus p. 147, “der mechanische Zustand des Körpers ein Theilzustand der kosmischen Mechanik” [Vgl. Eugen Karl Dühring, Cursus der Philosophie als streng wissenschaftlicher Weltanschauung und Lebensgestaltung. Leipzig: Koschny, 1875:147.]

7 [79]

“Ich darf nicht strafen—denn er kann nichts dafür”—dies “ich darf nicht” heißt: ich würde unvernünftig handeln, wie als ob ich einen Baum strafen wollte, der jemanden getödtet hat.

7 [80]

Die Furchtsamen, mit starker Phantasie, welche bereit wären, sich selbst zu unterwerfen und sehr leicht zu versöhnen—treiben aus Furcht und aus Phantasie der Furcht den Gedanken ihrer Gefährdung immer weiter und nehmen deshalb leicht eine übermäßige, vernichtende Rache—die Rache für ein zum größten Theil nur gefürchtetes Leiden.

7 [81]

Das organische Wesen hat 1) die Kraft, chemisch sich anzueignen 2) gewisse Explosionen, welche diese chemischen Prozesse reguliren. Wenn sich zufällig dies Beides zu einander findet, daß das zeitliche Eintreten und [die] Kraft dieser Explosionen wirkt als Regulativ der aneignenden und ausscheidenden Prozesse, so entsteht ein organisches Wesen. Dies ist also die Folge von jenen älteren Arten von Wesen: solchen regelmäßig Explodirenden und solchen Wachsthums-Prozessen.

7 [82]

Der Klagende will sich nicht eingestehen, wie nützlich ihm der Schmerz war. Darin zeigt sich sein Rachetrieb: er will mit Worten dem wehethun und an dem seine Macht auslassen, was ihn verwundete.

7 [83]

Wie viel mehr wir im Wohlgefühle leben, verräth sich darin daß der Schmerz so viel stärker empfunden wird als die einzelne Lust.

7 [84]

Wahrheit und Muth nur bei Freien. (Wahrheit eine Art von Muth)

Der Übelthäter als ein Unglücklicher: Form der Humanität.

Knechtschaft macht schlecht.

auf die meisten Verletzungen reagirt man nicht, sondern unterwirft sich. (Fehlt bei Dühring!)

7 [85]

vornehm—gut

Eigenschaften von Personen—später auf die Handlungen übertragen.

7 [86]
[Vgl. Wilhelm Roux, Der Kampf der Theile im Organismus. Ein Beitrag zur Vervollständigung der mechanischen Zweckmässigkeitslehre. Leipzig: Engelmann, 1881:73, 76-78, 89.]
 
1)Kampf der Theile um Raum
                           um Nahrung
                  sei es mit oder ohne Reizeinwirkung
2)direkter Kampf mit Zerstörung oder Assimilation des schwächeren.
3)die kräftigeren liefern mehr Nachkommen als die schwächeren

den Vorsprung haben immer die, welche bei leichterer Affinität sich leichter regeneriren und weniger verbrauchen

bessere Fähigkeit, sich zu ernähren und geringerer Verbrauch für die eigenen Bedürfnisse—moralisch zu wenden!—günstige Vorbedingungen des Wachsthums und somit der Alleinherrschaft.

Bei Nahrungsmangel werden die am ersten aussterben und verhungern, die am meisten Nahrung verbrauchen.



Vorsprung bei denen, welche bei der Reizeinwirkung am wenigsten rasch sich verzehren, vielmehr wo die Assimilation der Nahrung und Regeneration dadurch gestärkt werden, ja durch den Reiz bis zur Übercompensation gekräftigt werden.

Moralisch: der Werth des Schmerzes, der Verletzung

Widerstandsfähigkeit gegen Druck giebt Vorrang

7 [87]

Muth, Scham, Zorn haben nichts an sich mit Begriffen zu thun

physiologische Thatsachen, deren Name und seelischer Begriff nur Symbol ist

Was sagt die Sprache aus von den Namen der Affekte ?

ira

Was heißt es: einen Menschen umändern durch Moral? also physiologisch durch häufige Furcht oder hohe Wallungen Ermattung

Die Einwirkungen der Krankheiten auf die Affekte zu studiren.

7 [88]

meine Aufgabe: die guten Triebe so zu stellen, daß sie Hunger bekommen und sich bethätigen müssen.

7 [89]

über das Vorhandensein höchst vollkommener Anpassungs-Mechanismen Roux p. 43 Übergang der Thiere aus dem Wasser [Vgl. Wilhelm Roux, Der Kampf der Theile im Organismus. Leipzig: Engelmann, 1881:43.]

7 [90]

Erst im Manne wird das Familien-Typische völlig sichtbar; am wenigsten bei leicht erregbaren, anregbaren Jünglingen. Es muß erst Stille eingetreten sein und die Zahl der Einwirkungen von außen her kleiner: oder andrerseits die Anregbarkeit bedeutend nachgelassen haben.— So sind altwerdende Völker beredt über ihr Typisches und geben es deutlicher zu erkennen als in ihrer Jugendblüthe. [Vgl. Wilhelm Roux, Der Kampf der Theile im Organismus. Leipzig: Engelmann, 1881:63.]

7 [91]

Der Kampf führt zum Übrigbleiben der Besten.

7 [92]

Wetteifer der Staatsbürger unter einander, immer die Tüchtigsten gelangen zu einem durchgreifenden Einflusse: so besteht der Staat.

Relative Selbständigkeit der Theile selbst in den höchsten Organismen Roux p 65. [Vgl. Wilhelm Roux, Der Kampf der Theile im Organismus. Leipzig: Engelmann, 1881:65.]

7 [93]

Über die thatsächliche vorhandene Ungleichheit Roux. 69. [Vgl. Wilhelm Roux, Der Kampf der Theile im Organismus. Leipzig: Engelmann, 1881:69.]

7 [94]

Wie Zelle neben Zelle physiologisch steht, so Trieb neben Trieb. Das allgemeinste Bild unseres Wesens ist eine Vergesellschaftung von Trieben, mit fortwährender Rivalität und Einzelbündnissen unter einander. Der Intellekt Objekt des Wettbewerbes.

7 [95]

Wenn eine Qualität der Zelle chemisch so beschaffen ist, die Assimilation die Zersetzung übersteigt, also Übercompensation des Verbrauchten, Wachsthum eintritt: so begründet diese wichtige Eigenschaft die Herrschaft über die anderen Q[ualitäten].

Wir kennen keinen Organism, keine Zelle, welche nicht in einem Stadium ihres Lebens diese Kraft hätte: ohne sie könnte sich das Leben nicht ausbreiten. [Vgl. Wilhelm Roux, Der Kampf der Theile im Organismus. Leipzig: Engelmann, 1881:76.]



Der Kampf um Nahrung und Raum findet in der Zelle statt, sobald eine Ungleichheit in den Bestandtheilen ist.

Prozesse, die durch Zufuhr von Reizen in ihrer Lebensfähigkeit erhöht werden, in der Assimilation namentlich: wo also der Reiz eine trophische, die Ernährung hebende Wirkung hat—Grundbedingung bei den Pflanzen, deren Ernährung ganz von Sonnenlicht und Wärme abhängt (auch das elektrische Licht bringt rasche Entfaltung und Fruktifikation. [Vgl. Wilhelm Roux, Der Kampf der Theile im Organismus. Leipzig: Engelmann, 1881:79.]

Also Einfluß der Reize auf die schnellere Assimilation—in der Moral: Vermehrung der Macht da, wo eine Fülle feinster Verletzungen vorkommen und dadurch das Bedürfniß der Aneignung gesteigert wird. (Vielmehr mit fremden ausländischen Vorstellungen—Griechen.)

Die leichter erregbare Substanz nimmt mehr Reiz auf. [Vgl. Wilhelm Roux, Der Kampf der Theile im Organismus. Leipzig: Engelmann, 1881:81.]

7 [96]

Recht—der Wille ein jeweiliges Machtverhältniß zu verewigen. Zufriedenheit damit ist die Voraussetzung. Alles, was ehrwürdig ist, wird hinzugezogen, das Recht als das Ewige erscheinen zu lassen.

7 [97]

Praktische Consequenz. Umänderung der Charactere. Züchtung an Stelle des Moralisirens.

mit direkter Einwirkung auf den Organism zu arbeiten statt mit der indirekten der ethischen Zucht. Eine andere Leiblichkeit schafft sich dann schon eine andere Seele und Sitte. Also Umdrehen!

das plebejische Mißtrauen gegen die Affeckte bei Socrates: sie sind häßlich, wild—also zu unterdrücken—deshalb hat Epicur die Vornehmheit voraus, vor den Stoikern. Diese aber sind populärer verständlich.

Ebenso ist der christliche Heilige ein plebejisches Ideal.

7 [98]
[Vgl. Wilhelm Roux, Der Kampf der Theile im Organismus. Ein Beitrag zur Vervollständigung der mechanischen Zweckmässigkeitslehre. Leipzig: Engelmann, 1881:81, 83f.]

Es entstehen Prozesse, wo der Reiz nothwendig wird, zum Lebensreiz wird: sonst tritt Schwinden und Verfall ein.

Es sind die höchsten Prozesse.

Alles dies geschieht ohne den Kampf der Individuen.

Das Auslesen im Kampf der Individuen wird diejenigen Eigenschaften zur dauernden Erhaltung auswählen, welche sich für das ganze Individuum nützlich erweisen.

Also: es müssen viele Arten Moral entstehen—der Kampf ihrer Träger und der Sieg bringt die Art Moral zu dauernder Erhaltung, welche dem Mächtigsten zum Leben nützlich und unentbehrlich ist.

Unzählige Ansätze zu moralischen Werthschätzungen müssen gemacht worden sein, je nach der Ausbildung einzelner starker Grundgefühle.

Absolute Forderung, daß die beste Moral mit den mächtigsten Individuen verbunden sein muß: wer sind diese?

Alle Staaten und Gemeinden sind etwas Niedrigeres als das Individuum, aber nothwendige Arten seiner Höherbildung.

7 [99]

Die “höhere Vernunft” in der Klage ist, daß der Mensch einen Schmerz immer noch vertieft: daß er nicht zu schnell ihn fahren läßt—um so höhere Kräfte zieht er dann heran, der plastische Bildner seiner selber!

7 [100]

Fein wissen, was uns wehethut und wie leicht ein Anderer uns wehethut, und gleichsam seine Gedanken vorherbestimmen, daß er auf keine uns schmerzhaften Wege geräth: dies ist bei vielen Liebenswürdigen die Hauptsache: sie machen Freude und lassen den Anderen Freude ausströmen—weil sie sehr den Schmerz fürchten. “Zartgefühl” heißt man’s.— Wer eine abweichende härtere Natur hat, hat keine Nöthigung, sich dergestalt in den Anderen zu versetzen und thut ihm öfter wehe; er setzt diese leichte Schmerzfähigkeit nicht voraus.

From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel