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Sommer-Herbst 1884 26 [401-469]

26 [401]

Auch ein Philosoph muß sich zusprechen, wie jener Diplomat: “mißtrauen wir unseren ersten Regungen: sie sind fast immer gut.”

26 [402]

Bismarck: so fern von der deutschen Philosophie als ein Bauer oder ein Korpsstudent. Mißtrauisch gegen die Gelehrten. Das gefällt mir an ihm. Er hat alles weggeworfen, was ihm die dumme deutsche Bildung (mit Gymnasien und Universitäten) hat beibringen wollen.— Und er liebt ersichtlich eine gute Mahlzeit mit starkem Wein mehr als die deutsche Musik: welche meist nur eine feinere weibsartige Hypokrisie und Vermäntelung für die alte deutsche Manns-Neigung zum Rausche ist. Er hat seine braven Beschränktheiten festgehalten, nämlich die gegen Gott und König: und später noch, wie billig, die Beschränktheit hinzugefügt, welche jeder hat, der etwas geschaffen hat, die Liebe zu seinem Werk (ich meine zum deutschen Reich)

26 [403]

Michelet: schwitzende Sympathie, etwas Pöbelhaftes daran, wie als ob er den Rock auszöge, vor einer Arbeit. Volks-Tribun: er kennt auch die Raubthier-Wuthanfälle des Volks. Alles, was mir gefällt, ist ihm fremd. Montaigne so gut als Napoleon. Seltsam, auch er, der arbeitsame sittenstrenge Mensch, hat die neugierige Geschlechts-Lüsternheit des Galliers. [Vgl. Paul Bourget, Essais de Psychologie Contemporaine. Paris: Lemerre, 1883:224. Karl Hillebrand, Zeiten, Völker und Menschen. Bd.2. Wälsches und Deutsches. Berlin: R. Oppenheim, 1875:140ff. Hippolyte Taine, Essais de critique et d'histoire. 2 édition. Paris: Hachette, 1866:176ff.]

26 [404]

Sainte-Beuve—stille Wuth aller feineren Franzosen über die “furchtbare Dummheit”—: möchte gern verleugnen, daß ihm alle Philosophie fehlt, ebenso aller Charakter, ja sogar, was nach Beiden nicht Wunder nimmt, aller feste Geschmack in artibus et litteris. Er weiß weder mit den starken Seiten Voltaire’s, noch mit Montaigne, Charron, Chamfort, Larochefoucauld, Stendhal zurecht zu kommen:—Er ärgert sich nämlich, mit einer Art Neid, über die Thatsache, daß diese Menschenkenner alle auch noch einen Willen und Charakter im Leibe haben.

26 [405]

Die Art Hölderlin und Leopardi: ich bin hart genug, um über deren Zugrundegehen zu lachen. Man hat eine falsche Vorstellung davon. Solche Ultra-Platoniker, denen immer die Naivetät abgeht, enden schlecht. Irgend Etwas muß derb und grob sein am Menschen: sonst geht er auf eine lächerliche Weise zu Grunde vor lauter Widersprüchen mit den einfachsten Thatsachen: z. B. mit der Thatsache, daß ein Mann von Zeit zu Zeit ein Weib nöthig hat, wie er von Zeit zu Zeit eine rechtschaffene Mahlzeit nöthig hat. Zuletzt haben die Jesuiten herausgebracht, daß Leop[ardi] — — —

26 [406]

In meiner Jugend, wo ich Vielerlei war, zum Beispiel auch Maler, habe ich einmal ein Bild von Richard Wagner gemalt, unter dem Titel: Richard Wagner in Bayreuth. Einige Jahre später sagte ich mir: “Teufel! es ist gar nicht ähnlich.” Noch ein paar Jahre später antwortete ich “um so besser! um so besser!”— In gewissen Jahren des Lebens hat man ein Recht, Dinge und Menschen falsch zu sehen,—Vergrößerungsgläser, welche die Hoffnung uns giebt.

Als ich 21 Jahre alt war, war ich vielleicht der einzige Mensch in Deutschland, der diese Zwei, der zugleich Richard Wagner und Schopenhauer mit Einer Begeisterung liebte. Einige meiner Freunde wurden angesteckt.

Im Grunde bin ich durch Händel — — —

Als Knabe liebte ich Händel und Beethoven: aber Tristan und Isolde kam, als ich 17 Jahre alt war, hinzu, als eine mir verständliche Welt. Während ich damals den Tannhäuser und Lohengrin als “unterhalb meines Geschmacks” empfand: Knaben sind in Sachen des Geschmacks ganz unverschämt stolz.

26 [407]

Der Gesetzgeber der Zukunft.

Menschen, vor denen das Bild einer ungeheuren Aufgabe aufzudämmern beginnt, suchen ihr zu entrinnen: und man wird die kühnsten und verwegensten Versuche bei großen Menschen finden, irgendwohin zu entschlüpfen, z.B. sich einzureden a) die Aufgabe ist schon gelöst b) oder sie ist unlösbar c) oder ich bin zu schwach für sie d) meine Pflicht, meine Moralität weist sie ab als unmoralisch— e) oder sich fragen: wer muthet mir diese Aufgabe zu? Niemand. Skepsis gegen alle schweren Missionen.— Vielen gelingt es auszuweichen, es giebt ein feines schlechtes Gewissen für solche. Zuletzt ist es eine Frage der Kraft: wie groß fühlt man seine Verantwortlichkeit?

Nachdem ich lange mit dem Worte “Philosoph” einen bestimmten Begriff zu verbinden suchte, fand ich endlich, daß es zwei Arten giebt 1) solche welche irgend einen großen Thatbestand festzustellen suchen 2) solche, welche Gesetzgeber der Werthschätzungen sind. Die Ersten suchen sich der vorhandenen oder vergangenen Welt zu bemächtigen, indem sie das Geschehen in Zeichen zusammenfassen: ihnen liegt daran, übersichtlich, überdenkbar, faßbar, handlich zu machen—sie dienen der Aufgabe des Menschen, alle Dinge zu seinem Nutzen zu verwenden. Die Zweiten aber befehlen und sagen: so soll es sein! sie bestimmen erst den Nutzen, was Nutzen des Menschen ist; sie verfügen über die Vorarbeit der wissenschaftlichen Menschen, aber das Wissen ist ihnen nur ein Mittel zum Schaffen. In der That ist ihre Lage ungeheuer, und sie haben sich oft die Augen zugebunden z. B. Plato, als er einst vermeinte, das Gute nicht festzusetzen, sondern es als etwas Ewiges vorzufinden. Und in gröberen Formen, nämlich bei den Religionsstiftern, ist ihr “Du sollst” ihnen als Befehl ihres Gottes zugekommen: wie im Falle Muhameds, ihre Gesetzgebung der Werthe galt ihnen als eine “Eingebung,” und daß sie sie ausführten, als ein Akt des Gehorsams. —

Sobald nun jene Vorstellungen dahingefallen sind 1) die von Gott 2) die von ewigen Werthen: entsteht die Aufgabe des Gesetzgebers der Werthe in furchtbarer Größe. Die Mittel der Erleichterung, welche man früher hatte, sind dahin. Das Gefühl ist so schrecklich, daß ein solcher Mensch Zuflucht sucht

1) beim absoluten Fatalismus: die Dinge gehn ihren Gang und der Einfluß des Einzelnen ist gleichgültig

2) beim intellektuellen Pessimismus: die Werthe sind Täuschungen, es giebt an sich gar kein “Gut und Böse” usw. Aber der intellektuelle Pessimismus wirft auch den Fatalismus um, er zeigt, daß das Gefühl “Nothwendigkeit” und “Causalität“ erst von uns hineingelegt worden ist,

3) bei der absichtlichen Selbst-Verkleinerung.

2.

Der Entschluß

3.

Das neue Problem: das Mittel der Mittheilung, und die ganze Frage der Wahrhaftigkeit

4.

Das Problem der Züchtung, weil ein Einzelner zu kurz lebt.

26 [408]

Es ist sehr gleichgültig, ob nun mein damaliges Bild des Künstlers oder des Philosophen, in Hinsicht auf das vielleicht zufällig mir dargebotene Subjekt (Richard Wagner), falsch ist: vielleicht, daß der Irrthum sogar ins Ungeheuerlichc geht, was liegt daran!

Nach langen Jahren, welche aber nichts weniger waren als lange Unterbrechungen, fahre ich fort, auch öffentlich das wieder zu thun, was ich für mich immer thue und immer gethan habe: nämlich Bilder neuer Ideale an die Wand zu malen.

26 [409]

Wie kommen Menschen zu einer großen Kraft und zu einer großen Aufgabe?— Alle Tugend und Tüchtigkeit am Leibe und an der Seele ist mühsam und im Kleinen erworben worden, durch viel Fleiß, Selbstbezwingung, Beschränkung auf Weniges, durch viel zähe treue Wiederholung der gleichen Arbeiten, der gleichen Entsagungen: aber es giebt Menschen, welche die Erben und Herren dieses langsam erworbenen vielfachen Reichthums an Tugenden und Tüchtigkeiten sind—weil, auf Grund glücklicher und vernünftiger Ehen und auch glücklicher Zufälle, die erworbenen und gehäuften Kräfte vieler Geschlechter nicht verschleudert und versplittert, sondern durch einen festen Ring und Willen zusammengebunden sind. Am Ende nämlich erscheint ein Mensch, ein Ungeheuer von Kraft, welches nach einem Ungeheuer von Aufgabe verlangt. Denn unsere Kraft ist es, welche über uns verfügt: und das erbärmliche geistige Spiel von Zielen und Absichten und Beweggründen nur ein Vordergrund—mögen schwache Augen auch hierin die Sache selber sehen.

26 [410]

Der Glaube an Ursache und Wirkung, und die Strenge darin ist das Auszeichnende für die wissenschaftlichen Naturen, welche darauf aus sind, die Menschen-Welt zu formuliren, das Berechenbare festzustellen. Aber die mechanistisch-atomistische Welt-Betrachtung will Zahlen. Sie hat noch nicht ihren letzten Schritt gethan: der Raum als Maschine, der Raum endlich.— Damit ist aber Bewegung unmöglich: Boscovich—die dynamische Welt-Betrachtung [Vgl. Roger Joseph Boscovich, Philosophiae naturalis theoria redacta ad unicam legem virium in natura existentium. Auctore P. Rogerio Josepho Boscovich, societatis Jesu, publico matheseos professore in collegio romano. Vienna: Bernard, 1759.]

26 [411]

Daß die mechanistisch-atomistische Entwicklung nur ein System von Zeichen schaffen will: sie verzichtet auf Erklärungen, sie giebt den Begriff “Ursache und Wirkung” auf.

26 [412]

Kants Ruhm ist heute ins Unbillige hinaufgetrieben, weil die vielen Kritiker eines kritischen Zeitalters ihre Cardinal-Tugend in ihm wiederfanden: sie loben sich, wenn sie vor Kant huldigen. Aber alle bloß kritischen Naturen sind zweiten Ranges, gehalten gegen die großen Synthetiker: an sie streift der unermeßliche Ehrgeiz Hegel’s, der deshalb immer noch im Auslande als der größte deutsche Geist empfunden wird.

Schopenhauers Ruhm hängt ebenfalls von der Zeit ab: eine verdrossene hoffnungslose entblätterte Zeit hat seine Denkweise hochgehoben, die 50er Jahre Deutschlands. In Frankreich “blüht” er jetzt. Sein Ruhm ist übertrieben. In ihm ist ein Zug Mystik und Unklarheit mehr als bei Kant: damit verführt er unsere d[eutschen] Jünglinge.— Anderseits bringt er für unsere schlecht erzogene Jugend mancherlei Wissenschaft und interessirt; auch citirt er gute Bücher und leidet, ebenso wenig als Friedrich der Große und Bismarck, an jener niaiserie allemande, [Vgl. Prosper Mérimée, Lettres à une inconnue. Précédées d'une étude sur Mérimée par H. Taine. Vol. 1. Paris: Michel Lévy Frères, 1874:328.] die dem Ausländer an unseren besten Köpfen auffällt (selbst an Goethe) Er ist einer der bestgebildeten Deutschen, das will sagen ein Europäer. Ein guter Deutscher—man verzeihe mir’s, wenn ich es zehnmal wiederhole—ist kein Deutscher mehr. —

Fichte, Schelling, Hegel Feuerbach Strauß—das stinkt Alles nach Theologen und Kirchenvätern. Davon ist Schopenhauer ziemlich frei, man athmet bessere Luft, man riecht sogar Plato. Kant schnörkelhaft-schwerfällig: man merkt, daß die Griechen noch gar nicht entdeckt waren. Homer und Plato klangen nicht in diese Ohren.

26 [413]

Die Naturwissenschaften haben sich ins Bockshorn jagen lassen mit der Rede von der “Erscheinungswelt”; es waltet da ein ganz mythologischer Begriff “reines Erkennen,” mit dem da gemessen wird. Das ist “hölzernes Eisen” so gut wie “Ding an sich.” Die bisherigen Philosophen haben als ihr Hauptproblem meistens eine contradictio in adjecto.

26 [414]

Unsere Werthschätzungen bestimmen welche Dinge überhaupt wir acceptiren und wie wir sie acceptiren. Diese Werthschätzungen aber sind eingegeben und regulirt von unserem Willen zur Macht.

26 [415]

“Die Attitüde (Drama) ist das Ziel; die Musik nur ein Mittel zur Verstärkung ihres Eindrucks”—ist die Praxis Richard Wagner’s

26 [416]

Daß so etwas wie Spinozas amor dei wieder erlebt werden konnte, ist sein großes Ereigniß. Gegen Teichmüller’s Hohn darüber, daß es schon da war! [Vgl. Gustav Teichmüller, Die wirkliche und die scheinbare Welt. Neue Grundlegung der Metaphysik. Breslau: Koebner, 1882.] Welch Glück, daß die kostbarsten Dinge zum zweiten Male da sind!— Alle Philosophen! Es sind Menschen, die etwas Außerordentliches erlebt haben

26 [417]

Ich freue mich der militärischen Entwicklung Europa’s, auch der inneren anarchistischen Zustände: die Zeit der Ruhe und des Chinesenthums, welche Galiani für dies Jahrhundert voraussagte, ist vorbei. Persönliche männliche Tüchtigkeit, Leibes-Tüchtigkeit bekommt wieder Werth, die Schätzungen werden physischer, die Ernährung fleischlicher. Schöne Männer werden wieder möglich. Die blasse Duckmäuserei (mit Mandarinen an der Spitze, wie Comte es träumte) ist vorbei. Der Barbar ist in Jedem von uns bejaht, auch das wilde Thier. Gerade deshalb wird es mehr werden mit den Philosophen.— Kant ist eine Vogelscheuche, irgendwann einmal!

26 [418]

Mérimée sagt von einigen lyrischen Gedichten Pouschkin’s “griechisch durch Wahrheit und Einfachheit, très supérieurs pour la précision et la netteté.” [Vgl. Prosper Mérimée, Lettres à une inconnue. Précédées d'une étude sur Mérimée par H. Taine. Vol. 2. Paris: Michel Lévy Frères, 1874:137.]

26 [419]

Wie die Pasta einmal gegen Mérimée bemerkte: “man hat seit Rossini keine Oper gemacht, welche Einheit hätte und wo die Stücke alle zusammenhalten. Das, was Verdi z. B. macht, gleicht alles einer Harlekins-Jacke.” [Vgl. Prosper Mérimée, Lettres à une inconnue. Précédées d'une étude sur Mérimée par H. Taine. Vol. 2. Paris: Michel Lévy Frères, 1874:21.]

26 [420]

In Allem, was Goethe gemacht hat, sagt Mérimée, giebt es eine Mischung von Genie und von deutscher niaiserie (gut! das ist deutsch!) “moquirt er sich über sich selber oder über die Anderen?” —Wilhelm Meister: die schönsten Dinge von der Welt abwechselnd mit den lächerlichsten Kindereien. [Vgl. Prosper Mérimée, Lettres à une inconnue. Précédées d'une étude sur Mérimée par H. Taine. Vol. 1. Paris: Michel Lévy Frères, 1874:328.]

26 [421]

Après tout, il y a de bons moments, et le souvenir de ces bons moments est plus agréable que le souvenir des mauvais n’est triste. Mérimée. [Vgl. Prosper Mérimée, Lettres à une inconnue. Précédées d'une étude sur Mérimée par H. Taine. Vol. 1. Paris: Michel Lévy Frères, 1874:317.]

26 [422]

“Der Einfluß der Frauen, nicht vom Christenthum her, sondern vom Einfluß der nordischen Barbaren auf die römische Gesellschaft. Die Germanen hatten exaltation, sie liebten die Seele. Die Römer liebten nur den Leib. Es ist wahr, daß die Weiber lange Zeit keine Seele hatten. Sie haben sie noch nicht im Orient—schade!” Mérimée. [Vgl. Prosper Mérimée, Lettres à une inconnue. Précédées d'une étude sur Mérimée par H. Taine. Vol. 1. Paris: Michel Lévy Frères, 1874:167.]

26 [423]

In der Fremde leben ist für den alten Griechen das größte aller Malheurs. Aber gar darin sterben: es giebt nichts Erschrecklicheres für seine Einbildungskraft. Mérimée. [Vgl. Prosper Mérimée, Lettres à une inconnue. Précédées d'une étude sur Mérimée par H. Taine. Vol. 1. Paris: Michel Lévy Frères, 1874:79.]

26 [424]

Der erste Sinnen-Eindruck wird bearbeitet vom Intellekt: vereinfacht, nach früheren Schematen zurechtgemacht, die Vorstellung der Erscheinungswelt ist als Kunstwerk unser Werk. Aber das Material nicht—Kunst ist eben das, was die Hauptlinien unterstreicht, die entscheidenden Züge übrig behält, Vieles wegläßt. Dies absichtliche Umgestalten in etwas Bekanntes, dies Fälschen

“Historischer Sinn” ist dasselbe: ist den Franzosen gut gelehrt durch Taine, die Hauptthatsachen voran (Rangordnung der facta feststellen ist das Produktive des Historikers). Das Nachfühlen-können, die Impression haben ist freilich die Voraussetzung: deutsch.

26 [425]

[Vgl. Francis Galton, Inquiries into Human Faculty and its Development. London: Macmillan, 1883:72f., 77.]

Weshalb der Philosoph selten geräth: zu seinen Bedingungen gehören Eigenschaften, die gewöhnlich einen Menschen zu Grunde richten:

1) eine ungeheure Vielheit von Eigenschaften, er muß eine Abbreviatur des Menschen sein, aller seiner hohen und niederen Begierden: Gefahr der Gegensätze, auch des Ekels an sich
2) er muß neugierig nach den verschiedensten Seiten sein—Gefahr der Zersplitterung
3) er muß gerecht und billig im höchsten Sinne sein, aber tief auch in Liebe Haß (und Ungerechtigkeit)
4) er muß nicht nur Zuschauer, sondern Gesetzgeber sein—Richter und Gerichteter (insofern er eine Abbreviatur der Welt ist)
5) äußerst vielartig, und doch fest und hart. Geschmeidig.

26 [426]

Die Philosophen der Zukunft.
Von
Friedrich Nietzsche.

26 [427]

Petronius: hellster Himmel, trockene Luft, presto der Bewegung: kein Gott, der im Miste liegt; nichts Unendliches, nichts Lüstern-Heiliges, nichts vom Schweine des St. Antonius. Wohlwollender Hohn; ächter Epicureismus; — — —

26 [428]

“Wird es überhaupt noch Philosophen geben? Oder sind sie überflüssig? Es ist genug jetzt als Überrest von ihnen in Fleisch und Blut von uns allen. Man wird auch keine Religionsstifter mehr haben: es sterben die größten Thiere aus.”— Dagegen sage ich: — — —

26 [429]

Aus dem Unbedingten kann nichts Bedingtes entstehen. Nun aber ist alles, was wir kennen, bedingt. Folglich giebt es gar kein Unbedingtes, es ist eine überflüssige Annahme.

26 [430]

Kein idealistischer Philosoph läßt sich über sein Mittagessen täuschen, als sei es nur eine perspektivische und von ihm ausgedachte Erscheinung.

26 [431]

Daß “Kraft” und “Raum” nur zwei Ausdrücke und verschiedene Betrachtungsarten derselben Sache sind: daß “leerer Raum” ein Widerspruch ist, ebenso wie “absoluter Zweck” (bei Kant), “Ding an sich” (bei Kant) “unendliche Kraft” “blinder Wille”— — —

26 [432]

Wenn ich an meine philosophische Genealogie denke, so fühle ich mich im Zusammenhang mit der antiteleologischen, d. h. spinozistischen Bewegung unserer Zeit, doch mit dem Unterschied, daß ich auch “den Zweck” und “den Willen” in uns für eine Täuschung halte; ebenso mit der mechanistischen Bewegung (Zurückführung aller moralischen und aesthetischen Fragen auf physiologische, aller physiologischen auf chemische, aller chemischen auf mechanische) doch mit dem Unterschied, daß ich nicht an “Materie” glaube und Boscovich für einen der großen Wendepunkte halte, wie Copernicus; daß ich alles Ausgehen von der Selbstbespiegelung des Geistes für unfruchtbar halte und ohne den Leitfaden des Leibes an keine gute Forschung glaube. Nicht eine Philosophie als Dogma, sondern als vorläufige Regulative der Forschung. [Vgl. Roger Joseph Boscovich, Philosophiae naturalis theoria redacta ad unicam legem virium in natura existentium. Auctore P. Rogerio Josepho Boscovich, societatis Jesu, publico matheseos professore in collegio romano. Vienna: Bernard, 1759.]

26 [433]

Einem Menschen wie Sie sind, kann diese Philosophie nicht gefährlich sein. Ich glaube überhaupt nicht daran, daß Philosophien gefährlich sind. Die Menschen sind so und so—wozu sollte ich deutlicher reden!—und brauchen Kleiderchen und Masken um sich dennoch schön zu präsentiren: zu diesen Masken gehören die Philosophien.

26 [434]

Eine untergehende Welt ist ein Genuß, nicht nur für den Betrachter (sondern auch für den Vernichtenden). Der Tod ist nicht nur nothwendig, “häßlich” ist nicht genug, es giebt Größe, Erhabenheit aller Art bei untergehenden Welten. Auch Süßigkeiten, auch Hoffnungen und Abendröthen. Europa ist eine untergehende Welt. Demokratie ist die Verfalls-Form des Staates.

26 [435]

Montaigne, als Schriftsteller, ist oft “auf dem Gipfel der Vollkommenheit durch Lebhaftigkeit, Jugend und Kraft. Il a la grâce des jeunes animaux puissants.— L’admirable vivacité et l’étrange énergie de sa langue. Er gleicht Lucrez pour cette jeunesse virile. Un jeune chêne tout plein de sève, d’un bois dur et avec la grâce des premières années.” Doudan. [Vgl. Ximénès Doudan, Pensées et fragments suivis des révolutions du goût. Paris: Calmann Lévy, 1881:33.]

26 [436]

“ich fange an zu glauben, cette race douce, énergique, méditative et passionnée hat immer nur in den Büchern existirt.” Doudan, über die Deutschen. [Vgl. Ximénès Doudan, Mélanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. 3. Paris: Calmann Lévy, 1879:361. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Ximénès Doudan.]

26 [437]

Ich halte, mit Doudan, die große Mehrzahl der Musiker für Charlatans und auch für dupes —

chantaient déjà, faute d’idées. [Vgl. Ximénès Doudan, Mélanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. 3. Paris: Calmann Lévy, 1879:330. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Ximénès Doudan.]

26 [438]

Was soll man von dem französischen Geschmack halten! Doudan sagt: c’est un bruit dans les oreilles et un petit mal de cœur indéfinissable qu’on n’aime pas à sentir. [Vgl. Ximénès Doudan, Mélanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. 3. Paris: Calmann Lévy, 1879:321-322. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Ximénès Doudan.]

26 [439]

“Motu quiescunt”—vom Glück der Aktivität, “la volonté désennuie” Doudan. [Vgl. Ximénès Doudan, Mélanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. 3. Paris: Calmann Lévy, 1879:163f. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Ximénès Doudan.]

26 [440]

Nur der echte Philosoph ist ein verwegenes Thier und spricht zu sich wie Turenne: “Carcasse, tu trembles? Tu tremblerais bien davantage, si tu savais où je te mène.” [Vgl. Ximénès Doudan, Mélanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. 3. Paris: Calmann Lévy, 1879:31f. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Ximénès Doudan.]

26 [441]

Die Bewunderung für Cicero: c’est une aimable et noble créature. Le petit parvenu d’Arpinum est tout simplement le plus beau résultat de toute la longue civilisation qui l’avait précédé. Je ne sais rien de plus honorable pour la nature humaine que l’état d’âme et d’esprit de Cicéron. Doudan. [Vgl. Ximénès Doudan, Mélanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. 3. Paris: Calmann Lévy, 1879:23. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Ximénès Doudan.]



l’habitude d’admirer l’inintelligible au lieu de rester tout simplement dans l’inconnu: was für ravages hat sie in den Geistern der neuen Zeit hervorgebracht! Doudan. [Vgl. Ximénès Doudan, Mélanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. 3. Paris: Calmann Lévy, 1879:24. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Ximénès Doudan.]

Er hatte zwischen sich und der Natur aucun de ces fantômes imposants, mais informes, qui ravissaient Saint Antoine dans le désert et Saint Ignace de Loyola dans le monde. [Vgl. Ximénès Doudan, Mélanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. 3. Paris: Calmann Lévy, 1879:24. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Ximénès Doudan.]

“il y a quelque chose de Cicéron dans Voltaire” [Vgl. Ximénès Doudan, Mélanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. 3. Paris: Calmann Lévy, 1879:24. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Ximénès Doudan.]

26 [442]

Der deutsche Mystiker

Die großen Selbst-Bewunderungen und die großen Selbst-Verachtungen und -Verkleinerungen gehören zu einander: der Mystiker, der sich bald Gott, bald Wurm fühlt. Was hier fehlt, ist das Selbst-Gefühl. Es scheint mir daß Bescheidenheit und Stolz eng zu einander gehören, und nur Urtheile je nach dem, wohin man blickt. Das Gemeinsame ist: der kalte sichere Blick der Schätzung in beiden Fällen. Es gehört übrigens zur guten Diät, nicht unter Menschen zu leben, mit denen man sich gar nicht vergleichen darf, sei es aus Bescheidenheit, sei es aus Stolz. Diese Diät ist eine aristokratische Diät. Gewählte Gesellschaft—lebende und todte.— Fatum ist ein erhebender Gedanke für den, welcher begreift, daß er dazu gehört.

26 [443]

In Pascal zum ersten Mal in Frankreich la raillerie sinistre et tragique,—“la comédie et la tragédie tout ensemble.” Von den Provinciales. [Vgl. Ximénès Doudan, Melanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. II. Paris: Calmann Lévy, 1878:586.]

26 [444]

Von Genua sagt Doudan: On peut porter là les grandes tristesses sans souffrir d’aucun contraste. [Vgl. Ximénès Doudan, Melanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. II. Paris: Calmann Lévy, 1878:487.]

26 [445]

Schleiermacher: die deutschen Philosophen

26 [446]

Renan, von dem Doudan sagt: “er giebt den Leuten seiner Generation, was sie in allen Sachen wollen, des bonbons, qui sentent l’infini.” “Ce style rêveur, doux, insinuant, tournant autour des questions sans beaucoup les serrer, à la manière des petits serpents. C’est aux sons de cette musique-là, qu’on se résigne à tant s’amuser de tout, qu’on supporte des despotismes en rêvassant à la liberté[Vgl. Ximénès Doudan, Melanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. II. Paris: Calmann Lévy, 1878:458f.]

26 [447]

Über Taine “mais que cela est rouge, bleu, vert, orange, noir, nacre, opale, iris et pourpre! ... c’est une boutique de marchand de couleurs. Mit Mirabeau le père sagen: quel tapage de couleurs! [Vgl. Ximénès Doudan, Melanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. II. Paris: Calmann Lévy, 1878:417.]

26 [448]

Das Auge, wenn es sieht, thut genau dasselbe, was der Geist thut um zu begreifen. Es vereinfacht das Phänomen, giebt ihm neue Umrisse, ähnelt es früher Gesehenem an, führt es zurück auf Früher-Gesehenes, bildet es um, bis es faßlich, brauchbar wird. Die Sinne thun dasselbe wie der “Geist”: sie bemächtigen sich der Dinge, ganz so wie die Wissenschaft eine Überwältigung der Natur in Begriffen und Zahlen ist. Es giebt nichts darin, was “Objektiv” sein will: sondern eine Art Einverleibung und Anpassung, zum Zweck der Ernährung.

26 [449]

Ich fand noch keinen Grund zur Entmuthigung. Wer sich einen starken Willen bewahrt und anerzogen hat, zugleich mit einem weiten Geiste, hat günstigere Chancen als je. Denn die Dressirbarkeit der Menschen ist in diesem demokratischen Europa sehr groß geworden; Menschen welche leicht lernen, leicht sich fügen, sind die Regel: das Heerdenthier, sogar höchst intelligent, ist präparirt. Wer befehlen kann, findet die, welche gehorchen müssen: ich denke z. B. an Napoleon und Bismarck. Die Concurrenz mit starkem und unintelligentem Willen, welcher am meisten hindert, ist gering. Wer wirft diese Herren “Objektiven” mit schwachem Willen, wie Ranke oder Renan, nicht um!

26 [450]

Gelehrte. Diese “Objektiven,” Nur-Wissenschaftlichen sind zuletzt gewissenhaft und lobenswerth und bleiben in den Grenzen ihres Vermögens, von irgend einer hochgeschätzten Sache zu zeigen, daß etwas Widersinniges dahinter ist, [sie] folglich, intellektuell gemessen, weniger Werth hat als man durchschnittlich glaubt. Nämlich, über logische Werthgrade fühlen sie sich allein berechtigt, mitzuurtheilen, mitzureden; sie selber haben keinen anderen Werth als logisch zu sein.

26 [451]

Man muß zu heftigen Bewunderungen fähig sein, und mit Liebe vielen Sachen ins Herz kriechen: sonst taugt man nicht zum Philosophen. Graue kalte Augen wissen nicht, was die Dinge werth sind; graue kalte Geister wissen nicht, was die Dinge wiegen. Aber freilich: man muß eine Gegenkraft haben: einen Flug in so weite hohe Fernen, daß man auch seine bestbewunderten Dinge tief, tief unter sich sieht, und sehr nahe dem, was man vielleicht verachtete.— Ich habe meine Proben gemacht, als ich mich nicht durch die große politische Bewegung Deutschlands, noch durch die künstlerische Wagners, noch durch die philosophische Schopenhauers von meiner Hauptsache habe abspänstig machen lassen: doch ward es mir schwer, und zeitweilig war ich krank daran.

26 [452]

Ich will Niemanden zur Philosophie überreden: es ist nothwendig, es ist vielleicht auch wünschenswerth, daß der Philosoph eine seltene Pflanze ist. Nichts ist mir widerlicher als die lehrhafte Anpreisung der Philosophie, wie bei Seneca oder gar Cicero. Philosophie hat wenig mit Tugend zu thun. Es sei mir erlaubt zu sagen: daß auch der wissenschaftliche Mensch etwas Grundverschiedenes vom Philosophen ist.— Was ich wünsche, ist, daß der ächte Begriff des Philosophen in Deutschland nicht ganz und gar zu Grunde gehe. Es giebt so viele halbe Wesen aller Art in Deutschland, welche ihr Mißrathensein gern unter einem so vornehmen Namen verstecken möchten.

26 [453]

Was die Dinge werth sind abzuschätzen: dazu genügt nicht, daß man sie kennt: ob es schon nöthig ist. Man muß ihnen Werth zugestehen dürfen, geben und nehmen dürfen, genug, man muß Einer sein, der das Recht hat, Werthe zu vergeben. Daher heute die vielen “Objektiven”: sie sind bescheiden und ehrlich, sich das Recht abzustreiten.

26 [454]

[Vgl. Hippolyte Taine, Notes sur l'Angleterre. Paris: Hachette, 1871:350f.]

Victor Hugo: reich und überreich an pittoresken Einfällen, mit Maler-Augen auf alles Sichtbare sehend, ohne Geschmack und Zucht, flach und demagogisch, sklavisch vor allen klingenden Worten auf dem Bauch, ein Volks-Schmeichler, mit der Evangelisten-Stimme für alle Niedrigen, Mißrathenen, Unterdrückten, aber ohne eine Ahnung von intellektuellem Gewissen und vornehmer Größe. Sein Geist wirkt auf die Franzosen in der Art eines alkoholischen Getränks, das zugleich berauscht und dumm macht. Die Ohren klingen Einem, wenn sein betäubendes Geschwätz losgeht: und man leidet, wie wenn ein Eisenbahn-Zug uns durch einen dunklen Tunnel fährt.

Flaubert: falsche Gelehrsamkeit. Emphase. [Vgl. Prosper Mérimée, Lettres à une inconnue. Précédées d'une étude sur Mérimée par H. Taine. Vol. 2. Paris: Michel Lévy Frères, 1874:208f. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Prosper Mérimée.]

Von Rossini: kein Schauspieler kam ihm gleich, wenn er den Barbier von Sevilla sang. Einer der geistreichsten Menschen. [Vgl. Prosper Mérimée, Lettres à une inconnue. Précédées d'une étude sur Mérimée par H. Taine. Vol. 2. Paris: Michel Lévy Frères, 1874:338. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Prosper Mérimée.]

26 [455]

“Die großen Worte, die Monstra von Ereignissen—zunehmend. Immer gab es sonst, in barbarischen unwissenden absurden Zeitaltern eine Art Compensation durch einige ganz große Menschen. Jetzt schnelles tiefes nivellement aller Intelligenzen.” [Vgl. Prosper Mérimée, Lettres à une inconnue. Précédées d'une étude sur Mérimée par H. Taine. Vol. 2. Paris: Michel Lévy Frères, 1874:350. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Prosper Mérimée.]

26 [456]

Daß ein Beefsteak nur eine Erscheinung sein soll, eigentlich aber das Ding an sich, so etwas wie das Absolutum oder der liebe Gott: das glaube, wer — — —

26 [457]

Bismarck: Bauer, Corps-Student: nicht gemütlich, nicht naiv, Gott sei Dank! Kein Deutscher, wie er “im Buche steht”!

26 [458]

Was ich lache über Flaubert, mit seiner Wuth über den bourgeois, der sich verkleidet, ich weiß nicht als was! Und Taine, als M. Graindorge, der durchaus Weltmann, Frauenkenner usw. sein will!

26 [459]

Meine Schulung zum Mißtrauen, zum :X:<0F@ •B4FJgÃ<—auch etwas zum Auslachen!

26 [460]

Problem: die Werthe “gut” “böse” “lobenswerth” usw. werden angelernt. Aber “feig” “muthig” “Hallunke” “Geduldig” werden angeboren und einverleibt. In Folge davon ist lernen und lernen etwas Verschiedenes: ein Charakter nimmt entgegen, ein anderer läßt sich etwas aufzwingen, ein dritter giebt nach, macht nach, ist Affe. Es giebt viel Widerstreben bei Anderen, bei mir z. B. viel gutwilliges Sich-Stellen, als ob ich annehme: während ich meine Entscheidung verschob: es war nur “vorläufig” und “zeitweilig.” Für mich allein glaubte ich an nichts davon. Ich habe keinen Menschen kennen gelernt, den ich in den allgemeinsten Urtheilen als Autorität empfunden hätte: während ich ein tiefes Bedürfniß nach einem solchen Menschen hatte.

26 [461]

Der Unfug Kant’s mit “Erscheinung.” Und wo er keine Erklärung findet, ein Vermögen anzusetzen! Dieser Vorgang war’s, worauf hin der große Schelling-Schwindel losgieng.

26 [462]

Eine gute Anzahl höherer und besser ausgestatteter Menschen wird wie ich hoffe, endlich so viel Selbstüberwindung haben, um den schlechten Geschmack für Attitüden und die sentimentale Dunkelheit von sich abzuthun, und gegen Richard Wagner ebenso sehr als gegen Schopenhauer [sich wenden]. Diese Deutschen verderben uns, sie schmeicheln unseren gefährlichsten Eigenschaften. Es liegt in Goethe, Beethoven und Bismarck eine kräftigere Zukunft vorbereitet, als in diesen Abartungen der Rasse. Wir haben noch keine Philosophen gehabt.

26 [463]

Die Corsen sind nicht liebenswürdig: und wer zur Heerde gehört, ärgert sich darüber.

26 [464]

Wenn Kant die Philosophie zur “Wissenschaft” reduziren wollte, so war dieser Wille eine deutsche Philisterei: an der mag viel Achtbares sein, aber gewiß noch mehr zum Lachen. Daß die “Positivisten” Frankreichs, oder die “Wirklichkeits-Philosophen” oder die “wissenschaftlichen Philosophen” an den jetzigen deutschen Universitäten ganz in ihrem Rechte sind, wenn sie sich als philosophische Arbeiter, als Gelehrte im Dienste der Philosophie benehmen, ist in schönster Ordnung. Ebenso daß sie nicht über sich selber hinaus sehen können und den Typus “Philosoph” nach ihrem Bilde sich zurechtmachen.

26 [465]

Mittag und Ewigkeit.

Eine Philosophie der ewigen Wiederkunft.

Von
Friedrich Nietzsche.

26 [466]

Adventavit asinus
Pulcher et fortissimus.
            Mysterium. [Vgl. Ximénès Doudan, Melanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d' Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. III. Paris: Calmann Lévy, 1878:416.]

26 [467]

Jenseits von Gut und Böse.
Briefe
an einen philosophischen Freund Satis.
“Satis sunt mihi pauci, satis est unus, satis est nullus.”
 
Von
Friedrich Nietzsche

26 [468]

Was ist vornehm?
Gedanken über die Rangordnung von Mensch und Mensch.
Von
Friedrich Nietzsche.

26 [469]

Aber den—kenne ich nicht. Oft, wahrlich, mochte ich glauben, auch er wäre nur eine schöne Heiligen-Larve

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