Nietzsches Briefe | 1887© The Nietzsche Channel
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Nietzsches Briefe
Ausgewählte Korrespondenz.

1887.

Nice, 21. Januar 1887: Brief an Heinrich Köselitz (Peter Gast)

Lieber Freund,

es ist mir eine wahre Erleichterung, Sie wieder in Venedig zu wissen. Ihr Brief—oh was er mir wohlthat! Es war mir wie ein Versprechen darin, daß es auch bei mir nun wieder besser gehen solle—besser das heißt heller heiterer südlicher unbekümmerter, hoffentlich auch "unlitterarischer": denn diese ganze In-Scene-setzung meiner alten Litteratur hat mich greulich malträtirt und "persönlich" gemacht. Ich tauge nicht für's "Wiederkäuen" des Lebens. Jetzt ergötze und erhole ich mich an der kältesten Vernunft-Kritik, bei der man unwillkürlich blaue Finger bekommt (und folglich die Lust verliert, zu schreiben—) Ein Generalangriff auf den gesammten "Causalismus" der bisherigen Philosophie kommt dabei heraus, auch einiges Schlimmere noch. —

Hätten Sie doch ein Stück Ihrer Oper zur Aufführung gebracht! Man muß, wenn man sich produziren will, das am Meisten Charakteristische, also Fremdeste produziren. Daß Sie dem Levi Ihr Septett vorführten, ist, nach meinem Gefühle, mehr Höflichkeit als etwas Anderes (etwas "Sachse"—Vergebung, alter Freund!) Das Beste an der Geschichte ist, daß Ihr Septett so aufgenommen wurde, wie Sie schreiben; hätte es gefallen so hätte ich an ein Verwechslung geglaubt. —

Levi hat mir vom Frühling her den besten Eindruck hinterlassen. Auch was mir von anderer Seite inzwischen aus München gemeldet wurde, bestätigt, daß er eine Art Zusammenhang mit mir (er nennt's Dankbarkeit) weder verloren hat, noch verlieren will: was übrigens von allen Wagnerianern gilt (ob ich es schon mir nicht recht zu erklären weiß) Man hat mich letzten Herbst in München erwartet "mit fieberhafter Spannung," wie Seydlitz (jetzt Präsident des Wagner-Vereins) meldete. Im Engadin, beiläufig gesagt, hatte ich als Tischnachbarin die Schwester des Barbier von Bagdad: Sie verstehen diese abgekürzte Redeweise?

Zuletzt—neulich hörte ich zum ersten Male die Einleitung zum Parsifal (nämlich in Monte-Carlo!) Wenn ich Sie wiedersehe, will ich Ihnen genau sagen, was ich da verstand. Abgesehn übrigens von allen unzugehörigen Fragen (wozu solche Musik dienen kann oder etwa dienen soll?) sondern rein ästhetisch gefragt: hat Wagner je Etwas besser gemacht? Die allerhöchste psychologische Bewußtheit und Bestimmtheit in Bezug auf das, was hier gesagt, ausgedrückt, mitgetheilt werden soll, die kürzeste und direkteste Form dafür, jede Nuance des Gefühls bis aufs Epigrammatische gebracht; eine Deutlichkeit der Musik als descriptiver Kunst, bei der man an einen Schild mit erhabener Arbeit denkt; und, zuletzt, ein sublimes und außerordentliches Gefühl, Erlebniß, Ereigniß der Seele im Grunde der Musik, das Wagnern die höchste Ehre macht, eine Synthesis von Zuständen, die vielen Menschen, auch "höheren Menschen," als unvereinbar gelten werden, von richtender Strenge, von "Höhe" in erschreckenden Sinne des Worts, von einem Mitwissen und Durchschauen, das eine Seele wie mit Messern durchschneidet—und von Mitleiden mit dem, was da geschaut und gerichtet wird. Dergleichen giebt es bei Dante, sonst nicht. Ob je ein Maler einen so schwermüthigen Blick der Liebe gemalt hat als W[agner] mit den letzten Accenten seines Vorspiels?—

Treulich Ihr Freund Nietzsche

Nizza, 7. März 1887: Brief an Heinrich Köselitz (Peter Gast)

Lieber Freund,

soeben empfieng ich, dankbar Ihrer Hülfe eingedank, die Correktur der "Lieder"— das ist die letzte Correktur, es freut mich dies Ihnen melden zu können. Mit dem "fünften Buche," dessen Manuscript seit mehreren Monaten in Fritzschens Händen ist und dessen Drucklegung ich selber zu bezahlen gewillt war, scheint besagter Leipziger wenig einverstanden. Genug, wir lassen es vor der Hand ungedruckt; vielleicht gehört es seinem Tone und Inhalte nach überdies mehr zu Jenseits von G[ut] und B[öse] und dürfte diesem Werke bei einer zweiten Auflage einverleibt werden—, mit mehr Recht, wie mir jetzt scheint als jener fröhl[ichen] Wissenschaft: so daß zuletzt hinter dem Widerstreben des Verlegers ein "höherer Sinn," ein Stück blauen Himmels von Vernünftigkeit sichtbar wird. Und welcher Verleger dürfte nicht etwas furchtsam sein, nachdem er sich ungeschickter Weise mit meiner Litteratur beschwert hat? Ich habe es noch nicht einmal zu Widersachern gebracht; seit 15 Jahren ist überhaupt über keines meiner Bücher eine tief gemeinte, gründliche, sach- und fachgemäße Recension erschienen—kurz, man muß dem Fritzsch Einiges zu Gute halten. —

In welcher Lage wäre ich, gesetzt, daß die zehn Jahre Philologie und Basel in meinem Leben fehlten! —

Eben ist ein Philologe mit verwandter Vorgeschichte hier bei mir zum Besuche, ein Dr. Adams, aus der Schule Rohde's und v. Gutschmidts erwachsen und von seinen Lehrern sehr gewürdigt, aber—leidenschaftlich degoutirt und gegen alle Philologie eingenommen. Er flüchtet zu mir, "seinem Meister"—denn er will sich schlechterdings der Philosphie weihen; und nun überrede ich ihn langsam, langsam, keine Dummheiten zu machen und sich durch keine falschen Vorbilder fortreißen zu lassen. ich glaube, es gelingt mir, ihn zu "enttäuschen."— Dabei erfuhr ich, wie selbst im Tübinger Stift meine Schriften heimlich und gierig verschluckt werden; ich gelte dort als einer der "negativsten Geister."— Dr. Adams ist halb Amerikaner, halb Schwabe. —

Mit Dostoiewsky ist es mir gegangen wie früher mit Stendhal: die zufälligste Berührung, ein Buch, das man in einem Buchladen aufschlägt, Unbekanntschaft bis auf den Namen—und der plötzlich redende Instinkt, hier einem Verwandten begegnet zu sein.

Bis jetzt weiß ich noch wenig über seine Stellung, seinen Ruf, seine Geschichte: er ist 1881 gestorben. In seiner Jugend war er schlimm daran: Krankheit, Armut, bei vornehmer Abkunft; mit 27 Jahren zum Tode verurtheilt, auf dem Schaffot noch begnadigt, dann 4 Jahre Sibirien, in Ketten, inmitten schwerer Verbrecher. Diese Zeit war entscheidend: er entdeckte die Kraft seiner psychologischen Intuition, mehr noch, sein Herz versüsste und vertiefte sich dabei—sein Erinnerungs-Buch an diese Zeit "la maison des morts" ist ein der "menschlichsten" Bücher, die es giebt. Was ich zuerst kennen lernte, eben in französischer Übersetzung erschienen, heisst l'esprit souterrain, zwei Novellen enthaltend ["Die Wirtin" und Aufzeichnungen aus dem Untergrund]: die erste eine Art unbekannter Musik, die zweite ein wahrer Geniestreich der Psychologie—ein schreckliches und grausames Stück Verhöhnung des , aber mit einer leichten Kühnheit und Wonne der überlegenen Kraft hingeworfen, das ich vor Vergnügen dabei ganz berauscht war. Inzwischen habe ich noch, auf Overbeck's Empfehlung hin, den ich in meinem letzten Briefe befragte, Humiliés et offensés gelesen (das Einzige, was O[verbeck] kannte), mit dem größten Respekt vor dem Künstler Dostoiewsky. Auch merke ich bereits, wie die jüngste Generation von Parisier Romandichtern von dem Einflusse und der Eifersucht auf D[ostojewsky] vollständig tyrannisirt wird (zb. Paul Bourget).

— Ich bleibe bis zum 3. April, hoffentlich ohne noch weitere Bekanntschaft mit dem Erdbeben zu machen: jener Dr. Falb nämlich warnt vor dem 9. März, wo er eine Recrudescenz der Erscheinungen für unsre Gegend erwartet, insgleichen vor dem 22. und 23. März. Bisher bin ich kaltblütig genug dabei geblieben und habe mitten unter tollgewordnen Tausenden mit dem Gefühl der Ironie und der kalten Neugierde gelebt. Aber man kann nicht für sich gut sagen: vielleicht bin ich in wenig Tagen unvernünftiger als irgend Jemand. Das Plötzliche, das imprévu hat seine Reize ...

Wie geht es Ihnen? Nein, wie mich Ihr letzter Brief erquickt hat! Sie sind so tapfer!

Treulich Ihr Freund N.

Nizza, den 23 März 1887: Brief an Theodor Fritsch
(Vgl. Nachlass: Ende 1886-Frühling 1887 7[67].)

Geehrtester Herr,

Sie erweisen mir in Ihrem eben angelangten Briefe so viel Ehre, daß ich nicht umhin kann, Ihnen noch eine Stelle aus meiner Litteratur zu verrathen, die sich mit den Juden beschäftigt: sei es auch nur, um Ihnen ein doppeltes Recht zu geben, von meinen "schiefen Urtheilen" zu reden. Lesen Sie, bitte, "Morgenröthe" p. 194 [§205].

Die Juden sind mir, objektiv geredet, interessanter als die Deutschen: ihre Geschichte giebt viel grundsätzlichere Probleme auf. Sympathie und Antipathie bin ich gewohnt bei so ernsten Angelegenheiten aus dem Spiele zu lassen: wie dies zur Zucht und Moralität des wissenschaftlichen Geistes und—schließlich—selbst zu seinem Geschmack gehört.

Ich gestehe übrigens, daß ich mich dem jetzigen "deutschen Geiste" zu fremd fühle, um seinen einzelnen Idiosynkrasien ohne viel Ungeduld zusehn zu können. Zu diesen rechne ich in Sonderheit den Antisemitismus. Der auf S. 6 Ihres geschätzten Blattes gerühmten "klassischen Litteratur" dieser Bewegung verdanke ich sogar manche Erheiterung: oh wenn Sie wüßten, was ich im vorigen Frühling über die Bücher jenes ebenso gespreizten als sentimentalen Querkopfs, der Paul de Lagarde heißt, gelacht habe! Es fehlt mir offenbar jener "höchste ethische Standpunkt," von dem auf jener Seite die Rede ist.

Es bleibt nur übrig, Ihnen für die wohlwollende Voraussetzung zu danken, daß ich nicht "durch irgend eine gesellschaftliche Rücksichtnahme zu meinen schiefen Urtheilen verführt" bin; und vielleicht dient es zu Ihrer Beruhigung, wenn ich zuletzt noch sage, daß ich unter meinen Freunden keinen Juden habe. Allerdings auch keine Antisemiten.

Giebt mein Leben irgend eine Wahrscheinlichkeit dafür ab, daß ich mir von irgend welchen Händen "die Schwingen verschneiden lasse"? —

Mit diesem Fragezeichen empfehle ich mich Ihrem ferneren Wohlwollen—und Nachdenken ...

Ihr ergebenster

Professor Dr. Nietzsche

Ein Wunsch: geben Sie doch eine Liste deutscher Gelehrter, Künstler, Dichter, Schriftsteller, Schauspieler und Virtuosen von jüdischer Abkunft oder Herkunft heraus! (Es wäre ein werthvoller Beitrag zur Geschichte der deutschen Cultur (auch zu deren Kritik!)
Nizza, den 29 März 1887: Brief an Theodor Fritsch
(Vgl. Nachlass: Ende 1886-Frühling 1887 7[67].)

Sehr geehrter Herr,

hiermit sende ich Ihnen die drei übersandten Nummern Ihres Correspondenz-Blattes zurück, für das Verrtrauen dankend, mit dem Sie mir erlaubten, in den Principien-Wirrwarr auf dem Grunde dieser wunderlichen Bewegung einen Blick zu thun. Doch bitte ich darum, mich fürderhin nicht mehr mit diesen Zusendungen zu bedenken: ich fürchte zuletzt für meine Geduld. Glauben Sie mir: dieses abscheuliche Mitredenwollen noioser Dilettanten über den Werth von Menschen und Rassen, diese Unterwerfung unter "Autoritäten," welche von jedem besonneneren Geiste mit kalter Verachtung abgelehnt werden (z. B. E. Dühring, R. Wagner, Ebrard, Wahrmund, P. de Lagarde—wer von ihnen ist in Fragen der Moral und Historie der unberechtigtste, ungerechteste?), diese beständigen absurden Fälschungen und Zurechtmachungen der vagen Begriffe "germanisch," "semitisch," "arisch," "christlich," "deutsch"—das Alles könnte mich auf die Dauer ernsthaft erzürnen und aus dem ironischen Wohlwollen herausbringen, mit dem ich bisher den tugendhaften Velleitäten und Pharisäismen der jetzigen Deutschen zugesehen habe.

— Und zuletzt, was glauben Sie, das ich empfinde, wenn der Name Zarathustra von Antisemiten in den Mund genommen wird? ...

Ihr ergebenster
Dr. Fr. Nietzsche

Nachlass, Ende 1886—Frühjahr 1887 7[67]:

Neulich hat ein Herr Theodor Fritsch aus Leipzig an mich geschrieben. Es giebt gar keine unverschämtere und stupidere Bande in Deutschland als diese Antisemiten. Ich habe ihm brieflich  zum  Danke  einen  ordentlichen  Fußtritt  versetzt. Dies Gesindel wagt es, den Namen Z
[arathustra] in den Mund zu nehmen! Ekel! Ekel! Ekel!

Nachlass, Sommer 1886—Herbst 1887 5[45]:

Inzwischen hat ein sehr sonderbarer Herr, Namens Theodor Fritsch aus Leipzig mit mir correspondirt: ich konnte nicht umhin, da er zudringlich war, ihm ein paar freundliche Fußtritte zu versetzen. Diese jetzigen "Deutschen" machen mir immer mehr Ekel.

Cannobio, Villa Badia, 14, April 1887: Brief an Franz Overbeck

Lieber Freund,

[....] Es giebt für mich gar nichts Lähmenderes, Entmuthigenderes als hinein in das jetzige Deutschland zu reisen und mir die vielen gutartigen Personen näher anzusehn, welche sich mir "wohlgesinnt" glauben. Einstweilen fehlt eben alles Verständniß für mich; und, wenn mich ein Wahrscheinlichkeits-Schluß nicht trügt, so wird es vor 1901 nicht anders werden. Ich glaube, man hielte mich einfach für toll, wenn ich verlauten ließe, was ich von mir selber halte. Es gehört zu meiner "Humanität," die allgemeine Unklarheit über mich bestehn zu lassen: ich würde meine achtbarsten Freunde gegen mich erbittern und Niemandem damit wohlthun.

[....] (Diesen Winter habe ich mich reichlich in der europäischen Litteratur umgesehn, um jetzt sagen zu können, daß meine philosophische Stellung bei weitem die unabhängigste ist, so sehr ich mich auch als Erbe von mehreren Jahrtausenden fühle: das gegenwärtige Europa hat noch keine Ahnung davon, um welche furchtbaren Entscheidungen mein ganzes Wesen sich dreht, und an welches Rad von Problemen ich gebunden bin—und daß mit mir eine Katastrophe sich vorbereitet, deren Namen ich weiß, aber nicht aussprechen werde.)

[....]

Venedig, 22. Oktober 1887: Brief an Hans von Bülow

Verehrtester Herr,

es gab eine Zeit, wo Sie über ein Stück Musik von mir das allerberechtigste Todesurteil gefällt haben, das in rebus musicis et musicantibus möglich ist. Und nun wage ich es trotz alledem, Ihnen noch einmal etwas zu übersenden—einen Hymnus auf das Leben, von dem ich um so mehr wünsche, daß er leben bleibt. Er soll einmal, in irgendwelcher nahen oder fernen Zukunft, zu meinem Gedächtnisse gesungen werden, zum Gedächtnisse eines Philosophen, der keine Gegenwart gehabt hat und eigentlich nicht einmal hat haben wollen. Verdient er das? ...

Zu alledem wäre es möglich, daß ich in den letzten zehn Jahren auch als Musiker etwas gelernt hätte.

Ihnen, verehrtester Herr, in
alter unveränderlicher
Gesinnung zugetan

Dr. Fr. Nietzsche.
Adresse: Nizza (France) Pension de Genève

Nizza, den 11. November 1887: Brief an Erwin Rohde

Lieber Freund,

es scheint mir, daß ich noch Etwas von diesem Frühjahre her bei Dir gut zu machen habe? Zum Zeichen, daß es mir nicht an gutem Willen dazu fehlt, sende ich hiermit eine eben erschienene Schrift an Dich ab (—vielleicht bin ich Dir dieselbe zu alledem auch schuldig, denn sie steht im engsten Verbande mit jener, welche ich Dir zuletzt übersendete—) Nein, laß Dich nicht zu leicht von mir entfremden! In meinem Alter und in meiner Vereinsamung verliere ich wenigstens die Paar Menschen nicht mehr, zu denen ich einmal Vertrauen gehabt habe.

Dein N.

Nota bene. Über Ms. Taine bitte ich Dich zur Besinnung zu kommen. Solche groben Sachen, wie Du über ihn sagst und denkst, agaçiren mich. Dergleichen vergebe ich dem Prinzen Napoleon; nicht meinem Freunde Rohde. Wer diese Art von strengen und großherzigen Geistern mißversteht (— T[aine] ist heute der Erzieher aller ernsteren wissenschaftlichen Charaktere Frankreichs), von dem glaube ich nicht leicht, daß er etwas von meiner eignen Aufgabe versteht. Aufrichtig, Du hast mir nie ein Wort gesagt, das mir zu vermuthen erlaubte, Du wüßtest, welches Schicksal auf mir liegt. Habe ich Dir je daraus einen Vorwurf gemacht? Nicht einmal in meinem Herzen; und sei es auch nur deshalb, weil ich es überhaupt von Niemandem anders gewohnt bin. Wer wäre mir bisher auch nur mit einem Tausendstel von Leidenschaft und Leiden entgegengekommen! Hat irgend wer auch nur einen Schimmer von dem eigentlichen Grunde meines langen Siechthums errathen, über das ich vielleicht doch noch Herr geworden bin? Ich habe jetzt 43 Jahre hinter mir und bin genau noch so allein, wie ich es als Kind gewesen bin.—
Nizza, 2. Dezember 1887: Brief an Georg Brandes

Verehrter Herr,

ein paar Leser, die man bei sich selbst in Ehren hält und sonst keine Leser—so gehört es in der That zu meinen Wünschen. Was den letzten Theil dieses Wunsches angeht, so sehe ich freilich immer mehr, daß er unerfüllt bleibt. Um so glücklicher bin ich, daß zum "satis sunt pauci" mir die pauci nicht fehlen und nie gefehlt haben. Von den Lebenden unter ihnen nenne ich (um solche zu nennen, die Sie kennen werfen) meinen ausgezeichneten Freund Jakob Burckhardt, Hans von Bülow, Ms. Taine, den Schweizer Dichter Keller; von den Todten den alten Hegelianer Bruno Bauer und Richard Wagner. Es macht mir eine aufrichtige Freude, daß ein solcher guter Europäer und Cultur-Missionär, wie Sie es sind, fürderhin unter sie gehören will: ich danke Ihnen von ganzem Herzen für diesen guten Willen.

Freilich werden Sie dabei Ihre Noth haben. Ich selber zweifle nicht daran, daß meine Schriften irgendworin noch "sehr deutsch" sind. Sie werden das freilich viel stärker empfinden, verwöhnt, wie Sie sind, durch sich selbst, ich meine durch die freie und französisch-anmuthige Art, mit der Sprache umzugehn (eine geselligere Art im Vergleich zu der meinen) Viele Worte haben sich bei mir mit andren Salzen inskrustirt und schmecken mir anders auf der Zunge als meinen Lesern: das kommt hinzu. In der Skala meiner Erleibnisse und Zustände ist das Übergewicht auf Seiten der seltneren ferneren dünneren Tonlagen gegen die normalen mittleren. Auch habe ich (als alter Musikant zu reden, der ich eigentlich bin) ein Ohr für Viertelstöne. Endlich—und das wohl am meisten macht meine Bücher dunkel—es giebt in mir ein Mißtrauen gegen Dialektik, selbst gegen Gründe. Es scheint mir mehr am Muthe, am Stärkegrade seines Muthes gelegen, was ein Mensch bereits für "wahr" hält oder noch nicht ... (Ich habe nur selten den Muth zu dem, was ich eigentlich weiß)

Der Ausdruck "aristokratischer Radikalismus," dessen Sie sich bedienen, ist sehr gut. Das ist, mit Verlaub gesagt, das gescheuteste Wort, das ich bisher über mich gelesen habe. Wie weit mich diese Denkweise schon in Gedanken geführt hat, wie weit sie mich noch führen wird—ich fürchte mich beinahe mir dies vorzustellen. Aber es giebt Wege, die es nicht erlauben, daß man sie rückwärts geht; und so gehe ich vorwärts, weil ich vorwärts muß.

Damit ich meinerseits nichts versäume, was Ihnen den Zugang zu meiner Höhle, will sagen Philosophie erleichtern könnte, soll mein Leipziger Verleger Ihnen meine früheren Schriften en bloc übersenden. Ich empfehle in Sonderheit deren neue Vorreden zu lesen (sie sind fast alle neu herausgegeben) Diese Vorreden möchten, hintereinander gelesen, vielleicht etwas Licht über mich geben, vorausgesetzt, daß ich nicht dunkel an sich (dunkel an und für mich—) bin, als obscurissimus obscurorum vororum ...

Sind sie Musiker? So eben giebt man ein Chorwerk mit Orchester von mir heraus, einen "Hymnus an das Leben." Derselbst ist bestimmt, von meiner Musik übrig zu bleiben und einmal "zu meinem Gedächtniß" gesungen zu werden: angenommen, daß sonst genug von mir übrig bleibt. Sie sehen, mit was für posthumen Gedanken ich lebe. Aber eine Philosophie, wie die meine, ist wie ein Grab—man lebt nicht mehr mit. "Bene vixit, qui bene latuit" ["Wer verborgen gelebt hat, hat gut gelebt" (Ovid: Tristia, 3:4:25)]—so steht auf dem Grabstein des Descartes. Eine Grabschrift, kein Zweifel!

Es ist auch mein Wunsch, Ihnen einmal zu begegnen.

Ihr
Nietzsche

NB. Ich bleibe diesen Winter in Nizza. Meine Sommeradresse ist: Sils-Maria, Oberengadin, Schweiz.— Meine Universitäts-Professur habe ich aufgegeben. Ich bin drei Viertel blind.
Nizza (France), 14. Dezember 1887: Brief an Carl Fuchs

Lieber und werther Freund,

es war ein sehr guter Augenblick, mir einen solchen Brief zu schreiben. Denn ich bin, fast ohne den Willen dazu, aber gemäß einer unerbittlichen Nothwendigkeit, gerade mitten darin, mit Mensch und Ding bei mir abzurechnen und mein ganzes "Bisher" ad acta zu legen. Fast Alles, was ich jetzt thue, ist ein Strich-drunter-ziehn. Die Vehemenz der inneren Schwingungen war erschrecklich, die letzten Jahre hindurch; nunmehr, wo ich zu einer neuen und höheren Form übergehn muß, brauche ich zuallererst eine neue Entfremdung, eine noch höhere Entpersönlichung. Dabei ist es wesentlich, was und wer mir noch bleibt. —

Wie alt ich eigentlich schon bin? Ich weiß es nicht; ebensowenig, wie jung ich noch sein werde.—

Ich betrachte mit Vergnügen Ihr Bild; es scheint mir viel Jugend und Tapferkeit drin zu sein, gemischt, wie es sich ziemt, mit beginnender Weisheit (und weißen Haaren?..)

In Deutschland beschwert man sich stark über meine "Excentricitäten." Aber da man nicht weiß, wo mein Centrum ist, wird man schwerlich darüber die Wahrheit treffen, wo und wann ich bisher "excentrisch" gewesen bin. Zum Beispiel, daß ich Philologe war—damit war ich außerhalb meines Centrum (womit, glücklicher Weise, durchaus nicht gesagt ist, daß ich ein schlechter Philologe war) Insgleichen: heute scheint es mir eine Excentricität, daß ich Wagnerianer gewesen bin. Es war ein über alle Maaßen gefährliches Experiment; jetzt, wo ich weiß, daß ich nicht daran zu Grunde gegangen bin, weiß ich auch, welchen Sinn es für mich gehabt hat—es war meine stärkste Charakter-Probe. Allmählich disciplinirt Einen freilich das Innewendigste zur Einheit zurück; jene Leidenschaft, für die man lange keinen Namen hat, rettet uns aus allen Digressionen und Dispersionen, jene Aufgabe, deren unfreiwilliger Missionär man ist.

— Dergleichen ist sehr schwer aus der Ferne zu verstehn. Meine letzten sehn Jahre waren dadurch über die Maaßen schmerzhaft und gewaltsam. Falls Sie Lust haben sollten, mehr von dieser bösen und problematischen Geschichte zu hören, so seien Ihrer freundschaftlichen Theilnahme die Neuausgaben meiner früheren Schriften empfohlen, insbesondere deren Vorreden. (Anbei bemerkt: mein aus guten Gründen etwas desperater Verleger, der treffliche E. W. Fritzsch in Leipzig, ist bereit, Jedermann diese Neuausgaben auszuhändigen, vorausgesetzt, daß man ihm dafür einen längeren Essai (über "Nietzsche en bloc") verspricht. Die größeren Litteraturblätter, wie Lindau's Nord und Süd, sind reif dafür, einen solchen Essai nöthig zu haben, da eine wirkliche Unruhe und Aufregung über die Bedeutung meiner Litteratur sich bemerkbar macht.

Bisher hat noch Niemand genug Muth und Intelligenz gehabt, mich den lieben Deutschen zu entdecken: meine Probleme sind neu, mein psychologischer Horizont ist bis zum Erschrecken umfänglich, meine Sprache kühn und deutsch, vielleicht giebt es keine gedankenreicheren und unabhängigeren deutschen Bücher als die meinen)

— Der Hymnus gehört auch zu diesem "Strich-drunter-ziehn." Können Sie ihn nicht sich einmal singen lassen? Man hat mir von verschiedenen Seiten schon die Aufführung in Aussicht gestellt (zb. Mottl in Carlsruhe) Seine eigentliche Bestimmung soll freilich sein, einmal "zu meinem Gedächtniß" gesungen zu werden: er soll von mir übrig bleiben, gesetzt, daß ich selbst übrig bleibe.

Behalten Sie mich in guter Erinnerung, mein lieber Herr Doktor: ich danke Ihnen auf das Herzlichste dafür, daß Sie mir auch in der zweiten Hälfte Ihres Jahrhunderts zugethan bleiben wollen.

Ihr Freund
Nietzsche

Nice (France), 20. Dezember 1887: Brief an Carl von Gersdorff

Lieber Freund,

selten in meinem Leben hat mir ein Brief solche Freude gemacht wie der Deinige vom 30. November. Es scheint mir, daß damit Alles zwischen uns auf das Rechtschaffenste und Gründlichste wieder in Ordnung gebracht ist. Ein solches Glück konnte gar nicht auf einen passenderen Zeitpunkt mir aufgespart bleiben, als es der jetzige ist. In einem bedeutenden Sinn steht mein Leben gerade jetzt wie im vollen Mittag: eine Thür schließt sich, eine andre thut sich auf. Was ich nur in den letzten Jahren gethan habe, war ein Abrechnen, Abschließen, Zusammenaddiren von Vergangem, ich bin mit Mensch und Ding nachgerade fertig geworden und habe einen Strich drunter gezogen. Wer und was mir übrig bleiben soll, jetzt wo ich zur eigentlichen Hauptsache meines Daseins übergehn muß (überzugehn verurtheilt bin...) das ist jetzt eine capitale Frage. Denn, unter uns gesagt, die Spannung, in welcher ich lebe, der Druck einer großen Aufgabe und Leidenschaft, ist zu groß, als daß jetzt noch neue Menschen an mich herankommen könnten. Thatsächlich ist die Oede um mich ungeheuer; ich vertrage eigentlich nur noch die ganz Fremden und Zufälligen und, anderseits, die von Altersher und aus der Kindheit mir Zugehörigen. Alles Andre ist abgebröckelt oder auch abgestoßen worden (es gab viel Gewaltsames und Schmerzliches dabei—)

Es bewegte mich, Deinen Brief, und Deine alte Freundschaft darin, gerade jetzt zum Geschenk zu erhalten. Etwas Ähnliches geschah im vorigen Sommer, als plötzlich Deussen im Engadin erschien, den ich 15 Jahre lang nicht gesehn hatte (—er ist der erste Philosophie-Professor Schopenhauerischer Confession und behauptet, daß ich die Ursache seiner Verwandlung sei) Insgleichen bin ich tief dankbar für Alles das, was ich dem Venediger maëstro [Heinrich Köselitz] verdanke. Ich habe ihn fast jedes Jahr besucht und darf Dir ohne jede Übertreibung sagen: er ist in rebus musicis et musicantibus meine einzige Hoffnung, mein Trost und mein Stolz. Denn er ist beinahe aus mir gewachsen: und das, was er jetzt von Musik macht, ist an Höhe und Güte der Seele und an Classicität des Geschmacks weit über Allem, was jetzt sonst von Musik gemacht wird. Daß man sich ablehnend und unanständig gegen ihn verhält und daß er ganze Jahre einer wirklichen Tortur durch Zurückweisungen, Taktlosigkeiten und deutsche Tölpeleien durchgemacht hat, steht dazu nicht im Widerspruch. Aber dies ist die Moral der Geschichte: entweder geht man an den Widerwärtigkeiten des Lebens zu Grunde oder kommt stärker aus ihnen heraus.

Auch Du, mein lieber alter Freund! Du Viel-Geprüfter! wirst diesen Satz unterschreiben können? —

Es scheint mir, daß ich Dir dies Mal einen Geburtstagsbrief geschrieben habe? Ganz wie ehedem, in unsrer "guten alten" Zeit? (Ich bin Dir wirklich nicht einen Augenblick untreu geworden: sage das auch Deiner lieben Frau, zugleich mit meiner angelegentlichen Empfehlung!)

In alter Liebe und
Freundschaft Dein Nietzsche

Eben erschienen, bei E. W. Fritzsch: Hymnus an das Leben. Für gemischten Chor und Orchester componirt von Friedrich Nietzsche. Partitur.— Bitte, lies doch die neue Ausgabe der fröhlichen Wissenschaft:—es ist Einiges zum Lachen darin.
Nizza, Ende Dezember 1887: Brief an Elisabeth Förster-Nietzsche (Entwurf)

Man hat mir inzwischen schwarz auf weiß bewiesen, daß Herr Dr Förster auch   jetzt   noch   nicht   seine  Verbindung mit der antis[emitischen] Bewegung  aufgegeben  hat.  Ein  Leipziger  Tolpatsch  und Biedermeyer (Fritsch, wenn ich mich recht erinnere) unterzog sich dieser Aufgabe,—er übersandte mir bisher regelmäßig, trotz meines energischen Protestes die antis[emitische] Corresp[ondenz] (ich habe nichts Verächtlicheres bisher gelesen als diese Correspondenz) Seitdem habe ich Mühe, erwas von der alten Zärtlichkeit und Schonung wie ich sie gegen Dich so lange gehabt habe zu Deinen Gunsten geltend zu machen, die Trennung zwischen uns ist ja nachgerade damit in der absurdesten Weise festgestellt. Hast Du gar nichts begriffen, wozu ich in der Welt bin?

Willst Du einen Katalog der Gesinnungen die ich als antipodisch empfinde? Du findest sie ganz hübsch bei einander in den "Nachklängen zum P[arsifal]" Deines Gatten; als ich sie las, ging mir als haarsträubende Idee auf, daß Du nichts, nichts von meiner Krankheit begriffen hast, ebenso wenig als mein schmerzhaftes und überraschendstes Erlebniß—daß der Mann, den ich am meisten verehrt hatte, in einer ekelhaften Entartung gradwegs in das überging, was ich immer am meisten verachtet hatte, in den Schwindel mit moralischen und christlichen Idealen.— Jetzt ist so viel erreicht, daß ich mich mit Händen und Füßen gegen die Verwechslung mit der antis[emitischen] Canaille  wehren  muß;  nachdem  meine  eigne  Schwester, meine frühere Schw[ester] wie  neuerdings  wieder  Widemann  zu  dieser  unseligsten  aller Verwechslungen den  Anstoß  gegeben  haben.  Nachdem  ich gar den Namen Z[arathustra] in der antis[emitischen] Correspondenz gelesen habe, ist meine Geduld am Ende—ich bin jetzt gegen die Partei Deines Gatten im Zustand der Notwehr. Diese verfluchten Antisemiten-Fratzen sollen nicht an mein Ideal greifen!!

Daß unser Name durch Deine Ehe mit dieser Bewegung zusammen gemischt ist, was habe ich daran schon gelitten! Du hast die letzten 6 Jahre allen Verstand und alle Rücksicht verloren.

Himmel, was mir das schwer wird!

Ich habe, wie es billig ist, nie von Dir verlangt, daß Du etwas von der Stellung [verstündest], die ich als Ph[ilosoph] zu meiner Zeit einnehme; trotzdem hättest Du, mit ein wenig Instinkt der Liebe, es vermeiden können, so geradewegs Dich bei meinen Antipoden anzusiedeln. Ich denke jetzt über Schwestern ungefähr so, wie Sch[openhauer] dachte,—sie sind überflüssig, sie stiften Unsinn.

Ich genieße als Ergebniß der letzten 10 Jahre, daß [ich] die gutmüthige Illusion verloren habe, als ob irgend Jemand wüßte, worum es sich bei mir handelt. Ich bin Jahre lang in der Nähe des Todes gewesen: nicht eine Ahnung davon bei irgend Jemandem, warum. Und als ich wieder heil wurde und langsam wurde haben fast alle M[enschen] die ich kenne förmlich gewetteifert, meine Genesung durch die beleidigendste Mißhandlung immer wieder in Frage zu stellen:

ich hüte mich nachgerade, mich mit gegenwärtigen M[enschen] einzulassen; denn meine Erinnerung in Betreff fast aller derer, die ich bis jetzt kenne, ist, daß ich von ihnen in den härtesten Zeiten meines Lebens schändlich mißhandelt worden bin

Bis jetzt [habe ich es] freilich Niemandem vergessen, der sich in den letzten 10 Jahren an mir vergriffen hat: [doch lerne ich vielleicht auch das noch,] mein Gedächtniß hat wenig Platz für meine Erlebnisse

es war mir z. B. bisher unmöglich, Overbecks in Basel zu besuchen, weil <ich> es Frau Overbeck nicht vergeben hatte, daß sie sich schmutzige und unwürdige Vorstellungen über ein [Wesen gebildet hatte,] von dem ich ihr selbst gesagt habe, daß es die einzige verwandte Natur ist, der ich bisher im Leben begegnet bin. Dasselbe gilt auch von Malvida und im Grunde von allen meinen alten Bekannten: man hat in diesem Punkte meine Ehre bis diesem Augenblick nicht wieder hergestellt. Der Besuch des vortreffl[ichen] Deussen erinnerte mich an diese Sachlage.

3. Ich habe allzulange aus einer gewissen absurden Gutmüthigkeit vorausgesetzt, daß man ungefähr wisse, worum es sich bei mir handele (z. B. warum ich Jahrelang in der nächsten Nachbarschaft des Todes gelebt habe.) Nun, Schritt für Schritt bin ich hierüber (daß Niemand etwas von mir weiß) wissend geworden; und das Beste ist, daß ich, seitdem ich das weiß, mich besser unbefangener wohlwollender gegen Jedermann gestimmt fühle.

Ich habe mich jetzt in die Lage geschickt, zu der ich mich bisher immer "verurtheilt" fühlte (nämlich nie einen verwandten Laut zu hören) mehr noch, ich habe eben darin das Auszeichnende meiner Lage, meines Problems, meiner neuen Fragestellung begriffen.

Ich lerne er mich in die Lage zu schicken zu der ich mich bisher immer verurtheilt glaubte: nämlich nie einen verwandten Laut zu horen

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