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Sommer-Herbst 1884 26 [201-300]

26 [201]

Daß auch die Empfindung des Schmerzes auf Illusion beruht p. 448 [Vgl. Paul Deussen, Das System des Vedânta nach den Brahma-Sûtra's des Bâdarâyana und dem Commentare des Çankara über dieselben als ein Compendium der dogmatik der Brahmanismus vom Standpunkte des Çankara. Aus dargestellt von Dr. Paul Deussen, Privatdocenten der Philosophie an der Universität zu Berlin. Leipzig: F. A. Brockhaus, 1883:448.]

26 [202]

NB. Für wen es nicht mühsam ist, sich den Zustand der gewöhnlichen Menschen vorzustellen, der ist kein höherer Mensch. Aber insofern ein Philosoph es wissen muß, wie der gewöhnliche Mensch beschaffen ist, muß er dieses Studium treiben: da hat mir z. B. Reè genützt, der mit ausgezeichneter Redlichkeit, und ohne das Errathen höherer Zustände, welches Künstler haben, bei allen eine Gemeinheit —

26 [203]

Die Grenzen des Menschen. Der Versuch zu machen, wie hoch und weit man den Menschen treiben kann:

— die Unlust am Menschen verleitete die Brahmanen, Plato usw. nach einer außermenschlichen göttlichen Daseinsform zu trachten—jenseits von Raum Zeit Vielheit usw. Die Unlust bezog sich auf das Inconstante, Täuschende, Wechselnde, “Stinkende” usw. Thatsächlich gab den Anlaß zur Lösung 1) die Ecstase 2) der tiefe Schlaf.

— nun könnte aber auch einmal das Lust- und Machtgefühl des Menschen nach einer weiteren Daseinsform trachten—eine Denkweise suchen, welche auch dem Inconstanten, Täuschenden, Wechselnden usw. sich gewachsen fühlte—die schaffende Lust. Grundsatz dabei: das Unbedingte kann nicht das Schaffende sein. Nur das Bedingte kann bedingen.

— Thatsächlich ist die vorhandene Welt, die uns etwas angeht, von uns geschaffen—von uns d. h. von allen organischen Wesen—sie ist ein Erzeugniß des organischen Prozesses, welcher dabei als produktiv-gestaltend, werthschaffend erscheint. Von ihm als Ganzem aus gesehen: ist alles Gut und Böse nur perspektivisch für Einzelnes oder einzelne Theile des Prozesses; im Ganzen aber ist alles Böse so nothwendig wie das Gute, der Untergang so nothwendig wie das Wachsthum

— die Welt des Unbedingten, wenn es existirte, wäre das Unproduktive.

aber man muß endlich begreifen, daß Existent und Unbedingt widersprechende Prädikate sind.

26 [204]

Die schöpferische Kraft (Gegensätze bindend, synthetisch)

26 [205]

Alle welche etwas repräsentiren z. B. Fürsten Priester usw. müssen so und so zu scheinen suchen, wenn sie nicht so und so sind—das geschieht fortwährend in den kleinsten Verhältnissen, denn im Verkehr mit Menschen repräsentirt Jeder immer Etwas, irgend einen Typus—darauf beruht der menschliche Verkehr, daß Jeder sich möglichst eindeutig, gleichdeutig benimmt: damit nicht zu viel Mißtrauen nöthig ist (eine Vergeudung geistiger Kraft!)

Man stellt sich in Verhältnisse, wo unsre geistige Aufmerksamkeit und Vorsicht nicht allzusehr angespannt wird—und schimpft, wenn es anders ist, gegen Jeden, der uns dazu zwingt.

Die großen Unruhe- Mißtrauen-stifter, die uns zwingen alle Kräfte zusammenzunehmen, werden furchtbar gehaßt—oder man unterwirft sich ihnen blindlings (es ist dies eine Ausspannung für beunruhigte Seelen —

— um keine solche souveränen Schrecklichen zu haben, erfindet man Democratie, Ostracismus, Parlamentarismus,—aber die Sache liegt in der Natur der Dinge.

Wenn der Abstand der Menschen sehr groß von einander ist—so bilden sich Formen darnach.

Daß die hochbegabten Naturen gehorchen lernen, ist schwer; denn nur höher begabten und vollkommeneren Naturen gehorchen sie, aber wie, wenn es diese nicht giebt!

26 [206]

Wie wir unverstandene körperliche Zustände als moralische Leiden auslegen—an uns, an unseren Mitmenschen uns dafür rächen —

26 [207]

Es entspricht dem Verhalten des Weisen in gewissem Sinn das Verhalten des Organism gegen die Außenwelt, speziell ist der Intellekt prachtvoll als regierende, abhaltende, ordnende Macht, kalt bleibend unter dem Sturm von Eindrücken.

26 [208]

Die tausend Räthsel um uns würden uns nur interessiren, nicht quälen, wenn wir gesund und heiter genug im Herzen wären.

26 [209]

Der uralte Fehlschluß auf eine erste Ursache, auf einen Gott, als Ursache der Welt. Aber unser eigenes Verhalten zur Welt, unser tausendfältig schaffendes Verhalten in jedem Augenblick zeigt richtiger, daß Schaffen zu den unveräußerlichen und beständigen Eigenschaften der Welt selber gehört:—um die Sprache der Mythologen nicht zu verschmähen.

26 [210]

Die Nachahmenden

26 [211]

Den Magen und seine Thätigkeit moralisch beurtheilen: ursprünglich ist alles Geschehen moralisch interpretirt worden. Das Reich des “Wollens und Werthschätzens” immer kleiner geworden.

26 [212]

Man muß wirklich drüber hinaus sein, sich zu ärgern über die Verurtheilung durch kleine niedrige Naturen—es giebt aber viel Affectation dieses “drüber hinaus”

26 [213]

Der Anschein der erreichten Tugend wird uns zur Pflicht gemacht: jeder mäßig Redliche gienge zu Grunde unter allgemeiner Verachtung.

26 [214]

Was das Weib betrifft, so neige ich zur orientalischen Behandlung: die ausnahmsweisen Weiber selber beweisen immer nur das Gleiche—Unfähigkeit zur Gerechtigkeit und unglaublich reizbare Eitelkeit. Man soll nichts an ihnen zu ernst nehmen, ihre Liebe am wenigsten: zum mindesten soll man wissen, daß die treuest und leidenschaftlichst Liebenden gerade eine kleine Untreue zur Erholung nöthig haben, ja zur Ermöglichung der Dauer der Liebe.

26 [215]

Daß man liebt (verzeiht, nachsieht usw.), weil man nicht stark, fest genug ist, feind zu sein, wehe zu thun durch seine Feindschaft—daß man lieber liebt als gerecht-neutral bleibt, weil es uns zu kalt und unheimlich wird, so allein stehn zu bleiben—daß man lieber die Entehrung erträgt als Jemandem böse zu sein—sehr weiblich!

26 [216]

Ein Intellekt nicht möglich ohne die Setzung des Unbedingten. Nun giebt es Intellekte und in ihnen das Bewußtsein des Unbedingten. Aber das letztere als Existenz-Bedingung des Intellekts:—jeden Falls kann das Unbedingte dann nichts Intellektuelles sein: das Funktioniren des Intellekts, das Existiren des Intellekts auf eine Bedingung hin spricht gegen die Möglichkeit des Unbedingten als Intellekt.

— Schließlich könnte das Logische möglich sein in Folge eines Grundirrthums, eines fehlerhaften Setzens (Schaffens, Erdichtens eines Absoluten)

26 [217]

Ich sage: der Intellekt ist eine schaffende Kraft: damit er schließen, begründen könne, muß er erst den Begriff des Unbedingten geschaffen haben—er glaubt an das, was er schafft, als wahr: dies das Grundphänomen.



Über die Bedingungen des logischen Denkens:

26 [218]

Daß wir solchen Menschen zu gefallen wünschen, die wir verehren, ist nicht Eitelkeit—gegen Reè.

26 [219]

Zarathustra 1.

Überwindung der Eitelkeit
Ehrfurcht

26 [220]

2. (3.) Zarathustra.

Große kosmische Rede “in bin die Grausamkeit” “ich bin die List” usw. Hohn auf die Scheu, die Schuld auf sich zu nehmen—Hohn des Schaffenden—und alle Leiden—böser als je einer böse war usw. Höchste Form der Zufriedenheit mit seinem Werk—er zerbricht es, um es immer wieder zusammen zu fügen. Buddha p. 44, 46. [Vgl. Hermann Oldenberg, Buddha. Sein Leben, seine Lehre, seine Gemeinde. Berlin: 1881:44, 46.]

neue Überwindung des Todes, des Leides und der Vernichtung

der Gott, der sich klein (eng) macht und sich hindurchdrängt durch die ganze Welt (das Leben immer da)—Spiel, Hohn—als Dämon auch der Vernichtung.

26 [221]

Zu: Theil 2
Aussermoralische Betrachtung
 
 1wahr verlogen
gut und böse2als reinundunrein Buddha, p. 50
 3verehrlich verächtlich p. 296
 4als vornehmundniedrig
 5nützlich schädlich
gut6als sich Los-Lösen von der Welt
 weltentsagend
(nicht “handelndes Gestalten”) p. 50
böse = weltlich
 7geboten verboten
 8unegoistisch egoistisch
 9arm (Ebion)
elend
 reich
glücklich
[gut]10 Umkehrung: besitzend, reich (auch arya)
(im Eranischen, und übergehend ins Slavische.
rein = glücklich
böse = unglücklich
}p. 50.

die höchste Kraft, im Brahman[ismus] und Christenthum—sich abzuwenden von der Welt. p. 54. [Vgl. Hermann Oldenberg, Buddha. Sein Leben, seine Lehre, seine Gemeinde. Berlin: 1881:50, 54.]

26 [222]

Zarathustra 1. furchtbare Spannung. Zarathustra muß kommen oder alles auf Erden ist verloren.

26 [223]

Zarathustra 3 (2). die große Weihung des neuen Arzt- Priester- Lehrer-Wesens, welches dem Übermenschen vorangeht.

26 [224]

Unegoistische Handlungen sind unmöglich; “unegoistischer Trieb” klingt mir in die Ohren wie “hölzernes Eisen.” Ich, wollte, daß irgendwer den Versuch Machte, die Möglichkeit solcher Handlungen zu beweisen: daß sie existiren, daran glaubt freilich das Volk und wer ihm gleich steht—etwa wie der, welcher Mutterliebe oder Liebe überhaupt etwas Unegoistisches nennt.

Daß übrigens die Völker die moralische Werthtafel “gut” und “böse” immer als “unegoistisch” und “egoistisch” ausgelet hätten, ist ein historischer Irrthum.

Vielmehr ist gut und böse als “geboten” und “verboten”—“der Sitte gemäß oder zuwider”—viel älter und allgemeiner.

Daß mit der Einsicht in die Entstehung der moralischen Werthurtheile noch nicht eine Kritik und Werthbestimmung derselben gegeben ist—ebenso wenig eine Qualität durch Kenntniß der quantitativen Bedingungen, unter denen sie entsteht, erklärt ist.

26 [225]

Übung im Gehorsam: die Schüler des Brahmanen. Die Tempelherrn-Gelübde, die Assasinen.

Die Vergöttlichung des Machtgefühls im Brahmanen: interessant daß es in der Krieger-Kaste entstanden und erst übergegangen ist auf die Priester. [Vgl. Joseph von Hammer, Die Geschichte der Assassinen, aus morgenländischen Quellen, durch Joseph von Hammer. Stuttgart; Tübingen: Cotta, 1818:87; 123; 337.]

26 [226]

Die Erkenntniß ist ihrem Wesen nach etwas Setzendes, Erdichtendes, Fälschendes:

26 [227]

“Wissenschaft” (wie man sie heute übt) ist der Versuch, für alle Erscheinungen eine gemeinsame Zeichensprache zu schaffen, zum Zwecke der leichteren Berechenbarkeit und folglich Beherrschbarkeit der Natur. Diese Zeichensprache, welche alle beobachteten “Gesetze” zusammenbringt, erklärt aber nichts—es ist nur eine Art kürzester (abgekürztester) Beschreibung des Geschehens.

26 [228]

Die ungeheure Masse von Zufälligem Widerspruch Disharmonischem Blödsinnigem in der jetzigen Menschen-Welt weist hin auf die Zukunft: es ist, von der Zukunft aus gesehen, das ihr jetzt nothwendige Arbeits-Feld, wo sie schaffen, organisiren und harmonisiren kann.— Ebenso im Weltall

26 [229]

Von der Augenscheinwelt führen die Brahmanen und Christen ab, weil sie dieselbe für böse halten (fürchten—) aber die Wissenschaftlichen arbeiten im Dienste des Willens zur Überwältigung der Natur.

26 [230]

Über wie viel Zufälliges bin ich Herr geworden! Welch schlechte Luft blies mich an, als ich Kind war! Wann waren die Deutschen dumpfer ängstlicher muckerhafter kriecherischer als in jenen fünfziger Jahren, in denen ich Kind war!

26 [231]

NB. Der bisherige Mensch—gleichsam ein Embryon des Menschen der Zukunft—alle gestaltenden Kräfte, die auf diesen hinzielen, sind in ihm: und weil sie ungeheuer sind, so entsteht für das jetzige Individuum, je mehr es zukunftbestimmend ist, Leiden. Dies ist die tiefste Auffassung des Leidens: die gestaltenden Kräfte stoßen sich.

Die Vereinzelung des Individuums darf nicht täuschen—in Wahrheit fließt etwas fort unter den Individuen. Daß es sich einzeln fühlt, ist der mächtigste Stachel im Prozesse selber nach fernsten Zielen hin: sein Suchen für sein Glück ist das Mittel, welches die gestaltenden Kräfte anderseits zusammenhält und mäßigt, daß sie sich [nicht] selber zerstören.

26 [232]

Nicht “Menschheit,” sondern Übermensch ist das Ziel! Mißverständniß bei Comte

26 [233]

Das Glück höherer Wesen auf Sternen (bei Dühring) eine feinere Ausflucht vor der irdischen Unbefriedigung! Gleich den Hinter- und Überweltlern! [Vgl. Eugen Dühring, Sache, Leben und Feinde: als Hauptwerk und Schlüssel zu seinen sämmtlichen Schriften. Karlsruhe; Leipzig: H. Reuther, 1882.]

26 [234]

Die Hoffnungslosigkeit in Bezug auf die Menschen—mein Ausweg! Das Ziel, welches die Engländer sehen, macht jede höhere Natur lachen! Es ist nicht begehrenswerth—viel Glückliche geringsten Ranges ist beinahe ein widerlicher Gedanke.

26 [235]

An den Wind Mistral.
Eine Rhapsodie.

26 [236]

Die Erkenntniß wird, bei höherer Art von Wesen, auch neue Formen haben, welche jetzt noch nicht nöthig sind.

26 [237]

“Ohne meine Pfeile wird das Troja der Erkenntniß nicht erobert”—sage ich Philoctet.

26 [238]

Der Philosoph die höhere Species, aber viel mißrathener bisher. Der Künstler die niedere, aber viel schöner und reicher entwickelt!

26 [239]

Zum Plan.

A. Die regulativen Hypothesen
B. Das Experiment
C. Die Beschreibung (an Stelle
der angeblichen “Erklärung”)
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 im Vordergrund
meine Philosophie: Inhalt
des ersten Theils
.
 

die zugehörigen Seelen-Zustände als bisherige höchste Errungenschaften (von mir für mich)

Philosophie als Ausdruck eines außerordentlich hohen Seelen-Zustandes.

26 [240]

Die Erklärer von Dichtern mißverstehen, daß der Dichter Beides hat, die Realität und die Symbolik. Ebenso den ersten und den zweiten Sinn eines Ganzen. Ebenso Lust an dem Schillernden, Zwei-, Dreideutigen, auch die Kehrseite ist gut.

26 [241]

Erster Theil.
Die neuen Wahrhaftigen.

Überwindung des Dogmatischen:der zugehörige höhere
und des Dünkels Seelen-zustand

Überwindung des Sceptikers der Schwäche.

A. die regulativen Hypothesen
B. das Experiment.
C. die Beschreibung

das neue Macht-Gefühl: der mystische Zustand, und die hellste kühnste Vernünftigkeit als ein Weg dahin

Zweiter Theil.
Jenseits von Gut und Böse.

26 [242]

Galiani meint, der Mensch sei das einzige religiöse Thier. Aber in der Art, wie ein Hund sich vor dem Menschen wälzt, erkenne ich die Art der “Gottseligen” wieder, wenn auch vergröbert. [Vgl. Ferdinando Galiani, Lettres de l'Abbé Galiani à Madam d'Épinay, Voltaire, Diderot, Grimm, le Baron d'Holbach, Morellet, Suart, D'Alembert, Marmontel, la Vicomtesse de Belsunce, etc. Publiées d'après les Éditions originales augmentées des variantes, de nombreuses notes et d'un index avec notice biographique par Eugène Asse. Édition couronnée par l'Académie française. Tomes 1-2. Paris: G. Charpentier, 1882.]

26 [243]

Die neue Rangordnung.
Vorrede zur Philosophie der ewigen Wiederkunft.

Immer strenger fragen: für wen noch schreiben?— Für Vieles von mir Gedachte fand ich keinen reif; und Zarathustra ist ein Beweis daß Einer mit der größten Deutlichkeit reden kann, aber von Niemandem gehört wird.— Ich fühle mich im Gegensatz zur Moral der Gleichheit.

Die Ungleichheit
der Menschen
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1.
 

2.


3.





4.

Führer und Heerde. (Bedeutung des Isolirten) Ironie gegen Moralisten

Vollständige Menschen und Bruchstücke (Problem des Weibes z. B., auch des  wissenschaftlichen Menschen)

Gerathene und Missrathene (letztere vielleicht die höheren in der Anlage, auch bei Völkern und Rassen. Problem: indogermanisch und—semitisch, letztere süden-näher NB. religiöser, würdevoller mehr raubthier-Vollkommenheit, weiser—erstere muskelkräftiger kälter gröber schwerer, verderbbar)

Schaffende und “Gebildete” (“höhere Menschen” allein die Schaffenden)
    
Die Ungleichheit
der Schaffenden
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5.


6.



7.


  8.


9.
Die Künstler (als die kleinen Vollender) aber in allen Werthschätzungen abhängig.

Die Philosophen (als die Umfänglichsten, die Überblicker, Beschreiber im Großen) (aber in allen Werthschätzungen abhängig), schon sehr viel mißrathener.

Die Heerden-Bildner (Gesetzgeber), die Herrschenden, ein sehr mißrathener Typus (sich zum Werthmesser nehmend, kurze Perspective)

Die Werthe-Setzenden (Religionsstifter) äußerstes Mißrathen und Fehlgreifen.

Ein fehlender Typus: der Mensch, welcher am stärksten befiehlt, führt, neue Werthe setzt, am umfänglichsten über die ganze Menschheit urtheilt und Mittel zu ihrer Gestaltung weiß—unter Umständen sie opfernd für ein höheres Gebilde. Erst wenn es eine Regierung der Erde giebt, werden solche Wesen entstehen, wahrscheinlich lange im höchsten Maaße mißrathend.
    
Die Ungleichheit
der höheren
Menschen
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10.Das Gefühl der Unvollkommenheit, höher oder schwächer, unterscheidet (Werth der “Sündengefühle”

Das Gefühl nach Vollkommenem hin, als Bedürfniß vorherrschend (Werth der Frommen, der Einsiedler, Klöster, Priester)

Die Kraft, etwas Vollkommenes irgend worin gestalten zu können (Werth der “schönen Seelen,” der Künstler, der Staatsmänner)

(Dionysische Weisheit) Die höchste Kraft, alles Unvollkommene, Leidende als nothwendig (ewig-wiederholenswerth) zu fühlen aus einem Überdrange der schöpferischen Kraft, welche immer wieder zerbrechen muß und die übermüthigsten schwersten Wege wählt (Princip der größtmöglichsten Dummheit, Gott als Teufel und Übermuth-Symbol)

Der bisherige Mensch als Embryon, in dem sich alle gestaltenden Mächte drängen—Grund seiner tiefen Unruhe — — — — der schaffendste als der leidendste?

26 [244]

Zur Vorrede.

Zur Ehrfurcht erziehen, in diesem pöbelhaften Zeitalter, welches selber im Huldigen noch pöbelhaft ist, für gewöhnlich aber zudringlich und schamlos (auch mit seinem “Wohlthun” und “Mitleiden”) Eine Vorrede zum Fortscheuchen der Meisten. Ja, ich habe keinen, an den ich denke—es sei denn jene ideale Gemeinde, welche sich Zarathustra auf den glückseligen Inseln erzogen hat.

26 [245]

Der beständige Blick nach dem Vollkommenen hin, und daher Ruhe—was Schopenhauer als aesthetisches Phänomen beschreibt, ist auch das Charakteristische der Gläubigen. Goethe (an Rath Schlosser): wahrhaft hochachten kann man nur, wer sich nicht selbst sucht ... ich muß gestehn, selbstlose Charaktere dieser Art in meinem ganzen Leben nur da gefunden zu haben, wo ich ein festgegründetes religiöses Leben fand, ein Glaubensbekenntniß, das einen unwandelbaren Grund hatte, gleichsam auf sich selbst ruhte, nicht abhieng von der Zeit, ihrem Geiste, ihrer Wissenschaft [Vgl. Johannes Janssen, Zeit- und Lebensbilder von Johannes Janssen. Zweite, mehrfach umgearbeitete Auflage. Freiburg im Breisgau: Herder, 1876:ii. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Johannes Janssen.]

(das Orientalische, das Weib macht hier diese Wirkung—)

26 [246]

In diesem Jahrhundert der oberflächlichen und geschwinden Eindrücke ist das gefährlichste Buch nicht gefährlich: es sucht sich die fünf, sechs Geister die tief genug sind. Im Übrigen—was schadet es, wenn es diese Zeit zerstören hilft!

26 [247]

Die Amerikaner zu schnell verbraucht—vielleicht nur anscheinend eine zukünftige Weltmacht.

26 [248]

Leibnitz ist interessanter als Kant—typisch deutsch: gutmüthig, voll edler Worte, listig, geschmeidig, schmiegsam, ein Vermittler (zwischen Christenthum und der mechanistischen Weltansicht), ungeheuer verwegen für sich, verborgen unter einer Maske und höfisch-zudringlich, anscheinend bescheiden.

26 [249]

Die Franzosen tief artistisch—das Durchdenken ihrer Cultur, die Consequenz im Durchführen des schönen Anscheines—spricht gar nicht gegen ihre Tiefe - - -

26 [250]

Plato dachte: was man befiehlt als von Gott aus, z. B. wenn man die Geschwister-Ehe verbietet als ein Greuel für Gott: er meint, das unbedingte Verbieten sei der genügende Erklärungsgrund für die moralischen Urtheile. Kurzsichtig!

26 [251]

Man bewunderte den Unabhängigen im Alterthum, Niemand klagte über den “Egoismus” des Stoikers.

26 [252]

Jedes Volk hat seine eigene Tartüfferie

26 [253]

“Hier ist die Aussicht frei, der Blick erhoben.” [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Zweiter Theil. 11990-91. In: Goethe's sämmtliche Werke in vierzig Bänden. Bd. 12. Stuttgart; Augsburg; Tübingen: J. G. Cotta, 1856:305.]

26 [254]

Das Problem von Freiheit und Unfreiheit des W[illen]s gehört in die Vorhöfe der Philosophie—für mich giebt es keinen Willen. Daß der Glaube an den Willen nothwendig ist, um zu “wollen”—ist Unsinn.

26 [255]

Geringschätzung gegen das jetzige Deutschland, welches nicht Takt genug hat, solche Klatschbasen-Bücher, wie das von Jans[s]en, einfach abzulehnen: wie es sich “den alten und neuen Glauben” des alten, sehr alten und gar nicht neuen Strauß hat aufschwätzen lassen. [s. Nietzsche's Library: Johannes Janssen.]

26 [256]

Zum Titel: “Eine Wahrsagung.”

Ich glaube, ich habe Einiges aus der Seele des höchsten Menschen errathen—vielleicht geht Jeder zu Grunde, der ihn erräth, aber wer ihn gesehen hat, muß helfen, ihn zu ermöglichen.

Grundgedanke: wir müssen die Zukunft als maaßgebend nehmen für alle unsere Werthschätzung—und nicht hinter uns die Gesetze unseres Handelns suchen!

26 [257]

Complementäre Menschen—wo?

26 [258]

Vorrede:
von der Rangordnung des Geistes

Von der Ungleichheit der Menschen

a) Führer und Heerde
b) Vollständige und Bruchstücke
c) Gerathene und Missrathene
d) Schaffende und “Gebildete” vor Allem aber “Ungebildete” und Tölpel bis in den letzten Grund hinein

Von der Ungleichheit der höheren Menschen (nach der Seite der Kraftmenge)

a) nach dem Gefühle der Unvollkommenheit, als entscheidend
b) Gefühl nach dem Vollkommenen hin
c) die Kraft irgend etwas Vollkommenes gestalten zu können
d) höchste Kraft, auch das Unvollkommene als nothwendig zu fühlen, aus Überdrang der gestaltenden
    Kraft (dionysisch)

Von der Rangordnung der Werthe-Schaffenden (in Bezug auf das Werthe-setzen)

a) die Künstler
b) die Philosophen
c) die Gesetzgeber
d) die Religionsstifter
e) die höchsten Menschen als Erd-Regierer und Zukunft-Schöpfer. (zuletzt sich zerbrechend—)

26 [259]

Philosophie der ewigen Wiederkunft.
Ein Versuch der Umwerthung aller Werthe.

26 [260]

In diesem pöbelhaften Zeitalter soll der vornehm geborene Geist jeden Tag mit dem Gedanken der Rangordnung beginnen: hier liegen seine Pflichten, hier seine feinsten Verirrungen

26 [261]

Mißverständnisse im großen Stile z.B. der Ascetism als Mittel der Selbst-Erhaltung für wilde allzu erregliche Naturen. Die la Trappe als “Zuchthaus,” zu dem man sich selber verurtheilt (gerade unter Franzosen begreiflich, wie das Christenthum in der geilen Luft der südeuropäischen Hellenisirung). Der Puritanismus hat als Hintergrund die Überzeugung von der gründlichen eigenen Gemeinheit, vom allgegenwärtigen “inneren Vieh” (ego)—und der düstere trockene Stolz des puritanischen Engländers will, daß mindestens Jeder ebenso schlecht von seinem “inwendigen Menschen” denken soll wie er selber denkt!

Die Sitten und Lebensweisen sind als bewiesene Mittel der Erhaltung gefaßt worden—darin erstes Mißverständniß und Oberflächlichkeit. Zweites Mißverständniß: es sollen nunmehr die einzigen Mittel sein.

Fromme—Bewußtsein eines höheren Zusammenhangs aller Erlebnisse

26 [262]

Mißverständniß des Egoismus: von Seiten der gemeinen Naturen, welche gar nichts von der Eroberungslust und Unersättlichkeit der großen Liebe wissen, ebenso von den ausströmenden Kraft-Gefühlen, welche überwältigen, zu sich zwingen, sich an’s Herz legen wollen—der Trieb des Künstlers nach seinem Material. Oft auch nur sucht der Thätigkeits-Sinn nach einem Terrain.— Im gewöhnlichen “Egoismus” will gerade das “nicht-ego,” das tiefe Durchschnittswesen, der Gattungsmensch seine Erhaltung—das empört, falls es von den Selteneren, Feineren und weniger Durchschnittlichen wahrgenommen wird. Denn diese urtheilen: “wir sind die Edleren! Es liegt mehr an unserer Erhaltung als an der jenes Viehs!”

26 [263]

Alle bisherigen Moralen betrachte ich als aufgebaut auf Hypothesen über Erhaltungs-Mittel eines Typus—aber die Art des bisherigen Geistes war noch zu schwach und ihrer selber zu ungewiß, um eine Hypothese als Hypothese zu fassen und doch als regulativisch zu nehmen—es bedurfte des Glaubens

26 [264]

NB. Wie bisher die Menschen sich höhere Gestalten, als der Mensch ist, vorgestellt haben — —

26 [265]

NB. über die Schreie der Gebärerin wegen all der Unreinheit. Fest der Reinigung für die größten Geister nöthig!

26 [266]

Der Schwächere Zartere als der Edlere.

26 [267]

die ungeheure idealisirende Kraft, welche das Christenthum anwandte, um körperliche Unlust-Zustände und barbarische Unordnungs-Gefühle zu ertragen—sie deutet[e] alles seelisch um.

26 [268]

Die Menschen müssen in dem Maaße gebunden werden, als sie nicht frei von sich aus laufen können. Moral-Revolutionen z.B. während des Christenthums sind 1) gegen entnervte verwüstete greise Völker gerichtet 2) gegen die gräßliche Roheit der Barbaren.

26 [269]

Zarathustra muß seine Jünger zur Erd-Eroberung aufreizen—höchste Gefährlichkeit, höchste Art von Sieg: ihre ganze Moral eine Moral des Kriegs—unbedingt Siegen wollen

26 [270]

An die höheren Menschen.
Herolds-Rufe eines Einsiedlers.
Von
Friedrich Nietzsche.

26 [271]

Die Menschen wollen ihre Handlungen und die Art ihres Handelns

1) entweder verherrlichen—daher Moral der Verherrlichung

2) oder rechtfertigen und verantworten (vor einem forum, sei dies die Gemeinde oder die Vernunft oder das Gewissen—) also die Handlung muß erklärbar, aus vernünftig-bewußten Motiven entstanden sein—und ebenso die ganze Handlungs-Weise

3) oder verurtheilen, verkleinern, um so sich zu vergewaltigen oder um Mitleiden zu erregen und davonzukommen bei den Mächtigen.

26 [272]

Im organischen Prozeß

1) überreichlicher Ersatz—falscher Ausdruck und teleologisch gefärbt

2) Selbst-Regulirung, also die Fähigkeit der Herrschaft über ein Gemeinwesen vorausgesetzt d. h. aber, die Fortentwicklung des Organischen ist nicht an die Ernährung angeknüpft, sondern an das Befehlen und Beherrschen-können: ein Resultat nur ist Ernährung.

26 [273]

Der Wille zur Macht in den Funktionen des Organischen.

Lust und Unlust und ihr Verhältniß zum Willen zur Macht.

Angeblicher Altruism und der Wille zur Macht. Mutterliebe z. B. und Geschlechtsliebe

Die Entwicklung der Gefühle aus dem Grundgefühle.

Unfreiheit und Freiheit des Willens.

Strafe und Lohn (der stärkere Typus als der höhere scheidet von sich ab und zieht an sich an)

Pflicht und Recht.

26 [274]

Zurückführung der Generation auf den Willen zur Macht (! er muß also auch in der angeeigneten unorganischen Materie vorhanden sein!): das Auseinandertreten des Protoplasma im Falle, daß eine Form sich gestaltet, wo das Schwergewicht an 2 Stellen gleich vertheilt ist. Von jeder Stelle aus geschieht eine zusammenziehende, zusammenschnürende Kraft: da zerreißt die Zwischen-Masse. Also: die Gleichheit der Machtverhältnisse ist Ursprung der Generation. Vielleicht ist alle Fortentwicklung an solche entstehende Macht-Äquivalenzen gebunden.

26 [275]

Die Lust ist eine Art von Rhythmus in der Aufeinanderfolge von geringeren Schmerzen und deren Grad-Verhältnissen, eine Reizung durch schnelle Folge von Steigerung und Nachlassen, wie bei der Erregung eines Nerven, eines Muskels, und im Ganzen eine aufwärts sich bewegende Curve: Spannung ist wesentlich darin und Ausspannung. Kitzel.

Die Unlust ist ein Gefühl bei einer Hemmung: da aber die Macht ihrer nur bei Hemmungen bewußt werden kann, so ist die Unlust ein nothwendiges Ingrediens aller Thätigkeit (alle Thätigkeit ist gegen etwas gerichtet, das überwunden werden soll) Der Wille zur Macht strebt also nach Widerständen, nach Unlust. Es giebt einen Willen zum Leiden im Grunde alles organischen Lebens (gegen “Glück” als “Ziel”)

26 [276]

Wenn zwei organische Wesen zusammenstoßen, wenn es nur Kampf gebe um das Leben oder die Ernährung: wie? Es muß den Kampf um des Kampfes willen geben: und Herrschen ist das Gegengewicht der schwächeren Kraft ertragen, also eine Art Fortsetzung des Kampfs. Gehorchen ebenso ein Kampf: so viel Kraft eben zum Widerstehen bleibt.

26 [277]

Gegen den Erhaltungs-Trieb als radikalen Trieb: vielmehr will das Lebendige seine Kraft auslassen—es “will” und “muß” (beide Worte wiegen mir gleich!): die Erhaltung ist nur eine Consequenz.

26 [278]

Die Tugendhaften wollen uns (und mitunter auch sich selber) glauben machen, sie hätten das Glück erfunden. Die Wahrheit ist, daß die Tugend von den Glücklichen erfunden worden ist.

26 [279]

Daß in den Folgen der Handlungen schon Lohn und Strafe liegen—dieser Gedanke einer immanenten Gerechtigkeit ist grundfalsch. Übrigens steht er im Widerspruch mit der Vorstellung einer “Heils-Ordnung” in den Erlebnissen und Folgen: wonach schlimme Dinge aller Art als besondere Gunstbezeugungen eines Gottes, der unser Bestes will, aufzufassen sind.— Warum Leid auf eine Übelthat folgen soll, ist an sich nicht begreiflich: in praxi läuft es sogar darauf hinaus, daß auf eine Übelthat eine Übelthat folgen solle.— Daß einer, der anders ist als wir, es schlecht haben müsse, ist ein Gedanke der Vertheidigung, eine Nothwehr der herrschenden Caste, ein Mittel der Züchtung,—aber nichts besonders “Edles.”— Alle möglichen solchen Vorstellungen über “immanente Gerechtigkeit,” “Heilsordnung,” ausgleichende “transcendente Gerechtigkeit” gehen jetzt in jedem Kopfe herum—sie bilden das Chaos der modernen Seele mit.

26 [280]

Wir stehen anders zur “Gewißheit.” Weil am längsten die Furcht dem Menschen angezüchtet worden ist, und alles erträgliche Dasein mit dem “Sicherheits-Gefühl” begann, so wirkt das jetzt noch fort bei den Denkern. Aber sobald die äußere “Gefährlichkeit” der Existenz zurückgeht, entsteht eine Lust an der Unsicherheit, Unbegrenztheit der Horizont-Linien. Das Glück der großen Entdecker im Streben nach Gewißheit könnte sich jetzt in das Glück verwandeln, überall die Ungewißheit und das Wagniß nachzuweisen.

Ebenso ist die Ängstlichkeit des früheren Daseins der Grund, weshalb die Philosophen so sehr die Erhaltung (des ego oder der Gattung) betonen und als Princip fassen: während thatsächlich wir fortwährend Lotterie spielen gegen dies Princip. Hieher gehören alle Sätze des Spinoza: d. h. die Grundlage des englischen Utilitarismus. v. das braune Heft.

26 [281]

Die dummen Moralisten haben immer die Veredelung angestrebt ohne zugleich die Basis zu wollen: die leibliche Veradlichung (durch eine “vornehme” Lebensweise otium, Herrschen, Ehrfurcht usw.) durch edel-vornehme Umgebung von Mensch und Natur, endlich sie haben an’s Individuum gedacht und nicht an die Fortdauer des Edlen durch Zeugung. Kurzsichtig! Nur für 30 Jahre und nicht länger!

26 [282]

Je nachdem ein Volk fühlt: “bei den Wenigen ist das Recht, die Einsicht, die Gabe der Führung usw.” oder “bei den Vielen”—giebt es ein oligarchisches Regiment oder ein demokratisches.

Das Königthum repräsentirt den Glauben an Einen ganz Überlegenen, einen Führer Retter Halbgott. Die Aristokratie repräsentirt den Glauben an eine Elite-Menschheit und höhere Kaste. Die Demokratie repräsentirt den Unglauben an große Menschen und an Elite-Gesellschaft: “Jeder ist jedem gleich” “Im Grunde sind wir allesamt eigennütziges Vieh und Pöbel”

26 [283]

Um den Gedanken der Wiederkunft zu ertragen:

ist nöthig Freiheit von der Moral,

neue Mittel gegen die Thatsache des Schmerzes (Schmerz begreifen als Werkzeug, als Vater der Lust—es giebt kein summirendes Bewußtsein der Unlust)

der Genuß an aller Art Ungewißheit Versuchhaftigkeit, als Gegengewicht gegen jenen extremen Fatalismus

Beseitigung des Nothwendigkeitsbegriffs

Beseitigung des “Willens”

Beseitigung der “Erkenntniß an sich”

größte Erhöhung des Kraft-Bewußtseins des Menschen, als dessen, der den Übermenschen schafft.

26 [284]

1. Der Gedanke:seine Voraussetzungen, welche wahr sein
müßten, wenn er wahr ist
was aus ihm folgt
  
2. als der schwerste Gedanke: seine muthmaßliche Wirkung, falls nicht vorgebeugt wird d. h. falls nicht alle Werthe umgewerthet werden
  
Mittel ihn zu ertragen 
 die Umwerthung aller Werthe:
nicht mehr die Lust an der Gewißheit sondern an der Ungewißheit nicht mehr “Ursache und Wirkung,” sondern das beständig Schöpferische
nicht mehr Wille der Erhaltung, sondern der Macht
 usw.
 nicht mehr die demüthige Wendung “es ist alles nur subjektiv, sondern “es ist auch unser Werk!” seien wir stolz darauf!

26 [285]

Von der Heuchelei der Philosophen.

die Griechen: verbergen ihren agonalen Affekt, drapiren sich als “Glücklichste” durch die Tugend, und als Tugendhafteste (zwiefache Heuchelei)

(Sokrates, siegreich als der plebejisch Häßliche unter den Schönen und Vornehmen, der Niederredende unter einer Stadt von Rednern, der Besieger seiner Affekte, der gemeine kluge Mann mit dem “Warum?” unter dem Erbadel—verbirgt seinen Pessimismus)

die Brahmanen wollen im Grunde Erlösung von dem müden lauen unlustigen Daseins-Gefühle

Leibnitz Kant Hegel Schopenhauer, ihre deutsche Zwei-Natur

Spinoza und der rachsüchtige Affekt, die Heuchelei der Überwindung der Affekte

Die Heuchelei der “reinen Wissenschaft,” der Erkenntniß um der “Erkenntniß willen”

26 [286]

Ich, wie ein Elephanten-Weibchen, mit einer langen Schwangerschaft behaftet, so daß mich wenige Dinge noch angehn, sogar nicht einmal—pro pudor—das “Kind”

26 [287]

Versteht ihr wohl meine neue Sehnsucht, die nach dem Endlichen? dessen, der den Ring der Wiederkunft schaute —

26 [288]

NB das fortwährende Schöpferische, statt des einmaligen, vergangenen

26 [289]

Zarathustra 3
die Unstäten, die ewigen Wanderer
der das Gehirn des Blutegels — — —
der Häßliche, der sich maskiren will
die Heuchler des Glücks
die Sehnsucht nach dem Endlichen, nach Scholle und Winkel
der neidische abgemagerte Arbeiter und Streber
die Allzu-Nüchternen mit der Sehnsucht zum Rausche, der einst sie befriedigt.
die Über-Nüchterten
die Zerstörer
 
Nothschrei der höheren Menschen?
Ja, der mißrathenden —

26 [290]

Bei dem Willen zur Grausamkeit ist es zunächst gleichgültig, ob es die Grausamkeit an uns oder an Anderen ist. Genuß am Leiden lernen— —das Teufelische gehört wie das Göttliche zum Lebendigen und seiner Existenz.

26 [291]

Montaigne I p. 174

“die Gesetze des Gewissens, welche unserem Vorgeben nach aus der Natur entspringen, entspringen vielmehr aus der Gewohnheit. Jeder verehrt in seinem Herzen die in seinem Lande gebilligten und eingeführten Meinungen und Sitten, so daß er sich denselben nicht ohne Gewissensbisse entziehen kann und denselben niemals ohne einiges Vergnügen gemäß handelt.” [Vgl. Michaels Herrn von Montagne [sic] Versuche, nebst des Verfassers Leben, nach der neuesten Ausgabe des Herrn Peter Coste ins Deutsche übersetzt. Erster Theil. Leipzig: F. Lankischens Erben, 1753:174. Vgl. Michel Eyquem de Montaigne, Essais: avec des notes de tous les commenteurs. Paris: Didot, 1864:45.]

26 [292]

Vom Aberglauben der Philosophen.
Von der Mittheilbarkeit der Meinungen.

26 [293]

Die neue Aufklärung.
Eine Vorbereitung
zur “Philosophie der ewigen Wiederkunft.”

26 [294]

Es ist nicht genug, daß du einsiehst, in welcher Unwissenheit Mensch und Thier lebt; du mußt auch noch den Willen zur Unwissenheit haben und hinzulernen. Es ist dir nöthig, zu begreifen, daß ohne diese Art Unwissenheit das Leben selber unmöglich wäre, daß sie eine Bedingung ist, unter welcher das Lebendige allein sich erhält und gedeiht: eine große, feste Glocke von Unwissenheit muß um dich stehn

26 [295]

Der Wille zur Unwissenheit.
Der Wille zur Ungewißheit.
Der Wille zur Unwahrheit.

Der Wille zur Macht.
Der Wille zum Leiden.
Der Wille zur Grausamkeit.
Der Wille zur Vernichtung.
Der Wille zur Ungerechtigkeit.

Der Wille zum Häßlichen.
Der Wille zum Unmäßigen.
der Wille zum Rausche
der Wille zur Erstarrung

26 [296]

Beseitigung des Willens, des freien und unfreien.
des “Muß” und der “Nothwendigkeit”
der “Erkenntniß an sich” und des “Dinges an sich”
des Erkennens um des Erkennens willen
des “Guten und Bösen”

die Heuchelei der Philosophen.

Die Guten.

Die Künstler.

Die Frommen und Gottseligen.

26 [297]

Jenseits von Gut und Böse.

Der Philosoph als höherer Künstler.

Die neue Rangordnung

Vom Aberglauben.

Der schwerste Gedanke.

Die Lebens-Ermöglichung des Weisen.

Die gesellschaftliche Verborgenheit des Weisen.
Seine Ernährung.
Seine Geschlechtlichkeit.
Mittheilbarkeit seiner Meinungen.
Das Über-Nationale, der gute Europäer.
Schüler, usw. Grade der Einweihung.

26 [298]

Die neue Aufklärung.
Ein Vor- und Für-Wort
zur Philosophie der ewigen Wiederkunft.

Vom Aberglauben unter den Philosophen.
Jenseits von Gut und Böse.
Der Philosophein höherer Künstler.
Die neue Rangordnung.
Die Ermöglichung des neuen Philosophen.
Der schwerste Gedanke als Hammer.

26 [299]

Dies ist ein Zeitalter, in dem der Pöbel immer mehr zum Herrn wird und pöbelhafte Gebärden des Leibes und Geistes überall schon Hausrecht erlangt haben, an den Höfen und bei den liebenswürdigsten Frauen—: ich meine sogar nicht nur “an” und “bei,” sondern “innen und drinnen.”

mein Garten, mit seinem vergoldeten Gitterwerk, muß sich nicht nur gegen Diebe und Strolche schützen: seine schlimmsten Gefahren kommen ihm von seinen zudringlichen Bewunderern. “Ich Will meine Einsamkeit haben”—so gelobt sich der Weise, ich will meine Einsamkeit mit den Zähnen festhalten, mit einem goldenen Gitter vergittern —

26 [300]

Die Philosophen eingenommen gegen 1) den Schein
  2) den Wechsel
von instinktiven Werth-
bestimmungen geleitet,
in denen sich
frühere Culturzustände
spiegeln (gefährlichere
3)
4)
5)
6)
den Schmerz
den Tod
das Körperliche, die Sinne
das Schicksal und
die Unfreiheit
  7) das Zwecklose
NB. alles Mensch liche, noch mehr das Thierische, noch mehr das Stoffliche
sie glauben an   die absolute Erkenntniß
die Erkenntniß um der Erkenntniß willen
Tugend und Glück im Bunde
Erkennbarkeit der menschlichen Handlungen
die falschen Gegensätze   z. B. Lust und Schmerz gut und böse
die Verführungen der Sprache    
     
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