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Sommer-Herbst 1884 26 [1-100]

26 [1]

Das Vorläufige
und die Vorläufer

26 [2]

Skeptische Einreden.

26 [3]

Die großen Philosophen sind selten gerathen. Was sind denn diese Kant, Hegel, Schopenhauer, Spinoza! Wie arm, wie einseitig! Da versteht man, wie ein Künstler sich einbilden kann, mehr als sie zu bedeuten. Die Kenntniß der großen Griechen hat mich erzogen: an Heraclit Empedocles Parmenides Anaxagoras Democrit ist mehr zu verehren, sie sind voller. Das Christenthum hat es auf dem Gewissen, viele volle Menschen verdorben zu haben z. B. Pascal und früher den Meister Eckart. Es verdirbt zuletzt gar noch den Begriff des Künstlers: es hat eine schüchterne Hypocrisie über Raffael gegossen, zuletzt ist auch sein verklärter Christus ein flatterndes schwärmerisches Mönchlein, das er nicht wagt, nackt zu zeigen. Goethe steht gut da.

26 [4]

“Die Menschen lieben aus Dankgefühl, aus überströmendem Herzen, weil man dem Tode entronnen ist” Lagarde p. 54 gegen die “Humanität.” [Vgl. Paul de Lagarde, Ueber die gegenwärtige lage des deutschen Reichs. Ein bericht, erstattet von Paul de Lagarde, Doctor der Theologie und Philosophie, ordentlichen Professor in der philosophischen Facultät der Universität Göttingen. Göttingen: Dieterich, 1876:54.]

26 [5]

Der Vortheil der Kirche, wie der Rußlands ist: sie können warten.

26 [6]

Eine Religion, an deren Thür der Ehebruch Gottes steht (bei ihm ist ja kein Ding unmöglich!)

26 [7]

— den Nächsten, den Feind selber lieben, weil Gott so thut—“er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.” Aber das thut er gar nicht.

26 [8]

— Fichte, Schelling, Hegel, Schleiermacher, Feuerbach, Strauß—alles Theologen.

26 [9]

— ich bin dazu gedrängt, im Zeitalter des suffrage universel, d. h. wo Jeder über Jeden und Jedes zu Gericht sitzen darf, die Rangordnung wieder herzustellen.

26 [10]

Bei altgewordenen Völkern große Sinnlichkeit, z. B. Ungarn, Chinesen, Juden, Franzosen (denn die Kelten waren schon ein Culturvolk!) —

26 [11]

Die ächten Beduinen der Wüste und die alten Wikinger —

26 [12]

NB. Die bestgeglaubten a priorischen “Wahrheiten” sind für mich—Annahmen bis auf Weiteres z.B. das Gesetz der Causalität sehr gut eingeübte Gewöhnungen des Glaubens, so einverleibt, daß nicht daran glauben das Geschlecht zu Grunde richten würde. Aber sind es deswegen Wahrheiten? Welcher Schluß! Als ob die Wahrheit damit bewiesen würde, daß der Mensch bestehn bleibt!

26 [13]

Ich muß das schwierigste Ideal des Philosophen aufstellen. Das Lernen thut’s nicht! Der Gelehrte ist das Heerdenthier im Reiche der Erkenntniß, welcher forscht, weil es ihm befohlen und vorgemacht worden ist.

26 [14]

Es giebt an sich keinen Sinn für Wahrheit; aber weil ein starkes Vorurtheil dafür spricht, es sei nützlicher, die Wahrheit zu wissen als sich täuschen zu lassen, wird die Wahrheit gesucht—während in vielen anderen Fällen sie gesucht wird, weil sie vielleicht nützlicher sein könnte—sei es zur Vermehrung der Macht, des Reichthums, der Ehre, des Selbstgefühls.

26 [15]

Auch hinter den eigentlichen Freunden der Wahrheit, den Philosophen arbeitet eine ihnen oft unbewußte Absichtlichkeit: sie wollen von vorn herein eine gewisse, so und so beschaffene “Wahrheit”—und oft genug haben sie ihre innersten Bedürfnisse verrathen, indem sie ihren Weg zu ihrer “Wahrheit” giengen.

26 [16]

Der arme Schopenhauer! E. von Hartmann hat ihm die Beine, auf denen er einher gieng, und Richard Wagner gar noch den Kopf abgeschnitten!

26 [17]

Wir können vom Willen nur das erkennen, was an ihm erkennbar ist—also vorausgesetzt, daß wir uns als Wollende erkennen, muß am Wollen etwas Intellektuales sein.

26 [18]

Ein Erkenntniß-Apparat, der sich selber erkennen will!! Man sollte doch über diese Absurdität der Aufgabe hinaus sein! (Der Magen, der sich selber aufzehrt!—)

26 [19]

Wie Winckelmann am Laokoon gleichsam am Ende des Alterthums den Sinn für dasselbe sich erwarb, so R[ichard] W[agner] an der Oper, der schlechtesten aller Kunstgattungen, den Sinn für Stil d. h. Einsicht, daß es nicht möglich ist, Künste zu isoliren.

26 [20]

— der demagogische Charakter der Kunst Wagners: zuletzt mit der Consequenz, daß er sich vor Luther beugte, um Einfluß zu bekommen.

26 [21]

— die deutsche Musik steht nicht außerhalb der Cultur-Bewegung: in Mozart ist sehr viel Rococo und jene Zärtlichkeit des 18ten Jahrhunderts. In Beethoven die Luft von Frankreich her, die Schwärmereien, aus denen die Revolution entsprang immer Nachklang, Ausklang. W[agner] und die Romantik.

— wie steht es mit dem Zusammenhang der Musik und der bildenden Kunst? Und der Poesie? Verhältnismäßige Einsamkeit des Musikers, er lebt weniger mit, seine Erregungen sind Nachklänge früherer Gefühle.

Es fehlt immer noch der große Stil in der Musik; und es ist dafür gesorgt, daß er jetzt nicht wächst!

26 [22]

Alles, was ich über R[ichard] W[agner] gesagt hatte, ist falsch. Ich empfand es 1876 “es ist an ihm Alles unächt; was ächt ist, wird versteckt oder dekorirt. Es ist ein Schauspieler, in jedem schlimmen und guten Sinn des Worts.”

26 [23]

Sich so fernstellen von den moralischen Phänomenen, wie der Arzt dem Hexenglauben und der Lehre “vom Griff des Teufels” fernsteht.

26 [24]

Der Schmerz, die Ungewißheit, die Bosheit: zu diesen Dreien stehen die Heerden-Menschen sehr verschieden.

26 [25]

Die Vortheile in dieser Zeit. “Nichts ist wahr: Alles ist erlaubt.” [Vgl. Joseph von Hammer, Die Geschichte der Assassinen, aus morgenländischen Quellen, durch Joseph von Hammer. Stuttgart; Tübingen: Cotta, 1818:84.]

26 [26]

Ich betrachte Verbrecher, gestrafte und nicht gestrafte, als Menschen, an denen man Versuche machen kann. Schutz, nicht Besserung, nicht Strafe!

26 [27]

— ein Volk, welches sich der Intelligenz eines Luther unterordnet!

26 [28]

NB. Es sind gute Perspectiven: lauter ganz große Erschütterungen bereiten sich vor. Erwäge ich, was die französische Revolution erregt hat—auch Beethoven ist ohne sie nicht zu denken, ebensowenig Napoleon. So hoffe ich, daß alle Grundprobleme aufgedeckt werden und man gründlich über die Albernheiten des neuen Testaments oder über Hamlet und Faust, die beiden “modernsten Menschen,” hinauskommt.

26 [29]

Ich habe mich in eine gute helle Höhe gehoben: und Mancher, der mir, als ich jung war, wie ein Stern über mir leuchtete, ist mir nun fern—aber unter mir z. B. Sch[openhauer] W[agner].

26 [30]

Man soll nicht bauen, wo es keine Zeit mehr ist. Das jauchzen der großen Bewegung: und ich bin, der sieht, worum es sich handelt: um alles “Gut” und “Böse.”

26 [31]

R[ichard] W[agner] zu beschreiben—Versuch einer Dictatur. Aber zuletzt strich er sich selber durch, unfähig zu einer eigenen Gesammt-Conception. Die “Entzückungen” des Protestantischen Abendmahls verführten ihn!

Montaigne — — —

26 [32]

“Welt-Eroberung.” Auf welchem Wege der Mensch sich bisher die Dinge zu unterwerfen suchte:

— die Grenzen, wo er nicht weiter konnte und sich unterwarf (Moira)—“Gott.” Die “Herrscher” noch einmal als Welt-Herrscher in die Dinge hineingeträumt.

— Tröstungen. Ergebung.

26 [33]

“Der Frieden als Trugbild.” “Befriedigung”

26 [34]

Tags ist der untere Intellekt dem Bewußtsein verschlossen. Nachts schläft der höhere Intellekt, der untere tritt ins Bewußtsein (Traum)

26 [35]

Wie im Traume zum Kanonenschuß die Ursache gesucht wird und der Schuß erst hinterdrein gehört wird (also eine Zeit-Umkehrung stattfindet: diese Zeitumkehrung findet immer statt, auch im Wachen. Die “Ursachen” werden nach derThat” imaginirt; ich meine, unsere Zwecke und Mittel sind Folgen eines Vorganges??)

Wie sicher wir eingeübt sind, nichts ohne Ursache zu glauben, das zeigt das eben erwähnte Phänomen: wir acceptiren den Kanonenschuß erst, wenn wir uns die Möglichkeit ausgedacht haben, wie er entstanden ist, d. h. allem eigentlichen Erleben geht eine Zeit voraus, wo die zu erlebende Thatsache motivirt wird.

— dies könnte in der Bewegung jedes Nervs, jedes Muskels der Fall sein.

Also in jeder sogenannten Sinneswahrnehmung giebt es ein Urtheil, welches den Vorgang, bevor er ins Bewußtsein “eintritt,” bejaht oder verneint

Alles organische Leben ist als sichtbare Bewegung coordinirt einem geistigen Geschehen.

Ein organisches Wesen ist der sichtbare Ausdruck eines Geistes.

26 [36]

Das Nervensystem und das Gehirn ist ein Leitungssystem und ein Centralisationsapparat zahlloser Individual-Geister von verschiedenem Range. Das Ich-Geistige selber ist mit der Zelle schon gegeben.

Vor der Zelle giebt es keine Ich-Geistigkeit, wohl aber entspricht allem Gesetzmäßigen d. h. dem Relationscharakter alles Geschehens nur ein Denkvorgang (Gedächtniß und Schluß)

26 [37]

Wo es keinen Irrthum giebt, dies Reich steht höher: das Unorganische als die individualitätslose Geistigkeit. Das organische Geschöpf hat seinen Seh-Winkel vom Egoismus, um erhalten zu bleiben.

— es darf nur soweit denken als es seiner Erhaltung frommt.

— ein Dauerprozeß mit Wachsthum, Zeugung usw.

26 [38]

Die Gedanken sind Kräfte. Die Natur ergiebt sich als eine Menge von Relationen von Kräften: es sind Gedanken, logisch absolut sichere Prozesse, es fehlt alle Möglichkeit des Irrthums. Unsere Wissenschaft hat den Gang gemacht, überall logische Formeln und nichts weiteres ausfindig zu machen.

— alle diese Bewegungsvorgänge, die wir sehen oder fast sehen (Atome), sind Consequenzen

1. Die unzerstörbare Einerleiheit der Kraft, der Raum mit der Funktion Kraft. Alles Mechanik.

2. Die Mechanik im Grunde Logik.

3. die Logik unableitbar. Wie ist der Irrthum möglich? richtiger: Erhaltungsgesetze für Dauer-Prozesse setzen perspektivische Illusion voraus.

26 [39]

“der gerechte Mensch” für den Betrachter sehr erquicklich, Ruhe gebend: sich selber aber eine furchtbare Qual

26 [40]

Kunst—die Freude, sich mitzutheilen (und zu empfangen von einem Reicheren)—durch Gestalten die Seelen formen —

26 [41]

Dies Bedürfniß, fertig die Erkenntniß um sich zu haben, ist bei einer sehr entschlossenen Natur nicht vorhanden —

26 [42]

Ich stelle das Problem von der Rangordnung (Plato) des Künstlers neu; zugleich bilde ich den Künstler so hoch ich kann. Thatsächlich finden wir alle Künstler unterworfen unter große geistige Bewegungen, nicht deren Leiter: oft Vollender z. B. Dante für die katholische Kirche. R[ichard] W[agner] für die romantische Bewegung. Shakespeare für die Freigeisterei Montaigne’s.

Die höheren Formen, wo der Künstler nur ein Theil des Menschen ist—z. B. Plato, Goethe, G[iordano] Bruno. Diese Formen gerathen selten.

26 [43]

Alle philosophischen Systeme sind überwunden; die Griechen strahlen in größerem Glanze als je, zumal die Griechen vor Socrates.

26 [44]

Die Umkehrung der Zeit: wir glauben die Außenwelt als Ursache ihrer Wirkung auf uns, aber wir haben ihre thatsächliche und unbewußt verlaufende Wirkung erst zur Außenwelt verwandelt: das, als was sie uns gegenüber steht, ist unser Werk, das nun auf uns zurückwirkt. Es braucht Zeit, bevor sie fertig ist: aber diese Zeit ist so klein.

26 [45]

Unsere Werthschätzungen stehen im Verhältniß zu unseren geglaubten Lebensbedingungen: verändern sich diese, so verändern sich unsere Werthschätzungen.

26 [46]

Coordination statt Ursache und Wirkung

26 [47]

Der Weg zur Weisheit.
Fingerzeige zur Überwindung der Moral.

Der erste Gang. Besser verehren (und gehorchen und lernen) als irgend Einer. Alles Verehrenswerthe in sich sammeln und miteinander kämpfen lassen. Alles Schwere tragen. Asketismus des Geistes —Tapferkeit Zeit der Gemeinschaft.

Der zweite Gang. Das verehrende Herz zerbrechen, (als man am festesten gebunden ist). Der freie Geist. Unabhängigkeit. Zeit der Wüste. Kritik alles Verehrten (Idealisirung des Unverehrten), Versuch umgekehrter Schätzungen.

Der dritte Gang. Große Entscheidung, ob tauglich zur positiven Stellung, zum Bejahen. Kein Gott, kein Mensch mehr über mir! Der Instinkt des Schaffenden, der weiß, wo er die Hand anlegt. Die große Verantwortung und die Unschuld. (Um Freude irgendworan zu haben, muß man Alles gutheißen.) Sich das Recht geben zum Handeln.

26 [48]

1. Die Überwindung der bösen kleinlichen Neigungen. Das umfängliche Herz, man erobert nur mit Liebe.

(R[ichard] W[agner] warf sich vor einem tiefen liebevollen Herzen nieder, ebenso Schopenhauer. Dies gehört zur ersten Stufe.) Vaterland, Rasse, alles gehört hierher.

2. Die Überwindung auch der guten Neigungen.

unvermerkt solche Naturen wie D[ühring] und W[agner] oder Sch[openhauer] als noch nicht einmal auf dieser Stufe stehend!

3. Jenseits von Gut und Böse. Er nimmt sich der mechachanischen Weltbetrachtung an und fühlt sich nicht gedemüthigt unter dem Schicksal: er ist Schicksal. Er hat das Loos der Menschen in der Hand.

Nur für Wenige: die Meisten werden schon im 2ten Weg zu Grunde gehen. Plato Spinoza? vielleicht gerathen? Sich endlich das Recht geben zum Handeln.

Sich hüten vor Handlungen, die nicht mehr zur erreichten Stufe passen z. B. das Helfen-wollen bei Solchen, die nicht bedeutend genug sind—dies ist falsches Mitleid.

26 [49]

NB. “Bewußtsein”—in wie fern die vorgestellte Vorstellung, der vorgestellte Wille, das vorgestellte Gefühl (das uns allein bekannte) ganz oberflächlich ist! “Erscheinung” auch unsere innere Welt!

26 [50]

Maassstab. Wie viel hält Einer von der Wahrheit aus, ohne zu entarten! Und ohne durch Widerspruch und Feindseligkeit und Mißverstehen zur Verzweiflung gebracht zu werden? Auch nicht durch die Dummheit der Liebe derer, die ihn verehren?

26 [51]

Welches schlimme Schicksal hat Schopenhauer gehabt! Seine Ungerechtigkeiten fanden Übertreiber (Dühring und Richard Wagner), seine Grundeinsicht vom Pessimismus einen Berliner unfreiwilligen Verkleinerer (E. von Hartmann)!

26 [52]

Wir meinen, unser bewußter Intellekt sei die Ursache aller zweckmäßigen Einrichtungen in uns. Das ist grundfalsch. Nichts ist oberflächlicher als das ganze Setzen von “Zwecken” und “Mitteln” durch das Bewußtsein: es ist ein Apparat der Vereinfachung (wie das Wortreden usw.), ein Mittel der Verständigung, practicabel, nichts mehr—ohne Absicht auf Durchdringung mit Erkenntniß.

26 [53]

“Zufall”—in großen Geistern Fülle von Conceptionen und Möglichkeiten, gleichsam Spiel von Gestalten, daraus Auswahl und Anpassung an früher Ausgewähltes.— Die Abhängigkeit der niederen Naturen von den erfinderischen ist unsäglich groß—einmal darzustellen, wie sehr alles Nachahmung und Einspielen der angegebenen Werthschätzungen ist, die von großen Einzelnen ausgehen. Z. B. Plato und das Christenthum. Paulus wußte schwerlich, wie sehr alles in ihm nach Plato riecht.

26 [54]

Capitel. Vom Werthe des menschlichen Erkenntniss-Apparates. Erst langsam stellt sich heraus, was er leisten und nicht leisten kann: namentlich wie weit alle seine Ergebnisse in innerem Zusammenhang stehen oder sich widersprechen.

26 [55]

Capitel. Wenn man nicht einen bestimmten Standpunkt hat, ist über den Werth von keinem Dinge zu reden: d. h. eine bestimmte Bejahung eines bestimmten Lebens ist die Voraussetzung jedes Schätzens.

26 [56]

Man lobt und tadelt von sich aus: wer von höheren Gesichtspunkten aus den Lobenden übersieht, findet es unschmeichelhaft, von ihm gelobt zu werden.

26 [57]

NB. In wiefern es nöthig ist, für den Menschen höchsten Ranges, von den Vertretern einer bestimmten Moral tödtlich gehaßt zu werden. Wer die Welt liebt, den müssen alle Einzelnen verdammen: die Perspektive ihrer Erhaltung fordert, daß es keinen Zerstörer aller Perspectiven giebt.

26 [58]

NB. Die erste Grenze alles “Sinnes für Wahrheit” ist—auch für alle niederen belebten Geschöpfe—was nicht ihrer Erhaltung dient, geht sie nichts an. Die zweite: die Art und Weise ein Ding zu betrachten, welche ihnen am nützlichsten ist, wird vorgezogen und allmählich erst, durch Vererbung, einverleibt. Dies ist auch durch den Menschen noch keineswegs anders geworden: höchstens könnte man fragen, ob es nicht entartende Rassen gäbe, welche sich so zu den Dingen stellen, wie es der inneren Absichtlichkeit auf Untergang hin gemäß ist—also wider das Leben. Aber das Absterben des Veralteten oder Mißrathenen gehört selber in die Consequenz der Erhaltung des Lebens: weshalb Greise greisenhaft und ächte Christen weltfeindlich urtheilen mögen.

An sich wäre es möglich, daß zur Erhaltung des Lebenden gerade Grund-Irrthümer nöthig wären, und nicht “Grund-Wahrheiten.” Es könnte z. B. ein Dasein gedacht werden, in welchem Erkennen selber unmöglich wäre, weil ein Widerspruch zwischen absolut Flüssigem und der Erkenntniß besteht: in einer solchen Welt müßte ein lebendes Geschöpf erst an Dinge, an Dauer usw. glauben, um existiren zu können: der Irrthum wäre seine Existenz-Bedingung. Vielleicht ist es so.

26 [59]

In wessen Vorfahren die Liebe eine wichtige Angelegenheit war, der wird es spüren, wenn er verliebt ist und sich, zu seinem Erstaunen vielleicht, so benehmen, wie seine Vorfahren es getrieben haben: es fängt schwerlich Einer eine veritable Passion an—sondern auch Leidenschaften müssen erzogen und angezüchtet werden, die Liebe sogut wie die Herrschsucht und der Egoismus.

26 [60]

Überall, wo große Zweckmäßigkeit ist, haben wir im Bewußtsein nicht die Zwecke und Mittel. Der Künstler und sein Werk, die Mutter und das Kind—und ebenso mein Kauen, Verdauen, Gehen usw., die Oekonomie der Kräfte am Tage usw.— alles das ist ohne Bewußtsein.

Daß etwas zweckmäßig vor sich geht z. B. der Prozeß des Verdauens, das wird durch die Annahme eines hundertfältig verfeinerten Erkenntnißapparates nach Art des bewußten Intellekts noch keineswegs erklärt: er könnte der Aufgabe, die thatsächlich geleistet wird, nicht angemessen gedacht werden, weil viel zu feine Verhältnisse (in Zahlen) in Betracht kämen. Der zweite Intellekt würde immer noch das Räthsel ungelöst lassen. Wenn man sich nicht durch “groß” und “klein” in zeitlichen Verhältnissen täuschen läßt, ist der Vorgang einer einzelnen Verdauung geradeso reich an einzelnen Vorgängen der Bewegung, wie der ganze Prozeß des Lebendigen überhaupt: und wer für letzteren keinen leitenden Intellekt annimmt, braucht ihn auch für ersteren nicht anzunehmen.

26 [61]

Der ganze Erkenntniß-Apparat ist ein Abstraktions- und Simplifikations-Apparat—nicht auf Erkenntniß gerichtet, sondern auf Bemächtigung der Dinge: “Zweck” und “Mittel” sind so fern vom Wesen wie die “Begriffe.” Mit “Zweck” und “Mittel” bemächtigt man sich des Prozesses (—man erfindet einen Prozeß, der faßbar ist!), mit Begriffen aber der “Dinge,” welche den Prozeß machen.

26 [62]

Das Wesen einer Handlung ist unerkennbar: das was wir ihre “Motive” nennen, bewegt Nichts—es ist eine Täuschung, ein Nacheinander als ein Durcheinander aufzufassen.

26 [63]

Mit der “Freiheit des Willens” fällt die “Verantwortlichkeit” dahin. Es bleiben aber alle moralischen Fragen übrig: wie steht das Lebendige zur “Wahrheit”? Zu einem anderen Lebendigen? Und wenn aus Irrthum gestraft und belohnt wurde, warum dürfte dann nicht weiter gestraft und belohnt werden? Was ist gegen einen “Willen zur Unwahrheit” einzuwenden? Und woher die Schätzung des Uneigennützigen Gerechten?— Genug, der ganze Thatbestand der bisherigen moralischen Stellung des Lebendigen, 1) der Thatbestand der Schätzungen und 2) die Ursache der Werthschätzungen bliebe noch festzustellen. Wobei sich die Frage ergäbe 3), ob es einen Maaßstab giebt über allen bisherigen Werthschätzungen, eingerechnet die Frage, ob die zwei ersten Probleme ohne dies lösbar sind—und warum ich sie überhaupt stelle.

26 [64]

Die großen Probleme vom Werth des Werdens gestellt durch Anaximander und Heraclit—also die Entscheidung darüber, ob eine moralische oder eine ästhetische-Schätzung überhaupt erlaubt ist, in Bezug auf das Ganze.

Das große Problem, welchen Antheil der Zwecke-setzende Verstand an allem Werden hat—von Anaxagoras

Das große Problem, ob es ein Sein giebt—von den Eleaten; und was Alles Schein ist.

Alle großen Probleme sind vor Socrates gestellt:

Socrates: die Einsicht als Mittel zur moralischen Besserung, das Unvernünftige in den Leidenschaften, das Unzweckmäßige im Schlecht-sein.

Plato sagt, nein! Die Liebe zum Guten bringt die moralische Besserung mit sich; die Einsicht aber ist nöthig zur Erfassung des Guten.

Socrates sucht nicht die Weisheit, sondern einen Weisen—und findet ihn nicht  aber dies Suchen bezeichnet er als sein höchstes Glück. Denn es gäbe nichts Höheres im Leben als immer von Tugend zu sprechen.

26 [65]

Vielleicht ist das, was wir als das Gewisseste fühlen, am entferntesten vom “Wirklichen.” Im Urtheile steckt ein Glaube “so und so ist es”; wie, wenn gerade das Glauben selber die nächste Thatsache wäre, die wir feststellen können! Wie ist Glauben möglich??

26 [66]

Pythagoras gründet einen Orden für Vornehme, eine Art Tempelherrn-Orden.

26 [67]

— Heraclit: die Welt eine absolute Gesetzlichkeit: wie könnte sie eine Welt der Ungerechtigkeit sein!  also eine moralische Beurtheilung “die Erfüllung des Gesetzes” ist absolut; der Gegensatz ist eine Täuschung; auch die schlechten Menschen ändern nichts daran, so wie sie sind, erfüllt sich an ihnen die absolute Gesetzlichkeit. Die Nothwendigkeit wird hier moralisch verherrlicht und gefühlt.

26 [68]

Bisher sind beide Erklärungen des organischen Lebens nicht gelungen, weder die aus der Mechanik, noch die aus dem Geiste. Ich betone letzteres. Der Geist ist oberflächlicher als man glaubt. Die Regierung des Organismus geschieht in einer Weise, für welche sowohl die mechanische Welt, als die geistige nur symbolisch zur Erklärung herangezogen werden kann.

26 [69]

Der Gedanke, daß das Lebensfähige allein übrig geblieben ist, ist eine Conception ersten Ranges.

26 [70]

Zuletzt könnte die Unerkennbarkeit des Lebens eben darin liegen, daß alles an sich unerkennbar ist und wir nur begreifen, was wir erst gebaut und gezimmert haben; ich meine auf dem Widerspruche der ersten Funktionen des “Erkennens” mit dem Leben. Je erkennbarer etwas ist, um so ferner vom Sein, um so mehr Begriff.

26 [71]

Egoismus als das perspektivische Sehen und Beurtheilen aller Dinge zum Zweck der Erhaltung: alles Sehen (daß überhaupt etwas wahrgenommen wird, dies Auswählen) ist schon ein Werthschätzen, ein Acceptiren, im Gegensatze zu einem Zurückweisen und Nicht-sehen-wollen.

26 [72]

Werthschätzungen stecken in allen Sinnes-Thätigkeiten. Werthschätzungen stecken in allen Funktionen des organischen Wesens.

Daß Lust und Unlust ursprüngliche Formen der Werthschätzung sind, ist eine Hypothese: vielleicht sind sie erst Folgen einer Werthschätzung.

Das “Gute” ist, von zwei verschiedenen Wesen aus gesehen, etwas Verschiedenes.

Es giebt ein Gutes, das die Erhaltung des Einzelnen; ein Gutes, das die Erhaltung seiner Familie oder seiner Gemeinde oder seines Stammes zum Maaße hat—es kann ein Widerstreit im Individuum entstehen, zwei Triebe.

Jeder “Trieb” ist der Trieb zu “etwas Gutem,” von irgend einem Standpunkte aus gesehen; es ist Werthschätzung darin, nur deswegen hat er sich einverleibt.

Jeder Trieb ist angezüchtet worden als zeitweilige Existenz-Bedingung. Er vererbt sich lange, auch nachdem er aufgehört hat, es zu sein.

Ein bestimmter Grad des Triebes im Verhältniß zu anderen Trieben wird, als erhaltungsfähig, immer wieder vererbt; ein entgegengesetzter verschwindet

26 [73]

Das “Unegoistische.” Die Vielheit der Personen (Masken) in Einem “Ich.”

26 [74]

Das Gesetz der Causalität a priori—daß es geglaubt wird, kann eine Existenzbedingung unserer Art sein; damit ist es nicht bewiesen.

26 [75]

Zur Einleitung.

§ 1. Die schwierigste und höchste Gestalt des Menschen wird am seltensten gelingen: so zeigt die Geschichte der Philosophie eine Überfülle von Mißrathenen, von Unglücksfällen, und ein äußerst langsames Schreiten; ganze Jahrtausende fallen dazwischen und erdrücken, was erreicht war, der Zusammenhang hört immer wieder auf. Das ist eine schauerliche Geschichte—die Geschichte des höchsten Menschen, des Weisen.— Am meisten geschädigt ist gerade das Gedächtniß der Großen, denn die Halb-Gerathenen und Mißrathenen verkennen sie und besiegen sie durch “Erfolge.” Jedes Mal, wo “die Wirkung” sich zeigt, tritt eine Masse Pöbel auf den Schauplatz; das Mitreden der Kleinen und der Armen im Geiste ist eine fürchterliche Ohren-Marter für den, der mit Schauder weiß, daß das Schicksal der Menschheit am Gerathen ihres höchsten Typus liegt.— Ich habe von Kindesbeinen an über die Existenz-Bedingungen des Weisen nachgedacht; und will meine frohe Überzeugung nicht verschweigen, daß er jetzt in Europa wieder möglich wird—vielleicht nur für eine kurze Zeit.

§ 2. Was muß im Weisen zusammenkommen? Da begreift man, warum er so leicht mißräth, ganz abgesehen von den äußeren Bedingungen.

§ 3. Die Welt der Meinungen—wie tief das Werthschätzen in die Dinge geht, ist bisher übersehen: wie wir in einer selbstgeschaffenen Welt stecken, und auch in allen unseren Sinnes-Wahrnehmungen noch moralische Werthe liegen.— Beschränktheit des Gesichtskreises des Kantischen Idealismus (zuletzt von ihm selber widerlegt: was geht uns die Wahrheit an, wenn es sich um unsere höchsten Werthschätzungen handelt—“man muß dann dies und jenes glauben” meinte Kant)

26 [76]

Es ist ein Problem, ob Lust und Unlust primitivere Thatsachen sind als Urtheil “nützlich” “schädlich” für das Ganze.

26 [77]

Reiz begrifflich abzutrennen von “Lust” und “Unlust”

26 [78]

Schopenhauer bekennt das “besondere Vergnügen,” die praktische Vernunft und den kategorischen Imperativ Kants “als völlig unberechtigte, grundlose und erdichtete Annahmen nachzuweisen und somit die Moral wieder ihrer alten, gänzlichen Rathlosigkeit zu überantworten” (Grundlage der Moral p. 116) [Vgl. Arthur Schopenhauer, Sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt. Bd. 4: Schriften zur Naturphilosophie und zur Ethik. Die beiden Grundprobleme der Ethik. Preisschrift über die Grundlage der Moral. Leipzig: Brockhaus, 1874:116.]

26 [79]

Bedingungen des Weisen.

Man muß sich durch Schuld aller Art aus der Gesellschaft lösen.

26 [80]

Die Entwicklung des Organischen ergiebt eine große Wahrscheinlichkeit, daß der Intellekt aus sehr kleinen Anfängen gewachsen ist, also auch geworden ist: die Sinnesorgane sind nachweisbar entstanden, vor ihnen gab es noch keine “Sinne.” Es fragt sich, was immer dagewesen sein muß: z. B. welche Eigenschaften hat das Embryon, daß sich schließlich auch das Denken im Verlaufe seiner Entwicklung entwickelt? —

26 [81]

Wir haben keine Ahnung bisher von den inneren Bewegungs-gesetzen des organischen Wesens. “Gestalt” ist ein optisches Phänomen: abgesehen von Augen Unsinn.

26 [82]

Hauptsatz: keine rückläufigen Hypothesen! Lieber ein Zustand der ¦B@PZ! Und möglichst viel Einzel-Beobachtungen! Zuletzt: wir mögen erkennen, was wir wollen, hinter allen unseren Arbeiten steht eine Nützlichkeit oder Unnützlichkeit die wir nicht übersehen. Es giebt darin kein Belieben, sondern alles ist absolut nothwendig: und das Loos der Menschheit ist längst entschieden, weil es schon ewig dagewesen ist. Unsre eifrigste Anstrengung und Vorsicht gehört mit hinein in das fatum aller Dinge; und ebenso jede Dummheit. Wer sich vor diesem Gedanken verkriecht, der ist eben damit auch fatum. Gegen den Gedanken der Nothwendigkeit giebt es keine Zuflucht.

26 [83]

Welches ist der wünschenswertheste nützlichste Glaube? (wenn einmal es nicht auf Wahrheit ankommt) könnte man fragen. Aber da muß man weiter fragen: nützlich wozu?

26 [84]

Kant sagt p. 19 R[osenkranz], “der moralische Werth einer Handlung liege durchaus nicht in der Absicht, in der sie geschah, sondern in der Maxime, die man befolgte.” “Wogegen (Schopenhauer Grundlage der Moral p. 134) ich zu bedenken gebe, daß die Absicht allein über moralischen Werth oder Unwerth einer That entscheidet, weshalb die selbe That, je nach ihrer Absicht, verwerflich oder lobenswerth sein kann” usw. [Vgl. Arthur Schopenhauer, Sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt. Bd. 4: Schriften zur Naturphilosophie und zur Ethik. Die beiden Grundprobleme der Ethik. Preisschrift über die Grundlage der Moral. Leipzig: Brockhaus, 1874:134.]

ego: aber was er mit der That wollte, ob dies lobens- oder tadelnswerth ist, hängt doch von der Maxime ab, die der Lobende oder Tadelnde hat, und folglich von der Beurtheilung der Maxime, nach welcher der Handelnde gehandelt hat: ist es nämlich nicht die gleiche, so empört sich der gewöhnliche Mensch gegen den Handelnden, er setzt aber voraus, daß er gleich die Handlungen schätzt. Kant hat Recht, daß weil es verschiedene Maximen giebt, und von verschiedenem moralischen Werthe, der Werth einer Handlung zuletzt immer zur Frage nach dem Werthe der ihr zu Grunde liegenden Maxime zurückführt.



Sch[openhauer] ist ebenso sicher zu wissen, was gut und böse ist, wie Kant—das ist der Humor der Sache.

26 [85]

Das Befehlen und das Gehorchen ist die Grundthatsache: das setzt eine Rang-Ordnung voraus

Sch[openhauer] p. 136 “Das Princip oder der oberste Grundsatz einer Ethik ist der kürzeste und bündigste Ausdruck für die Handlungsweise, die sie vorschreibt oder, wenn sie keine imperative Form hätte, die Handlungsweise welcher sie eigentlichen moralischen Werth zuerkennt,—also das Ó, J4 der Tugend. Das Fundament einer Ethik hingegen ist das *4`J4 der Tugend, der Grund jener Verpflichtung oder Anempfehlung oder Belobung, also das *4`J4 der Tugend.— Das Ó, J4 so leicht, das *4`J4 so entsetzlich schwer.”

“Das Princip, der Grundsatz, über dessen Inhalt alle Ethiker eigentlich einig sind: neminem laede, immo omnes quantum potes juva—das ist eigentlich der Satz, welchen zu begründen alle Sittenlehrer sich abmühen—das eigentliche Fundament der Ethik, welches man wie den Stein der Weisen seit Jahrtausenden sucht.” [Vgl. Arthur Schopenhauer, Sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt. Bd. 4: Schriften zur Naturphilosophie und zur Ethik. Die beiden Grundprobleme der Ethik. Preisschrift über die Grundlage der Moral. Leipzig: Brockhaus, 1874:136.]

Die Schwierigkeit, diesen Satz zu beweisen, ist freilich groß: er ist albern und sklavenhaft-sentimental.

neminem laede warum nicht?

neminem enthält eine Gleichsetzung aller Menschen: da aber die Menschen nicht gleich sind, so ist hierin eine Forderung enthalten, sie als gleich zu setzen. Also—“behandle jeden Menschen als Deinesgleichen” ist Hintergrund dieser Moral. “Nutzen” enthält die Frage “nützlich wozu?” also schon eine Werthschätzung und Ziel. Unter Umständen könnte, um Allen zu nützen, es nöthig sein Vielen zu schaden: also der erste Theil falsch sein. Es ist lächerlich, ein “Wohl- und Wehethun” an sich zu glauben, wenn man Philosoph ist. Ein Schmerz und Verlust bringt uns oft den größten Gewinn, und “es ist sehr gut, schlimme Feinde zu haben,” wenn aus dir etwas Großes werden soll.—

also: erste Frage, ob die Moral praktikabel, ausfühbar ist. Aber wie kann ich “Allen nützen”!



Es giebt Augenblicke in Schopenhauer, wo er der Sentimentalität Kotzebue’s gar nicht fern steht—auch spielte er täglich Flöte: das sagt Etwas.

26 [86]

Schopenhauer hat sich mit Recht lustig gemacht über Kants “Zweck an sich” “absolutes Soll” “absoluter Werth” als über Widersprüche: er hätte das “Ding an sich” hinzuthun sollen.

26 [87]

Wo die Gleichgültigkeit beginnt, bei lebenden Wesen, im Verhältniß zur Außenwelt —

26 [88]

Der Weise am wenigsten durch starre Einförmigkeit des Blicks ausgezeichnet—so lange— — —

26 [89]

Die ausgezeichneten Geister mißrathen leichter; ihre Leidensgeschichte, ihre Krankheiten, ihre Empörung über das dreiste Tugend-Gequieke aller sittlichen Gänseriche usw. Alles ist gegen sie verschworen, es erbittert sie, überall nicht am Platze zu sein.— Gefahr in demokratischen Zeitaltern. Absolute Verachtung als Sicherheits-Maaßregel.

26 [90]

Was erreicht worden ist in der Erkenntniß, ist Sache des Philosophen, festzustellen; und nicht nur darin, sondern überhaupt! Die Geschichte als die große Versuchs-Anstalt: die bewußte Weisheit vorzubereiten, welche zur Erd-Regierung noththut. Das Zusammen-denken des Erlebten —

26 [91]

Bei einem Überschusse von belebenden ergänzenden Kräften glänzen selbst die Unglücksfälle mit dem Glanze einer Sonne und erzeugen ihre eigene Tröstung: umgekehrt, alle die tiefe Niedergeschlagenheit, die Gewissensbisse, die langen bitteren Nächte treten ein bei geschwächten Leibern (oft wird noch die Nahrung verweigert)

26 [92]

[Vgl. Francis Galton, Inquiries into Human Faculty and its Development. London: Macmillan, 1883:202-204.]

Das Unfreiwillige im Denken.

Der Gedanke taucht auf, oft vermischt und verdunkelt durch ein Gedränge von Gedanken. Wir ziehen ihn heraus, wir reinigen ihn, wir stellen ihn auf seine Füße und sehen, wie er geht—alles sehr geschwinde! Wir sitzen dann über ihn zu Gericht: denken ist eine Art Übung der Gerechtigkeit, bei der es auch Zeugenverhör giebt. Was bedeutet er? fragen wir und rufen andere Gedanken herbei: das heißt: Der Gedanke also wird nicht als unmittelbar gewiß genommen, sondern nur als ein Zeichen, ein Fragezeichen. Daß jeder Gedanke zuerst vieldeutig und schwankend ist, und an sich nur ein Anlaß zu mehrfacher Interpretation und willkürlicher Festsetzung, ist eine Erfahrungssache jedes Beobachters, der nicht an der Oberfläche bleibt.— Der Ursprung des Gedankens ist uns verborgen; es ist eine große Wahrscheinlichkeit, daß er ein Symptom eines umfänglicheren Zustandes ist, gleich jedem Gefühl—: darin daß gerade er kommt und kein anderer, daß er gerade mit dieser größeren oder minderen Helligkeit kommt, mitunter sicher und befehlerisch, mitunter unsicher und einer Stütze bedürftig, im Ganzen immer beunruhigend und aufregend, fragend—für das Bewußtsein ist jeder Gedanke ein Stimulans—in dem Allen drückt sich irgend Etwas von einem Gesammt-Zustand in Zeichen aus.— Ebenso steht es mit jedem Gefühle—es bedeutet uns nicht an sich Etwas; es wird, wenn es kommt, von uns interpretirt, und oft wie seltsam interpretirt! Man erwäge alle die Nöthe der Gedärme, die krankhaften Zustände des nervus sympathicus, und des ganzen sensorium commune—: nur der anatomisch Unterrichtete räth dabei auf die rechte Gattung von Ursachen; jeder Unwissende aber sucht in solchen Schmerzen eine moralische Erklärung und schiebt dem thatsächlichen Anlasse zu Verstimmungen einen falschen Grund unter, indem er im Umkreis seiner Erlebnisse nach unangenehmen Erfahrungen und Befürchtungen, nach einem Grund sucht, sich schlecht zu befinden.— Auf der Folter bekennt sich fast Jedermann  schuldig: im Schmerz, dessen Ursache man nicht weiß, fragt sich der Gefolterte so lange und inquisitorisch, bis er sich oder Andere als schuldig findet, wie z. B. die Purit[aner] den ihrer unvernünftigen Lebensweise häufig anhaftenden Spleen sich moralisch, als Gewissensbiß auslegten.

26 [93]

Die Handlung eines höheren Menschen ist unbeschreiblich vielfach in ihrer Motivierung: mit irgend einem solchen Wort, wie “Mitleid,” ist gar nichts gesagt. Das Wesentlichste ist das Gefühl “wer bin ich? wer ist der andere im Verhältniß zu mir—Werthurtheile fortwährend thätig.

26 [94]

Über das Gedächtniß muß man umlernen: es ist die Menge aller Erlebnisse alles organischen Lebens, lebendig, sich ordnend, gegenseitig formend, ringend mit einander, vereinfachend, zusammendrängend und in viele Einheiten verwandelnd. Es muß einen inneren Prozeß geben, der sich verhält wie die Begriffsbildung aus vielen Einzelfällen: das Herausheben und immer neu Unterstreichen des Grundschemas und Weglassen der Neben-Züge.— So lange etwas noch als einzelnes factum zurückgerufen werden kann, ist es noch nicht eingeschmolzen: die jüngsten Erlebnisse schwimmen noch auf der Oberfläche. Gefühle von Neigung Abneigung usw. sind Symptome, daß schon Einheiten gebildet sind; unsre sogenannten “Instinkte” sind solche Bildungen. Gedanken sind das Oberflächlichste: Werthschätzungen, die unbegreiflich kommen und da sind, gehen tiefer—Lust und Unlust sind Wirkungen complizirter von Instinkten geregelter Werthschätzungen.

26 [95]

Da Haß, Neigung, Begierde, Zorn, Herrschsucht usw. noch da sind, kann man vermuthen, daß sie ihre Funktionen der Erhaltung haben. Und “der gute Mensch”—ohne die mächtigen Affekte des Hasses, der Empörung, des Ekels, ohne Feindschaft ist eine Entartung, oder eine Selbst-Betrügerei.

26 [96]

Die plumpe Pedanterie und Kleinstädterei des alten Kant, die groteske Geschmacklosigkeit dieses Chinesen von Königsberg, der aber doch ein Mann der Pflicht  und  ein  preußischer  Beamter  war:  und  die  innere Zucht- und Heimatlosigkeit Sch[openhauer]’s, der aber für den mitleidigen Biedermann sich begeistern konnte, gleich Kotzebue: und Mitleid für die Thiere kannte, gleich Voltaire.

26 [97]

wer Freude an einem außerordentlichen Geiste hat, muß auch die Bedingungen lieben, unter denen er entsteht—die Nöthigung der Verstellung, Ausweichung, Ausbeutung der Gelegenheit; und das, was geringeren Naturen Widerwillen, im Grunde Furcht einflößt, zumal wenn sie den Geist als solchen hassen —

26 [98]

Grundstellung: der Mangel an Ehrfurcht vor großen Geistern, aus vielen Gründen und auch daraus, daß es an großen Geistern fehlt. Die historische Manier unsrer Zeit ist zu erklären aus dem Glauben, daß Alles dem Urtheile eines Jeden freisteht.

Das Merkmal des großen Menschen war die tiefe Einsicht in die moralische Hypocrisie von Jedermann (zugleich als Consequenz des Plebejers, der ein Kostüm sucht).

26 [99]

Es ist mein Trost, daß noch alle großen Menschenkenner sagen: “der Mensch ist böse”—und wo es einmal anders lautete, da war dem Einsichtigen sofort deutlich “der Mensch ist dort schwach.”

Die Schwächung des Menschen war die Ursache der Revolutionen—der Sentimentalität.

26 [100]

Was fehlte den Philosophena) historischer Sinn
 b) Kenntniß der Physiologie
 c) ein Ziel gegen die Zukunft hin

Eine Kritik zu machen, ohne alle Ironie und moralische Verurtheilung.

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