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Nietzsches Briefe

1886

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Franz Overbeck.
Basel, 1885.
From b/w portrait.
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Nizza, Anfang Januar 1886:
Brief (Entwurf) an Franz Overbeck.

1. Ich hörte mit größter Theilnahme von R[ohde]'s Berufung1: aber warum schreibt er gar nicht mehr an mich? Ich habe wenig Geduld für einen ehemaligen Freund übrig und wahrhaftig nicht als Einer, der von Natur ungeduldig und unduldsam wäre.

Aber ich habe diese ganzen 10 Jahre über (wenn ich meinen Freund Overbeck ein für alle Mal ausnehme) allzuviel Blödsinn, Oberflächlichkeit und Anmaßung von Seiten solcher erlebt, welche ich als meine Freunde glaubte. Ich danke dem Himmel, daß ich die Liebe meiner Angehörigen noch habe, nachdem auch diese, unter der Nachwirkung von allerlei "Freundschaftsdiensten",2 wie gefährdet war.

3. Was aber meine ganze Lage betrifft, so erkenne ich gar Niemand mehr für meinen Freund an, der nicht das ungeheure Elend dieser Lage begreift: daß ein Mensch, der für die reichste und umfänglichste Wirksamkeit geboren ist, dermaßen in unfruchtbaren Einöden seine besten Jahre zubringen muß: daß ein Denker wie ich, der sein Bestes niemals in Büchern, sondern immer nur in ausgesuchten Seelen niederlegen kann, gezwungen ist, mit seinen halbblinden schmerzenden Augen "Litteratur zu machen" — es ist Alles so verrückt! so hart!

1. In December 1885, Erwin Rohde received his appointment to Leipzig (he moved there in April 1886) as the successor to Georg Curtius. He worked for a semester before accepting an appointment at the University of Heidelberg.
2. See correspondence from 1882 regarding Lou Salomé and Paul Rée.

 


Grave of Carl and Joseph Nietzsche.
Ca. 1890.
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Nizza, 9. Januar 1886:
Brief an Franz Overbeck.

Lieber Freund,

es gäbe Vielerlei zu erzählen, wäre ich nur "bei besseren Augen." — Ich danke bestens für Deine guten Freundes-Wünsche zum neuen Jahre; insgleichen waren mir die fünf Hundert-Scheine1 sehr willkommen ( — sie ersparten mir den "Gang zum Banquier," den ich hasse und der mich immer krank macht). Es giebt viel in diesem Jahre zu überwinden, zunächst die kommenden Monate, welche für meine Angehörigen nicht minder hart als für mich sind.2 Meine Mutter ist fast in Verzweiflung. — Gestern meldete sie mir das Definitivum in Betreff der Rohdeschen Angelegenheit3: sie knüpft Hoffnungen daran; in der That ist mir Leipzig, das ja beinahe meine Heimat ist, nunmehr, als ein Rendez-vous aller meiner guten Bekannten und Kameraden von Ehedem, doppelt werth geworden. Sie hatte die Nachricht von Heinze's, welche sich in diesem Herbste äußerst herzlich gegen mich benommen haben: auch wollen sie für die Osterferien mir hier in Nizza ihren Besuch machen.4 Dasselbe hat Herr Lanzky5 in Vallombrosa versprochen (ich habe alle Gründe dankbar zu sein, daß ein Mensch wie L[anzky], ein merkwürdig edler und feiner Charakter, wenn auch leider kein "Geist" — mir begegnet ist: auf die Dauer wird er wahrscheinlich so etwas wie meine "praktische Vernunft," als Ökonom, Gesundheitsrath und dergleichen) Aus dem beiliegenden Briefe6 Köselitzens, den ich Dir mittheile, weil er seine Situation ganz klar macht — wirst Du ersehen, daß auch noch andre Besuche in Nizza in Aussicht stehen. Herr Widemann hat meiner Mutter den Wunsch ausgedrückt, ein paar Jahre in meiner Nähe leben zu können; ich gestehe, daß ich meine Bedenken hatte — Du wirst aber dem Briefe K[öselitz]s entnehmen, daß es vielleicht Gründe giebt, guten Muths hierin zu sein. Daß K[öselitz] seine korsische Oper7 (zu der ich ihm im letzten Sommer den Entwurf geschickt habe — er war entzückt davon) hier in Angriff nimmt, ist mein Wunsch; ich thue unter der Hand dies und jenes, um es zu ermöglichen. Schließlich halte ich die Hoffnung fest, daß meine drei Damen, die mir rührend zugethan sind, mes dames Fynn et Manshouroff ebenfalls hierher kommen.8 Man hat gar nicht so die Wahl, sich zu verlassen, wenn man sich erst gefunden hat: man trifft sie gar zu selten, diese vornehmen und zarten Seelen, mit denen man umgehn kann, ohne, wie gewöhnlich, sich Zwang anthun zu müssen. Jetzt sind sie in England. — Ich schrieb von meinem "Experimentiren": nun, dem Himmel sei Dank, daß ich's wagte und mich nicht wieder in die Marter des letzten Winters einspannte, an deren Nachwirkung ich noch ein halbes Jahr beinahe krank war. Alles, was hier von Basel ist, kommt mir dabei zu Hülfe, ebenso herzlich als respektvoll, wie es zur Basler Art gehört. Das Wetter ist unbeschreiblich schön, Woche für Woche; der Himmel leuchtend rein von früh bis Abend.

Erzähle Deiner lieben Frau, daß ich ein Jugendwerk Bizet's gehört habe, die Orchestersuite Roma9 (der arme B[izet] selber hat sie nicht zu hören bekommen!) Anziehend-naiv und raffinirt zugleich, wie Alles von diesem letzten Meister der französischen Musik. — Von Herzen Dein Freund

N.

Ich habe, als erste Verwendung der Schmeitznerschen Gelder, das Grab meines Vaters mit einer großen Marmorplatte bedecken lassen. (Es wird nach dem Wunsche meiner Mutter, einstmals auch ihr Grab sein.)10

1. Overbeck sent Nietzsche his pension.
2. Regarding Elisabeth Förster-Nietzsche and her anti-Semitic husband Bernhard Förster moving to Paraguay.
3. In December 1885, Erwin Rohde received his appointment to Leipzig (he moved there in April 1886) as the successor to Georg Curtius. He worked for a semester before accepting an appointment at the University of Heidelberg.
4. Max Heinze (1835-1909): Nietzsche's former teacher and tutor at Pforta, who in 1875 became professor of philosophy at Leipzig. Heinze was visiting Nice in April.
5. Paul Lanzky (1852-a. 1940): German poet and former editor of La Rivista Europea. See his entry in Nietzsche's Library.
6. See 01-05-1886 letter from Heinrich Köselitz.
7. Köselitz's unfinished opera "Marianna" was produced after Nietzsche had suggested he follow the story of Marianna Pozzo di Gorgo related by Ferdinand Gregorovius. In August 1885, Nietzsche sent Köselitz a copy of Gregorovius' Corsica. Bd. 2. Stuttgart: Cotta, 1878 (for the story, see pp. 196-198). For more information, see Frederick R. Love, Nietzsche's Saint Peter. Genesis and Cultivation of an Illusion. Berlin; New York: de Gruyter, 1981, 109-111.
8. Mrs. Emily Fynn, her daughter Emily, and Zina de Mansouroff (1830-1889).
9. Nietzsche heard it performed in Monte Carlo (see 01-24-1886 letter to Heinrich Köselitz).
10. In October 1885, Nietzsche received 5600 marks from a legal settlement with Schmeitzner. The grave inscription reads: "Hier / ruht in Gott / Carl Ludwig / Nietzsche / Pfarrer zu Röcken / Michlitz und Bothfeld / geboren 11. October 1813 / gestorben am 30. Juli 1849 / Ihm folgte in die Ewigkeit nach / sein jüngster Sohn / Ludwig Joseph / Nietzsche / geboren 27. Februar 1848 / gestorben 4. Januar 1850 / Die Liebe höret nimmer auf. / 1. Cor. 13.8." (Here / rests in God / Carl Ludwig / Nietzsche / Pastor of Röcken / Michlitz and Bothfeld / born 11 October 1813 / died 30 July 1849 / Whereupon followed him into eternity / his youngest son / Ludwig Joseph / born 27 February 1848 / died 4 January 1850 / Charity never faileth / 1 Cor. 13, 8.) Read about the grave's restoration.

 


Elisabeth Nietzsche.
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Nizza, 7. Februar 1886:
Brief an Elisabeth Förster-Nietzsche.

Mein liebes altes Lama,

soeben kommt Dein hübscher und lustiger Vorschlag,1 und wenn er irgendwie dazu dient, Deinem Herrn Gemahl eine gute Meinung über den unverbesserlichen Europäer und Anti-Antisemiten, Deinen ganz unmaßgeblichen Bruder und Eckensteher Fritz beizubringen (obwohl er gewiß jetzt Anderes zu thun hat, um sich über mich zu "bekümmern"), so will ich gern in die Fußstapfen von Fräulein Alwinchen2 treten und ersuche Dich angelegentlich, unter gleichen Verhältnissen und Bedingungen mich zum südamerikanischen Grundbesitzer zu machen: mit der ausdrücklichen Variation, daß das Stückchen Erde nicht Friedrichsland oder Friedrichshain heißt (weil ich zunächst noch nicht daselbst "sterben und begrabbelt-grabbelt sein" möchte), sondern, zur Erinnerung daran, wie ich Dich getauft habe — Lamaland.

Ernstlich geredet: ich würde Dir Alles schicken, was ich habe, wenn es helfen könnte, Dich bald wieder zurück zu führen. Im Grunde sind alle Menschen, die Dich kennen und lieben, dieser Meinung, daß es dreitausend Mal besser wäre, dieses ganze Experiment bliebe Dir erspart. Selbst wenn man noch so sehr jenes Land als geeignet zur deutschen Colonisation3 befinden sollte, so will doch Niemand zugeben, daß Ihr Beide gerade die Colonisten sein müßtet: dies erscheint vielmehr als willkürlich, verzeih den Ausdruck, überdies als gefährlich, zumal für ein Lama, das an eine sanfte Cultur gewöhnt ist und in ihr auch am besten gedeiht und herumspringt. Diese ganze Erhitzung von Gefühlen, wie sie hinter der ganzen Geschichte als Ursachen liegen, ist eigentlich schon für ein Lama (genauer: für unsern eigentlichen Familien-"Typ," der seine Kunst im Versöhnen zwischen Contrasten hat) zu tropisch, nach meiner Meinung sogar nicht einmal gesund: man bleibt hübscher und jünger, wenn man nicht haßt und nicht argwöhnt —. Zuletzt will es mir immer scheinen, daß Deine Natur sich selbst für eine eigentlich deutschthümliche Bestrebung hier in Europa nützlicher erweisen könne als dort: gerade als Gattin des Dr. Förster, der, wie ich beim Lesen seines Erziehungs-Aufsatzes wieder einmal empfand, eigentlich zum Erziehungsdirektor einer Art Schnepfenthal4 eine natürliche Mission hat — und nicht, verzeihe es Deinem Bruder, zum Agitator in einer zu drei Viertel schlimmen und schmutzigen Bewegung.5 Was in Deutschland jetzt dringend noththut, sind eben unabhängige Erziehungsanstalten, welche der Staats-Sklaven-Drillung sich durch die That entgegensetzen. Das Vertrauen, welches Dr. Förster bei dem norddeutschen Adel genießt, schiene mir ausreichend Bürgschaft dafür zu geben, daß eine solche Art Schnepfenthal oder Hofwyl6 (Du erinnerst Dich? der Ort, wo der alte Vischer7 gebildet war) unter seiner Leitung Glück machte. Aber dort drüben, unter Bauern, in der Nähe von unmöglich gewordenen vielleicht verbitterten und vergifteten Deutschen — genug, hier ist ein weites Feld zu Besorgnissen. Das dumme große Meer dazwischen! und bei jedem Orkane, von dem Meldung hierher kommt, ärgert sich Dein Bruder und fragt sich, wie um Alles in der Welt das Lama darauf gerathen ist, sich in ein solches Abenteuer zu stürzen. Ich nehme mich zusammen, so gut es geht, aber eine Melancholie sonder Gleichen wird alle Tage und besonders des Abends über mich Herr, — immer deshalb, weil das Lama davon läuft und ganz die Tradition ihres Bruders aufgiebt. — Eben meldet mir der Hofkapellmeister in Carlsruhe (dem ich auf den Wunsch des armen K[öselitz] geschrieben hatte) meine Empfehlung ("die Empfehlung eines von mir enthusiastisch verehrten Mannes") erwecke bei ihm für das Werk8 das günstigste Vorurtheil; und indem ich mich von Herzen darüber freue, fällt mir ein, daß Ihr sagen werdet "es ist doch nur ein Jude!" Das, meine ich, drückt es aus, wie das Lama herausgesprungen ist aus der Tradition des Bruders: — wir freuen uns nicht mehr über das Gleiche. — Inzwischen, es hilft nichts, das Leben ist ein Experiment, man mag thun, was man will, man zahlt es zu theuer: vorwärts, mein liebes altes Lama! Und tapferen Muth zu dem was beschlossen ist!

Dein F.

1. The purchase of land in Paraguay for 300 marks.
2. Alwine Förster, Bernhard Förster's sister.
3. Förster's plan to found his disasterous settlement "Nueva Germania."
4. A school founded in 1784 by C. G. Salzmann in the Thuringian Forest.
5. The anti-Semitic movement.
6. A school near Bern founded in 1804 by P. E. Fellenberg.
7. Wilhelm Vischer-Bilfinger (1808-1874): philologist at Basel.
8. Felix Mottl (1856-1911): Austrian conductor and composer, who was working in Karlsruhe at the time. Nietzsche wrote to Mottl on 01-06-1886 to assist Heinrich Köselitz, who was trying to get his opera, "Der Löwe von Venedig" (The Lion of Venice) produced. For more information on Köselitz, see Frederick R. Love's, Nietzsche's Saint Peter. Genesis and Cultivation of an Illusion. Berlin; New York: de Gruyter, 1981. [Series: Band 5. Monographien und Texte zur Nietzsche-Forschung.]

 



Erwin Rohde.
As an older man.
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Nice, 23. Februar 1886:
Brief an Erwin Rohde.

Lieber alter Freund,

meine Mutter hat mir kürzlich Deine Berufung nach Leipzig1 gemeldet: ich habe lange keine solche Freude gehabt, wie bei dieser Nachricht! Seitdem male ich mir immer und immer wieder aus, daß dieses Jahr uns zusammen bringen muß.2 Vielleicht, daß es sich schon für den Frühling einrichten läßt; und am Allerliebsten wäre ich bei Deiner Einführung Augen-, Ohren und Herzenszeuge. Ich kann es gar nicht ausdrücken, wie sehr mich diese Hoffnung streichelt und erquickt. Vorigen Herbst war ich etwas in Leipzig,3 wie zum Vorgeschmack: ach, still, versteckt beinahe, fast immer für mich, aber wie von lauter Erinnerungen an Dich und unsre alte Gemeinschaft an diesem Orte4 gewärmt. Der Zufall wollte, daß ich etwas von dem Projekt, das Dich betraf, zu hören bekam: unmittelbar vor der Sitzung, in der die ganze Angelegenheit zum ersten Male ins Auge gefaßt wurde, war ich mit Heinze5 und Zarncke6 zusammen. Mir ist es wie ein Traum, daß ich auch einmal so eine Art von hoffnungsvollem Thiere gewesen bin, philologus inter philologos.7 Es hat sich nichts erfüllt: oder, wie Ihr vielleicht unter Euch jetzt sagt, "er hat nichts erfüllt." Zu alledem bin ich an Freunden nicht reicher geworden: das Leben hat mir die Pflicht immer mehr mit der furchtbaren Nebenbedingung ihrer einsamen Erfüllung vorgestellt. Es ist schwer, mir nachzufühlen; ich setze beinahe voraus, selbst bei Bekannten, jetzt im Groben mißverstanden zu sein und bin für jede Art Feinheit der Interpretation, ja für den guten Willen zur Feinheit schon von Herzen erkenntlich. Ich bin ein Esel, es ist kein Zweifel. Alter lieber Freund Rohde, es scheint mir, Du verstehst Dich besser auf das Leben, dadurch daß Du Dich hineingestellt hast; während ich es immer mehr von Ferne sehe — vielleicht auch immer deutlicher, immer schrecklicher, immer umfänglicher, immer anziehender. Aber wehe mir, wenn ich einmal diese Entfremdung nicht mehr aushalte! Man wird alt, man wird sehnsüchtig, schon jetzt habe ich, wie jener König Saul, Musik nöthig — der Himmel hat mir zum Glück auch eine Art David geschenkt.8 Ein Mensch, der mir gleich geartet ist, profondement triste, kann es auf die Dauer nicht mit Wagnerischer Musik aushalten. Wir haben Süden, Sonne "um jeden Preis," helle, harmlose, unschuldige Mozartische Glücklichkeit und Zärtlichkeit in Tönen nöthig. Eigentlich sollte ich auch Menschen um mich haben, von derselben Beschaffenheit, wie diese Musik ist, die ich liebe: solche, bei denen man etwas von sich ausruht und über sich lachen kann. Aber nicht Jeder kann suchen, der finden möchte — da sitze ich denn und warte und es kommt nichts, und schon weiß ich nichts Besseres als meinem alten Freunde davon zu erzählen, daß ich allein bin.

Vor mir liegt Dein letzter Brief, es ist möglich daß ich eben erst auf ihn antworte, obwohl ein ziemliches Stück Zeit dazwischen weggeflossen ist (der Brief ist vom 22 Dezember 1883) Nimm fürlieb mit Deinem schweigsamen Freunde, der es in vielem Betrachte schwer hat und sich davor fürchten gelernt hat, den Mund aufzumachen. Ehe man sich's versieht, fährt eine Klage heraus, — und es giebt nichts Dümmeres auf Erden als klagen. Es erniedrigt uns, selbst bei den besten Freunden.

Gieb mir ein Wort hierher, zum Beweise dafür, daß Du mich noch lieb hast, alter Freund Rohde. Und nochmals, ich freue mich über Dein Glück mehr als über mein eigenes. Grüße Deine Frau von dem unbekannten Bär und Einsiedler und streichle Deine Kinder in meinem Namen. In Liebe

Dein getreuer Freund
Nietzsche.

1. In December 1885, Erwin Rohde received his appointment to Leipzig (he moved there in April 1886) as the successor to Georg Curtius. He worked for a semester before accepting an appointment at the University of Heidelberg.
2. Nietzsche and Rohde met for the last time in May 1886.
3. September-October 1885.
4. A reference to his idyllic time spent together with Rohde as students in Leipzig. Nietzsche wrote about those days: " ... I now think of that entire time with great pleaure and often recall the image of those cheerful evenings in the clubhouse or those peaceful hours on a charming bend of the Pleisse, which as artists we both enjoyed together, momentarily released from the impulses of the restless will to life and dedicated to pure contemplation." See Nietzsche's autobiographical work, "Retrospect on My Two Years at Leipzig." In: Nietzsche's Writings as a Student, 136.
5. Max Heinze (1835-1909): Nietzsche's former teacher and tutor at Pforta, who in 1875 became professor of philosophy at Leipzig.
6. Friedrich Zarncke (1825-1891): philologist, and editor of the Literarisches Centralblatt für Deutschland, for which Nietzsche wrote eight book reviews.
7. "A philologist among philologists."
8. Cf. 1 Samuel 16:14-23. The "man" was Heinrich Köselitz.

 



Hermann Credner.
From b/w portrait.
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Nice, 25. März 1886:
Brief an Franz Overbeck.

Lieber Freund,

Daß ungefähr zu gleicher Zeit, wo Du an mich schriebst, meine Gedanken bei Dir in Basel waren, wird Dir ein vorgestern an Dich abgesandtes rothes Heft1 verrathen: — wie schön wäre es, über dergleichen curiosa hübsch miteinander, beieinander lachen (selbst sich ärgern) zu können! Ach, die dumme Gesundheit, die Einen von seinen Freunden fern hält! Die Nachrichten über Deine eigne Gesundheit (aus beiden letzten Briefen), auch über Deine Augen, lassen mich es bewundern, wie tapfer Du Dich eigentlich dort in Basel durchschlägst. Aber freilich, Du hast es, Dank Deiner Frau, eben hundert Male besser als ich: Ihr habt zusammen ein Nest — und ich habe höchstens eine Höhle, ich mag mich drehn und wenden wie ich will. Man sagt mir hier, daß ich den ganzen Winter, trotz vielfacher Beschwerniß, immer "bei glänzender Laune" gewesen sei; ich selber sage mir, daß ich den ganzen Winter profondement triste, torturirt von meinen Problemen bei Tag und Nacht, eigentlich noch mehr höllenmäßig als höhlenmäßig gelebt habe — und daß ich den gelegentlichen Verkehr mit Menschen wie ein Fest, wie eine Erlösung von "mir" fühle. Das große Mißverständnis der Heiterkeit! Die brave Malvida, die mit ihrer rosigen Oberflächlichkeit sich in einem schweren Leben immer "obenauf" gehalten hat, schrieb mir einmal,2 zu meinem bittersten Vergnügen, daß sie, aus meinem Zarathustra heraus, schon den "heitren Tempel winken" sehe, den ich auf diesem Fundamente aufbauen werde. Nun, es ist einfach zum Todt-lachen; und ich gebe mich nachgerade damit zufrieden, daß man mir nicht zusieht und ansieht, an was für einem "Tempel" ich baue. —

Erholung, lieber alter Freund, nichts als Erholung habe ich auch jetzt wieder nöthig: aber sie ist immer schwerer zu schaffen. — Die erquickliche leichte Musik Köselitzens gehört dahin: was bin ich diesem Glücksfunde meines Lebens dankbar! (Aber warum hast Du mir nichts über den Brief K[öselitzen]'s gesagt, den ich dem letzten Briefe an Dich beigelegt hatte? Hoffentlich ist nichts verloren gegangen? Ich schrieb gleich nach dem Eintreffen des letzten Geldes;3 seitdem hörte ich nichts von Dir). Es ist dem Armen mit Wien wie mit Dresden mißrathen; er bat mich, etwas zu seinen Gunsten bei Mottl in Carlsruhe zu versuchen.4 Letzterer, obschon mir persönlich unbekannt, hat inzwischen sehr artig an mich geschrieben: er lege den größten Werth auf meine Empfehlung ("die Empfehlung eines von mir enthusiastisch verehrten Mannes") Hoffentlich bleibt es nicht bei Worten. — Was Du von Deinen litterarischen Absichten5 schreibst, macht mir rechte Freude. Ich lese Dich so gern, selbst noch abgesehn von dem, was man durch Dich lernt. Du verschlingst so artig Deine Gedanken, ich möchte fast sagen, listig, als ein Mensch der nuances, der Du bist. Der Himmel segne Dich dafür, in einem Zeitalter, das täglich plumper wird. —

Inzwischen hat man sich bemüht, mich zur Wiederaufnahme meiner akademischen Thätigkeit anzureizen. Ich soll durchaus culturgeschichtliche Collegien lesen. — Sonderbar! Rein als Frage der Erholung ist mir dieser Gedanke sogar recht geläufig. Aber es giebt eine Verrechnung dabei.

Bitte, sende mir, sobald Du kannst, das flügge werdende Geld hierher (zur Hälfte französisch, zur Hälfte italiänisch, wofern dies möglich ist und Dir keine Mühe macht). Ich bleibe hier bis zum 13. April. Meine Augen erlauben es nicht länger. Nachher wahrscheinlich Venedig, mit seinem Gäßchen-Dunkel; dann Engadin; im Herbst muß ich meiner alten armen Mutter etwas Trost zusprechen.

Herr Credner6 ist bereit, "einen zweiten Band7 der 'Morgenröthe' in Verlag zu nehmen," und hat mir brieflich angezeigt, daß er wünsche, "unter meine Verehrer gerechnet zu werden." Solchen Glauben in Israel habe ich noch nicht gefunden. Trotzdem — — —

Ach, wie Vieles gäbe es zu sagen und zu berathschlagen, lieber Freund! Empfiehl mich angelegentlich Deiner Frau und ihren Angehörigen. Dieses Jahr wird mich auch einmal nach München bringen. —

Treulich Dein Freund Nietzsche.

(Sehr in Arbeit. Sei übrigens unbesorgt, es wird keinen zweiten Band "Morgenröthe" geben. —)8

1. In an 03-03-86 letter to Nietzsche, the anti-Semite Julius Langbehn (1851-1907) enclosed a sample of his writings ("Gedanken und Gespräche"), which, perhaps, could be the red notebook referred to by Nietzsche.
2. Unknown letter.
3. Overbeck sent Nietzsche his pension.
4. Felix Mottl (1856-1911): Austrian conductor and composer, who was working in Karlsruhe at the time. Nietzsche wrote to Mottl on 01-06-1886 to assist Heinrich Köselitz, who was trying to get his opera, "Der Löwe von Venedig" (The Lion of Venice) produced. For more information on Köselitz, see Frederick R. Love's, Nietzsche's Saint Peter. Genesis and Cultivation of an Illusion. Berlin; New York: de Gruyter, 1981. [Series: Band 5. Monographien und Texte zur Nietzsche-Forschung.]
5. Overbeck was working on a series of essays entitled "Patristic Studies" that were never published.
6. Hermann Credner (1842-1924): German publisher who took over Veit & Comp. in 1876.
7. The volume that eventually became Beyond Good and Evil.
8. Ibid.

 


Cover of:
Carmen. Dramma lirico in 4 atti. Di Giorgio Bizet. Riduzione per canto e pianoforte.
Milano; Paris: Sonzogno, n.d.
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Nizza, vermutlich Mitte April 1886:
Brief an Carl Fuchs.

Werther und lieber Herr Doktor,

glauben Sie daran, auch ohne daß ich es schriftlich bezeuge (was mir meine Augen von Jahr zu Jahr weniger erlauben —), daß nicht leicht Jemand Ihren Untersuchungen und Feinheiten mit mehr Theilnahme folgen kann, als ich. Wenn nur "Theilnahme" ausreichte! Aber es fehlt mir an Wissen und Können nach allen den Seiten hin, wo Ihre merkwürdig vielfältige Begabung liegt. Vor allem: es vergehen Jahre, in denen mir Niemand Musik macht, ich selbst eingerechnet. Das Letzte, was ich mir gründlich angeeignet habe, ist Bizet's Carmen,1 — und nicht ohne viele, zum Theil ganz unerlaubte Hintergedanken über alle deutsche Musik (über welche ich beinahe so urtheile wie über alle deutsche Philosophie); außerdem die Musik eines unentdeckten Genies, welches den Süden liebt wie ich ihn liebe und zur Naivetät des Südens das Bedürfniß und die Gabe der Melodie hat. Der Verfall des melodischen Sinns, den ich bei jeder Berührung mit deutschen Musikern zu riechen glaube, die immer größere Aufmerksamkeit auf die einzelne Gebärde des Affekts (ich glaube, Sie heißen das "Phrase,"2 mein lieber Herr Doktor?), ebenfalls die immer größere Fertigkeit im Vortrage des Einzelnen, in den rhetorischen Kunstmitteln der Musik, in der Schauspieler-Kunst, den Moment so überzeugend wie möglich zu gestalten: das, scheint mir, verträgt sich nicht nur mit einander, es bedingt sich beinahe gegenseitig. Schlimm genug! man muß eben alles Gute in dieser Welt etwas zu theuer kaufen! Das Wagnerische Wort "unendliche Melodie"3 drückt die Gefahr, den Verderb des Instinkts und den guten Glauben, das gute Gewissen dabei allerliebst aus. Die rhythmische Zweideutigkeit, so daß man nicht mehr weiß und wissen soll, ob etwas Schwanz oder Kopf ist, ist ohne allen Zweifel ein Kunstmittel, mit dem wunderbare Wirkungen erreicht werden können: der "Tristan"4 ist reich daran —, als Symptom einer ganzen Kunst ist und bleibt sie trotzdem das Zeichen der Auflösung. Der Theil wird Herr über das Ganze, die Phrase über die Melodie, der Augenblick über die Zeit (auch das tempo), das Pathos über das Ethos (Charakter, Stil, oder wie es heißen soll —), schließlich auch der esprit über den "Sinn." Verzeihung! was ich wahrzunehmen glaube, ist eine Veränderung der Perspektive: man sieht das Einzelne viel zu scharf, man sieht das Ganze viel zu stumpf, — und man hat den Willen zu dieser Optik in der Musik, vor Allem man hat das Talent dazu! Das aber ist décadence, ein Wort, das, wie sich unter uns von selbst versteht, nicht verwerfen, sondern nur bezeichnen soll. Ihr Riemann5 ist mir ein Zeichen davon, eben so wie Ihr Hans von Bülow, ebenso wie Sie selbst, Sie als der feinsinnigste Interpret von Bedürfnissen und Veränderungen der anima musica, welche, Alles in Allem, zuletzt doch der beste Theil von dem sein mag, was die âme moderne ist. Ich drücke mich verdammt schlecht aus, zum Unterschiede von Ihnen; ich meine, es giebt auch an der décadence eine Unsumme des Anziehendsten, Werthvollsten, Neuesten, Verehrungswürdigsten, — unsre moderne Musik zum Beispiel, und wer nur nach der Art der drei eben Genannten ihr treuer und tapferer Apostel ist. Verzeihung, wenn ich noch hinzufüge: wovon ein Decadenz-Geschmack am entferntesten ist, das ist der große Stil: zu dem zum Beispiel der Palazzo Pitti6 gehört, aber nicht die neunte Symphonie.7 Der große Stil als die höchste Steigerung der Kunst der Melodie. —

Endlich ein Wort über eine ganz große theoretische Differenz zwischen uns, nämlich in Anbetracht der antiken Metrik. Freilich: ich darf heute kaum mehr über diese Dinge mitreden, — aber 1871 hätte ich's gedurft, welches Jahr ich in der erschrecklichen Lektüre der griechischen und lateinischen Metriker verbracht habe, mit einem sehr wunderlichen Resultate.8 Damals fühlte ich mich als den abseits gestelltesten Metriker unter allen Philologen: denn ich demonstrirte meinen Schülern die ganze Entwicklung der Metrik von Bentley9 bis Westphal10 als Geschichte eines Grundirrthums. Damals wehrte ich mich mit Händen und Füßen dagegen, daß z. B. ein deutscher Hexameter irgend etwas Verwandtes mit einem griechischen sei. Was ich behauptete war, um bei diesem Beispiele zu bleiben, daß ein Grieche beim Vortrage eines homerischen Verses gar keine andern Accente als die Wortaccente angewendet habe, — daß der rhythmische Reiz exakt in den Zeitquantitäten und deren Verhältnissen gelegen habe, und nicht, wie beim deutschen Hexameter, im Hopsasa des Ictus: noch abgesehn davon, daß der deutsche Daktylus auch in der Zeitquantität grundverschieden vom griechischen und lateinischen ist. Denn wir sprechen "Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen, es grünten und blühten"11 mit dem Gefühle von , vielleicht sogar als Triolen, gewiß aber nicht zweitheilig-feierlich mit einer langen Silbe, welche die Dauer von zwei kurzen hat. Das Strengernehmen der Dauer einer Silbe war es eben, was in der antiken Welt den Vers von der Alltagsrede abhob: was bei uns Nordländern ganz und gar nicht der Fall ist. Es ist uns kaum möglich, eine rein quantitirende Rhythmik nachzufühlen, so sehr sind wir an die Affekt-Rhythmik des Stark und Schwach, des crescendo und diminuendo, gewöhnt. Von Bentley aber (der ist der große Neuerer, G. Hermann12 ist erst der Zweite), ebenso von den deutschen Dichtern, welche antike Metra nachzubilden glaubten, ist ganz unschuldig unsre Art rhythmischer Sinn als einzige und "ewige" Art, als Rhythmik an sich, angesetzt worden: ungefähr wie wir allesammt geneigt sind, unsrer Humanitäts- und Mitgefühls-Moral als die Moral zu verstehen und sie in ältere, grundverschiedene Moralen hineinzu-interpretiren. Es ist ja kein Zweifel, daß unsre deutschen Dichter "in antiken Metren" damit vielerlei rhythmische Reize in die Poesie gebracht haben, deren sie ermangelte (das Tiktak unsrer Reim-Poeten ist auf die Dauer fürchterlich): aber ein Alter hätte nichts von diesen Zaubern gehört, noch weniger aber geglaubt, dabei seine Metra zu hören. — Unter Franzosen versteht man die Möglichkeit einer allein zeit-quantitirenden Metrik schon leichter: sie fühlen die Zahl der Silben als Zeit. — Ecco, der längste Brief, den ich seit Jahren geschrieben: nehmen Sie ihn als solchen und auch in jedem andern Verstande als ein Zeichen dafür, daß auch ich "die Dankbarkeit" nicht vergesse, mein werther Herr Doctor, der Sie mich nun schon zwei Mal mit ganz ausgesuchten Gerichten bewirthet haben. — Wo um alles in der Welt haben Sie Ihr Talent zum causer en litterature her? ist etwas französisches Blut in Ihren Adern? —

Schließlich ein Wort des Zorns gegen Ihren Verleger13 und Drucker. Wie! "Hefte"? Hefte, die nicht haften, die nicht geheftet sind! lucus a non lucendo!14 Halten Sie diesen Scherz einem alten Philologen zu Gute und bleiben Sie trotzdem wohlgesinnt

Ihrem ergebensten
Dr. Friedrich Nietzsche,
weiland Prof. der klassischen
Sprachen, insgleichen der Metrik.

Lesen Sie, ich bitte, ein Buch, das Wenige kennen, Augustinus de musica,15 um zu sehen, wie man damals Horazische Metren verstand und genoß, wie man dabei "taktirte," welche Pausen man einschob u. s. w. (Arsis und Thesis sind bloße Taktirzeichen).

Meine Adresse ist, ein für alle Mal: Naumburg an der Saale. Von da aus wird mir Alles nachgeschickt. Ich selbst bin "unstät und flüchtig" auf Erden — —

1. Carmen, opera by the French composer Georges Bizet (1838-1875). On January 5, 1882, Nietzsche sent Heinrich Köselitz a marked-up edition of Bizet's score, with 75 marginal notes in pencil. See "Nietzsche's Marginal Glosses to Georges Bizet's Carmen." In: Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music: 121-141.
2. See note 5.
3. Richard Wagner's "endless melody" of chords that lead nowhere harmonically. Nietzsche's "Manfred-Meditation," his own attempt at emulating Wagner, is a prime example of "leading nowhere," and as such was vilified by Hans von Bülow.
4. Tristan und Isolde: opera by Richard Wagner. Hans von Bülow conducted the first performance in 1865.
5. Hugo Riemann (1849-1919): German music theorist and proponent of musical "phrasing." See Carl Fuchs' book, Die Zukunft des musikalischen Vortrages und sein Ursprung ... Nebst einem Vortrage von Dr. H. Riemann "Ueber musikalische Phrasirung" ... (The Future of the Musical Performance and its Origin ... With a Discourse by Dr. H. Riemann "On Musical Phrasing" ...). Danzig: Kafemann, 1884. See the entry for Carl Fuchs in Nietzsche's Library. Cf. Leslie Blasius, "Nietzsche, Riemann, Wagner: When Music Lies." In: Suzannah Clark, Alexander Rehding (eds.), Music Theory and Natural Order from the Renaissance to the Early Twentieth Century. Cambridge: Cambridge University Press, 2001, 93-107.
6. Palace in Florence by an unknown architect.
7. Ludwig van Beethoven, Symphony No. 9 in D minor, Op. 125 (1824).
8. Cf. 11-23-1870 letter to Erwin Rohde; 12-30-1870 letter to Friedrich Ritschl; end July 1877 letter to Carl Fuchs; 08-26-1888 letter to Carl Fuchs; end August 1888 letter to Carl Fuchs. See Nietzsche's notes on rhythm and meter that were a by-product of his lectures from WS1870-71 on Greek rhythmics. The relevant notes include: "Aufzeichnungen zur Metrik und Rhythmik" (Notes on Rhythm and Meter) in: KGW 2:3, 203-262; "Zur Theorie der quantitirenden Rhythmik" (On the Theory of Quantitative Rhythm) in: KGW 2:3, 263-280 (a translation by James W. Halporn in: Arion 6 (1967): 233-43; "Rhythmische Untersuchungen" (Rhythmical Investigations) in: KGW 2:3, 281-338. In addition, for an analysis of the lecture notes, see James Porter's Nietzsche and the Philology of the Future, 127ff. (Ch. 3, "The Studies in Ancient Rhythm and Meter (1870-72)"). Earlier, in 1869, for the Literarisches Centralblatt für Deutschland, Nietzsche had reviewed Die harmonischen Fragmente des Aristoxenus. Griechisch und deutsch mit kritischem und exegetischem Commentar und einem Anhang die rhythmischen Fragmente des Aristoxenus enthaltend, herausgegeben von Paul Marquard. Berlin: Weidmann, 1868. (The Harmonic Fragments of Aristoxenus. Greek and German with critical and exegetical commentary and an appendix containing the rhythmical fragments of Aristoxenus, edited by Paul Marquard.)
9. Richard Bentley (1662-1742): English philologist.
10. Rudolf Georg Hermann Westphal (1826-1892): German philologist. See August Rossbach, Rudolf Westphal, Metrik der Griechen im Vereine mit den übrigen musischen Künsten. Bd. 1: Griechisch Rhythmik und Harmonik nebst der Geschichte der drei musichen Disciplinen. Leipzig: Teubner, 1867; Bd. 2: Griechische Metrik. Leipzig: Teubner, 1868.
11. Cf. Johann Wolfgang von Goethe, Reineke Fuchs. In: Goethe's sämmtliche Werke in vierzig Bänden. Bd. 5. Stuttgart; Augsburg: Cotta, 1856, 123.
12. Gottfried Hermann (1772-1848): German philologist. See Handbuch der Metrik. Leipzig: Fleischer, 1799; Elementa doctrinae metricae. Leipzig: Fleischer, 1816.
13. Albert Wilhelm Kafemann (1819-1891) in Danzig.
14. A Latin etymological contradiction, "a grove does not shine." From Servius' commentary on Virgil's Aeneid, in which he concluded that "lucus (dark grove)" must derive from "luceo (to shine)." Fuch's book must have fallen apart from a faulty binding, which leads Nietzsche to make a pun with "Hefte (pamphlet)" and "haften (to fasten)."
15. Augustine, "De Musica." In: Sancti Aurelii Augustini hipponensis episcopi. Opera omnia post Lovaniensium theologorum recensionem castigata denuo ad manuscriptos codices Gallicanos, Vaticanos, Belgicos, etc. Necnon ad editiones antiquiores et castigatiores ... Tomus primus. Pars prior. Parisiis: Apud Gaume Fratres, 1836, 741-884; also here. It's uncertain which edition Nietzsche read. Augustine wrote this unfinished work prior to undertaking his ecclesiastical career (a planned second part on melody was never written).

 



Franz Overbeck.
Basel, 1876.
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Leipzig 20. Juni 1886:
Brief an Franz Overbeck.

Lieber Freund,

ein paar Worte aus Leipzig, als späten Dank für Deinen Brief, der mich in Venedig erreichte.1 Es war gut, daß ich diesem Cholera-Neste entschlüpft bin, so unangenehm die Veranlassungen dazu waren. Es gäbe Viel zu erzählen, — aber schreiben? Nein! Es steht gar zu schlecht mit den Augen. Schmeitzner, wie ich gerade zur rechten Zeit erfuhr, gedachte mir einen schlimmen Streich zu spielen, nämlich meine ganze Litteratur an eine der schmutzigsten und anstößigsten Figuren2 des sächsischen Buchhandels zu verkaufen (der Betreffende ist mehrfach wegen Vertriebs obscöner Schriften bestraft, auch Socialdemokrat, anerkannt käuflich usw.) Mein Versuch, hier dazwischen zu treten, hat zum Mindesten die Sache etwas verschoben und hinausgeschoben. Ein Leipziger Verleger3 (nicht der völlig unzuverlässige und launenhafte Credner4) verhandelt jetzt mit Schm[eitzner] über den Ankauf meiner Schriften (d. h. der Rest-Exemplare) — aber der unverschämte Schm[eitzner], (der einen Begriff von meiner Nothlage hat und sie zu seinen Gunsten ausnützt) verlangt den unverschämten Preis von 12 000 Mark. —

Einen neuen Verleger für etwas Neues5 habe ich nicht aufzufinden vermocht: eine Menge peinlicher Erfahrungen in diesem Capitel hat mich zur Resignation gebracht. Im Grunde hat es mich fast ein halbes Jahr gekostet, dies Suchen, Warten und Enttäuschtwerden. Meine Schriften, sagte man mir in Leipzig, seien "Zukunftsmusik":6 was ich mir ad notam genommen habe. —

Sodann wurde nöthig, für Herrn Köselitz etwas zu thun, da, seitdem er selbst für sein Werk sich bemüht hat, Alles stecken geblieben ist. Hier in Leipzig habe ich wenigstens Eins erreicht — eine Privataufführung im Gewandhause vom letzten Werke K[öselitzen]'s (dem Septett) mit lauter ausgezeichneten Künstlern, den ersten Kräften des Gewandhaus-Orchesters. Der Erfolg war belehrend, wenn auch nicht angenehm — die Musik klang nicht gut, viel zu dick; ich meine, es ist die höchste Zeit, daß K[öselitz] in einer eigentlichen Musikstadt zu leben sich entschließt, um in Betreff der Orchestration zu hören und zu lernen. In Betreff der Oper7 verhandle ich eben mit Nikisch8 (ohne viel Hoffnung zu haben.) K[öselitz] brachte mir den fertigen Text der korsischen Oper mit ("Marianna" heißt sie)9 den er in Annaberg gedichtet hat. Doch war ich nicht im Stande, denselben zu billigen; so sehr der Muth anzuerkennen ist, mit dem er die Aufgabe gefaßt hat. Ein Jahr später wird er's besser machen. —

Herr Widemann hat mich hier besucht: das ist ein tüchtiger achtbarer und feiner Mensch, obschon mir seine Philosophie einstweilen noch gründlich anfängerhaft vorkommt. Aber es ist etwas, so anzufangen. —

Aber Rohde! Ich fand ihn in der wunderlichsten Klemme, außer sich über die Dummheit, Tübingen verlassen zu haben und tief im Widerspruch mit Leipzig: so daß sein Entschluß, sich nach Heidelberg10 berufen zu lassen (was inzwischen formaliter geschehn ist) schließlich räsonabel war, faute de plus raisonable. Dies unter uns: obwohl ich glaube, daß heute das Definitivum der Sache da ist (die Rückantwort des sächsischen Ministers). — Die baierische Tragödie11 hat mich tief erschüttert, ich weiß etwas zu viel von ihren Voraussetzungen. —

In München gab es ein paar prächtige Stunden bei Deinen Verwandten. Der Sommer wahrscheinlich in Sils-Maria. In Kürze eine Karte darüber.

In alter Liebe Dein
Nietzsche.

1. Nietzsche left Venice on May 8, 1886.
2. Albert Erlecke was a corrupt Social Democrat and a convicted pornographer.
3. Nietzsche's former publisher Ernst Wilhelm Fritzsch.
4. Hermann Credner (1842-1924): German publisher who took over Veit & Comp. in 1876.
5. Beyond Good and Evil.
6. "Zukunftsmusik": an allusion to the so-called "Music of the Future" of Richard Wagner.
7. "Der Löwe von Venedig" (The Lion of Venice), by Heinrich Köselitz.
8. Arthur Nikisch (1855-1922): violinist, and the principal conductor of the Leipzig opera from 1878-1889. See Nietzsche's mid-June 1886 letter to Nikisch.
9. Köselitz's unfinished opera "Marianna" was produced after Nietzsche had suggested he follow the story of Marianna Pozzo di Gorgo related by Ferdinand Gregorovius. In August 1885, Nietzsche sent Köselitz a copy of Gregorovius' Corsica. Bd. 2. Stuttgart: Cotta, 1878 (for the story, see pp. 196-198). For more information, see Frederick R. Love, Nietzsche's Saint Peter. Genesis and Cultivation of an Illusion. Berlin; New York: de Gruyter, 1981, 109-111.
10 In December 1885, Erwin Rohde received his appointment to Leipzig (he moved there in April 1886) as the successor to Georg Curtius. He worked for a semester before accepting an appointment at the University of Heidelberg.
11. Ludwig II (1845-1886) died under mysterious circumstances on June 16, 1886.

 


Franz Overbeck.
Ca. 1880.
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Sils-Maria, 14. Juli 1886:
Brief an Franz Overbeck.

Lieber Freund,

auch ich hätte dieses Jahr sehr gern Dich wiedergesehn: aber ich sehe schon, daß es nichts wird. Mein Wille, den Sommer über im Thüringer Wald, den Herbst in München1 zu verleben, scheitert an der force majeure (oder mineure) meiner Gesundheit. Das Leben im jetzigen Deutschland ist mir gänzlich unzuträglich, es wirkt vergiftend und lähmend auf mich; und meine Menschenverachtung wächst jedes Mal dort in gefährlichen Proportionen. Mit Deinem guten Willen zum "Außerhalb" und "a parte," wie er deutlich aus Deinem Plane der Wohnungsveränderung hervorgeht, bin ich deshalb gründlich einverstanden: Deine Lage in Basel, wahrlich nicht zu beneiden, aber mindestens auch nicht zu bejammern, hat etwas Vorsichtiges und Feines, das Du nicht leicht wo anders wieder finden könntest. Schade, daß dieser Ort mir klimatisch so unmöglich ist: denn mit wem redete ich jetzt lieber meine Dinge als mit Dir und Burckhardt? Auch bin ich wirklich den Baslern gewogen: und es freut mich immer, einem Basler zu begegnen (wie es dieser Tage wieder der Fall war: und jedes Mal fällt mir auf, wie imprägnirt mit dem Burckhardtschen Geiste und Geschmacke alles ist, was von dorther kommt: natürlich vorausgesetzt, daß etc. etc.) Zuletzt aber danke ich Gott (richtiger: meiner Krankheit, und, zu einem sehr guten Theile, Dir, lieber Freund!) daß ich nicht mehr dort bin. In einem falschen Milieu leben und seiner Lebensaufgabe ausweichen, wie ich es that, solange ich Philologe und Universitätslehrer war, richtet mich physisch unfehlbar zu Grunde; und jeder Fortschritt auf meinem Wege hat mich bisher auch der Gesundheit im leiblichsten Sinne näher gebracht. Jede Reise nach Deutschland war deshalb bisher immer ein Rückfall, eine Schwächung meiner Kräfte: leider waren solche Reisen aus diesem oder jenem Grunde immer nöthig. Mit meiner letzten (deren schlimme Nachwirkungen ich bis jetzt noch nicht überwunden habe) bin ich andererseits zufrieden, weil Mehreres durch dieselbe, wenn nicht in Ordnung, so doch in Klarheit gebracht worden ist (und weil, hoffentlich, solche Reisen nunmehr immer seltner werden dürfen —) Meine Mutter fand ich, zu meiner großen Beruhigung, heiterer, thätiger und selbstgewisser als je in ihrem hübschen Neste: wir wollen uns kleine Rendezvous' vereinbaren, etwa in der Schweiz, da gegen Naumburg leider sich das Gleiche einwenden läßt, wie gegen Basel — es ist mir nachtheilig, von Kindesbeinen an) Beiläufig: mein Zukunftsort wird wahrscheinlich, für Frühling und Sommer, Göschenen2 sein.

Fritzsch hat sich bisher noch nicht mit Schm[eitzner] verständigen können, aber vielleicht kommt es doch noch dazu, da F[ritzsch] großen Werth darauf zu legen scheint, den "ganzen Nietzsche," so wie den ganzen Wagner in seinem Verlag zu haben: eine Nachbarschaft, die auch mir von Grund aus wohlthut.3 Denn, Alles in Allem gerechnet, war R[ichard] W[agner] der Einzige bisher, mindestens der Erste, der ein Gefühl davon gehabt hat, was es mit mir auf sich habe. (Wovon z. B. Rohde, zu meinem Bedauern, auch nicht die blasseste Vorstellung zu haben scheint, geschweige denn ein Gefühl von Pflicht gegen mich.) In dieser Universitäts-Luft entarten die Besten: ich spüre fortwährend als Hintergrund und letzte Instanz, selbst bei solchen Naturen wie R[ohde] eine verfluchte allgemeine Wurschtigkeit und den vollkommnen Mangel an Glauben zu ihrer Sache. Dafür, daß Einer (wie ich) diu noctuque incubando4 von frühester Jugend an zwischen Problemen lebt und da allein seine Noth und Glück hat, wer hätte dafür ein Mitgefühl! R[ichard] Wagner, wie gesagt, hatte es: und deshalb war mir Triebschen5 eine solche Erholung, während ich jetzt keinen Ort und keine Menschen mehr habe, die zu meiner Erholung taugten. — Meine Verhandlungen mit allen möglichen Verlegern haben mir schließlich einen einzigen Ausweg gezeigt, den ich jetzt gehe. Ich mache den Versuch, etwas auf meine Unkosten erscheinen zu lassen: gesetzt, es werden 300 Exemplare verkauft, so habe ich die Kosten heraus und kann das Experiment eventuell wiederholen. Die Firma C. G. Naumann giebt ihren sehr achtungswerthen Namen dazu her. Dies unter uns. Die Vernachlässigung durch Schm[eitzner] war ungeheuer: seit 10 Jahren keine Exemplare an Sortimenter vertheilt, ebensowenig Redaktionsexemplare; nicht einmal ein Commissionslager in Leipzig; keine Anzeigen, — kurz, meine Schriften von "Menschliches Allzumenschliches" an, sind "anecdota." Von "Zarathustra" sind je 60-70 Exemplare verkauft etc. etc. Schm[eitzner]'s Entschuldigung ist immer: daß seit 10 Jahren keiner meiner Freunde mehr den Muth habe, für mich einzutreten. Er will 12500 Mark für meine Schriften. Die Deinigen hofft er in Dresden zu verkaufen, wie Fritzsch erzählt. — Geld glücklich angelangt.6

In Treue Dein Freund
N.

Köselitz kündigt mir eben, als sehr wahrscheinlich, für Herbst seine Übersiedelung nach Nizza an; dasselbe that, vor ein paar Wochen, Herr Lanzky.7 Bis Mitte September bleibe ich hier, wo es nicht an alten Bekannten fehlt, die Mansouroff,8 die 2 Fynn's,9 Miss Helen Zimmern10 u.s.w. u.s.w. Aus München die 2 Gräfinnen Bothmer.11 Bitte, laß Schm[eitzner] nichts davon merken, daß ich von seinen Verhandlungen mit Fritzsch weiß, ebenso vom schlechten Rufe des Ehrlecke12: er benutzt dergleichen als Pressionsmittel gegen mich. Er will nämlich, daß ich selbst ihm die Bücher abkaufe (Brief letzter Woche)

1. Nietzsche's friends Reinhart and Irene von Seydlitz lived in Munich.
2. A small village in Switzerland. He wound up not going there.
3. Nietzsche's former publisher Ernst Wilhelm Fritzsch and his current one Ernst Schmeitzner. Nietzsche would decide to self-publish his future works with the printer C. G. Naumann.
4. Incubating day and night. See "New Sources of Nietzsche's Reading: Eugène Fromentin." In: Nietzsche's Library.
5. The residence of Richard Wagner from 1866-1872.
6. Overbeck sent Nietzsche his pension.
7. Paul Lanzky (1852-a. 1940): German poet and former editor of La Rivista Europea. See his entry in Nietzsche's Library.
8. Zina de Mansouroff (1830-1889).
9. Mrs. Emily Fynn and her daughter Emily.
10. Helen Zimmern (1846-1934): English writer and translator of Nietzsche's Schopenhauer as Educator.
11. Clothilde and Wilhelmine von Bothmer.
12. Albert Erlecke was a corrupt Social Democrat and a convicted pornographer.

 


Constantin Georg Naumann.
Ca. 1902.
From b/w photo.
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Sils-Maria, 2. August 1886:
Brief an Constantin Georg Naumann.1

Einzelne Exemplare2 sind an folgende Personen zu versenden:

Professor Dr. Erwin Rohde,3 Leipzig
Hofrath Prof. Dr. Heinze,4 Leipzig
Paul Widemann, Dresden, Blochmannstr.
Baron Seydlitz, München, Heßstraße 3
Prof. Dr. Jakob Burkhardt,5 Basel, Schweiz
Prof. Dr. Franz Overbeck, Basel, Schweiz
Gottfried Keller,6 Zürich (Schweiz)
Baronin Meysenbug,7 Roma, via polveriera 6 (Italia)
Monsieur Henri Taine8
Talloire, lac d’Annecy
Haute-Savoie (France)
Monsieur Paul Bourget9
Paris, Lemerre éditeur
Passage Choiseul 27-31
Dr. Paul Deussen, Berlin, N. W. Paulsstrasse 31
Baron Hans von Bülow, z. Z. in Hamburg
Genauere Adresse weiß ich nicht. Oder soll man’s nach Meiningen senden?

In jedes Exemplar bitte ich meine Visitenkarte zu legen. Bitte, lassen Sie 100 Stück in Ihrer Offizin herstellen: den Rest behalten Sie zurück für spätere Gelegenheiten. Das feinste und stärkste Papier dazu, nichts darauf als: (Sehr elegant, großes Format.) Professor Dr. Friedrich Nietzsche

Exemplare an Redactionen usw.10

6 Exemplare an
Signore Paolo Lanzky11
Vallombrosa
per Pontassieve (Italia)

2 Ex. an
Miss Helen Zimmern12
z. Z. in
Sils-Maria (Alpenrose)
Oberengadin, Schweiz

1 Ex. an Dr. Georg Brandes, Kopenhagen, St. Anneplatz 24

1 Ex. an Prof. Dr. F. Zarncke13
Redaktion des litterarischen Zentralblatts
Leipzig Goethestr. 7.

1 Ex. an Rich. Fleischer14
Redaktion der deutschen Revue.
Dresden Reichsstr. 2

1 Ex. an Dr. J. Rodenberg,15
Redaktion der deutschen Rundschau,
Berlin W. Lützowstraße 7.

O. Braun16
Redaktion der Allgemeinen Zeitung
München, Schwanthalerstr. 73

L. von Sacher-Masoch17
Redaktion von Auf der Höhe
Leipzig, Arndtstraße 40

Oskar Blumenthal18
Redaktion des Berliner Tageblatts
Berlin, Jerusalemerstr. 48

Rudolf von Gottschall,19
Red. der Blätter für litter. Unterhaltung
Leipzig

J. V. Widmann20
Red. des Bund, Bern (Schweiz)

Dr. Arthur Levysohn,21
Redaktion des deutschen Montagsblatts,
Berlin, Steglitzerstr. 2

Dr. Hans Herrig,22
Redaktion des deutschen Tageblatts,
Berlin, Körnerstr. 4

O. Hopp,23
Redaktion des Echo
Berlin SW Dessauerstr. 12

Joh. Proelß,24
Redaktion der Frankfurter Zeitung
Frankfurt a. M. Eschenheimergasse 37

Dr. Zolling,25
Redaktion der Gegenwart
Berlin, Kön. Augustastr. 12

Dr. G. Conrad,26
Redaktion der Gesellschaft
München Quaistraße 3

Redaktion der Hamburger Nachrichten27
Hamburg

Redaktion der Kölnischen Zeitung28
Köln

Dr. Hülskamp,29
Redaktion des litter. Handweisers für das kathol. Deutschland
Münster i. W.

Dr. F. Hirsch,30
Red. des Magazins für die Litterat. des In- u. Auslandes
Leipzig, Friedrich

Dr. K. Frenzel,31
Red. der Nationalzeitung
Berlin W. Köthenerstr. 33

Dr. M. Bauer,32
Red. der Neuen deutschen Warte
Berlin Belle-Allianceplatz 6a

Dr. Hugo Wittmann,33
Redaktion der neuen freien Presse
Wien

Freiherrn von Hammerstein,34
Red. der Kreuzzeitung
Berlin W. Königgrätzer Str. 15

Dr. Paul Lindau,35
Red. von Nord und Süd
Berlin W. Von der Heydstr. 1.

F. C. Pindter,36
Red. der Norddeutschen Allg. Zeitung
Berlin

J. K. Becher,37
Red. der Presse
Wien, Berggasse 31.

Dr. H. Kletke,38
Red. der Vossischen Zeitung
Berlin, Breitestr. 8

Nationalrath Dr. Curti,39
Red. der Zürcher Post
Zürich (Schweiz)

J. Singer,40
Redaktion der Allg. Oestereich. Litteraturzeitung
Wien, VIII Laudongasse 1.

NB. Ich ersuche diese Blätter auch nach der Benutzung aufzuheben, vielleicht zu späterem Gebrauche.

F. N.

— Daß an Herrn Köselitz 2 Ex. und an mich selbst 4 Ex. abzusenden sind (und zwar sofort, wenn der Buchbinder seine erste Arbeit gethan hat) habe ich schon im letzten Briefe41 mir erbeten.

Hochachtungsvoll Ihr
ergebenster Prof. Nietzsche.

N. Mac Coll. Esq.
"Athenaeum" Office.
20. Wellington Street.
Strand. W. C.
London.

—. Cotton, Esq.
"The Academy" Office.
26. Chancery Lane. W. C.
London.

Editor.
"Westminster Review."
Messrs Trubner & Co.
Ludgate Hill. E. C.
London.42

1. Constantin Georg Naumann (1842-1911): owner of the German printing and publishing firm C. G. Naumann in Leipzig. Nietzsche was now paying for the printing costs himself.
2. Free copies of Jenseits von Gut und Böse (Beyond Good and Evil).
3. Cf. 09-01-1886 letter from Rohde to Franz Overbeck.
4. Max Heinze (1835-1909): Nietzsche's former teacher and tutor at Pforta, who in 1875 became professor of philosophy at Leipzig.
5. Cf. 09-22-1886 letter to Burckhardt.
6. Cf. 10-14-1886 letter to Keller.
7. Cf. 09-24-1886 letter to Meysenbug.
8. Cf. 10-17-1886 letter from Hippolyte Taine.
9. Paul Bourget (1852-1935): French novelist and critic. See the entry for Bourget in Nietzsche's Library.
10. Two notices and eleven book reviews of Jenseits von Gut und Böse (Beyond Good and Evil) were published in various journals and periodicals from August 1886 to December 1887:
— Anonymous, "Ein neues Werk von Friedrich Nietzsche." In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel. Leipzig. Nr. 182. 08-09-1886, 4251.
— Anonymous, "Jenseits von Gut und Böse." In: Das Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes. Leipzig. Bd. 55. Nr. 37. 09-11-1886, 587. This is a mere notice of the book: "Im Verlage von C. G. Naumann in Leipzig erschien soeben ein beachtungswertes Werk von Friedrich Nitzscho unter dem Titel 'Jenseits von Gut und Böse,' Vorspiel einer Philosophie der Zukunft."
— Josef Victor Widmann, "Nietzsche's gefährliches Buch." In: Der Bund. Bd. 37. Nr. 256f. 09-16/17-1886.
— Gustav Glogau, "Jenseits von Gut und Böse." In: Deutsche Litteraturzeitung. Bd. 7. Nr. 44. 10-30-1886, 1555f.
— E. H., "Jenseits von Gut und Böse." In: Neue preussische Zeitung. Berlin. Nr. 44, Sonntagsbeilage 10-31-1886.
— Conrad Hermann, "Neuere philosophische Literatur." In: Blätter für literarische Unterhaltung. Nr. 45. 11-11-1886, 715f.
— P[aul] Michaelis, "Jenseits von Gut und Böse." In: National-Zeitung. Berlin. Bd. 39. Nr. 672.12-04-1886.
— Heinrich Welti, "Litteraturbriefe IV." In: Neue Zürcher Zeitung. Bd. 66. Nr. 346. 12-13-1886.
— Johannes Schlaf, "Jenseits von Gut und Böse." In: Allgemeine Deutsche Universitätszeitung. Berlin. Bd. 1. Nr. 2. 01-08-1887, 22:

Jenseits von Gut und Böse. Von Fr. Nitzsche [sic].
Leipzig 1886. Vorliegendes Buch soll ein Grundriss zu einer Philosophie der Zukunft sein. In der That bringt aber der Verfasser bei seiner aphoristisch-Emerson'schen Manier nur einzelne Bausteine, denen man's wahrhaftig nicht ansieht, wie sich einst aus ihnen ein festgefügtes System gestalten soll, die vielmehr recht verteufelt danach aussehen, als bröckle mal wieder ein Stück Philosophie ab und bewahrheite sich die trübe Weisheit vieler Skeptiker von dem Bankrotte der Philosophie. — Was dieser Aphorismenweisheit einigermaßen Rückgrat giebt, ist die bei Licht besehen nicht gerade sehr originelle ldee vom "Willen zur Macht" und die von einer "Umwertung der Werte." Ueber letztere ist manches recht Beachtenswerte beigebracht, wie denn im einzelnen sehr viel, leider oft zu geistreiche Apercus und viel ganz richtige und leidlich vernünftige Ansichten entwikkelt werden. Leider kommt man nicht zum rechten Genuß derselben, da die Idee vom "Willen zur Macht" den Verfasser zu einem geradezu krankhaften Kult der Persönlichkeit und zu einem recht dünkelhaft Selbstbewußtsein verleitet, das sich recht frevelhaft und — recht töricht über die nach Ausgestaltung ringenden Strömungen der Gegenwart hinwegsetzt. — Es giebt einen übertriebenen Begriff der Individualität, ein krankhaft gesteigertes Selbstbewußtsein, das Menschen zu eigen ist, die ganz isolirt von der Gesellschaft stehen, mit ihr nichts zu thun haben wollen, sie verachten, obgleich sie doch ohne sie nicht möglich sind. Leute, die nehmen, geduldet sein wollen, aber nichts gehen, nicht fördern: Parasiten. — Die Gesellschaft nennt sie, soweit sie ihr nicht wirklich gefährlich sind: Narren. Solche Leute, die manchmal solche Schrullen haben, daß sie vielleicht den Dionysoskult ernstlich in's XIX. Jhdt. versetzen, man trifft deren gerade heute viel — ein Zeichen der Zeit — könnte die "Philosophie" des Verfassers züchten.

Joh. Schlaf.

— M. K., "Jenseits von Gut und Böse." In: Nord und Süd. Breslau. Bd. 41. 05-1887, 31.
— Georg von Gizycki, "Briefe über die neuere philosophische Literatur." In: Deutsche Rundschau. Bd. 52, July-Sept. 1887, 312f. [English translation.]
— A. K., "Jenseits von Gut und Böse." In: Literarisches Centralblatt für Deutschland. Leipzig. Nr. 38. 11-17-1887, 1291f.
— Thomas Frey [pseud. of Theodor Fritsch], "Der Antisemitismus im Spiegel eines 'Zukunfts-Philosophie.'" In: Antisemitische Correspondenz, und Sprechsaal für innere Partei-Angelegenheiten. Leipzig. Nr. 19f. 11/12-1887, 10-15.
11. Paul Lanzky (1852-a. 1940): German poet and former editor of La Rivista Europea. See his entry in Nietzsche's Library.
12. Helen Zimmern (1846-1934): English writer, and translator. They first met in Bayreuth in 1876, and became better acquainted in Sils-Maria. Nietzsche wanted Zimmern to translate Götzen-Dämmerung (Twilight of the Idols), and Ecce Homo. Although that never happened, Zimmern would go on to translate Jenseits von Gut und Böse (Beyond Good and Evil) for Oscar Levy's edition of Nietzsche. See her comments in Anon., "Nietzsche Erinnerungen." In: Frankfurter Generalanzeiger. Nov. 16, 1926. Reprinted as Anon., "Memories of Nietzsche." In: The Living Age, 331 (Nov. 1926), 272.

Miss Helen Zimmern is known in England and America as the author of a book on Schopenhauer, a study of Italy, and a paraphrase of a Persian work called Epic of Kings. She is less famous as a friend of Nietzsche, whom she first met in Bayreuth in 1876, when he used to walk with her after lunch, having put in the morning at his desk. "I listened," she recently remarked, "with more or less feigned interest, for, to tell you the truth, I understood only little then of what he spoke about. But it seemed to give him such a relief to talk to a human being! The man seemed to me so lonely, so unspeakably lonely! If, here and there, I risked a little reply, he used to say, 'Quite so, but as Zarathustra has said before' — and then came a verse from his famous work, of which already three quarters were written at that time." // Asked what impression Nietzsche gave at that time, she replied: "Nietzsche was shy, and even awkward, when he found himself with people with whom he was entirely out of touch. But when the ice was once broken you could easily see that you had to do with a man who was thoroughly conscious of his merit. Once he even told me that his ideas were so important that one day university chairs would be founded in order to give lectures on and explanations of them." // In regard to his insanity, traces of which have been detected in Zarathustra by keen-nosed critics, she said: "I have heard of some of these discussions. New thought easily seems crazy to those who are thoroughly imbued with the old. I myself never noticed any trace of insanity, even of eccentricity. I deny, and most emphatically so, that there was a trace of insanity in the man I then knew. I should, on the contrary, rather say that he gave me the impression of being an extraordinarily sane man." // Miss Zimmern also makes it clear that Nietzsche's ideas about women were never put into practice, and that he was more than a real gentleman, that he possessed what the Italians call gentilezza. She told of an elderly Russian, believed to be a former lady-in-waiting of the Tsaritza, who was suffering from a nervous breakdown and had to leave the Alps in winter time for the warmer Italian climate. She refused, however, to quit her room, and though a carriage came every day for her she could not be prevailed upon to get in it. Finally Nietzsche heard of the incident, and asked if they would put her in his hands. A few days later when the carriage appeared Friedrich Nietzsche walked calmly to its door with the nervous old lady following him like a lamb. No one ever discovered how he prevailed on her to go.

13. Friedrich Zarncke (1825-1891): philologist, and editor of the Literarisches Centralblatt für Deutschland, for which Nietzsche wrote eight book reviews.
14. Richard Fleischer (1849-1937): German writer, and editor of the Deutschen Revue.
15. Julius Rodenberg (b. Levy, 1831-1914): German writer, and founder of the Deutsche Rundschau.
16. Otto Braun (1824-1900): German writer, and editor of the Allgemeinen Zeitung.
17. Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895): Austrian writer, and editor of the Leipzig journal Auf der Höhe. This is the only mention of Sacher-Masoch by Nietzsche, although he was a famous writer since the 1870s. It seems an uncanny coincidence that in March 1882, while Nietzsche was writing Die fröhliche Wissenschaft (The Joyful Science), Sacher-Masoch published "Die alte Religion Zoroasters," an article by the Sanskrit and Zend scholar, Abel Hovelacque (1843-1896). It's not known if Nietzsche read the article, or if it had any influence on Also sprach Zarathustra. For more info on Sacher-Masoch, see Adrian Del Caro, "Nietzsche, Sacher-Masoch, and the Whip." In: German Studies Review. 21: 2 (1998), 241-61.
18. Oskar Blumenthal (1852-1917): German writer, and theater critic for the Berliner Tageblatt.
19. Rudolf von Gottschall (1823-1909): German writer, critic, and editor of the Blätter für literarische Unterhaltung.
20. Joseph Viktor Widmann (1842-1911), the literary editor of Der Bund. For his review, and the correspondence between Widmann and Nietzsche, see "Research Material: Joseph Viktor Widmann." In: Nietzsche's Library.
21. Arthur Levysohn (1841-1908): German writer, and editor of the Deutsche Montagsblatt.
22. Hans Herrig (1845-1892): German writer and critic.
23. Ernst Otto Hopp (1841-1910): German writer, and founder of the Berlin weekly Echo.
24. Johannes Proelß (1853-1911): German writer, and editor of the Frankfurter Zeitung.
25. Theophil Zolling (1849-1901 ): German writer, and editor of Die Gegenwart.
26. Michael Georg Conrad (1846-1927 ): German writer, and editor of Die Gesellschaft.
27. In 1886, the editor of the Hamburger Nachrichten was Emil Hartmeyer (1820-1902).
28. In 1886, the editor of the Kölnische Zeitung was August Schmits (1838-?).
29. Franz Hülskamp (1833-1911): editor of the Literarischer Handweiser.
30. Franz Hirsch (1844-1920): German writer, and editor of the Magazin für die Literatur des In- und Auslandes.
31. Karl Frenzel (1827-1914): German novelist, critic, and member of the editorial board of Berlin's National-Zeitung.
32. Max Bauer (1829-1914): German writer, and founder of the Neue Deutsche Warte.
33. Hugo Wittmann (1839-1923): German-Austrian writer, and literary editor of the Neue Freie Presse.
34. Wilhelm Joachim Baron von Hammerstein (1838-1904): Prussian politician, and editor of the Kreuzzeitung.
35. Paul Lindau (1839-1919): German writer, and founder of Nord und Süd.
36. Emil Friedrich von Pindter (1836-1897): Austrian writer, and editor of the Norddeutschen Allgemeinen Zeitung.
37. Zacharias Konrad Lecher (1829-1905): Austrian writer, and editor of the Vienna daily newspaper Die Presse. The newspaper was printed in Fraktur, with Lecher's name in tiny print on the last page, which may account for Nietzsche's misspelled entry "J. K. Becher."
38. Hermann Kletke (1813-1886): German writer, and editor of the Vossische Zeitung.
39. Theodor Curti (1848-1914): Swiss writer, politician, and founder of the Zürcher Post.
40. Isidore Singer (1859-1939): Austrian writer, and founder of the Allgemeine Oesterreichische Literaturzeitung.
41. Unknown letter.
42. The last page of the letter is typewritten.

 


Franz Overbeck.
Ca. 1880.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Sils-Maria den 5. August 1886:
Brief an Franz Overbeck.

Lieber Freund,

eine Mittheilung und eine Bitte! — Eben telegraphirt mir Fritzsch aus Leipzig "Endlich im Besitz!" — Worte, die mir große Freude machen.1 Ein verhängnißvolles Versehn2 aus meiner Basler Zeit (etwas "zu viel Vertrauen," wie so oft in meinem Leben) ist damit ad acta gelegt. Wie gut, daß ich diesen Frühling nach Deutschland gieng!3 Dasselbe habe ich noch ein Mal zu sagen, in Hinsicht darauf, daß ich meine Lage gegenüber Verleger-Möglichkeit und Publikum mir ad oculos demonstrirte; auch daß ich persönlich mit dem ausgezeichneten Brüder-Paar Naumann4 verhandelte. Das neue Buch,5 ein Resultat, welches aus der Ferne gar nicht hätte erreicht werden können, ist eben fertig geworden; der Auftrag, ein Exemplar an Dich nach Basel abzusenden, ist bereits seit einigen Tagen ergangen. Nun kommt die Bitte, alter Freund: lies es, von vorne nach hinten, und laß Dich nicht erbittern und entfremden — "nimm alle Kraft zusammen,"6 alle Kraft Deines Wohlwollens für mich, Deines geduldigen und hundertfach bewährten Wohlwollens, — ist Dir das Buch unerträglich, so doch vielleicht hundert Einzelheiten nicht! Vielleicht auch, daß es dazu beiträgt, ein paar erhellende Lichter auf meinen Zarathustra zu werfen: der deshalb ein unverständliches Buch ist, weil er auf lauter Erlebnisse zurückgeht, die ich mit Niemandem theile. Wenn ich Dir einen Begriff meines Gefühls von Einsamkeit geben könnte! Unter den Lebenden so wenig als unter den Todten habe ich Jemanden, mit dem ich mich verwandt fühlte. Dies ist unbeschreiblich schauerlich; und nur die Übung im Ertragen dieses Gefühls und eine schrittweise Entwicklung desselben von Kindesbeinen an macht mir's begreiflich, daß ich daran noch nicht zu Grunde gegangen bin. — Im Übrigen liegt die Aufgabe, um deren willen ich lebe, klar vor mir — als ein factum von unbeschreiblicher Traurigkeit, aber verklärt durch das Bewußtsein, daß Größe darin ist, wenn je der Aufgabe eines Sterblichen Größe eingewohnt hat. —

— Ich bleibe hier bis Anfang September.

Treulich Dein F. N.

1. Fritzsch and Schmeitzner had reached an agreement regarding the acquisition of Nietzsche's published works.
2. His dealings with Ernst Schmeitzner.
3. Nietzsche and Fritzsch met by chance on the streets of Leipzig.
4. Constantin Georg Naumann (1842-1911), and Ernst Theodor Naumann (1838-1910): owners of the German printing and publishing firm C. G. Naumann in Leipzig.
5. Beyond Good and Evil.
6. A phrase from the poem "Des Sängers Fluch" (The Minstrel's Curse) by Ludwig Uhland.

 



Jacob Burckhardt (1818-1897).
From b/w photo by W. Spemann, Stuttgart.
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Sils-Maria, 22. September 1886:
Brief an Jacob Burckhardt.

Hochverehrter Herr Professor,

es thut mir wehe, so lange Sie nicht gesehn und gesprochen zu haben!1 Mit wem möchte ich eigentlich noch sprechen, wenn ich nicht mehr zu Ihnen sprechen darf? Das "silentium" um mich nimmt überhand. —

Hoffentlich hat inzwischen C. G. Naumann seine Schuldigkeit gethan und mein letzthin erschienenes "Jenseits" in Ihre verehrten Hände gelegt.2 Bitte, lesen Sie dies Buch, (ob es schon dieselben Dinge sagt, wie mein Zarathustra, aber anders, sehr anders —). Ich kenne Niemanden, der mit mir eine solche Menge Voraussetzungen gemein hätte wie Sie: es scheint mir, daß Sie dieselben Probleme in Sicht bekommen haben, — daß Sie an den gleichen Problemen in ähnlicher Weise laboriren, vielleicht sogar stärker und tiefer noch als ich, da Sie schweigsamer sind. Dafür bin ich jünger… Die unheimlichen Bedingungen für jedes Wachsthum der Cultur, jenes äußerst bedenkliche Verhältniß zwischen dem, was "Verbesserung" des Menschen (oder geradezu "Vermenschlichung") genannt wird, und der Vergrößerung des Typus Mensch, vor Allem der Widerspruch jedes Moralbegriffs mit jedem wissenschaftlichen Begriff des Lebens — genug, genug, hier ist ein Problem, das wir glücklicher Weise, wie mir scheint, mit nicht gar Vielen unter den Lebenden und Todten gemein haben dürften. Es aussprechen ist vielleicht das gefährlichste Wagniß, das es giebt, nicht in Hinsicht auf den, der es wagt, sondern in Hinsicht auf die, zu denen er davon redet. Mein Trost ist, daß zunächst die Ohren für meine großen Neuigkeiten fehlen, — Ihre Ohren ausgenommen, lieber und hochverehrter Mann: und für Sie wiederum werden es keine "Neuigkeiten" sein! — —

Treulich
der Ihre
Dr. Friedrich Nietzsche.

Adresse: Genova, ferma in posta.

1. Since he left Basel in 1879.
2. Beyond Good and Evil.

 

Malwida von Meysenbug.
From b/w etching.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Sils-Maria, 24. September 1886:
Brief an Malwida von Meysenbug.

Verehrte Freundin.

letzter Tag in Sils-Maria; alle Vögel bereits fortgeflogen; der Himmel herbstlich-düster; die Kälte wachsend, — also muß der "Einsiedler von Sils-Maria" sich auf den Weg machen.

Nach allen Seiten habe ich noch Grüße ausgeschickt, wie Jemand, der auch mit seinen Freunden die Jahres-Abrechnung macht. Dabei ist mir eingefallen, daß Sie seit lange keinen Brief von mir haben. Eine Bitte um Ihre Adresse in Versailles, welche ich brieflich an Fräulein B. Rohr1 in Basel ausgesprochen habe, ist mir leider nicht erfüllt worden. So sende ich denn diese Zeilen nach Rom: wohin ich auch vor Kurzem ein Buch adressirt habe. Sein Titel ist "Jenseits von Gut und Böse, Vorspiel einer Philosophie der Zukunft." (Verzeihung! Sie sollen es nicht etwa lesen, noch weniger mir Ihre Empfindungen darüber ausdrücken. Nehmen wir an, daß es gegen das Jahr 2000 gelesen werden darf…)

Für Ihre gütige Erkundigung bei meiner Mutter, von der ich dieses Frühjahr hörte, danke ich Ihnen von Herzen. Ich war gerade in übler Verfassung: die Wärme, an die ich Gletscher-Nachbar nicht mehr gewöhnt bin, erdrückte mich beinahe. Dazu fühle ich mich in Deutschland wie von lauter feindlichen Winden angeblasen, ohne irgend welche Lust oder Verpflichtung zu spüren, meinerseits dagegen zu blasen. Es ist einfach ein falsches Milieu für mich, was die Deutschen von heute angeht, geht mich nichts an, — was natürlich kein Grund ist, ihnen gram zu sein. —

So hat sich denn der alte Liszt, der sich auf's Leben und Sterben verstand, nun doch noch gleichsam in die Wagner'sche Sache und Welt hinein begraben lassen:2 wie als ob er ganz unvermeidlich und unabtrennlich hinzugehörte. Dies hat mir in die Seele Cosima's hinein weh gethan: es ist eine Falschheit mehr um Wagner herum, eins jener fast unüberwindlichen Mißverständnisse, unter denen heute der Ruhm Wagner's wächst und ins Kraut schießt. Nach dem zu urtheilen, was ich bisher von Wagnerianern kennen gelernt habe, scheint mir die heutige Wagnerei eine unbewußte Annäherung an Rom,3 welche von innen her dasselbe thut, was Bismarck von außen thut.

Selbst meine alte Freundin Malvida — ah, Sie kennen sie nicht! — ist in allen ihren Instinkten grundkatholisch: wozu sogar noch die Gleichgültigkeit gegen Formeln und Dogmen gehört. Nur eine ecclesia militans4 hat die Intoleranz nöthig; jede tiefe Ruhe und Sicherheit des Glaubens erlaubt die Skepsis, die Milde gegen Andere und Anderes …

Zum Schluß schreibe ich Ihnen ein paar Worte über mich ab, die im "Bund" (16. und 17. Sept.) zu lesen sind. Überschrift: Nietzsches gefährliches Buch.5

"Jene Dynamitvorräthe, die beim Bau der Gotthardbahn verwendet wurden, führten die schwarze, auf Todesgefahr deutende Warnungsflagge. — Ganz nur in diesem Sinne sprechen wir von dem neuen Buche des Philosophen Nietzsche als von einem gefährlichen Buche. Wir legen in diese Bezeichnung keine Spur von Tadel gegen den Autor und sein Werk, so wenig als jene schwarze Flagge jenen Sprengstoff tadeln sollte. Noch weniger könnte es uns einfallen, den einsamen Denker durch den Hinweis auf die Gefährlichkeit seines Buchs den Kanzelraben und den Altarkrähen auszuliefern. Der geistige Sprengstoff, wie der materielle, kann einem sehr nützlichen Werke dienen; es ist nicht nothwendig, daß er zu verbrecherischen Zwecken mißbraucht werde. Nur thut man gut, wo solcher Stoff lagert, es deutlich zu sagen "Hier liegt Dynamit!"

Seien Sie mir also, verehrte Freundin, dafür hübsch dankbar, daß ich mich von Ihnen ein wenig ferne halte! ... Und daß ich mich nicht darum bemühe, Sie auf meine Wege und "Auswege" zu locken. Denn, um nochmals den "Bund" zu citiren:

"Nietzsche ist der Erste, der einen neuen Ausweg weiß, aber einen so furchtbaren, daß man ordentlich erschrickt, wenn man ihn den einsamen, bisher unbetretenen Pfad wandeln sieht!" ...

Kurz und gut, es grüßt Sie von Herzen

Der Einsiedler von Sils-Maria.

Adresse zunächst: Genova: ferma in posta.

1. Berta Rohr-Schmidt: an acquaintance of Nietzsche from Basel. The "letter" to which Nietzsche refers was actually a brief note written on the back of Nietzsche's calling card, and dated September 1, 1886. Along with the note, Nietzsche sent a copy of Jenseits von Gut und Böse: "Wertestes Fräulein, es ruft sich Ihnen mit beifolgendem Gruße ein alter Philosoph und Einsiedler ins Gedächtnis zurück ... Sind Sie gesund? Und was haben Sie für diesen Herbst in Aussicht? Kommen Sie vielleicht über nach Zürich? Und was ist jetzt die Adresse unserer alten Freundin Malwida? Es grüsst Sie Ihr alter Verehrer". The calling card was discovered, and auctioned in 2012: "Here at last is the autograph of the philosopher; if you also want the book which accompanied it, 'Jenseits von Gut und Böse,' its at your disposal."
2. Franz Liszt (1811-1886): composer, pianist, and the father of Cosima Wagner. He died in Bayreuth on July 31, 1886, and was buried in the cemetery there in August.
3. After hearing Wagner's Parsifal, Heinrich Köselitz wrote to Nietzsche on 08-14-1886 that he could not help feeling he was "witnessing the procedure of how to turn a Siegfried-like, undaunted natural man into a Catholic by very insidious means."
4. The so-called "Church Militant" of the Christian Church.
5. A review of Beyond Good and Evil by Joseph Viktor Widmann (1842-1911), the literary editor of Der Bund. For the review, and the correspondence between Widmann and Nietzsche, see "Research Material: Joseph Viktor Widmann." In: Nietzsche's Library.

 



Heinrich Köselitz (Peter Gast).
1895.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Ruta Ligure,1 10. Oktober 1886:
Brief an Heinrich Köselitz.

Lieber Freund,

ein Wort aus diesem wunderlichen Welt-Winkel, wo ich Sie selbst lieber wüßte als in München. Denken Sie sich eine Insel des griechischen Archipelagos, mit Wald und Berg willkürlich überworfen, welche durch einen Zufall eines Tags an das Festland herangeschwommen ist und nicht wieder zurück kann. Es ist etwas Griechisches daran, ohne Zweifel: andererseits etwas Piratenhaftes, Plötzliches, Verstecktes, Gefährliches; endlich, an einer einsamen Wendung, ein Stück tropischen Pinienwaldes, mit dem man aus Europa weg ist, etwas Brasilianisches, wie mir mein Tischgenosse2 sagt, der die Erde mehrmals umreist hat. Ich lag nie so viel herum, in wahrer Robinson-Insularität und -Vergessenheit; mehrfach auch lasse ich große Feuer vor mir empor lodern. Die reine unruhige Flamme mit ihrem weißgrauen Bauche3 sich gegen den wolkenlosen Himmel aufrichten zu sehn — Haidekraut rings herum, und jene October-Seligkeit, welche sich auf hundert Arten Gelb versteht — oh lieber Freund, ein solches Nachsommer-Glück wäre etwas für Sie, ebensosehr und vielleicht noch mehr als für mich! Im Albergo d'Italia (das vorzüglich reinliche Zimmer hat, leider eine italiänische Küche alla Veneziana) wohne ich für 5 frs. den Tag, tutto compreso, auch der Wein. Der Hr. Altsmann, der jetzt mit im Hôtel wohnt (Lehrer an dem Istituto technico in Genova) sagt mir, daß man viel billiger leben könne, wenn man sich ein einzelnes Zimmer in einem der hübschen ringsum zerstreuten Häuser miethe; seine zwei Mahlzeiten im Hôtel werde man für 2 1/2 frs. (vino compreso) arrangiren können.

Hierher habe ich Sie mir gedacht, mein lieber Freund, daß Sie den Muth und die Inspiration finden möchten, Ihren Lebensweg weiter zu gehn und Ihr Lebenslied immer schöner zu singen. Man kann hier das ganze Jahr sein und arbeiten, nach Urtheil und Erfahrung des Professor Altsmann; es giebt einen venticello, eine leichte spielende Vorgebirgs-Luft, welche auch den Sommer hier zu leben anräth: darauf hin giebt es viele Villen alter Seekapitäne oder Genueser, auch die eines englischen Zahnarztes (der z. B. eine kleine Wohnung von 3 Räumen, möblirt, das Jahr für 300 frs. anbietet). Gesetzt, Sie fänden aus meinen Worten etwas heraus, worauf hin Sie selbst Pläne zu machen anfiengen, so will ich Ihnen einen ausgezeichneten ernsten Deutschen in Genua nennen, der um meinetwillen Ihnen gewiß mit Rath und That entgegenkommen wird. Schreiben Sie, bitte, an mich mit dieser Adresse: Nizza (France) poste restante. —

Treulich Ihr Freund
Nietzsche.

Jener erwähnte Deutsche heißt Zilliken (Genova, Vico di Negri 4); ich will ihn morgen besuchen und ihm von Ihnen erzählen. (Er ist Kaufmann oder Banquier)

Gehen Sie, bitte, zu Maler Hans Bartels4 (der auch Ruta und diese Küste kennt), bringen Sie meine Grüße und vielleicht auch jene 2 Nummern des "Bund"5 zum Lesen, welche Naumann6 Ihnen gesendet hat.

Anbei ein Brief Hegar's7 über den "Hymnus an das Leben." Ihre Mitbetheiligung habe ich absolut verschwiegen.8

Lieber Freund, wäre es Ihnen möglich (vorausgesetzt, daß Sie mir eine große Weihnachts-Freude machen wollen —) jenem "Hymnus an das Leben" ein Klavier-Arrangement angedeihn zu lassen (vierhändig, mit jenem Raffinement der Vierhändigkeit, auf welches man sich jetzt versteht und von dem ich, als ich jung war, gar nichts wußte). In diesem Falle würde ich mir erlauben, das Manuscript an Ihre Münchner Adresse zu senden.

F. N.

1. Along with the address, Nietzsche wrote: "c. 400 Meter überm Meer, an der Straße, über das Joch von Portofino führend." (c. 400 meters above the sea, driving on the road across the ridge of Portofino.)
2. Unknown person.
3. "weißgrauen Bauche" (white-grey belly): cf. "Das Feuerzeichen" (The Beacon). In: Dionysus Dithyrambs.
4. Hans von Bartels (1856-1913): German painter in Munich whom Nietzsche became acquainted with in Venice.
5. A review of Beyond Good and Evil by Joseph Viktor Widmann (1842-1911), the literary editor of Der Bund. For the review, and the correspondence between Widmann and Nietzsche, see "Research Material: Joseph Viktor Widmann." In: Nietzsche's Library.
6. Constantin Georg Naumann (1842-1911): German printer and publisher in Leipzig.
7. The conductor Friedrich Hegar (1841-1927) in Zurich. Hegar, whom Nietzsche had first met while visiting Richard Wagner, was the founder and director of the music conservatory in Zurich, the conductor of the Zurich Symphony, and a close friend of Johannes Brahms.
8. The remaining portion of the letter that follows was written on the back of Hegar's 09-30-1886 letter to Nietzsche, which he forwarded to Köselitz. Hegar criticized Köselitz's arrangement of the "Hymn to Life" for choir and brass band. Köselitz then adapted it for choir and orchestra.

 



Gottfried Keller.
Zürich, ca. 1885-88.
From b/w photo taken by Rudolf Ganz.
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Ruta Ligure, 14. Oktober 1886:
Brief an Gottfried Keller
.1

Hochverehrter Herr,

inzwischen habe ich mir die Freiheit genommen, einer alten Liebe und Gewohnheit gemäß, Ihnen mein letztes Buch2 zu übersenden; mindestens bekam mein Verleger C. G. Naumann3 den Auftrag dazu. Vielleicht geht dies Buch mit seinem Fragezeichen-Inhalte wider Ihren Geschmack: vielleicht nicht seine Form. Wer sich ernsthaft und mit herzlicher Neigung um die deutsche Sprache bemüht hat, wird mir schon einige Gerechtigkeit widerfahren lassen müssen: es ist Etwas, so sphinxartige und stummgeborne Probleme, wie die meinen sind, zum Reden zu bringen. —

Im letzten Frühling bat ich meine alte Mutter, mir Ihr Sinngedicht4 vorzulesen, — und wir Beide haben Sie dafür aus vollem Herzen gesegnet (auch aus vollem Halse: denn wir haben viel gelacht): so rein, frisch und körnig schmeckte uns dieser Honig. —

Mit dem Ausdruck treuer Anhänglichkeit und Verehrung

Ihr Prof. Dr. Friedrich Nietzsche.

1. Gottfried Keller (1819-1890): Swiss poet and writer. See his entry in Nietzsche's Library.
2. Beyond Good and Evil.
3. Constantin Georg Naumann (1842-1911): German printer and publisher in Leipzig.
4. Gottfried Keller, Das Sinngedicht. Berlin: Hertz, 1882.

 



Hippolyte Taine.
From b/w photo.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Menthon St. Bernard, 17. Oktober 1886:
Brief von Hippolyte Taine.1

Monsieur,

Au retour d'un voyage, j'ai trouvé le livre2 que vous aviez bien voulu m'adresser; comme vous le dites, il est plein de "pensées de derrière."3 La forme si vive, si littéraire, le style passionné, le tour souvent paradoxal ouvriront les yeux du lecteur qui voudra comprendre; je recommanderais particulièrement aux philosophes voire premier morceau sur les philosophes et sur la philosophie (p. 14, 17, 20, 25)4; mais les historiens et les critiques feront aussi leur butin de quantité d'idées neuves (par exemple 41, 75, 76, 149, 150 etc.).5 Ce que vous dites des caractères et des génies nationaux dans votre 8e Essai est infiniment suggestif, et je relirai ce morceau, quoiqu'il s'y trouve un mot beaucoup trop flatteur sur mon compte.6 Vous me faites un grand honneur dans votre lettre en me mettant à côté de M. Burckhardt de Bàle que j'admire infiniment; je crois avoir été le premier en France à signaler dans la presse son grand ouvrage sur la Culture de la Renaissance en Italie.

Veuillez agréer, avec mes vifs remerciements, l'assurance de mes sentiments les plus dévoués et les plus distingués.

H. Taine.

1. Hippolyte Taine (1818-1897): French historian and critic. See his entry in Nietzsche's Library.
2. Beyond Good and Evil.
3. Nietzsche's letter (ca. 09-20-1886) to Taine is lost (only a draft exists), but from Taine's reply, it seems that Nietzsche may have cited Pascal (unless the quote provided by Taine was offered up by himself, or a mere translation of "Hintergedanken"). Cf. Blaise Pascal, Pensées, XXIV, 91: "Il faut avoir une pensée de derrière, et juger de tout par là, en parlant cependant comme le peuple." (One must therefore have deeper motives and judge accordingly, and yet appear to go on talking like an ordinary person. [Trans. Krailsheimer, Penguin, 1995.]) The phrase is in Blaise Pascal, Pensées, fragments et lettres de Blaise Pascal, publiés pour la première fois conformément aux manuscrits originaux en grande partie inédite von Prosper Faugère. Vol.1. Paris: Andrieux, 1844, 220. See the entry for Pascal in Nietzsche's Library.
4. Cf. §11, §12, §16, §19-§20.
5. Cf. §28, §58, §209.
6. Cf. p. 217 [§254].

 


Franz and Ida Overbeck.
Basel, ca. 1875.
From b/w portrait.
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Nice, 14. November 1886:
Brief an Franz Overbeck.

Lieber Freund,

das neue Jahr1 findet Dich hoffentlich bei guter Gesundheit, auch zufrieden mit der neuen Behausung;2 in allem Übrigen darf ich ja voraussetzen, daß Alles beim Alten bleibt, da es ja das gute Alte ist: vor Allem Du selbst, mein lieber Freund, den ich nicht erst darum zu bitten brauche, daß mir Dein altes bewährtes und vielfach auf die Probe gestelltes Vertrauen und Wohlwollen auch ins neue Jahr folgen möge. Deinem letzten Brief entnahm ich einige Zuversichtlichkeit mehr, in Hinsicht darauf, daß ich inzwischen in Betreff der Paraguayer Angelegenheit Nein gesagt habe* (— ich ärgerte mich im Stillen darüber, daß man mir nicht erspart hat, Nein zu sagen …)3 Sonst hat sich Nichts zugetragen, eine Sturmfluth im großen Stile abgerechnet, und viel Krankheit und Melancholie meinerseits, letzteres im ganz kleinen Stile: der bei dergleichen der schlechteste Stil ist. Es gab allerlei noch zu verordnen und auszudenken, um die neue Herausgabe meiner Schriften bei Fritzsch für den Herausgeber so vortheilhaft als möglich zu machen.4 Jetzt sind die älteren Schriften (bis zur "Morgenröthe") in neuen hübschen Kleidchen, und von mir mit mächtig-langen Vorreden bedacht, zur Versendung fertig und schon versandt. Gestern wurden auch die Vorreden zur "Morgenröthe" und zur "fröhlichen Wissenschaft" von mir druckfertig gemacht; den Schluß der fröhlichen Wissenschaft wird ein Anhang machen mit dem Titel "Lieder des Prinzen Vogelfrei." — Diese 5 Vorreden sind vielleicht meine beste Prosa, die ich bisher geschrieben habe; leider steht mir auch gar nichts von Freiexemplaren zur Verfügung. —

Die Antinomie meiner jetzigen Lage und Existenzform liegt jetzt darin, daß alles das, was ich als philosophus radicalis nöthig habe — Freiheit von Beruf, Weib, Kind, Gesellschaft, Vaterland, Glauben u.s.w. u.s.w. ich als ebensoviele Entbehrungen empfinde, insofern ich glücklicher Weise ein lebendiges Wesen und nicht bloß eine Analysirmaschine und ein Objektivations-Apparat bin. Ich muß hinzufügen, daß dieser Gegensatz von Nothwendigem und von Entbehrtem durch den abscheulichen Mangel einer auch nur mittelmäßig soliden Gesundheit auf die Spitze getrieben wird, — denn in Momenten der Gesundheit fühle ich jene Entbehrungen weniger hart. Auch weiß ich mir absolut nicht jene 5 Bedingungen zusammen zu bringen, auf denen eine erträgliche Mittlere meiner labilen Gesundheit herzustellen wäre; das Schlimmste aber wäre jedenfalls, wenn ich, um die 5 Bedingungen der Gesundheit zu schaffen, mich der 8 Freiheiten des philosophus radicalis beraubte. — Dies scheint mir der objektivste Ausdruck meiner complizirten Lage… Verzeihung! Oder vielmehr: Du darfst Dich darüber lustig machen! —

Dir und Deiner lieben Frau mich angelegentlich empfehlend

Dein Freund
Nietzsche.

* Deinen Vorschlägen hinsichtlich der Gelder vollkommen beipflichtend.

1. Overbeck's birthday was November 16.
2. Overbeck had moved to a new residence in Basel, at 70 Feierabendstraße.
3. Elisabeth Förster-Nietzsche and her husband tried to get Nietzsche to invest in "Nueva Germania," Bernhard Förster's disastrous settlement in Paraguay.
4. In 1886, Fritzsch published new editions of The Birth of Tragedy, Untimely Meditations, and Thus Spoke Zarathustra. In 1887, Fritzsch published new editions of Dawn, and The Joyful Science.

 

Malwida von Meysenbug.
1880.
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Nice, 13. December 1886:
Brief an Malwida von Meysenbug.

Verehrteste Freundin,

Ihre liebenswürdige Absicht, mir schreiben zu wollen, hat mich in Gestalt einer grünen Karte1 erreicht: sie hatte dazu den Sprung von Genua nach Nizza zu machen. Es ist mein vierter Winter an diesem Orte, mein siebenter an dieser Küste: so will es meine ebenso dumme als anspruchsvolle Gesundheit, auf die böse zu sein gerade jetzt wieder die Anlässe zu häufig sind. Nizza und Engadin: aus diesem Cirkeltanze darf ich altes Pferd immer noch nicht heraus. —

Zum Mindesten darf ich nicht in jene wärmeren Länder, wohin ich jetzt sehr gelockt werde: jeder Brief aus Paraguay2 enthält Künste der Verführung. Aber umsonst! — ich weiß zu gut, daß mich die Kälte verwöhnt hat (denn mein Kunststück, um die letzten 10 Jahre durchzubringen, bestand in dem Sich-auf-Eis-legen; ein kleiner milder Januar, ungefähr für das ganze Jahr durchgeführt, Nordzimmer, blaue Hände,3 nichts von Ofen, eiskalte Gedanken — ah, davon brauche ich Ihnen nicht zu schreiben?! —)

— Meine Tischnachbarin sagte neulich, in diesem Betrachte, meine Nähe verursache ihr Schnupfen. —

Hoffentlich finden Sie in Rom genug von Liebe und Freundschaft vor, um die Abreise von Versailles einigermaßen zu verwinden. Von Minghetti's Tode4 habe sogar ich gehört. —

Hier ist die Saison sehr im Gange und Glanze, die letzte, wie man überall hört und fühlt, die letzte Saison vor "dem Kriege." Man ist früher hier eingetroffen als je; ich selbst war unter den Frühesten. Auch die Kälte hat sich beeilt: vielleicht wird der Winter sehr kurz, und schon der Februar bringt den Frühling! Sicherlich kann es keine schönere Jahreszeit für Nizza geben als die jetzige: der Himmel blendend weiß, das Meer tropisch blau, des Nachts ein Mondlicht, daß die Gaslaternen sich schämen und roth werden: und darin laufe ich nun wieder herum, wie schon so viele Male und denke meine schwarze Art Gedanken aus …

Treulich Ihr alter sehr vereinsiedelter Freund
F. N.

1. Unknown card.
2. From Elisabeth Förster-Nietzsche.
3. Nietzsche's room had no heat.
4. Marco Minghetti (1818-1886), Italian statesman and friend of Meysenbug, died on December 10, 1886.

Nietzsches Briefe | 1886This page in English© The Nietzsche Channel

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