From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel
 
English Translation
Concordance between
The Will to Power
and KSA
Home

COPYRIGHT NOTICE: The content of this website, including text and images, is the property of The Nietzsche Channel. Reproduction in any form is strictly prohibited. © The Nietzsche Channel.

August-September 1885 40 [1-70]

40 [1]

Müde, Leidende, Geängstigte meinen Frieden, meinen Unbewegtheit, Ruhe, etwas dem tiefen Schlafe Ähnliches, wenn sie an das höchste Glück denken. Davon ist viel in die Philosophie gekommen. Ebenso hat die Angst vor dem Ungewissen, Vieldeutigen, Verwandlungsfähigen seinen Gegensatz, das Einfache, Sich-Gleich-bleibende, Berechenbare, Gewisse zu Ehren gebracht.— Eine andere Art Wesen würde die umgekehrten Zustände zu Ehren bringen. Aber als ich vor zehn Jahren — — —

40 [2]

Der Wille zur Macht.
Versuch einer neuen Auslegung alles Geschehens.

(Vorrede über die drohende “Sinnlosigkeit.” Problem des Pessimismus.)

Logik.
Physik.
Moral.
Kunst.
Politik.

40 [3]

Für wen diese Auslegung wichtig ist. Neue “Philosophen.” Es mag hier und dort einen Solchen geben, der in ähnlicher Weise seine Unabhängigkeit liebt,—aber wir drängen uns nicht zu einander, wir “sehnen” uns nicht nach einander.

40 [4]

Wir sind die Erben der unvollkommenen schlechten Art, der längsten Art zu beobachten und zu schließen. Unsere gründlichsten und einverleibtesten Begriffe werden wohl am falschesten sein: soweit mit ihnen nämlich sich leben ließ! Aber man kann umgekehrt fragen: würde Leben überhaupt möglich sein mit einer feineren Beobachtung und strengerem vorsichtigerem Schlußverfahren? Auch heute noch ist der praktische Theil unseres Lebens im gröbsten Sinne versuchsweise, auf gut Glück hin: man sehe nur zu, was die meisten Menschen von der Ernährung wissen! Daß die Zweckmäßigkeit der Mittel in der gesammten Geschichte der Organismen zugenommen habe (wie Spencer meint) ist ein englisch-oberflächliches Urtheil; im Verhältniß zur Complicirtheit unsrer Zwecke ist die Dummheit der Mittel wahrscheinlich sich gleich geblieben.

40 [5]

Die Zunahme der Verstellung in der Rangordnung der Wesen (in der anorganischen Macht gegen Macht ganz roh, in der organischen Welt List usw.) die höchsten Menschen wie Caesar Napoleon (Stendhals Wort über ihn) ebenso die höheren Rassen (Italiäner usw.) Sollte man es nicht für möglich halten, daß die tausendfältigste Verschlagenheit mit in das Wesen höherer Geschöpfe gehöre? Natürlich würde der Sinn der Wahrheit (zu sehen, was ist) auch zunehmen müssen, als Mittel, um scheinen zu können. Der Schauspieler. Dionysos.

40 [6]

Wie arm sind die Philosophen bisher, wo ihnen nicht die Sprache, mindestens die Grammatik, im Ganzen das, was “Volk” in ihnen ist, soufflirt! In den Worten stecken Wahrheiten, mindestens Ahnungen der Wahrheit: das glauben sie alle steif und fest: daher die Zähigkeit, mit der sie sich an “Subjekt” “Leib” “Seele” “Geist” klammern. Welches Unheil liegt allein in jenem mumisirten Irrthum, den das Wort “Abstraktion” birgt! Als ob durch Weglassen und nicht vielmehr durch Unterstreichen, Hervorheben, Verstärken das entstünde, was man damit bezeichnet! So wie jedes Bild, jede Gestalt in uns entsteht und möglich wird, durch Vergröberung!

40 [7]

Wie der Entstehung der Arithmetik eine lange Übung und Vorschulung im Gleichsehen, Gleichnehmen-wollen, im Ansetzen identischer Fälle und im “Zählen” vorausgegangen sein muß, So insgleichen auch dem logischen Schließen. Das Urtheil ist ursprünglich noch mehr als der Glaube “das und das ist wahr,” sondern “gerade so und so will ich, daß es wahr ist!” Der Trieb der Assimilation, jene organische Grundfunktion, auf der alles Wachsthum beruht, paßt sich, was es aus der Nähe sich aneignet, auch innerlich an: der Wille zur Macht fungirt in diesem Einbegreifen des Neuen unter den Formen des Alten, Schon-Erlebten, im Gedächtniß noch-Lebendigen: und wir heißen es dann—“Begreifen”!

40 [8]

[Vgl. William Henry Rolph, Biologische Probleme: zugleich als Versuch zur Entwicklung einer rationellen Ethik. Leipzig: Engelmann, 1884:122-29.]

Der Begriff “Individuum” “Person” enthält eine große Erleichterung für das naturalistische Denken: welches vor Allem sich beim Ein-mal-eins wohl fühlt. Thatsächlich stecken dort Vorurtheile: wir haben leider keine Worte, um das wirklich Vorhandene, nämlich die Intensitäts-grade auf dem Wege zum Individuum, zur “Person” zu bezeichnen. Zwei wird aus Eins, Eins aus Zwei: das sieht man mit Augen bei der Zeugung und Vermehrung der niedrigsten Organismen; der Mathematik wird beständig im wirklichen Geschehen widersprochen, widerlebt, wenn der Ausdruck erlaubt ist. Ich habe einmal den Ausdruck “viele sterbliche Seelen” gebraucht: ebenso wie Jeder das Zeug zu vielen personae hat.

40 [9]

Es giebt schematische Köpfe, solche, welche einen Gedankencomplex dann für wahrer halten, wenn er sich in vorher entworfene Schemata oder Kategorien-Tafeln einzeichnen läßt. Der Selbst-Täuschungen auf diesem Gebiete giebt es unzählige: fast alle großen “Systeme” gehören hierhin. Das Grundvorurtheil ist aber: daß die Ordnung, Übersichtlichkeit, das Systematische dem wahren Sein der Dinge anhaften müsse, umgekehrt die Unordnung, das Chaotische, Unberechenbare nur in einer falschen oder unvollständig erkannten Welt zum Vorscheine komme—kurz ein Irrthum sei—: —was ein moralisches Vorurtheil ist, entnommen aus der Thatsache, daß der wahrhaftige zutrauenswürdige Mensch ein Mann der Ordnung, der Maximen, und im Ganzen etwas Berechenbares und Pedantisches zu sein pflegt. Nun ist es aber ganz unbeweisbar, daß das Ansich der Dinge nach diesem Recepte eines Muster-Beamten sich verhält.

40 [10]

— Descartes ist mir nicht radikal genug. Bei seinem Verlangen, Sicheres zu haben und “ich will nicht betrogen werden” thut es Noth [zu] fragen “warum nicht?” Kurz, moralische Vorurtheile (oder Nützlichkeits-Gründe) zu Gunsten der Gewißheit gegen Schein und Ungewißheit. Darauf sehe ich die Philosophen an, von der Vedanta-Philosophie bis jetzt: warum dieser Haß auf das Unwahre, Böse, Schmerzhafte usw.?— Zur Vorrede. Erst die moral[ischen] Werthschätzungen erledigt!

— Zum “kategorischen Imperativ” gehört ein Imperator!

40 [11]

— Die Kinder der Unschuld, welche an “Subjekt” Prädikat und Objekt glauben, die Grammatik-Gläubigen, welche noch von unserem Apfel der Erkenntniß nicht gehört haben!

40 [12]

Teichmüller p. 25 “ist es ein Schluß, wenn wir die sogenannten Dinge für seiend erklären, so müssen wir also schon vorher wissen, welche Natur (terminus medius) das Seiende (terminus major) habe, um diesen Begriff den Dingen zusprechen oder absprechen zu können” Dagegen sage ich: “zu wissen meinen.” [Vgl. Gustav Teichmüller, Die wirkliche und die scheinbare Welt. Neue Grundlegung der Metaphysik. Breslau: Koebner, 1882:25.]

“Logische Gesetze” bei Spir I p. 76 definirt als “allgemeine Principien von Affirmationen über Gegenstände d. h. eine innere Nothwendigkeit, etwas von Gegenständen zu glauben.” [Vgl. Afrikan Spir, Denken und Wirklichkeit. Versuch einer Erneuerung der kritischen Philosophie. Bd. 1. Das Unbedingte. Bd. 2. Die Welt der Erfahrung. Leipzig: Findel, 1877:76.]

Meine Grundvorstellungen: “das Unbedingte” ist eine regulative Fiction, der keine Existenz zugeschrieben werden darf, die Existenz gehört nicht zu den nothwendigen Eigenschaften des Unbedingten. Ebenso “das Sein,” die “Substanz”—alles Dinge, die nicht aus der Erfahrung geschöpft sein sollten, aber thatsächlich durch eine irrthümliche Auslegung der Erfahrung aus ihr gewonnen sind.

Schlußcapitel ì
ï
í
ï
î
Die bisherigen Auslegungen hatten alle einen gewissen Sinn für das Leben—erhaltend, erträglich machend, oder entfremdend, verfeinernd, auch wohl das Kranke separirend und zum Absterben bringend
meine neue Auslegung giebt den zukünftigen Philosophen als Herrn der Erde die nöthige Unbefangenheit.

1. Nicht sowohl “widerlegt,” als unverträglich mit dem, was wir jetzt vornehmlich für “wahr” halten und glauben: insofern ist die religiöse und moralische Auslegung uns unmöglich.

40 [13]

Die Logik ist geknüpft an die Bedingung: gesetzt, es giebt identische Fälle. Thatsächlich, damit logisch gedacht und geschlossen werde, muß diese Bedingung erst als erfüllt fingirt werden. Das heißt: der Wille zur logischen Wahrheit kann erst sich vollziehen, nachdem eine grundsätzliche Fälschung alles Geschehens vorgenommen ist. Woraus sich ergiebt, daß hier ein Trieb waltet, der beider Mittel fähig ist, zuerst der Fälschung und dann der Durchführung Eines Gesichtspunktes: die Logik stammt nicht aus dem Willen zur Wahrheit.

40 [14]

Man könnte sagen, die Complicirtheit der Wege (z. B. einer Pflanze, um zur Befruchtung zu kommen) sei ein Argument gegen die Absichtlichkeit: denn hier werde ein raffinirter Geist gedacht, der zu große Umwege wähle, in Hinsicht auf den Weg klug, auf die Wahl gerade dieses Weges dumm—also eine widerspruchsvolle Art Geist. Aber gegen diese Auffassung würde ich auf unsre menschliche Erfahrung verweisen: wir müssen dies Zufällige und Störende ausnützen und mit in jeden unsrer Entwürfe aufnehmen, so daß Alles, was wir durchführen, den ganz gleichen Charakter trägt, eines Geistes, der seinen Plan trotz vieler Hemmnisse durchführt, also mit vielen krummen Linien. Denken wir uns den Fall ins Ungeheure übersetzt: so wäre die scheinbare Dummheit des Weltenganges, der Charakter von Verschwendung, von nutzlosen Opfern vielleicht nur eine Betrachtung aus der Ecke, eine perspektivische Betrachtung für kleine Wesen, wie wir sind. In Anbetracht daß wir die Zwecke nicht kennen, ist es kindlich, die Mittel nach Seite ihrer Vernünftigkeit zu kritisiren. Gewiß ist es, daß sie nicht gerade “human” sind.

40 [15]

Das Urtheil, das ist der Glaube: “dies und dies ist so.” Also steckt im Urtheil das Geständniß, einem identischen Fall begegnet zu sein: es setzt also Vergleichung voraus, mit Hülfe des Gedächtnisses. Das Urtheil schafft es nicht, daß ein identischer Fall da zu sein scheint. Vielmehr es glaubt einen solchen wahrzunehmen; es arbeitet unter der Voraussetzung, daß es überhaupt identische Fälle giebt. Wie heißt nun jene Funktion, die viel älter, früher arbeitend sein muß, welche an sich ungleiche Fälle ausgleicht und anähnlicht? Wie heißt jene zweite, welche, auf Grund dieser ersten usw. “Was gleiche Empfindungen erregt, ist gleich”: wie aber heißt das, was Empfindungen gleich macht, als gleich “nimmt”?— Es könnte gar keine Urtheile geben, wenn nicht erst innerhalb der Empfindungen eine Art Ausgleichung geübt wäre: Gedächtniß ist nur möglich mit einem beständigen Unterstreichen des schon Gewohnten, Erlebten— —Bevor geurtheilt wird, muß der Prozeß der Assimilation schon gethan sein: also liegt auch hier eine intellektuelle Thätigkeit [vor], die nicht in’s Bewußtsein fällt, wie beim Schmerz infolge einer Verwundung. Wahrscheinlich entspricht allen organischen Funktionen ein inneres Geschehen, also ein Assimiliren, Ausscheiden, Wachsen usw.

Wesentlich, vom Leibe ausgehen und ihn als Leitfaden zu benutzen. Er ist das viel reichere Phänomen, welches deutlichere Beobachtung zuläßt. Der Glaube an den Leib ist besser festgestellt als der Glaube an den Geist.

“Eine Sache mag noch so stark geglaubt werden: darin liegt kein Kriterium der Wahrheit.” Aber was ist Wahrheit? Vielleicht eine Art Glaube, welche zur Lebensbedingung geworden ist? Dann freilich wäre die Stärke ein Kriterium. Z. B. in Betreff der Causalität.

40 [16]

Was thut denn im Grunde die ganze neuere Philosophie? sie macht, versteckt oder offen, ein Attentat auf den alten Seelenbegriff—das heißt auf die Grundlage des Christenthums, auf das “Ich”: sie ist antichristlich im feinsten Sinne. Ehemals glaubte man unbedingt an die Grammatik: man sagte: “Ich” ist Bedingung, “denke” ist Prädikat. Man versuchte, mit einer bewunderungswürdigen Zähigkeit, ob man nicht aus diesem Netze heraus könne—ob nicht vielleicht das Umgekehrte wahr sei: “Denken” Bedingung—und “Ich” bedingt, als eine Synthese, welche das Denken vornimmt. Kant wollte im Grunde beweisen, daß vom Subjekt aus das Subjekt nicht bewiesen werden könne, das Objekt auch nicht. Die Möglichkeit einer Schein-existenz des “Subjekts” dämmert: ein Gedanke, welcher, wie in der Vedanta-Philosophie, schon einmal auf Erden dagewesen ist. Will man einen neuen wenngleich sehr vorläufigen Ausdruck dafür, so lese man [die Geburt der Tragödie] [Vgl. Paul Heinrich Widemann, Erkennen und Sein: Lösung des Problems des Idealen und Realen, zugleich eine Erörterung des richtigen Ausgangspunktes und der Principien der Philosophie. Karlsruhe; Leipzig: Reuther, 1885:5.]

40 [17]

Die Vergröberung als Grundmittel, um Wiederkehr, identische Fälle erscheinen zu lassen; bevor also “gedacht” wurde, muß schon gedichtet worden sein, der formende Sinn ist ursprünglicher als der “denkende.”

40 [18]

Zur Moral. Wir benehmen uns der Rangordnung gemäß, zu der wir gehören: ob wir es schon nicht wissen, noch weniger Andern demonstriren können. Ein Imperativ “benimm dich der Rangordnung gemäß, zu der du gehörst” ist unsinnig: weil wir 1) uns 2) jene Ordnung kennen müßten, was Beides nicht der Fall ist—und 3) weil es überflüssig ist, etwas zu befehlen, das ohnedies geschieht. Rangordnung: nicht nur zu unseren Nächsten, sondern, unter Umständen, zur Nachwelt, ebenso zu den Bewohnern anderer Sterne; denn wir wissen nicht, ob jemand da ist, der uns mit ihnen vergleicht.— Alles Imperativische in der Moral wendet sich an die Vielheit der Masken, die wir in uns tragen, und will, daß wir dies hervorkehren und jenes nicht, also unsern Anschein verändern. “Besserung” ist: etwas sichtbar werden lassen von dem, was den guten Menschen gefällt—nicht mehr!

40 [19]

Und was Nachkommenschaft betrifft: so muß man sich klüglich und zur Zeit entscheiden: aut libri aut liberi.

40 [20]

Abgesehn von den Gouvernanten, welche auch heute noch an die Grammatik als veritas aeterna und folglich als Subjekt Prädikat und Objekt glauben, ist Niemand heute mehr so unschuldig, noch in der Art des Descartes das Subjekt “ich” als Bedingung von “denke” zu setzen; vielmehr ist durch die skeptische Bewegung der neueren Philosophie die Umkehrung, nämlich das Denken als Ursache und Bedingung sowohl von “Subjekt” wie von “Objekt,” wie von “Substanz” wie von “Materie” anzunehmen—uns glaubwürdiger geworden: was vielleicht nur die umgekehrte Art des Irrthums ist. [Vgl. Eugen Dühring, Der Werth des Lebens: eine philosophische Betrachtung. Breslau: Trewendt, 1865:170-71. Paul Heinrich Widemann, Erkennen und Sein: Lösung des Problems des Idealen und Realen, zugleich eine Erörterung des richtigen Ausgangspunktes und der Principien der Philosophie. Karlsruhe; Leipzig: Reuther, 1885:5.] So viel ist gewiß:—wir haben die “Seele” fahren lassen und folglich auch die “Weltseele,” die “Dinge an sich” so gut wie einen Welt-Anfang, eine “erste Ursache.” Das Denken ist uns kein Mittel zu “erkennen,” sondern das Geschehen zu bezeichnen, zu ordnen, für unsern Gebrauch handlich zu machen: so denken wir heute über das Denken: morgen vielleicht anders. Wir begreifen nicht recht mehr, wie “Begreifen” nöthig sein sollte, noch weniger, wie es entstanden sein sollte: und ob wir [schon] fortwährend in die Noth kommen, mit der Sprache und den Gewohnheiten des Volks-Verstandes uns behelfen zu müssen, so spricht der Anschein des beständigen Sich-widersprechens noch nicht gegen die Berechtigung unsres Zweifels. Auch in Betreff der “unmittelbaren Gewißheit” sind wir nicht mehr so leicht zu befriedigen: wir finden “Realität” und “Schein” noch nicht im Gegensatz, wir würden vielmehr von Graden des Seins—und vielleicht noch lieber von Graden des Scheins—reden und jene “unmittelbare Gewißheit” z. B. darüber, daß wir denken und daß folglich Denken Realität hat, immer noch mit dem Zweifel durchsäuern, welchen Grad dieses Sein hat; ob wir vielleicht als “Gedanken Gottes” zwar wirklich, aber flüchtig und scheinbar wie Regenbogen sind. Gesetzt, es gäbe im Wesen der Dinge etwas Täuschendes Närrisches und Betrügerisches, so würde der allerbeste Wille de omnibus dubitare, nach Art des Cartesius, uns nicht vor den Fallstricken dieses Wesens hüten; und gerade jenes Cartesische Mittel könnte ein Hauptkunstgriff sein, uns gründlich zu foppen und für Narren zu halten. Schon insofern wir doch, nach der Meinung des Cartesius, wirklich Realität hätten, müßten wir ja als Realität an jenem betrügerischen täuschenden Grunde der Dinge und seinem Grund-Willen irgendwie Antheil haben:—genug, “ich will nicht betrogen werden” könnte das Mittel eines tieferen feineren gründlicheren Willens sein, der gerade das Umgekehrte wollte; nämlich sich selber betrügen.

In summa: es ist zu bezweifeln, daß “das Subjekt” sich selber beweisen kann—dazu müßte es eben außerhalb einen festen Punkt haben und der fehlt!

40 [21]

Ausgangspunkt vom Leibe und der Physiologie: warum?— Wir gewinnen die richtige Vorstellung von der Art unsrer Subjekt-Einheit, nämlich als Regenten an der Spitze eines Gemeinwesens, nicht als “Seelen” oder “Lebenskräfte,” insgleichen von der Abhängigkeit dieser Regenten von den Regierten und den Bedingungen der Rangordnung und Arbeitstheilung als Ermöglichung zugleich der Einzelnen und des Ganzen. Ebenso wie fortwährend die lebendigen Einheiten entstehen und sterben und wie zum “Subjekt” nicht Ewigkeit gehört; eben daß der Kampf auch in Gehorchen und Befehlen sich ausdrückt und ein fließendes Machtgrenzen-bestimmen zum Leben gehört. Die gewisse Unwissenheit, in der der Regent gehalten wird über die einzelnen Verrichtungen und selbst Störungen des Gemeinwesens, gehört mit zu den Bedingungen, unter denen regirt werden kann. Kurz, wir gewinnen eine Schätzung auch für das Nichtwissen, das Im-Großen-und-Groben-Sehen, das Vereinfachen und Fälschen, das Perspectivische. Das Wichtigste ist aber: daß wir den Beherrscher und seine Unterthanen als gleicher Art verstehn, alle fühlend, wollend, denkend—und daß wir überall, wo wir Bewegung im Leibe sehen oder errathen, wie auf ein zugehöriges subjektives unsichtbares Leben hinzuschließen lernen. Bewegung ist eine Symbolik für das Auge; sie deutet hin, daß etwas gefühlt, gewollt, gedacht worden ist.— Das direkte Befragen des Subjekts über das Subjekt, und alle Selbst-Bespiegelung des Geistes hat darin seine Gefahren, daß es für seine Thätigkeit nützlich und wichtig sein könnte, sich falsch zu interpretiren. Deshalb fragen wir den Leib und lehnen das Zeugniß der verschärften Sinne ab: wenn man will, wir sehen zu, ob nicht die Untergebenen selber mit uns in Verkehr treten können.

40 [22]

NB. “Es wird gedacht: folglich giebt es Denkendes”—darauf läuft die Argumentation des Cartesius hinaus—aber die Realität eines Gedankens ist es nicht, die Cartesius wollte. Er wollte über “Einbildung” hinweg zu einer Substanz, welche denkt und sich einbildet.

40 [23]

Seien wir vorsichtiger als Cartesius, welcher in dem Fallstrick der Worte hängen blieb. Cogito ist freilich nur Ein Wort: aber es bedeutet etwas Vielfaches: manches ist vielfach und wir greifen derb darauf los, im guten Glauben, daß es Eins sei. In jenem berühmten cogito steckt 1) es denkt 2) und ich glaube, daß ich es bin, der da denkt, 3) aber auch angenommen, daß dieser zweite Punkt in der Schwebe bliebe, als Sache des Glaubens, so enthält auch jenes erste “es denkt” noch einen Glauben: nämlich, daß “denken” eine Thätigkeit sei, zu der ein Subjekt, zum mindesten ein “es” gedacht werden müsse—und weiter bedeutet das ergo sum nichts! Aber das ist der Glaube an die Grammatik, da werden schon “Dinge” und deren “Thätigkeiten” gesetzt, und wir sind fern von der unmittelbaren Gewißheit. Lassen wir also auch jenes problematische “es” weg und sagen wir cogitatur als Thatbestand ohne eingemischte Glaubensartikel: so täuschen wir uns noch einmal, denn auch die passivische Form enthält Glaubenssätze und nicht nur “Thatbestände”: in summa, gerade der Thatbestand läßt sich nicht nackt hinstellen, das “Glauben” und “Meinen” steckt in cogito des cogitat und cogitatur: wer verbürgt uns, daß wir mit ergo nicht etwas von diesem Glauben und Meinen herausziehn und daß übrig bleibt: es wird etwas geglaubt, folglich wird etwas geglaubt—eine falsche Schlußform! Zuletzt müßte man immer schon wissen, was “sein” ist, um ein sum aus dem cogito herauszuziehn, man müßte ebenso schon wissen, was wissen ist: man geht vom Glauben an die Logik—an das ergo vor Allem!—aus, und nicht nur von der Hinstellung eines factums!— Ist “Gewißheit” möglich im Wissen? ist unmittelbare Gewißheit nicht vielleicht eine contradictio in adjecto? Was ist Erkennen im Verhältniß zum Sein? Für den, welcher auf alle diese Fragen schon fertige Glaubenssätze mitbringt, hat aber die Cartesianische Vorsicht gar keinen Sinn mehr: sie kommt viel zu spät. Vor der Frage nach dem “Sein” müßte die Frage vom Werth der Logik entschieden sein.

40 [24]

Man soll die Naivetät des C[artesius] nicht verschönern und zurechtrücken, wie es z. B. Spir thut.

“Das Bewußtsein ist sich selber unmittelbar gewiß: das Dasein des Denkens kann nicht geleugnet, noch bezweifelt werden, denn diese Leugnung oder dieser Zweifel sind eben selbst Zustände des Denkens oder des Bewußtseins, ihr eigenes Vorhandensein beweist also das, was sie in Abrede stellen, es benimmt ihnen folglich jede Bedeutung.” Spir 1, 26. [Vgl. Afrikan Spir, Denken und Wirklichkeit. Versuch einer Erneuerung der kritischen Philosophie. Bd. 1. Das Unbedingte. Bd. 2. Die Welt der Erfahrung. Leipzig: Findel, 1877:26.] “Es wird gedacht,” ergo giebt es etwas, nämlich “Denken.” War das der Sinn des Cartesius? Teichmüller p. 5 und 40 stehen Stellen. [Vgl. Gustav Teichmüller, Die wirkliche und die scheinbare Welt. Neue Grundlegung der Metaphysik. Breslau: Koebner, 1882:5, 40.] “Etwas, das sich selber unmittelbar gewiß ist” ist Unsinn. Gesetzt z. B., Gott dächte durch uns, und unsere Gedanken, sofern wir uns als Ursache fühlten, wären ein Schein, so wäre das Dasein der Gedanken nicht geleugnet oder bezweifelt, wohl aber das ergo sum. Sonst hätte er sagen müssen: ergo est.— Es giebt keine unmittelbaren Gewißheiten: cogito, ergo sum setzt voraus, daß man weiß, was “denken” ist und zweitens was “sein” ist: es wäre also, wenn das est (sum) wahr wäre, eine Gewißheit auf Grund zweier richtiger Urtheile, hinzugerechnet die Gewißheit, daß man ein Recht überhaupt zum Schlusse, zum ergo hat—also jedenfalls keine unmittelbare G[ewißheit]. Nämlich: in cogito steckt nicht nur irgend ein Vorgang, welcher einfach anerkannt wird—dies ist Unsinn!—, sondern ein Urtheil, daß es der und der Vorgang ist, und wer z. B. nicht zwischen denken fühlen und wollen zu unterscheiden wüßte, könnte den Vorgang gar nicht constatiren. Und in sum oder est steckt immer noch eine solche begriffliche Ungenauigkeit, daß noch nicht einmal damit fit oder “es wird” abgelehnt ist. “Es geschieht da etwas,” könnte an Stelle von “da giebt es etwas, da existirt etwas, da ist etwas” gesetzt werden.

40 [25]

Der Glaube an die unmittelbare Gewißheit des Denkens ist ein Glaube mehr, und keine Gewißheit! Wir Neueren sind Alle Gegner des Descartes und wehren uns gegen seine dogmatische Leichtfertigkeit im Zweifel. “Es muß besser gezweifelt werden als Descartes!” Wir finden das Umgekehrte, die Gegenbewegung gegen die absolute Autorität der Göttin “Vernunft” überall, wo es tiefere Menschen giebt. Fanatische Logiker brachten es zu Wege, daß die Welt eine Täuschung ist; und daß nur im Denken der Weg zum “Sein,” zum “Unbedingten” gegeben sei. Dagegen habe ich Vergnügen an der Welt, wenn sie Täuschung sein sollte; und über den Verstand der Verständigsten hat man sich immer unter vollständigeren M[enschen] lustig gemacht.

40 [26]

Scheinbar entgegengesetzt die 2 Züge, welche die modernen Europäer kennzeichnen: das Invidualistische und die Forderung gleicher Rechte: das verstehe ich endlich. Nämlich, das Individuum ist eine äußerst verwundbare Eitelkeit:—diese fordert, bei ihrem Bewußtsein, wie schnell sie leidet, daß jeder Andere ihm gleichgestellt gilt, daß er nur inter pares ist. Damit ist eine gesellschaftliche Rasse charakterisirt, in welcher thatsächlich die Begabungen und Kräfte nicht erheblich auseinandergehn. Der Stolz, welcher Einsamkeit und wenige Schätzer will, ist ganz außer Verständniß; die ganz “großen” Erfolge giebt es nur durch Massen, ja man begreift es kaum noch, daß ein Massen-Erfolg immer eigentlich ein kleiner Erfolg ist: weil pulchrum est paucorum hominum.— Alle Moralen wissen nichts von “Rangordnung” der Menschen; die Rechtslehrer nichts vom Gemeinde-Gewissen. Das Individual-Princip lehnt die ganz großen Menschen ab und verlangt, unter ungefähr Gleichen, das feinste Auge und die schnellste Herauserkennung eines Talentes; und weil Jeder etwas von Talenten hat, in solchen späten und civilisirten Culturen, also erwarten kann, sein Theil Ehre zurückzubekommen, deshalb findet heute ein Herausstreichen der kleinen Verdienste statt wie niemals noch:—es giebt dem Zeitalter einen Anstrich von grenzenloser Billigkeit. Seine Unbilligkeit besteht in einer Wuth ohne Grenzen nicht gegen die Tyrannen und Volksschmeichler, auch in den Künsten, sondern gegen die vornehmen M[enschen] welche das Los der Vielen verachten. Die Forderung gleicher Rechte (z. B. über Alles und Jeden zu Gericht sitzen zu dürfen) ist anti-aristokratisch. Ebenso fremd ist ihm das verschwundene Individuum, das Untertauchen in einen großen Typus, das Nicht-Person-sein-wollen: worin die Auszeichnung und der Eifer vieler hohen Menschen früher bestand (die größten Dichter darunter); oder “Stadt-sein” wie in Griechenland; Jesuitismus, preußisches Offizier-Corps und Beamtenthum; oder Schüler sein und Fortsetzer großer Meister: wozu ungesellschaftliche Zustände und der Mangel der kleinen Eitelkeit nöthig ist

40 [27]

So wie Mathematik und Mechanik lange Zeiten als Wissenschaften mit absoluter Gültigkeit betrachtet wurden und erst jetzt sich der Verdacht zu entschleiern wagt, daß sie nichts mehr und nichts weniger sind als angewandte Logik auf die bestimmte und beweisliche Annahme hin, daß es “identische Fälle” giebt—Logik selber aber eine consequente Zeichenschrift auf Grund der durchgeführten Voraussetzung (daß es identische Fälle giebt)—: so galt ehemals auch das Wort schon als Erkenntniß eines Dings, und noch jetzt sind die grammatischen Funktionen die bestgeglaubten Dinge, vor denen man sich nicht genug hüten kann. Es ist möglich, daß dieselbe Art Mensch, die später Vedanta-Philosophien ausdachte, Jahrtausende früher vielleicht auf der Grundlage unvollkom[mener] Sprachen sich eine philosophische Sprache ausdachte, nicht, wie sie meinten, als Zeichenschrift, sondern als Erkenntniß der Welt selber: aber welches “das ist” bisher auch aufgestellt wurde, eine spätere und feinere Zeit hat immer wieder daran aufgedeckt, daß es nicht mehr ist als “das bedeutet.” Noch jetzt ist die eigentliche Kritik der Begriffe oder (wie ich es einst bezeichnete) eine wirkliche “Entstehungsgeschichte des Denkens” von den meisten Philos[ophen] nicht einmal geahnt. Man sollte die Werthschätzungen aufdecken und neu abschätzen, welche um die Logik herum liegen: z. B. “das Gewisse ist mehr werth als das Ungewisse” “das Denken ist unsre höchste Funktion”; ebenso den Optimismus im Logischen, das Siegesbewußtsein in jedem Schlusse, das Imperativische im Urtheil, die Unschuld im Glauben an die Begreifbarkeit im Begriff.

40 [28]

Es muß gedacht worden sein, lange bevor es Augen gab: die “Linien und Gestalten” sind also nicht anfänglich gegeben, sondern auf Tastgefühle hin ist am längsten gedacht worden: dies aber, nicht unterstützt durch das Auge, lehrt Grade des Druckgefühls, noch nicht Gestalten. Vor der Einübung also, die Welt als bewegte Gestalten zu verstehen, liegt die Zeit, wo sie als veränderliche und verschiedengradige Druck-Empfindung “begriffen” wurde. Daß in Bildern, daß in Tönen gedacht werden kann, ist kein Zweifel: aber auch in Druckgefühlen. Die Vergleichung in Bezug auf Stärke und Richtung und Nacheinander, die Erinnerung usw.

40 [29]

In Betreff des Gedächtnisses muß man umlernen: hier steckt die Hauptverführung eine “Seele” anzunehmen, welche zeitlos reproduzirt, wiedererkennt usw. Aber das Erlebte lebt fort “im Gedächtniß”; daß es “kommt,” dafür kann ich nichts, der Wille ist dafür unthätig, wie beim Kommen jedes Gedankens. Es geschieht etwas, dessen ich mir bewußt werde: jetzt kommt etwas Ähnliches—wer ruft es? weckt es?

40 [30]

Die große Gefahr steckt in der Annahme, daß es unmittelbares Erkennen gäbe (also “Erkennen” im strengen Sinn überhaupt!) Teichm[üller] p. 35 — [Vgl. Gustav Teichmüller, Die wirkliche und die scheinbare Welt. Neue Grundlegung der Metaphysik. Breslau: Koebner, 1882:35.]

40 [31]

Das müßte etwas sein, nicht Subjekt, nicht Objekt, nicht Kraft, nicht Stoff, nicht Geist, nicht Seele:—aber man wird mir sagen, etwas dergleichen müsse einem Hirngespinnste zum Verwechseln ähnlich sehn? Das glaube ich selber: und schlimm, wenn es das nicht thäte! Freilich: es muß auch allem Andern, was es giebt und geben könnte, und nicht nur dem Hirngespinnste zum Verwechseln ähnlich sehn! Es muß den großen Familienzug haben, an dem sich Alles mit ihm verwandt wiedererkennt — —

40 [32]

Gesetzt, ihr fragt: “Hat denn vor 50 000 Jahren der Baum schon grün ausgesehen?” so würde ich antworten: “vielleicht noch nicht: vielleicht gab es damals erst die zwei Hauptgegensätze der valeurs, dunklere und hellere Massen:—und allmählich haben daraus sich die Farben ausgewickelt.

40 [33]

Vor der Logik, welche überall mit Gleichungen arbeitet, muß das Gleichmachen, das Assimiliren gewaltet haben: und es waltet noch fort, und das logische Denken ist ein fortwährendes Mittel selber für die Assimilation, für das Sehen-wollen identischer Fälle.

40 [34]

Unser “Gedächtniß,” was es immer sei, mag uns als Gleichniß dienen, etwas Wichtigeres damit zu bezeichnen: in der Entwicklung jedes organischen Wesens zeigt sich ein Wunderding von Gedächtniß für seine gesammte Vorgeschichte, soweit organische Wesen eine Vorgeschichte haben,—und zwar ein nachbildendes Gedächtniß, welches die frühesten und längstens einverleibten Formen eher nachbildet als die letzterlebten: somit zurückgreift und nicht schrittweise, wie man vermuthen sollte, mit einem regressus vom Letzten zum Fernst-Erlebten geht, sondern gerade umgekehrt alles Jüngere und Frischer-Eingedrückte zunächst bei Seite läßt. Hier ist eine erstaunliche Willkür da:—auch die “Seele,” welche in allen philosophischen Verlegenheiten gewöhnlich zu Hülfe gerufen wird, vermag hier nicht zu helfen: zum Mindesten nicht die Individuai-seele, sondern ein Seelen-continuum, welches im ganzen Prozesse einer gewissen organischen Reihe waltet. Wiederum: da nicht Alles nachgebildet wird, sondern nur Grundformen, so müßte in jenem Gedächtniß ein subsumirendes Denken, Simplificiren, Reduziren beständig stattfinden: genug, etwas Analoges dem, was wir von unserem Bewußtsein aus als “Logik” bezeichnen.— Und wie weit mag diese Nachbildung des früher Erlebten gehen? Gewiß auch bis zur Nachbildung von Gefühls- und Gedankengängen. Aber was halten wir von den “angeborenen Ideen,” welche Locke in sie zog? Es ist sicherlich viel mehr wahr als nur dies, daß Ideen angeboren werden, vorausgesetzt, daß man den Akt der Geburt nicht bei dem Wort “angeboren” unterstreicht

40 [35]

Die allgemeine Verlogenheit der Menschen über sich, das moralisch-Ausdeuten dessen, was sie thun und wollen, wäre zu verachten, wenn es nicht auch etwas sehr Lustiges wäre: und es bedürfte wirklich der Zuschauer—so interessant ist das Schauspiel! Nicht von Göttern, wie Epicur sie sich dachte! Sondern homerischer Götter: so fern und nahe den Menschen und ihnen zusehend, wie etwa Galiani seinen Katzen und Affen stand:—also ein wenig verwandt den Menschen, aber höherer Art!

40 [36]

Die mathematischen Physiker können die Klümpchen-Atome nicht für ihre Wissenschaft brauchen: folglich construiren sie sich eine Kraft-Punkte-Welt, mit der man rechnen kann. Ganz so, im Groben, haben es die Menschen und alle organischen Geschöpfe gemacht: nämlich so lange die Welt zurecht gelegt, zurecht gedacht, zurecht gedichtet, bis sie dieselbe brauchen konnten, bis man mit ihr “rechnen” konnte. [Vgl. Roger Joseph Boscovich, Philosophiae naturalis theoria redacta ad unicam legem virium in natura existentium. Auctore P. Rogerio Josepho Boscovich, societatis Jesu, publico matheseos professore in collegio romano. Vienna: Bernard, 1759.]

40 [37]

Sollte nicht es genügen, uns als “Kraft” eine Einheit zu denken, in der Wollen Fühlen und Denken noch gemischt und ungeschieden sind? Und die organischen Wesen als Ansätze zur Trennung, so daß die organischen Funktionen sämmtlich noch in jener Einheit beieinander sind, also Selbst-regulirung, Assimilation, Ernährung, Ausscheidung, Stoffwechsel? Zuletzt ist als “real” nichts gegeben als Denken und Empfinden und Triebe: ist es nicht erlaubt zu versuchen, ob dies Gegebene nicht ausreicht, die Welt zu construiren? Ich meine nicht als Schein: sondern als so real wie eben unser Wollen Fühlen Denken ist—aber als primitive Form desselben. Die Frage ist zuletzt: ob wir den Willen wirklich als wirkend anerkennen? Thun wir das, so kann er natürlich nur auf etwas wirken, was seiner Art ist: und nicht auf “Stoffe.” Entweder muß man alle Wirkung als Illusion auffassen (denn wir haben uns die Vorstellung von Ursache und Wirkung nur nach dem Vorbilde unseres Willens als Ursache gebildet!) und dann ist gar nichts begreiflich: oder man muß versuchen, sich alle Wirkungen als gleicher Art, wie Willensakte zu denken, also die Hypothese machen, ob nicht alles mechanische Geschehen, insofern eine Kraft darin ist, eben Willenskraft ist. —

Die “sterblichen Seelen” resp. die Unmöglichkeit, das numerische Verhältniß auf diese Dinge zu übertragen. Gegen das Individuum. Das “Zählen” ist nur eine Vereinfachung, wie alle Begriffe. Nämlich: überall wo etwas rein arithmetisch gedacht werden soll, wird die Qualität weggerechnet. Ebenso in allem Logischen, wo die Identität der Fälle die Voraussetzung ist, also der eigentliche spez[ielle]  Charakter jedes Vorgangs einmal weggedacht ist (das Neue, nicht aus den Bedingungen des Entstehens Zu-Begreifende—r[espektive] Inbegriffene)

40 [38]

Es kommt darauf an, die Einheit richtig zu bezeichnen, in der Denken Wollen und Fühlen und alle Affekte zusammengefaßt sind: ersichtlich ist der Intellekt nur ein Werkzeug, aber in wessen Händen? Sicherlich der Affekte: und diese sind eine Vielheit, hinter der es nicht nöthig ist eine Einheit anzusetzen: es genügt sie als eine Regentschaft zu fassen.— Daß die Organe sich überall herausgebildet haben, was die morphologische Entwicklung zeigt, darf als Gleichniß gewiß auch für das Geistige benutzt werden: so daß etwas “Neues” immer nur durch Ausscheidung einer einzelnen Kraft aus einer synthetischen Kraft zu fassen ist.

Das Denken selber ist eine solche Handlung, welche auseinanderlegt, was eigentlich Eins ist. überall ist die Scheinbarkeit da, daß es zählbare Vielheiten giebt, auch im Denken schon. Es giebt nichts “Addirtes” in der Wirklichkeit, nichts “Dividirtes,” ein Ding halb und halb ist nicht gleich dem Ganzen.

40 [39]

Die Physiker sind jetzt mit allen Metaphysikern darüber einmüthig, daß wir in einer Welt der Täuschung leben: glücklich, daß man nicht mehr nöthig hat, darüber mit einem Gotte abzurechnen, über dessen “Wahrhaftigkeit” man zu seltsamen Gedanken kommen könnte. Das Perspektivische der Welt geht so tief als heute unser “Verständniß” der Welt reicht; und ich würde es wagen, es noch dort anzusetzen, wo der Mensch billigerweise überhaupt vom Verstehen absehn darf—ich meine dort, wo die Metaphysiker das Reich des anscheinend Sich-selbst-Gewissen, Sich-selber-Verständlichen [ansetzen], d. [h.] im Denken. Daß die Zahl eine perspektivische Form ist, so gut als Zeit und Raum, daß wir so wenig “Eine Seele” als “zwei Seelen” in einer Brust beherbergen, daß die “Individuen” sich wie die materiellen “Atome” nicht mehr halten lassen, außer für den Hand- und Hausgebrauch des Denkens, und sich in ein Nichts verflüchtigt haben (oder in eine “Formel”), daß Nichts Lebendiges und Todes zusammenaddirt werden kann, daß beide Begriffe falsch sind, daß es nicht drei Vermögen der Seele giebt, daß “Subjekt” und “Objekt” “Aktivum und Passivum” “Ursache und Wirkung” “Mittel und Zweck” immer nur perspektivische Formen sind, in summa daß die Seele, die Substanz, die Zahl, die Zeit, der Raum, der Grund, der Zweck,—miteinander stehen und fallen. Gesetzt aber nun, daß wir nicht so thöricht sind, die Wahrheit, in diesem Falle das x, höher zu schätzen, als den Schein, gesetzt daß wir entschlossen sind zu leben—so wollen wir mit dieser Scheinbarkeit der Dinge nicht unzufrieden sein und nur daran festhalten, daß Niemand zu irgend welchem Hintergedanken in der Darstellung dieser Perspektivität stehen bleibt:—was in der That fast allen Philosophen bisher begegnet ist, denn sie hatten alle Hintergedanken und liebten ihre “Wahrheiten”—Freilich: wir müssen hier das Problem der Wahrhaftigkeit aufwerfen: gesetzt, wir leben in Folge des Irrthums, was kann denn da der “Wille zur Wahrheit” sein? Sollte er nicht ein “Wille zum Tode” sein müssen?— Wäre das Bestreben der Philosophen und wissenschaftlichen Menschen vielleicht ein Symptom entartenden absterbenden Lebens, eine Art Lebens-Überdruß des Lebens selber? Quaeritur: und man könnte hier wirklich nachdenklich werden.

40 [40]

Scepsis gegen die Sceptiker.— Welches Glück giebt der zarte Flaum den Dingen! Wie leuchtet das ganze Leben von schönen Scheinbarkeiten! Die großen Fälschungen und Ausdeutungen waren es, die uns bisher über das Glück des Thiers emporhoben—ins Menschliche! Und umgekehrt: was hat bisher das Geknarr des logischen Räderwerks, die Selbst-Bespiegelung des Geistes, die Aufdröselung der Instinkte mit sich gebracht? Gesetzt, ihr hättet alles in Formeln aufgelöst und euern Glauben in Grade der Wahrscheinlichkeit: da ihr darnach nicht leben könntet, wie? solltet ihr mit schlechtem Gewissen leben? Und wenn der Mensch erst den Glauben an Güte Gerechtigkeit und Wahrheit im Grunde der Dinge als haarsträubende Fälschung empfindet: wie soll er sich selber fühlen, insofern er doch Theil und Stück dieser Welt [ist]? Als etwas Haarsträubendes, Falsches: — — —

40 [41]

Es giebt keine unmittelbaren Empfindungen Spir 2 p. 56.
 keine unmittelbaren Schmerzgefühle
 keine unmittelbaren Gedanken
[Vgl. Afrikan Spir, Denken und Wirklichkeit. Versuch einer Erneuerung der kritischen Philosophie. Bd. 1. Das Unbedingte. Bd. 2. Die Welt der Erfahrung. Leipzig: Findel, 1877:56.]

Wenn es ein unmittelbares Wissen gäbe, so dürfte man nicht, wie J. St. Mill, von dem “Relativismus des Wissens” reden.

40 [42]

Die Annahme des Einen Subjekts ist vielleicht nicht nothwendig; vielleicht ist es ebensogut erlaubt, eine Vielheit von Subjekten anzunehmen, deren Zusammenspiel und Kampf unserem Denken und überhaupt unserem Bewußtsein zu Grunde liegt? Eine Art Aristokratie von “Zellen,” in denen die Herrschaft ruht? Gewiß von pares, welche mit einander an’s Regieren gewöhnt sind und zu befehlen verstehen?

Meine Hypothesen:

das Subjekt als Vielheit der Schmerz als intellektuell und abhängig vom Urtheil “Schädlich”: projicirt

die Wirkung immer “unbewußt”: die erschlossene und vorgestellte “Ursache” wird projicirt, folgt der Zeit nach.

die Lust ist eine Art des Schmerzes.

die einzige Kraft, die es giebt, ist gleicher Art wie die des Willens: ein Commandiren an andere Subjekte, welche sich daraufhin verändern.

die beständige Vergänglichkeit und Flüchtigkeit des Subjekts, “sterbliche Seele”

die Zahl als perspektivische Form.

40 [43]

Innerhalb einer Heerde, jeder Gemeinde, also inter pares, hat die Überschätzung der Wahrhaftigkeit guten Sinn. Sich nicht betrügen lassen—und folglich, als persönliche Moral, selber nicht betrügen! Eine gegenseitige Verpflichtung unter Gleichen! Nach außen hin verlangt die Gefahr und Vorsicht, daß man auf der Hut vor Betrug sei: als psychologische Vorbedingung dazu auch innen. Mißtrauen als Quelle der Wahrhaftigkeit.

40 [44]

Gesetzt, die Welt wäre falsch, Leben nur auf dem Boden des Wahns, unter dem Schirme des Wahns, an dem Leitfaden des Wahns zu begreifen: was bedeutete dann “der Natur gemäß leben”? Könnte die Vorschrift nicht gerade die sein: “sei ein Betrüger”? Ja sogar, wie wollte man es verhüten zu täuschen? Wir irren uns über uns selber und sind uns unfaßbar: wie viel mehr sind wir es für die “Nächsten”! Aber sie glauben sich nicht getäuscht durch uns—und darauf hin beruht aller Verkehr mit gegenseitigen Rechten und Pflichten.— Daß das Täuschen nicht in meiner Absicht liegt, zugegeben! Aber feiner zugesehn: ich thue auch nichts dazu, meine Nächsten aufzuklären, darüber, daß sie sich über mich täuschen. Ich verhindere nicht ihren Irrthum, ich bekämpfe ihn nicht, ich lasse ihn geschehn—: in so fern bin ich zuletzt doch der Betrügende mit Willen. Genau so verfahre ich aber auch gegen mich selber: die Selbsterkenntniß gehört nicht unter die Gefühle der Verpflichtung; selbst wenn ich mich zu erkennen Suche, so geschieht es aus Gründen der Nützlichkeit oder einer feineren Neugierde,—nicht aber aus dem Willen der Wahrhaftigkeit.— Daß der Wahrhaftige mehr werth sei als der Lügner, im Haushalte der Menschheit, wäre immer noch erst zu erweisen. Die ganz Großen und Mächtigen waren bisher Betrüger: ihre Aufgabe wollte es von ihnen. Vorausgesetzt, daß es sich ergäbe, Leben und Vorwärtskommen sei nur möglich auf einem consequenten und langen Getäuscht-werden: so könnte der consequente Betrüger zu den höchsten Ehren kommen, als Lebensbedinger und Förderer des Lebens. Daß man schädigt, indem man nicht die Wahrheit sagt, ist der Glaube der Naiven, eine Art Frosch-Perspektive der Moral. Wenn das Leben und der Werth des Lebens auf gut geglaubten Irrthümern ruht, so könnte gerade der Wahrheit-Redende, Wahrheit-Wollende der Schädigende sein (als der Aufdröseler der Illusionen).

40 [45]

Der Philosoph der Zukunft.
Gedanken über Zucht und Züchtung.

40 [46]

NB. Unsre ferne einstmalige Bestimmung waltet über uns, auch wenn wir noch kein Auge für sie offen haben; wir erleben lange Zeiten nur Räthsel. Die Wahl von Menschen und Dingen, die Auswahl der Ereignisse, das Wegstoßen des Angenehmsten, oft des Verehrtesten—es erschreckt uns, wie als ob aus uns ein Zufall, eine Willkür hier und da einem Vulkane gleich herausbräche: aber es ist die höhere Vernunft unserer zukünftigen Aufgabe. Vorwärts gesehn mag sich all unser Geschehen nur wie die Einmüthigkeit von Zufall und Unsinn ausnehmen: rückwärts gesehn weiß ich für mein Theil an meinem Leben nichts von Beidem mehr ausfindig zu machen.

40 [47]

Die Herkunft. Was ist vornehm? Die Entstehung des Adels. Die nachahmenden Talente wie Voltaire.

Die große Loslösung.
Die sieben Einsamkeiten.
Der Wille zur Macht.

40 [48]

Von der Rangordnung
Vorspiel einer Philosophie der Zukünftigen.

Erstes Buch:Züchtung und Zucht.
Zweites Buch:die große Loslösung.
Drittes Buch:die sieben Einsamkeiten.
Überwindung der Moral.
Viertes Buch:der Wille zur Macht.

40 [49]

Seien wir mißtrauisch gegen alle anscheinende “Gleichzeitigkeit”! Es schieben sich da Zeit-Bruchstücke ein, welche nur nach einem groben Maaße, z. B. unserem menschlichen Zeitmaaße klein heißen dürfen; in abnormen Zuständen, z. B. als Haschischraucher oder im Augenblick der Lebensgefahr bekommen aber auch wir Menschen einen Begriff davon, daß in einer Sekunde unserer Taschenuhr tausend Gedanken gedacht, tausend Erlebnisse erlebt werden können. Wenn ich das Auge aufmache, steht die sichtbare Welt da, scheinbar sofort: inzwischen aber ist etwas Ungeheures geschehen, ein Vielerlei von Geschehen:—erstens zweitens drittens: doch hier mögen die P[hysiolo]g[en] reden!

40 [50]

Unter dem nicht ungefährlichen Titel “der Wille zur Macht” soll hiermit eine neue Philosophie, oder, deutlicher geredet, der Versuch einer neuen Auslegung alles Geschehens zu Worte kommen: billigerweise nur vorläufig und versucherisch, nur vorbereitend und vorfragend, nur “vorspielend” zu einem Ernste, zu dem es eingeweihter und auserlesener Ohren bedarf, wie es sich übrigens bei allem, was ein Ph[ilosoph] öffentlich sagt, von selber versteht,—mindestens verstehen sollte. Aber heute, Dank dem oberflächlichen und anmaaßlichen Geiste eines Zeitalters, welches an die “Gleichheit aller Rechte” glaubt, ist es dahin gekommen, daß man durchaus nicht mehr — — — Denn jeder Philosoph soll insoweit die Tugend des Erziehers haben, daß er, bevor er zu überzeugen unternimmt, erst verstehen muß zu überreden. Ja der Verführer hat vor allem Beweisen zu untergraben und zu erschüttern, vor allem Befehlen und Vorangehn erst zu versuchen, in wie weit er versteht, auch zu verführen.

40 [51]

Die Begriffe sind etwas Lebendiges, folglich auch etwas bald Wachsendes, bald Schwindendes: auch Begriffe sind eines elenden Todes gestorben. Sie wären im Gleichnisse erst als Zellen zu bezeichnen, mit einem Zellen-Kern und einem Leibe herum, der nicht fest und — — —

40 [52]

Es giebt verhängnißvolle Worte, welche eine Erkenntniß auszudrücken scheinen und in Wahrheit eine Erkenntniß verhindern; zu ihnen gehört das Wort “Erscheinungen.” Welches Wirrsal die “Erscheinungen” ausrichten, mögen diese Sätze verrathen, welche ich verschiedenen neueren Philosophen entlehne.

40 [53]

gegen das Wort “Erscheinungen.”

NB. Schein wie ich es verstehe, ist die wirkliche und einzige Realität der Dinge,—das, dem alle vorhandenen Prädikate erst zukommen und welches verhältnißmäßig am besten noch mit allen, also auch den entgegengesetzten Prädikaten zu bezeichnen ist. Mit dem Worte ist aber nichts weiter ausgedrückt als seine Unzugänglichkeit für die logischen Prozeduren und Distinktionen: also “Schein” im Verhältniß zur “logischen Wahrheit”—welche aber selber nur an einer imaginären Welt möglich ist. Ich setze also nicht “Schein” in Gegensatz zur “Realität” sondern nehme umgekehrt Schein als die Realität, welche sich der Verwandlung in eine imaginative “Wahrheits-Welt” widersetzt. Ein bestimmter Name für diese Realität wäre “der Wille zur Macht,” nämlich von Innen her bezeichnet und nicht von seiner unfaßbaren flüssigen Proteus-Natur aus.

40 [54]

Die Absichtlichkeit der Handlungen ist nichts Entscheidendes in der Moral (gehört in die kurzsichtige individualistische Tendenz). “Zweck” und “Mittel” sind im Verhältniß zur ganzen Art, woraus sie wachsen, nur symptomatisch, an sich vieldeutig und unfaßbar beinahe. Das Thier und die Pflanze zeigen ihren moralischen Charakter, je nach den Lebensbedingungen, in welche sie gestellt sind. Hinter der “Absichtlichkeit” liegt erst das Entscheidende. Man wird nie das Individuum isoliren dürfen: “Hier, muß man sagen, ist ein Gewächs mit einer solchen Vorgeschichte.”

40 [55]

Die Gesetzmäßigkeit der Natur ist eine falsche humanitäre Auslegung. Es handelt sich um eine absolute Feststellung der Machtverhältnisse, um die ganze Brutalität, ohne die Milderung, welche im organischen Leben das Vorausnehmen der Zukunft, die Vorsicht und List und Klugheit, kurz der Geist mit sich bringt. Die absolute Augenblicklichkeit des Willens zur Macht regirt; im Menschen (und schon in der Zelle) ist diese Feststellung ein Prozeß, der bei dem Wachsthum aller Betheiligten sich fortwährend verschiebt—ein Kampf, vorausgesetzt, daß man dies Wort so weit und tief versteht, um auch das Verhältniß des Herrschenden zum Beherrschten noch als ein Ringen, und das Verhältniß des Gehorchenden zum Herrschenden noch als ein Widerstreben zu verstehen.

40 [56]

1. Über vornehme und gemeine Moral.
 {Sittlichkeit: ein Typus des Menschen soll erhalten werden. Vornehme Moral.
Das Menschliche in irgend welchem Maaße soll erhalten werden: gemeine Moral.
   
2. Die Absichtlichkeit der Handlungen.
   
3. Das Böse in den Tugenden.
   
4. Die schlimmen Triebe und ihre Nützlichkeit.

40 [57]

NB! Ist aber etwas Ruhendes wirklich glücklicher als alles Bewegte? Ist das Unveränderliche wirklich und nothwendig werthvoller als ein Ding, das wechselt? Und wenn sich Einer tausend Male widerspricht und viele Wege geht und viele Masken trägt und in sich selber kein Ende und [keine] letzte Horizontlinie findet: ist es wahrscheinlich, daß ein Solcher weniger von der “Wahrheit” erfährt als ein tugendhafter Stoiker, welcher sich ein für alle Mal wie eine Säule und mit der harten Haut einer Säule an seine Stelle gestellt hat? Aber dergleichen Vorurtheile sitzen an der Schwelle zu allen bisherigen Philosophien: und sonderlich das, daß Gewißheit besser sei als Ungewißheit und offene Meere, und daß der Schein es sei, den ein Philosoph als seinen eigentlichen Feind zu bekämpfen habe.

40 [58]

Es liegt Jetzt noch wenig daran, daß man wisse, was ich damals eigentlich von Richard Wagner wollte (obwohl der Leser meiner Geburt der Tragödie darüber nicht im Unklaren sein sollte), ja daß ich, durch ein Verlangen dieser Art, allerdings auf das Gründlichste bewiesen habe, wie sehr ich mich über ihn und sein Vermögen im Irrthum befand. Genug, daß mein Irrthum—eingerechnet den Glauben an eine gemeinsame und zusammengehörige Bestimmung—weder ihm noch mir zur Unehre gereicht, und, unter allen Umständen, uns Beiden damals, als zwei auf sehr verschiedene Weise Vereinsamten, keine kleine Erquickung und Wohlthat war

Es kam der Augenblick, wo ich empfand, in wie fern ich viel zu viel in Bezug auf Richard Wagner gewollt hatte: und, etwas später, der noch schlimmere Augenblick, wo er meine — — —

40 [59]

Schluss von “der Mensch im Verkehr
Vorrede und Vorfrage:
“was sind freie Geister?”

[1.]

“Eine Seele, in welcher die Weltweisheit wohnt, muß durch ihre Gesundheit auch den Körper gesund machen”: so sagt es Montaigne, und ich gebe heute gern mein Jawort dazu, als Einer, der auf diesem Bereiche Erfahrung hat. “Es kann nichts Muntreres, Aufgeweckteres, fast hätte ich gesagt, Kurzweiligeres geben als die Welt und ihre Weisheit”: so sage ich ebenfalls mit Montaigne—aber unter welchen bleichen und schauerlichen Larven gieng damals die Weisheit an mir vorbei! Genug, ich fürchtete mich oft genug vor ihr und war ungern dergestalt mit ihr allein — — — und begab mich, allein und schweigsam, aber mit einem zähen “Willen zur Weisheit” und zum Süden,—auf die Wanderschaft. Damals nannte ich mich bei mir selber einen “freien Geist,” oder “den Prinzen Vogelfrei” und wer mich gefragt hätte: wo bist du eigentlich noch zu Hause, dem würde ich geantwortet haben “vielleicht jenseits von Gut und Böse, sonst nirgends.” Aber ich trug dergestalt hart daran, daß ich keine Wandergenossen hatte: so warf ich denn eines Tags einen Angelhaken nach anderen “freien Geistern” aus—mit eben diesem Buche, das ich bereits mit Namen nannte als “ein Buch für freie Geister.”

Heute freilich—was lernt man nicht alles in zehn Jahren!—weiß ich kaum noch, ob ich mit diesem Buch nach Gefährten und “Wandergenossen” suche. Inzwischen nämlich lernte ich, was jetzt Wenige verstehen, Einsamkeit ertragen, Einsamkeit—“verstehen”: und ich würde es heute geradezu mit unter die wesentlichen Anzeichen eines “freien Geistes” setzen, daß er lieber allein läuft, lieber allein fliegt, ja selber noch, wenn er einmal kranke Beine hat, lieber allein kriecht. Die Einsamkeit tödtet, wenn sie nicht heilt: das ist wahr; die Einsamkeit gehört zu einer schlimmen und gefährlichen Heilkunst. Aber gewiß ist, daß sie, wenn sie heilt, auch den Menschen gesünder und selbstherrlicher hinstellt, als je ein Mensch in Gesellschaft, ein Baum in seinem Walde stehen könnte. Einsamkeit erprobt am gründlichsten, mehr als irgend eine Krankheit selber, ob Einer zum Leben geboren und vorbestimmt ist—oder zum Tode, wie die Allermeisten. Genug, ich lernte erst aus der Einsamkeit heraus die zusammengehörigen Begriffe “freier Geist” und “Gesundheit” ganz zu Ende denken.

2.

Wir “freien Geister” leben einzeln und hier und dort auf Erden—daran ist nichts zu ändern; wir sind Wenige—und so ist es billig. Es gehört zu unserem Stolze zu denken, daß unsere Art eine seltne und seltsame Art ist; und wir drängen uns nicht zu einander, wir “sehnen” uns vielleicht nicht einmal nach einander. Freilich: treffen wir einmal zusammen, wie heute, so giebt es ein Fest! Wenn wir das Wort “Glück” im Sinne unserer Philosophie gebrauchen, so denken wir dabei nicht wie die Müden, Geängstigten und Leidenden unter den Philosophen vorallererst an äußeren und inneren Frieden, an Schmerzlosigkeit, Unbewegtheit, Ungestörtheit, an einen “Sabbat der Sabbate,” an etwas, das dem tiefen Schlafe im Werthe nahe kommen mag. Das Ungewisse vielmehr, das Wechselnde Verwandlungsfähigen Vieldeutige ist unsere Welt, eine gefährliche Welt—: mehr noch sicherlich als das Einfache, Sich-selbst-Gleich-Bleibende, Berechenbare, Feste, dem bisher die Philosophen, als Erben der Heerden-Instinkte und Heerden-Werthschätzungen, die höchste Ehre gegeben haben. In vielen Ländern des Geistes bekannt und umhergetrieben usw.

3.

Habe ich euch damit beschrieben? Oder nur auf eine neue Weise verschwiegen? Ich weiß es nicht: aber ihr sagt mir, ihr befürchtet in jedem Falle, daß ich mich mit diesem Namen vergriffen habe? Daß der Name “freier Geist” vorweggenommen sei? Daß er irre führe? Daß man uns, auf diesen Namen hin, verwechseln werde?— Aber warum, unter uns gesagt, warum doch, meine Freunde, sollten wir nicht irreführen? Was liegt daran, daß man uns verwechselt? Werden wir uns deshalb verwechseln? Und zuletzt: wäre es vielleicht nicht schlimmer, wenn— —?

Wohlan, ich verstehe euch. ihr wollt durchaus einen anderen, einen neuen Namen! “Aus Stolz,” sagt ihr mir: das beste Argument, auf das hin man jede Dummheit thun darf. So fange ich denn von Neuem an: macht nur eure Ohren für meine Neuigkeiten auf!

— Aber hier unterbrecht ihr mich, ihr freien Geister. Genug! Genug! höre ich euch schreien und lachen—wir halten es nicht mehr aus! Oh über diesen schauerlichen Hanswurst! Diesen tugendhaften Verräther und Verleumder! Willst du uns bei der ganzen Welt den Ruf verderben? Unseren guten Namen anschwärzen? Uns Zunamen anhängen, die sich nicht nur in die Haut einfressen? Stille, du Gewissens-Störenfried! Und wozu am hellen blauen Tage diese düsteren Fratzen, diese Gurgeltöne, diese ganze rabenschwarze Musik? Sprichst du Wahrheiten: nach solchen Wahrheiten können keine Füße tanzen, also sind es keine Wahrheiten für uns. Ecce nostrum veritatis sigillum! Und hier ist Rasen und weicher Grund: was gäbe es Besseres als geschwind deine Grillen wegjagen und uns, nach deiner Nacht, einen guten Tag machen! Aber Jemand muß uns dazu auch spielen! Und fort erst mit allen Wetterwolken! Es wäre Zeit, daß sich endlich wieder ein Regenbogen über dies Land ausspannte; irgend eine bunte schöne Lügen-Brücke, auf der nur Geister, sehr freie, sehr luftige lustige Geister wandeln können! Und zu guterletzt und allererst: hast du keine Milch zu trinken? Du selber hast uns Durst gemacht nach deiner Milch!”

— “So viel ihr wollt, meine Freunde. Dort seht ihr ja meine Heerde springen, alle meine zarten sonnigen windsillen Lämmer und Böcke: und hier steht schon für euch ein ganzer Eimer Milch bereit, ein Eimer voll frischgemolkener Wahrheiten, noch warm genug, um euch warm zu machen. Incipit: “Menschliches, Allzumenschliches. Gute Milch für freie Geister.” Wollt ihr davon trinken?

Schön ist’s, mit einander schweigen — — —

40 [60]

Künstler-Pessimismus.— Es giebt sehr unterschiedliche Arten von Künstlern. Wenn Richard Wagner Pessimist sein muß, so zwingt ihn hierzu der Widerwille gegen sich selbst, der Wurm vielfacher Selbstverachtung, die Nothwendigkeit von Berauschungsmitteln eingerechnet seine Kunst, um das Leben überhaupt auszuhalten, und wieder der Ekel hinter dem Rausche, zu alledem das Bewußtsein der Schauspielerei, der Druck der Unfreiheit, an welcher jeder leidet, der sich verkleiden muß, weil er sich selber nackt nicht aushält—, andrerseits der unersättliche Hunger nach Lob und Lärm, weil solche Komödianten sich den Glauben an sich immer erst von außen her und immer nur auf Augenblicke schenken lassen müssen: es steht ihnen gar nicht frei, auf Lob und Lärm zu verzichten! Aber was helfen auch die wonnevollsten Augenblicke der vanitatum vanitas, was hilft aller Weihrauch, alle Selbst-Vergötterung! Gleich darauf gräbt der alte Gram von Neuem! und über alle Stimmen der Leidenschaft, oder der als Leidenschaft maskirten Unenthaltsamkeit, wird zuletzt immer wieder eine innere schwache zögernde Stimme hervortönen, eine verurtheilende Stimme:—Solche Künstler verherrlichen in ihrer Kunst unwillkürlich und unvermeidlich ihr “Nicht-Ich” und alles, was den äußersten Gegensatz zu ihnen macht: da also, im Falle Wagners, alle ausschweifenden Tugenden z. B. die unbedingte Treue oder die unbedingte Keuschheit oder die Einfalt des Kindes oder die asketischen Selbst-Opferungen: so daß bis zu einem gewissen Grade man ein Recht hat, gegen den Charakter jenes Künstlers argwöhnisch zu sein, der immer gerade nur ausschweifende Tugenden verherrlicht: denn damit will er von sich los und verneint sich selber! Aber seien wir doch damit zufrieden! Zuletzt lobt und preist solch ein Künstler bei allem seinem Willen zur Weltverneinung etwas, das eben doch in dieser Welt möglich ist: die Kunst kann nichts anderes sein als Welt-Bejahung!— Und euer Einwand, meine Freunde, war kein Einwand.



Also mein Freund: man wird es seinem Urtheile anmerken, selbst wenn man demselben nicht beipflichtet, daß er Wagner sehr geliebt hat: denn ein Gegner nimmt seinen Gegenstand niemals so tief. Es ist kein Zweifel, daß indem er an Wagner leidet, er auch mit Wagner leidet.

40 [61]

Zum Plan.

Unser Intellekt, unser Wille, ebenso unsere Empfindungen sind abhängig von unseren Werthschätzungen: diese entsprechen unseren Trieben und deren Existenzbedingungen. Unsere Triebe sind reduzirbar auf den Willen zur Macht.

Der Wille zur Macht ist das letzte Factum, zu dem wir hinunterkommen.

ì
í
ï
î
Unser Intellekt ein Werkzeug
Unser Wille
Unsere Unlustgefühle
Unsere Empfindungen
{schon abhängig von den Werthschätzungen

40 [62]

Die beschönigende Geschichtsschreibung Rankes, seine Leisetreterei an allen Stellen wo es gilt, einen furchtbaren Unsinn des Zufalls als solchen hinzustellen; sein Glaube an einen gleichsam immanenten Finger Gottes, der gelegentlich einmal etwas am Uhrwerk schiebt und rückt: denn er wagt es nicht mehr, der Über-Ängstliche, weder ihn als Uhrwerk, noch als Ursache des Uhrwerks anzusehn

40 [63]

Vorrede zu “Vermischte Meinungen und Sprüche.”

Welche Art Menschen mag das sein, die an solchen Aufzeichnungen Freude hat?— Man gestattet mir, mein Bild von dieser Art rasch an die nächste beste Wand zu malen: hierhin, auf die Blätter einer “Vorrede.” Ich möchte auch am wenigsten gleich eine Bezeichnung, ein einzelnes Wort für sie in Anspruch nehmen, obschon es dergleichen geben mag:—vielleicht findet Einer, der mein Bild sieht, von selbst das Wort — das “rechte Wort.”

Diese Art Menschen beschützt den Künstler und Philosophen, aber verwechselt sich nicht mit ihm. Sie sind müssig, sie haben die Vernunft zum otium

40 [64]

Ich  habe  mir  lange  Zeit  die  allerbeste  Mühe  gegeben,  in  R. W[agner]  eine  Art von Cagl[iostro] zu sehn: man vergebe mir diesen nicht unbedenklichen Einfall, der zum mindesten nicht vom Haß und der Abneigung eingegeben ist, sondern von der Bezauberung, welcher dieser unvergleichliche Mensch auch auf mich ausgeübt hat: hinzugerechnet, daß nach meiner Beobachtung die wirklichen “Genies,” die Achten höchsten Ranges, allesammt nicht dergestalt “bezaubern,” so daß “das Genie” allein mir nicht zur Erklärung jenes geheimnißvollen Einflusses auszureichen schien.

40 [65]

Vorrede

Wer die Begierden einer hohen und wählerischen Seele hat, dessen Gefahr wird zu allen Zeiten groß sein: heute aber ist sie außerordentlich. In ein lärmendes, pöbelhaftes Zeitalter hineingeworfen, mit dem er nicht aus Einer Schüssel essen mag, kann er leicht vor Hunger und Durst, oder, falls er endlich dennoch “zugreift,” vor Ekel zu Grunde gehn. Einem solchen Menschen müssen schon zur rechten Stunde ein paar Glücksfälle zu Hülfe kommen, welche es irgendwie noch ausglichen, worin er etwa durch eine ungesättigte sehnsüchtige und vereinsamte Jugend zu Schaden gekommen ist: zum Beispiel daß sich für ihn ein strenger Beruf findet, in dessen Dienst er zeitweilig sich selber und seiner Krankheit entfremdet, und ganz und gar nur den Aufforderungen einer tapferen Geistigkeit zu leben hat. Oder daß er einem Ph[ilosophen] sein Ohr aufmacht, der ihn von allem Zeitgemäßen und Zeitgefälligen zu “dauerhafteren” Zielen, als die Gegenwart ist, zurück- und wegführt, ohne doch durch ein Übermaaß von Verneinung den Sinn der Ehrfurcht selber bei seinem Schüler zu beschädigen; daß er guter Musik und am besten auch guter Musiker selber Freund wird—ein großes Labsal (denn die guten Musiker sind alle Einsiedler und “außer der Zeit”) und ein gutes Gegengift gegen ein allzu kriegerisches und zorniges Herz, das Lust hat, sich auf die heutigen Menschen und Dinge zu stürzen.

Es geschah spät—ich war schon über die zwanziger Jahre hinaus—, daß ich dahinter kam, was mir eigentlich noch ganz und gar fehle: nämlich die Gerechtigkeit. “Was ist Gerechtigkeit? Und ist sie möglich? Und wenn sie nicht möglich sein sollte, wie wär da das Leben auszuhalten?”—solchermaaßen fragte ich mich unablässig. Es beängstigte mich tief, überall, wo ich bei mir selber nachgrub, nur Leidenschaften, nur Winkel-Perspektiven, nur die Unbedenklichkeit dessen zu finden, dem schon die Vorbedingungen zur Gerechtigkeit fehlen: aber wo war die Besonnenheit?—nämlich Besonnenheit aus umfänglicher Einsicht. Was ich mir allein zugestand, das war der Muth und eine gewisse Härte, welche die Frucht langer Selbstbeherrschung ist. In der That gehörte schon Muth und Härte dazu, sich so Vieles und noch dazu so spät einzugestehn. Genug, ich fand Gründe und immer bessere Gründe, meinem Lobe wie meinem Tadel zu mißtrauen und über die richterliche Würde, die ich mir angemaaßt hatte, zu lachen, ja ich verbot mir mit Beschämung endlich jedes Recht auf Ja und Nein; zugleich erwachte eine plötzliche und heftige Neugierde nach der unbekannten Welt in mir,—kurz, ich beschloß, in eine harte und lange neue Schule zu gehen und möglichst weit weg von meinem Winkel. Vielleicht, daß mir unterwegs wieder die Gerechtigkeit selber begegnen würde! Also begann für mich eine Zeit der Wanderschaft.

Was begab sich damals eigentlich mit mir? Ich verstand mich nicht, aber der Antrieb war wie ein Befehl. Es scheint, daß unsere ferne einstmalige Bestimmung über uns verfügt; lange Zeit erleben wir nur Räthsel. Die Auswahl der Ereignisse, das Zugreifen und plötzliche Begehren, das Wegstoßen des Angenehmsten, oft des Verehrtesten: dergleichen erschreckt uns, wie als ob aus uns eine Willkür, etwas Launisches, Tolles, Vulkanisches hier und da herausspränge. Aber es ist nur die höhere Vernunft und Vorsicht unserer zukünftigen Aufgabe. Der lange Satz meines Lebens will vielleicht—so fragte ich mich unruhig—rückwärts gelesen werden? Vorwärts, daran ist kein Zweifel, las ich damals nur “Worte ohne Sinn.”

Eine große, immer größere Loslösung, ein willkürliches In-die-Fremde-gehn, eine “Entfremdung,” Erkältung, Ernüchterung—dies allein, nichts weiter war in jenen Jahren mein Verlangen. Ich prüfte Alles, woran sich bis dahin überhaupt mein Herz gehängt hatte, ich drehte die besten und geliebtesten Dinge um und sah mir ihre Kehrseiten an, ich that das Entgegengesetzte mit allem, woran sich bisher die menschliche Kunst der Verleumdung und Verlästerung am feinsten geübt hat. Damals gieng ich um Manches, das mir bis dahin fremd geblieben war, mit einer schonenden, selbst liebevollen Neugierde herum, ich lernte billiger unsere Zeit und alles “Moderne” empfinden. Es mag im Ganzen wohl ein unheimliches und böses Spiel gewesen sein;—ich war oft krank daran. (Jene Loslösung kommt plötzlich wie ein Erdstoß: die junge Seele muß sehen, was sich mit ihr begiebt. Es ist eine Krankheit zugleich, die den Menschen zerstören kann, dieser erste Ausbruch von Kraft und Willen zur Selbst-Bestimmung; und viel krankhafter sind die ersten wunderlichen und wilden Versuche des Geistes, sich mit eigener Faust nunmehr die Welt zurechtzurücken.) Aber mein Entschluß blieb stehen; und, selbst krank, machte ich noch die beste Miene zu meinem “Spiele” und wehrte mich boshaft gegen jeden Schluß, an dem Krankheit oder Einsamkeit oder die Ermüdung der Wanderschaft Antheil haben könnten. “Vorwärts, sprach ich mir zu, morgen wirst du gesund sein, heute genügt es dich gesund zu stellen.” Damals wurde ich über alles “Pessimistische” bei mir Herr; der Wille zur Gesundheit selbst, das Schauspielern der Gesundheit war mein Heilmittel. Was ich damals als “Gesundheit” empfand und wollte, drücken diese Sätze verständlich und verrätherisch genug aus (p. 37 der ersten Auflage): “eine gefestete milde und im Grunde frohsinnige Seele, eine Stimmung, welche nicht vor Tücken und plötzlichen Ausbrüchen auf der Hut zu sein braucht und in ihren Äußerungen nichts von dem knurrenden Tone und der Verbissenheit an sich trägt—jenen bekannten lästigen Eigenschaften alter Hunde und Menschen, die lange an der Kette gelegen haben;—und als der wünschenswertheste Zustand, jenes freie furchtlose Schweben über Menschen Sitten Gesetzen und den herkömmlichen Schätzungen der Dinge.”— In der That eine Art Vogel-Freiheit und Vogel-Umblick, etwas wie Neugierde und Verachtung zugleich, wie dergleichen ein Jeder kennt, der unbetheiligt ein ungeheures Vielerlei übersieht.— “Ein freier Geist”—dies kühle Wort thut in jenem Zustande wohl, es wärmt beinahe; der Mensch ist zum Gegenstück derer geworden, welche sich um Dinge bekümmern, die sie nichts angehn; den freien Geist—giengen lauter Dinge an, die ihn nicht mehr “bekümmern.”

Es hilft nichts, ob es gleich eine harte Nuß ist, die hier geknackt werden will:—der höhere Mensch, der Ausnahme-Mensch, muß, wenn anders er — — —

Das persönliche Ergebniß von alledem war damals (Menschliches, Allzumenschliches, p. 31), wie ich es bezeichnete, die logische Welt-Verneinung: nämlich das Urtheil, daß die Welt, die uns überhaupt etwas angeht, falsch sei. “Nicht die Welt als Ding an sich—diese ist leer, sinn-leer und eines homerischen Gelächters würdig!—sondern die Welt als Irrthum ist so bedeutungsreich, tief, wundervoll, Glück und Unglück im Schooße tragend”: so dekretirte ich damals—. Die “Überwindung der Metaphysik,” “eine Sache der höchsten Anspannung menschlicher Besonnenheit,” p. 23, galt mir als erreicht: und zugleich stellte ich die Forderung für mich, für diese überwundenen Metaphysiken, insofern von ihnen “die größte Förderung der Menschheit” gekommen sei, einen großen dankbaren Sinn festzuhalten.

Aber im Hintergrunde stand der Wille zu einer viel weiteren Neugierde, ja zu einem ungeheuren Versuche: der Gedanke dämmerte in mir auf, ob sich nicht alle Werthe umkehren ließen, und immer kam die Frage wieder: was bedeuteten überhaupt alle menschlichen Werthschätzungen? Was verrathen sie von den Bedingungen des Lebens, deines Lebens, weiterhin des menschlichen Lebens, zuletzt des Lebens überhaupt? —

40 [66]

Entwurf zu (2) der Vorrede: wer nichts Ähnliches erlebt hat, hat nichts hier zu schaffen. Ein Buch der Vorbereitung. Man muß eine Vorrede schreiben, nicht nur um einzuladen, sondern um fortzuscheuchen.

“Unsere höchsten Einsichten müssen und sollen usw.

Um der Verwechselung vorzubeugen, habe ich Vieles zugefügt, um den Zustand zu ergänzen, auf dem ich damals

: er ist ein nothwendiger Durchgangs-Zustand für einige Menschen. Manches könnte ich jetzt verständlicher sagen.

Abwehr der “Freidenker.”

Gegen die scabies anarchistica. Es ist ein Buch, wodurch die Naturen, die zum Herrschen Vorangehn bestimmt sind, unter Umständen zu furchtbaren Entschlüssen, zum Nachdenken gebracht werden sollen über die Zucht gegen sich selber, die Art Überlegenheit und Zugänglichkeit zu vielen Denkweisen (Geschmeidigkeit) und jene ungeheure Gesundheit, welche selbst die Krankheit nicht entbehren will zu einem höheren Zwecke.

Jene Zucht und Selbstbeherrschung des Geistes, welche ebenso sehr eine Geschmeidigkeit des Herzens und eine Kunst der Maske ist: jene innere Umfänglichkeit und Verwöhnung, welche es erlaubt, die Wege zu vielen und entgegengesetzten Denkweisen zu gehen, ohne daß wir Gefahr liefen, uns in sie zu verirren oder zu verlieben, jene ungeheure Gesundheit, welche selbst die Krankheit nicht entbehren will, ja Überschuß an plastischen nachbildenden wiederherstellenden Kräften

40 [67]

Damals erst bekam ich ein Auge für die Geschichte: Ranke. Die Unwissenheit in den Naturwissenschaften und der Heilkunst macht unsere Historiker zu bescheidenen Advokaten der Facta: wie als ob irgend etwas Gutes uns doch “heraus” komme, irgend ein kleiner “Finger Gottes” mindestens.

40 [68]

Nr. 1 von M. Allzum.: Die Sphinx. —
Schluß von Abschnitt I: der neue Oedipus.

40 [69]

Unser Geist sammt “Gefühlen” und Empfindungen ist ein Werkzeug, welches einem vielköpfigen und vielspältigen Herrn zu Diensten ist: dieser Herr sind unsere Werthschätzungen. Unsere Werthschätzungen aber verrathen etwas davon, was unsere Lebens-Bedingungen sind (zum kleinsten Theil die Bedingungen der Person, zum weiteren die der Gattung “Mensch,” zum größten und weitesten die Bedingungen, unter denen überhaupt Leben möglich ist).

40 [70]

Deutsch.”
Fragen und Gedankenstriche.

Der deutsche Pessimismus
Die deutsche Romantik.
Die Wieder-Entdecker der Griechen.
Der deutsche Anarchismus.
Die Gefahr der jüdischen Seele.
Die Litteraten.
Die Frauen.
Die Einsiedler.
Die Demagogen in der Kunst.
Der deutsche Stil.
Die deutsche Musik. Süden Morgenland (zwei Süden: Venedig und die Provence)
Die “Aufklärung” und die modernen Ideen.
Die Schulmeister-Cultur.
Die Wagnerei.
Der Europäer.
Der deutsche Geist.
Der Jude
Voilà un homme.
Die “Tiefe”
Der christliche Europäer.

From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel