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The Will to Power
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Frühling-Sommer 1877 22 [1-135]

22 [1]

Fenster grüner Gaze

22 [2]

Den Freunden Gruss und Widmung.

22 [3]

[Die unendliche Melo]die—man verliert das Ufer, überlässt sich den Wogen.

22 [4]

Roheit, welche sich als Kraft giebt—Kunst.

22 [5]

So zu handeln, dass die Menschheit usw.: Da müsste man das Vortheilhafte übersehen können. Wer sagt dass überhaupt für das Ganze eine Art Handeln zuträglich sei? die Geschichte sagt das Gegentheil. Man ist dem Egoismus viel mehr verpflichtet.

22 [6]

Unwissende Menschen, welche mit einer Philosophie bekannt geworden sind, haben den Eindruck, als ob sie jetzt allen anderen Wissenschaften überlegen wären und als ob sie in allem mitsprechen könnten—nichts irrthümlicher.

22 [7]

Feuer Ernst und Glück, wie selten im Augen und Ausdruck eines Jünglings.

22 [8]

  1. Philologie.
  2. Der Stil berühmter deutscher Schriftsteller.
  3. Zur Aesthetik der Musik.
  4. Zur Moral.
  5. Entstehung der griechischen Litteratur (Entstehung eines Buches darin).
  6. Das Zeitalter “gegen Metaphysik.”
  7. Gefahren der Musik in der Zukunft.

22 [9]

Jene uns verborgene Welt viel bedeutungsleerer als die bekannte. Unwillkürlich nimmt man das Gegentheil an. Aber Noth als Mutter, Irrthum als Vater haben den Glauben geschaffen. [Vgl. Plato, Symposion, 203b-d.]

22 [10]

Vorrede über Philologie. Alles als Übung.
Homer’s und Hesiod’s Wettkampf.
Athene als Liebesgöttin.
Solon’s Elegie eine Sammlung.
Der Prolog der Choephoren.
Beispiel kunstvoller Responsion.
Leben Demokrit[’s].
Sceptische Ansichten über Metrik.
Conjectanea als Anhang.

22 [11]

Einleitung in die Philosophie der Gegenwart.
1. Allgemeine Gesichtspuncte (Philosophen).
2. Zur Religion.
3. Zur Musik.
4. Zur Kunst.
5. Wissenschaft und Fortschritt.

22 [12]

Vom Standpuncte des Nutzens ist die Erhaltung der Religion durchaus zu wünschen, Nutzen selbst im höchsten Sinn (Moralität) genommen (nämlich der vormundschaftliche Staat).

Aber sie ist nicht zu erhalten, weil keine aufrichtigen Lehrer mehr da sind.

Also wäre das Erziehungswesen umzustürzen? nach der Absicht der katholischen Kirche? Aber alle sonstigen Vortheile des Lebens ruhen auf der Wissenschaft.

Conflict nicht zu verschärfen—englische Praxis. Consequent sind die Menschen nicht.

Das Aufhören dieses Glaubens entfesselt Kraft, bis jetzt durch metaphysische Tröstungen zurückgehalten. Deshalb nicht zu unterschätzen.

Diese Kräfte sind den bestehenden Ordnungen feindlich.

Ist Revolution nothwendig?— Zunächst ist ein kleiner Bruchtheil der europäischen Menschheit in Betracht.

Den Regierungen freieste Behandlung anzurathen, nichts zu unterdrücken, vielmehr sich voranstellen in der geistigen Befreiung: je geistiger man die Masse macht, um so geordnetere Wege sucht sie.

Von Seiten der Privatpersonen—Gründung eines Vereins dessen M[itglieder] sich aller religiösen Formen enthalten. Propaganda in der ganzen Welt. Damit Überbrückung der Nationen (Gegenstück zur katholischen Überbrückung).

22 [13]

Auch Wein, auch Kunst (Feste) gehört zu diesen Tröstungen. Weg! Vereine gegen geistige Getränke sehr zu Diensten der Freigeister.

22 [14]

Die nationale Idee und Kriege ausgezeichnete Gegenmittel gegen Revolution.

Entflammung der religiösen Interessen (Sinn des Culturkampfs) ebenfalls.

Eine zeitweilige Verrohung nicht zu scheuen (durch Übermacht von Naturwissensch[aft] Mechanik).

22 [15]

Ob Lebenserfahrungen in Gestalt von Sentenzen dargestellt einen Nutzen für Andere haben, weiss ich nicht, für den welcher sie macht sind sie eine Wohlthat: sie gehören zu den Mitteln der Erleichterung des Lebens.

Und von den unangenehmsten dornenreichsten Ereignissen oder Lebensstrichen kann man immer noch Sentenzen abpflücken (und einen Mundvoll Annehmlichkeit daraus haben) und sich dabei ein wenig wohl fühlen.

22 [16]

Der Staat hat die Wissenschaft, nicht die Religion, die Astronomie, nicht die Astrologie zu vertreten. Letztere verbleibt dem Privatmann.

22 [17]

Es giebt kürzere und längere Bogen in der Culturentwicklung. Der Höhe der Aufklärung entspricht die Höhe der Gegen-Aufklärung in Schopenhauer und Wagner.

Die Höhepuncte der kleinen Bogen kommen am nächsten dem grossen Bogen—Romantik.

22 [18]

Unser Ziel muss sein: Eine Art der Bildungsschule für das ganze Volk—und ausserdem Fachschulen.

22 [19]

Schlüssel zu der menschlichen Handlung.

Ein anderer Schlüssel.

22 [20]

Wie ist es möglich dass einer sich in allem verachtet (sich “sündhaft” durch und durch weiss) und doch noch liebt? Die wissenschaftliche Erklärung ist eine ganz andere als der religiöse Mensch sich giebt. Jene Liebe misst er Gotte zu: wenn er in alle möglichen Erlebnisse die Zeichen einer gütigen barmherzigen Gesinnung hineinlegt, jede getröstete Stimmung als Wirkung von dem auffasst, also alle besseren Empfindungen einem Wesen ausser sich als dem wirkenden Urheber zuschreibt, so bekommt die Liebe, mit der er sich im Grunde selber liebt, den Anschein einer göttlichen Liebe. Diese ist unverdient, schliesst der Mensch weiter, ist Gnade.

Voraussetzung ist, dass der Mensch sich freiwillig fühlt und schlecht: dies nur durch eine falsche unwissenschaftliche Auslegung seiner Handlungen und Empfindungen. Er legt in den einen Theil seiner Handlungen den Begriff Sünde hinein, in den andern Theil den Begriff göttliche Gnadenwirkungen. Falsche Psychologie, Phantastik in der Ausdeutung der Motive ist Wesen, des Christenthums.

22 [21]

— — — dem der Staat die Herrschaft des Teufels ist.

22 [22]

Der Verleger denkt, aber der Buchdrucker lenkt.

22 [23]

Oedes graues Auge frühesten Morgens, nasse scharfe Luft.

22 [24]

Was ewig im Gesang soll leben, muss im Leben untergehen (Restauration-Kunstblüthe).

22 [25]

Modif[icirte] Tempos.— Man ehrt den grossen Künstler der Vergangenheit weniger durch jene unproductive Scheu, welche jede Note liegen lässt, wie er sie gestellt hat, als durch thätige Liebe und jene Versuche, ihn immer von neuem wieder zum Leben zu erwecken, im Leben zu erhalten.

22 [26]

Freigeist. Psychologisches. Moral. Kunst. Religion. Metaphysik.

Übergang von Religion zu Kunst mit “unreinem Denken,” “unlogische Stellung zur Welt.”

Dann der “Dichter.”

Palliative. Erleichterungsmittel des Lebens. Kunst usw.

22 [27]

Moral
Religion
Kunst
zuletzt: Weise werden

22 [28]

Metaphysik: einige Sprossen zurück, nur der erkennende Mensch soll immer über die Leiter hinausschauen, wir sind als volle Menschen nicht nur Erkenntniss.

22 [29]

Wie der Nebel ein Gebirge niedriger erscheinen lässt, so geistige Verstimmung.

22 [30]

Ich wünsche dass man esse um satt zu werden und nicht nur weil es gut schmeckt—Grund wozu Wissenschaft.

22 [31]

Der Hunne Attila “Mensch Gewitterwolke.”

22 [32]

Es lehrt wenn nicht Bescheidenheit so doch Vorsicht. Schopenhauer Goethe.

22 [33]

Erscheinung. Es liegt an unseren Irrthümern, welche in die Constitution unseres Intellects hineinreichen, dass Ding und Erscheinung sich nicht decken.

22 [34]

Wenn ihr Augen habt zu sehen, so gebraucht auch den Mund zu sagen: “ich sah es anders” damit — — —

Höhle von Salamanca.

22 [35]

— wenn man dabei an die unbewussten Heilwirkungen und Ähnliches denkt — — —

22 [36]

Alle Kunst weist den Gedanken an Werden ab. Alle will Improvisation scheinen, augenblickliches Wunder (Tempel als Götterwerk, Statue als Verzauberung einer Seele in Stein). So alle Musik. In gewisser Musik wird dieser beabsichtigte Effect durch Kunstmittel (Unordnung) nahe gelegt.

22 [37]

Nöthig, den ganzen Positivismus in mich aufzunehmen, und doch noch Träger des Idealismus zu sein (Vorrede).

22 [38]

Selbständ[iges] Leben. Buch 9.

22 [39]

Musik der schönen Seele

22 [40]

Verrechnung in der Anarchie

22 [41]

Für jemand sterben ist ein geringer Beweis von Liebe.

22 [42]

Dichter-Weisheit.

22 [43]

Liebe so unparteilich wie der Regen der den Sünder bis auf die Haut unter Umständen nass macht.

22 [44]

hängende Wolken der Trübsal, der Verstimmung

22 [45]

Kindisch und schaurig und wehmutsvoll
klang die Weise der Zeit mir oft:
sehet nun sing ich ihr Lied?
hört, ob das Glockenspiel
nicht sich verwandelt in Glockenernst
oder ob es klingt
hoch herab wie vom Genua-Thurm
Kindisch jedoch ach schaurig
Schaurig und wehmutsvoll.

22 [46]

Die Schule soll die grösste Freiheit im Rel[igiösen] lehren, das nüchternste strenge Denken. Die Unklarheit und die gewohnten Neigungen werden sehr weite Grenzen zielen.

22 [47]

Geist der Jugendlichkeit, der Vorrechte, selbst zu einigen Unarten hat,—diess fehlt mir jetzt.

22 [48]

Diese Schrift welche unter dem aufrührerischen Gesamttitel Unzeitgemässe Betrachtungen in vier aufeinander folgenden Theilen der Öffentlichkeit übergeben wurde und welche zwischen Ostern 1873 und August 1876 in allem Wesentlichen vollendet wurde — — —

Herz erst in Unzeitgemässen Betrachtungen ausgeschüttet. Aber Wind und Wetter, welche das Leben noch mehr als unser Stern führen und die mir nicht gerade günstig [waren], waren mir doch vielleicht darin günstig dass — — —

22 [49]

— sei es auch dass dieselbe eine spottende Irreführung der deutschen Leichtgläubigkeit wäre — — —

22 [50]

Jagd im Buche.

Kräftiger Eber und auch zierlicher Rehe gewiss.

22 [51]

Der Charakter der dramatischen Musik, der deutschem Wesen ebenso fern steht wie der Charakter der Bismarckschen Politik.

22 [52]

Wollen ist in jedem Falle eine Selbsttäuschung. Wir können es nur im Gegensatz zum Müssen, als freies Wollen denken: und dies ist ein Irrthum.

22 [53]

— deutscher Jüngling—Ironie—Wohlgelauntheit Lachen Lächeln Wurmfrass Wichtigthun

22 [54]

Wer Religion und Kunst—Goethe — — —

Manfred: Eckermann Riemer — — —

22 [55]

Flöte der Zeit vorblasen, dass rascher und wirbelnder ihr Tanz wird—später die grosse Ruhe, wo schauernd, wie in später Nachmitternacht alles gespenstisch scheint. Ich selbst bin in der Zeit, sie in mir—Selbsterlebtes, Selbstorgiasmus.

22 [56]

Wille. Von einer Eigenschaft dieses Gefühls, zu wollen, wohin zu streben, ist uns unmittelbar gar nichts bewusst.

22 [57]

Der Eine sagt: ich empfinde, aber alle Wesen empfinden, von Anfang an. Der Andere: ich kann es nie erklären, wie an einem bestimmten Puncte der historischen Entwicklung die Empfindung entstanden sein soll: also war sie immer.

22 [58]

Weil ich in mir, als Letztes Unauflösbares, Empfindung antreffe, so muss dies in allen Wesen ebenfalls der Fall sein.

Dass aber Empfindung bei Wesen ohne Gehirn (ohne Denken) wirklich das sei, was wir Empfindung nennen, und nicht ein bloss mechanischer Vorgang, der von uns nur als Empfindung ausgedeutet wird —

dass Empfindung unter Beihülfe des Intellects zu Stande kommt.

Gedächtniss Vorausbildung eigentlich ein Gehirnvorgang.

22 [59]

das Jauchzen des erkenn[enden] Menschen

22 [60]

Duell. Blut wischt ein übereiltes Wort weg, Blut giebt selbst einer zweideutigen Handlung hinterdrein die Achtung einer ehrlichen.— Selbstmord, bei Ajax um das überreizte Ehrgefühl zu befriedigen.

22 [61]

Ist von Sorrento’s Duft Nichts hängen blieben?
Ist alles wilde, kühle Bergnatur,
Kaum herbstlich sonnenwarm und ohne Lieben?
So ist ein Theil von mir im Buche nur:
Den bessern Theil, ihn bring ich zum Altar
Für sie die Freundin Mutter Arzt mir war.

22 [62]

Wir denken nicht nur innerhalb des Traumes, sondern der Traum selber ist das Resultat eines Denkens.

22 [63]

Ich finde den Mangel an Gerechtigkeitssinn bei Frauen empörend. Wie sie mit ihrem dolchspitzen Verstand verdächtigen usw.

22 [64]

Die früheren Schriften waren Gemälde, zu denen ich die Farben aus den Stoffen, welche ich darstellte, wie ein Chemiker nahm und wie ein Artist verbrauchte.

22 [65]

Der Autor, das Mädchen, der Soldat, die Mutter ist das unegoistisch?

22 [66]

Urprobleme.
Sprache.
Schriftsteller.
Stil.
Gymn[asium].
Erziehung.
Freigeist.

22 [67]

Wie es für den Menschen keine absolut menschlichen Gebärden giebt, sondern sie immer der Symbolik einer bestimmten Culturstufe, eines Volksthums, eines Standes eignen müssen, so giebt es bei keiner Kunst eine absolute Form. “Formen sprengen” bedeutet nur eine neue Symbolik zur Herrschaft bringen. Alle Form aber ist Convention oder Zwang.

22 [68]

Freunde.

Ihr glaubt mich allein—nun nehmt des Einsamen Gefährten auf.

22 [69]

Ich habe wohl ein Recht, dieser Dichtung hier zu gedenken. Das was ich selber nicht zu sagen vermochte, was aber, wie viele Tropfen Lichtes, mir hier und da auf die Seele gefallen ist—das hat sie gesagt, die Lichttropfen weiter geworfen [—]

Meine Ergänzung: und zwar wie ein zerbrochenes Stück Arm und Bein sich zu einem Ganzbilde verhält. [Vgl. Siegfried Lipiner, Der entfesselte Prometheus. Eine Dichtung in 5 Gesängen. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1876.]

22 [70]

Die guten Künstler sollen nicht hinhören.

22 [71]

Nicht verdient—Stolz.

22 [72]

— altberühmte Person Hutten Voltaire.

Unter den 7 berühmten Schwaben Strauss voran Muth.

22 [73]

Die gute Meinung über mich habe ich von Anderen erst gelernt und subtrahire fortwährend davon ab, mit Grübelei, wenn ich krank bin.

Ein ruhiges freudiges Alleinsein mit mir, in guten Gedanken und Lachen—wie ich auch bin —

22 [74]

Wann erst die Sprache als Wissenschaft galt—Schilderung der weiteren Sprach förderer. Manuscript Basel

22 [75]

Mag Vernunft den Vernünftigen erbauen

Der Künstler soll nur die Kunst verdauen

Und doch hat ein Künstler dies Buch geschrieben!

Nicht seine Vernunft that’s, es that sein Lieben.

22 [76]

Wir hören wohl das Hämmern des Telegraphen aber verstehen es nicht.

22 [77]

Charactere:

wie sich der gemalte Schuh des Malers zum Schuh des Schuhmachers verhält,

wie die Kenntniss des Malers vom Schuh zu der Kenntniss des Schuhes vom Schuhmacher,

so Charactere von Dichtern entworfen zu wirklichen Characteren.

22 [78]

Lipiner. Der schönste Erfolg, wenn es zwingt das Buch wegzulegen, Athem holen; Thränen tiefer Verzückung, trunkenes Schwimmen im Wohlk[lang] welcher die Augen schliessen macht, wie als ob man in die blaue Tiefe südlicher See taucht; wehmutsvolle Ergriffenheit, wenn wir vor uns selber beschämt über uns hinweg sehen. [Vgl. Siegfried Lipiner, Der entfesselte Prometheus. Eine Dichtung in 5 Gesängen. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1876.]

22 [79]

Wenn die Erkenntniss und immer wieder die Erkenntniss für viele andere Entbehrungen schadlos halten soll, und nun das Organ derselben der Kopf auch da noch Schmerz und Widerspruch —

22 [80]

Im bairischen Walde fieng es an
Basel hat was dazu gethan
In Sorrent erst spann sich’s gross
und breit Und Rosenlaui gab ihm Luft und Freiheit
Die Berge kreissten, am Anfang Mitt’ und End’!
Schrecklich für den, der das Sprichwort kennt!
Dreizehn Monat bis die Mutter des Kinds genesen —
Ist denn ein Elephant gewesen?
Oder gar eine lächerliche Maus? —
So sorgt sich der Vater. Lacht ihn nur aus!

22 [81]

Jacob Burckhardt.

Seit dies Buch mir erwuchs hält Sehnsucht mich und Beschämung

Bis solch Gewächs dir einst hundertfach reicher erblüht.

Jetzt schon kost’ ich des Glücks, dass ich dem Grösseren nachgeh‘,

Wenn er des goldnen Ertrags eigner Pflanzung sich freut.

22 [82]

Die Form eines Kunstwerks hat immer etwas Lässliches. Der Bildhauer kann viele kleine Züge hinzuthun oder weglassen—ebenso der Klavierspieler. Man muss es so stellen, dass es wirkt: d. h. dass Leben auf Leben wirkt. Als ob jemand eine Geschichte aus seinem Leben erzählt. Einschlafen —

22 [83]

Glückselige Insel
Robinson

22 [84]

Strauss—Wagner

22 [85]

Bestätigung dass Jugend [— — —] Prometheus [Vgl. Siegfried Lipiner, Der entfesselte Prometheus. Eine Dichtung in 5 Gesängen. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1876.]

22 [86]

Beethoven—jener edle süsse Traum welcher aus dem Herzen in den Geist dringt und ihn in rothumflossenen Dämmerungen nach den Weiten spähen heisst: Hunger einer einsamen Seele.

22 [87]

Das ausserordentliche Vergnügen welches man der Moral (bei Erzählungen) und der Kunst verdankt.

22 [88]

Gef[esselter] Prom[etheus] als Regenbogenbrücke über den letzten Jahrtausenden schwebend, das höchste Cultur-Gedicht.

22 [89]

Freundin! Der sich vermass, dich dem Glauben an’s Kreuz zu entreissen,

schickt dir dies Buch: doch er selbst macht vor dem Buch ein Kreuz.

22 [90]

Als der Buddaismus mit seiner milden Reisesser-Moral den Kriegen entgegen arbeitete, wurde Indien aus der Geschichte der Culturmächte gestrichen.

22 [91]

Der Eine hat eine undeutliche Schrift weil sein Auge schwach ist: so liest er sich selber schwer. Der andere sieht viel schärfer und liest auch dessen Handschrift besser als jener — — —

22 [92]

Dem Meister und der Meisterin
Entbietet Gruss mit frohem Sinn,
Beglückt ob einem neuen Kind,
Von Basel Friedrich Freigesinnt.
Er wünscht dass sie mit Herzbewegen
Auf’s Kind die Hände prüfend legen
Und schauen ob es Vater’s Art
Wer weiss? selbst mit ’nem Schnurrenbart —
Und ob es wird, auf Zween und Vieren
Sich tummeln in den Weltrevieren.
In Bergen wollt’ zum Licht es schlüpfen
Gleich neugebornen Zicklein hüpfen
So gleich zu suchen eignen Gang
Und eigne Freude Gunst und Rang
Oder vielleicht Einsiedlers Klaus
Und Waldgethier sich wählet aus?
Was ihm auf seinem Erdenwallen
Beschieden sei: es will gefallen
Nicht Vielen: Fünfzehn an der Zahl
Den Andern werd’es Kreuz und Qual,
Dass nur, zur Abwehr ärgster Tücke
Des Meisters Treuaug segnend blicke!
Dass nur den Weg zur ersten Reise
Der Meisterin kluge Gunst ihm weise!

22 [93]

Dies ist der Herbst.
Die Sonne schleicht zum Berg
Und steigt hinauf
und ruht bei jedem Schritte.
Auf müd gespannten Fäden spielt
Der Wind sein Lied:
Die Hoffnung flieht,
Er klagt ihr nach.
O Frucht des Baums,
Du zitterst, fällst!
Welch ein Geheimniss zeigte dir
Die Nacht,
Dass eis’ger Schauder deine Wange,
Die purpurne, verhüllt? —
Ich bin nicht schön,
So spricht die Sternenblume,
Doch Menschen lieb’ ich,
Und Menschen tröst’ ich,
Sie sollen jetzt noch Blumen sehn,
Nach mir sich bücken,
Ach! und mich brechen —
In ihren Augen glänzet dann
Erinnerung an schönre auf
Und Glück.
Ich seh’s und sterbe dann,
Und sterbe gern.
Dies ist der Herbst. —

22 [94]

Um Mittag, wenn
Der junge Sommer in’s Gebirge steigt,
Da spricht er auch,
Doch sehen wir sein Sprechen nur:
Sein Athem quillt wie eines Wandersmanns
In Winterfrost:
Es geben Eisgebirg und Tann und Quell
Ihm Antwort auch,
Doch sehen wir die Antwort nur.
Denn schneller springt vom Fels herab
Der Sturzbach wie zum Gruss
Und steht als weisse Säule horchend da.
Und dunkler noch und treuer blickt die Tanne
Als sonst sie blickt.
Und zwischen Eis und todtem Graugestein
Blickt plötzlich Leuchten auf:
Wer deutet dir’s?
In todten Mannes Auge
Wird wohl noch einmal Licht:
Sein Kind umschlang ihn harmvoll
Küsst’ ihn.
Da sagt des Auges Leuchten:
“Ich liebe dich”
Und Schneegebirg und Bach und Tann
Sie sagen auch
Zum Sommerknaben nur
Dies Eine Wort:
Wir lieben dich!
Wir lieben dich!
Und er—er küsst sie harmvoll,
Inbrünstiger stets
Und will nicht gehn:
Er bläst sein Wort wie Schleier nur
Von seinem Mund—ein schlimmes Wort. —
Da horcht es rings
Und athmet kaum:
Da überläuft es schaudernd wie
Ein Glitzern am Gebirg
Rings die Natur:
Sie denkt und schweigt. —
Um Mittag war’s

Mein Gruss ist Abschied
Ich sterbe jung. —

22 [95]

Wenn Denken dein Schicksal ist, so verehre dies Schicksal mit göttlichen Ehren und opfere ihm das Beste, das Liebste.

So geht alle Zwietracht, alles Widerstrebende in Eintracht und Einklang zusammen.

22 [96]

Schwur dessen der sich der Erkenntniss weiht.

22 [97]

Ein Mensch der durch Lob und Tadel verdirbt—ein Baum der durch Sonnenschein und Regen verdirbt—beide sind schon verdorben und alles wird ihnen zum Anlass des Untergangs.

22 [98]

Die Dichter werden dann um Elend und Unordnung förmlich beten lernen.

22 [99]

Ich bin gewiss nicht undankbar, aber ich sehe keine Pflicht, mich mit dem Strick der Dankbarkeit zu erdrosseln.

22 [100]

“das schönste Gedicht das je ein Jüngling gedichtet hat”

22 [101]

Zur Natur werden!

22 [102]

Frauen welche denen Holbeins nicht nur äusserlich gleichen und vielleicht nichts wesentlich Verschiedenes in Kopf und Herzen tragen.

22 [103]

Ironie gemein—ironische Kochkunst: unwissend stellen—um so schärfer unser Wissen hervortreten zu lassen.

Gegensatz der Bescheidenheit: unwissend fühlen, wo der Andere das Wissen und Können bewundert.

22 [104]

Schimpfworte hat jedermann gern, aber nie hat jemand geglaubt, dass ihm selber eins mit Recht zukomme.

22 [105]

Die Klugheit gebietet, sich für das, was man gilt, auch zu geben oder vielleicht für etwas Geringeres.

22 [106]

Ich habe noch nie einen bedeutenden Menschen gesehen der durch Lob verdorben worden ist.— Aber es ist ein sicherer Maassstab, wenn jemand durch Lobsprüche faul wird: er ist unbedeutend.

22 [107]

Der Fehler fast jeder Philosophie ist ein Mangel an Menschen-Kenntniss, eine ungenaue psychologische Analyse. Die Moralisten fördern insofern die Erkenntniss mehr als sie sich bei den vorhandenen Analysen der menschlichen Handlungen nicht beruhigen.

Um die falschen psychologischen Facta breitet der Philosoph sein Naturwissen und hüllt alles in metaphysisches Bedürfniss.

22 [108]

Man wird die Menschen und die Welt viel harmloser finden.

22 [109]

“Du sollst Gott über alle Dinge lieben.”

22 [110]

Die Entwicklung des Liedes der Oper giebt der absoluten Musik immer eine neue Zukunft (durch Vermehrung der Symbolik).

22 [111]

Wie ein und dasselbe Christenthum dem Einen jene trübäugige Armsündermiene, dem Anderen ein fröhliches Wohlwollen in’s Gesicht malt.

22 [112]

Ein geübtes Auge, um aus der vielfach überschriebenen Handschrift der menschlichen Züge und Gebärden die Vergangenheit deutlich lesen zu können.

22 [113]

Bewusstes Empfinden ist Empfindung der Empfindung, ebenso bewusstes Urtheilen enthält das Urtheil dass geurtheilt wird. Der Intellect ohne diese Verdoppelung ist uns unbekannt, natürlich. Aber wir können seine Thätigkeit, als die viel reichere, aufzeigen. (Es ergiebt sich, dass “Empfindung” in dem ersten Stadium empfindungslos ist. Erst der Verdoppelung kommt der Name zu. Bei der Verdoppelung ist das Gedächtniss wirksam.) Fühlen ohne dass es durch das Gehirn gegangen ist: was ist das?— Lust und Schmerz reichen nur so weit als es Gehirn giebt.

22 [114]

Es beliebt uns Mittelglieder zu nennen: es waren die entartenden Exemplare die sich so nicht halten konnten.

22 [115]

Wenn jemand beim Anblick von Leidenden und Sterbenden hart ist, wie will man dies tadeln?

22 [116]

Alles Bleibende ergreift, macht Sehnsucht—so sehr verwechseln wir das Bleibende und das Gute.

22 [117]

Die Kraft wohnt in einem bestimmten Gegenstand, ist an eine Lokalität gebunden. Zerstört man den Gegenstand, so auch die Kraft oder das Leben. Der Gegenstand selbst wird “Tod” oder “Leben” genannt—“in dem Ei ist mein Tod” “hier ist dein Tod”—namentlich russisch—erinnert an die Metaphysiker welche auch die “Kraft” lostrennen vom Willen.

22 [118]

“Bildungsphilister.” Aber es ist nicht gut den Winden predigen dass sie uns den Staub nicht in’s Gesicht blasen—sie laufen doch, wohin sie müssen.

22 [119]

Nun ich seh’ mehr als ihr
Will ’s euch erzählen

22 [120]

ein blinder [—], doch in Schuh und Rock
[—] das ist, [— — —]
[— —]
als Ziege und Ziegenbock

22 [121]

Nun ist doch sonnenklar
Ein Mensch hat Leib und Seele, ein Paar

22 [122]

Ich weiss was Schatten ist und Licht
Was Leib und Seele—ihr wisst’s nicht

22 [123]

Zieg an Ziege ohne Zagen
Drängt an meinem Knie vorbei
Leckt die Hand und scheint zu fragen
Was ich blind und einsam sei.

22 [124]

Da steckt wohl das Seelchen drin
Er schont es auf Reisen das ist der Sinn

22 [125]

Doch hinter seiner viel werthen Gestalt
Hat jeder ein Bündel angeschnallt
Da steckt er die Seele wohl hinein
Er schont sie auf Reisen wie ich vermein’

22 [126]

Wie der Leib den Schatten wirft
Wirft die Seele Licht
Schatten haben sie allgesamt
Seele aber nicht

22 [127]

Der blinde Knabe am Gebirgswege.

22 [128]

Ich denke ich habe durch meine Kritik von Religion Kunst Metaphysik ihren Werth gesteigert: Kraftquellen mehr als je.

22 [129]

Er kommt dann heim und packt das Seelchen aus
Dasselbe — — —

22 [130]

Wenn ich so am Wege sitze
Bis der Schatten kälter wird,
Bis Ziegenherden ohne Furcht an meinem Knie vorbei

22 [131]

Ich muss Heidelbeerkraut und Tann um mich und vor mir einen Gletscher haben.

22 [132]

Sitz’ den ganzen Tag am Wege
Bis der Schatten kälter wird,
Und in tieferem Gehege
Abwärts zieht Herd und Hirt
Alle Ziegen drängen trau[lich]
Sich an meinem Knie vorbei
Lecken mir die Hand
dass ich blind und einsam sei

22 [133]

[Sich] aller moralischen Phrase (Opfer Pflicht) entäussern, die grosse Comödie der Heuchelei gar nicht mitspielen (denn an diesen Fäden leiten Euch die, welche die Heuchelei durchschaut haben, nach ihren Zielen: weil sie Euch für zu feige und dumm halten). Wahr sein—das sei euch wieder “moralisch.”

22 [134]

Zwei Knaben sassen wohl
im Heidelbeerkraut
und sahen dem grossen
grünen Käfer zu,
auf dessen Rücken
ein Sonnentropfen
glitzerte:
er fiel aus
kühlem Tannenschatten
hinunter.

22 [135]

Ecce ecce homunculus.

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