COPYRIGHT NOTICE: The content of this website, including text and images, is the property of The Nietzsche Channel. Reproduction in any form is strictly prohibited. © The Nietzsche Channel. Nietzsches Briefe Ausgewählte Korrespondenz. 1885. Nizza, Mitte März 1885: Brief (Entwurf) an Elisabeth NietzscheAls ich deinen Brief las, kam mir wieder einmal zum Bewußtsein, weshalb mich einige feinere Köpfe in Deutschland für irrsinnig halten oder gar erzählen, ich sei im Irrenhaus gestorben. Ich bin viel zu stolz als je zu glauben, daß ein Mensch mich lieben könne: dies würde nämlich voraussetzen, daß er wisse, wer ich bin. Ebensowenig glaube ich daran, daß ich je Jemanden lieben werde: das würde voraussetzen, daß icheinmalWunder über Wunder!einen Menschen meines Ranges fändeVergiß nicht, daß ich solche Wesen wie Rich[ard] W[agner] oder A. Schopenhauer eben so sehr verachte als tief bedaure und daß ich den Stifter des Christenthums als oberflächlich empfinde im Vergleich mit mir ich habe sie alle geliebt, als ich noch nicht begriff, was der Mensch ist. Es gehört zu den Räthseln, über die ich einige Male nachgedacht habe, wie es möglich ist, daß wir blutsverwandt sind. Was mich beschäftigt, bekümmert, erhebt, dafür habe ich nie einen Mitwisser und Freund gehabt! es ist Schade, daß es keinen Gott giebt, damit es doch Einer wüßte. So lange ich gesund bin, habe ich guten Humor genug, um meine Rolle zu spielen und mich vor aller Welt darunter zu verstecken zb. als Basler Professor. Leider bin ich sehr viel krank, und dann hasse ich die Menschen, welche ich kennen gelernt habe, unsäglich, mich eingerechnet. Meine liebe Schwester, das Wort unter unsund Du darfst den Brief hinterdrein verbrennen. Wenn ich nicht ein gut Stück von einem Schauspieler wäre, so hielte ich's nicht eine Stunde aus, zu leben. Für Menschen, wie ich bin, giebt es keine Ehe: es sei denn im Stile unseres Goethe. Ich denke nicht daran, he geliebt zu werden. Wenn ich Dir sehr gezürnt habe, so ist es, weil Du mich zwangst, die letzten M[enschen] [Lou Salomé und Paul Rée] aufzu[ge]ben, mit welchen ich ohne Tartüfferie sprechen konnte. Jetztbin ich allein. mit denen ich ohne Maske von den Dingen reden konnte, die mich interessiren. Was sie von mir dachten und hielten, war mir sehr gleichgültig. Jetzt bin ich allein. Verbirg diesen Brief unserer Mutter und Es scheint mir, daß ein Mensch, bei dem allerbesten Willen, unsäglich viel Unheil anstiften kann, wenn er unbescheiden genug ist, denen nützen zu wollen, deren Geist und Wille ihm verborgen ist. Um ein Beispiel zu nehmen: die gute Malwida hat ihr ganzes Leben nichts als Unheil angestiftet, Dank jener eben genannten Unbescheidenheit. Sei mir eines solchen Briefs wegen nicht böse! Es liegt mehr Artigkeit darin, als wenn ich wie gewohnt, eine Komödie spiele. Du weißt, daß ich von den Franzosen dieses Jahrhunderts Henri Beyle (stendhal) am liebsten habe. Von seinen Schülern ist bei weitem der einflußreichste Taine: um Dir einen Begriff von ihm zu geben, sende ich Dir seinen M. Graindorge, ein Buch, das für meinen Geschmack etwas zu harmlos ist, aber vielleicht um so mehr geeignet ist, dir einen günstigen Begriff von seinem Verfasser zu geben. Venezia, 7. Mai 1885: Brief an Franz OverbeckSehr erbaut durch Deinen Brief und sehr beruhigt: denn mitunter kam mir der Verdacht, Du möchtest gar den Verfasser des Z[arathustra] für übergeschnappt halten. Meine Gefahr ist in der That sehr groß, aber nicht diese Art Gefahr: wohl aber weiß ich mitunter nicht mehr, ob ich die Sphinx bin, die fragt, oder jener berühmte Oedipus, der gefragt wirdso daß ich für den Abgrund zwei Chancen habe. Das geht nun seinen Gang. [....] Sils-Maria, 2. Juli 1885: Brief an Franz OverbeckLieber alter Freund Overbeck, es beunruhigt mich , nichts von Dir zu hören; und zum Mindesten will ich wünschen, daß Deine Gesundheit nichts mit diesem Schweigen zu thun hatobwohl die Hitze dieses Jahres und ebenso die Erinnerung an die schlechte lähmende Luft Basels, wie ich sie im vorigen Juni wieder kennen gelernt habe, mir auch nach dieser Seite hin besorgliche Gedanken eingiebt. Als ich hier oben ankam , war eine meiner ersten Handlungen, nach Deinem "Teichmüller" zu suchen; leider ergab es sich als absensworaus folgt, daß er in der Nizza-Bücherkiste steckt: was ich hiermit, zu meinem großen Bedauern, Dir melde. Dagegen habe ich hier, aus Deinem Bücherschatze, den Mainländer. Großen Dank noch für die Übersendung des Dürers an meine Angehörigen: man hat mir so sehr dafür gedankt, daß ich glauben muß, damit weit über den Begriff "Hochzeitsgeschenk" hinaus geschossen zu haben. Möge aber die Zukunft des jungen Paars sich tröstlicher und hoffnungsvoller gestalten als die unheimliche Bild zu verstehen giebt! Unter uns, ich habe viele Besorgnisse auf dem Herzen, allerdings auch einige sonderbare Wünsche, gerade was diese neue Welt in Paraguay betrifft. Es kann im Handumdrehen jetzt für mich Europa unmöglich werden; und siehe da, vielleicht findet sich fort in der Ferne auch für einen solchen verflogenen Vogel, wie ich es bin, ein Ast. (Wie geschrieben steht: "so häng ich denn auf krummem Aste" usw.) Hier oben habe ich wieder die gleiche, mir sehr zugethane Gesellschaft des vorigen Jahrs; zwei sonst in Genf lebende distinguirte Engländerinnen und jene alte Dame vom russischen Hofe, von der ich schrieb, daß sie eine der nächsten Schülerinnen Chopin's ist; ihr Verhältniß zur Musik ist kein Spaaß, noch im letzten Monat hat sie eine tüchtige strenge Fuga componirt. Nun ist in meiner Gesellschaft eine deutsche Dame aus Meiningen, welche auf eine briefliche Einladung meinerseits hierher gekommen ist und mir, durch Vorlesen und Nachschreiben, mit großer Güte entgegenkommt: leider ist nächste Woche ihre Zeit zu Ende. Was die Augen betrifft, so ist mein Zustand jetzt von dem Dührings wenig verschieden; dieses plötzliche reißend schnelle Verschwinden des Augenlichtes vom vorigen Sommer an bis jetzt gehört zu den Dingen, wofür ich die Gründe nicht weiß. Die Jodsalbe, welche Schiess verordnete, war wirkungslos. Ich habe fast jeden Tag 2-3 Stunden diktirt, aber meine "Philosophie," wenn ich das recht habe, das, was mich bis in die Wurzeln meines Wesens hinein malträtirt, so zu nennen, ist nicht mehr mittheilbar, zum Mindesten nicht durch Druck. Mitunter sehne ich mich darnach, mit Dir und Jakob Burckhardt eine heimliche Conferenz zu haben, mehr um zu fragen, wie Ihr um diese Noth herumkommt als um Euch Neuigkeiten zu erzählen. Die Zeit ist im Übrigen grenzenlos oberflächlich; und ich schäme mich oft genug, so viel publice schon gesagt zu haben, was zu keiner Zeit, selbst zu viel werthvollern und tiefern Zeiten, vor das "Publicum" gehört hätte. Man verdirbt sich eben den Geschmack und die Instinkte, inmitten der "Preß- und Frechheits-Freiheit" des Jahrhunderts; und ich halte mir das Bild Dante's und Spinoza's entgegen, welche sich besser auf das Loos der Einsamkeit ertragen ließ; und zuletzt gab es für alle die, welche irgendwie einen "Gott" zur Gesellschaft hatten, noch gar nicht das, was ich als "Einsamkeit" kenne. Mir besteht mein Leben jetzt in dem Wunsche, daß es mit allen Dingen anders stehn möge, als ich sie begreife; und daß mir Jemand meine "Wahrheiten" unglaubwürdig mache. Von meiner Mutter erhielt ich die besorgte Meldung, daß Schmeitzner bisher nicht gezahlt hat: es wäre schrecklich, wenn der Prozeß weiter gehn, resp. die Subhastation usw. beantragt werden müßte. Der Juni war der festgesetzte Termin der Zahlung. Mein Onkel, der die ganze Sache übernommen hatte, liegt auf den Tod krank. Bitte, sende mir wieder 500 frcs. hier herauf. Deiner vortrefflichen Frau mich herzlich anempfehlend in alter Liebe Dein F. N. Leipzig, 15. Oktober 1885: Brief an Heinrich von Stein[....] Gestern sah ich [Paul] Rée's Buch über das Gewissen:wie leer, wie langweilig, wie falsch! [Die Entstehung des Gewissen. Berlin: 1885.] Man sollte doch nur von Dingen reden, worin man seine Erlebnisse hat. Ganz anders empfand ich bei dem Halb-Roman seiner sur inséparable [Lou von] Salomé, der mir scherzhafter Weise zugleich vor die Augen kam. [Henri Lou (Pseudonym): Im Kampf um Gott. Leipzig; Berlin: 1885.] Alles Formale daran ist mädchenhaft, weichlich, und in Hinsicht auf die Prätension, daß ein alter Mann hier als erzählend gedacht werden soll, geradezu comisch. Aber die Sache selber hat ihren Ernst, auch ihre Höhe; und wenn es gewiß nicht das Ewig-Weibliche ist, was dieses Mädchen hinanzieht, so vielleicht das Ewig-Männliche. Ich vergaß zu sagen, wie hoch ich die schlichte, klare und beinahe antike Form des Réeischen Buches zu schmecken weiß. Dies ist der "philosophische habitus." Schade, daß nicht mehr "Inhalt" in einem solchen Habit steckt! Unter Deutschen aber ist es nicht genug zu ehren, wenn Jemand in der Art, wie es R[ée] immer gethan hat, dem eigentlich deutschen Teufel, dem Genius oder Dämon der Unklarheit, abschwört. [....]
|