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Herbst 1880 6 [1-100]

6 [1]

Verglichen mit den Bramanen kennen wir die Menschheit nur in einer ungeheuren Ermattung ihres Kraftgefühls und ihres Glaubens an sich: selbst bei unsern stolzesten Philosophen.

6 [2]

Menschen deren Trieb durch längere Enthaltung nur unmäßig geworden ist, so daß sie dann eben so sehr die Herrschaft darüber verlieren; z. B. Lord Byron im Essen. [Vgl. George Gordon Byron, Lord Byron's Vermischte Schriften, Briefwechsel und Lebensgeschichte nach Lytton Bulwer, Thomas Moore, Medwin und Dallas. Von Ernst Ortlepp. Bd. 2. Stuttgart: Scheible, [c. 1830]:31.]

6 [3]

Die Geschichte der Wissenschaft zeigt den Sieg der edleren Triebe: es ist sehr viel Moralität in Umlauf in der Praxis der Wissenschaft.

6 [4]

Welche  Triebe  constituiren  das  Individuum? Bei einem Grade von Dummheit gehen die I[ndividuen] an einander zu Grunde. Ebenso bei einem Schwinden der fundamentalen Triebe und Ersetzung derselben durch Altruism. Bei gewissen Eigenschaften der anderen I[ndividuen] muß man den Gegensatz oder Fremdheit fühlen oder sie gar nicht fühlen: oder harmonische Nebenklänge oder grundlegende Bewegungen, an denen unsere Bewegungen erst ein Maaß bekommen. Die “Musik der Individuen” die “Contrapunktik.” Reizvoll kann sein: das Pärallellaufen, das Zulaufen zweier Linien in einen Winkel usw. die Arabeske der Linie, die öfter wie neckend die andere gerade Linie berührt und sofort verläßt. Mit W[agner] habe ich mich gekreuzt: wir liefen mit großer Inbrunst auf einander zu, es gab ein Aufleuchten, und darauf mit der gleichen Schnelligkeit wieder auseinander, immer mehr.

6 [5]

Man erreicht einen Höhepunkt seiner Unredlichkeit: und da werden wir uns verhaßt und wenden den Spiegel gegen uns und haben nun Vergnügen auch bei dem Anblick des Häßlichen, denn wir rächen uns dabei, oder haben Ekel an der Sättigung der Berauschung durch Illusionen.— Wahrheitstrieb!

6 [6]

Die Griechen litten am meisten beim Anblick der Häßlichkeit, die Juden bei [dem] der Sünde, die Franzosen beim Anblick des ungeschickten geistarmen brutalen Selbst—deshalb idealisirten sie das Gegentheil—und dieses Ideal bildete sie selber um. Rache für das Leid—Motiv für die Bildung der Götter und künstlerischen Vorbilder. Der Mangel an berückender Sinnlichkeit macht die deutschen Maler zu Enthusiasten des Sinnlichen. Das Leiden an der Gluth der Leidenschaft hat die Italiäner zu Verehrern des kalten künstlichen Formalism gemacht: und zu Verehrern der Jungfrau M[aria] und des Christus. Schopenhauer idealisirte das Mitleiden und die Keuschheit, weil er am meisten von dem Gegentheil litt. “Der unabhängige Mensch” ist das Ideal des abhängigsten, impressionabelsten.— Dies sind die unerfüllbaren Ideale, wirklich falsche Phantasmen: ihr Anblick entzückt und demüthigt: dieser Zwitterzustand ist bezeichnend für die Menschen des unerfüllten Ideals. Es ist ihr Höhepunkt: sie ruhen dann über ihrem Wehe, mit einem verächtlichen Blick nach unten.

6 [7]

Oft wird ein Trieb mißverstanden, falsch gedeutet z. B. der Geschlechtstrieb, der Hunger, die Ruhmsucht. Vielleicht ist die ganze Moral eine Ausdeutung physischer Triebe.

6 [8]

In jener Stunde wo wir nicht wissen, wie bös und wie gut wir uns sind und uns Beides unredlich scheint —

6 [9]

mehr Lügner als falsch.
hart in Worten, furchtsam im Grunde.
tyrannisch und feige zugleich, wie Nap[oleon]
[Vgl. Madame de Rémusat, Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 2. Paris: Calmann Lévy, 1880:246.]

6 [10]

Ah, welche Gewalt, welchen Zauber übt die Wissenschaft auf leidenschaftliche Geister aus! Gewiß sehen sie in ihr eine wunderbare Magie und werden hier zu Phantasten.

Welch schönes Kopfkissen ist der Zweifel für einen wohlgeformten Kopf! [Vgl. Michel Eyquem de Montaigne, Essais: avec des notes de tous les commenteurs. Paris: Didot, 1864:571ff.: "Monsignor de Brême rappela l'anecdote si connue de M. le géneral de Castries, qui, choqué de la considération avec laquelle on écoutait d'Alembert, s'écrie: 'Cela veut raisonner, et cela n'a pas mille écous de rente!'"]

6 [11]

die Kluft, welche uns von dem, der Geld erwerben will Arbeiter Handwerker Künstler trennt, nicht abzuleugnen: von alters her vererbt.

6 [12]

“man muß Zeit haben, um sich lieben zu machen: und selbst wenn ich nichts zu thun hatte, hatte ich das unbestimmte Gefühl, daß ich daran nichts zu verlieren habe” Napoleon. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:267.]

6 [13]

Napoleon hat Romane gemacht und seine Träumereien hinterher “am Compaß seines Raisonnements gemessen” “Durch den Gedanken warf ich mich in eine ideale Welt” [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:267f.]

6 [14]

“ich habe immer die Analyse geliebt, und wenn ich ernstlich verliebt war, zerlegte ich meine Liebe Stück für Stück” [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:268.]

6 [15]

die Zeit und die Umstände waren seinen guten Seiten ungünstig, sie brachten sie nicht zur Entwicklung. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 2. Paris: Calmann Lévy, 1880:247.]

6 [16]

“Der Mensch, den man beständig bestechen muß” sagte Napoleon von Savary, er traute ihm unbedingt, weil er ihn so von allen anständigen Leuten isolirt hatte und ihn in seine Hände gegeben wußte.

vom Intellekt

der vollkommene Diener seines Herrn, Duroc (Duc de Frioul): kalt schweigsam undurchdringlich, er dachte nie außerhalb seiner Aufgabe, er schmeichelte nicht, vollendete Genauigkeit, ein treuer Spiegel der Umgebung für seinen Herrn und des Herrn für seine Umgebung; keine Freunde, kein Bedürfniß der Unterhaltung, kein Vergnügen zu prüfen, ob sein Herr ein großer Mann sei oder nicht, gleichgültig über alles, keine Langeweile, kein Enthusiasmus. Trocken kalt, ganz persönlich, ohne eine Leidenschaft in Bezug auf Andere, geistreich und geschickt in bestimmten Kreisen. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 2. Paris: Calmann Lévy, 1880:245.]

6 [17]

“Nur der Jugend kommt es zu, Geduld zu haben: denn sie hat die Zukunft vor sich” sagt Napoleon. “Alles war in dieser (ital[ienischen]) Armee zu machen, Menschen und Dinge” [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:271.]

6 [18]

Das Nützliche kann kein letztes Ziel sein, kein Princip der Moralität, das Angenehme auch nicht (welche Art des Angenehmen ist vorzuziehen?) die letzten Ziele sind gar nicht auf einmal durch Begriffe zu erreichen: wir können immer nur Ziele so weit sehen, als wir Triebe vorher haben. Wie weit unsre Triebe wachsen können, weiß niemand.

6 [19]

der trockene und eisige Ton des Unzufriedenen [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 2. Paris: Calmann Lévy, 1880:241.]

6 [20]

die unverschämte Form der Marktschreierei, wodurch unsere Zeit alle anderen übertrifft. Nie hat ein athenischer Künstler —

6 [21]

“In Frankreich weiß man niemals Interesse an den Dingen zu nehmen, wenn man Interesse an den Personen nimmt” Napoleon. Die Gewohnheit einer alten Monarchie hat euch gewöhnt alles zu personificiren. Ihr wißt nichts ernst zu nehmen, “Vielleicht ausgenommen die Gleichheit. Und man würde noch gerne darauf verzichten, wenn jeder sich schmeicheln könnte der Erste zu sein. Man muß allen die Hoffnung geben, sich zu erheben” [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:273.]

6 [22]

Napoleon sagte, die Zeit in Aegypten sei die schönste seines Lebens gewesen, denn sie war die idealste. Alles was er träumte, konnte er ausführen. Die Civilisation genirte ihn nicht. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:274.]

6 [23]

Haupt-Unterschied: den Einen schwebt ein Musterzustand der Dinge außer ihnen vor, wo diese auf das angenehmste für sie auf ihnen gleichsam spielen (die Politiker Socialisten usw.) Den Anderen ein Musterzustand ihrer selber, wo sie auf den äußeren Dingen und Menschen auf das angenehmste für sie spielen: letzteres das Ideal der produktiven Nat[uren] ersteres das der lästig Arbeitenden: sie wollen lieber Passiva sein! Die einen die Herrschsüchtigen und die anderen die Sklaven. Die ersteren zweifeln nicht, wenn sie so und so sein werden, daß sie dem Weltinstrument die herrlichsten Töne entlocken werden: und die letzteren zweifeln nicht, daß, wenn alles fest geordnet und frei vom Individuum (dem Herrscher) gemacht wird, alles vorherzusehen ist und sie lauter angenehme Eindrücke vom Leben haben werden. “Ausdrückliche und eindrüchkliche Menschen”

6 [24]

“Was hat die Revolution gemacht? Die Eitelkeit. Was wird sie beenden? Wiederum die Eitelkeit. Die Freiheit ist ein Vorwand.” [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:392.]

6 [25]

Er endete plötzlich seine Rolle als bonhomme und fügte mit der Trockenheit eines Herrn einen Befehl hinzu, der keine Gelegenheit verliert, zu befehlen. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:393.]

6 [26]

Napoleons schwache Seite: er konnte nicht den Gedanken der Niederlage irgendworin ertragen. Weil seine Seele ohne Adel war und er die großen Gefühle nicht kannte, welche über ein schlechtes Geschick hinaus gehen, wendete er seinen Gedanken von dieser schwachen Partie von sich ab: er heftete dagegen seinen Geist auf seine bewunderungsw[ürdige] Anlage, mit dem Erfolg sich zu vergrößern. Sein Glück war sein persönlicher Aberglaube (Je réussirai!) und der Cult, zu dem er sich gegen dasselbe verpflichtet glaubte, legitimirte in seinen Augen alle Opfer, welche er uns auflegen sollte. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:384f.]

6 [27]

“Der Widerstand gegen das Verbrechen ist derart uns angeboren, daß wir sehr leicht bei einem an die Nothwendigkeit glauben, in der er sich befand es zu begehen.” [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:385.]

6 [28]

Die schwache Anhänglichkeit eintauschen gegen die wirkliche Furcht, welche er einflößte: man bewunderte die Kühnheit seines Spiels. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:385f.]

6 [29]

“Ihr habt andere Zeiten gesehen: ich, ich datire von der, wo ich anfing etwas zu sein” Napoleon [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:387.]

6 [30]

“Ich habe keinen Haß, ich bin nicht im Stande, etwas aus Rache zu thun: ich entferne einfach was mich genirt!” sagte Napoleon in Bezug auf die Hinrichtung des Herzogs von Enghien [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:389.]

6 [31]

Unsere Triebe toben sich in den Listen und Künsten der Metaphysiker aus, sie sind die Apologeten des menschlichen Stolzes: die Menschheit kann ihre verlorenen Götter nicht verschmerzen! Gesetzt, diese Leidenschaft rast sich aus: welcher Zustand der Ermattung, der Blässe, der erloschenen Blicke! Das höchste Mißtrauen gegen den Intellekt als Werkzeug der Triebe: die Nachgeburt des Stolzes ist die Skepsis. Die peinliche Inquisition gegen unsere Triebe und deren Lügnerei. Es ist eine letzte Rache, in dieser Selbstzermalmung ist der Mensch immer noch der Gott, der sich selber verloren hat. Was folgt auf diese gewaltsame Skepsis? Die Erschöpfung, die zweite Erschöpfung, ein Greisenthum: alle Vergangenheit wird matt empfunden, die Verzweiflung selber wird zur Historie, und zuletzt ist das Wissen um alle diese Dinge noch ein genügender Reiz für diese Greise. —

Diese ganze Geschichte spielt sich in immer wenigeren Köpfen ab. Aber der Verlust des Glaubens wird ruchbar unter allen Übrigen—und nun folgt nach: das Aufhören der Furcht, der Autorität, des Vertrauens, das Leben nach dem Augenblick, nach dem gröbsten Ziele, nach dem Sichtbarsten: eine umgekehrte Bewegung leitet sich ein. Das Vertrauen ist noch am größten für das, was dem früheren Ziele am entgegengesetzt[est]en ist! Ein Versuchen und Experimentiren, ein Gefühl der Unverantwortlichkeit, die Lust an der Anarchie! An die Stelle des Stolzes ist die Klugheit getreten. Die Wissenschaft tritt in ihren Dienst. Eine gemeinere Gattung von Menschen bekommt das Regiment (statt der noblesse oder der Priester): erst die Kaufleute, nachher die Arbeiter. Die Masse tritt auf als Herrscher: das Individuum muß sich zur Masse lügen.— Nun werden immer noch solche geboren, die in früheren Zeiten zu der herrschenden Klasse der Priester, Adels, Denker gehört hätten. Jetzt überschauen sie die Vernichtung der Religion und Metaphysik, Noblesse und Individual-Bedeutung. Es sind Nachgeborene. Sie müssen sich eine Bedeutung geben, ein Ziel setzen um sich nicht schlecht zu befinden. Lüge und heimliche Rückflucht zum Überwundenen, Dienst in nächtlichen Tempeltrümmern sei ferne! Dienst in den Markthallen ebenfalls! Sie ergreifen die Theile der Erkenntniß, welche durch das Interesse der Klugheit nicht gefördert werden! Ebenso die Künste, welchen der moderne Geist abhold ist! Sie sind die Beobachter der Zeit und leben hinter den Ereignissen. Sie üben sich, sich frei von der Zeit zu machen und sie nur zu verstehen, wie ein Adler, der darüber fliegt. Sie beschränken sich zur größten Unabhängigkeit und wollen nicht Bürger und Politiker und Besitzer sein. Sie reserviren hinter allen Vorgängen die Individuen, erziehen sie—die Menschheit wird sie vielleicht einst nöthig haben, wenn der gemeine Rausch der Anarchie vorüber ist. Pfui über die, welche sich jetzt zudringlich den Massen als ihre Heilande anbieten! Oder den Nationen! Wir sind Emigranten.— Wir wollen auch das böse Gewissen für die Wissenschaft im Dienste der Klugen sein! Wir wollen bereit sein! Wir wollen Todfeinde derer von den Unseren sein, welche zur Verlogenheit Zuflucht nehmen und Reaktion wollen!— Es ist wahr, wir stammen von Fürsten und Priestern ab: aber eben deshalb halten wir unsere Ahnen hoch, weil sie sich selber überwunden haben. Wir würden sie schänden, wenn wir ihr Größtes verleugneten! Was gehen uns also die Fürsten und Priester der Gegenwart an, welche durch den Selbstbetrug leben müssen und wollen!

6 [32]

Dieselbe Unsicherheit und Skepsis, die der Schiffer in Betreff seiner Fahrt hat, ob sie gelingt, zur rechten Zeit unternommen, müssen wir in Betreff aller Pflichten haben. Ich bin nicht absolut verpflichtet, so leicht ist es mir nicht gemacht. Wir experimentiren mit unseren Tugenden und guten Handlungen und wissen nicht sicher, daß es die nothwendigen sind, in Hinsicht auf das Ziel. Wir müssen den Zweifel aufrichten und alle moralischen Vorschriften anzweifeln. Überdies sind sie so grob, daß keine wirkliche Handlung einer solchen Vorschrift entspricht: das Wirkliche ist viel complicirter.

6 [33]

Napoleon war heiter, er genoß im Geheimen den kleinen Zwang, welchen das neue Ceremoniell unter uns allen schuf. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:395.]

6 [34]

“Fremd zu sein jeder Intrigue: fast ein Fehler an Höfen Was Fürsten am wenigsten verzeihen: daß man in ihrem Dienste einige Mittel beobachtet ihrer Macht zu entschlüpfen” [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:402f.]

6 [35]

“Es giebt da nicht genug Pomp: es würde nicht Staub in die Augen werfen” sagte Napoleon zu Herrn von Rémusat, als dieser einen Plan vorlegte wie das neue Kaiserthum zu schmücken sei [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:407.]

6 [36]

“Ich, für mich allein, bin die ganze Revolution” indem er seine Person erhielt, hütete er dazu alles das, was nützlich war, nicht zu zerstören. Er wollte die Franzosen blenden und betäuben, durch alle Mittel auf einmal. Er liebte den Pomp des alten Regimes, er meinte, daß so der Parvenu noch besser unsichtbar werde. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:407f.]

6 [37]

“Vengeons nous, par en médire” Montaigne [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:409. Michel Eyquem de Montaigne, Essais: avec des notes de tous les commenteurs. Paris: Didot, 1864:571ff.: "Puisque nous ne la pouvons aveindre, vengeons nous à en mesdire: si n'est ce pas entièrement mesdire de quelque chose, d'y trouver des defaults; il s'en treuve en toutes choses, pour belles et désirables qu'elles soient."]

6 [38]

“Es ist immer nur eine sehr kleine Zahl Menschen die sich erlauben den Erfolg zu tadeln.” Die Schmeicheleien tragen den Sieg über die Kritik davon. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:409f.]

6 [39]

Die Musik hat keinen Klang für die Entzückungen des Geistes; will sie den Zustand von Faust und Hamlet und Manfred wiedergeben, so läßt sie den Geist weg und malt Gemüthszustände, die höchst unangenehm sind ohne Geist und gar nicht zum Ansehen taugen; sie vergröbert und malt die Mißvergnügtheit und den Jammer, vielleicht mit musikalischem Geiste; aber wie schrecklich ist diese Kunst, wenn sie ohne Auswahl das Häßliche malt: welche Martern sind den Tönen zu eigen, den aufdringlichen Tönen!— Liegt es daran, daß unter den Musikern ein feiner und wohlgestalteter Geist überhaupt selten ist? Daß sie das Fühlen in sich nie isoliren und seine Strahlenbrechung und Farbigkeit im Blitz des Gedankens nicht kennen? Sie müssen alle Zustände vergröbern, gleichsam ins Unmenschliche zurückübersetzen: wie als ob die Gedanken und die Worte noch nicht erfunden seien. Dies ist übrigens ein großer Reiz: es ist Urnatur in der Musik: sie gehört in die Zeit, wo man die wilde Natur der Landschaft verehrt und die Hochgebirge entdeckt hat. Einer Gesellschaft, welche den geistigen Genüssen nicht gewachsen ist, welche selbst zu gedankenarm für Gemälde ist, und überhaupt ihre Kopf-Kraft schon verthan hat, wenn sie sich anschickt, sich zu ergötzen, bleibt der Appell an die Gefühle und Sinne: und in diesen bietet der Musiker die anständigste Ergötzung. Schon gemeiner ist der Theatergenuß, mit dem Conterfei menschlicher Vorgänge und dem groben Reize der direkten Nachahmung aufregender Scenen. Ein Schritt weiter: und wir haben, zur Erholung, die Erregung der Triebe durch Getränke, usw.— Der Dichter steht höher als der Musiker, er macht höhere Ansprüche, nämlich an den ganzen Menschen:   und   der   Denker   macht   noch   höhere   Ansprüche:  er  will  die  ganze ges[ammelte] frische Kraft und fordert nicht zum Genießen sondern zum Ringkampf und zur tiefsten Entsagung aller persönlichen Triebe auf.

6 [40]

Ich habe den Mann geliebt, wie er wie auf einer Insel lebte, sich vor der Welt ohne Haß verschloß: so verstand ich es! Wie fern ist er mir geworden, so wie er jetzt, in der Strömung nationaler Gier und nationaler Gehäßigkeit schwimmend, dem Bedürfniß dieser jetzigen, durch Politik und Geldgier verdummten Völker nach Religion entgegenkommen möchte! Ich meinte ehemals, er habe nichts mit den jetzigen zu thun—ich war wohl ein Narr.

6 [41]

Wenn Napoleon heiter wurde, nahm er Garnisons-Gewohnheiten an und war ohne Maaß. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:321.]

6 [42]

“Der Zufall bleibt immer ein Mysterium für die mittelmäßigen Geister und wird eine Realität für die höheren Menschen.” Den Antheil des Zufalls mathematisch genau vorher feststellen: “eine Dezimale mehr oder weniger kann alles ändern” “Mittelmäßige Leute werden zu einer gewissen Evidenz gebracht durch Umstände, die sie nicht geschaffen haben” [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:333f.]

6 [43]

“Pour être un veritable grand homme, il faut réellement avoir improvisé une partie de sa gloire et se montrer au-dessus de l’événement, qu’ on a causé.” [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:334.]

6 [44]

“Tacitus ein geschickter Schriftsteller, aber selten ein Staatsmann” [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:334.]

6 [45]

“Wenn Politiker wirklich geschickt sind, verstehen sie, sich zu Herrn ihrer Leidenschaften zu machen, denn sie gehen so weit, die Wirkungen davon zu berechnen[Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:336.]

6 [46]

“der Staatsmann, eine vollkommen excentrische Persönlichkeit, immer allein von der einen Seite mit der Welt auf der anderen” Während er die Dinge beobachtet und die oft so ungleichen Fäden gleichmäßig in seiner Hand laufen läßt, mit der größten Aufmerksamkeit darauf—wie kann er sich damit amüsiren, gewisse Gefühls-Convenances zu schonen, die für den gewöhnlichen Menschen so wichtig sind! (Bande des Blutes, Affektion usw.) [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:335.]

6 [47]

Die Energie der Spannung (zwischen Liebe und Haß) nie größer als bei Chr[isten] ihr Haß odium generis humani mehr als alles M[itleid]

6 [48]

Das Gefühl und Glück der Hingebung—aus dem Ende der Furcht, Eintritt der Sicherheit zu erklären (nicht aus dem weibl[ichen] Trieb)

6 [49]

Macht: Widersprechen Grundlagen der Logik. A> <B
Ergebung: ZustimmenA = A
die Macht drängt, Verschiedenheit anzuerkennen
die Ergebung will Gleichheit setzen.

6 [50]

Mein Ziel ist nichts für jedermann, deshalb ist es doch mittheilbar, der Ähnlichen wegen sowohl als weil die Entgegengesetzten daraus Kraft und Lust gewinnen werden, sich ihr Wesen ebenfalls zu formuliren und in wirkenden Geist umzusetzen. Ich will allen, welche ihr Muster suchen, helfen, indem ich zeige, wie man ein Muster sucht: und meine größte Freude ist, den individuellen Mustern zu begegnen, welche nicht mir gleichen. Hol’ der Teufel alle Nachahmer und Anhänger und Lobredner und Anstauner und Hingebenden!

6 [51]

“der militärische Ruhm, welcher so lang in der Geschichte lebt, ist der, welcher am schnellsten für die Mitgenossen erlischt” Napoleon nach dem größten Moment seiner Macht (Friede zu Tilsit) [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 2. Paris: Calmann Lévy, 1880:271.]

6 [52]

Napoleon sah im Kriege, das Mittel uns zu betäuben oder wenigstens zum Stillschweigen zu bringen. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 2. Paris: Calmann Lévy, 1880:273.]

6 [53]

Der geschlechtliche Reiz im Aufsteigen unterhält eine Spannung, welche sich im Gefühle der Macht entladet: herrschen wollen—ein Zeichen der sinnlichsten Menschen. Der schwindende Hang des Geschlechtstriebes zeigt sich im Nachlassen des Durstes nach Macht: das Erhalten und Ernähren und oft die Lust am Essen tritt als Ersatz ein (Elterntrieb ist Erhalten Ordnen Ernähren, nicht Beherrschen, sondern Wohlbefinden sich und anderen schaffen) In der Macht ist das Gefühl, gern wehe zu thun—eine tiefe Gereiztheit des ganzen Organismus, welcher fortwährend Rache nehmen will. Die wollüstigen Thiere sind in diesem Zustand am bösesten und gewaltthätigsten, sich selber über ihren Trieb vergessend.

6 [54]

Liebe als Passion ist Verlangen nach absoluter Macht über eine Person: (z.B. wollen, daß man der einzige Gegenstand von Gedanken und Empfindungen sei) Der Liebende sieht die übrige Welt kaum und opfert alle anderen Interessen in diesem Machtdurste. An das Geliebtwerden glauben bringt eine tiefe Sättigung mit sich: “wir werden als absolute Macht empfunden”!

6 [55]

Man muß den aphrodisischen Reiz und die Folgen seiner Befriedigung für die Fortpflanzung des Geschlechtes trennen: der Ausdruck “Geschlechtstrieb” enthält ein Vorurtheil

6 [56]

Die Resorption des Samens durch das Blut ist die stärkste Ernährung und bringt vielleicht den Reiz der Macht, die Unruhe aller Kräfte nach Überwindung von Widerständen, den Durst nach Widerspruch und Widerstand am meisten hervor. Das Gefühl der Macht ist bis jetzt am höchsten bei enthaltsamen Priestern und Einsiedlern gestiegen (z. B. bei den Bramanen) [Vgl. Johann Julius Baumann, Handbuch der Moral: nebst Abriss der Rechtsphilosophie. Leipzig: Hirzel, 1879:270; 273f.]

6 [57]

Das Gefühl der Lust der Ergebung ist vielleicht weiblich—und beider Gefühle sind beide Geschlechter fähig, aber ein Überschuß in jedem besonders. Gott weiß, mit welchen Eigenheiten der geschlechtlichen weiblichen Funktion es zu thun haben mag, daß ihre sinnliche Erregung nicht wesentlich als Wille der Macht sich äußert: beherrscht werden, dienen, sie fühlen sich schwächer durch die Liebe. Die Ernährung des Eierstockes fordert Kraft ab.

6 [58]

Wer tiefer Empfindungen fähig ist, muß auch den heftigen Kampf derselben gegen ihre Gegensätze leiden. Man kann, um ganz ruhig und leidlos in sich zu sein, sich eben nur die tiefen Empfindungen abgewöhnen, so daß sie in ihrer Schwäche eben auch nur schwache Gegenkräfte erregen: die, in ihrer sublimirten Dünne, dann wohl überhört werden und dem Menschen den Eindruck geben, er sei ganz mit sich im Einklange.— Ebenso im socialen Leben: soll alles altruistisch zugehn, so müssen die Gegensätze der Individuen auf ein sublimes Minimum reduzirt werden: so daß alle feindseligen Tendenzen und Spannungen, durch welche das Individuum sich als Individuum erhält, kaum mehr wahrgenommen werden können, das heißt: die Individuen müssen auf den blassesten Ton des Individuellen reduzirt werden! Also die Gleichheit weitaus vorherrschend Das ist die Euthanasie, völlig unproduktiv! Ebenso wie jene Menschen ohne tiefe Empfindungen, die liebenswürdigen ruhigen und sogenannten glücklichen, eben auch unproduktiv sind. Der Werth der Wissenschaft ist, eine ungeheure Gegenkraft zu sein: vielleicht entzündet sie, im Widerspruch zu ihr, wieder die Unlogik und Phantasterei immer von Neuem!— Vielleicht ist dies nöthig!

6 [59]

Die Menschheit hat kein Ziel, ebenso wenig wie die Saurier eins hatten, aber sie hat eine Entwicklung: d. h. ihr Ende ist nicht mehr bedeutend als irgend ein Punkt ihres Weges! NB. Folglich kann man das Gute nicht so bestimmen, daß es das Mittel zum “Ziel der Menschheit” wäre. Wäre es das, was die Entwicklung möglichst verlängerte? Oder was den Höhepunkt am höchsten brächte (zwischen auf- und absteigen, werden und vergehen)? Aber dies setzte schon wieder ein Maß für den Höhepunkt voraus! Und warum möglichst lang? Auch das setzt ein Gutes voraus z. B. die Lust des Daseins.— Möglichst viel Lust als Ziel? Aber damit kann man nicht einmal sein Einzelleben dirigiren, denn wir kennen die Quellen der Lust, die Triebe, nicht in Bezug auf ihre innersten Bedürfnisse z. B. ob möglichst viel Lust nicht auch eine ungeheure Unlust voraussetzt?— Oder möglichst wenig Unlust in der Entwicklung?— Darauf strebt jetzt alles hin—aber dies heißt auch eine möglichst unkräftige Entwicklung, eine allgemeine Selbstschwächung, ein blasses Abschiednehmen von der bisherigen Menschheit, bis an die Grenze, wo die Thiere wieder über uns Herr werden! Der matte Dusel ist über dies kein Ideal, welches große Opfer zu veranlassen vermöchte—und doch wäre ein ungeheures Verzichtleisten zu fordern, wenn die Menschheit auf dieses Niveau steigen sollte! Es könnte dies aber wohl, ohne ein Ziel des Strebens zu sein, doch einmal das Ende sein! Oder ein irregewordener Stern erbarmt sich der Menschheit dann!

6 [60]

der höchste Grad von Individualität wird erreicht, wenn jemand in der höchsten Anarchie sein Reich gründet als Einsiedler.

6 [61]

der Durst nach Macht ist bezeichnend für den aufsteigenden Gang der Entwicklung, der Durst nach Hingebung für den absteigenden. Die Freuden des Alters haben im Tiefsten alle diese Hingebung an Dinge, Gedanken, Personen: der Aufstrebende herrscht.— Der Kranke nimmt den Hang des Alters vorweg.

6 [62]

Wir empfinden die Außenwelt immer verschieden, weil sie sich gegen den jedesmal in uns überwiegenden Trieb abhebt: und da auch dieser als etwas Lebendiges wächst und schwindet und nichts Verharrendes ist, so ist im kleinsten Momente unsere Empfindung der Außenwelt immer werdend und vergehend, also wechselnd.

6 [63]

Das Urtheil ist etwas sehr Langsames im Vergleich zu der ewigen unendlich kleinen Thätigkeit der Triebe—die Triebe sind also immer viel schneller da, und das Urtheil ist immer nach einem fait accompli erst am Platze: entweder als Wirkung und Folge der Triebregung oder als Wirkung des miterregten ertgegengesetzten Triebes. Das Gedächtniß wird durch die Triebe erregt, seinen Stoff abzuliefern.— Durch jeden Trieb wird auch sein Gegentrieb erregt, und nicht nur dieser, sondern wie Obertonsaiten noch andere, deren Verhältniß nicht in einem so geläufigen Worte zu bezeichnen ist, wie “Gegensatz.”

6 [64]

Wir empfinden peinlich, daß Jemand uns geringschätzt. In einem hohen Moment der Stimmung sehen wir auf diese peinliche Empfindung hin und zurück, wie auf etwas Fernes, das uns kaum noch angehört, die Empfindung z. B. wird fast zum Wissen darum: fast alle Dinge, von denen wir nur diese Empfindung des Wissens darum haben, scheinen uns ferner und außer uns, der leidende oder angenehme Trieb als Fundament darin ist uns kaum mehr bemerkbar. Aber er muß darin sein, das Gedächtniß merkt nur Thatsachen der Triebe: es lernt nur, was in einen Gegenstand eines Triebes verwandelt ist!— Unser Wissen ist die abgeschwächteste Form unseres Trieblebens; deshalb gegen die starken Triebe so ohnmächtig.

6 [65]

In Dingen des Geistes ist Jeder groß, der, als große Ausnahme, die Dinge des Wissens stark empfindet und gegen ferne Dinge sich so verhält wie gegen die nächsten, so daß sie ihm wehe thun. Leidenschaft erregen, große Erhebungen geben können, kurz daß sie mit den stärksten Trieben bei ihm verschmolzen sind. (Redlichkeit z. B. wäre wohl Neugierde Stolz Herrschsucht Milde Gtoßmuth Tapferkeit in Bezug auf Sachen, die für die Meisten ganz kalt und abstrakt bleiben) Passion für Abstrakta, und Unfähigkeit, ein Abstraktum sich fern und gleichgültig zu halten macht den Denker.

6 [66]

Menschen gemartert durch einen Bußredner, wie ein Reh, das in Schlingen sich verfängt und unter wüthendem Rasen stirbt.

6 [67]

Meine Aufgabe: alle Triebe so zu sublimiren, daß die Wahrnehmung für das Fremde sehr weit geht und doch noch mit Genuß verknüpft ist: der Trieb der Redlichkeit gegen mich, der Gerechtigkeit gegen die Dinge so stark, daß seine Freude den Werth der anderen Lustarten überwiegt, und jene ihm nöthigenfalls, ganz oder theilweise, geopfert werden. Zwar giebt es kein interesseloses Anschauen, es wäre die volle Langeweile. Aber es genügt die zarteste Emotion!

6 [68]

Napoleon haßte nichts mehr in der Welt, als daß jemand die Fähigkeit zu urtheilen in Bezug auf ihn übte, oder überhaupt nur hatte. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 2. Paris: Calmann Lévy, 1880:378.]

6 [69]

die Ruhe hat ihr gefehlt (Mad. de Staël): nach Rémusat “une privation sans remède pour le bonheur et même pour le talent.” [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 2. Paris: Calmann Lévy, 1880:400.]

6 [70]

das Ich ist nicht die Stellung Eines Wesens zu mehreren (Triebe, Gedanken usw.) sondern das ego ist eine Mehrheit von personenartigen Kräften, von denen bald diese, bald jene im Vordergrund steht als ego und nach den anderen, wie ein Subjekt nach einer einflußreichen und bestimmenden Außenwelt, hinsieht. Das Subjekt springt herum, wahrscheinlich empfinden wir die Grade der Kräfte und Triebe, wie Nähe und Ferne und legen uns wie eine Landschaft und Ebene aus, was in Wahrheit eine Vielheit von Quantitätsgraden ist. Das Nächste heißt uns “ich” mehr als das Entferntere, und gewöhnt an die ungenaue Bezeichnung “ich und alles andere, tu,” machen wir instinktiv das Überwiegende mentan zum ganzen ego und alle schwächeren Triebe stellen wir perspektivisch ferner und machen daraus ein ganzes Du oder “Es.” Wir behandeln uns als eine Mehrheit und tragen in diese “socialen Beziehungen” alle die socialen Gewohnheiten, die wir gegen Menschen Thiere Gegenden Dinge haben. Wir verstellen uns, setzen uns in Angst, machen Parteiungen, führen Gerichtsscenen auf, überfallen uns, martern uns, verherrlichen uns, machen aus dem und jenem in uns unseren Gott und unseren Teufel und sind so unredlich und so redlich als wir es in Gegenwart der Gesellschaft zu sein pflegen.— Alle socialen Beziehungen auf den Egoismus zurückzuführen? Gut: für mich ist aber auch wahr daß alle egoistischen inneren Erlebnisse auf unsere eingeübten angelernten Stellungen zu Anderen zurückzuführen sind. Welche Triebe hätten wir, die uns nicht von Anfang an in eine Stellung zu anderen Wesen brächten, Ernährung z. B., Geschlechtstrieb? Das, was Andere uns lehren, von uns wollen, uns fürchten und verfolgen heißen, ist das ursprüngliche Material unseres Geistes: fremde Urtheile über die Dinge. Jene geben uns unser Bild von uns selbst, nach dem wir uns messen, wohl und übel mit uns zufrieden sind! Unser eigenes Urtheil ist nur eine Fortzeugung der combinirten fremden! Unsere eigenen Triebe erscheinen uns unter der Interpretation der Anderen: während sie im Grunde alle angenehm sind, sind sie doch durch die angelernten Urtheile über ihren Werth so gemischt mit unangenehmen Beigefühlen, ja manche werden als schlechte Triebe jetzt empfunden: “es zieht hin, wohin es nicht sollte”—während schlechter Trieb eigentlich eine contradictio in adjecto ist.— Was will also Egoismus sagen! Wir können innerhalb unser selber wieder egoistisch oder altruistisch, hartherzig, großmüthig, gerecht milde verlogen sein, wehe thun oder Lust machen wollen: wie die Triebe im Kampfe sind, ist das Gefühl des Ich immer am stärksten dort, wo gerade das Übergewicht ist.

6 [71]

Unbeschreiblicher Ekel, wenn unsere Gebildeten von der Nothwendigkeit einer idealen Bildung und einer Erneuerung der Religion phantasiren! dieses verlogene Gesindel, das bei Musik und Schauspiel wieder religiös werden will und sich in den Kopf setzt, sobald es nur wieder im Herzen zu zittern beginnt, alle Redlichkeit des Kopfes fahren zu lassen und sich kopfüber in den mystischen Schlamm zu stürzen! Recht der Gedanke einer durch Politik und Geldgier verdummten und servil gewordenen Generation!

Denn ob man einem Napoleon oder dem Nationalitätsprincip dient, beides führt zur Sklaverei und zum schließlichen Ekel an sich: wohl dann der Religion! wohl den Künstlern, welche den Anstand einer freien geistigen Haltung nicht angeboren haben! Früher dachte ich: wir sind anderer Art, anderer Herkunft, nichts war mir fremder als mich diesen Strömungen der Nationalität und der Neigung zur Mystik anzubieten! Ich sah sie—mir ekelte damals und jetzt dafür. Allein sein! abseits leben! war immer meine Devise. Was geht es mich an, daß die, welche damals darin mir gleich gesinnt erschienen, jetzt alle sich dort anbieten! Hier die Gespensterfinger des Spiritisten, und der mathematisch-magische Taschenspieler, dort ein gehirnausbrennender Cultus der Musik, dort die wiedererweckten Gemeinheiten einer Judenverfolgung—seht die allgemeine Übung im Hassen

6 [72]

“Diejenigen welche kommen mich zu besuchen werden mir eine Ehre erweisen: diejenigen welche nicht kommen, werden mir ein Vergnügen erweisen” Augier.

6 [73]

Napoleon nach dem ersten italienischen Feldzuge, zu einem Journalisten: denken Sie daran, in den Erzählungen unserer Siege immer von mir, immer von mir zu sprechen, hören Sie? [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 2. Paris: Calmann Lévy, 1880:323.]

6 [74]

Alle Moralisten sind einig in der allgemeinen Tendenz: wohin das Handeln streben müsse und was die Wohlfahrt der Menschheit sei—ich finde sie beherrscht von Einem Triebe und voll Vorurtheil darin. Die Herrschaft des Altruismus scheint mir die Menschheit zu Grunde zu richten—ein Absterbeprozeß Euthanasie:—vielleicht dienen also die Moralisten der allgemeinen Entwicklung: aber sie erwarten etwas Umgekehrtes! Ich will den Egoismus aufrichten und jene weise Einsicht, welche dem fremden Individuum nicht gerne in’s Geschäft und Wesen greift: nur durch Noth sind wir altruistisch.

6 [75]

Alle Moralisten haben gemeinsame Censuren über gut und böse, je nach sympathischen und egoistischen Trieben. Ich finde Cut, was einem Ziele dient: aber das “gute Ziel” ist Unsinn.

Denn überall heißt es “gut wozu?” Gut ist immer nur ein Ausdruck für ein Mittel. Der “gute Zweck” ist ein gutes Mittel zu einem Zweck. Jedes Ziel — — —

6 [76]

Die Tugend der Reinlichkeit NB. Wurzel des Triebes der Schönheit

6 [77]

Ein System des Lebens das nur auf Neigungen ruhen soll—Altruism. Aber da müßte das Schicksal nur mit Akkorden auf uns spielen—es hieße die Unvernünftigkeit des Daseins beseitigen und es zur menschlichen Vernunft machen. Und damit jeder nur Harmonien hörte, müßte jeder andere ihm gleich sein und keine anderen Bedingungen haben—so aber würde die Neigung schwach und endlich unnöthig, weil alles schon ohne Erstreben sich anböte.

6 [78]

Geht die edle Unabhängigkeit verloren, so werden alle Talente matt—ob es unter der Tyrannei Napoleon’s oder des Altruismus ist: Ende der Genies!

6 [79]

“mit dem alleinigen Geschmack für das Reale ist man zu nichts gut, weder in einer Farm noch in einem Palaste”

6 [80]

Unser Verhältniß zu uns selber! Mit Egoismus ist gar nichts gesagt. Wir wenden alle guten und schlechten gewöhnten Triebe gegen uns: das Denken über uns, das Empfinden für und gegen uns, der Kampf in uns—nie behandeln wir uns als Individuum, sondern als Zwei- und Mehrheit; alle socialen Übungen (Freundschaft Rache Neid) üben wir redlich an uns. Der naive Egoismus des Thieres ist durch unsere sociale Einübung ganz alterirt: wir können gar nicht mehr eine Einzigkeit des ego fühlen, wir sind immer unter einer Mehrheit. Wir haben uns zerspalten und spalten uns immer neu. Die socialen Triebe (wie Feindschaft Neid Haß) (die eine Mehrheit voraussetzen) haben uns umgewandelt: wir haben “die Gesellschaft” in uns verlegt, verkleinert und sich auf sich zurückziehen ist keine Flucht aus der Gesellschaft, sondern oft ein peinliches Fortträumen und Ausdeuten unserer Vorgänge nach dem Schema der früheren Erlebnisse. Nicht nur Gott, sondern alle Wesen, die wir anerkennen, nehmen wir, selbst ohne Namen, in uns hinein: wir sind der Kosmos, soweit wir ihn begriffen oder geträumt haben. Die Oliven und die Stürme sind ein Theil, von uns geworden: die Börse und die Zeitung ebenso.

6 [81]

Unser waches Leben ist ein Ausdeuten innerer Triebvorgänge mit Hülfe des Gedächtnisses an alles Empfundene und Gesehene: eine willkürliche Bildersprache davon, wie das Träumen von der Sensation im Schlafen.

6 [82]

Wie das Leben für Andere entsteht! bei einem Diener, der zuerst mit Zwang und Strafen an das Interesse seines Herrn denkt, allmählich fällt ihm das eher ein als sein eigenes, weil er gemerkt hat, daß sein Wohl von dem des Herrn und der guten Stimmung desselben abhängt: endlich sieht er darnach wie der Gärtner nach den Pflanzen, sie sind ihm fortwährend gegenwärtig, gewöhnt, leicht, erleichternd, Grund seiner Freuden und Leiden. So der Stallknecht für sein Pferd, der Gelehrte für sein Thema, der Vater für sein Kind, der Kaufmann für sein Geld. Wir vergessen motivirende Gedanken und leben nach den eingeübten Gefühlen des Angenehmen Gewöhnten—das soll moralisch sein! Gewiß [ist] es für Alle angenehm, Herren und Diener und somit wird es sehr gelobt, folglich viel Phantasterei der Gedanken darum gelegt, damit es als etwas Hohes erscheine!

6 [83]

Wenn unsere Triebe gleich stark sind und nach entgegengesetzten Zielen uns ziehen, entsteht jener Kampf und jene Noth, welche die Moralisten so hoch stellen. Eigentlich ist für Viele die Tugend nichts werth, wenn sie nicht einen solchen Kampf macht d. h. man will, daß die entgegengesetzten Triebe ebenso stark seien! Ein Laokoon, der seine Schlangen zerdrückt! Eine pathetische Attitüde!

6 [84]

Viel Wohlwollen bei denen, welche das Übel leicht vergessen, welche leicht zu erregen und zu beruhigen sind, unfähig einer langen Emotion, eines ernsten Nachdenkens, expansiv, etwas indiskret. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:140f.]

6 [85]

l’entraînement de ma destinée sagte Napoleon [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:141.]

6 [86]

Erhabenheit der Seele! meistens ist es Exaltirtheit! [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:153.]

6 [87]

“streng in ihren Principien oder in den Gefühlen welche ihre Einbildungskraft erzeugt hatte” [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:154.]

6 [88]

die wirksamen Schriftsteller beweisen, daß Worte nur Andeutungen sind, daß man nichts vollenden dürfe und daß die Schriftsteller darin Vortheile vor den Malern haben.

6 [89]

der Geometer Ampère: je crois que le monde extérieur a été créé tout simplement pour nous être une ocasion de penser. [Vgl. Ximénès Doudan, Mélanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d’Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. 2. Paris: Calmann Lévy, 1878:350f.]

6 [90]

Napoleon war Träumer, schweigsam, im Verkehr mit Frauen gezwungen, aber passionirt und hinreißend, obschon fremdartig in seiner ganzen Person, als er jung war. Seine Anfälle von düsterer und drohender Eifersucht. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:142.]

6 [91]

Gleichheit im Humor, Milde und natürliche Heiterkeit machen das glückliche Privatleben. Der letzte Grund: von nichts tief bewegt werden. Man nennt es Philosophie, wenn [sich] diese Indifferenz nicht nur in Bezug auf das, was die Andern interessirt, sondern in der Tribulation des Persönlichen zeigt. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:151f.]

6 [92]

Ihre Einbildungskraft erhitzte sich bei den Pflichten, die ihr auferlegt seien, sie schrieb sich die peinlichsten Opfer vor, gerade weil sie das Unglück hatte den Gemahl nicht zu lieben. Sie war aufmerksam darauf, ihm zu gefallen, als wenn sie ihn geliebt hätte. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:157.]

6 [93]

Non consilia a casu differo, das Schicksal treibt sie, die Absichten sind schwach. [Vgl. Ximénès Doudan, Mélanges et lettres. Avec une introduction par M. le comte d’Haussonville et de notices par MM. de Sacy, Cuvillier-Fleury. Vol. 2. Paris: Calmann Lévy, 1878:566f.]

6 [94]

Napoleon verstand es aus der tiefsten Ruhe in den höchsten Zorn überzugehen, wenn es ihm nützlich schien. “Mein Zorn ist niemals über das da hinausgegangen” sagte er zum Abbé de Pradt auf seinen Hals deutend (cou). [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:120.] “Er findet ein Mittel seine Leidenschaften zu erheucheln obgleich sie wirklich existiren” sagte Talleyrand. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:117f.]

6 [95]

Napoleon hatte Anfälle von Empfindung vergoß Thränen, aber es machte ihm hinterdrein einen schlechten Humor. “Wenn mein Blut nicht mit seiner beständigen Langsamkeit schlägt, laufe ich Gefahr, zum Narren zu werden.” Nach Corvisart hatte er wenige Pulsschläge. Aber er klagte über intraitable Nerven. Er behauptete er verstünde absolut nicht, was es hieße “der Kopf dreht sich mir” [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:124.]

6 [96]

Er hatte ein geheimes Vergnügen Furcht zu erregen und zittern zu machen. Denn: “die Unruhe reizt den Eifer,” er vermied, sich vor Personen und Menschen zufrieden zu zeigen: “une petite terreur de detail war immer im geheimsten Innern seines Palastes” [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:124f.]

6 [97]

Er hatte die Miene, die Ruhe ohne Aufhören zu hassen, für sich und die Anderen. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:125.]

6 [98]

Hatte die Gesellschaft einen ruhigen Gang des Gesprächs, so änderte er plötzlich den Ton durch ein herrisches Wort und stellte den Unterredner wieder auf den Platz vor ihm, nämlich in seine Furcht. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:125.]

6 [99]

Der wahrhaft Glückliche ist der, welcher sich vor mir im Grund einer Provinz verbirgt und wenn ich sterbe, wird die Welt ein großes ouf! machen. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:125.]

6 [100]

Wenn er einen Dienst bezahlte, ließ er merken, daß er einen neuen kaufte. Er wollte niemals die Schulden seiner Frau in Ordnung bringen, um Gelegenheiten sich zu erhalten, sie zu beunruhigen. [Vgl. Madame de Rémusat: Mémoires de Madame de Rémusat: 1802-1808. Publiés par son petit-fils Paul de Rémusat sénateur de la Haute-Garonne. Vol. 1. Paris: Calmann Lévy, 1880:126.]

From Nietzsche's Notebooks© The Nietzsche Channel