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Juni-Juli 1885 37 [1-18]

37 [1]

Gegen das, was ich in diesem Buche vorzutragen wage, läßt sich gewiß, aus der Nähe, und noch mehr von der Ferne her, mancher herzhafte Einwand machen. Einen Teil dieser Einwände habe ich selbst, Dank mannichfacher Übung im Verhören und Zwiegespräch zu Einem, vorweggenommen, leider aber immer auch vorweg beantwortet: so daß bisher die ganze Last meiner “Wahrheiten” auf mir liegen geblieben ist. Man wird verstehen, daß es sich hier um lästige Wahrheiten handelt; und wenn es einen Glauben giebt, der selig macht, nun wohlan, hier ist ein Glaube, der das nicht thut! Aber weshalb sollten die Dinge darauf eingerichtet sein, um uns Vergnügen zu machen?— Obschon ich gerade dies Mal, aufrichtig gesagt, gerne das Vergnügen genösse, widerlegt zu werden.— Und wenn uns andererseits die Erkenntniß — — — wozu dann Erkenntniß? —

Zuletzt ist auch das vielleicht nur eine Frage der Zeit: man verträgt sich am Ende selbst mit dem Teufel. Und wenn die Dinge nicht darauf eingerichtet sein sollten, uns Vergnügen zu machen, wer könnte uns hindern, sie—darauf einzurichten?

37 [2]

Es ist ein schlechter Geschmack mit Vielen übereinstimmen zu wollen. Mir genügt im Grunde schon mein Freund Satis: ihr wißt doch wer das ist? Satis sunt mihi pauci, satis est unus, satis est nullus. Und zuletzt bleibt es dabei: die großen Dinge bleiben für die Großen übrig und aufgespart, die Abgründe für die Tiefen, die Zartheiten und Schauder für die Feinen, und, im Ganzer. und Kurzen, alles Seltene für die Seltenen. Mein Urtheil ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht.— Und Sie, mein Herr Nachbar, der Sie mir eben über die Achsel in’s Buch gucken, Sie sogar bestehen darauf, mir hierin zuzustimmen? Sie schauen in dieß Buch und sagen Ja dazu? Fort mit Ihnen! Ich will durchaus nicht Ihrethalben gegen das, was ich eben schrieb, mißtrauisch werden. Auch ich nämlich liebe die Wahrheit, gleich allen Philosophien: alle Philosophen liebten bisher ihre Wahrheiten — —

37 [3]

Ich vergaß zu sagen, daß solche Philosophen heiter sind und daß sie gerne in dem Abgrund eines vollkommen hellen Himmels sitzen:—sie haben andere Mittel nöthig, das Leben zu ertragen als andere Menschen, denn sie leiden anders (nämlich ebensosehr an der Tiefe ihrer Menschen-Verachtung, als an ihrer Liebe).— Das leidendste Thier auf Erden erfand sich—das Lachen.

37 [4]

Moral und Physiologie.— Wir halten es für eine Voreiligkeit, daß gerade das menschliche Bewußtsein so lange als die höchste Stufe der organischen Entwickelung und als das Erstaunlichste aller irdischen Dinge, ja gleichsam als deren Blüte und Ziel angesehen wurde. Das Erstaunlichere ist vielmehr der Leib: man kann es nicht zu Ende bewundern, wie der menschliche Leib möglich geworden ist: wie eine solche ungeheure Vereinigung von lebenden Wesen, jedes abhängig und unterthänig und doch in gewissem Sinne wiederum befehlend und aus eignem Willen handelnd, als Ganzes leben, wachsen und eine Zeit lang bestehen kann—: und dies geschieht ersichtlich nicht durch das Bewußtsein! Zu diesem “Wunder der Wunder” ist das Bewußtsein eben nur ein “Werkzeug” und nicht mehr—im gleichen Verstande, in dem der Magen ein Werkzeug dazu ist. Die prachtvolle Zusammenbindung des vielfachsten Lebens, die Anordnung und Einordnung der höheren und niederen Thätigkeiten, der tausendfältige Gehorsam welcher kein blinder, noch weniger ein mechanischer sondern ein wählender, kluger, rücksichtsvoller, selbst widerstrebender Gehorsam ist—dieses ganze Phänomen “Leib” ist nach intellectuellem Maaße gemessen unserem Bewußtsein, unserem “Geist,” unserem bewußten Denken, Fühlen, Wollen so überlegen, wie Algebra dem Einmaleins. Der “Nerven- und Gehirnapparat” ist nicht, um überhaupt Denken, Fühlen, Wollen hervorzubringen, so fein und “göttlich” construirt: vielmehr dünkt mich daß gerade dazu, zum Denken, Fühlen, Wollen, an sich noch gar kein “Apparat” nöthig ist, sondern daß dies, allein dies—“die Sache selbst” ist. Vielmehr wird eine solche ungeheure Synthesis von lebendigen Wesen und Intellekten, welche “Mensch” heißt, erst leben können, wenn jenes feine Verbindungs- und Vermittlungs-System und dadurch eine blitzartig schnelle Verständigung aller dieser höheren und niederen Wesen geschaffen ist—und zwar durch lauter lebendige Vermittler: dies aber ist ein moralisches, und nicht ein mechanistisches Problem! Von der “Einheit,” von der “Seele,” von der “Person” zu fabeln, haben wir uns heute untersagt: mit solchen Hypothesen erschwert man sich das Problem, so viel ist klar. Und auch jene kleinsten lebendigen Wesen, welche unseren Leib constituiren (richtiger: von deren Zusammenwirken das, was wir “Leib” nennen, das beste Gleichniß ist—), gelten uns nicht als Seelen-Atome, vielmehr als etwas Wachsendes, Kämpfendes, Sich-Vermehrendes und Wieder-Absterbendes: so daß ihre Zahl unbeständig wechselt, und unser Leben wie jegliches Leben zugleich ein fortwährendes Sterben ist. Es giebt also im Menschen so viele “Bewußtseins” als es Wesen giebt,—in jedem Augenblicke seines Daseins,—die seinen Leib constituiren. Das Auszeichnende an dem gewöhnlich als einzig gedachten “Bewußtsein,” am Intellecte, ist gerade, daß er vor dem unzählig Vielfachen in den Erlebnissen dieser vielen Bewußtseins geschützt und abgeschlossen bleibt und, als ein Bewußtsein höheren Ranges, als eine regierende Vielheit und Aristokratie, nur eine Auswahl von Erlebnissen vorgelegt bekommt, dazu noch lauter vereinfachte, übersichtlich und faßlich gemachte, also gefälschte Erlebnisse,—damit er seinerseits in diesem Vereinfachen und Übersichtlichmachen, also Fälschen fortfahre und das vorbereite, was man gemeinhin “einen Willen” nennt,—jeder solche Willensakt setzt gleichsam die Ernennung eines Diktators voraus. Das aber, was unserem Intellecte diese Auswahl vorlegt, was schon die Erlebnisse vorher vereinfacht, angeähnlicht, ausgelegt hat, ist jedenfalls nicht eben dieser Intellect: ebensowenig, wie er das ist, was den Willen ausführt, was eine blasse, dünne und äußerst ungenaue Werth- und Kraft-Vorstellung aufnimmt und in lebendige Kraft und genaue Werth-Maaße übersetzt. Und gerade dieselbe Art von Operation, welche hier sich abspielt, muß sich auf allen tieferen Stufen, im Verhalten aller dieser höheren und niederen Wesen zueinander, fortwährend abspielen: dieses selbe Auswählen und Vorlegen von Erlebnissen, dieses Abstrahiren und Zusammendenken, dieses Wollen, diese Zurückübersetzung des immer sehr unbestimmten Wollens in bestimmte Thätigkeit. Am Leitfaden des Leibes wie gesagt, lernen wir daß unser Leben durch ein Zusammenspiel vieler sehr ungleichwerthigen Intelligenzen und also nur durch ein beständiges tausendfältiges Gehorchen und Befehlen—moralisch geredet: durch die unausgesetzte Übung vieler Tugenden—möglich ist. Und wie dürfte man aufhören, moralisch zu reden!— — Dergestalt schwätzend gab ich mich zügellos meinem Lehrtriebe hin, denn ich war glückselig, Jemanden zu haben, der es aushielt, mir zuzuhören. Doch gerade an dieser Stelle hielt Ariadne es nicht mehr aus — die Geschichte begab sich nämlich bei meinem ersten Aufenthalte auf Naxos—: “aber mein Herr, sprach sie, Sie reden Schweinedeutsch!”— “Deutsch, antwortete ich wohlgemuth, einfach Deutsch! Lassen Sie das Schwein weg, meine Göttin! Sie unterschätzen die Schwierigkeit, feine Dinge deutsch zu sagen!”— “Feine Dinge! schrie Ariadne entsetzt auf: aber das war nur Positivismus! Rüssel-Philosophie! Begriffs-Mischmasch und -Mist aus hundert Philosophien! Wo will das noch hinaus!”—und dabei spielte sie ungeduldig mit dem berühmten Faden, der einstmals ihren Theseus durch das Labyrinth leitete.— Also kam es zu Tage, daß Ariadne in ihrer philosophischen Ausbildung um zwei Jahrtausende zurück war.

37 [5]

In Aphorismenbüchern gleich den meinigen stehen zwischen und hinter kurzen Aphorismen lauter verbotene lange Dinge und Gedanken-Ketten; und Manches darunter, das für Oedipus und seine Sphinx fragwürdig genug sein mag. Abhandlungen schreibe ich nicht: die sind für Esel und Zeitschriften-Leser. Ebensowenig Reden. Meine “unzeitgemäßen Betrachtungen” richtete ich als junger Mensch an junge Menschen, welchen ich von meinen Erlebnissen und Gelöbnissen sprach, um sie in meine Labyrinthe zu locken, an deutsche Jünglinge: aber man überredet mich zu glauben, daß die deutschen Jünglinge ausgestorben seien. Wohlan: so habe ich keinen Grund mehr, in jener früheren Manier “beredt” zu sein; heute—könnte ich es vielleicht nicht mehr. Wer Tags, Nachts und Jahrein Jahraus mit seiner Seele im vertraulichsten Zwiste und Zwiegespräche zusammengesessen hat, wer in seiner Höhle—es kann ein Labyrinth oder auch ein Goldschacht sein—zum Höhlenbär oder Schatzgräber wurde, wer wie ich sich allerhand Gedanken, Bedenken und Bedenkliches durch den Kopf über das Herz laufen ließ und läßt, das er nicht immer mittheilen würde, selbst wenn er Geister seiner Art und ausgelassene tapfere Kameraden um sich hätte: dessen Begriffe selber erhalten zuletzt eine eigene Zwielicht-Farbe, einen Geruch ebensosehr der Tiefe als des Moders, etwas Unmittheilsames und Widerwilliges, welches jeden Neugierigen kalt anbläst:—und eine Einsiedler-Philosophie, wenn sie selbst mit einer Löwenklaue geschrieben wäre, würde doch immer wie eine Philosophie der “Gänsefüßchen” aussehen.

37 [6]

Man hört auch den Schriften eines Einsiedlers etwas von dem Wiederhall der Oede, etwas von dem Flüsterton und scheuen Um-sich-blicken der Einsamkeit an: seine stärksten Worte und seine Schreie selber klingen gleichsam noch wie eine neue und gefährlichere Art des Schweigens, Verschweigens heraus.

37 [7]

Gesetzt, man denkt sich einen Philosophen als großen Erzieher, mächtig genug, um von einsamer Höhe herab lange Ketten von Geschlechtern zu sich hinaufzuziehen: so muß man ihm auch die unheimlichen Vorrechte des großen Erziehers zugestehen. Ein Erzieher sagt nie was er selber denkt sondern immer nur, was er im Verhältniß zum Nutzen Dessen, den er erzieht, über eine Sache denkt. In dieser Verstellung darf er nicht errathen werden; es gehört zu seiner Meisterschaft, daß man an seine Ehrlichkeit glaubt. Er muß aller Mittel der Zucht und Züchtigung fähig sein: manche Naturen bringt er nur durch Peitschenschläge des Hohns vorwärts, Andere, Träge, Unschlüssige, Feige, Eitle, vielleicht mit übertreibendem Lobe. Ein solcher Erzieher ist jenseits von Gut und Böse; aber Niemand darf es wissen.

37 [8]

Es naht sich, unabweislich, zögernd, furchtbar wie das Schicksal, die große Aufgabe und Frage: wie soll die Erde als Ganzes verwaltet werden? Und wozu soll “der Mensch” als Ganzes—und nicht mehr ein Volk, eine Rasse—gezogen und gezüchtet werden?

Die gesetzgeberischen Moralen sind das Hauptmittel, mit denen man aus den Menschen gestalten kann, was einem schöpferischen und tiefen Willen beliebt: Vorausgesetzt, daß ein solcher Künstler-Wille höchsten Ranges die Gewalt in den Händen hat und seinen schaffenden Willen über lange Zeiträume durchsetzen kann, in Gestalt von Gesetzgebungen, Religionen und Sitten. Solchen Menschen des großen Schaffens, den eigentlich großen Menschen, wie ich es verstehe, wird man heute und wahrscheinlich für lange noch umsonst nachgehen: sie fehlen; bis man endlich, nach vieler Enttäuschung, zu begreifen anfangen muß, warum sie fehlen und daß ihrer Entstehung und Entwicklung für jetzt und für lange nichts feindseliger im Wege steht, als das, was man jetzt in Europa geradewegs “die Moral” nennt: wie als ob es keine andere gäbe und geben dürfte—jene vorhin bezeichnete Heerdenthier-Moral, welche mit allen Kräften das allgemeine grüne Weide-Glück auf Erden erstrebt, nämlich Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Leichtigkeit des Lebens und zu guterletzt, “wenn alles gut geht,” sich auch noch aller Art Hirten und Leithammel zu entschlagen hofft. Ihre beiden am reichlichsten gepredigten Lehren heißen: “Gleichheit der Rechte” und “Mitgefühl für alles Leidende”—und das Leiden selber wird von ihnen als Etwas genommen, das man schlechterdings abschaffen muß. Daß solche “Ideen” immer noch modern sein können, giebt einen üblen Begriff von — — — Wer aber gründlich darüber nachgedacht hat, wo und wie die Pflanze Mensch bisher am kräftigsten emporgewachsen ist, muß vermeinen, daß dies unter den umgekehrten Bedingungen geschehen ist: daß dazu die Gefährlichkeit seiner Lage ins Ungeheure wachsen, seine Erfindungs- und Verstellungs-Kraft unter langem Druck und Zwang sich emporkämpfen, sein Lebens-Wille bis zu einem unbedingten Willen zur Macht und zur Obermacht gesteigert werden muß, und daß Gefahr, Härte, Gewaltsamkeit, Gefahr auf der Gasse wie im Herzen, Ungleichheit der Rechte, Verborgenheit, Stoicismus, Versucher-Kunst, Teufelei jeder Art, kurz der Gegensatz aller Heerden-Wünschbarkeiten, zur Erhöhung des Typus Mensch nothwendig sind. Eine Moral mit solchen umgekehrten Absichten, welche den Menschen ins Hohe statt ins Bequeme und Mittlere züchten will, eine Moral mit der Absicht, eine regierende Kaste zu züchten—die zukünftigen Herren der Erde—muß, um gelehrt werden zu können, sich in Anknüpfung an das bestehende Sittengesetz und unter dessen Worten und Anscheine einführen; daß dazu aber viele Übergangs- und Täuschungsmittel zu erfinden sind, und daß, weil die Lebensdauer Eines Menschen beinahe nichts bedeutet in Hinsicht auf die Durchführung so langwieriger Aufgaben und Absichten, vor allem erst eine neue Art angezüchtet werden muß, in der dem nämlichen Willen, dem nämlichen Instinkte Dauer durch viele Geschlechter verbürgt wird: eine neue Herren-Art und -Kaste—dieß begreift sich ebenso gut als das lange und nicht leicht aussprechbare Und-so-weiter dieses Gedankens. Eine Umkehrung der Werthe für eine bestimmte starke Art von Menschen höchster Geistigkeit und Willenskraft vorzubereiten und zu diesem Zwecke bei ihnen eine Menge im Zaum gehaltener und verläumdeter Instinkte langsam und mit Vorsicht zu entfesseln: wer darüber nachdenkt, gehört zu uns, den freien Geistern—freilich wohl zu einer neueren Art von “freien Geistern” als die bisherigen: denn diese wünschten ungefähr das Entgegengesetzte. Hierher gehören, wie mir scheint, vor allem die Pessimisten Europas, die Dichter und Denker eines empörten Idealismus, insofern ihre Unzufriedenheit mit dem gesammten Dasein sie auch zur Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Menschen mindestens logisch nöthigt; insgleichen gewisse unersättlich-ehrgeizige Künstler, welche unbedenklich und unbedingt für die Sonderrechte höherer Menschen und gegen das “Heerdenthier” kämpfen und mit den Verführungsmitteln der Kunst bei ausgesuchteren Geistern alle Heerden-Instinkte und Heerden-Vorsichten einschläfern; zudritt endlich alle jene Kritiker und Historiker, von denen die glücklich begonnene Entdeckung der alten Welt—es ist das Werk des neuen Columbus, des deutschen Geistes—muthig fortgesetzt wird (—denn wir stehen immer noch in den Anfängen dieser Eroberung). In der alten Welt nämlich herrschte in der That eine andere, eine herrschaftlichere Moral als heute; und der antike Mensch, unter dem erziehenden Banne seiner Moral, war ein stärkerer und tieferer Mensch als der Mensch von heute,—er war bisher allein “der wohlgerathene Mensch.” Die Verführung aber, welche vom Alterthum her auf wohlgerathene, d. h. auf starke und unternehmende Seelen ausgeübt wird, ist auch heute noch die feinste und wirksamste aller antidemokratischen und antichristlichen: wie sie es schon zur Zeit der Renaissance war.

37 [9]

Über alle diese nationalen Kriege, neuen “Reiche” und was sonst im Vordergrunde steht, sehe ich hinweg: was mich angeht—denn ich sehe es langsam und zögernd sich vorbereiten—das ist das Eine Europa. Bei allen umfänglicheren und tieferen Menschen dieses Jahrhunderts war es die eigentliche Gesammtarbeit ihrer Seele, jene neue Synthesis vorzubereiten und versuchsweise “den Europäer” der Zukunft vorwegzunehmen: nur in ihren schwächeren Stunden, oder wenn sie alt wurden, fielen sie in die nationale Beschränktheit der “Vaterländer” zurück—, dann waren sie “Patrioten.” Ich denke an Menschen wie Napoleon, Göthe, Beethoven, Stendhal, Heinrich Heine, Schopenhauer; vielleicht gehört auch Richard Wagner hierher, über welchen, als über einen wohlgerathenen Typus deutscher Unklarheit, sich durchaus nichts ohne ein solches “Vielleicht” aussagen läßt. Dem aber, was in solchen Geistern als Bedürfniß nach einer neuen Einheit oder bereits als eine neue Einheit mit neuen Bedürfnissen sich regt und gestaltet, steht eine große wirthschaftliche Thatsache erklärend zur Seite: die Kleinstaaten Europas, ich meine alle unsere jetzigen Staaten und “Reiche,” müssen, bei dem unbedingten Drange des großen Verkehrs und Handels nach einer letzten Gränze, nach Weltverkehr und Welthandel, in kurzer Zeit wirthschaftlich unhaltbar werden. (Das Geld allein schon zwingt Europa, irgendwann sich zu Einer Macht zusammen zu ballen.) Um aber mit guten Aussichten in den Kampf um die Regierung der Erde einzutreten—es liegt auf der Hand, gegen wen sich dieser Kampf richten wird—hat Europa wahrscheinlich nöthig, sich ernsthaft mit England zu “verständigen”: es bedarf der Kolonien Englands zu jenem Kampfe ebenso, wie das jetzige Deutschland, zur Einübung in seine neue Vermittler- und Makler-Rolle, der Kolonien Hollands bedarf. Niemand nämlich glaubt mehr daran, daß England selber stark genug sei, seine alte Rolle nur noch fünfzig Jahre fortzuspielen; es geht an der Unmöglichkeit, die homines novi von der Regierung auszuschließen, zu Grunde, und man muß keinen solchen Wechsel der Parteien haben, um solche langwierige Dinge — — — man muß heute vorerst Soldat sein, um als Kaufmann nicht seinen Kredit zu verlieren. Genug: hierin, wie in anderen Dingen, wird das nächste Jahrhundert in den Fußtapfen Napoleons zu finden sein, des ersten und vorwegnehmenden Menschen neuerer Zeit.

Für die Aufgaben der nächsten Jahrhunderte sind die Arten “Öffentlichkeit” und Parlamentarismus die unzweckmäßigsten Organisationen.

37 [10]

Ich unterscheide, unter den höheren Menschen sowohl wie unter Völkern, solche, welche die Welt rund, ganz und fest haben wollen,—groß vielleicht, sehr groß aber ganz und gar nicht “unendlich”—und solche, welche die Wolken lieben: weil Wolken verhüllen, weil Wolken “ahnen” lassen. Zu letzteren gehören, unter den Völkern, die Deutschen; und deshalb ist es für einen Denker entgegengesetzten Sinnes nicht rathsam, sich unter ihnen seine Hütte zu bauen. Die Luft ist ihm da zu wolkig. Die deutsche “Einfalt,” den deutschen Glauben an den “reinen Thoren”: er übersetzt sich das immer ins Französische und nennt es la niaiserie allemande. [Vgl. Prosper Mérimée, Lettres à une inconnue. Précédées d'une étude sur Mérimée par H. Taine. Vol. 1. Paris: Michel Lévy Frères, 1874:328.] Das deutsche “Gemüth”: er versteht darunter wörtlich, was Goethe darunter verstand: “Nachsicht mit fremden und eignen Schwächen.” [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Goethe's Spruche in Prosa. Zum ersten Mal erläutert und auf ihre Quellen zurückgeführt von G. von Loeper. Berlin, Gust. Hempel, 1870:68. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Johann Wolfgang von Goethe.] Der deutsche Ungeschmack: er findet ihn haarsträubend;—ich zeigte schon einmal bei Gelegenheit eines altersschwachen Buches von Strauß mit den Fingern darauf hin. Vom Auslande aus gesehen, darf man zweifeln ob Deutschland jetzt zehn Männer aufzuweisen hat, welche in Fragen der litterarischen Form urtheilsfähig sind und Tiefe haben. Tiefe nämlich ist nöthig um die zarten Bedürfnisse nach Form überhaupt zu begreifen; erst von der Tiefe aus, vom Abgrunde aus genießt man alles Glück, das im Hellen, Sicheren, Bunten, Oberflächlichen aller Art liegt. Aber die Deutschen glauben sich tief, wenn sie sich schwer und trübsinnig fühlen:—sie schwitzen, wenn sie denken, das Schwitzen gilt ihnen als Beweis ihres “Ernstes.” Ihre Geister sind plump, der Geist des Bieres ist mächtig auch noch in ihren Gedanken—und sie heißen es gar noch ihren “Idealismus”! Freilich, die Deutschen haben, wie sie wenigstens selber vermeinen, es gerade mit diesem Idealismus weit, “bis an die Sterne weit” getrieben, und sie dürfen sich, wenn es sonst die deutsche Bescheidenheit erlaubte, darauf hin ungescheut neben die Griechen niedersetzen, als das berühmte Volk der “Dichter und Denker.” Oder, um dieses Selbstvertrauen auch einmal unbescheiden reden zu lassen, und zwar mit dem Verse eines großen Idealisten:

“Was lobt man viel die Griechen!
Sie müssen sich verkriechen,
“Wenn sich die teutsche Muse regt.
“Horaz in Flemming lebet,
“In Opitz Naso schwebet,
“In Greiff Senecens Traurigkeit.”
Leibnitz.
[Vgl. G. W. Leibniz, "Verse die ich 1667 zu Franckfurt am Mayn auff Hrn. Christian Meischen vorhabendes Teutsches Florilegium gemacht": Den Blumensafft gepresset / Herr Meisch hier mischen lässet, / Zu füllen mit Geruch die Welt. / Wie mancher süssen Zungen / Der Honigseim gelungen, / Bey ihm allein zu kosten feit. // Was lobt man viel die Griechen; / Sie müssen sich verkriechen, / Wenn sich die teutsche Muse regt. / Was sonst die Römer gaben, / Kan man zu Hause haben, / Nachdem sich Mars bey uns gelegt. // Horaz im Fleming lebet, / Im Opiz Naso schwebet, / Im Greiff Senezens Trauerspiel. / Nur Maro wird gemisset; / Hier hat man eingebüsset, / Eneïs uns nicht weichen will. // Doch wenn der Teutschen Degen / Die werden niederlegen, / So uns jezt stolz zu Leibe gehn, / Wird sich noch einer finden / Auch sie zu überwinden, / Und Austrias soll höher gehn. // Er aber wird verdienen, / Herr Meisch, den Ruhm der Bienen, / Dass er der Blumen Krafft tregt ein. / Wem werd ich ihn vergleichen? / Er soll zum Lobeszeichen / Stobaeus bey den Teutschen seyn.]

37 [11]

Der Socialismus—als die zu Ende gedachte Tyrannei der Geringsten und Dümmsten, der Oberflächlichen, der Neidischen und der Dreiviertels-Schauspieler—ist in der That die Schlußfolgerung der modernen Ideen und ihres latenten Anarchismus: aber in der lauen Luft eines demokratischen Wohlbefindens erschlafft das Vermögen, zu Schlüssen oder gar zum Schluß zu kommen. Man folgt,—aber man folgert nicht mehr. Deshalb ist der Socialismus im Ganzen eine hoffnungslose, säuerliche Sache; und Nichts ist lustiger anzusehen als der Widerspruch zwischen den giftigen und verzweifelten Gesichtern welche heute die Socialisten machen—und von was für erbärmlichen gequetschten Gefühlen legt gar ihr Stil Zeugniß ab!—und dem harmlosen Lämmer-Glück ihrer Hoffnungen und Wünschbarkeiten. Dabei kann es doch an vielen Orten Europas ihrerseits zu gelegentlichen Handstreichen und Überfällen kommen: dem nächsten Jahrhundert wird es hie und da gründlich im Leibe “rumoren,” und die Pariser Commune, welche auch in Deutschland ihre Schutzredner und Fürsprecher hat (z. B. in dem philosophischen Grimassen-Schneider und Sumpfmolch E[ugen] D[ühring] in Berlin), war vielleicht nur eine leichtere Unverdaulichkeit gemessen an dem, was kommt. Trotzdem wird es immer zuviel Besitzende geben, als daß der Socialismus mehr bedeuten könnte als einen Krankheits-Anfall: und diese Besitzenden sind wie Ein Mann Eines Glaubens “man muß etwas besitzen, um etwas zu sein.” Dieß aber ist der älteste und gesündeste aller Instinkte: ich würde hinzufügen “man muß mehr haben wollen als man hat, um mehr zu werden.” So nämlich klingt die Lehre, welche allem, was lebt, durch das Leben selber gepredigt wird: die Moral der Entwicklung. Haben und mehr haben wollen, Wachsthum mit einem Wort—das ist das Leben selber. In der Lehre des Socialismus versteckt sich schlecht ein “Wille zur Verneinung des Lebens”; es müssen mißrathene Menschen oder Raçen sein welche eine solche Lehre ausdenken. In der That, ich wünschte, es würde durch einige große Versuche bewiesen daß in einer socialistischen Gesellschaft das Leben sich selber verneint, sich selber die Wurzeln abschneidet. Die Erde ist groß genug, und der Mensch immer noch unausgeschöpft genug, als daß mir eine derart praktische Belehrung und demonstratio ad absurdum, selbst wenn sie mit einem ungeheuren Aufwand von Menschenleben gewonnen und bezahlt würde, nicht wünschenswerth erscheinen müßte. Immerhin, schon als unruhiger Maulwurf unter dem Boden einer in die Dummheit rollenden Gesellschaft wird der Socialismus etwas Nützliches und Heilsames sein können: er verzögert den “Frieden auf Erden” und die gänzliche Vergutmüthigung des demokratischen Heerdenthieres, er zwingt die Europäer, Geist, nämlich List und Vorsicht übrig zu behalten, den männlichen und kriegerischen Tugenden nicht gänzlich abzuschwören und einen Rest von Geist, von Klarheit, Trockenheit und Kälte des Geistes übrig zu behalten,—er schützt Europa einstweilen vor dem ihm drohenden marasmus femininus.

37 [12]

In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr Recht als allen Philosophen bisher: sie verloren die große Spur nicht, auf der das Leben geht, sie liebten die Dinge “dieser Welt,”—sie liebten ihre Sinne. Entsinnlichung zu erstreben: das scheint mir ein Mißverständniß oder eine Krankheit oder eine Kur, wo sie nicht eine bloße Heuchelei oder Selbstbetrügerei ist. Ich wünsche mir selber und allen denen, welche ohne die Ängste eines Puritaner-Gewissens leben—leben dürfen, eine immer größere Vergeistigung und Vervielfältigung der Sinne; ja wir wollen den Sinnen dankbar sein für ihre Feinheit, Fülle und Kraft und ihnen das Beste von Geist, was wir haben, dagegen bieten. Was gehen uns die priesterlichen und metaphysischen Verketzerungen der Sinne an! Wir haben diese Verketzerung nicht mehr nöthig: es ist ein Merkmal der Wohlgerathenheit, wenn Einer gleich Goethen mit immer größerer Lust und Herzlichkeit an “den Dingen der Welt” hängt:—dergestalt nämlich hält er die große Auffassung des Menschen fest, daß der Mensch der Verklärer des Daseins wird, wenn er sich selbst verklären lernt. Aber was redest du? wirft man mir ein. Giebt es nicht unter Künstlern gerade heute die ärgsten Pessimisten? Was denkst du zum Beispiel von Richard Wagner? Ist das kein Pessimist?—ich kraue mir die Ohren: [ihr habt Recht, ich vergaß Etwas einen Augenblick lang.]

37 [13]

Die Historiker wollen heute zu viel und sündigen allesammt wider den guten Geschmack, sie drängen sich ein in die Seelen von Menschen, zu deren Rang und in deren Gesellschaft sie nicht gehören. Was hat z. B. so ein aufgeregter schwitzender Plebejer wie Michelet mit Napoleon zu schaffen! Es ist gleichgültig, ob er ihn haßt oder liebt, aber weil er schwitzt, gehört er nicht in seine Nähe. Was jener mittelmäßige, im schlechten Sinne elegante Thiers mit demselben Napoleon! er macht lachen, der kleine Mann, wenn er den großen Mann gegen Cäsar, Hannibal und Friedrich mit der Miene eines weisen Richters abschätzt. Ich schätze es höher, wenn einer auch als Historiker zu erkennen giebt, wo für seinen Fuß der Boden zu heiß oder zu heilig ist; ein Historiker aber, der zur rechten Zeit “die Schuhe auszieht” oder die Schuhe anzieht und davongeht, ist heutzutage, im Zeitalter der unschuldigen Unverschämtheit, ein seltener Vogel. Die deutschen Gelehrten, bei denen der “historische” Sinn erfunden worden ist,—jetzt üben sich die Franzosen auf ihn ein—verrathen sammt und sonders, daß sie aus keiner herrschenden Kaste stammen; sie sind, als Erkennende, zudringlich und ermangeln der feineren Scham.

37 [14]

Ich nannte meine unbewußten Arbeiter und Vorbereiter. Wo aber dürfte ich mit einiger Hoffnung nach meiner Art von Philosophen selber, zum Mindesten nach meinem Bedürfniß neuer Philosophen suchen? Dort allein, wo eine vornehme Denkweise herrscht, eine solche, welche an Sklaverei und an viele Grade der Hörigkeit als an die Voraussetzung jeder höheren Kultur glaubt; wo eine schöpferische Denkweise herrscht, welche nicht der Welt das Glück der Ruhe, den “Sabbat aller Sabbate” als Ziel setzt und selber im Frieden das Mittel zu neuen Kriegen ehrt; eine der Zukunft Gesetze vorschreibende Denkweise, welche um der Zukunft willen sich selber und alles Gegenwärtige hart und tyrannisch behandelt; eine unbedenkliche, “unmoralische” Denkweise, welche die guten und die schlimmen Eigenschaften des Menschen gleichermaaßen ins Große züchten will, weil sie sich die Kraft zutraut, beide an die rechte Stelle zu setzen,—an die Stelle, wo sie beide einander noth thun. Aber wer also heute nach Philosophen sucht, welche Aussicht hat er, zu finden, was er sucht? Ist es nicht wahrscheinlich, daß er, mit der besten Diogenes-Laterne suchend, umsonst Tags und Nachts über herumläuft? Das Zeitalter hat die umgekehrten Instinkte: es will vor allem und zuerst Bequemlichkeit; es will zuzweit Öffentlichkeit und jenen großen Schauspieler-Lärm, jenes große Bumbum, welches seinem Jahrmarkts-Geschmacke entspricht; es will zudritt, daß Jeder mit tiefster Unterthänigkeit vor der größten aller Lügen—diese Lüge heißt “Gleichheit der Menschen”—auf dem Bauche liegt, und ehrt ausschließlich die gleichmachenden, gleichstellenden Tugenden. Damit aber ist es der Entstehung des Philosophen, wie ich ihn verstehe, von Grund aus entgegengerichtet, ob es schon in aller Unschuld sich ihm förderlich glaubt. In der That, alle Welt Jammert heute darüber, wie schlimm es früher die Philosophen gehabt hätten, eingeklemmt zwischen Scheiterhaufen, schlechtes Gewissen und anmaßliche Kirchenväter-Weisheit: die Wahrheit ist aber, daß eben darin immer noch günstigere Bedingungen zur Erziehung einer mächtigen, umfänglichen, verschlagenen und verwegen-wagenden Geistigkeit gegeben waren als in den Bedingungen des heutigen Lebens. Heute hat eine andere Art von Geist, nämlich der Demagogen-Geist, der Schauspieler-Geist, vielleicht auch der Biber- und Ameisen-Geist des Gelehrten für seine Entstehung günstige Bedingungen. Aber um so schlimmer steht es schon mit den höheren Künstlern: gehen sie denn nicht fast alle an innerer Zuchtlosigkeit zu Grunde? Sie werden nicht mehr von Außen her, durch die absoluten Werthtafeln einer Kirche oder eines Hofes, tyrannisirt: so lernen sie auch nicht mehr ihren “inneren Tyrannen” großziehen, ihren Willen. Und was von den Künstlern gilt, gilt in einem höheren und verhängnißvolleren Sinne von den Philosophen. Wo sind denn heute freie Geister? Man zeige mir doch heute einen freien Geist!— Nun! Reden wir nicht zu laut! Die Einsamkeit ist heute voller Geheimnisse und mehr Einsamkeit als je— — In der That, ich lernte inzwischen, daß der freie Geist Einsiedler sein muß.

37 [15]

Ein anderes demagogisches Talent unserer Zeit ist Richard Wagner: aber der gehört nach Deutschland.— Wirklich? Lasse man einmal eine umgekehrte Schätzung zu Worte kommen. Die Pariser mögen sich gegen Richard Wagner noch so sehr sperren und sträuben: zuletzt gehört er nach Paris, und jedenfalls mehr dorthin als in irgendeine andere Hauptstadt Europas. Zugegeben, daß die ihm verwandteste Art von Franzosen jetzt erst dort selber spärlich geworden sein mag:—ich meine jenen Nachwuchs des romantisme der dreißiger Jahre, unter denen er, in der entscheidendsten Zeit seines Lebens, hat leben wollen. Dort fühlte er sich selber verwandt und heimischer als in Deutschland, mit seiner ungeheuren Begierde nach erotischen Gerüchen und Farben und unerprobten neuen Ausschweifungen des Erhabenen, mit seinem sonnenarmen gequälten Glück an der Entdeckung des Häßlichen und Gräßlichen. Was suchten diese Romantiker Anderes, was fanden und erfanden sie Anderes als Richard Wagner? Waren sie nicht allesammt gleich ihm geistreich-krank, gewaltsam und ihrer selber unsicher, von der Litteratur beherrscht bis in ihre Augen und Ohren, meistens sogar selber Schreibende, Dichtende, Künstler des Ausdrucks um jeden Preis,—ich liebe Delacroix hinaus,—Vermittler und Vermenger der Künste und der Sinne selber, heraufgekommene Plebejer, welche [sich,] gleich Balzac, im Verlangen nach Glanz und Ruhm unersättlich und eines vornehmen tempo im Leben und Schaffen—eines lento—unfähig zeigten? Man gestehe es sich doch ein: wie viel Wagnerisches ist doch an dieser französischen Romantik! Auch jener hysterisch-erotische Zug, den Wagner am Weibe besonders geliebt und in Musik gesetzt hat, ist am besten gerade in Paris zu Hause: man frage nur die Irrenärzte—; und nirgendswo werden einmal die hypnotisirenden Griffe und Hand-Auflegungen, mit denen unser musikalischer Magus und Cagliostro seine Weiblein zur wollüstigen Nachtwandelei mit offnen Augen und geschlossenem Verstande zwingt und überredet, so gut verstanden werden als unter Pariserinnen. Die Nähe von krankhaften Begierden, die Brunst rasend gewordener Sinne, über welche der Blick durch Dünste und Schleier des Übersinnlichen auf gefährliche Weise getäuscht wird: wohin gehört das mehr als in die Romantik der französischen Seele? Hier wirkt ein Zauber, der unvermeidlich einmal noch die Pariser zu Wagner belehren wird.— Wagner aber soll durchaus der eigentlich deutsche Künstler sein: so dekretirt man heute in Deutschland, so verehrt man ihn, in einer Zeit, welche wieder einmal die prahlerische Deutschthümelei auf die Höhe bringt. Diesen “eigentlich deutschen” Wagner giebt es gar nicht: ich vermuthe, der ist die Ausgeburt sehr dunkler deutscher Jünglinge und Jungfrauen, welche sich mit diesem Dekrete selbst verherrlichen wollen. Daß irgend Etwas an Wagner deutsch sein mag, ist wahrscheinlich: aber was? Vielleicht nur der Grad, nicht die Qualität seines Wollens und Könnens? Vielleicht nur, daß er alles stärker, reicher, verwegener, härter gemacht hat als irgend ein Franzose des neunzehnten Jahrhunderts machen könnte? Daß er gegen sich selber strenger und den längsten Theil seines Lebens in deutscher Weise, auf eigne Faust, als unerbittlicher Atheist, Antinomist und Immoralist gelebt hat? Daß er die Figur eines sehr freien Menschen, des Siegfried, erdichtete, welche in der That zu frei, zu hart, zu wohlgemuth, zu unchristlich für den lateinischen Geschmack sein mag?— Freilich hat er auch diese Sünde wider die französische Romantik am Ende wieder quitt zu machen gewußt: der letzte Wagner in seinen alten Tagen ist mit seiner Siegfried-Caricatur, ich meine mit seinem Parsifal, nicht nur dem romantischen, sondern geradezu dem römisch-katholischen Geschmack entgegengekommen: bis er zuletzt gar noch mit einer Kniebeugung vor dem Kreuze und mit einem nicht unberedten Durste nach “dem Blute des Erlösers” Abschied genommen hat. Auch von sich selber! Denn es gehört bei altgewordnen Romantikern zur leidigen Regel, daß sie am Schlusse ihres Lebens sich selber “verleugnen” und verkennen und ihr Leben—durchstreichen!— Zuletzt sei noch gesagt: wenn jenes Geschlecht der dreißiger Jahre in Blut und Nerven die Erben und noch mehr die Opfer jener tragischen Erschütterungen jener napoleonischen Zeit sind,—Beethoven hat diesem Geschlechte in Tönen und Byron in Worten präludirt—wird es nicht erlaubt sein, an eine ähnliche Abkunft der Seele Richard Wagners zu denken? Er ist 1813 geboren.

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Ich beobachte, daß unter denen, welche jetzt in der Welt herumreisen, Niemand gern sich als Franzose angesehen sieht, wenn er es nicht ist. Als Engländer geschätzt zu werden, scheint einigen Nordländern, z. B. den Schweden, Vergnügen zu machen: der Engländer ist stolz. Der Deutsche genießt jetzt im Auslande einen Zuschuß von Erstaunen und Achtung, gegen frühere Zeiten gerechnet, aber er macht keine Freude; der Preuße insonderheit ist den Südländern Europas immer noch peinlich, nicht wegen seines Stolzes—denn er ist nicht stolz—sondern wegen seiner Unbescheidenheit und schlechten, harten, oft zudringlichen Manieren. Der Süddeutsche ist plump, bäurisch, gutmüthig und doch nicht vertraueneinflößend: man wittert bei ihm die berühmten “zwei Seelen in einer Brust.” [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Faust. 1, 1112. In: Goethe's sämmtliche Werke in vierzig Bänden. Bd. 11. Stuttgart; Augsburg; Tübingen: J. G. Cotta, 1854:47.]

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Man kann nicht hoch genug von den Frauen denken: aber deshalb braucht man noch nicht falsch von ihnen zu denken. Man soll darin gründlich auf der Hut sein. Daß sie selber imstande wären, die Männer über “das ewig-Weibliche” aufzuklären, ist unwahrscheinlich; sie stehn sich vielleicht zu nahe dazu,—und überdies ist alles Aufklären selber—bisher wenigstens—Männer-Sache und Männer-Gabe gewesen. Endlich darf man bei alledem, was Weiber über das Weib schreiben, ein gutes Mißtrauen sich vorbehalten: nämlich ob nicht, ganz unwillkürlich, ein Weib, auch wenn es schreibt, zuletzt thun muß, was—bisher wenigstens—ewig-weiblich war: nämlich “sich putzen”! Hat man jemals einem Weibskopfe schon Tiefe zugestanden? Und einem Weibsherzen—Gerechtigkeit? Ohne Tiefe aber und Gerechtigkeit—was nützt es, wenn Weiber “über das Weib” urtheilen? Mit der Liebe und dem Lobe selbst wenn man sich selber liebt und lobt, ist sicherlich die Gefahr nicht vermindert, ungerecht und flach zu sein. Mögen manche Frauen einen guten Grund haben, zu denken, daß ihnen die Männer nicht mit Lob und Liebe entgegenkommen: ganz im Großen gerechnet, dünkt mich, daß bisherdas Weibam meisten von den Weibern gering geachtet worden ist—und durchaus nicht vom Manne!

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Ein Mensch, der nach Großem strebt, betrachtet Jedermann , dem er auf seiner Bahn begegnet, entweder als Mittel oder Verzögerung oder als zeitweiliges Ruhebett. Seine ihm eigenthümliche hochgeartete Güte gegen Mitmenschen ist nicht möglich, wenn er auf seiner Höhe ist und herrscht. Die Ungeduld und das Gefühl, bis dahin immer zur Komödie verurtheilt zu sein, verdirbt ihm jeden Umgang: diese Art Mensch kennt die Einsamkeit und was sie vom Giftigsten an sich hat.

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