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The Will to Power
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Frühjahr 1884 25 [401-526]

25 [401]

Vom Haschisch-Genuß und vom Träumen weiß man, daß die Schnelligkeit der geistigen Vorgänge ungeheuer ist. Offenbar bleibt uns der größte Theil davon erspart, ohne bewußt zu werden.

Es muß eine Menge Bewußtseins und Willen’s in jedem complizirten organischen Wesen geben: unser oberstes Bewußtsein hält für gewöhnlich die anderen geschlossen. Das kleinste organ[ische] Geschöpf muß Bewußtsein und Willen haben.

25 [402]

Der heftigste Reiz ist an sich kein Schmerz: sondern in jener Erschütterung, welche wir fühlen, ist das nervöse Centrum erkrankt, und das erst projicirt den Schmerz an die Stelle des Reizes. Diese Projektion ist eine Schutz- und Defensiv-Maßregel. In der Erschütterung sind eine Menge Affekte: Überfall, Furcht, Gegenwehr, Arger, Wuth, Vorsicht, Nachdenken über Sicherheitsmaßregeln—die Bewegungen des ganzen Körpers resultiren hieraus. Schmerz ist eine tiefe Gemüthsbewegung, mit einer Unmasse von Gedanken auf Einmal; eine Erkrankung durch Verlust des Gleichgewichts und momentane Überwältigung des Willens.

25 [403]

[Vgl. Wilhelm Roux, Der Kampf der Theile im Organismus. Ein Beitrag zur Vervollständigung der mechanischen Zweckmässigkeitslehre. Leipzig: Engelmann, 1881:56ff.]

Ich setze Gedächtniß und eine Art Geist bei allem Organischen voraus: der Apparat ist so fein, daß er für uns nicht zu existiren scheint. Die Thorheit Häckels, zwei Embryons als gleich anzusetzen!

Man muß sich nicht täuschen lassen durch die Kleinheit—das Organische nicht entstanden.

25 [404]

Was für Eigenschaften man haben muß, um Gott zu entbehren—was für welche, um “die Religion des Kreuzes”? Muth, Strenge des Kopfes, Stolz, Unabhängigkeit und Härte, keine Grübelei, Entschlossenheit usw. Vermöge eines Rückgangs siegt immer wieder das Christenthum.— Gewisse Zeitumstände müssen günstig sein.

25 [405]

Regulative Voraussetzungen.

1. Die Entbehrlichkeit Gottes.
2. Gegen die Tröster und Kreuzes-Tröstungen.
3. Das Bewußte als oberflächlich.
4. Kritik der guten Menschen.
5. Kritik der Genie’s.
6. Kritik der Religionsstifter.
7. Kritik der Mächtigen.
8. Die Rassen und die Colonisation.
9. Der Geschlechtstrieb.
10. Die Sklaverei.
11. Kritik der griechischen Cultur.
12. Geist der Musik.
13. Geist der Revolution.
14. Erdregierung.
15. Feste.
16. Das Mitleiden.
17. Strafe, Lohn, Bezahlung.

Meine Aufgabe: die Menschheit zu Entschlüssen zu drängen, die über alle Zukunft entscheiden!

Höchste Geduld—Vorsicht—den Typus solcher Menschen zeigen, welche sich diese Aufgabe stellen dürfen!

25 [406]

Unsere Ableitung des Zeitgefühls usw. setzt immer noch die Zeit als absolut voraus.

25 [407]

Alle unsere Religionen und Philosophien sind Symptome unseres leiblichen Befindens:—daß das Christenthum zum Sieg kam, war die Folge eines allgemeinen Unlust-Gefühls und einer Rassen-Vermischung (d. h. eines Durch- und Gegeneinander im Organismus)

25 [408]

Ehrfurcht vor den Instinkten, Trieben, Begierden, kurz alledem, dessen Grund man nicht völlig durchschaut! Es sind Kräfte da, welche stärker sind als alles, was formulirt werden kann am Menschen. Aber ebenso Furcht und Mißtrauen gegen dies Alles, weil es das Erbe sehr verschiedenwerthiger Zeiten und Menschen ist, das wir da in uns herumschleppen!

— daß die höchste Kraft, als Herrschaft über Gegensätze, den Maaßstab abgiebt:—

der menschliche Leib ist ein viel vollkommeneres Gebilde als je ein Gedanken- und Gefühlssystem, ja viel höher als ein Kunstwerk — —

25 [409]

— das Kunstwerk als ein Zeugniß unserer Lust an der Vereinfachung, an dem Fort-Schaffen durch Concentration unter Ein Gesetz

— der Intellekt ein Abstractions-Apparat

— das Gedächtniß: alles, was wir erlebt haben, lebt: es wird verarbeitet, zusammengeordnet, einverleibt.

25 [410]

Entwicklung der Grausamkeit: Freude im Anblick des Leidenden—auch bei blutigen Culten als Götter freude vorausgesetzt (die Selbstverstümmelung).

der Anblick des Leidens erregt das Mitgefühl, und der Triumph des Mächtigen, Gesunden, Sicheren genießt sich als Lust an diesem eigenen Leiden—wir sind stark genug, um uns wehethun zu können! Die Lebens-Sicheren genießen also die Tragödie (vielleicht bei den Griechen der Glaube an Wiederkunft? als Gegengewicht)

25 [411]

Unterschied von niederen und höheren Funktionen: Rangordnung der Organe und Triebe, dargestellt durch Befehlende und Gehorchende.

Aufgabe der Ethik: die Werthunterschiede als physiologische Rangordnung von “höher” und “nieder” (“wichtiger, wesentlicher, unentbehrlicher, unersetzlicher” usw.)

25 [412]

Die Hinter-Absichten bei den Philosophen z. B. die Scheinbarkeit der Welt (Brahmanen, Eleaten, Kant) hervorzuziehen: irgend eine Unzufriedenheit moral[ischer] Natur, als etwas Lügenhaftes: ein Werthurtheil.— Für einen sehr Übermüthigen könnte sogar der Schein als solcher entzücken.

25 [413]

Die Vertröstungen auf das Jenseits haben den Werth, Viele Schwer- und Mühsam-Lebende im Leben zu erhalten: die Mißrathenen zu propagiren: was (wie bei Rassen-Mischungen) werthvoll an sich sein kann, weil später einmal eine Rasse rein wird.

Der ganze innere Widerstreit der Gefühle, das Bewußtsein der übermächtigen Triebe, die Schwäche vor der Außenwelt—das sind sehr häufige Thatsachen, aber der Charakter des Lebens bringt es mit sich, daß die zahlreichsten Exemplare mißrathen. Womit haben sich nun die An-sich-Leidenden das Leben doch acceptabel gemacht?

Hoffnung
Verlästerung des Lebens
Verlästerung des Menschen—von sich selber
Widerstand gegen eine Gattung von Menschen als Ursache der Noth
Weniger-leiden-machen: Anaesthetika.
Gar-nicht-leiden: Exstasen, Feste.
seinem Schmerze Luft machen, Orgie der Trübsal

25 [414]

Wie theuer machen sie sich bezahlt dafür, daß sie verehren!

25 [415]

I Th[eil]. alle Arten von Anzeichen der Weltflucht sammeln: und deren Motive:

die Anbrüchigen
die in-sich-Haltlosen
die Erfolglosen usw.
wie die Trübsal böse macht: sie verdirbt die Musik

25 [416]

Mit dem Schlusse seines Lebens hat—R[ichard] W[agner] sich durchgestrichen: unfreiwillig gestand er ein, daß er verzweifelte und sich vor dem Christenthum niederwarf.

Ein Überwundener!— Das ist ein Glück: denn welche Confusion hätte sonst sein Ideal noch hervorgebracht! Die Stellung zum Christenthum entschied mich—zugleich über allen Schopenh[auerianismus] und den Pessimismus.

W[agner] hat vollkommen Recht, wenn er sich vor jedem tiefen Christen in den Staub wirft: er steht wirklich viel tiefer als solche Naturen!— Nur soll er sich nicht beikommen lassen, die ihm überlegenen höheren Naturen zu seiner Attitüde herabzuziehen!

Sein Intellekt, ohne Strenge und Zucht, war sklavisch an Sch[openhauer] gebunden: gut!

25 [417]

“Le public! le public! Combien faut il de sots pour faire un public?” [Vgl. Charles Augustin Sainte-Beuve, Causeries du lundi. Vol. 4. Paris: Garnier Frères, 1859:543f. Vgl. Paul Albert, Variétés morales et littéraires. Paris: Hachette, 1879:276.]

25 [418]

Ducis sagte “tout notre bonheur n’est qu’un malheur plus ou moins console.” [Vgl. Charles Augustin Sainte-Beuve, Causeries du lundi. Vol. 6. Paris: Garnier Frères, 1876: 470f. Vgl. Paul Albert, Variétés morales et littéraires. Paris: Hachette, 1879:260f. Vgl. Jean-François Ducis. Lettres de Jean-François Ducis. Édition nouvelle contenant un grand nombre de lettres inédites précédée d'une notice biographique et d'un essai sur Ducis par M. Paul Albert Professeur au Collège de France. Paris: Jousset, 1879:XVIII.]

25 [419]

Ich will etwas über die Propheten und Psalmen und Hiob sagen: und das neue Testament.

— über Beethoven abhängig vom Gefühle Rousseaus—dessen Ausklingen.

— von der Rangordnung, z. B. Montaigne im Verhältniß zu Luther

— die prachtvollen Franzosen als noble Menschen

— über Napoleon und seinen Einfluß auf das 19te Jahrhundert.

— über R[ichard] W[agner]. Schluß ein vae victis! Menschen der Art thun recht, sich vor dem Kreuze zu erniedrigen.

— die Gebrüder Goncourt, Mérirnée, Stendhal.

— ein Religionsstifter kann unbedeutend sein, ein Streichholz, nichts mehr!

— die Araber in Spanien, die Provençalen: Lichtpunkte

— auch zu Gunsten Louis XIV und Corneille’s

— La Rochefoucauld

— wer die Masse ansieht, hat immer den Eindruck des Unsinnes, des Mißrathenen: wie Z[arathustra] im Anblick des Volks!

— die Symptome des religiösen Affects (Heils-Armee) (die religiöse Ecstasis)

— die Neurosen der schöpferischen Schauspieler, verwandt mit den Hysterischen

— alle sehr reichen, ungeordneten M[änner] bekommen einen sittlichen Charakter durch den Einfluß des Weibes, das sie lieben

— erst durch die Berührung des Weibes kommen Viele Große auf ihre große Bahn: sie sehen ihr Bild im vergrößernden und vereinfachenden Spiegel.

— es giebt sehr viel gelungene Einzelne!

— die Corsen und Spanier prachtvolle Männlichkeit.

— eine Geschichte der deutschen Bewegung

— alle wahren Germanen giengen in’s Ausland; das jetzige Deutschland ist eine vor-slavische Station und bereitet dem panslavistischen Europa den Weg.

— Kasernen-Depression

— Louis XIV und dagegen die Renaissance!

— die noblen Illusionen, deren ein Volk wie die Franzosen fähig sind z. B. vor Napoleon—dies charakterisirt! Und die Deutschen—Scepsis!

— der Erotismus und die Schwärmerei vom Kreuze neben einander

25 [420]

Der Glaube an die Lust im Maaßhalten fehlte bisher—diese Lust des Reiters auf feurigem Rosse! .

— Die Mäßigkeit schwacher Naturen mit der Mäßigung der starken verwechselt!

25 [421]

— Der Unsinn in der Mutterliebe. Alle Liebe, wo nicht die Einsicht entsprechend groß ist, richtet Unheil an.

25 [422]

— Die Weiber unter Vormundschaft. Eigenthum.

— Vorzug der weiblichen Erziehung des vorigen Jahrhunderts bei den Franzosen. Madame Roland als die alberne “Bürgerin,” bei der die Eitelkeit auf weibl[ich-] pöbelhafte Art eklatirt.

25 [423]

— das Vertrauen in die Weltordnung (“in Gott”) als Ausfluß nobler Gefühle

— die Vertrauensseligkeit des vorigen Jahrhunderts. Ducis. Zärtlichkeit, Schwung, Delikatesse—Beethoven.

— Mozart städtisch-social-höfisch—: Haydn ländlicher, vielleicht Zigeuner-Blut (schwarz) “Heide” (paganus)?

25 [424]

Lange “liegt etwa die Begreiflichkeit der Dinge darin, daß man von seinem Verstand [wie die schottischen Philosophen des “gesunden Menschenverstandes”] grundsätzlich nur einen mittelmäßigen Gebrauch macht?”—gegen die Bayreuther. [Vgl. Friedrich Albert Lange, Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Iserlohn: Baedeker, 1882:334f.]

25 [425]

— Die Gemeinsamkeit unserer Sinnes-Urtheile ist auch der Ausgangspunkt für unsere moralischen und ästhetischen Werthschätzungen.

25 [426]

— Grundproblem der “Ethik.”

Leid- und Lustmachen: mitleiden, wehethun—das setzt alles schon eine Werthschätzung von Leid und Lust voraus. “Nützlich,” “schädlich” sind höhere Begriffe: es kann sein, daß ich wehethun (und “auf schlechte Weise” wohlthun!) muß, um zu nützen. Gar im weiteren Sinne: es könnte sein, daß ich die ganze Immoralität brauchte, um im großen Sinne zu nützen.

Aber was ist ursprünglicher, Lust und Leid—oder “nützlich und schädlich”?

Ist vielleicht alles Schmerz- und Lustempfinden erst eine Wirkung des Urtheils “nützlich, schädlich” (gewohnt, Sicher, ungefährlich, bekannt usw.)?

Im Urtheil über gewisse Dinge sehen wir Ekel verschwinden: die Harmonie der Töne ursprünglich ohne Lust. Der Genuß an Linien vielfach unbegreiflich. Der Genuß an Formeln, an dialektischen Bewegungen entsteht erst.

Wenn aber Lust und Unlust erst Resultate von Werthschätzungen sind so liegen die Ursprünge der Werthschätzung nicht in den Empfindungen. Die Urtheile “höhere” und “niedere Funktionen” müssen schon in allen organischen Gebilden da sein, lange vor allen Lust- und Unlust-Empfindungen.

Die Rangordnung ist das erste Resultat der Schätzung: im Verhältniß der Organe zu einander müssen schon alle Tugenden geübt werden—Gehorsam, Fleiß, Zu-Hülfekommen, Wachsamkeit—es fehlt ganz der Maschinen-Charakter in allem Organischen (Selbst-Regulirung).

25 [427]

NB. das Princip der Erhaltung des Individuums (oder “die Todesfurcht”) ist nicht aus Lust- und Unlust-Empfindungen abzuleiten, sondern etwas Dirigirendes, eine Werthschätzung, welche schon allen Lust- und Unlust-Gefühlen zu Grunde liegt.

— Noch mehr gilt dies von der “Erhaltung der Gattung”: aber dies ist nur eine Folge des Gesetzes der “Erhaltung des Individuums,” kein ursprüngliches Gesetz.

— Erhaltung des Individuums: d. h. voraussetzen, daß eine Vielheit mit den mannichfaltigsten Thätigkeiten sich “erhalten” will, nicht als sich-selber-gleich, sondern “lebendig”—herrschend—gehorchend—sich ernährend—wachsend —

Alle unsere mechanischen Gesetze sind aus uns, nicht aus den Dingen! Wir construiren nach ihnen die “Dinge.”

Die Synthese “Ding” stammt von uns: alle Eigenschaften des Dinges von uns. “Wirkung und Ursache” ist eine Verallgemeinerung unseres Gefühls und Urtheils.

Alle die Funktionen, welche die Erhaltung des Organismus mit sich bringen, haben sich allein erhalten und fortpflanzen können.

Die intellektuellen Thätigkeiten haben sich allein erhalten können, welche den Organismus erhielten; und im Kampfe der Organismen haben sich diese intellektuellen Thätigkeiten immer verstärkt und verfeinert, d.h. — — —

NB.— der Kampf als Herkunft der logischen Funktionen. Das Geschöpf, welches sich am stärksten reguliren, discipliniren, urtheilen konnte—mit der größten Erregbarkeit und noch größerer Selbstbeherrschung—ist immer übrig geblieben.

25 [428]

Grundsatz: das, was im Kampf mit den Thieren dem Menschen seinen Sieg errang, hat zugleich die schwierige und gefährliche krankhafte Entwicklung des Menschen mit sich gebracht. Er ist das noch nicht festgestellte Thier.

25 [429]

Welche “Tugenden” der Kampf der Thiere gezüchtet hat?

(Gehorsam bei der Heerde—Muth Initiative Einsicht bei den Führern.)

25 [430]

Die Rangordnung hat sich festgestellt durch den Sieg des Stärkeren und die Unentbehrlichkeit des Schwächeren für den Stärkeren und des Stärkeren für den Schwächeren—da entstehen getrennte Funktionen: denn Gehorchen ist ebenso eine Selbst-Erhaltungs-Funktion als, für das stärkere Wesen, Befehlen.

25 [431]

Ob es im menschlichen Organismus, zwischen den verschiedenen Organen, “Mitleid” giebt? Gewiß, im höchsten Grade. Ein starkes Nachklingen und Um-sich-greifen eines Schmerzes: eine Fortpflanzung des Schmerzes, doch nicht des gleichen Schmerzes. (Aber ebenso steht es ja auch bei den Individuen unter einander!)

25 [432]

Wir können alles das, was noth thut, um den Organismus zu erhalten, als “moralische Forderung” fassen: es giebt ein “Du sollst” für die einzelnen Organe, das ihnen vom befehlenden Organe zukommt. Es giebt Unbotmäßigkeit der Organe, Willens- und Charakter-Schwächen des Magens z. B.

— Es herrscht da nicht eine mechanische Nothwendigkeit - - -? es wird manches befohlen, was nicht völlig geleistet werden kann (weil die Kraft zu gering ist) Aber oft äußerste Anspannung des Magens z. B. um seine Aufgabe zu vollenden—ein Willens-Aufgebot, wie wir dies selber an uns kennen bei schweren Aufgaben. Die Anstrengung und ihr Grad ist nicht aus bewußten Motiven zu begreifen: Gehorsam ist am Organe nicht ein sich abspielender Mechanismus - - -?

25 [433]

Das “Höher” und “Niedriger,” das Auswählen des Wichtigeren, Nützlicheren, Dringlicheren, besteht schon in den niedrigsten Organismen. “Lebendig”: d.h. schon schätzen: —

In allem Willen ist schätzen—und Wille ist im Organischen da.

25 [434]

Die ganze vorhandene Welt ist auch ein Produkt unserer Werthschätzungen—und zwar der gleichgebliebenen. —

25 [435]

Die hohen Menschen: die Nothwendigkeit des Mißverständnisses, die allgemeine Zudringlichkeit der Menschen von heute, ihr Glaube über jeden großen Menschen mitreden zu dürfen. Ehrfurcht - - -

— das dumme Gerede vom Genie usw. Das Gefühl der unbedingten Überlegenheit, der Ekel vor der Prostration und Sklaverei. Was sich aus dem Menschen machen läßt: das geht ihn an. Die Weite seines Blicks

25 [436]

(nicht von Ursachen des Wollens, sondern von Reizen des Wollens sollte man reden)

Wollen d[as ist] befehlen: befehlen aber ist ein bestimmter Affekt (dieser Affekt ist eine plötzliche Kraftexplosion)—gespannt, klar, ausschließlich Eins im Auge, innerste Überzeugung von der Überlegenheit, Sicherheit, daß gehorcht wird—“Freiheit des Willens” ist das “Überlegenheits-Gefühl des Befehlenden” in Hinsicht auf den Gehorchenden: “ich bin frei, und Jener muß gehorchen.”

Nun sagt ihr: der Befehlende selber muß - - -

25 [437]

[Vgl. Arthur Schopenhauer, Sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt. Bd. 4: Schriften zur Naturphilosophie und zur Ethik. Die beiden Grundprobleme der Ethik. Preisschrift über die Grundlage der Moral. Leipzig: Brockhaus, 1874.]

Die  Moralen  Kants,  Schopenhauers  gehen, ohne es zu merken, schon von einem moral[ischen] Kanon aus: der Gleichheit der Menschen, und daß was für den Einen Moral ist, es auch für den Anderen sein müsse. Das ist aber schon die Consequenz einer Moral, vielleicht einer sehr fragwürdigen.

Ebenso setzt die Verwerfung des Egoismus schon einen moral[ischen] Kanon voraus: warum wird er verworfen? Weil er als verwerflich gefühlt wird. Aber das ist schon die Wirkung einer Moral und keiner sehr durchdachten!

— Und daß man eine Moral will, setzt schon einen mor[alischen] Kanon voraus! Man sollte doch Ehrfurcht haben vor dieser einverleibten Moral der Selbsterhaltung! Sie ist bei weitem das feinste System der Moral!

Die thatsächliche Moralität des Menschen in dem Leben seines Leibes ist hundert Mal größer und feiner als alles begriffliche Moralisiren es war. Die vielen “Du sollst,” die fortwährend in uns arbeiten! Die Rücksichten von Befehlenden und Gehorchenden unter einander! Das Wissen um höhere und niedere Funktionen!

Der Versuch zu machen, alles Zweckmäßig-Scheinende als das allein Leben-Erhaltende und folglich allein Erhaltene zufassen — —

Wie der Zweck sich zum eigentlichen Vorgang verhält, so das moral[ische] Urtheil zu dem wirklichen vielfältigeren und feineren Urtheilen des Organismus—nur ein Ausläufer und Schlußakt davon.

25 [438]

1) Wir wollen unsere Sinne festhalten und den Glauben an sie—und sie zu Ende denken! Die Widersinnlichkeit der bisherigen Philosophie als der größte Widersinn des Menschen.

2) die vorhandene Welt, an der alles Irdisch-Lebendige gebaut hat, daß sie so scheint (dauerhaft und langsam bewegt) wollen wir weiter bauen—nicht aber als falsch wegkritisiren!

3) unsere Werthschätzungen bauen an ihr, sie betonen und unterstreichen. Welche Bedeutung hat es, wenn ganze Religionen sagen: “es ist alles schlecht und falsch und böse!” Diese Verurtheilung des ganzen Prozesses kann nur ein Urtheil von Mißrathenen sein!

4) freilich, die Mißrathenen könnten die Leidendsten und Feinsten sein? Die Zufriedenen könnten wenig werth sein?

5) man muß das künstlerische Grundphänomen verstehen, welches Leben heißt—den bauenden Geist, der unter den ungünstigsten Umständen baut: auf die langsamste Weise - - - der Beweis für alle seine Combinationen muß erst neu gegeben werden: es erhält sich.

25 [439]

Vor Allem: ohne Eile! Langsam! die Eroberung erst sicher stellen! Nach dem Vorbilde Rußlands! Und guter Dinge sein auf jeder Station!

25 [440]

Der Anblick der Massen und der Lehrer der Massen verdüstert! —

25 [441]

Warum die Ethik am meisten zurückgeblieben? Denn noch die letzten berühmten Systeme sind Naivetäten! Ebenso die Griechen! Die Lehren des Christenthums von der Sünde sind hinfällig geworden wegen des Hinfalls Gottes.

— unsere Handlungen gemessen an unserem Vorbilde! Aber daß wir ein Vorbild haben und ein solches, ist schon Folge einer Moral.

— der Jude, der sich an seinem Gotte maß—das hatte im Hintergrunde den Willen, sich selber zu verachten, und sich auf Gnade und Ungnade vor ihm niederzuwerfen.— Selbst Jesus wehrte sich dagegen, gut genannt zu werden. “Keiner ist gut, als Gott,” sagte er. Daß ihn Niemand einer Sünde zeihen konnte, ist etwas anderes: dies beweist nichts gegen die Kritik vor seinem Gewissen. Ein Mensch, der sich absolut gut fühlt, müßte geistig ein Idiot sein.

— dieses Auf-Gnade-und-Ungnade-sich-niederwerfen ist im Christenthum orientalisch: nicht vornehm!

— das Sklavenhafte an den jetzigen Juden, auch an den Deutschen

— Dies Sich-gleich-setzen, im Mitleiden, ist bereits die Consequenz eines moral[ischen] Urtheils: kein Grundphänomen und nicht überall: überdies ist es in der Seele des Heerden-Wesens ein anderes als in der Seele des Mächtigen: eigentlich nur ein Gefühl unter Gleichen—: für den Geringeren ist der leidende Höhere ein Grund zum Wohlgefühl und Übergefühl.

— “die philosophischen wie die religiösen Systeme sind darüber einig, daß die ethische Bedeutsamkeit der Handlungen zugleich eine metaphysische sein müsse” usw. usw. Schopenhauer, Gr[undlage] der Moral p. 261. [Vgl. Arthur Schopenhauer, Sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt. Bd. 4: Schriften zur Naturphilosophie und zur Ethik. Die beiden Grundprobleme der Ethik. Preisschrift über die Grundlage der Moral. Leipzig: Brockhaus, 1874:261.] Perikles vor dem Tode: die Gedanken nehmen eine moralische Richtung.

Nun, im Falle des Pericles: er erwägt seinen Nachruf bei seinen Bürgern. Der Schüler des Anaxagoras war Freigeist.— Es liegt auf der Hand, daß, weil diese Systeme das Leben der Seele glauben, sie im Momente des Todes ein Urtheil über den Werth des vollbrachten Lebens veranlassen:—was für ein ferneres Leben werden wir haben?

Belohnung der Guten und Bestrafung der Bösen im Jenseits war das Zuchtmittel, welches die Religionen anwendeten, eine Art Vollendung der Welt-Ordnung, ein Ausgleich gegenüber den Thatsachen.

25 [442]

Der Charakter eines guten Menschen “an sich selbst”: “daß er weniger als die Übrigen einen Unterschied zwischen sich und Anderen macht” Schopenhauer 1. c. 265. [Vgl. Arthur Schopenhauer, Sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt. Bd. 4: Schriften zur Naturphilosophie und zur Ethik. Die beiden Grundprobleme der Ethik. Preisschrift über die Grundlage der Moral. Leipzig: Brockhaus, 1874:265.]

25 [443]

Die bisherigen Ethiker haben keine Vorstellung, wie sie unter ganz bestimmten Vorurtheilen der Moral stehen: sie meinen alle schon zu wissen, was gut und böse ist.

Socrates wußte es nicht: aber alle seine Schüler definirten es d.h. sie nahmen an, es sei da, und es handle sich, es gründlich zu beschreiben. Wie! Wenn ich sagte: ist es denn da? Hat man schon überlegt, wonach hier zu messen ist? Und andererseits: vielleicht wissen wir überhaupt nicht genug, um den Werth der Handlungen abschätzen zu können! Genug, daß wir versuchsweise für lange Zeiten nach Einer Moral leben!

25 [444]

Wie viel betrüben wir uns über Leiden, die wir nicht gelitten, sondern verursacht haben! Aber es ist unvermeidlich; und wir sind nicht deshalb mit uns unzufrieden, außer in Zuständen der Schwäche und des Mißtrauens in unser Recht dazu!

25 [445]

Bisheriger Verlauf der Philosophie: man wollte die Welt erklären, aus dem, was uns selber klar ist—wo wir selber glauben zu verstehen. Also bald aus dem Geiste oder der Seele, oder dem Willen, oder als Vorstellung, Schein, Bild, oder vom Auge aus (als optisches Phänomen, Atome, Bewegungen) oder Leibe, oder aus Zwecken, oder aus Stoß und Zug d. h. unserem Tastsinn. Oder aus unseren Werthschätzungen heraus, als Gott der Güte Gerechtigkeit usw., oder aus unseren aesthetischen Werthschätzungen. Genug, auch die Wissenschaft thut, was der Mensch immer gethan: etwas von sich, das ihm als verständlich, als wahr gilt, zur Erklärung benutzen alles Anderen—Vermenschlichung in summa. Es fehlt noch die große Synthese und auch die Einzel-Arbeit ist noch ganz im Werden z. B. die Reduction der Welt auf optische Phänomene (Atome) Wir legen den Menschen hinein—das ist Alles, wir schaffen immerfort diese vermenschlichte Welt. Es sind Versuche darüber, welches Verfahren am meisten Schluß-Kraft hat (z. B. mechanisch)

25 [446]

Jemandem nicht zürnen, der uns schadet, weil alles nothwendig ist—das wäre selber schon Folge einer Moral: welche hieße “du sollst dich gegen das Nothwendige nicht empören.”— Es ist unvernünftig: aber wer sagt: “Du sollst vernünftig sein! ”

25 [447]

Redlichkeit, als Consequenz von langen moralischen Gewöhnungen: die Selbst-Kritik der Moral ist zugleich ein moralisches Phänomen [ein] Ereigniß der Moralität.

25 [448]

Die Methode der mechanischen Weltbetrachtung ist einstweilen bei weitem die redlichste: der gute Wille zu allem, das sich controlirt, alle logischen Control-Funktionen, alles das was nicht lügt und betrügt, ist da in Thätigkeit.

25 [449]

Die vorläufigen Wahrheiten.

Es ist etwas Kindisches oder gar eine Art Betrügerei, wenn jetzt ein Denker ein Ganzes von Erkenntniß, ein System hinstellt—wir sind zu gut gewitzigt, um nicht den tiefsten Zweifel an der Möglichkeit eines solchen Ganzen in uns zu tragen. Es ist genug, wenn wir über ein Ganzes von Voraussetzungen der Methode übereinkommen—über vorläufige Wahrheiten nach deren Leitfaden wir arbeiten wollen: so wie der Schiffahrer im Weltmeer eine gewisse Richtung festhält

25 [450]

Das, was im Menschen am besten entwickelt ist, das ist sein Wille zur Macht—wobei sich ein Europäer nicht gerade durch ein paar Jahrtausende einer erlogenen, vor sich selber verlogenen Christlichkeit täuschen lassen muß.

25 [451]

Philosophie als Liebe zur Weisheit. Hinauf zu dem Weisen als dem Beglücktesten, Mächtigsten, der alles Werden rechtfertigt und wieder will.

— nicht Liebe zu den Menschen oder zu Göttern, oder zur Wahrheit, sondern Liebe zu einem Zustand, einem geistigen und sinnlichen Vollendungs-Gefühl: ein Bejahen und Gutheißen aus einem überströmenden Gefühle von gestaltender Macht. Die große Auszeichnung.

wirkliche Liebe!

25 [452]

Befehle “so sollt ihr schätzen!” sind die Anfänge aller moralischen Urtheile—ein Höherer Stärkerer gebietet und verkündet sein Gefühl als Gesetz für Andere.

Aus dem Nutzen her würde man nicht das Verehren ableiten können. Zuerst sind Menschen verehrt worden: der Glaube an Götter tritt in den Vordergrund, wenn der Mensch immer weniger “verehrenswerth” erscheint—also der Glaube an “Urväter” oder an die Entscheidungen ehemaliger Richter.

25 [453]

Zarathustra im 2ten Theil als Richter

die grandiose Form und Offenbarung der Gerechtigkeit, welche gestaltet, baut und folglich vernichten muß (sich selber dabei entdeckend, überrascht, plötzlich das Wesen des Richtenden zu erkennen)

Hohn dagegen: “zerbrecht den Guten und Gerechten”—schreit das Weib, das ihn mordet

25 [454]

“Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß”—es kommt auf das tempo an: die Griechen bewunderungswürdig: ohne Hast,

— meine Vorfahren Heraclit Empedocles Spinoza Goethe

25 [455]

A)   Es bestehen moralische Werthschätzungen. Kritik: wo? seit wie lange? wo giebt es andere? wird es noch andere geben?
B)   Erklärung des Ursprungs dieser Werthschätzungen.
Zurückführung auf andere Werthe.
Werthe und physiologische Wichtigkeit usw.
Loben, Tadeln (Ruhm)
Mächtige Sklaven
C)   Kritik dieser Werthschätzungen. Widersprüche.
woraus nehme ich die Kritik? Vorsicht, sie nicht wieder aus der Moral zu nehmen. “Nützlich”
Gesetzt, man nähme sie aus der Moral selber, Beweis, daß sie kurzsichtig sind.
Die Grundvorurtheile und was alles übersehn ist.
D)   das Problem ist erst gestellt. Bisher eine Art Astrologie—des Glaubens, daß die kosmischen Vorgänge in engem Bezug zu uns stehn.

Die Moralphilosophen selber sind Symptome. Selbst-Vernichtung der Moral.

25 [456]

NB. “Ich bedarf dessen Allen nicht: aber ich nehme es wie ein Geschenk. Ich weihe es als der Nehmende”—so Zarathustra über viele Güter des Lebens.

25 [457]

Wir wollen Erben sein aller bisherigen Moralität: und nicht von Neuem anfangen. Unser ganzes Thun ist nur Moralität, welche sich gegen ihre bisherige Form wendet.

25 [458]

Könnt ihr schwören? seid ihr eurer gewiß genug dazu?” fragt Zarathustra.

25 [459]

Das Princip, vermöge dessen der Mensch über die Thiere Herr geworden ist, wird auch wohl das Princip sein, welches “den höchsten Menschen” festsetzt: Macht, Klugheit, Warten-können, Verabredung, Strenge, Krieger-Affekte.

25 [460]

Alle Werthschätzungen sind Resultate von bestimmten Kraftmengen und dem Grad Bewußtheit davon: es sind die perspektivischen Gesetze je nach dem Wesen eines Menschen und Volkes—was nah, wichtig, nothwendig ist usw.

Alle menschlichen Triebe, wie alle thierischen sind unter gewissen Umständen als Existenz-Bedingungen ausgebildet und in den Vordergrund gestellt worden. Triebe sind die Nachwirkungen lange gehegter Werthschätzungen, die jetzt instinktiv wirken, wie als ein System von Lust- und Schmerzurtheilen. Zuerst Zwang, dann Gewöhnung, dann Bedürfniß, dann natürlicher Hang (Trieb)

25 [461]

Das Gefühl—eine Folge von Werthschätzungen. Sensorium commune

25 [462]

Weil wir die Erben von Menschengeschlechtern sind, die unter den verschiedensten Existenz-Bedingungen gelebt haben, enthalten wir in uns eine Vielheit von Instinkten. Wer sich für “wahrhaftig” giebt, ist wahrscheinlich ein Esel oder ein Betrüger.

Die Verschiedenheit der thierischen Charaktere: durchschnittlich ist ein Charakter die Folge eines Milieu—eine fest eingeprägte Rolle, vermöge deren gewisse Facta immer wieder unterstrichen und gestärkt werden. Auf die Länge hin entsteht so Rasse: d. h. gesetzt daß die Umgebung sich nicht ändert.

Bei dem Wechsel der Milieu’s entsteht ein Hervortreten der überall nützlichsten und anwendbarsten Eigenschaften—oder ein Zugrundegehen. Es zeigt sich als Assimilations-Kraft auch in ungünstigen Lagen, zugleich aber als Spannung, Vorsicht, es fehlt die Schönheit in der Gestalt.

Der Europäer als eine solche Über-Rasse. Ebenso der Jude; es ist zuletzt eine herrschende Art, obwohl sehr verschieden von den einfachen alten herrschenden Rassen, die ihre Umgebung nicht verändert hatten.

Überall beginnt es mit dem Zwang (wenn ein Volk in eine Landschaft kommt). Die Natur, die Jahreszeiten, die Wärme und Kälte usw. das Alles ist zunächst ein tyrannisirendes Element. Allmählich weicht das Gefühl des Gezwungenseins —

25 [463]

Wir sind Gestalten-schaffende Wesen gewesen, lange bevor wir Begriffe schufen. Der Begriff ist am Laute erst entstanden, als man viele Bilder durch Einen Laut zusammenfaßte: mit dem Gehör also die optischen inneren Phänomene rubrizirte.

25 [464]

NB. Die Begriffe “gut” usw. sind aus den Wirkungen entnommen, welche “gute Menschen” ausüben:—

— selbst bei der Selbst-Beurtheilung. —

25 [465]

Der Mensch unerkannt, die Handlung unerkannt. Wenn nun trotzdem über Menschen und Handlungen geredet wird, wie als ob sie erkannt wären, so liegt es daran, daß man über gewisse Rollen übereingekommen ist, welche fast Jeder, spielen kann.

25 [466]

Die Entwicklung der Raubsucht

der Lüge und Verstellung
der Grausamkeit
des Geschlechtstriebes
des Mißtrauens
der Härte
der Herrschsucht
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zu hochgeschätzten Dingen

— andererseits die Veränderung der Werthschätzung böser Qualitäten, sobald sie Existenz-Bedingungen sind.

vielleicht Rückführung aller Begehrungen auf den Hunger.

25 [467]

Vivisection—das ist der Ausgangs-Punkt! Es kommt Vielen jetzt zum Bewußtsein, daß es manchen Wesen weh thut, wenn erkannt werden soll!! Als ob es je anders gewesen wäre! Und was für Schmerzen!! Feiges weichliches Gesindel!

25 [468]

Ausgangspunkt: es liegt auf der Hand, daß unsere stärksten und gewohntesten Urtheile die längste Vergangenheit haben, also in unwissenden Zeitaltern entstanden und fest geworden sind—daß alles, woran wir am besten glauben, wahrscheinlich gerade auf die schlechtesten Gründe hin geglaubt worden ist: mit dem “Beweisen” aus der Erfahrung haben es die Menschen immer leicht genommen, wie es jetzt noch Menschen giebt, die die Güte Gottes aus der Erfahrung zu “beweisen” vermeinen.

25 [469]

Zu-Gericht-sitzen.”

Von allen Urtheilen ist das Urtheil über den Werth von Menschen das beliebteste und geübteste—das Reich der größten Dummheiten. Hier einmal Halt zu gebieten, bis es als eine Schmutzigkeit, wie das Entblößen der Schamtheile, gilt—meine Aufgabe. Um so mehr als es die Zeit des suffrage universel ist. Man soll sich geloben, hier lange zu zweifeln und sich zu mißtrauen, nicht “an der Güte des Menschen” sondern an seiner Berechtigung, zu sagen “Dies ist Güte!”

25 [470]

“Der Sinn für Wahrheit” muß, wenn die Moralität des “Du sollst nicht lügen” abgewiesen ist, sich vor einem anderen Forum legitimiren. Als Mittel der Erhaltung von Mensch, als Macht-wille.

— ebenso unsere Liebe zum Schönen ist ebenfalls der gestaltende Wille. Beide Sinne stehen bei einander—der Sinn für das Wirkliche ist das Mittel, die Macht in die Hand zu bekommen, um die Dinge nach unserem Belieben zu gestalten. Die Lust am Gestalten und Umgestalten—eine Urlust! Wir können nur eine Welt begreifen, die wir selber gemacht haben.

25 [471]

Das Gutheißen unserer Begrenztheit des Erkennens—die Vortheile dabei: es ist viel Muth und Lust da möglich. Das Seufzen und die Pascalsche Scepsis sind schlechtes Blut.

— das Christenthum als die Wirkung des entarteten schlechten Blutes

25 [472]

bonus = n"<: der Glänzende, Hervorscheinende?

malus man-lus (Manlius) = :"< der Verrückte?

böse d. h. bass der Starke?

gut Gothe (Gott) “der Göttliche” ursprüngliche Bezeichnung der Vornehmen Gothen.

(oder gobt der Geber? wie optimus?) wird der Gott als der Gute (optimus) oder der Gute als göttlich bezeichnet?

optimus      op-      der Schenkende?

25 [473]

Archimedes beim Baden ein Grundgesetz der Hydraulik findend

Goethe: “mein ganzes inneres Wirken erwies sich als eine lebendige Heuristik, welche, eine unbekannte geahnete Regel anerkennend, solche in der Außenwelt zu finden und—in die Außenwelt einzuführen trachtet.” [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Goethe's Spruche in Prosa. Zum ersten Mal erläutert und auf ihre Quellen zurückgeführt von G. von Loeper. Berlin, Gust. Hempel, 1870:66. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Johann Wolfgang von Goethe.]

25 [474]

Die Pharisäer thaten Recht, Jesus zu verurtheilen. Ebenso die Athener.

25 [475]

Goethe. “Ein Jeder leidet, der nicht für sich selbst genießt. Man handelt für Andere, um mit Anderen zu genießen.” [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Goethe's Spruche in Prosa. Zum ersten Mal erläutert und auf ihre Quellen zurückgeführt von G. von Loeper. Berlin, Gust. Hempel, 1870:66. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Johann Wolfgang von Goethe.]

25 [476]

Goethes Erklärung des “deutschen Gemüths” “Nachsicht mit Schwächen, fremden und eignen.” [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Goethe's Spruche in Prosa. Zum ersten Mal erläutert und auf ihre Quellen zurückgeführt von G. von Loeper. Berlin, Gust. Hempel, 1870:68. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Johann Wolfgang von Goethe.]

25 [477]

Wer so steht wie ich, verliert, mit Goethe zu reden, “eines der größten Menschenrechte, nicht mehr von Seinesgleichen beurtheilt zu werden.” [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Goethe's Spruche in Prosa. Zum ersten Mal erläutert und auf ihre Quellen zurückgeführt von G. von Loeper. Berlin, Gust. Hempel, 1870:73. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Johann Wolfgang von Goethe.]

25 [478]

“Die Meisterschaft gilt oft für Egoismus” Goethe. [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Goethe's Spruche in Prosa. Zum ersten Mal erläutert und auf ihre Quellen zurückgeführt von G. von Loeper. Berlin, Gust. Hempel, 1870:64. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Johann Wolfgang von Goethe.]

25 [479]

Vellejus Paterculus I 9,3 virum in tantum laudandum, in quantum intellegi virtus potest. [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Goethe's Spruche in Prosa. Zum ersten Mal erläutert und auf ihre Quellen zurückgeführt von G. von Loeper. Berlin, Gust. Hempel, 1870:58. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Johann Wolfgang von Goethe.]

25 [480]

Goethe: “wir Alle sind so bornirt, daß wir immer glauben Recht zu haben; und so läßt sich ein außerordentlicher Geist denken, der nicht allein irrt, sondern sogar Lust am Irrthum hat.” [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Goethe's Spruche in Prosa. Zum ersten Mal erläutert und auf ihre Quellen zurückgeführt von G. von Loeper. Berlin, Gust. Hempel, 1870:52. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Johann Wolfgang von Goethe.]

25 [481]

Chi non fa, non falla “irrt nicht.” [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Goethe's Spruche in Prosa. Zum ersten Mal erläutert und auf ihre Quellen zurückgeführt von G. von Loeper. Berlin, Gust. Hempel, 1870:53. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Johann Wolfgang von Goethe.]

25 [482]

“Magna ingenia conspirant.” [Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Goethe's Spruche in Prosa. Zum ersten Mal erläutert und auf ihre Quellen zurückgeführt von G. von Loeper. Berlin, Gust. Hempel, 1870:45. s. Nietzsche's Library. New Sources of Nietzsche's Reading: Johann Wolfgang von Goethe.]

25 [483]

Die moral[ischen] Werthurtheile sind vielmehr dreiste Werthzulegungen—und Werth-Aberkennungen—im Grunde eine sehr geringe Leistung der Urtheilsfähigkeit.

25 [484]

Die Wege der Freiheit.

— Sich seine Vergangenheit abschneiden (gegen Vaterland, Glaube, Eltern, Genossen

— der Verkehr mit den Ausgestoßenen aller Art (in der Historie und der Gesellschaft)

— das Umwerfen des Verehrtesten, das Bejahen des Verbotensten—die Schadenfreude in großem Stile an Stelle der Ehrfurcht

— alle Verbrechen thun

— Versuch, neue Schätzungen

Gerechtigkeit als bauende ausscheidende vernichtende Denkweise, aus den Werthschätzungen heraus: höchster Repräsentant des Lebens selber.

Weisheit und ihr Verhältniss zur Macht: einstmals wird sie einflußreicher sein—bisher war der Irrthum, die Pöbel-Werthschätzung auch im Weisen noch zu groß!

25 [485]

Um Gerathenes und Mißrathenes zu unterscheiden, ist der Leib der beste Rathgeber, mindestens ist er am besten zu studiren.

25 [486]

Die verschiedenen moral[ischen] Urtheile sind bisher nicht auf die Existenz der Gattung “Mensch” zurückgeführt: sondern auf die Existenz von “Volk” “Rassen” usw.— und zwar von Völkern, welche sich gegen andere Völker behaupten wollten, von Ständen, welche sich scharf von niederen Schichten abgrenzen wollten.

25 [487]

Man soll Jedem die Frage zugestehn: ist meine Existenz, gegen meine Nicht-existenz gerechnet, ein Ding, das gerechtfertigt werden kann?

25 [488]

Grundeinsicht: die “guten” und die “bösen” Eigenschaften sind im Grunde dieselben—beruhen auf den gleichen Trieben der Selbst-Erhaltung, der Aneignung, Auswahl, Absicht auf Fortpflanzung usw.

25 [489]

Der Weise und die Künste. (Er hat sie alle in sich)
Der Weise und die Politik.
Der Weise und die Erziehung.
Der Weise und die Geschlechter.
— als ein Wesen, dessen Einfluß spät erst zu spüren ist. Unabhängig, geduldig, ironisch—

25 [490]

Weisheit und Liebe zur Weisheit.
Fingerzeige zu einer Philosophie der Zukunft.
Von
Friedrich Nietzsche

25 [491]

Die nothwendige Verborgenheit des Weisen: sein Bewußtsein, unbedingt nicht verstanden zu werden, sein Macchiavellismus, seine Kälte gegen das Gegenwärtige.

— die absolute Unverträglichkeit der Weisheit mit dem “Wohl der Massen”: “Preßfreiheit” “öffentlicher Unterricht”—das Alles verträgt sich bloß bei gröblichster Täuschung über den Charakter der Weisheit. Sie ist das gefährlichste Ding der Welt!

— natürlich gilt mir eine Ehe ohne alle Sanction als einzig für den Weisen berechtigt. Es ist eine Komödie, wenn er sich anders dazu stellt, was unter Umständen rathsam z. B. Goethe.

— Grundsatz, daß alle Zustände darauf eingerichtet sind, ihn unmöglich zu machen: die Ehrfurcht vor dem Weisen ist untergraben durch die Religionen, durch das suffrage universel, die Wissenschaften! Man muß erst lehren, daß diese Religionen Pöbel-Angelegenheit sind, im Vergleich zur Weisheit! Man muß die vorhandenen Religionen vernichten, nur, um diese absurden Schätzungen zu beseitigen, als ob ein Jesus Christus überhaupt neben einem Plato in Betracht käme, oder ein Luther neben einem Montaigne!

25 [492]

Von der Rang-Ordnung.

Wo “moralisch” geurtheilt wird, höre ich die feindseligen Instinkte, Abneigungen, verletzte Eitelkeiten, Eifersucht Worte wählen—es ist eine Maskerade in Worten —

— ich fand es unmöglich, die “Wahrheit” zu lehren, wo die Denkweise niedrig ist.

Zukünftiges Zeitalter der großen Kriege. Das Mißtrauen auf die Dauerhaftigkeit. Das Bestechen aller Parteien und Interessirten, die Anwendung aller schlechten Mittel

25 [493]

nur die Liebe soll richten— —Refrain

die schaffende Liebe, die sich selber über ihren Werken vergißt

25 [494]

Zu demonstriren, daß einige Menschen bei Seite gehen müssen

25 [495]

Wir heißen eine Eigenschaft an einem Thier “böse” und finden doch seine Existenz-Bedingung darin! Für das Thier ist es sein “Gutes”—es ist gesund und stark darin, zum Zeichen dafür!— Also: man nennt Etwas “gut” und “böse” im Verhältniß zu uns, nicht zu sich! d. H. die Grundlage von “gut” und “böse” ist egoistisch.

Aber der Egoismus der Heerde!

Jedes Nützliche ist nothwendig auch ein Schädliches, im Verhältniß zu anderen Dingen. “Ein guter Mensch”—das ist Eine Seite angesehn. Auf die Ferne beurtheilt, ist es ein Heerden-Mensch, schwach, und leicht zu täuschen und zu Grunde zu richten, auch geistig gehorsam, nicht schöpferisch.

25 [496]

Sich niederwerfen vor dem, was man nicht hat, wenn man sich schlecht fühlt bei allem, was man hat z. B. Wagner: er glaubt ans Glück der unbegrenzten Hingebung, des unbegrenzten Zutrauens, das Glück des Mitleidenden, des Keuschen—Alles das kennt er nicht aus Erfahrung! Daher die Phantasterei!

25 [497]

Die schlechte Manier zu verehren, etwa Shakespeare und Beethoven, um den Gedanken vorzubereiten, er [Richard Wagner] sei die Vereinigung von Beiden.

25 [498]

Es hat mich freier gemacht—jede tiefe Verunglimphfung, jede Verkennung: immer weniger will ich von den Menschen: immer mehr kann ich ihnen geben. Das Abschneiden jedes einzelnen Bandes ist hart, aber ein Flügel wächst mir statt des Bandes.

— unbedingt in seinem Rechte sein: Mitleiden meine Schwäche, die ich überwinde. Es ist gut, wenn der abscheulichste Mißbrauch meines Mitgefühls und meiner Schonung mich endlich belehrt, daß ich hier nichts zu thun habe.

25 [499]

— die “Umwandlung” eines Menschen durch eine herrschende Vorstellung ist das psychologische Urphänomen, auf welches das Christenthum gebaut ist; es sieht darin “ein Wunder.” Wir - - -

Ich glaube ganz und gar nicht daran, daß ein Mensch auf Ein Mal ein hoher werthvoller Mensch wird; der Christ ist mir ein ganz gewöhnlicher Mensch mit ein paar anderen Worten und Werthschätzungen. Auf die Dauer wirken freilich diese Worte und Werke und schaffen vielleicht einen Typus: der Christ als die verlogenste Art Mensch. Daß er moralisch redet, das verdirbt ihn durch und durch: man sehe Luther. Ein greulicher Anblick, weichlich-sentimental, furchtsam, aufgeregt - - - komisch! wie der “Wahrheitssinn” erwacht und gleich wieder einschläft!

— ich scheide mich von jeder Philosophie ab, dadurch daß ich frage: “gut?” “wozu!” und “gut?” warum nennt ihr das so?

Das Christenthum hat “gut” und “böse” acceptirt und nichts hier geschaffen.

25 [500]

Weisheit
und Liebe zur Weisheit

Prolegomena zu einer Philosophie der Zukunft.
Von
Friedrich Nietzsche.

Amor fati.

25 [501]

Kalt, schlau, lustgierig, schadenfroh—man kann fast alle Prozeduren eines Philosophen auf Charakterfehler zurückführen — —

25 [502]

Es kommt vor, daß [wir] einen uneigennützigen Menschen schätzen und auszeichnen: nicht etwa weil er uneigennützig ist, sondern nur weil er ein Recht darauf zu haben scheint, einem anderen Menschen auf seine eigenen Unkosten zu nützen: und an einem, der zum Herren geschaffen ist, wird Selbstverleugnung und Uneigennützigkeit — — — Es fragt sich immer, wer es ist und wer Jener ist. Der unbedingte Hang zur Uneigennützigkeit würde uns nur als Zeichen der Heerden-Natur gelten

25 [503]

Von der höchsten Stufe der Moralität: sie wendet den Blick gegen sich selber, versuchsweise.

25 [504]

Die Liebe zur Weisheit.
Die Missrathenen und Blutverderbten. (Gegen das Christenthum)
Der Weise, und die Güter des Lebens.

25 [505]

Diese perspektivische Welt, diese Welt für das Auge, Getast und Ohr ist sehr falsch, verglichen schon für einen sehr viel feineren Sinnen-Apparat. Aber ihre Verständlichkeit Übersichtlichkeit, ihre Praktikabilität, ihre Schönheit beginnt aufzuhören, wenn wir unsere Sinne verfeinern: ebenso hört die Schönheit auf, beim Durchdenken von Vorgängen der Geschichte; die Ordnung des Zwecks ist schon eine Illusion. Genug, je oberflächlicher und gröber zusammenfassend, um so werthvoller, bestimmter, schöner, bedeutungsvoller erscheint die Welt. Je tiefer man hineinsieht, um so mehr verschwindet unsere Werthschätzung—die Bedeutungslosigkeit naht sich! Wir haben die Welt, welche Werth hat, geschaffen! Dies erkennend erkennen wir auch, daß die Verehrung der Wahrheit schon die Folge einer Illusion ist—und daß man mehr als sie die bildende, vereinfachende, gestaltende, erdichtende Kraft zu schätzen hat—was Gott war

“Alles ist falsch! Alles ist erlaubt!” [Vgl. Joseph von Hammer, Die Geschichte der Assassinen, aus morgenländischen Quellen, durch Joseph von Hammer. Stuttgart; Tübingen: Cotta, 1818:84.]

Erst bei einer gewissen Stumpfheit des Blicks, einem Willen zur Einfachheit stellt sich das “Schöne,” das “Werthvolle” ein: an sich ist es, ich weiß nicht was.

25 [506]

Ist der Hang zum Wahren wirklich der Sinn des guten Menschen? was für eine gründliche Verlogenheit gehört z.B. dazu, um das neue Testament zu machen!

25 [507]

Alle Physik ist nur Symptomatik.

25 [508]

Es ist unmöglich, die Existenz von Individuen zu erweisen. Es ist nichts an der “Persönlichkeit” fest.

25 [509]

Es wäre eine Erklärung unserer “Welt” aus “falschen Annahmen” möglich. Alles nur perspektivisch, nur in Hinsicht auf die Erhaltung kleiner organischen Wesen.

25 [510]

“Der gute Mensch” ein gefährliches Ding, ein Zeichen der Erschöpfung—mattwerdender Egoismus.

25 [511]

Marc Aurel’s Bekenntnisse sind für mich ein komisches Buch. [Vgl. Marcus Aurelius Antoninus, Selbstgespräche [Commentarii]. Uebersetzt und erläutert von Carl Cleß. Stuttgart: Krais & Hoffmann, 1866. Nietzsches Exemplar.]

25 [512]

Der religiöse Affekt ist die interessanteste Krankheit, der der Mensch bisher verfiel. Sein Studium macht einem die gesunden Menschen beinahe langweilig und widrig.

25 [513]

Man muß das Sein leugnen.

25 [514]

Die Entstehung des Gedächtnisses ist das Problem des Organischen. Wie ist Gedächtniß möglich?

Die Affekte sind Symptome der Formation des Gedächtniß-Materials—fortwährendes Fortleben und Zusammenwirken.

25 [515]

In wie weit Einer auf Hypothesen hin leben, gleichsam auf unbegrenzte Meere hinausfahren kann, statt auf “Glauben” ist das höchste Maaß der Kraftfülle. Alle geringeren Geister gehen zu Grunde.

25 [516]

Katzen-Egoismus.

Es giebt einen Hunde-Egoismus im Menschen und einen Katzen-Egoismus: die wählen entgegengesetzte Mittel. Der erste ist hingebend und begeistert —

25 [517]

Lust und Unlust sind Bejahungen und Verneinungen.

Urtheile sind 1) Glauben “das ist so” und 2) “das hat den und den Werth

Lust und Unlust sind Wirkungen der Gesamt-Intelligenz, Folge von kritischen Urtheilen, die wir als Lust oder Schmerz fühlen.

25 [518]

unzähliche dunkle Körper neben der Sonne zu erschließen, die wir nie sehn werden! Dies ist ein Gleichniß.

— mitunter 2 Sonnen die Bahnen der Planeten bestimmend, abwechselnd rothes und grünes Licht spendend und dann wieder gleichzeiting in verschiedenen Farben leuchtend am Himmel stehend —

Gleichniß

Wir sind durch verschiedene Moralen bestimmt und unsere Handlungen leuchten in verschiedenen Farben

Ich höre mit Vergnügen daß unsere Sonne in rascher Bewegung gegen das Sternbild des Herkules hin begriffen ist, und ich hoffe, daß der Mensch auf dieser Erde darin der Sonne gleich thut.

— nach P[ater] Secchi kann der Raum nicht unbegrenzt sein, da kein aus einzelnen Körpern zusammengesetztes Ding unendlich sein kann und weil ein unendliches von zahllosen Sternen bevölkertes Himmelsgewölbe wie die Sonne nach seiner ganzen Ausdehnung leuchtend erscheinen müßte

25 [519]

Maupertuis schlug vor, um das Wesen der Seele zu erforschen, möge man Vivisectionen mit Patagoniern machen. Jeder ächte rechte Moralist behandelt sich als Patagonier. [Vgl. David Friedrich Strauss, Voltaire: sechs Vorträge. Leipzig: Hirzel, 1872:163.]

25 [520]

Die Werthschätzungen nicht von Lust und Unlust abhängig: es ist der Werth nach der Erhaltung des Ganzen gemessen: also nach etwas Zukünftigem, was vorgestellt wird, nach Zwecken.

Lust und Unlust sind erst Folgen von Zweck-Urtheilen.

Alle Erhaltungs-Tendenzen sind nicht aus der Mechanik abzuleiten: sie setzen eine Vergegenwärtigung des Ganzen vor—seine Ziele, Gefahren und Förderungen; das niedrigere, gehorchende Wesen muß sich bis zu einem Grade auch die Aufgabe des höheren vorstellen können. Mit Lust und Unlust wird das einzelne Erlebniß charakterisirt in Hinsicht auf die Erhaltung. Werthschätzungen von Ereignissen in Bezug auf ihre Folgen.

25 [521]

Unverständige Meinungen haben überall Bürgerrecht. Unverständliches erst in mir

25 [522]

Die Welt des Guten und Bösen ist nur scheinbar.

25 [523]

Gegen die Genügsamkeit

Zarathustra I

Das Kleinwerden und Schämen der Mächtigen
— der Mangel, erhebende Menschen zu sehen.
— die Häßlichkeit der Plebejer
— der Neid und die Kleinlichkeit des Plebejers
— der Sieg der moralischen Tartüfferie.
— die Gefahr, daß die Weltregierung in die Hände der Mittelmäßigen fällt
— das Ersticken aller höheren Naturen.

ego als Ablenkung vom eudämonologischen Gesichtspunkt
historisch.

25 [524]

gegen die Gleichheit
gegen die moral[ische] Tartüfferie
gegen das Christenthum und Gott
gegen das Nationale—der gute Europäer.

25 [525]

Ein Gott der Liebe könnte eines Tags sprechen, gelangweilt durch seine Tugend: “versuchen wir’s einmal mit der Teufelei!” Und siehe da, ein neuer Ursprung des Bösen! Aus Langeweile und Tugend!

25 [526]

Eine Meinung, gesetzt auch daß sie unwiderlegbar ist, braucht noch nicht wahr zu sein.

From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel