COPYRIGHT NOTICE: The content of this website, including text and images, is the property of The Nietzsche Channel. Reproduction in any form is strictly prohibited. © The Nietzsche Channel. Nietzsches Briefe Ausgewählte Korrespondenz. 1886. Nizza, vermutlich Mitte April 1886: Brief an Carl FuchsWerther und lieber Herr Doktor, glauben Sie daran, auch ohne daß ich es schriftlich bezeuge (was mir meine Augen von Jahr zu Jahr weniger erlauben), daß nicht leicht Jemand Ihren Untersuchungen und Feinheiten mit mehr Theilnahme folgen kann, als ich. Wenn nur "Theilnahme" ausreichte! Aber es fehlt mir an Wissen und Können nach allen den Seiten hin, wo Ihre merkwürdig vielfältige Begabung liegt. Vor allem: es vergehen Jahre, in denen mir Niemand Musik macht, ich selbst eingerechnet. Das Letzte, was ich mir gründlich angeeignet habe, ist Bizet's Carmen, und nicht ohne viele, zum Theil ganz unerlaubte Hintergedanken über alle deutsche Musik (über welche ich beinahe so urtheile wie über alle deutsche Philosophie); außerdem die Musik eines unentdeckten Genie's, welches den Süden liebt wie ich ihn liebe und zur Naivetät des Südens das Bedürfniß und die Gabe der Melodie hat. Der Verfall des melodischen Sinns, den ich bei jeder Berührung mit deutschen Musikern zu riechen glaube, die immer größere Aufmerksamkeit auf die einzelne Gebärde des Affekts (ich glaube, Sie heißen das "Phrase," mein lieber Herr Doktor?), ebenfalls die immer größere Fertigkeit in Vortrage des Einzelnen, in den rhetorischen Kunstmitteln der Musik, in der Schauspieler-Kunst, den Moment so überzeugend wie möglich zu gestalten: das, scheint mir, verträgt sich nicht nur mit einander, es bedingt sich beinahe gegenseitig. Schlimm genug! man muß eben alles Gute in dieser Welt etwas zu theuer kaufen! Das Wagnerische Wort unendliche Melodie drückt die Gefahr, den Verderb des Instinkts und den guten Glauben, das gute Gewissen dabei allerliebst aus. Die rhythmische Zweideutigkeit, so daß man nicht mehr weiß und wissen soll, ob etwas Schwanz oder Kopf ist, ist ohne allen Zweifel ein Kunstmittel, mit dem wunderbare Wirkungen erreicht werden konnen: der "Tristan" ist reich daran, als Symptom einer ganzen Kunst ist und bleibt sie trotzdem das Zeichen der Auflösung. Der Theil wird Herr über das Ganze, die Phrase über die Melodie, der Augenblick über die Zeit (auch das tempo), das Pathos über das Ethos (Charakter, Stil, oder wie es heißen soll), schließlich auch der esprit über den Sinn. Verzeihung! was ich wahrzunehmen glaube, ist eine Veränderung der Perspektive: man sieht das Einzelne viel zu scharf, man sieht das Ganze viel zu stumpf,und man hat den Willen zu dieser Optik in der Musik, vor Allem man hat das Talent dazu! Das aber ist décadence, ein Wort, das wie sich unter uns versteht, nicht verwerfen, sondern nur bezeichnen soll. Ihr Riemann ist mir ein Zeichen davon, ebenso wie Ihr Hans von Bülow, ebenso wie Sie selbst, Sie als der feinsinnigste Interpret von Bedürfnissen und Veränderungen der anima musica, welche, Alles in Allem, zuletzt doch der beste Theil von dem sein mag, was die âme moderne ist. Ich drücke mich verdammt schlecht aus, zum Unterschiede von Ihnen; ich meine, es giebt auch an der décadence eine Unsumme des Anziehendsten, Werthvollsten, Neuesten, Verehrungswürdigsten,unsre moderne Musik zum Beispiel, und wer nur nach der Art der drei eben Genannten ihr treuer und tapferer Apostel ist. Verzeihung, wenn ich noch hinzufüge: wovon ein Decadenz-Geschmack am entferntesten ist, das ist der große Stil: zu dem zum Beispiel der Palazzo Pitti gehört, aber nicht die neunte Symphonie. Der große Stil als die höchste Steigerung der Kunst der Melodie. Endlich ein Wort über eine ganz große theoretische Differenz zwischen uns, nämlich in Anbetracht der antiken Metrik. Freilich: ich darf heute kaum mehr über diese Dinge mitreden,aber 1871 hätte ich's gedurft, welches Jahr ich in der erschrecklichen Lektüre der griechischen und lateinischen Metriker verbraucht habe, mit einem sehr wunderlichen Resultate. Damals fühlte ich mich als den abseits gestelltesten Metriker unter allen Philologen: denn ich demonstrirte meinen Schülern die ganze Entwicklung der Metrik von Bentley bis Westphal als Geschichte eines Grundirrthums. Damals wehrte ich mich mit Händen und Füßen dagegen, daß z. B. ein deutscher Hexameter irgend etwas Verwandtes mit einem griechischen sei. Was ich behauptete war, um bei diesem Beispiele zu bleiben, daß ein Grieche beim Vortrage eines homerischen Verses gar keine andern Accente als die Wortaccente angewendet habe,daß der rhythmische Reiz exakt in den Zeitquantitäten und deren Verhältnissen gelegen habe, und nicht, wie beim deutschen Hexameter, in Hopsasa des Ictus: noch abgesehn davon, daß der deutsche Daktylus auch in der Zeitquantität grundverschieden vom griechischen und lateinischen ist. Denn wir sprechen "Pfingsten, das liebliche Gest, war gekommen, es grünten und blühten" mit dem Gefühle von , vielleicht sogar als Triolen, gewiß aber nicht zweitheilig-feierlich mit einer langen Silbe, welche die Dauer von zwei kurzen hat. Das Strengernehmen der Dauer einer Silbe war es eben, was in der antiken Welt den Vers von der Alltagsrede abhob: was bei uns Nordländern ganz und gar nicht der Fall ist. Es ist uns kaum möglich, eine rein quantitirende Rhythmik nachzufühlen, so sehr sind wir an die Affect-Rhythmik des Stark und Schwach, des crescendo und diminuendo, gewöhnt. Von Bentley aber (der ist der große Neuerer, G. Hermann ist erst der Zweite), ebenso von den deutschen Dichtern, welche antike Metra nachzubilden glaubten, ist ganz unschuldig unsere Art rhythmischer Sinn als einzige und "ewige" Art, als Rhythmik an sich, angesetzt worden: ungefähr wie wir allesammt geneigt sind, unsere Humanitäts- und Mitgefühls-Moral als die Moral zu verstehen und sie in ältere, grundverschiedene Moralen hineinzuinterpretiren. Es ist ja kein Zweifel, daß unsre deutschen Dichter "in antiken Metren" damit vielerlei rhythmische Reize in die Poesie gebracht haben, deren sie ermangelte (das Tiktak unserer Reim-Poeten ist auf die Dauer fürchterlich): aber ein Alter hätte nichts von diesen Zaubern gehört, noch weniger aber geglaubt, dabei seine Metra zu hören. Unter Franzosen versteht man die Möglichkeit einer allein zeit-quantitirenden Metrik schon leichter: sie fühlen die Zahl der Silben als Zeit. Ecco, der längste Brief, den ich seit Jahren geschrieben: nehmen Sie ihn als solchen und auch in jedem andern Verstande als ein Zeichen dafür, daß auch ich "die Dankbarkeit" nicht vergesse, mein werther Herr Doktor, der Sie mich nun schon zwei Mal mit ganz ausgesuchten Gerichten bewirthet haben. Wo um alles in der Welt haben Sie Ihr Talent zum causer en littératur her? ist etwas französisches Blut in Ihren Adern? Schließlich ein Wort des Zorns gegen Ihren Verleger und Drucker. Wie! "Hefte"? Hefte, die nicht haften, die nicht geheftet sind! lucus a non lucendo! Halten Sie diesen Scherz einem alten Philologen zu Gute und bleiben Sie trotzdem wohlgesinnt Ihrem ergebensten Dr. Friedrich Nietzsche, weiland Prof. der klassischen Sprachen, insgleichen der Metrik. Lesen Sie, ich bitte, ein Buch, das Wenige kennen, Augustinus de musica, um zu sehen, wie man damals Horazische Metren verstand und genoß, wie man dabei "taktirte," welche Pausen man einschob u. s. w. (Arsis und Thesis sind bloße Taktirzeichen).
Meine Adresse ist, ein für alle Mal: Naumburg an der Saale. Von da aus wird mir Alles nachgeschickt. Ich selbst bin "unstät und flüchtig" auf Erden |
Sils-Maria, 14. Juli 1886: Brief an Franz OverbeckLieber Freund, auch ich hätte dieses Jahr sehr gern Dich wiedergesehn: aber ich sehe schon, daß es nichts wird. Mein Wille, den Sommer über im Thüringer Wald, den Herbst in München zu verleben, scheitert an der force majeure (oder mineure) meiner Gesundheit. Das Leben im jetzigen Deutschland ist mir gänzlich unzuträglich, es wirkt vergiftend und lähmend auf mich; und meine Menschenverachtung wächst jedes Mal dort in gefährlichen Proportionen. Mit Deinem guten Willen zum "Außerhalb" und "a parte," wie er deutlich aus Deinem Plane der Wohnungsveränderung hervorgeht, bin ich deshalb gründlich einverstanden: Deine Lage in Basel, wahrlich nicht zu beneiden, aber mindestens auch nicht zu bejammern, hat etwas Vorsichtiges und Feines, das Du nicht leicht wo anders wieder finden könntest. Schade, daß dieser Ort mir klimatisch so unmöglich ist: denn mit wem redete ich jetzt lieber meiner Dinge als mit Dir und Burckhardt? Auch bin ich wirklich den Baslern gewogen: und es freut mich immer, einem Basler zu begegnen (wie es dieser Tage wieder der Fall war: und jedes Mal fällt mir auf, wie imprägnirt mit dem Burckhardtschen Geiste und Geschmacke alles ist, was von dorther kommt: natürlich vorausgesetzt, daß etc. etc.) Zuletzt aber danke ich Gott (richtiger: meiner Krankheit, und, zu einem sehr guten Theile, Dir, lieber Freunde!) daß ich nicht mehr dort bin. In einem falschen Milieu leben und seiner Lebensaufgabe ausweichen, wie ich es that, solange ich Philologe und Univesitätslehrer war, richtet mich physisch unfehlbar zu Grunde; und jeder Fortschritt auf meinem Wege hat mich bisher auch der Gesundheit im leiblichsten Sinne näher gebracht. Jede Reise nach Deutschland war deshalb bisher immer ein Rückfall, eine Schwächung meiner Kräfte: leider waren solche Reisen aus diesem oder jenem Grunde immer nöthig. Mit meiner letzten (deren schlimme Nachwirkungen ich bis jetzt noch nicht überwunden habe) bin ich andererseits zufrieden, weil Mehreres durch dieselbe, wenn nicht in Ordnung, so doch in Klarheit gebracht worden ist (und weil, hoffentlich, solche Reisen nunmehr immer seltner werden dürfen) Meine Mutter fand ich, zu meiner großen Beruhigung, heiterer, thätiger und selbstgewisser als je in ihrem hübschen Neste: wir wollen uns kleine Rendez-vous vereinbaren, etwa in der Schweiz, da gegen Naumburg leider sich das Gleiche einwenden läßt, wie gegen Baseles ist mir nachtheilig, von Kindesbeinen an) Beiläufig: mein Zukunftsort wird wahrscheinlich, für Frühling und Sommer, Göschenen sein. Fritzsch hat sich bisher noch nicht mit Schm[eitzner] verständigen können, aber vielleicht kommt es doch noch dazu, da F[ritzsch] großen Werth darauf zu legen scheint, den "ganzen Nietzsche," so wie den ganzen Wagner in seinem Verlag zu haben: eine Nachbarschaft, die auch mir von Grund aus wohlthut. Denn, Alles in Allem gerechnet, war R[ichard] W[agner] der Einzige bisher, mindestens der Erste, der ein Gefühl davon gehabt hat, was es mit mir auf sich habe. (Wovon z. B. Rohde, zu meinem Bedauern, auch nicht die blasseste Vorstellung zu haben scheint, geschweige denn ein Gefühl von Pflicht gegen mich.) In dieser Universitäts-Luft entarten die Besten: ich spüre fortwährend als Hintergrund und letzte Instanz, selbst bei solchen Naturen wie R[ohde] eine verfluchte allgemeine Wurschtigkeit und den vollkommen Mangel an Glauben zu ihrer Sache. Dafür, daß Einer (wie ich) diu noctuque incubando von frühester Jugend an zwischen Problemen lebt und da allein seine Noth und Glück hat, wer hätte dafür ein Mitgefühl! R. Wagner, wie gesagt, hatte es: und deshalb war mir Triebschen eine solche Erholung, während ich jetzt keinen Ort und keine Menschen mehr habe, die zu meiner Erholung taugten. Meine Verhandlungen mit allen möglichen Verlegern haben mir schließlich einen einzigen Ausweg gezeigt, den ich jetzt gehe. Ich mache den Versuch, etwas auf meine Unkosten erscheinen zu lassen: gesetzt, es werden 300 Exemplare verkauft, so habe ich die Kosten heraus und kann das Experiment eventuell wiederholen. Die Firma C. G. Naumann giebt ihren sehr achtungswerthern Namen dazu her. Dies unter uns. Die Vernachlässigung durch Schm[eitzner] war ungeheuer: seit 10 Jahren keine Exemplare an Sortimenter vertheilt, ebenswenig Redaktionsexemplare; nicht einmal ein Commissionslager in Leipzig; keine Anzeigen,kurz, meine Schriften von "Menschlisches Allzumenschliches" an, sind "anecdota." Von "Zarathustra" sind je 60-70 Exemplare verkauft etc. etc. Schm[eitzner]'s Entschuldigung ist immer: daß seit 10 Jahren keiner meiner Freunde mehr den Muth habe, für mich einzutreten. Er will 12500 Mark für meine Schriften. Die Deinigen hofft er in Dresden zu verkaufen, wie Fritzsch erzählt. Geld glücklich angelangt. In Treue Dein Freund N. | Köselitz kündigt mir eben, als sehr wahrscheinlich, für Herbst seine Übersiedlung nach Nizza an; dasselbe that, vor ein paar Wochen, Herr Lanzky. Bis Mitte September bleibe ich hier, wo es nicht an alten Bekannten fehlt, die Mansouroff, die 2 Fynn's, Miß Helen Zimmern u.s.w. u.s.w. Aus München die 2 Gräfinnen Bothmer. Bitte, laß Schm[eitzner] nichts davon merken, daß ich von seinen Verhandlungen mit Fritzsch wieß, ebenso vom schlechten Rufe des Ehrlecke: er benutzt dergleichen als Pressionsmittel gegen mich. Er will nämlich, daß ich selbst ihm die Bücher abkaufe (Brief letzter Woche) |
Sils-Maria, 5. August 1886: Brief an Franz OverbeckLieber Freund, [....] Wenn ich Dir einen Begriff meines Gefühls von Einsamkeit geben könnte! Unter den Lebenden so wenig als unter den Todten habe ich Jemanden, mit dem ich mich verwandt fühlte. Dies ist unbeschreiblich schauerlich; und nur die Übung im Ertragen dieses Gefühls und eine schrittweise Entwicklung desselben von Kindesbeinen an macht mir's begreiflich daß ich daran noch nicht zu Grunde gegangen bin. Im Übrigen liegt die Aufgabe, um deren willen ich lebe, klar vor mirals ein factum von unbeschreiblicher Traurigkeit, aber verklärt durch das Bewußtsein, daß Größe darin ist, wenn je der Aufgabe eines Sterblichen Größe eingewohnt hat. Ich bleibe hier bis Anfang September. Treulich Dein F. N. Sils-Maria, 24. September 1886: Brief an Malwida von MeysenbugVerehrte Freundin. letzter Tag in Sils-Maria; alle Vögel bereits fortgeflogen; der Himmel herbstlich-düster; die Kälte wachsend,also muß der "Einsiedler von Sils-Maria" sich auf den Weg machen. Nach allen Seiten habe ich noch Grüße ausgeschickt, wie Jemand, der auch mit seinen Freunden die Jahres-Abrechnung macht. Dabei ist mir eingefallen, daß Sie seit lange keinen Brief von mir haben. Eine Bitte um Ihre Adresse in Versailles, welche ich brieflich an Fräulein B. Rohr in Basel ausgesprochen hatte, ist mir leider nicht erfüllt worden. So sende ich denn diese Zeilen nach Rom: wohin ich auch vor Kurzem ein Buch adressirt habe. Sein Titel ist "Jenseits von Gut und Böse, Vorspiel einer Philosophie der Zukunft." (Verzeihung! Sie sollen es nicht etwa lesen, noch weniger mir Ihre Empfindungen darüber ausdrükken. Nehmen wir an, daß es gegen das Jahr 2000 gelesen werden darf...) Für Ihre gütige Erkundigung bei meiner Mutter, von der ich dieses Frühjahr hörte, danke ich Ihnen von Herzen. Ich war gerade in übler Verfassung: die Wärme, an die ich Gletscher-Nachbar nicht mehr gewöhnt bin, erdrückte mich beinahe. Dazu fühle ich mich in Deutschland wie von lauter feindlichen Winden angeblasen, ohne irgend welche Lust oder Verpflichtung zu spüren, meinerseits dagegen zu blasen. Es ist einfach ein falsches Milieu für mich, was die Deutschen von heute angeht, geht mich nichts an,was natürlich kein Grund ist, ihnen gram zu sein. So hat sich denn der alte Liszt, der sich auf's Leben und Sterben verstand, nun doch noch gleichsam in die Wagner'sche Sache und Welt hinein begraben lassen: wie als ob er ganz unvermeidlich und unabtrennlich hinzugehörte. Dies hat mir in die Seele Cosima's hinein weh gethan: es ist eine Falschheit mehr um Wagner herum, eins jener fast unüberwindlichen Mißverständnisse, unter denen heute der Ruhm Wagner's wächst und ins Kraut schießt. Nach dem zu urtheilen, was ich bisher von Wagnerianern kennen gelernt habe, scheint mir die heutige Wagnerei eine unbewußte Annäherung an Rom, welche von innen her dasselbe thut, was Bismarck von außen thut. Selbst meine alte Freundin Malvidaah, Sie kennen sie nicht!ist in allen ihren Instinkten grundkatholisch: wozu sogar noch die Gleichgültigkeit gegen Formeln und Dogmen gehört. Nur eine ecclesia militans hat die Intoleranz nöthig; jede tiefe Ruhe und Sicherheit des Glaubens erlaubt die Skepsis, die Milde gegen Andere und Anderes ... Zum Schluß schreibe ich Ihnen ein paar Worte über mich ab, die im "Bund" (16. und 17. Sept.) zu lesen sind. Überschrift: Nietzsche's gefährliches Buch. "Jene Dynamitvorräthe, die beim Bau der Gotthardbahn verwendet wurden, führten die schwarze, auf Todesgefahr deutende Warnungsflagge. Ganz nur in diesem Sinne sprechen wir von dem neuen Buche des Philosophen Nietzsche als von einem gefährlichen Buche. Wir legen in diese Bezeichnung keine Spur von Tadel gegen den Autor und sein Werk, so wenig als jene schwarze Flagge jenen Sprengstoff tadeln sollte. Noch weniger könnte es uns einfallen, den einsamen Denker durch den Hinweis auf die Gefährlichkeit seines Buchs den Kanzelraben und den Altarkrähen auszuliefern. Der geistige Sprengstoff, wie der materielle, kann einem sehr nützlichen Werke dienen; es ist nicht nothwendig, daß er zu verbreicherischen Zwecken mißbraucht werde. Nur thut man gut, wo solcher Stoff lagert, es deutlich zu sagen "Hier liegt Dynamit!" Seien Sie mir also, verehrte Freundin, dafür hübsch dankbar, daß ich mich von Ihnen ein wenig ferne halte! ... Und daß ich mich nicht darum bemühe, Sie auf meine Wege und "Auswege" zu locken. Denn, um nochmals den "Bund" zu citiren: Nietzsche ist der Erste, der einen neuen Ausweg weiß, aber einen so furchtbaren, daß man ordentlich erschrickt, wenn man ihn den einsamen, bisher unbetretenen Pfad wandeln sieht!" ... Kurz und gut, es grüßt Sie von Herzen Der Einsiedler von Sils Maria. | Adresse zunächst: Genova: ferma in posta. |
Nizza, 14. November 1886: Brief an Franz OverbeckLieber Freund, das neue Jahr findet Dich hoffentlich bei guter Gesundheit, auch zufrieden mit der neuen Behausung; in allem Übrigen darf ich ja voraussetzen, daß Alles beim Alten bleibt, da es ja das gute Alte ist: vor Allem Du selbst, mein lieber Freund, den ich nicht erst darum zu bitten brauch, daß mir Dein altes bewährtes und vielfach auf die Probe gestelltes Vertrauen und Wohlwollen auch ins neue Jahr folgen möge. Deinem letzten Brief entnahm ich einige Zuversichtlichkeit mehr, in Hinsicht darauf, daß ich inzwischen in Betreff der Paraguayer Angelegenheit Nein gesagt habe* (ich ärgerte mich im Stillen darüber, daß man mir nicht erspart hat, Nein zu sagen ...) Sonst hat sich Nichts zugetragen, eine Sturmfluth im großen Stile abgerechnet, und viel Krankheit und Melancholie meinerseits, letzteres im ganz kleinen Stile: der bei dergleichen der schlechteste Stil ist. Es gab allerlei noch zu verordnen und auszudenken, um die neue Herausgabe meiner Schriften bei Fritzsch für den Herausgeber so vortheilhaft als möglich zu machen. Jetzt sind die älteren Schriften (bis zur "Morgenröthe") in neuen hübschen Kleidchen, und von mir mit mächtig-langen Vorreden bedacht, zur Versendung fertig und schon versandt. Gestern wurden auch die Vorreden zur "Morgenröthe" und zur "fröhlichen Wissenschaft" von mir druckfertig gemacht; den Schluß der fröhlichen Wissenschaft wird ein Anhang machen mit dem Titel "Lieder des Prinzen Vogelfrei." Diese 5 Vorreden sind vielleicht meine beste Prosa, die ich bisher geschrieben habe; leider steht mir auch gar nichts von Freiexemplaren zur Verfügung. Die Antinomie meiner jetzigen Lage und Existenzform liegt jetzt darin, daß alles das, was ich als philosophus radicalis nöthig habeFreiheit von Beruf, Weib, Kind, Gesellschaft, Vaterland, Glauben u.s.w. u.s.w. ich als ebensoviele Entbehrungen empfinde, insofern ich glücklicher Weise ein lebendiges Wesen und nicht bloß eine Analysirmaschine und ein Objektivations-Apparat bin. Ich muß hinzufügen, daß dieser Gegensatz von Nothwendigem und von Entbehrtem durch den abscheulichen Mangel einer auch nur mittelmäßig soliden Gesundheit auf die Spitze getrieben wird,denn in Momenten der Gesundheit fühle ich jene Entbehrungen weniger hart. Auch weiß ich mir absolut nicht jene 5 Bedingungen zusammen zu bringen, auf denen eine erträgliche Mittlere meiner labilen Gesundheit herzustellen wäre; das Schlimmste aber wäre jedenfalls, wenn ich, um die 5 Bedingungen der Gesundheit zu schaffen, mich der 8 Freiheiten des philosophus radicalis beraubte. Dies scheint mir der objektivste Ausdruck meiner complizirten Lage ... Verzeihung! Oder vielmehr: Du darfst Dich darüber lustig machen! Dir und Deiner lieber Frau mich angelegentlich empfehlend Dein Freund Nietzsche. | *Deinen Vorschlägen hinsichtlich der Gelder vollkommen beipflichtend. |
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