Nietzsches Briefe | 1884© The Nietzsche Channel
PreviousCorrespondents' BiographiesNext

COPYRIGHT NOTICE: The content of this website, including text and images, is the property of The Nietzsche Channel. Reproduction in any form is strictly prohibited. © The Nietzsche Channel.

Nietzsches Briefe
Ausgewählte Korrespondenz.

1884.

Nizza, Januar/Februar 1884: Briefe (Entwürfe) an Franziska Nietzsche

Aber ein Jahr nachher auf Dinge zurückkommen, die vor meinem intimen Zusammensein mit Frl. Salomé in Tautenburg und Leipzig liegen, war eine Brutalität sonder Gleichen; und mir dann Brief für Brief Dinge mitzutheilen, die mir ganz neu waren, und nachträglich noch Schmutz auf jene aufopferungsreichen Monate zu werfen, das heiße ich niederträchtig. Wenn Frl. S[alomé] über mich geäußert hat, daß ich "unter der Maske idealer Ziele" schmutzige Absichten in Bezug auf sie verfolgte, durfte ich so Etwas ein Jahr nachher erfahren? Ich hätte sie mit Schimpf und Schande fortgejagt und Rée's von ihr befreit.— Dies nur als Probe von hundert Fällen, worin sich die verhängnißvolle Perversität meiner Schwester gegen mich gezeigt hat. Im Übrigen weiß ich längst, daß sie nicht eher Ruhe hat, als bis ich todt bin. Nun, mein Zarathustra ist fertig! Im Augenblick, wo er fertig wurde und ich in meinen Hafen einfuhr, stand sie da und warf mir Hände voll Schmutz in's Gesicht.

Es sind Andeutungen in Deinem Briefe, welche mich sprachlos machen.

Bin Ich es nicht, der ein Übermaaß von unverdienter Güte Euch im letzten Jahr bewiesen hat? Seid Ihr denn undankbar durch und durch? Oder so in den letzten Grund hinein verlogen, daß die einfachste Wahrheit bei Euch auf dem Kopfe steht?

Wer hat sich denn schlecht gegen mich benommen, wenn nicht Ihr? Wer hat mein Leben in Gefahr gebracht, wenn nicht Ihr? Wer hat mich so vollständig in Stich gelassen, wie Ihr, und damals, wo ich Trost nöthig hatte, mir mit Verhöhnung und Beschmutzung meines ganzen Lebens und Strebens geantwortet?

Ich kenne erst recht, und von Kindheit an, die moralische Distanz, die mich und Euch trennt, und habe all meine Milde, Geduld und Stillschweigen nöthig gehabt, um Sie Euch nicht allzufühlbar zu machen. Begreift Ihr denn Nichts von dem Widerwillen, den ich zu überwinden habe, mit solchen Menschen, wie Ihr seid, so nahe verwandt zu sein! Was bringt mich denn zum Erbrechen, wenn ich Briefe meiner Schwester lese und diese Mischung von Blödsinn und Dreistigkeit, die sich gar noch moralisch aufputzt, hinunterschlucken muß?

Ich  habe  nun  eine  paar  Jahre wie ein zu Tode gemartertes Thier gegen L[isbeth] mich gewehrt und geflüchtet; ich habe sie beschworen mich in Ruhe zu lassen und sie hat nicht einen Moment aufgehört, mich zu martern. Ich fürchtete mich, vorigen August deshalb nach N[aumburg] zu gehn,  um  nicht  thätlich  mich  an  ihr  zu  vergreifen, und berieth deshalb mit O[verbeck]. Und nun stellt sie sich hin und thut, als ob sie an nichts schuld sei!

Ich  weiß  nicht,  was  schlimmer  ist,  die  grenzenlose dreiste Albernheit L[isbeth]s, einen Menschenkenner und Nierenprüfer wie mich über 2 Menschen belehren zu wollen, welche ich Zeit und Lust genug hatte, aus der nächsten Nähe zu studiren: oder die unverschämte Taktlosigkeit, Menschen unausgesetzt mit Schmutz vor mir zu bewerfen, mit denen ich doch jedenfalls ein wichtiges Theil meiner geistigen Entwicklung gemein habe und welche insofern mir 100 Male näher stehen als dieses alberne rachsüchtige Geschöpf.

Mein Ekel mit einer so erbärmlichen Creatur verwandt zu sein.

Woher hat sie diese ekelhafte Brutalität—woher jene verschmitzte Manier, giftig zu stechen (durch welche ihr Brief an Frau R[ée] mir unbeschreiblich wehe that, in die Seele von Frau R[ée] hinein)

Wenn ein Mensch wie ich "der und der gehört in den Plan meines Lebens," wie ich es L[isbeth] über Frl S[alomé] gesagt habe—so ist es eine blödsinnige Albernheit des Urtheils und des Willens zu schaden und sich an überlegenen Geistern zu rächen. Dann mir in einer so infamen Weise entgegen zu arbeiten. Zuletzt habe ich doch durchgesetzt, was ich wollte.

Die  dumme  Gans  ging  so  weit,  mir Neid auf R[ée] vorzuwerfen! und mich mit G[ersdorff] und sich mit M[alwida] zu vergleichen!

Du kannst mir nicht nachfühlen, welcher Trost mir jahrelang Dr. R[ée] gewesen ist—faute de mieux wie es sich von selber versteht, und welche unglaubliche Wohlthat mir gar der Verkehr mit Frl S[alomé] gewesen ist.

Was den Brief L[isbeth]s anlangt—so beunruhigen mich Urtheile über mich selber nicht. Ich denke, ich habe dasselbe schon Ein Mal zu hören bekommen—war's von L[isbeth]? Oder von Frl S[alomé]? Über mich wenigstens stimmten sie damals überein. Wer treibt denn darin doppel Spiel?

Glaube ja nicht, l[iebe] M[utter], daß ich schlechter Laune bin. Im Gegentheil! Aber wer  jetzt  nicht  zu  mir  hält,  der  laufe  zum  Teufel—oder meinetwegen nach P[araguay].

Nizza, Januar/Februar 1884: Brief (Entwurf) an Franz Overbeck

[....]

Nebenbei gesagt, meine Schwester ist ein Unglückswurm: es ist ihr jetzt das sechste Mal in zwei Jahren passirt, daß sie mitten hinein in meine höchsten und seligsten Gefühle—Gefühle, wie sie auf der Erde überhaupt selten dagewesen sind—einen Brief hineingeworfen hat, der den niederträchtigsten Geruch des Allzumenschlichen hat.

[....]

Nizza, 22. Februar 1884: Brief an Erwin Rohde

Mein alter lieber Freund

ich weiß nicht, wie es zugieng: aber als ich Deinen letzten Brief las und namentlich als ich das liebliche Kinderbild sah, da war mir's, als ob Du mir die Hand drücktest und mich dabei schwermüthig ansähest: schwermüthig als ob Du sagen wolltest "Wie ist es nur möglich, daß wir so wenig noch gemein haben und wie in verschiedenen Welten leben! Und einstmals — —"

Und so, Freund, geht es mir mit allen Menschen, die mir lieb sind: alles ist vorbei, Vergangenheit, Schonung; man sieht sich noch, man redet, um nicht zu schweigen—, man schreibt sich Briefe noch, um nicht zu schweigen. Die Wahrheit aber spricht der Blick aus: und der sagt mir (ich höre es gut genug!) "Freund Nietzsche, du bist nun ganz allein!"

So weit habe ich’s nun wirklich gebracht.

Inzwischen gehe ich meinen Gang weiter, eigentlich ist’s eine Fahrt, eine Meerfahrt—und ich habe nicht umsonst jahrelang in der Stadt des Columbus gelebt. — —

Mein "Zarathustra" ist fertig geworden, in seinen drei Akten: den ersten hast Du, die beiden andern hoffe ich in 4-6 Wochen Dir senden zu können. Es ist eine Art Abgrund der Zukunft, etwas Schauerliches, namentlich in seiner Glückseligkeit. Es ist alles drin mein Eigen, ohne Vorbild, Vergleich, Vorgänger; wer einstmals darin gelebt hat, der kommt mit einem andern Gesichte wieder zur Welt zurück.

Aber davon soll man nicht reden. Für Dich, als einem homo litteratus, will ich   ein   Bekenntnis   nicht   zurückhalten:—ich   bilde   mir  ein, mit diesem Z[arathustra] die deutsche Sprache zu ihrer Vollendung gebracht zu haben. Es war, nach Luther und Goethe, noch ein dritter Schritt zu tun—; sieh zu, alter Herzenskamerad, ob Kraft, Geschmeidigkeit und Wohllaut je schon in unsrer Sprache so beieinander gewesen sind. Lies Goethe nach einer Seite meines Buches—und Du wirst fühlen, daß jenes "undulatorische," das Goethe als Zeichner anhaftet, auch dem Sprachbildner nicht fremd blieb. Ich habe die strengere, männlichere Linie vor ihm voraus, ohne doch, mit Luther, unter die Rüpel zu gerathen. Mein Stil ist ein Tanz, ein Spiel der Symmetrien aller Art und ein Überspringen und Verspotten dieser Symmetrien. Das geht bis in die Wahl der Vokale. —

Verzeihung! Ich werde mich hüten, dies Bekenntnis einem andern zu machen, aber Du hast einmal, ich glaube als der Einzige, mir eine Freude an meiner Sprache ausgedrückt. —

Übrigens bin ich Dichter bis zu jeder Grenze dieses Begriffs geblieben, ob ich mich schon tüchtig mit dem Gegentheil aller Dichterei tyrannisirt habe. Ach Freund, was für ein tolles, verschwiegenes Leben lebe ich! So allein, allein! So ohne "Kinder"!

Bleibe mir gut, ich bin’s Dir wahrhaftig!

Dein  
  F. N.
Nizza, 2. April 1884: Postkarte an Franz Overbeck

Meine lieber Freund, zuletzt vergaß ich Dich zu bitten, mir noch 500 frcs hierher zu senden. —

Das Neueste ist, daß große Befürchtungen in Betreff meines Verlegers entstehn. Du weißt, daß er bis zum 1. April meine bei ihm stehenden Gelder an meine Mutter zurückzahlen wollte. Jetzt aber! Aber darüber ein ander Mal.—

Die verfluchte Antisemiterei verdirbt mir alle meine Rechnungen, auf pekuniäre Unabhängigkeit, Schüler, neue Freunde, Einfluß, sie hat R[ichard] W[agner] und mich verfeindet, sie ist die Ursache eines radikalen Bruchs zwischen mir und meiner Schwester usw. usw. usw. O he! O he!

Ich erfuhr hier, wie sehr man mir in Wien einen solchen Verleger zum Vorwurf macht. —

Venezia, 30. April 1884: Brief an Franz Overbeck

Meine lieber Freund Overbeck,

im Grunde ist es doch sehr schön, daß wir und uns durch die letzten Jahre nicht fremd geworden sind, und sogar, wie es scheint, durch den Zarathustra nicht. Daß ich gegen mein vierzigstes Lebensjahr sehr allein sein würde—darüber habe ich mir niemals Illusionen gemacht; und ich weiß auch Dies, daß Vieles Schlimme gegen mich noch unterwegs ist—ich werde in Kürze darüber belehrt werden, wie theuer man es zu zahlen hat, daß man—die dumme und falsche Sprache der ambitiosi zu gebrauchen—"nach den höchsten Kronen greift."

Inzwischen will ich meine mir eroberte Situation gut nutzen und ausnutzen: ich bin jetzt, mit großer Wahrscheinlichkeit, der unabhängigste Mann in Europa. Meine Ziele und Aufgaben sind umfänglicher als die irgend eines Andern—und das, was ich große Politik nenne, giebt zum Mindesten einen guten Standort und Vogelschau-Blick ab für die gegenwärtigen Dinge.

Was alle Praxis des Lebens betrifft, so bitte ich Dich, treuer und bewährter Freund, mir fürderhin nur Eine Sache zu wahren, eben die größtmögliche Unabhängigkeit und Freiheit von persönlichen Rücksichten. Ich denke, Du weißt, was gerade in Bezug auf mich die Mahnung Zarathustras "Werde hart!" sagen will. Mein Sinn, jedem Einzelnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und im Grunde gerade das mir Feindseligste mit der größten Milde zu behandeln, ist übermäßig entwikkelt und bringt Gefahr über Gefahr, nicht nur für mich, sondern für meine Aufgabe: hier ist Abhärtung nöthig und, der Erziehung halber, eine gelegentliche Grausamkeit.

Verzeihung! Es klingt nicht immer gut, wenn man von sich selber redet, er riecht auch nicht immer gut.

Mit meiner Gesundheit bin ich, wie es scheint, über den Berg. Die Winter werde ich in Nizza leben, für die Sommer brauche ich eine Stadt mit großer Bibliothek, wo ich incognito leben kann (ich habe an Stuttgart gedacht, was meinst Du?)

Dieses Jahr denke ich immer noch, wieder nach Sils Maria zu gehen, wo mein Bücher-Korb steht—vorausgesetzt, daß ich mich gegen Zudringlichkeiten meiner Schwester besser zu schützen verstehe als vorige Jahr. Es ist wirklich eine recht bösartige Person geworden; ein Brief voll der giftigsten Verdächtigungen meines Charakters, den ich von ihr im Januar erhielt, ein artiges Seitenstück des Briefes an Frau Rée, hat mir nun hinreichend Klarheit gegeben—sie muß fort nach Paraguay. Ich selber will den Verkehr mit allen Menschen abbrechen, welche zu meiner Schwester halten: ich vertrage jetzt Alles "Halb- und Halb" in Bezug auf mich nicht mehr.

Hier bin ich im Hause Köselitzens, in der Stille Venedigs und höre Musik, die vielfach selber eine Art idealisirtes Venedig ist. Er macht aber Fortschritte zu einer männlicheren Kunst: die neue Ouverture des matrimonio ist hell, streng und feurig.

Dein Freund N.

Venezia, Anfang Mai 1884: Brief an Malwida von Meysenbug

Inzwischen, meine hochverehrte Freundin, sind hoffentlich die beiden letzten Theile meines Zarathustra in Ihre Hände gelangt: zum Mindesten habe ich lange schon meinem Verleger den Auftrag dazu gegeben. Das ist kein Geschenk, für das man so ohne Weiteres zu danken hätte—ich verlange ein Umlernen in Betreff der liebsten und verehrtesten Empfindungen, und viel Mehr als ein Umlernen noch! Wer weiß wie viele Generationen erst vorüber gehen müssen, um einige Menschen hervorzubringen, die es in seiner ganzen Tiefe nachfühlen, was ich gethan habe! Und dann selbst noch macht mir der Gedanke Schrecken, was für Unberechtigte und gänzlich Ungeeignete sich einmal auf meine Autorität berufen werden. Aber das ist die Qual jedes großen Lehrers der Menschheit: er weiß, daß er, unter Umständen und Unfällen, der Menschheit zum Verhängniß werden kann, so gut als zum Segen.

Nun ich selber will Alles thun, um zum Mindesten keinem allzugroben Mißverständniß Vorschub zu leisten; und jetzt, nachdem ich mir diese Vorhalle meiner Philosophie gebaut habe, muß ich die Hand wieder anlegen und nicht müde werden, bis auch der Haupt-Bau fertig vor mir steht. Menschen, die nur die Sprache der Ambition verstehen, mögen mir nachsagen, daß ich nach der höchsten Krone griffe, welche die Menschheit zu vergeben hat. Wohlan! —

Aber diese Einsamkeit, und von Kindesbeinen an! Diese Verschlossenheit im vertrautesten Verkehre noch! Es ist mir gar nicht mehr beizukommen, auch mit Wohlthun nicht mehr.

Kürzlich, als ich in Nizza den Besuch von Frl. Schirnhofer hatte, dachte ich oft Ihrer mit großer Dankbarkeit, denn ich errieth, daß Sie mir damit wohlthun wollten: und wirklich, es war ein Besuch zur rechten Zeit, der heiter und nützlich ablief (zumal keine störende eingebildete Gans zugegen war—Pardon! ich meinte meine Schwester). In der Hauptsache aber glaube ich nicht, daß es einen Menschen geben könne, der mich über die eingewurzelte Gefühl des Alleinseins hinwegbrächte. Ich fand noch Niemanden, vor dem ich reden könnte, wie ich mit mir selber rede.— Verzeihung für diese Art von Selbst-Bekenntniß, meine verehrte Freundin!

Zweierlei möchte ich gerne genau noch wissen; erstens, wo Sie diesen Sommer sind. Zweitens brauche ich die Adresse von Liszt, seine römische Adresse (nicht für mich).

Ich ärgere mich über jenen inhumanen Brief, den ich im vorigen Sommer Ihnen schickte; ich war durch diese unsäglich widrige Aufhetzerei geradezu krank gemacht worden. Inzwischen ist die Lage dahin verändert, daß ich mit meiner Schwester radical gebrochen habe: denken Sie um des Himmels willen nicht daran, da vermitteln und versöhnen zu wollen—zwischen einer rachsüchtigen antisemitischen Gans und mir giebt es keine Versöhnung. Im Übrigen wende ich jeden Grad von Schonung an, weil ich weiß, was sich zur Entschuldigung meiner Schwester sagen läßt und was im Hintergrunde ihres für mich so schmählichen und unwürdigen Verhaltens steht:—die Liebe. Es ist durchaus nöthig, daß sie möglichst bald nach Paraguay absegelt—. Später, sehr viel später wird sie von selber zur Einsicht kommen, wie sehr sie mit diesen unausgesetzten schmutzigen Verdächtigungen meines Charakters (die Geschichte dauert nun 2 Jahre!) mir in der entscheidendsten Epoche meines Lebens geschadet hat. Zuletzt bleibt mir die sehr unbequeme Aufgabe übrig, einigermaßen an Dr. Rée und Frl. Salomé gut zu machen, was meine Schwester schlimm gemacht hat (von Frl. S. soll nächstens ihr erstes Buch erscheinen: "über den religiösen Affect"—das selbe Thema, für welches ich ihre außerordentliche Begabung und Erfahrung in Tautenburg entdeckte—es macht mich glücklich, nicht ganz umsonst mich damals so bemüht zu haben.) Meine Schwester reducirt ein so reiches und originales Geschöpf auf "Lüge und Sinnlichkeit"—sie sieht in Dr. Rée und ihr nichts weiter als 2 "Lumpen";—dagegen empört sich nun freilich mein Gerechtigkeits-Gefühl, so gute Gründe ich auch habe, mich von Beiden für tief beleidigt zu halten. Es war mir sehr lehrreich, daß meine Schwester zuletzt gegen mich selber genau so blind-verdächtigend gehandelt hat, wie gegen Frl. S.; ich brachte mir da erst zum Bewußtsein, daß alles Schlimme, was ich von Frl. S. geglaubt habe, auf jenes Gezänk zurückgeht, das vor meiner näheren Bekanntschaft mit Frl. S. liegt: wie viel mag da meine Schwester falsch verstanden und hinzugehört haben! Es fehlt ihr alle und jede Menschenkenntniß; der Himmel bewahre sie davor, daß nicht einmal einer der Feinde des Dr. Förster über diesen vor ihr beredt wird!

Nochmals um Verzeihung bittend, daß ich diese alte Geschichte wieder zur Sprache brachte! Es ist nur, um Ihnen zu sagen, daß Sie sich ja nicht ih Ihrem eigenen Gefühle durch jenen abscheulichen Brief beeinflussen lassen mögen, den ich Ihnen vorigen Sommer schrieb. Außerordentliche Menschen, wie Frl. Salomé, verdienen, zumal in solcher Jugend, jeden Grad von Nachsicht und Mitleiden. Und wenn ich auch, aus verschiedenen Gründen, noch nicht im Stande bin, eine neue Annäherung von ihr an mich zu wünschen, so will ich doch, für den Fall, daß ihre Lage sich schlimm und verzweifelt gestaltet, von allen eigenen persönlichen Rücksichten absehen. Ich verstehe jetzt nur zu gut, durch eine vielfache Erfahrung, wie leicht mein eigenes Leben und Schicksal genau in den gleichen Verruf kommen könnte, wie das ihrige—verdient und unverdient, wie es immer bei solchen Naturen der Fall zu sein pflegt. —

Von Herzen Ihnen ergeben
und dankbar
Nietzsche.
Venezia, erste Juniwoche 1884: Brief an Malwida von Meysenbug

Meine hochverehrte Freundin,

Verzeihung, wenn ich in Bezug auf Herrn A[ragon] noch ziemlich viel Mißtrauen habe. Ohne Ihre Fürsprache und rein nach dem mitgeschickten Briefe zu urtheilen, würde ich sogar geneigt sein, auf ein ungewöhnliches Maaß von Unbescheidenheit und Grünschnäbelei zu rathen.

Ganz allgemein geredet—so ist es jetzt äußerst schwer geworden, mir zu helfen; ich halte es immer mehr für unwahrscheinlich, Menschen zu begegnen, die dies vermöchten. Fast in allen Fällen, wo ich mir bisher einmal dergleichen Hoffnungen machte, ergab es sich, daß ich es war, der helfen und zugreifen mußte—: dazu aber fehlt es mir nunmehr an Zeit. Meine Aufgabe ist ungeheuer; meine Entschlossenheit aber nicht geringer. Was ich will, das wird Ihnen mein Sohn Zarathustra zwar nicht sagen, aber zu rathen aufgeben; vielleicht ist es zu errathen. Und gewiß ist Dies: ich will die Menschheit zu Entschlüssen drängen, welche über die ganze menschliche Zukunft entscheiden, und es kann so kommen, daß einmal ganze Jahrtausende auf meinen Namen ihre höchsten Gelübde thun.— Unter einem "Jünger" würde ich einen Menschen verstehn, der mir ein unbedingtes Gelübde machte—, und dazu bedürfte es einer langen Probezeit und schwerer Proben. Im Übrigen vertrage ich die Einsamkeit: während jeder Versuch der letzten Jahre, es wieder unter Menschen auszuhalten, mich krank gemacht hat. —

Mit Zeitungen, selbst den wohlgemeintesten, kann und darf ich mich nicht einlassen:—ein Attentat auf das gesammte moderne Preßwesen liegt in dem Bereiche meiner zukünftigen Aufgaben. —

Es thut mir immer leid, Nein sagen zu müssen, und ganz besonders zu Ihnen, meine hochverehrte Freundin! Denn zuletzt sind wir Beide zum Ja-sagen geschaffen, nicht wahr? —

Mit den dankbarsten Gefühlen immer Ihr

Nietzsche.

PreviousCorrespondents' BiographiesNext
Nietzsches Briefe | 1884© The Nietzsche Channel