Nietzsches Briefe | 1888 © The Nietzsche Channel
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Nietzsches Briefe
Ausgewählte Korrespondenz.

1888.

Nizza, den 6. Januar 1888: Brief an Heinrich Köselitz (Peter Gast)

Lieber Freund,

[....]

Vorigen Donnerstag habe ich meinen ersten Besuch in Monte Carlo gemacht, zu einem concert classique (welchem auch der Kaiser von Brasilien beiwohnte) Lauter modernste französische Musik: oder vielmehr, deutlicher zu reden, lauter schlechter Wagner. Ich halte diese pittoreske Musik ohne Ideen, ohne Form, ohne jedwede Naivetät und Wahrheit nicht mehr aus. Nervös, brutal, unausstehlich zudringlich und großthuerisch—und so geschminkt!! Das Eine war eine Art Seesturm, das Andre eine wilde Jagd [vermutlich Ernest Guirauds Chasse fantastique], das dritte ein Erinnyen-Ballet (zur Oresteia des Aeschylus!!!) [Partitur Jules Massenets für Leconte de Lisles Les Erinnyes.]

Dies ist décadence ...

Dabei gedachte ich wie eines verlorenen Glückes der Musik meines Venediger maestro; der Oktober bei Ihnen war dies Jahr mein einziges Labsal, ich kann Ihnen nicht dankbar genug sein.

Von Herzen Ihr Freund
N.

Nizza, den 15. Januar 1888: Brief an Heinrich Köselitz (Peter Gast)

Lieber Freund,

[....]Musik geibt mir jetzt Sensationen, wie eigentlich noch niemals. Sie macht mich von mir los, sie ernüchtert mich von mir, wie also ob ich mich ganz von Ferne her überblickte, überfühlte; sie verstärkt mich dabei, und jedes Mal kommt hinter einem Abend Musik (—ich habe 4 Mal Carmen gehört) ein Morgen voll resoluter Einsichten und Einfälle. Das ist sehr wunderlich. Es ist als ob ich in einem natürlicheren Elemente gebadet hätte. Das Leben ohne Musik ist einfach ein Irrthum, eine Strapatze, ein Exil. [....]

Nizza, 12. Februar 1888: Brief an Reinhart von Seydlitz

Lieber Freund,

das war kein "stolzes Schweigen," das mir inzwischen den Mund fast gegen Jedermann verbunden hat, vielmehr ein sehr demüthiges, das eines Leidenden, der sich schämt zu verrathen, wie sehr er leidet. Ein Thier verkriecht sich in seine Höhle, wenn es krank ist; so thut es auch la bête philosophe. Es kommt so selten noch eine freundschaftliche Stimme zu mir. Ich bin jetzt allein, absurd allein; und in meinem unerbittlichen und unterirdischen Kampfe gegen Alles, was bisher von den Menschen verehrt und geliebt worden ist (—meine Formel dafür ist "Umwerthung aller Werthe") ist unvermerkt aus mir selber etwas wie eine Höhle geworden—etwas Verborgenes, das man nicht mehr findet, selbst wenn man ausgienge, es zu suchen. Aber man geht nicht darauf aus ... Unter uns gesagt, zu Dreien—es ist nicht unmöglich, daß ich der erste Philosoph des Zeitalters bin, ja vielleicht noch ein wenig mehr, irgend etwas Entscheidendes und Verhängnißvolles, das zwischen zwei Jahrtausenden steht. Eine solche absonderliche Stellung büßt man beständig ab—durch eine immer wachsende, immer eisigere, immer schneidendere Absonderung. Und unsre lieben Deutschen! ... In Deutschland hat man es, obwohl ich im 45. Lebensjahr stehe und ungefähr fünfzehn Werke herausgegeben habe (—darunter ein non plus ultra, den Zarathustra—) auch noch nicht zu einer einzigen auch nur mäßig achtbaren Besprechung auch nur eines meiner Bücher gebracht. Man hilft sich jetzt mit den Worten: "excentrisch," "pathologisch," "psychiatrisch." Es fehlt nicht an schlechten und verleumderischen Winken in Bezug auf mich; es herrscht ein zügellos feindseliger Ton in den Zeitschriften, gelehrten und ungelehrten—aber wie kommt es, daß nie Jemand dagegen protestirt? daß nie Jemand sich beleidigt fühlt, wenn ich beschimpft werde?— Und Jahre lang kein Labsal, kein Tropfen Menschlichkeit, nicht ein Hauch von Liebe —

Unter diesen Umständen muß man in Nizza leben. Es wimmelt auch dies Mal von Nichtsthuern, Grecs und anderen Philosophen, es wimmelt von "Meinesgleichen": und Gott läßt, mit dem ihm eigenen Cynismus, gerade über uns seine Sonne schöner scheinen als über das so viel achtbarere Europa des Herrn von Bismarck (—das mit fieberhafter Tugend an seiner Bewaffnung arbeitet und ganz und gar den Aspekt eines heroisch gestimmten Igels darbietet.) Die Tage kommen hier mit einer unverschämten Schönheit daher; es gab nie einen vollkommneren Winter. Und diese Farben Nizza's: ich möchte sie Dir schicken. Alle Farben mit einem leuchtenden Silbergrau durchgesiebt; geistige, geistreiche Farben; nicht ein Rest mehr von der Brutalität der Grundtöne. Der Vorzug dieses kleinen Stücks Küste zwischen Alassio und Nizza ist eine Erlaubniß zum Africanismus in Farbe, Pflanze und Lufttrockenheit: das kommt im übrigen Europa nicht vor.

Oh wie gern säße ich mit Dir und Deiner lieben verehrten Frau zusammen unter irgend einem homerisch-phäakischen Himmel ... aber ich darf nicht mehr südlicher (—die Augen zwingen mich bald zu nördlicheren und stupideren Landschaften) Schreibe mir, bitte, noch einmal über die Zeit, wo Du wieder in München bist und vergieb mir diesen düsteren Brief!

Dein getreuer Freund Nietzsche.

Seltsam! Ich habe drei Tage Deine Ankunft hier im Hôtel erwartet. Es war Besuch aus München angemeldet, man wollte mir nicht sagen, wer; man machte zwei Plätze neben mir bei Tisch frei—Enttäuschung! Es waren alte Spieler und Montecarlisten, welche mir zuwider sind ...
Nizza, den 19. Februar 1888: Brief an Georg Brandes

Verehrter Herr,

Sie haben mich auf das Angenehmste mit Ihrem Beitrag zum Begriff "Modernität" verpflichtet; denn gerade diesen Winter ziehe ich in weiten Kreisen um diese Werthfrage ersten Ranges herum, sehr oberhalb, sehr vogelmäßig und mit dem besten Willen, so unmodern wie möglich aufs Moderne herunterzublicken ... Ich bewundere—daß ich es Ihnen gestehe!—Ihre Toleranz im Urtheil ebensosehr wie Ihre Zurückhaltung im Urtheil. Wie Sie alle diese "Kindlein" zu sich kommen lassen! Sogar Heyse! [Paul Heyse (1830-1914): Schriftsteller.]

Ich habe für meine nächste Reise nach Deutschland vorgesetzt mich mit dem psychologischen Problem Kierkegaard zu beschäftigen, insgleichen die Bekanntschaft mit Ihrer älteren Litteratur zu erneuern. Dies wird für mich, im besten Sinn des Worts, von Nutzen sein,—und wird dazu dienen, mir meine eigne Härte und Anmaaßung im Urtheil "zu Gemüthe zu führen." —

Gestern telegraphirte mir mein Verleger, daß die Bücher an Sie abgegangen sind. Ich will Sie und mich mit der Erzählung verschonen, warum dies so spät geschehen ist. Machen Sie, ich bitte Sie, verehrter Herr, eine gute Miene zu dem "bösen Spiel," ich meine, zu dieser Nietzsche'schen Litteratur.

Ich selber bilde mir ein, den "neuen" Deutschen die reichsten, erlebtesten und unabhängigsten Bücher gegeben zu haben, die sie überhaupt besitzen; ebenfalls selber für meine Person ein capitales Ereigniß in der Krisis der Werthurtheile zu sein. Aber das könnte ein Irrthum sein; und außerdem noch eine Dummheit—: ich wünsche, über mich nichts glauben zu müssen. Ein paar Bemerkungen noch: sie beziehen sich auf meine Erstlinge (—die Juvenilia und Juvenalia)

Die Schrift gegen Strauß, das böse Gelächter eines "sehr freien Geistes" über einen solchen, der sich dafür hielt, gab einen ungeheuren Skandal ab: ich war damals schon Prof. ordin. trotz meinen 24 Jahren, somit eine Art von Autorität und etwas Bewiesenes. Das Unbefangenste über diesen Vorgang, wo beinahe jede "Notabilität" Partei für oder gegen mich nahm und eine unsinnige Masse von Papier bedruckt worden ist, steht in Carl Hillebrand's "Völker, Zeiten und Menschen," Band 2. ["Nietzsche gegen Strauss," erstmals erschienen in der Augsburger Allgemeinen Zeitung am 22./23.9.1873.] Daß ich das altersmüde Machwerk jenes außerordentlichen Kritikers verspottete, war nicht das Ereigniß, sondern daß ich den deutschen Geschmack bei einer compromittirenden Geschmacklosigkeit in flagranti ertappte: er hatte Straußens "alte und neuen Glauben" einmüthig, trotz aller religiös-theologischen Partei-Verschiedenheit, als ein Meisterstück von Freiheit und Feinheit des Geistes (auch des Stil!) bewundert. Meine Schrift war das erste Attentat auf die deutsche Bildung (—jene "Bildung," welche, wie man rühmte, über Frankreich den Sieg errungen habe—); das von mir formulirte Wort "Bildungsphilister" ist aus dem wüthenden Hinundher der Polemik in der Sprache zurückgeblieben. —

Die beiden Schriften über Schopenhauer und Richard Wagner stellen, wie mir heute scheint, mehr Selbst-bekenntnisse, vor allem Selbstgelöbnisse über mich dar als etwa eine wirkliche Psychologie jener mir ebenso tief verwandten als antagonistischen Meister. (—ich war der Erste, der aus Beiden eine Art Einheit destillirte: jetzt ist dieser Aberglaube sehr im Vordergrunde der deutschen Cultur: alle Wagnerianer sind Anhänger Schopenhauers. Dies war anders als ich jung war: damals waren es die letzten Hegelinge, die zu Wagner hielten, und "Wagner und Hegel" lautete die Parole in den fünfziger Jahren noch.)

Inzwischen "unzeitgemäßen Betrachtungen" und "Menschliches, Allzumenschliches" liegt eine Krisis und Häutung. Auch leiblich: ich lebte Jahre lang in der nächsten Nachbarschaft des Todes. Dies war mein größtes Glück: ich vergaß mich, ich überlebte mich ... Das gleiche Kunststück habe ich noch einmal gemacht. —

— So haben wir also einander Geschenke überreicht: ich denke, wie zwei Wanderer, die sich freuen, einander begegnet zu sein? —

Ich verbleibe Ihr ergebenster
Nietzsche

Turin, 10. April 1888: Brief an Georg Brandes

Aber, verehrter Herr, was ist das für eine Überraschung!— Wo haben Sie den Muth hergenommen, von einem vir obscurissimus öffentlich reden zu wollen!.. Denken Sie vielleicht, daß ich im lieben Vaterlande bekannt bin? Man behandelt mich daselbst, als ob ich etwas Absonderliches und Absurdes wäre, etwas, das man einstweilen nicht nöthig hat, ernst zu nehmen ... Offenbar wittern sie, daß auch ich sie nicht ernst nehme: und wie sollte ichs auch, heute, wo "deutscher Geist" ein contradictio in adjecto geworden ist!—

Für die Photographie bedanke ich mich uf das Verbindlichste. Leider giebt es nichts dergleichen auf meiner Seite: die letzten Bilder, die ich besaß, hat meine Schwester, die in Südamerika verheirathet ist, mit davon genommen.

Anbei folgt eine kleine vita, die erste, die ich geschrieben habe. Was die Abfassungszeiten der einzelnen Bücher betrifft, so stehen sie auf dem Titel-Rückblatt von "Jenseits von Gut und Böse." Vielleicht haben Sie das Blatt nicht mehr.

"Die Geburt die Tragödie" wurde zwischen Sommer 1870 und Winter 1871 abgefaßt (beendet in Lugano, wo ich zusammen mit der Familie des Feldmarschall Moltke lebte)

Die "Unzeitgemäßen Betrachtungen" zwischen 1872 und Sommer 1875 (es sollten 13 werden: die Gesundheit sagte glücklicherweise Nein!)

— Was Sie über "Schopenhauer als Erzieher" sagen, macht mir große Freude. Diese kleine Schrift dient mir als Erkennungszeichen: wem sie nichts Persönliches erzählt, der hat wahrscheinlich auch sonst nichts mit mir zu thun. Im Grunde steht das Schema darin, nach dem ich bisher gelebt habe: sie ist ein strenges Versprechen.

"Menschliches, Allzumenschliches" sammt seinen zwei Fortsetzungen Sommer 1876-1879. Die "Morgenröthe" 1880. Die "fröhliche Wissenschaft" Januar 1882. Zarathustra, 1883-1885 (jeder Theil in ungefähr zehn Tagen. Vollkommener Zustand eines "Inspirirten," Alles unterwegs, auf starken Märschen concipirt: absolute Gewißheit, als ob jeder Satz Einem zugerufen wäre. Gleichzeitig mit dem Gefühl größter körperlicher Elasticität und Fülle —)

"Jenseits von Gut und Böse," Sommer 1885 im Oberengadin und folgenden Winter in Nizza.

Die "Genealogie," zwischen dem 10. und 30. Juli 1887 beschlossen, durchgeführt und druckfertig an die Leipziger Drukkerei geschickt.

(Natürlich giebt es auch Philologica von mir. Das geht aber uns Beide nichts mehr an.)

Ich mache eben einen Versuch mit Turin, ich will hier bis zum 5.ten Juni bleiben, um dann ins Engadin zu gehn. Winterlich, hart, böse bis jetzt. Aber die Stadt superb ruhig und meinen Instinkten schmeichelnd. Das schönste Pflaster der Welt.

Es grüßt Sie Ihr dankbar ergebener

Nietzsche

Ein Jammer, daß ich weder Dänisch noch Schwedisch verstehe.

Vita. Ich bin am 15. Okt. 1844 geboren, auf dem Schlachtfelde von Lützen. Der erste Name, den ich hörte, war der Gustav Adolfs. Meine Vorfahren waren polnische Edelleute (Niëzky); es scheint, daß der typus gut erhalten ist, trotz dreier deutscher "Mütter." Im Auslande gelte ich gewöhnlich als Pole; noch diesen Winter verzeichnete mich die Fremdenliste Nizza's comme Polonais. Man sagt mir, daß mein Kopf auf Bildern Matej[k]o's vorkomme. Meine Großmutter gehörte zu dem Schiller-Goethe'schen Kreise Weimars; ihr Bruder wurde der Nachfolger Herders in der Stellung des Generalsuperintendenten Weimars. Ich hatte das Glück, Schüler der ehrwürdigen Schulpforta zu sein, aus der so Viele (Klopstock, Fichte, Schlegel, Ranke usw. usw.), die in der deutschen Litteratur in Betracht kommen, hervorgegangen sind. Wir hatten  Lehrer,  die  jeder  Universität  Ehre gemacht hätten (oder haben—) Ich studirte in Bonn, später in Leipzig; der alte Ritschl, damals der erste Philolog Deutschlands, zeichnete mich fast von Anfang an aus. Ich war mit 22 Jahren Mitarbeiter des "litterarischen Centralblattes" (Zarncke) die Gründung eines philolgischen Vereins in Leipzig, der jetzt noch besteht, geht auf mich zuräck. Im Winter 1868-69 trug mir die Universität Basel eine Professur an; ich war noch nicht einmal Doktor. Die Universität Leipzig hat mir die Doktorwürde hinterdrein gegeben, auf eine sehr ehrenvolle Weise, ohne jedwede Prüfung, selbst ohne eine Dissertation. Von Ostern 1869-1879 war ich in Basel; ich hatte nöthig, mein deutsches Heimatsrecht aufzugeben, da ich als Offizier ("reitender Artillerist") zu oft einberufen und in meinen akademischen Funktionen gestört worden wäre. Ich verstehe mich, nichts desto weniger, auf zwei Waffen: Säbel und Kanonen—und, vielleicht, noch auf eine dritte ... Es gieng Alles sehr gut in Basel, trotz meiner Jugend; es kam vor, bei Doktorpromotionen namentlich, daß der Examinand älter war als der Examinator. Eine große Gunst wurde mir dadurch zu theil, daß zwischen Jakob Burckhardt und mir eine herzliche Annäherung zu Stande kam: etwas Ungewöhnliches bei diesem sehr einsiedlerischen und abseits lebenden Denker. Eine noch größere Gunst, daß ich vom Anfang meiner Basler Existenz an in eine unbeschreiblich nahe Intimität mit Richard und Cosima Wagner gereith, die damals auf ihrem Landgute Tribschen bei Luzern wie auf einer Insel und wie abgelöst von allen früheren Beziehungen lebten. Wir haben einige Jahre alles Große und Kleine gemeinsam gehabt: es gab ein Vertrauen ohne Grenzen. (Sie finden in den gesammelten Schriften Wagners (Band 7) ein "Sendschreiben" desselben an mich abgedruckt, bei Gelegenheit der "Geburt der Tragödie") Von jenen Beziehungen aus habe ich einen großen Kreis interessanter Menschen (und "Menschinnen") kennen gelernt, im Grunde fast Alles, was zwischen Paris und Petersburg wächst. Gegen 1876 verschlimmerte sich meine Gesundheit. Ich brachte damals einen Winter in Sorrent zu, mit meiner alten Freundin der Baronin Meysenbug ("Memoiren einer Idealistin") und dem sympathischen Dr. Rée. Es wurde nicht besser. Ein äußerst schmerzhaftes und zähes Kopfleiden stellte sich heraus, das alle meine Kräfte erschöpfte. Es steigerte sich in langen Jahren bis zu einem Höhepunkt habitueller Schmerzhaftigkeit, so daß das Jahr damals für mich 200 Schmerzenstage hatte. Das Übel muß ganz und gar lokale Ursachen gehabt haben: es fehlt jedwede neuropathologische Grundlage. Ich habe nie ein Symptom von geistiger Störung gehabt; selbst kein Fieber, keine Ohnmacht. Mein Puls was damals so langsam wie der des ersten Napoleons (= 60) Meine Spezialität war, den extremen Schmerz cru, vert mit vollkommener Klarheit zwei bis drei Tage hintereinander auszuhalten, unter fortdauerndem Schleim-Erbrechen. Man hat das Gerücht verbreitet, als ob ich im Irenhause gewesen sei (oder gar darin gestorben sei) Nichts ist irrthümlicher. Mein Geist wurde sogar in dieser fürchterlichen Zeit erst reif: Zeugniß die "Morgenröthe," die ich in einem Winter von unglaublichem Elend in Genua, abseits von Ärzten, Freunden und Verwandten, geschrieben habe. Dies Buch ist eine Art "Dynamometer" für mich: ich habe es mit einem Minimum von Kraft und Gesundheit verfaßt. Von 1882 an ging es, sehr langsam freilich, wieder aufwärts: die Krisis schien überwunden (—mein Vater ist sehr jung gestorben, exakt in dem Lebensjahr, in dem ich selbst dem Tode am nächsten war) Ich habe auch heute noch eine extreme Vorsicht nöthig; ein paar Bedingungen klimatischer und meteorologischer Art sind unerläßlich. Es ist nicht Wahl, sondern Zwang, daß ich die Sommer im Oberengadin, die Winter an der riviera zubringe ... Zuletzt hat mir die Krankheit den allergrößten Nutzen gebracht: sie hat mich heraus gelöst, sie hat mir den Muth zu mir selbst zurückgegeben ... Auch bin ich, meinen Instinkten nach, ein tapferes Thier, selbst ein militärisches: der lange Widerstand hat meinen Stolz ein wenig exasperirt.— Ob ich ein Philosoph bin?— Aber was liegt daran!..
Turin, 23. Mai 1888: Brief an Georg Brandes

Verehrter Herr,

ich möchte Turin nicht verlassen, ohne Ihnen nochmals auszudrücken, wie vielen Antheil Sie an meinem ersten wohlgerathenen Frühling haben. Die Geschichte meiner Frühlinge, seit 15 Jahren zum Mindesten, war nämlich eine Schauergeschichte, eine Fatalität von décadence und Schwäche. Die Orte machten darin keinen Unterschied; es war als ob kein Recept, keine Diät, kein Clima den wesentlich depressiven Charakter dieser Zeit verändern könnten. Aber siehe da! Turin! Und die ersten guten Nachrichten, Ihre Nachrichten, verehrter Herr, aus denen mir bewiesen ward, daß ich lebe ... Ich pflege nämlich mitunter zu vergessen, daß ich lebe. Ein Zufall, eine Frage erinnerte mich dieser Tage daran, daß in mir ein Hauptbegriff des Lebens geradezu ausgelöscht ist, der Begriff "Zukunft." Kein Wunsch, kein Wölkchen Wunsch vor mir! Eine glatte Fläche! Warum sollte ein Tag aus meinem siebzigsten Lebensjahr nicht genau meinem Tage von heute gleichen?— Ist es, daß ich zu lange in der Nähe des Todes gelebt habe, um die Augen nicht mehr für die schönen Möglichkeiten aufzumachen?— Aber gewiß ist, daß ich jetzt mich darauf beschränke, von heute bis morgen zu denken,—daß ich heute festsetze, was morgen geschehn soll—und für keinen Tag weiter! Das mag unrationell, unpraktisch, auch vielleicht unchristlich sein—jener Bergprediger verbot gerade diese Sorge "um den andern Tag"—aber es scheint mir im höchsten Grade philosophisch. Ich bekam vor mir etwas Respekt mehr, als ich ihn sonst schon habe:—ich begriff, daß ich verlernt hatte, zu wünschen, ohne es auch nur gewollt zu haben. —

Diese Wochen habe ich dazu benutzt, "Werthe umzuwerthen."— Sie verstehen diesen Tropus?— Im Grunde ist der Goldmacher die verdienstlichste Art Mensch, die es giebt: ich meine der, welcher aus Geringem, Verachtetem etwas Werthvolles und sogar Gold macht. Dieser allein bereichert; die andern wechseln nur um. Meine Aufgabe ist ganz kurios dies Mal: ich habe mich gefragt, was bisher von der Menschheit am besten gehaßt, gefürchtet, verachtet worden ist:—und daraus gerade habe ich mein "Gold" gemacht ...

Daß man mir nur nicht Falschmünzerei vorwirft! Oder vielmehr; man wird es thun.—

— Ist meine Photographie in Ihre Hände gelangt? meine Mutter hat mir den großen Dienst erwiesen, in einem so außerordentlichen Falle nicht undankbar erscheinen zu müssen. Hoffentlich hat auch der Leipziger Verleger E. W. Fritzsch seine Schuldigkeit gethan und den Hymnus expediert.

Ich bekenne zuletzt eine Neugierde. Da es mir versagt war, an der Thürspalte zu horchen, um etwas über mich zu erfahren, würde ich gern auf eine andere Weise etwas horchen mögen. Drei Worte zur Charakteristik der Themata Ihrer einzelnen Vorlesungen—wie viel wollte ich aus drei Worten lernen!

Es grüßt Sie, verehrter Herr, herzlich und ergeben

Ihr
Nietzsche

Turin, 31. Mai 1888: Brief an Heinrich Köselitz (Peter Gast)

Wenn ich Ihnen sofort wieder antworte, so wird es Ihnen nicht zweifelhaft sein, woran es mir fehlt,—daß Sie mir fehlen lieber Freund! Wie sehr auch der Frühling mir gerathen ist, er bringt mir gerade das Beste nicht, das, was auch die schlimmsten Frühlinge mir bisher brachten—Ihre Musik! Dieselbe ist mit meinem Begriff "Frühling" zusammengewachsen—seit Recoaro!—ungefähr so, wie das sanfte Glockenläuten über der Lagunenstadt mit dem Begriff "Ostern." So oft mir eine Ihrer Melodie einfällt, bleibe ich mit einer langen Dankbarkeit an diesen Erinnerungen hängen: ich habe durch Nichts so viel Wiedergeburt, Erhebung und Erleichterung erfahren wie durch Ihre Musik. Sie ist meine gute Musik par excellence, für die ich innewendig mir immer ein reinlicheres Kleid anziehe als zu aller anderen.

Ich erlaubte mir, vorgestern Theaterberichte des Dr. Fuchs an Sie abzusenden. Es ist viel Feines und Erlebtes darin.

Die Vorlesungen des Dr. Brandes sind auf eine schöne Weise zu Ende gegangen,—mit einer großen Ovation, von der aber B[randes] behauptet, daß sie nicht ihm gegolten habe. Er versichert mich , daß mein Name jetzt in allen intelligenten Kreisen Kopenhagens populär und in ganz Skandinavien bekannt sei. Es scheint, daß meine Probleme diese Nordländer sehr interessirt haben; im Einzelnen waren sie besser vorbereitet, z.B. für meine Theorie einer "Herren-Moral" durch die allgemeine genaue Kenntniß der isländischen Sage, die das reichste Material dafür abgiebt. Es freut mich, zu hören, daß die dänischen Philologen meine Ableitung von bonus [Zur Genealogie der Moral, 1:5.] gutheißen und acceptiren: an sich ist es ein starkes Stück, den Begriff "gut" auf den Begriff "Krieger" zurückzuführen. Ohne meine Voraussetzungen würde nie ein Philologe auf einen solchen Einfall gerathen können. —

Es ist wirkliche schade, daß Sie nichts eine Aussschweifung in's Cadore gemacht statt in's Papierschwärzerische. Mein schlechtes Beispiel verdirbt ersichtlich Ihre an sich sehr viel besseren Sitten. Das Wetter was sehr geeignet zu einer solchen Gebirgs-Entdeckung: ich selbst zwar habe auch keinen Gebrauch davon gemacht und bin in ähnlicher Weise darüber mit mir unzufrieden.

Eine wesentliche Belehrung verdanke ich diesen letzten Wochen: ich fand das Gesetzbuch des Manu in einer französischen Übersetzung [Louis Jacolliot: Les Législateurs Religieux. Manou, Moïse, Mahomet. Paris: 1876. Vgl.: Annemarie Etter, "Nietzsche und das Gesetzbuch des Manu," Nietzsche-Studien 16 (1987): 340-52 (PDF).], die in Indien, unter genauer Controle der hochgestelltesten Priester und Gelehrten daselbst, gemacht worden ist. Dies absolut arische Erzeugniß, ein Priestercodex der Moral auf Grundlage der Veden, der Kasten-Vorstellung und uralten Herkommens—nicht pessimistisch, wie sehr auch immer priesterhaft—ergänzt meine Vorstellungen über Religion in der merkwürdigsten Weise. Ich bekenne den Eindruck, daß mir alles Andere, was wir von großen Moral-Gesetzgebungen haben, als Nachahmung und selbst Carikatur davon erscheint; voran der Aegypticismus; aber selbst Plato scheint mir in allen Hauptpundten einfach bloß gut belehrt durch einen Brahmanen. Die Juden erscheinen dabei wie eine Tschandala-Rasse, welche von Herren die Principien lernt, auf die hin eine Priesterschaft Herr wird und ein Volk organisirt ... Auch die Chinesen scheinen unter dem Eindruck dieses klassischen uralten Gesetzbuchs ihren Confucius und Laotse hervorgebracht zu haben. Die mittelalterliche Organisation sieht wie ein wunderliches Tasten aus, alle die Vorstellungen wieder zu gewinnen, auf denen die uralte indisch-arische Gesellschaft ruhte—doch mit pessimistischen Werthen, die ihre Herkunft aus dem Boden der Rassen-décadence haben.— Die Juden scheinen auch hier bloß "Vermittler"—sie erfinden nichts.

Soviel, mein lieber Freund, zum Zeichen, wie gern ich mich mit Ihnen unterhielte—. Dienstag Abreise. —

Von Herzen
Ihr Nietzsche.

Sils-Maria, Oberengadin, den 21. Juni 1888: Brief an Karl Knortz

Hochgeehrter Herr!

Das Eintreffen von zwei Werken Ihrer Feder [Amerikanische Gedichte der Neu Zeit (1883); Walt Whitman (1886)], das mich Ihnen zu Dank verpflichtet, scheint mir zu verbürgen, daß inzwischen meine Litteratur in Ihren Besitz übergegangen ist. Die Aufgabe, ein Bild von mir, sei es vom Denker, sei es vom Schriftsteller und Dichter zu geben, scheint mir außerordentlich schwer. Der erste größere Versuch der Art ist letzten Winter von dem ausgezeichneten Dänen Dr. Georg Brandes gemacht worden, der Ihnen als Litterarhistoriker bekannt sein wird. Derselbe hat unter dem Titel "Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche" einen längeren Cyklus von Vorlesungen an der Kopenhagener Universität über mich veranstaltet, deren Erfolg, nach allem, was mir von dort gemeldet worden ist, ein glänzender gewesen sein muß. Er hat eine Zuhörerschaft von 300 Personen für die Kühnheit meiner Problem-Stellungen lebhaft interessirt und, wie er selbst sagt, meinen Namen im ganzen Norden populär gemacht. Sonst habe ich eine mehr verborgene Hörer- und Verehrerschaft, zu der auch einige Franzosen, wie Mr. Taine gehören. Meine innerste Überzeugung ist, daß diese meine Probleme, diese ganze Position eines "Immoralisten" für heute noch viel zu früh, noch viel zu unvorbereitet ist. Mir selbst liegt der Gedanke an Propaganda vollkommen fern; ich habe noch nicht einen Finger dafür gerührt.

Von meinem Zarathustra glaube ich ungefähr, daß es das tiefst Werk ist, das in deutscher Sprache existirt, auch das sprachlich vollkommenste. Aber das nachzufühlen, dazu bedarf es ganzer Geschlechter, die erst die inneren Erlebnisse nachholen, auf Grund deren jenes Werk entstehen konnte. Fast möchte ich rathen, mit den letzten Werken anzufangen, die die weitgreifendsten und wichtigsten sind ("Jenseits von Gute und Böse" und "Genealogie der Moral"). Mir selbst sind am sympathischsten meine mittleren Bücher, "Morgenröthe" und "Die fröhliche Wissenschaft" (es sind die persönlichsten).

Die "Unzeitgemäßen Betrachtungen," Jugendschriften in gewissem Sinne, verdienen die höchste Beachtung für meine Entwicklung. In "Völker, Zeiten und Menschen" von Karl Hillebrand stehen ein paar sehr gute Aufsätze über "Unzeitgemäßen." Die Schrift gegen Strauß erregte einen großen Sturm; die Schrift über Schopenhauer, deren Lektüre ich besonders empfehle, zeigt, wie ein energischer und instinktiv jasagender Geist auch von einem Pessimisten die wohlthätigsten Impulse zu nehmen vesteht. Mit Richard Wagner und Frau Cosima Wagner war ich einige Jahre, die zu den werthvollsten meines Lebens gehören, in tiefem Vertrauen und innerstem Einvernehmen verbunden. Wenn ich jetzt zu den Gegnern der Wagner'schen Bewegung gehöre, so liegen, wie es sich von selbst versteht, dahinter keine mesquinen Motive. In den gesammelten Werken Wagner's Band IX (wenn ich mich recht erinnere) steht ein Brief an mich, der von unserm Verhältniß Zeugniß ablegt.

Ich bilde mir ein, daß meine Bücher durch Reichthum psychologischer Erfahrungen, durch Unerschrockenheit vor dem Gefährlichsten, durch eine erhabene Freimüthigkeit ersten Ranges sind. Ich scheue auch, hinsichtlich der Kunst der Darstellung und der artistischen Ansprüche, keine Vergleichung. Mit der deutschen Sprache verbindet mich eine lange Liebe, eine heimliche Vertrautheit, eine tiefe Ehrfurcht! Grund genug, um fast keine Bücher mehr zu lesen, die in dieser Sprache geschrieben werden.

Empfangen Sie, hochgeehrter Herr, die ergebensten Grüße Ihres

Professor Dr. Nietzsche.

Sils-Maria, 28. Juni 1888: Brief an Reinhart von Seydlitz

Lieber Freund,

nicht ist dümmer als die Dummheit—nämlich meine. Der Gedanke, daß ein Brief Dich noch südöstlich zu suchen habe, ist nicht einen Augenblick mir am Horizonte aufgestiegen. Und was hätte es Gutes gegeben, wenn wir alle zusammen ein paar Tage Torinesi gewesen wären! Denn ich hatte dort eine Laune wie seit 20 Jahren nicht und funkelte, einem Drachen vergleichbar, an Geist und Bosheit. Selbst die Hitze that mir nichts an: wobei ich nicht umhin kann, einzuschalten, daß die Caféhaus-Cultur Turin's in wahrhaft schwindelnde Höhen stieg! Ich glaubte mich Kenner in gelati, spumoni, pezzi duri, aber sieht da ...

Daß Du in Nizza gewesen bist, thut mit geradezu wehe. Und in Rapallo, an der heiligen Stelle, wo das "Buch der Bücher," Zarathustra, geboren ist! —

— Hier muß ich irgend Etwas wieder gut machen. Schon gestern kam mir der Gedanke, einmal hübsch wieder "unter Menschen" zu wandeln: in Anbetracht, daß ich als "Unmensch," als "Unbehauster" einem Thiere immer ähnlicher werde. Rückzug über München in der zweiten Hälfte des September??? Aber da bist Du sicher nicht dort. —

Ich lege, für Deine liebe Frau, zu geneigter Belustigung, den Brief meiner Schwester bei, in dem sie den Einzug in die neue Residenz schildert. Derselbe ist eigentlich an meine Mutter gerichtet und von ihr für mich abgeschrieben worden. Er scheint mir ein angenehmes document humain, mit den Parisern zu reden. —

Dieser Tage ist mein ausgezeichneter Freund und maëstro di Venezia Herr Heinrich Köselitz in München eingetroffen: das Menschenkind, welches die einzige Musik macht, welche vor meinem allerverwöhntesten Ohre noch Gnade findet. Die erste moderne Oper (heiter, gemüthsreich, meisterhaft, nicht dilettantisch à la Wagner ...) ist sein Werk: sie heißt "Der Löwe von Venidig." Eben hat er ein tiefsinnig-schönes Quartett fertig gemacht—eine "Provençalische Hochzeit" darstellend. Wenn besagtes Wunderthier sich bei Dir präsentiren sollte, so nimm ihn mit Herzlichkeit auf — [+ + +]

Ich bitte, Deiner verehrten Frau Mutter meinen ergebensten Dank für Ihren Gruß auszudrücken.

Dein
Freund Nietzsche.

Sils-Maria Mittwoch, den 18. Juli 1888: Brief an Dr. Carl Fuchs

Lieber Herr Doctor,

seien Sie nicht böse, aber ich setze mich, nothgedrungen, gegen Ihre Briefe zur Wehre. Es ist mir vollkommen verboten, dergleichen privatissima, personalissima anzuhören: das wirkt auf mich, ich wage nicht zu sagen wie—es klänge zu medizinisch. Versetzen Sie sich einen Augenblick in die Umstände dessen, der einen Zarathustra auf der Seele hat. Wenn Sie begriffen haben, welche Mühe es mir gekostet, zur ganzen Thatsache Mensch ein ungefähres Gleichgewicht zu erlangen, so werden Sie auch die extreme Vorsicht begreifen, mit der ich jetzt jeden menschlichen Verkehr behandle. Ich will, ein für alle Mal, sehr Vieles nicht mehr wissen, sehr Vieles nie mehr hören—um diesen Preis halte ich es ungefähr aus.

Ich habe den Menschen das tiefste Buch gegeben, das sie besitzen, meinen Zarathustra: ein Buch, das dermaßen auszeichnet, daß wer sagen kann "ich habe sechs Sätze davon verstanden, das heißt erlebt" damit zu einer höheren Ordnung der Sterblichen gehört.— Aber wie man das büßen muß! abzahlen muß! es verdirbt beinahe den Charakter! Die Kluft ist zu groß geworden. Ich treibe seitdem eigentlich nur Possenreißerei, um über eine unerträgliche Spannung und Verletzbarkeit Herr zu bleiben.

Dies unter uns. Der Rest ist Schweigen.

Ihr Freund
Nietzsche.

Sils-Maria, 14. September 1888: Brief an Paul Deussen
Adresse bis 15. November: Torino, (Italia)
ferma in posta.

Lieber Freund,

ich möchte Sils nicht verlassen, ohne Dir nochmals die Hand zu drücken, in Erinnerung an die größte Überraschung, die mir dieser an Überraschungen reiche Sommer gebracht hat. Auch darf ich jetzt wieder muthiger reden als damals, wo ich Dir zu antworten hatte: die Gesundheit ist seitdem wiedergekommen, mit dem "besseren" Wetter, denn der Begriff "gut" ist für Meteorologen und Philosopohen impraktikabel. Zwar hatten wir die allerletzte Woche noch den eigentlichen Exceß des ganzen Jahrs—eines wahre Sündfluth, die die ernstesten Überschwemmungs-Nothstände im Ober- und Unterengadin hervorrief. Es fiel in 4 Tagen 220 millim. Niederschlag, während das Normal-Quantum eines ganzen Monats hier 80 m[illimeter] ist.— Du wirst noch in diesem Monate eine Zusendung erhalten: eine kleine aesthetische Streitschrift, in der ich, zum ersten Male und auf die unbedingteste Weise, das psychologische Problem Wagner an's Licht stelle. Es ist eine Kriegserklärung ohne pardon an diese ganze Bewegung: zuletzt bin ich der Einzige, der Umfang und Tiefe genug hat, um hier nicht unsicher zu sein.— Daß eine Schrift von mir, ein Pamphlet, wenn man will, gegen Wagner, eine gewisse Aufregung mit sich bringt, giebt mir schon der letzte Bericht meines Verlegers zu verstehn. Bloß auf die vorläufige Ankündigung im Buchhändler-Börsenblatt hin sind so viel Bestellungen eingelaufen, daß die Auflage von 1000 Ex. als erschöpft betrachtet werden kann (d. h. wenn die Exemplare, die verlangt sind, später nicht den Krebsgang gehn ...). Lies die Schrift einmal auch vom Standpunkt des Geschmacks und Stils: so schreibt heute kein Mensch in Deutschland. Es würde ebenso leicht sein die Schrift ins Französische zu übersetzen als schwer, fast unmöglich, sie ins Deutsche zu übersetzen ...

— Es ist bereits ein andres M[anu]s[kript] bei meinem Verleger, das einen sehr strengen und feinen Ausdruck meiner ganzen philosophischen Heterodoxie giebt—unter vieler Anmuth und Boseheit versteckt. Es heißt: Müssiggang eines Psychologen.— Zuletzt sind diese beiden Schriften nur wirkliche Erholungen inmitten einer unermeßlich schweren und entscheidenden Aufgabe, welche, wenn sie verstanden wird, die Geschichte der Menschheit in zwei Hälften spaltet. Der SInn derselben heißt in drei Worten: Umwerthung aller Werthe. Es steht Vieles hinterdrein nicht mehr frei, was bis jetzt frei stand: das Reich der Toleranz ist durch Werth-Entscheidungen ersten Rangs zu einer bloßen Feigheit und Charakter-Schwäche heruntergesetzt. Christ sein—um nur Eine Consequenz zu nennen—wird von da an unanständig.— Auch von dieser radikalsten Umwälzung, von der die Menschheit weiß, ist Vieles bei mir schon in Fluß und Gang. Nur, nochmals gesagt, habe ich jede Art Erholung und Seitensprung nöthig, um das Werk ohne jedwede Mühe, wie ein Spiel, wie eine "Freiheit des Willens" hinzustellen. Das erste Buch davon ist zur Hälfte vollendet.— Mein alter Freund, Du erräthst, daß es Etwas in diesem und in den nächsten Jahren zu drucken giebt—und daß wirklich jene seltsame Geld-Großmuth in einem entscheidend guten Augenblick an meine Thür klopfte. Man muß zu Allem Glück haben, selbst noch zum Gutes-Thun ... Ein Paar Jahre früher—wer weiß, was ich Dir geantwortet hätte! —

Mit dem herzlichsten Gruße Dein Freund
Nietzsche.

— Ich sende auch ein Exemplar an Hrn. Rechtsanwalt Volkmar.—
Turin, den 18. Oktober 1888: Brief an Malwida von Meysenbug

Verehrte Freundin,

das sind keine Dinge, worüber ich Widerspruch zulasse. Ich bin, in Fragen der décadence die höchste Instanz, die es auf Erden giebt: diese jetzigen Menschen mit ihr[er] jammervollen Instinkt-Entartung, sollten sich glücklich schätzen, Jemanden zu haben, der ihnen in dunkleren Fällen reinen Wein einschenkt. Daß dieser Hanswurst [Wagner] es verstanden hat, von sich den Glauben zu erwecken (— wie Sie es mit verehrungswürdiger Unschuld ausdrücken), der "letzt Ausdruck der schöpferischen Natur," gleichsam ihr "Schlußwort" zu sein, dazu bedarf es in der That des Genie's, aber eines Genie's der Lüge ... Ich selber habe die Ehre, etwas Umgekehrtes zu sein—ein Genie der Wahrheit — —

Friedrich Nietzsche.

Turin, 5. November 1888: Brief an Malwida von Meysenbug

Warten Sie nur ein wenig, verehrteste Freundin! Ich liefere Ihnen noch den Beweis, daß "Nietzsche est toujours haïssable." ["Nietzsche ist immer hassenswert." Vgl. Der Fall Wagner, Epilog: "Der Christ will von sich loskommen. Le moi est toujours haïssable." Anspielung auf Blaise Pascal, Pensées: "Le moi est haïssable. Vous, Miton, le couvrez; vous ne l'ôtez pas pour cela: vous êtes donc toujours haïssable." Vgl. Vermischte Meinungen und Sprüche, 385: "Gegen-Sätze.— Das Greisenhafteste, was je über den Menschen gedacht worden ist, steckt in dem berühmten Satze 'das Ich ist immer hassenswert'; das Kindlichste in dem noch berühmteren 'liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.'— Bei dem einen hat die Menschenkenntnis aufgehört, bei dem andern noch gar nicht angefangen." Vgl. auch Morgenröte, 79.] Ohne allen Zweifel, ich habe Ihnen Unrecht gethan: aber da ich diesen Herbst an einem Überfluß von Rechtschaffenheit leide, so ist es mir eine wahre Wohlthat, Unrecht zu thun ...

Der "Immoralist."

Turin, den 14. November 1888: Brief an Meta von Salis

Verehrtes Fräulein,

da ich fortdauernd an einem kleinen Überfluß von guter Laune und andern Glücksgütern leide, so dürfen Sie mir einen völlig sinnlosen Brief wohl nachsehen. Bis jetzt ist Alles besser als gut gegangen; ich habe meine Last gewälzt, wie als ob ich von Natur ein "unsterblicher" Lastträger wäre. Nicht nur, daß das erste Buch der Umwerthung schon am 30. September zu Ende kam, inzwischen hat sich ein sehr unglaubliches Stück Litteratur, das den Titel führt "Ecce Homo. Wie man wird, was man ist"—auch schon wieder mit Flügeln begabt und flattert, wenn mich nicht Alles täuscht, in der Richtung von Leipzig ... Dieser homo bin ich nämlich selbst, eingerechnet das ecce; der Versuch, über mich ein wenig Licht und Schrecken zu verbreiten, scheint mir fast zu gut gelungen. Das letzte Capitel hat zum Beispiel die unerquickliche Übeschrift: warum ich ein Schicksal bin. Daß dies nämlich der Fall ist, wird dermaßen stark bewiesen, daß man, am Schluß, bloß noch als "Larve," bloß noch als "fühlende Brust" vor mir sitzen bleibt.— Daß es einiger Aufklärung über mich bedarf, bewies mir jüngst noch der Fall Malvida. Ich sandte ihr, mit einer kleinen Bosheit im Hintergrunde, vier Exemplare des "Falls Wagner," mit dem Ersuchen, für eine gute französische Übersetzung einige Schritte zu thun. "Kriegserklärung" an mich: Malvida gebraucht diesen Ausdruck. —

Ich habe, unter uns, mich noch einmal mehr davon überzeugt, daß der berühmte "Idealismus" in diesem Falle im Grunde eine extreme Form der Unbescheidenheit ist,—"unschuldig," wie es sich von selbst versteht. Man hat sie immer mitreden lassen und, wie mir scheint, hat ihr Niemand gesagt, daß sie mit jedem Satze nicht nur irrt, sondern lügt ... Das machen ja die "schönen Seelen" so, die die Realität nicht sehen dürfen. Verwöhnt, durch ihr ganzes Leben hindurch, sitzt sie zuletzt, wie eine kleine komische Pythia, auf ihrem Sopha und sagt "Sie irren sich über Wagner! Das weiß ich besser! Genau dasselbe, wie Michel Angelo"— Ich schrieb ihr darauf, daß Zarathustra die Guten und Gerechten abschaffen wolle, weil sie immer lügen. Darauf antwortete sie, sie stimme mir darin völlig bei, denn es gäbe so wenig Wirklich-Gute ...

Und das hat mich zeitweilig vor Wagnern vertheidigt! —

Turin ist kein Ort, den man verläßt. Ich habe Nizza ad acta gelegt, insgleichen den romantisme eines korsischen Winters (—es lohnt sich zuletzt nicht mehr, die Herrn Banditen sind wirklich abgeschafft, sogar die Könige, die Bellacoscia)— Der Herbst war hier ein Claude Lorrain in Permanenz,—ich fragte mich oft, ob so Etwas auf Erden möglich sei. Seltsam! gegen die Sommer-Misère da oben gab es also wirklich eine Ausgleichung. Da haben wir's: der alte Gott lebt noch ...

— Auch ist man hier sehr delikat gegen mich, meine Lage hat sich gegen die des Frühlings in einem unausrechenbaren Grade verbessert.— Von meiner Gesundheit wage ich gar nicht mehr zu reden: das ist ein überwundener Standpunkt.— Die noch in Engadin fertig gewordene Schrift, die radikalste vielleicht, die es giebt, führt jetzt den Titel:

Götzen-Dämmerung
Oder:
Wie man mit dem Hammer philosophirt.

Der Druck ist beendet.— Erwäge ich, was ich Alles zwischen dem 3 September und 4 November verbrochen habe, so fürchte ich, daß allernächst die Erde zittert. Dies Mal in Turin; vor zwei Jahren, als ich in Nizza war, wie billig, in Nizza. In der That meldete der letzte Observatoriumsbericht von gestern bereits eine leichte Oscillation ...

Wir hatten den düsteren Pomp eines großen Begräbnisses. Einer der verehrenswürdigsten Piemontesen, der Conte die Robilant, wurde zu Grabe getragen; ganz Italien war in Trauer. Es hat einen Premier verloren, den man mit Ungeduld erwartete—und den Niemand ersetzt.

Mit ausgezeichneter Ergebenheit
Ihr
Nietzsche.

Herr Spitteler hat im "Bund" einen Schrei des Entzückens über den "Fall" ausgestoßen. — [Carl Spitteler in Der Bund (8. November 1888).]
Turin, Mitte November 1888: Brief (Entwurf) an Elisabeth Förster

Meine Schwester!

Ich habe Deinen Brief empfangen und nachdem ich ihn mehrere Male gelesen habe, sehe ich mich in die ernste Nothwendigkeit versetzt, von Dir Abschied zu nehmen. Jetzt, wo sich mein Schicksal entschieden hat, empfinde ich jedes Deiner Worte an mich mit verzehnfachter Schärfe: Du hast nicht den entferntesten Begriff davon, nächstverwandt mit dem Menschen und Schicksal zu sein, in dem sich die Frage von Jahrtausenden entschieden hat,—ich habe, ganz wörtlich geredet, die Zukunft der Menschheit in der Hand. Ich kenne die menschliche Natur und bin unsäglich fern davon, in irgend einem einzelnen Falle zu verurtheilen, was das Verhängniß der Menschheit überhaupt ist; mehr noch: ich verstehe, wie gerade Du, aus vollkommner Unmöglichkeit, die Dinge zu sehn, in denen ich lebe, fast in den Gegensatz von mir hast flüchten müssen. Was mich dabei beruhigt, ist, zu denken, daß Du es auf Deine Weise gut gemacht hast, daß Du Jemanden hast, den Du liebst und der Dich liebt, daß von Dir eine bedeutende Aufgabe zu erfüllen bleibt, der Dein Vermögen sowohl wie Deine Kraft geweiht ist,—endlich, was ich nicht verschweigen will, daß eben diese Aufgabe Dich etwas fern weg von mir geführt hat, so daß die nächsten chocs dessen, was sich jetzt vielleicht mit mir begiebt, Dich nicht erreichen.— Das Letzte wünsche ich um Deinetwillen: ich bitte vor Allem inständig darum, Dich von keiner freundlichen und in diesem Falle gerade gefährlichen Neugierde verführen zu lassen, die Schriften, die jetzt von mir herauskommen, zu lesen. Dergleichen könnte Dich über alle Maßen verwunden—und mich, in dieser Vorstellung, noch dazu ... In diesem Sinne bedaure ich selbst die Schrift gegen Wagner an Dich abgeschickt zu haben, die, inmitten der ungeheuren Spannung, in der lebe, eine wahre Wohlthat für mich war—als ein honettes Duell eines Psychologen mit einem frommen Verführer, dem Niemand leicht als solchen erkennt.

Zu aller Beruhigung will ich von mir selber soviel sagen, daß mein Befinden ausgezeichnet ist, von einer Festigkeit und Geduld, wie ich in meinem ganzen früheren Leben keine Stunde gehabt habe; daß das Schwerste mir leicht wird, daß Alles geräth, was ich unter die Hände nehme. Die Aufgabe, die auf mir liegt, ist trotzdem meine Natur—so daß ich jetzt erst einen Begriff von dem habe, was mein mir vorbestimmtes Glück war. Ich spiele mit der Last, welche jeden Sterblichen zerdrücken würde ... Denn das, was ich zu thun habe, ist furchtbar, in jedem Sinne des Wortes: ich fordre nicht Einzelne, ich fordre die Menschheit mit meiner entsetzlichen Anklage als Ganzes heraus; wie auch die Entscheidung fällt, für mich oder gegen mich, in jedem Fall haftet unsäglich viel Verhängniß an meinem Namen ... Indem ich Dich von Herzen bitte, in diesem Brief keine Härte, sondern das Gegenstück dazu zu sehn, eine wirkliche Humanität, die sich bemüht, überflüssigem Unheil vorzubeugen, empfehle ich mich auch über die Nothwendigkeit hinweg, Deiner Leibe ...

Dein Bruder.

Turin, den 20. November 1888: Brief an Georg Brandes

Verehrter Herr,

Vergebung, daß ich auf der Stelle antworte. Es giebt jetzt in meinem Leben curiosa von Sinn im Zufall, die nicht ihres Gleichen haben. Vorgestern erst; jetzt wieder.— Ach, wenn Sie wüßten, was ich eben geschrieben hatte, als Ihr Brief mir seinen Besuch machte ...

Ich habe jetzt mit einem Cynismus, der welthistorisch werden wird, mich selbst erzählt: das Buch heißt "Ecce homo" und ist ein Attentat ohne die geringste Rücksicht auf den Gekreuzigten: es endet in Donnern und Wetterschlägen gegen Alles, was christlich oder christlich-infekt ist, bei denen Einem Sehn und Hören vergeht. Ich bin zuletzt der erste Psychologe des Christenthums und kann, als alter Artillerist, der ich bin, schweres Geschütz vorfahren, von dem kein Gegner des Christenthums auch nur die Existenz vermuthet hat.— Das Ganze ist das Vorspiel der Umwerthung aller Werthe, das Werk, das fertig vor mir liegt: ich schwöre Ihnen zu, daß wir in zwei Jahren die ganze Erde in Convulsionen haben werden. Ich bin ein Verhängniß. —

— Errathen Sie, wer in "Ecce Homo" am schlimmsten wegkommt? Als die zweideutigste Art Mensch, als die im Verhältniß zum Christenthum fluchwürdigste Rasse der Geschichte? Die Herrn Deutschen!— Ich habe ihnen furchtbare Dinge gesagt ... Die Deutschen haben es zum Beispiel auf dem Gewissen, die letzte große Zeit der Geschichte, die Renaissance, um ihren Sinn gebracht zu haben—in einem Augenblick, wo die christlichen Werth, die décadence-Werthe, unterlagen, wo sie in den Instinkten der höchsten Geistlichkeit selbst überwunden durch die Gegeninstinkte waren, die Lebens-Instinkte! ... Die Kirche angreifen—das heiß ja das Christenthum wiederherstellen.—Cesare Borgia als Papst—das wäre der Sinn der Renaissance, ihr eigentliches Symbol ...

— Auch dürfen Sie darüber nicht böse sein, daß Sie selber an einer entscheidenden Stelle des Buchs auftreten—ich schrieb sie eben—in diesem Zusammenhange, daß ich das Verhalten meiner deutschen Freunde gegen mich stigmatisire, das absolut In-Stichgelassen-sein mit Ehre wie mit Philosophie.— Sie kommen, eingehüllt in eine artige Wolke von Glorie, auf einmal zum Vorschein ...

Ihren Worte über Dostoiewsky glaube ich unbedingt; ich schätze ihn andererseits als das werthvollste psychologische Material, das ich kenne,—ich bin ihm auf eine merkwürdige Weise, dankbar, wie sehr er auch immer meinen untersten Instinkten zuwider geht. Ungefähr mein Verhältniß zu Pascal, den ich beinahe liebe, weil er mich unendlich belehrt hat: der einzige logische Christ ...

— Vorgestern las ich, entzückt und wie bei mir zu Hause, les mariés von Herrn August Strindberg. Meine aufrichtige Bewunderung, der nichts Eintrag thut, als das Gefühl, mich dabei ein wenig mitzubewundern. Turin bleibt meine Residenz.

Ihr Nietzsche, jetzt Unthier ...

Wohin darf ich Ihnen die "Götzen-Dämmerung oder: wie man mit dem Hammer philosophirt" senden? Im Fall, daß Sie noch 14 Tage in Kopenhagen sind, ist keine Antwort nöthig. —
Turin, den 27. November 1888: Brief an August Strindberg

ich denke, unsre Sendungen haben sich gekreuzt?— Ich las zwei Mal mit tiefer Bewegung Ihre Tragödie [Pére, tragédie en trois actes]; es hat mich über alle Maaßen überrascht, ein Werk kennen zu lernen, in dem mein eigner Begriff von der Liebe—in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhaß der Geschlechter—auf eine grandiose Weise zum Ausdruck gebracht ist.

— Aber dies Werk ist ja prädestinirt, jetzt in Paris im théâtre libre des Ms. Antoine [André Antoine (1857-1943): Schauspieler, Regisseur, Theaterdirektor, Begründer des Théâtre Libre] aufgeführt zu werden! Fordern Sie das einfach von [Émile] Zola! Im Augenblick legt er großen Werth darauf, daß man sich seiner erinnert. —

— Ich bedaure im Grunde die Vorrede, obwohl ich sie nicht missen möchte: sie enthält lauter unbezahlbare Naivetäten. Daß Z[ola] nicht "für die Abstraktion" ist, erinnert mich an einen deutschen Übersetzer eines Romans von Dostoiewsky, der auch nicht "für die Abstraktion" war: er hatte "des raccourcis  d'analyse"  einfach  weggelassen,—sie  "genirten" ihn ... Und daß Z[ola] Typen nicht von "étres de raison" auseinander zu halten weiß! daß er den état civil complet für die Tragödie verlangt! Aber fast geschüttelt vor Lachen habe ich mich, als er zuletzt gar eine Rassen-Frage daraus macht! So lange es überhaupt Geschmack in Frankreich gab, hat man immer aus Rassen-Instinkt gerade das abgelehnt, was Zola will: gerade la race latine protestirt gegen Zola. Zuletzt ist er ein moderner Italiäner,—er huldigt dem verismo ...

In aufrichtiger Hochschätzung
Ihr
Nietzsche.

Turin, Anfang Dezember 1888: Brief (Entwurf) an Kaiser Wilhelm II

Ich erweise hermit dem Kaiser der Deutschen die höchste Ehre, die ihm widerfahren kann, eine Ehre, die um so viel mehr wiegt, als ich dazu meinen tiefen Widerwillen gegen Alles, was deutsch ist, zu überwinden habe: ich lege ihm das erste Exemplar meines Werks in die Hand, mit dem sich die Nähe von etwas Ungeheuren ankündigt—von einer Crisis, wie es keine a[uf] Erden gab, von der tiefsten Gewissens-Collision innerhalb der Menschheit, von einer Entscheidung heraufbeschworen gegen Alles, was bisher geglaubt, gefordert, geheiligt worden war.— Und mit Alledem ist Nichts in mir von einem Fanatiker: wer mich kennt, hält mich für einen schlichten, höchstens ein wenig boshaften Gelehrten, der mit Jedermann heiter zu sein weiß. Diese Schrift giebt wie ich hoffe ein ganz anderes Bild als von einem "Propheten": und trotzdem oder vielmehr nicht trotzdem—denn alle Propheten waren bisher Lügner—redet aus mir die Wahrheit.— Aber meine Wahrheit ist furchtbar: denn man hieß bisher die Lüge Wahrheit ... Umwerthung aller Werthe: das ist meine Formel für einen Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit,—mein Loos will es, daß ich tiefer, muthiger, rechtschaffener in die Fragen aller Zeiten hinter[zu]blicken wußte als je ein Mensch bisher. Ich fordere nicht das, was jetzt lebt heraus, ich fordere mehrere Jahrtausende gegen mich heraus: ich widerspreche und bin trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes ... Es giebt neue Hoffnungen, es giebt Ziele, Aufgaben von einer Größe für die der Begriff bis jetzt fehlte: ich bin ein froher Botschafter par excellence, wie sehr ich auch immer der Mensch des Verhängnisses sein muß ... Denn wenn dieser Vulkan in Thätigkeit tritt, so haben wir Convulsionen auf Erden wie es noch keine gab: der Begriff Politik ist gänzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, Macht-Geb[ilde] sind in die Luft gesprengt,—es wird Kriege geben, wie es noch nie Kriege gab. —

Turin, den 8. Dezember 1888: Brief an August Strindberg

Sehr lieber und werther Herr,

ist ein Brief von mir verloren gegangen? Ich habe sofort nach der zweiten Lektüre Ihnen geschrieben, tief ergriffen von diesem Meisterstück harter Psychologie; ich habe insgleichen Ihnen die Überzeugung ausgedrückt, daß Ihr Werk prädestinirt ist, jetzt in Paris aufgeführt zu werden, im théâtre libre des Ms. Antoine [André Antoine (1857-1943): Schauspieler, Regisseur, Theaterdirektor, Begründer des Théâtre Libre],—Sie sollten das von [Émile] Zola einfach fordern! —

— Der hereditäre Verbrecher décadent, selbst Idiot—kein Zweifel! Aber die Geschichte der Verbrecher-Familien, für die der Engländer Galton ("the hereditary genius") das größte Material gesammelt hat [Francis Galton (1822-1911) bespricht den Fall der Familie Jukes in Inquiries into Human Faculty and its Development. London: Macmillan, 1883, pp. 63-64, im Kapitel "Criminals and the Insane"nicht Hereditary Genius. London: Macmillan, 1869.], führt immer auf einen zu starken Menschen für ein gewisses sociales niveau zurück. Der letzte große Parisier Criminalfall Prado gab den klassischen Typus: Prado war seinen Richtern, seinen Advokaten selbst durch Selbstbeherrschung, esprit und Übermuth überlegen; trotzdem hatte ihn der Druck der Anklage physiologisch schon so heruntergebracht, daß einige Zeugen ihn erst nach alten Porträts wiedererkannten. —

Jetzt aber fünf Worte unter uns, sehr unter uns! Als gestern mich Ihr Brief erreichte—der erste Brief in meinem Leben, der mich erreicht hat—war ich gerade mit der letzten Manuscript-Revision von "Ecce homo" fertig geworden. Da es in meinem Leben keinen Zufall mehr giebt, so sind Sie folglich auch kein Zufall. Warum schreiben Sie Briefe, die in einem solchen Augenblick eintreffen! ... Ecce homo soll in der That deutsch, französisch und englisch zugleich erscheinen. Ich habe gestern das Manuscript noch an meinen Drucker geschickt; sobald ein Bogen fertig wird, muß er in die Hände der Herrn Übersetzer. Wer sind diese Übersetzer? Aufrichtig, ich wußte nicht, daß Sie selber für das ausgezeichnete Französisch Ihres Pére verantwortlich sind; ich glaubte an eine meisterhafte Übersetzung. Für den Fall, daß Sie selbst die französische Übersetzung in die Hand nehmen wollten, wüßte ich mich nicht glücklich genug zu schätzen über dies Wunder eines sinnreichen Zufalls. Denn, unter uns, meinen "Ecce homo" zu übersetzen, bedarf es eines Dichters ersten Rang; es ist im Ausdruck, im raffinement des Gefühls, tausen Meilen jenseits aller bloßen "Übersetzer." Zuletzt ist es kein dickes Buch; ich nehme an, es wird in der franz. Ausgabe (vielleicht bei Lemerre, dem Verleger Paul Bourgets?—) gerade einen solchen Band für 3 frs. 50 machen. Da es vollkommen unerhörte Dinge sagt und mitunter, in aller Unschuld, die Sprache eines Weltregierenden redet, so übertreffen wir durch Zahl der Auflagen selbst Nana ... Andrerseits ist es antideutsch bis zur Vernichtung; die Partei der französischen Cultur wird durch die ganze Geschichte hindurch festgehalten (—ich behandele die deutschen Philosophen allesammt als "unbewußte" Falschmünzer, ich nenne den jungen Kaise einen scharlachnen Mucker ...) Auch ist das Buch nicht langweilig,—ich habe es mitunter selbst im Stil "Prado" geschrieben .. Um mich gegen deutsche Brutalitäten ("Confiscation"—) sicher zu stellen, werde ich die ersten Exemplare, vor der Publikation, dem Fürsten Bismarck und dem jungen Kaiser mit einer brieflichen Kriegserklärung übersenden: darauf dürfen Militärs nicht mit Polizei-Maßregeln antworten.— Ich bin ein Psychologe ...

— Erwägen Sie, verehrter Herr! Es ist eine Sache allerersten Ranges. Denn ich bin stark genug dazu, die Geschichte der Menschheit in zwei Stücke zu zerbrechen. —

— Bliebe die Frage der englischen Übersetzung. Wüßten Sie einen Vorschlag dafür?— Ein antideutsches Buch in England ...

Sehr ergeben
Ihr
Nietzsche.

August Strindbergs Brief vom Anfang Dezember 1888 (und Übersetzung)
Monsieur, Mein Herr,
Sans aucun doute, Vous avez donné à l'humanité le livre le plus profond qu'elle possède et ce qui n'est pas le moins, vous avez eu le courage, les rentes peut-être, pour cracher ces mots superbes à la figure de la racaille! et je vous remercie! Ganz ohne Zweifel haben Sie das tiefsinnigste Buch der Menschheit gegeben [Nietzsche hatte ein Exemplar der Götzen-Dämmerung geschickt—nunmehr befindet es sich in der Stadtbibliothek in Örebro (Schweden)—mit folgender Widmung: "Herrn August Strindberg. Sollte man das nicht übersetzen? Es ist Dynamit. Der Antichrist."], und was nicht das Unwichtigste ist, Sie haben den Mut und wohl auch das Verlangen, dem Pack diese herrlichen Worte ins Gesicht zu spucken! Und dafür danke ich Ihnen!
Cependant, avec l'esprit si affranchi il me semble que Vous Vous êtes leurré du type criminal! Regardez ces centaines de photographies accompagnant L'homme criminel de Lombrose, et avouez que le fourbe est un animal inférieur, un dégénéré, un faible dépossédé des facultés nécessaires pour éluder les paragraphes de la loi, obstacles trop puissants à sa volonté au pouvoir. (Observer bien comme ils ont l'air stupidement moral tous ces bêtes honnêtes! Quel désaveau de la morale!) Indessen hat es den Anschein, daß Sie mit all der Unabhängigkeit des Geistes etwas den Verbrechertypus hofieren! Studieren Sie die Hunderte von Photographien, die den "L'homme criminel" von Lombroso [Cesare Lombroso (1836-1909): ital. Mediziner und Anthropologe] illustrieren und Sie müssen zustimmen, daß der Schurke ein niedriges Tier ist, ein Entarteter, ein Schwächling, dem die nötigen Fähigkeiten fehlen, den Gesetzesparagraphen aus dem Weg zu gehen, die seinem Willen und seiner Kraft Grenzen setzen. (Betrachten Sie den Ausdruck stumpfsinniger Moral bei diesen ehrenwerten Untieren! Was für eine moralische Enttäuschung!
Et vous voulez être traduit en notre langue Groenlandoise! Pourquoi pas en Français en Anglais? Jugez de notre intelligence lorsqu'on m'a voulu interner dans un hôpital à cause de ma tragédie, et qu'on esprit si souple, si riche que M. Brandes est reduit au silence par ce butor de majorité! Und Sie wollen in unsere grönländische Sprache übersetzt werden! Warum nicht ins Französische oder Englische? Sie können über unsere Intelligenz urteilen, da man mich wegen meiner Tragödie in eine Anstalt sperren wollte und einen so scharfsinnigen, so reichen Geist wie Herrn Brandes von der Flegelmajorität zum Schweigen genötigt worden ist!
Je termine toutes mes lettres à mes amis: lisez Nietzsche! C'est mon Carthgo est delenda! Alle meine Briefe an meine Freunde schließe ich mit: Lest Nietzsche! Das ist mein Carthago est delenda!
Toutefois, au moment où Vous êtes connu et compris votre grandeur est amoindrie et la sainte et sacrée canaille ira vous tutoyer comme un de leurs semblables. Mieux vaut garder la solitude distinguée, et laisser nous autres dix mille supérieurs aller en pélerinage secret à votre sanctuaire afin d'y puiser à notre gré. Gardons la doctrine esotérique afin de la conserver pure et intacte et ne la divulguons pas san l'intermédiare des catéchumèbes devoués, au nombre desquel je me signe Allerdings wird Ihre Größe herabgezogen von dem Moment, da Sie gelesen und verstanden werden, und das verfluchte Gesindel Sie zu duzen beginnt, wie einen der ihren. Sie sollten die vornehme Einsamkeit vorziehen und uns, die zehntausend Höherstehenden, eine heimliche Wallfahrt zu Ihrem Heiligtum machen lassen, wo wir aus vollem Herzen schöpfen dürften. Lassen Sie uns die esoterische Lehre ausüben, so daß diese rein und unvermischt bestehen kann und nicht ohne Vermittlung der ergebenen Jünger, in deren Namen ich unterzeichne
August Strindberg August Strindberg
Turin, 11. Dezember 1888: Brief an Carl Fuchs

Lieber Freund,

inzwischen steht und geht Alles wunderbar; ich habe nie annähernd eine solche Zeit erlebt, wie von Anfang September bis heute. Die unerhörtesten Aufgaben leicht wie ein Spiel; die Gesundheit, dem Wetter gleich, täglich mit unbändiger Helle und Festigkeit heraukommend. Ich mag nicht erzählen, was Alles fertig wurde: Alles ist fertig.

Die nächsten Jahre steht die Welt auf dem Kopf: nachdem der alte Gott abgedankt ist, werde ich von nun an die Welt regieren.

Mein Verleger hat, wie ich nicht zweifle, Ihnen sowohl den Fall [Wagner] als, zuallerletzt, die Götzen-Dämmerung übersandt. Hätten Sie nicht eine kleine kriegerische Laune? Es wäre mir äußerst erwünscht, wenn jetzt ein—der—geistvoller Musiker öffentlich Partei für mich als Antiwagner nähme und den Bayreuthern den Handschuh hinwürfe? Eine kleine Broschüre, in der über mich lauter Neues und Entscheidendes gesagt würde, mit einer Nutzanwendung im Einzelfall, Musik, was denken Sie dazu? Nichts Langwieriges, etwas Schlagendes, Schlagfertiges ... Der Augenblick ist günstig. Man kann noch Wahrheiten über mich sagen, die zwei Jahre später beinahe niaiseries sein dürften.

— Und was macht Danzig—oder vielmehr Nicht-Danzig? ... Erzählen Sie mir wieder von sich selbst, lieber Freund,—ich habe Zeit, ich habe Ohren ...

Es grüßt Sie auf das
Herzlichste
das Unthier.

Turin, 18. Dezember 1888: Brief an August Strindberg*

Werther und sehr lieber Herr,

inzwischen hat man mir aus Deutschland "den Vater" geschickt, zum Beweis dafür, daß ich gleichfalls meine Freunde für den Vater des Vaters interessire.— Das Théâtre libre des Ms. Antoine [André Antoine (1857-1943): Schauspieler, Regisseur, Theaterdirektor, Begründer des Théâtre Libre] ist ja dazu gemacht, um zu riskiren. Ihr Werk ist vollkommen unschuldig gegen das, was man schon in den letzten Monaten darauf riskirt hat. Es kam dahin, daß A[lbert] Wolf, im Leitartikel des Figaro, öffentlich, im Namen Frankreichs, erröthete.— Aber M. Antoine ist ein eminenter Schauspieler, der sofort die Rolle des capitains ("Rittmeisters") sich aneignen wird. Ich rathe nicht mehr, Zola hineinzumischen, sondern Exemplar und Brief direkt an Ms. Antoine, directeur du théâtre libre, zu senden. Man spielt gerne Ausländer

Draußen bewegt sich, mit düsterem Pomp, ein großes Leichenbegängniß: il principe di Carignano, Vetter des Königs, Admiral der Flotte. Ganz Italien in Turin.—

Ach, wie Sie mich über Ihre Schweden unterrichtet haben! Und neidisch gemacht haben! Sie unterschätzen Ihr Glück: "o fortunatos nimium, sua si bona norint"—nämlich, daß Sie kein Deutscher sind ... Es giebt gar keine andere Cultur, als die französische, es ist kein Einwand, sondern die Vernunft selber, daß man in die einzige Schule geht—sie ist nothwendig die rechte ... Wollen Sie den Beweis dafür?— Aber Sie sind der Beweis! —

Ich sende, mit allerverbindlichstem Danke, die Hefte wieder zurück, in der Annahme, daß Sie dieselben nicht in mehreren Exemplaren besitzen. —

Gleichzeitig mit Ihrem Brief kam ein Brief aus Paris an, von Ms. Taine, voll der höchsten Auszeichnungen für die Götzen-Dämmerung in Hinsicht auf audaces et finesses, und mit einer sehr ernsten Aufforderung, die ganze Frage meines Bekanntwerdens in Frankreich, eingerechnet die Mittel dazu, in die Hände seines Freundes, des Chef-Redakteurs des Journal des Débats und der Revue des deux mondes zu legen, dessen tiefe und freie Intelligenz, auch was Form, was Kenntniß des Deutschen und der deutschen Cultur betrifft, er mir nicht genug zu rühmen weiß. Zuletzt lese ich seit Jahren nur noch das Journal des débats.— Auf diese Eröffnung meines Panama-Canals nach Frankreich hin habe ich die weitere Publikation von neuen Schriften (drei sind vollkommen druckfertig—) aufs Unbestimmte hinausgeschoben. Zunächst sollen die beiden capitalen Bücher Jenseits von Gut und Böse und die Götzen-Dämmerung übersetzt werden: damit bin ich in Frankreich vorgestellt. —

Ihnen zugethan und voll guter Wünsche
Nietzsche.

*Holte, 11. Dezember 1888: Brief von August Strindberg an Nietzsche.
Cher Monsieur,
In m'a fait un vif plaisir d'avoir un mot approbatif de Votre main de maître sur ma tragédie mal comprise. Savez-Vous Monsieur qu'il m'a fallu donner deux éditions gratuitement à l'editeur afin de voir la pièce imprimée! En revanche une vieille dame est tombée raide morte pendant une représentation au théâtre, une autre est accouchée, et à la vue de la Camisole trois quarts du public se sont levés en masse pour sortir sous des hurlements foux!
Et Vous voulez que je commande M. Zola de jouer ma pièce devant les parisiennes d'Henri Becque! Cela aboutirait à un accouchement général dans cette capitale des cocus.
Et à Vos affaires maintenant!
Ja compose parfois directement en Français (voir les articles ci-joints avec leur style Boulevard, un peu pittoresque pourtant), parfois je traduis mes ouvrages. En tous les cas il me faut un reviseur du texte, natif de Paris.
Trouver un traducteur Français qui ne dessale le style d'après les règles de l'Ecole Normale rhétorique, ne déflore la virginité de l'expression, est chose impossible.
L'exécrable traduction des Mariés est exécuté d'un Français Suissse (Suisse Romand) à un prix de mille francs, subis sur l'ongle, et pour la revision on a demandé à Paris cinq cent francs.
Alors Vous pouvez comprendre que la traduction de Votre ouvrage est une grosse question d'argent et vu qu je suis un pauvre diable, je ne pourrais Vous donner un rabais d'autant moins que je serais contraint de travailler en poëte et non seulement en manoeuvre!
Si Vous ne reculez devant les dépenses considérables comptez donc sur moi et mon talent!
Au cas contraire je serai à Votre disposition pour trouver la piste d'un traducteur Français aussi compétent que possible.
Pour l'anglais, ma foi, je n'en sais rien lorsqu'il s'agit d'un pays "emprêtraillé" par l'arrivée des femmes ce qui équivaut à la décadence parfaite! La morale en Angleterre, Monsieur, Vous savez ce que cela veut dire! La Bibliothèque des jeunes filles, Currer Bell, Miss Brandon, et le reste! Qu'à cela ne tienne! en Français Vous pénétrez dans le monde des noires même et Vous pouvez Vous en ficher du matriarcat Anglais!
Réfléchissez donc à mes projets et donnez-moi un mot sur l'affaire aussitôt que possible.
En attendant agréez l'expression de mes sentiments les plus distingués
August Strindberg
Turin, den 21. Dezember 1888: Brief an Franziska Nietzsche

Meine alte Mutter,

es giebt, wenn mich nicht Alles täuscht, in den nächsten Tagen Weihnachten: vielleicht kommt mein Brief noch zur rechten Zeit, vielleicht auch hat Herr Kürbitz einen Wink verstanden, den ich ihm vor einigen Tagen gegeben habe. Mit der Bitte, Dir Etwas auszudenken, was Dir Vergnügen macht und wobei Du gerne an Dein altes Geschöpf denkst und, im Übrigen, um Nachsicht bittend, daß es nicht mehr ist.— Wir haben auch hier ein wenig Winter, doch nicht so, daß ich hätte heizen müssen. Die Sonne und der helle Himmel werden nach ein paar Tagen Nebel immer wieder Herr. Es gab ein großes Leichenbegängniß, einer unsrer Prinzen, der Vetter des Königs; sehr verdient um Italien, auch um die Marine, denn er war der Admiral der Flotte.

Ich bin in jedem Sinne froh, mit Nizza fertig zu sein,—man hat mir indessen 3 Bücherkisten hierher gesandt. Auch die einzige wohlthätige und liebenswürdige Gesellschaft, die ich dort hatte, die ausgezeichneten Köchlins, ebenso reiche als feine und an die besten Kreise gewöhnte Leute, fehlen zum ersten Male diesen Winter in Nizza. Es geht schlecht mit dem alten Köchlin, Madame Cécile hat mir ausführlich geschrieben: beständiges Fieber. Sie sind bei Genua, in Nervi.— Dagegen habe ich aus Genf gute und heitere Nachrichten von Madame Fynn und ihrer russischen Freundin.

Das Allerbeste aber bekomme ich von meinem Freunde Köselitz zu hören, dessen ganze Existenz sich erstaunlich verändert hat. Nichts nur daß die ersten Künstler Berlins, Joachim, de Ahna sich auf das Tiefste für seine Werke interessiren, diese anspruchsvollste und verwöhnteste Art Künstler, die Deutschland hat: Du würdest vor Allem verwundert sein, daß er in dem reichsten und vornehmsten Cirkeln Berlins nur verkehrt und sich mit allzuviel Erfolg um ein schönes und erschrecklich reiches Mädchen bewirbt, obwohl er einen jungen Grafen Schlieben zum Rivalen hat. Ja die Herrn Musiker! Er hat schon den ganzen Sommer auf dem Schloß seiner Prinzessin, in Hinterpommern, ungeheure Wälder, zwischen lauter Junkern und Gardeoffizieren gelebt; aber sie will nichts als Musik von Köselitzen geigen und singen.— Vielleicht erlebt seine Oper ihre erste Aufführung in Berlin; Graf Hochberg steht den Kreisen nahe, die er frequentirt. —

Im Grunde ist Dein altes Geschöpf jetzt ein ungeheuer berühmtes Thier: nicht gerade in Deutschland, denn die Deutschen sind zu dumm und zu gemein für die Höhe meines Geistes und haben sich immer an mir blamirt, aber sonst überall. Ich habe lauter ausgesuchte Naturen zu meinen Verehrern; lauter hochgestellte und einflußreiche Menschen, in St. Petersburg, in Paris, in Stockholm, in Wien, in New-York. Ach wenn Du wüßtest, mit welchen Worten mir die ersten Personnagen ihre Ergebenheit ausdrücken, die charmantesten Frauen, eine Madame la princesse Ténicheff, durchaus nicht ausgeschlossen. Ich habe wirkliche Genies unter meinen Verehrern,—es giebt heute keinen Namen, der mit so viel Auszeichnung und Ehrfurcht behandelt wird, als der meine.— Siehst Du, das ist das Kunststück: ohne Name, ohne Rang, ohne Reichthum werde ich hier wie ein kleiner Prinz behandelt, von Jedermann bis zu meiner Hökerin herab, die nicht eher Ruhe hat als bis sie das Süßeste aus allen ihren Trauben zusammengesucht hat (das Pfund jetzt 28 Pf.)

Zum Glück bin ich jetzt Allem gewachsen, was meine Aufgabe von mir verlangt. Meine Gesundheit ist wirklich ausgezeichnet; die schwersten Aufgaben, zu denen noch nie ein Mensch stark genug war, fallen mir leicht. Turin ist wirklich meine Residenz; ah mit welcher Distinktion man mich hier behandelt! —

Meine alte Mutter, empfange, zum Schluß des Jahres, meine herzlichsten Wünsche und wünsche mir selber ein Jahr, das den großen Dingen, die in ihm geschehn müssen, in jeder Hinsicht entspricht.

Dein altes Geschöpf.

Turin, den 31. Dezember 1888: Brief an Heinrich Köselitz (Peter Gast)

— Sie haben tausend Mal Recht! Warnen Sie selbst Fuchs ... Sie werden in Ecce Homo eine ungeheure Seite über den Tristan finden, überhaupt über mein  Verhältniß  zu  Wagner.  W[agner]  ist  durchaus der erste Name, der in E[cce] H[omo] vorkommt.— Dort, wo ich über Nichts Zweifel lasse, habe ich auch hierüber den Muth zum Äußersten gehabt.

— Ah, Freund! welcher Augenblick!— Als Ihre Karte kam, was that ich da ... Es war der berühmte Rubicon ...

— Meine Adresse weiß ich nicht mehr: nehmen wir an, daß sie zunächst der palazzo del Quirinale sein dürfte.

N.

Turin, den 31. Dezember 1888: Brief an August Strindberg*

Lieber Herr,

Sie werden die Antwort auf Ihre Novelle [Utopien in der Wirklichkeit. Eine Friedensnovelle (1885)] in Kürze zu hören bekommen—sie klingt wie ein Flintenschuß ... Ich habe einen Fürstentag nach Rom zusammenbefohlen, ich will den jungen Kaiser füsillieren lassen.

Auf Wiedersehen! Denn wir werden uns wiedersehn .. Une seule condition: Divorçons ...

Nietzsche Caesar

*Holte, 27. Dez. 1888: Brief von August Strindberg an Nietzsche.
Cher Monsieur,
En accusant reception de Votre aimable lettre avec le grandiosissime Génealogie de la Morale, je vais encore une fois troubler votre repos par une lecture poétique, contenant mes speculations avortées sur la problème des Remords avant que j'eusse connu vos ouvrages.
Laissons de côté mes niaiseries d'antan sur l'avenir des femelles et sur la paix Européenne, épidémiques en Suisse, où je séjournais à l'époque de la conception des Remords.
En Vous souhaitant la bonne année de 1889 je Vous prie d'agréer la nouvelle assurance de ma profonde admiration.
August Strindberg
 
August Strindbergs Brief vom 1. Januar 1889 (und Übersetzung)
Holtibus pridie cal. Jan. MDCCCLXXXIX Holte, 1. Januar 1889
Carissime Doctor! Lieber Doktor!
Jelw, Jelw manhnai! [Vgl. Anacreontea, 9.] Ich will, ich will verrückt sein!
Litteras tuas non sine perturbatione accepi et tibi gratias ago.
Rectus vives, Licini, neque altum
Semper urgendo, neque dum procellas
Cautus horrescis nimium premendo
Litus iniquum. [Horaz: Oden 2:10.]
Ich habe nicht ohne Gemütsbewegung Ihren Brief empfangen und danke Ihnen dafür.
Besser würdest Du leben, Licinius, wenn Du weder ständig Dich aufs offene Meer hinaus wagtest, noch aus Angst vor Stürmen Dich zu nahe an der gefährlichen Küste hieltest. [Horaz: Oden 2:10.]
Interdum juvat insanire!
Vale et Fave!
Allerdings freut es uns, verrückt zu sein!
Leben Sie wohl und erhalten Sie mir Ihre Gewogenheit!
Strindberg (Deus, optimus maximus). Strindberg (Gott, der Beste und Höchste).
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