COPYRIGHT NOTICE: The content of this website, including text and images, is the property of The Nietzsche Channel. Reproduction in any form is strictly prohibited. © The Nietzsche Channel. Nietzsches Briefe Ausgewählte Korrespondenz. 1882. Genua, 21. März 1882: Brief an Paul Rée (Typoskript)Mein lieber Freund welches Vergnügen machen mir Ihre Briefe!Sie ziehen mich abnach allen Seiten, und zuletzt unter allen Umständen zu Ihnen hin! Gestern badete ich am Meere, genau an jener berühmten Stelle wo - - - denken Sie im vorigen Sommer einer meiner nächsten Verwandten von einem solchen Anfall im Bade überrascht wurde und weil zufällig Niemand in der Nähe war ertrank. Über Ihre 30 frs. habe ich sehr gelachtdie Post übergab mir diesen Brief ohne selbst nach meinem Passe zu verlangenund der junge Beante lässt Sie grüssenecco! Overbeck hat mir mein Geld geschicktich bin für ein paar Monate jetzt versorgt. Grüssen Sie diese Russin [Lou von Salomé] von mir wenn dies irgend einen Sinn hat: ich bin nach dieser Gattung von Seelen lüstern. Ja ich gehe nächstens auf Raub darnach ausin Anbetracht dessen was ich in den nächsten 10 Jahren thun will brauche ich sie. Ein ganz anderes Capitel ist die Eheich könnte mich höchstens zu einer zweijährigen Ehe verstehen, und auch dies nur in Anbetracht dessen was ich in den nächsten 10 Jahren zu thun habe. Nach den Erfahrungen die ich eben mit Köselitz mache werden wir ihn nie dazu bringen Geld von uns anzunehmenes sei denn in der bürgerlichsten Form von Kauf und Verkauf. Ich habe ihm gestern geschrieben ob er mir und zweien meiner Freunde die Matrimonie-Partitur verkaufen wolle: ich bot ihm 6000 frs. zahlbar in vier Jahresraten von 1500 frs. Diesen Vorschlag halte ich für eine Feinheit und einen Fallstrick. Sobald er Ja sagt, melde ich es Ihnen; und Sie haben dann die Güte mit Gersdorff zu verhandeln. Leben Sie wohl! Die Schreibmaschine will nicht mehr, es ist gerade die Stelle des geflickten Bandes. 
Ich schrieb an Frl. v. M[eysenbug] auch wegen Pieve's [Pieve di Cadore: Geburtsort von Tizian]. Meine herzlichsten Wünsche für Ihr Wohl, bei Tag und Nacht Ihr getreuer Freund F N. | Ich sende den Brief an Frl. von M[eysenbug] Rom poste restante weil ich ihre Adresse nicht habe. Nein! ich sende den Brief an Frl. v. M. an Ihre Adresse, lieber Freund. |
Naumburg, kurz nach dem 24. Mai 1882: Brief an Lou von SaloméLiebe Freundin Lou, [....] Die Nachtigallen singen die ganzen Nächte durch vor meinem Fenster. Rée ist in allen Stücken ein besserer Freund als ich es bin und sein kann; beachten Sie diesen Unterschied wohl! Wenn ich ganz allein bin, spreche ich oft, sehr oft Ihren Namen auszu meinem größten Vergnügen! Ihr F. N. Naumburg a/Saale, Pfingsten, 28. Mai 1882: Brief an Ida OverbeckVerehrte Frau Professor [....] wie sollte ich mich vor dem Schicksale fürchten, namentlich wenn es mir in der gänzlich unerwarteten Gestalt von L[ou] entgegentritt? Beachten Sie, daß Rée und ich mit gleichen Empfindungen unsrer tapferen und hochherzigen Freundin zugethan sindund daß er und ich sehr großes Vertrauen zu einander auch in diesem Punkte haben. Auch gehören wir weder zu den Dümmsten, noch zu den Jüngsten. Hier habe ich bisher ganz von diesen neuen Dingen geschwiegen. Trotzdem wird dies auf die Dauer unthunlich sein, und zwar schon deshalb, weil meine Schwester und Frau Rée in Verkehr sind. Meine Mutter will ich dagegen "aus dem Spiele" lassensie hat schon genug Sorgen zu tragenwozu noch unnöthige? [....] Naumburg a/Saale, Pfingsten, 28. Mai 1882: Brief an Lou von Salomé[....] Meine liebe Freundin Lou, über "Freunde" und den Freund Rée insonderheit will ich mündlich mich erklären: ich weiß sehr wohl, was ich sage, wenn ich ihn für einen besseren Freund halte als ich es bin und sein kann. Oh der schlechte Photograph! Und doch: was für ein lieblicher Schattenriß sitzt da auf dem Leiterwägelchen! [....]  Naumburg, 29. Mai 1882: Brief an Paul Rée[....] Ich lache öfter über unsre pythagoreische Freundschaft, mit dem sehr seltenen "filoiV panta koina." Es giebt mir einen besseren Begriff von mir selber, einer solchen Freundschaft wirklich fähig zu sein. Aber zum Lachen bleibt es doch? In herzlicher Liebe Ihr F. N. | Ihrer verehrten Frau Mutter meine und meiner Schwester ergebenste Grüße. |
Naumburg, etwa 5. Juni 1882: Brief an Franz OverbeckMein lieber Freund, [....] Übrigens bin ich von einer fatalistischen "Gottergebenheit"ich nenne es amor fatidaß ich einem Löwen in den Rachen laufen würde, geschweige denn In Betreff des Sommers ist Alles noch im Unsichersten. Ich schweige hier fort und fort. In Betreff meiner Schwester bin ich ganz entschlossen, sie außerhalb zu lassen; sie könnte nur verwirren (und sich selber vorerst) [....] Naumburg, vermutlich 10. Juni 1882: Brief an Paul Rée[....] Im Ganzen bitte ich Sie dringend, von unserem Winter-Vorhaben gegen Jedermann zu schweigen: man soll von allem Werdenden schweigen. Sobald etwas zu zeitig davon verlautet, giebt es auch Gegner und Gegen-Pläne: die Gefahr ist nicht gering. In Deutschland, merke ich leider, ist es für mich schwer, incognito zu leben. Thüringen habe ich ganz aufgegeben. [....] Naumburg, 10. Juni 1882: Brief an Lou von SaloméJa, meine liebe Freundin, ich übersehe aus meiner Ferne gar nicht, welche Personen in unsere Absichten nothwendig eingeweiht werden müssen; aber ich denke, wir wollen daran festhalten, eben nur die nothwendigen Personen einzuweihen. Ich liebe die Verborgenheit des Lebens und ich wünschte von Herzen, daß Ihnen und mir ein europäisches Geschwätz erspart bliebe. Im Übrigen verbinde ich mit unserem Zusammenleben so hohe Hoffnungen, daß alle nothwendigen oder zufälligen Nebenwirkungen jetzt wenig Eindruck auf mich machen: und was sich auch ergiebt, wir wollen es zusammen tragen und das ganze Bündelchen alle Abende zusammen in's Wasser werfennicht wahr? Ihre Worte über Frl. v. M[eysenbug] bestimmen mich, ihr nächstens einen Brief zu schreiben. Geben Sie mir zu verstehen, wie Sie sich die Zeit von Bayreuth ab einzurichten denken, und auf welche Mithülfe meinerseits Sie dabei rechnen. Mir thut jetzt Berg und Hochwald sehr noth: nicht nur die Gesundheit, noch mehr "die fröliche Wissenschaft" treiben mich in die Einsamkeit. Ich will das Ende machen. Paßt es, wenn ich jetzt schon mich nach Salzburg (oder Berchtesgaden) begebe, also auf den Weg nach Wien? Wenn wir zusammen sind, schreibe ich Ihnen etwas in das übersandte Buch. Zuletzt: ich bin in allen Dingen der That unerfahren und ungeübt; und seit Jahren habe ich mich nie für irgend eine Handlung vor Menschen zu erklären oder zu rechtfertigen gehabt. Meine Pläne lasse ich gerne im Verborgenen; über meine Facta mag alle Welt reden! Doch gab die Natur jedem Wesen verschiedene Vertheidigungswaffenund Ihnen gab sie Ihre herrliche Offenheit des Wollens. Pindar sagt einmal "werde der, der du bist!" Treulich und ergeben F N. Naumburg, 18. Juni 1882: Brief an Paul Rée[....] Trotzalledem bin ich voller Zutrauen zu diesem Jahre und seinem geheimnißvollen Würfelspiel über mein Schicksal. Ich reise nicht nach Berchtesgaden und bin überhaupt nicht mehr im Stande, allein etwas zu unternehmen. In Berlin war ich wie ein verlorner Groschen, den ich selber verloren hatte und Dank meiner Augen nicht zu sehn vermochte, ob er mir schon vor dem Füßen lag, so daß alle Vorübergehenden lachten. Gleichniß! [....] Tautenburg, Montag 26. Juni 1882: Brief an Lou von SaloméMeine liebe Freundin, eine halbe Stunde abseits von der Dornburg, auf der der alte Goethe seine Einsamkeit genoß, liegt inmitten schöner Wälder Tautenburg. Da hat mir meine gute Schwester ein idyllisches Nestchen eingerichtet, das mich nun diesen Sommer bergen soll. Gestern habe ich es in Besitz genommen; morgen reist meine Schwester ab, und ich werde allein sein. Doch haben wir etwas verabredet, was sie vielleicht wieder hierher bringt. Gesetz nämlich, Sie hätten keine bessere Verwendung des Monat August's und fänden es schicklich und thunlich, hier mit mir im Walde zu leben, so würde meine Schwester Sie von Bayreuth hierher geleiten und mit Ihnen hier in Einem Hause wohnen (zb. bei dem Pfarrer, wo sie augenblicklich wohnt: der Ort hat Auswahl an hübschen bescheidenen Zimmern). Meine Schwester, über die Sie Rée befragen mögen, würde gerade für diese Zeit nach Abgeschiedenheit verlangen, um auf ihren kleinen Novellen-Eierchen zu brüten. Es ist ihr ein äußerst angenehmer Gedanke, in Ihrer und meiner Nähe zu sein. So! Und nun Aufrichtigkeit "bis zum Tod"! Meine liebe Freundin! Ich bin durch nichts gebunden und wechsele meine Pläne, wenn Sie Pläne haben, auf das Leichteste. Und soll ich nicht mit Ihnen zusammen sein, so sagen Sie auch dies mir einfachund nicht einmal Gründe brauchen Sie anzugeben! Ich vertraue Ihnen ganz: aber das wissen Sie. Wenn wir zu einander passen, so werden auch unsre Gesundheiten zu einander passen, und irgendworin wird ein geheimer Nutzen sein. Ich habe bisher nie daran gedacht, daß Sie mir "vorlesen und schreiben" sollen; aber ich wünschte sehr, Ihr Lehrer sein zu dürfen. Zuletzt, um die ganze Wahrheit zu sagen: ich suche jetzt nach Menschen, welche meine Erben sein könnten; ich trage Einiges mit mir herum, was durchaus nicht in meinen Büchern zu lesen istund suche mir dafür das schönste und fruchtbarste Ackerland. Sehen Sie meine Selbstsucht! Wenn ich hier und da an die Gefahren Ihres Lebens, Ihrer Gesundheit denke: da füllt sich meine Seele jedesmal ganz von Zärtlichkeit; ich wüßte nichts, was mich so schnell Ihnen nahe brächte. Und dann bin ich immer glücklich, zu wissen, daß Sie Rée und nicht nur mich zum Freunde haben. Sie Beide mir zusammen spazierengehend und redend zu denken ist mir ein wahrer Genuß. Der Grunewald war viel zu sonnig für meine Augen. Meine Adresse ist: Tautenburg bei Dornburg, Thüringen. | Treulich Ihr | | Freund Nietzsche. |
Tautenburg, 27./28. Juni 1882: Brief an Lou von SaloméLiebe Freundin, [....] [....] Aber meine ganze Stillschweigerei war nicht nöthig, werden Sie jetzt meinen? Ich analysirte sie heute und fand als letzten Grund: Mißtrauen gegen mich selber. Ich bin nämlich durch das Ereigniß, einen "neuen Menschen" hinzuerworben zu haben, förmlich über den Haufen geworfen wordenin Folge einer allzustrengen Einsamkeit und Verzichtleistung auf alle Liebe und Freundschaft. Ich mußte schweigen, weil mich von Ihnen zu reden jedesmal umgeworfen hätte (es passirte mir bei den guten Overbecks) Nun, das erzähle ich Ihnen zum Lachen. Es geht bei mir immer sehr menschlich-allzumenschlich zu und meine Thorheit wächst mit meiner Weisheit. [....] Tautenburg bei Dornburg Thüringen, 3. Juli 1882: Brief an Lou von SaloméMeine liebe Freundin, Nun ist der Himmel über mir hell! Gestern Mittags gieng es bei mir zu wie als ob Beburtstag wäre: Sie sandten Ihre Zusage, das schönste Geschenk, das mir jetzt Jemand hätte machen könnenmeine Schwester sandte Kirschen, Teubner [B. G. Teubner: Verlagsbuchhandlung in Leipzig] sandte die drei ersten Druckbogen der "fröhlichen Wissenschaft"; und zu alledem war gerade der allerletzte Theil des Manuscriptes fertig geworden und damit das Werk von 6 Jahren (1876-1882), meine ganze "Freigeisterei"! Oh welche Jahre! Welche Qualen aller Art, welche Vereinsamungen und Lebens-Überdrüsse! Und gegen Alles das, gleichsam gegen Tod und Leben, habe ich mir diese meine Arznei gebraut, diese meine Gedanken mit ihrem kleinen kleinen Streifen unbewölkten Himmels über sich:oh liebe Freundin, so oft ich an das Alles denke, bin ich erschüttert und gerührt und weiß nicht, wie das doch hat gelingen können: Selbst-Mitleid und das Gefühl des Sieges erfüllen mich ganz. Denn es ist ein Sieg, und ein vollständigerdenn sogar meine Gesundheit des Leibes ist wieder, ich weiß nicht woher, zum Vorschein gekommen, und Jedermann sagt mir, ich sähe jünger aus als je. Der Himmel behüte mich vor Thorheiten! Aber von jetzt ab, wo Sie mich berathen werden, werde ich gut berathen sein und brauche mich nicht zu fürchten. Was den Winter betrifft, so habe ich ernstlich und ausschließlich an Wien gedacht: die Winterpläne meiner Schwester sind ganz unabhängig von den meinigen, er giebt dabei keine Nebengedanken. Der Süden Europa's ist mir jetzt aus dem Sinn gerückt. Ich will nicht mehr einsam sein und wieder lernen, Mensch zu werden. Ah, an diesem Pensum habe ich fast Alles noch zu lernen! Nehmen Sie meinen Dank, liebe Freundin! Es wird Alles gut, wie Sie es gesagt haben. Unserem Rée das Herzlichste! Tautenburg, 11. Juli 1882: Brief an Franziska NietzscheMeine liebe Mutter, [....] Der Verschönerungs-Verein hat mir hier zwei neue Bänke in den Theilen des Waldes aufstellen lassen, wo ich gerne allein spazieren gehe. Ich habe versprochen, zwei Täfelchen daran anbringen zu lassen. Willst Du die Güte haben und dies besorgen? Und sofort? Sprich mit einem Sachverständigen, welche Art von Täfelchen und Aufschriften sich am besten hält. | Auf dem einen soll stehen | | | | | | Auf dem andern: | | Die fröhliche Wissenschaft. | | F.N. |
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Es muß etwas Feines und Hübsches sein, das mir Ehre macht. Mit herzlichem Gruß Dein Sohn Fritz. Tautenburg, 13. Juli 1882: Brief an Heinrich Köselitz (Peter Gast)Meine lieber Freund, [....] [....] Lou ist der Tochter eines russischen Generals, und zwanzig Jahre alt; sie ist scharfsinnig wie ein Adler und muthig wie ein Löwe und zuletzt doch ein sehr mädchenhaftes Kind, welches vielleicht nicht lange leben wird. Ich verdanke Sie Fräulein von Meysenbug und Rée. Jetzt ist sie bei Rées zu Besuch, nach Bayreuth kommt sie zu mir nach Tautenburg, und im Herbst siedeln wir zusammen nach Wien über. Wir werden in Einem Hause wohnen und zusammen arbeiten; sie ist auf die erstaunlichste Weise gerade für meine Denk- und Gedankenweise vorbereitet. Lieber Freund, Sie erweisen uns Beiden sicherlich die Ehre, den Begriff einer Liebschaft von unserem Verhältniß fernzuhalten. Wir sind Freunde und ich werde dieses Mädchen und dieses Vertrauen zu mir heilig halten. Übrigens hat sie einen unglaublich sicheren und lauteren Charakter und weiß selbst sehr genau, was sie willohne die Welt zu fragen und sich um die Welt zu bekümmern. [....] Tautenburg bei Dornburg (Thüringen), Mitte Juli 1882: Brief an Erwin RohdeMein lieber alter Freund, es hilft nichts, ich muß Dich heute auf ein neues Buch von mir vorbereiten; höchstens noch 4 Wochen hast Du davor Ruhe! Ein mildernder Umstand ist, daß es das letzte für eine lange Reihe von Jahren sein soll:denn im Herbst gehe ich an die Universität Wien und fang neue Studentenjahre an, nachdem die alten mir, durch eine zu einseitige Beschäftigung mit Philologie, etwas mißrathen sind. Jetzt giebt es einen eigenen Studienplan und hinter ihm ein eigenes geheimes Ziel, dem mein weiteres Leben geweiht istes ist mir zu schwer zu leben, wenn ich es nicht im größten Stile thue, im Vertrauen gesagt, mein alter Kamerad! Ohne ein Ziel, welches ich nicht für unaussprechlich wichtig hielte, würde ich mich nicht oben im Lichte und über den schwarzen Fluthen gehalten haben! Dies ist eigentlich meine einzige Entschuldigung für diese Art von Litteratur, wie ich sie seit 1876 mache: es ist mein Recept und meine selbstgebraute Arznei gegen den Lebens-Überdruß. Welche Jahre! Welche langwierigen Schmerzen! Welche innerlichen Störungen, Umwälzungen, Vereinsamungen! Wer hat denn so viel ausgestanden als ich? Leopardi gewiß nicht! Und wenn ich nun heute über dem Allen stehe, mit dem Frohmuthe eines Siegers und beladen mit schweren neuen Plänenund, wie ich mich kenne, mit der Aussicht auf neue schwerere und noch innerlichere Leiden und Tragödien und mit dem Muthe dazu! so soll mir niemand darüber böse sein dürfen, wenn ich gut von meiner Arznei denke. Mihi ipsi scripsidabei bleibt es; und so soll Jeder nach seiner Art für sich sein Bestes thundas ist meine Moral:die einzige, die mir noch übrig geblieben ist. Wenn selbst meine leibliche Gesundheit zum Vorschein kommt, wem verdanke ich denn das? Ich war in allen Punkten mein eigener Arzt; und als einer, der nichts Getrenntes hat, habe ich Seele Geist und Leib auf Ein Mal und mit denselben Mitteln behandeln müssen. Zugegeben, daß Andere an meinen Mitteln zu Grunde gehen könnten: dafür thue ich auch nichts eifriger als vor mir zu warnen. Namentlich dieses letzte Buch, welches den Titel führt "die fröhliche Wissenschaft" wird Viele vor mir zurückschrecken, auch Dich vielleicht, lieber alter Freund Rohde! Es ist ein Bild von mir darin; und ich weiß bestimmt, daß es nicht das Bild ist, welches Du von mir im Herzen trägst. Also: habe Geduld, und sei es auch nur darum, weil Du einsehen mußt, daß es bei mir heißt "aut mori aut ita vivere [es geht um Leben und Tod]." Von ganzem Herzen Dein Nietzsche. Tautenburg bei Dornburg (Thüringen), 16. Juli 1882: Brief an Lou von Salomé[....] [....] Ich habe so viel in Bezug auf diesen Mann [Richard Wagner] und seine Kunst erlebtes war eine ganze lange Passion: ich find kein anderes Wort dafür. Die hier geforderte Entsagung, das hier endlich nöthig werdende Mich-selber-Wiederfinden gehört zu dem Härtesten und Melancholischsten in meinem Schicksale. Die letzten geschriebenen Wort W[agner]'s an mich stehen in einem schönen Widmungs-Exemplare des Parsifal "Meinem theuren Freunde Friedrich Nietzsche. Richard Wagner, Ober-Kirchenrath." Genau zu gleicher Zeit traf, von mir gesendet, bei ihm mein Buch "Menschliches, Allzumenschliches" einund damit war Alles klar, aber auch Alles zu Ende. Wie oft habe ich, in allen möglichen Dingen, gerade dies erlebt: "Alles klar, aber auch Alles zu Ende"! Und wie glücklich bin ich, meine geliebte Freundin Lou, jetzt in Bezug auf uns Beide denken zu dürfen "Alles in Anfang und doch Alles klar!" Vertrauen Sie mir! Vertrauen wir uns! Mit den herzlichsten Wünschen für Ihre Reise Tautenburg, 8./24. August 1882: Brief an Lou von SaloméZur Lehre vom Stil 1. Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll leben. 2. Der Stil soll dir angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der doppelten Relation.) 3. Man muß erst genau wissen: "so und so würde ich dies sprechen und vortragen"bevor man schreiben darf. Schreiben muß eine Nachahmung sein. 4. Weil dem Schreibenden viele Mittel des Vortragenden fehlen, so muß er im Allgemeinen eine sehr ausdrucksvolle Art von Vortrag zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon nothwendig viel blässer ausfallen. 5. Der Reichthum an Leben verräth sich durch Reichthum an Gebärden. Man muß Alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunktionen, die Wahl der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumenteals Gebärden empfinden lernen. 6. Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht, die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den Meisten ist die Periode eine Affektation. 7. Der Stil soll beweisen, daß man an seine Gedanken glaubt, und sie nicht nur denkt, sondern empfindet. 8. Je abstrakter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muß man erst die Sinne zu ihr verführen. 9. Der Takt des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin, dicht an die Poesie heranzutreten, aber niemals zu ihr überzutreten. 10. Es is nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und sehr klug, seinem Leser zu überlassen die letzte Quintessenz unsrer Weisheit selber auszusprechen. F.N. Einen guten Morgen, meine liebe Lou! Tautenburg, 25. August 1882: Zettel an Lou von Salomé
 Zu Bett. Heftigster Anfall. Ich verachte das Leben FN. Tautenburg, 26. August 1882: Zettel an Lou von SaloméMeine liebe Lou, Pardon für gestern! Ein heftiger Anfall meines dummen Kopfleidensheute vorbei. Und heute sehe ich Einiges mit neuen Augen. [....] F.N. Naumburg, Ende August 1882: Brief an Lou von SaloméMeine liebe Lou, einen Tag später als Sie gieng ich von Tautenburg weg, im Herzen sehr stolz, sehr muthigwodurch eigentlich? Mit meiner Schwester habe ich nur wenig noch gesprochen, doch genug, um das neue auftauchende Gespenst in das Nichts zurück zu schicken, aus dem es geboren war. In Naumburg kam wieder der Dämon der Musik über michich habe Ihr Gebet an das Leben componirt; und meine Pariser Freundin Ott, die im Besitz einer wundervoll starken und ausdrucksreichen Stimme ist, soll es Ihnen und mir einmal vorsingen. Zuletzt, meine liebe Lou, die alte tiefe herzliche Bitte: werden Sie, die Sie sind! Erst hat man Noth, sich von seinen Ketten zu emancipiren, und schließlich muß man sich noch von dieser Emancipation emancipiren! Es hat Jeder von uns, wenn auch in sehr verschiedener Weise an der Ketten-Krankheit zu laboriren, auch nachdem er die Kette zerbrochen hat. Von Herzem Ihrem Schicksale gewogendenn ich liebe auch in Ihnen meine Hoffnungen.F.N. |
Leipzig, 9. September 1882: Brief an Elisabeth NietzscheIn zwei, drei Tagen, meine liebe Lisbeth, geht es fort; an Eisers, die ich in Frankfurt aufsuchen will, habe ich geschrieben, und sobald ich von Dir Herrn [August] Sulger's Adresse weiß, wird alles in Ordnung sein. Gestern erhielt ich zwei Postkarten von Diraus Messina über Rom und BaselEhre der Post! Ich habe auch meine für Naumburg festgesetzte Arbeit (eine Composition [Gebet an das Leben]) schönstens erledigt und auch dabei mir genug gethan. Wenn ich Dir nur einen Begriff von meiner fröhlichen Ziversicht geben könnte, die mich diesen Sommer beseelt hat! Es ist mir Alles gelungen und Manches wider Erwartengerade da als ich es mißlungen glaubte. Auch Lou ist sehr zufriedengestellt (sie steckt jetzt ganz in Arbeit und Büchern.) Was mir sehr wesentlich ist: sie hat Rée zu einer meiner Hauptansichten bekehrt (wie er selbst schreibt), die das Fundament seines Buches völlig verändert. Rée schrieb gestern "Lou ist entschieden in Tautenburg um einige Zoll gewachsen." Ich höre mit Betrübniß, daß Du noch immer an der Nachwirkung jener Scenen zu leiden hast, die ich Dir von Herzen gern erspart hätte. Halte aber nur diesen Gesichtspunkt fest: durch die Aufregung dieser Scenen kam an's Licht, was sonst vielleicht lange im Dunklen geblieben wäre: daß L[ou] eine geringere Meinung von mir und einiges Mißtrauen gegen mich hatte; und wenn ich genauer die Umstände unsres Bekanntwerdens erwäge, so hatte sie vielleicht dazu ein gutes Recht (eingerechnet die Wirkung einiger unvorsichtigen Äußerungen von Freund R[ée]) Nun denkt sie aber jetzt ganz gewiß besser von mirund das ist doch die Hauptsache, nicht wahr, meine liebe Schwester? Im Übringen, wenn ich an die Zukunft denke, so wäre es mir hart, annehmen zu müssen, daß Du mit mir in Bezug auf L[ou] nicht gleich empfändest. Wir haben eine solche Gleichartigkeit der Gaben und Absichten, daß unsre Namen irgend wann einmal zusammen genannt werden müssen; und jede Verunglimpfung, die sie trifft, wird mich zuerst treffen. Doch vielleicht ist dies wieder schon zu viel über diesen Punkt. Ich danke Dir nochmals von ganzem Herzen für alles, was Du mir Gutes in diesem Sommer angethan hastund ich erkenne Dein schwesterliches Wohlwollen wahrhaftig recht sehr in dem auch, wo Du mit mir nicht gleichempfinden konntest. Ja, wer darf sich auch mit mir wider-moralischen Philosophen ohne Gefahr einlassen! Zweierlei verbietet mir meine Denkweise unbedingt: 1) Reue 2) moralische Entrüstung. Sei wieder gut, liebes Lama! Dein Bruder. Leipzig, 9. September 1882: Brief an Franz OverbeckMein lieber Freund, so sitzte ich denn einmal wieder in Leipzig, der alten Bücher-Stadt, um einige Bücher kennen zu lernen, bevor es wieder in die Ferne geht. Mit dem deutschen Winter-Feldzug wird es wohl nichts werden: ich bedarf in jedem Sinne des hellen Wetters. Ja Charakter hat er, dieser Wolken-Himmel Deutschlands, ungefähr, wie mich dünkt, wie die Parsival-Musik Charakter hataber einen schlechten. Vor mir liegt der erste Akt des matrimonio segreto [von Gast]goldene, glitzernde, gute, sehr gute Musik! Die Tautenburger Wochen haben mir wohlgethan, namentlich die letzten; und im Ganzen Großen habe ich ein Recht, von Genesung zu reden, wenn ich auch häufig genug an das labile Gleichgewicht meiner Gesundheit erinnert werde. Aber reinen Himmel über mir! Sonst verliere ich allzu viel Zeit und Kraft! Wenn Du den Sanctus Janarius gelesen hast, so wirst Du gemerkt haben, daß ich einen Wendekreis überschritten habe. Alles liegt neu vor mir, und es wird nicht lange dauern, daß ich auch das furchtbare Angesicht meiner ferneren Lebens-Aufgabe zu sehen bekomme. Dieser lange reiche Sommer war für mich eine Probe-Zeit; ich nahm äußerst muthig und stolz von ihm Abschied, denn ich empfand für diese Zeitspanne wenigstens die sonst so häßliche Kluft zwischen Wollen und Vollbringen als überbrückt. Es gab harte Ansprüche an meine Menschlichkeit, und ich bin mir im Schwersten genug geworden. Diesen ganzen Zwischenzustand zwischen sonst und einstmals nenne ich "in media vita"; und der Dämon der Musik, der mich nach langen Jahren wieder einmal heimsuchte, hat mich gezwungen, auch in Tönen davon zu reden. Das Nützlichste aber, was ich diesen Sommer gethan habe, waren meine Gespräche mit Lou. Unsre Intelligenzen und Geschmäcker sind im Tiefsten verwandtund es giebt andererseits der Gegensätze so viele, daß wir für einander die lehrreichsten Beobachtungs-Objekte und -Subjekte sind. Ich habe noch Niemanden kennen gelernt, der seinen Erfahrungen eine solche Menge objektiver Einsichten zu entnehmen wüßte, Niemanden, der aus allem Gelernten so viel zu ziehn verstünde. Gestern schrieb mir Reé "Lou ist entschieden um einige Zoll gewachsen in Tautenburg"nun, ich bin es vielleicht auch. Ich möchte wissen, ob eine solche philosophische Offenheit, wie sie zwischen uns besteht, schon einmal bestanden hat. L[ou] ist jetzt ganz in Büchern und Arbeiten versteckt; ihr größter Dienst, den sie mir bisher erwiesen, ist der, Reé zu einer Reform seines Buches auf Grund eines meiner Hauptgedanken bestimmt zu haben. Ihre Gesundheit reicht nur für 6-7 Jahre aus, wie ich fürchte. Tautenburg hat Lou ein Ziel gegeben. Sie hinterließ mir ein ergreifendes Gedicht "Gebet an das Leben." Leider hat sich meine Schwester zu einer Todfeindin L[ou]'s entwickelt, sie war voller moralischer Entrüstung von Anfang bis Ende und behauptet nun zu wissen, was an meiner Philosophie ist. Sie hat an meine Mutter geschrieben, "sie habe in Tautenburg meine Philosophie in's Leben treten sehen und sei erschrocken: ich liebe das Böse, sie aber liebe das Gute. Wenn sie eine gute Katholikin wäre, so würde sie in's Kloster gehen und für all das Unheil büßen, was daraus entstehen werde." Kurz, ich habe die Naumburger "Tugend" gegen mich, es giebt einen wirklichen Bruch zwischen unsund auch meine Mutter vergaß sich einmal so weit mit einem Worte, daß ich meine Koffer packen ließ und morgens früh nach Leipzig fuhr. Meine Schwester (die nicht nach Naumburg kommen wollte, solange ich dort war und noch in Tautenburg ist) citirt dazu ironisch "Also begann Zarathustra's Untergang." In der That, es ist der Beginn vom Anfang. Dieser Brief ist für Dich und Deine liebe Frau, haltet mich nicht für menschenfeindlich. Ganz von Herzen Dein F.N. | Das Herzlichste an Frau Rothpletz und der Ihrigen! Ich dankte Dir noch nicht für Deinen herzlichen Brief. |
Leipzig, vermutlich 15. September 1882: Brief an Paul RéeMein lieber Freund, ich bin der Meinung, daß wir Beide und wir Drei klug genug sind, um uns gut zu sein und zu bleiben. In diesem Leben, wo Menschen wie wir so leicht zu Gespenstern werden, vor denen man sich fürchtet, wollen wir uns an einander freuen und uns Freude zu machen suchen; und wollen darin erfindsam werdenich für meinen Theil muß darin sehr nachlernen, da ich ein isolirtes Ungeheuer war. Meine Schwester hat inzwischen die Feindseligkeit ihrer Natur, die sie gewöhnlich gegen ihre Mutter ausläßt, mit aller Kraft gegen mich gekehrt und sich förmlich von mir gelöst, in einem Briefe an meine Mutter, aus Abscheu vor meiner Philosophie, und "weil ich das Böse liebe, sie aber das Gute" und dergleichen Tollheit. Mich selber hat sie mit Spott und Hohn überschüttetnun, die Wahrheit ist, ich bin gegen sie mein Leben lang geduldig und milde gewesen, wie ich es nun einmal gegen dies Geschlecht sein muß: und das hat sie vielleicht verwöhnt. "Auch die Tugenden werden bestraft"sagte der weise Sanctus Januarius von Genua. Morgen schreibe ich an unsre liebe Lou, meine Schwester (nachdem ich die natürliche Schwester verloren habe, muß mir schon eine übernatürliche Schwester geschenkt werden.) Und Anfangs Oktober auf Wiedersehen in Leipzig! Ihr Freund F.N. Leipzig, vermutlich 16. September 1882: Brief an Lou von SaloméMeine liebe Lou, Ihr Gedanke einer Reduktion der philosophischen Systeme auf Personal-Acten ihrer Urheber ist recht ein Gedanke aus dem "Geschwistergehirn": ich selber habe in Basel in diesem Sinne Geschichte der alten Philosophie erzählt und sagte gern meinen Zuhören: "dies System ist widerlegt und todtaber die Person dahinter ist unwiderlegbar, die Person ist gar nicht todt zu machen"zum Beispiel Plato. Ich legte heute einen Brief des Professor Jacob Burckhardt bei, den Sie ja einmal kennen lernen wollten. Auch er hat etwas Unwiderlegbares in seiner Persönlichkeit; aber da er ein ganzer eigentlicher Historiker ist (der Erste unter allen lebenden), so hat er gerade daran, an dieser ewig ihm einverleibten Art und Person, kein Genügen, er möchte gar zu gerne einmal aus andern Augen sehen, zum Beispiel, wie der seltsame Brief verräth, aus den meinigen. Übrigens glaubt er an einen baldigen und plötzlichen Tod, durch Schlagfluß, nach Art seiner Familie; vielleicht möchte er mich gerne als Nachfolger in seiner Professur? Aber über mein Leben ist schon verfügt. Inzwischen hat der Prof. Riedel hier, der Präsident des deutschen Musik-Vereins, für meine "heroische Musik" (ich meine Ihr "Lebens-Gebet") Feuer gefangener will es durchaus haben, und es ist nicht unmöglich, daß er es für seinen herrlichen Chor (einen der ersten Deutschlands "der Riedelsche Verein" genannt) zurecht macht. Das wäre so ein kleines Weglein, auf dem wir Beide zusammen zur Nachwelt gelangtenandre Wege vorbehalten. Was Ihre "Charakteristik meiner selber" betrifft, welche wahr ist, wie Sie schreiben: so fielen mir meine Verschen aus der fröhlichen Wissenschaft einp. 10, mit der Überschrift "Bitte." Errathen Sie meine liebe Lou, um was ich bitte? Aber Pilatus sagt: "was ist Wahrheit!" Gestern Nachmittag war ich glücklich; der Himmel war blau, die Luft mild und rein, ich war im Rosenthal, wohin mich Carmen-Musik lockte. Da saß ich 3 Stunden, trank den zweiten Cognac dieses Jahres, zur Erinnerung an den ersten (ha! wie häßlich er schmeckte!) und dachte in aller Unschuld und Bosheit darüber nach, ob ich nicht irgend welche Anlage zur Verrücktheit hätte. Ich sagte mir schließlich Nein. Dann begann die Carmen-Musik, und ich gieng für eine halbe Stunde unter in Thränen und Klopfen des Herzens. Wenn Sie aber dies lesen, werden Sie schließlich sagen: Ja! und eine Note zur "Characteristik meiner selber" machen. Kommen Sie doch recht, recht bald nach Leipzig! Warum denn erst am 2 Oktober? Adieu, meine liebe Lou! Ihr F.N. Leipzig, vermutlich 7. November 1882: Brief an Louise OttVerehrungswürdige Freundin, Oder darf ich nach sechs Jahren dieses Wort nicht mehr gebrauchen? Inzwischen habe ich dem Tode näher gelebt, als dem Leben und bin folglich ein wenig zu sehr zum "Weisen" und beinahe zum "Heiligen" geworden ... Indessen: das läßt sich vielleicht noch corrigiren! Denn ich glaube wieder an das Leben, an die Menschen, an Paris, sogar an mich selberund will in kurzer Zeit Sie wiedersehen. Mein letztes Buch heißt: "Die fröhliche Wissenschaft." Giebt es viel heiteren Himmel über Paris? Wissen Sie durch Zufall etwa von einem Zimmer, das für mich paßt? Es müßte ein todtenstill gelegenes, sehr einfaches Zimmer sein. Und nicht gar zu ferne von Ihnen, meine liebe Frau Ott. Oder rathen Sie mir ab, nach Paris zu kommen? Ist es kein Ort für Einsiedler, für Menschen, die still mit einem Lebenswerke herumgehen wollen und sich gar nicht um Politik und Gegenwart bekümmern? Sie sind mir eine so liebliche Erinnerung! Von Herzen Ihnen zugethan Professor Dr. F. Nietzsche Leipzig, 8. November 8 1882: Brief an Lou von SaloméLiebe Lou, fünf Wortemeine Augen schmerzen. Ich besorgte Ihren Petersburger Brief. Vor zwei Tagen habe ich auch an Ihre Frau Mutter geschrieben (und zwar ziemlich lang) Auch nach Paris habe ich zwei Anfrage-Brief abgeschickt. Welche Melancholie! Ich wußte es nicht bis zu diesem Jahre, wie sehr ich mißtrauisch bin. Nämlich gegen mich. Der Umgang mit Menschen hat mir den Umgang mit mir verdorben. Sie wolten mir noch Etwas sagen? Ihre Stimme gefällt mir am meisten, wenn Sie bitten. Aber man hört dies nicht oft genug. Ich werde beflissen sein Ah, diese Melancholie! Ich schreibe Unsinn. Wie seicht sind mir heute die Menschen! Wo ist noch ein Meer, in dem man wirklich noch ertrinken kann! Ich meine ein Mensch. | Meine liebe Lou | | ich bin Ihr | | getreuer | | F.N. |
| (An Rée und Frau Rée das Herzlichste!) |
Santa Marguerita Ligure, vermutlich 23. November 1882: Brief an Paul RéeAber, lieber, lieber Freund, ich meinte, Sie würden umgekehrt empfinden und sich im Stillen darüber freuen, mich für eine Zeit los zu sein! Es gab in diesem Jahre hundert Augenblicke, von Orta an, wo ich empfand, daß Sie die Freundschaft mit mir etwas "zu hoch bezahlen." Ich habe schon Viel zu Viel von Ihrem römischen Funde abbekommen (ich meine Lou)und es schien mir immer, namentlich in Leipzig, daß Sie ein Recht hätten, gegen mich ein wenig schweigsam zu werden. Denken Sie, liebster Freund, so gut als möglich von mir, und bitten Sie auch Lou um eben dasselbe für mich. Ich gehöre Ihnen Beiden mit meinen herzlichsten Gefühlenich meine dies durch meine Trennung mehr bewiesen zu haben als durch meine Nähe. Alle Nähe macht so ungenügsamund ich bin zuletzt überhaupt ein ungenügsamer Mensch. Von Zeit zu Zeit werden wir uns schon wiedersehen, nicht wahr? Vergessen Sie nicht, daß ich von diesem Jahre an plötzlich arm an Liebe und folglich sehr bedürftig der Liebe geworden bin. Schreiben Sie mir etwas recht Genaues über das, was uns jetzt am meisten angeht,was "zwischen uns steht," wie Sie schreiben. | In ganzer Liebe | | | der Ihre | | | | F.N. |
| | | NB. Ich lobte Sie so in Basel, daß Frau Overbeck sagte: "Aber Sie beschreiben ja Daniel de Ronda!" Wer ist Daniel de Ronda? | | |
| Adr: Santa Margherita | | Ligure | | | p | oste restante | Santa Margherita Ligure, vermutlich 24. November 1882: Brief an Lou von SaloméMeine liebe Lou, gestern habe ich den beifolgenden Brief an Rée geschrieben: und eben war ich unterwegs, ihn zur Post zu tragenda fiel mir etwas ein, und so habe ich das Couvert wieder abgerissen. Dieser Brief, der Sie allein betrifft, würde R[ée] vielleicht mehr Schwierigkeit machen als Ihnen; kurz, lesen Sie ihn, es soll ganz in Ihrer Hand stehen, ob R[ée] ihn auch lesen soll. Nehmen Sie dies als ein Zeichen des Vertrauens, meines reinsten Willens zum Vertrauen zwischen uns! Und nun, Lou, liebes Herz, schaffen Sie reinen Himmel! Ich will nichts mehr, in allen Stücken als reinen hellen Himmel: sonst will ich mich schon durchschlagen, so hart es auch geht. Aber ein Einsamer leidet fürchterlich an einem Verdachte über die Paar Menschen, die er liebtnamentlich wenn es der Verdacht über einen Verdacht ist, den sie gegen sein ganzes Wesen haben. Warum fehlte bisher unserm Verkehre alle Heiterkeit? Weil ich mir zu viel Gewalt anthun mußte: die Wolke an unsrem Horizonte lag auf mir! Sie wissen vielleicht, wie unerträglich mir alles Beschämenwollen, alles Anklagen und Sich-Vertheidigen-müssen ist. Man thut viel Unrecht, unvermeidlichaber man hat ja auch die herrliche Gegenkraft, wohlzuthun, Frieden und Freude zu schaffen. Ich fühle jede Regung der höheren Seele in Ihnen, ich liebe nichts an Ihnen als diese Regungen. Ich verzichte gerne auf alle Vertraulichkeit und Nähe, wenn ich nur dessen sicher sein darf: daß wir uns dort einig fühlen, wohin die gemeinen Seelen nicht gelangen. Ich spreche dunkel? Habe ich erst das Vertrauen, so sollen Sie schon erleben, daß ich auch die Worte habe. Bisher habe ich immer schweigen müssen. Geist? Was ist mir Geist! Was ist mir Erkenntniß! Ich schätze nichts als Antriebeund ich möchte darauf schwören, daß wir darin etwas Gemeinsames haben. Sehen Sie doch durch diese Phase hindurch, in der ich seit einigen Jahren gelebt habesehen Sie dahinter! Lassen Sie sich nicht über mich täuschenSie glauben doch nicht, daß "der Freigeist" mein Ideal ist?! Ich bin Verzeihung! Liebste Lou, seien Sie, was Sie sein müssen. F.N. Genua, Ende November 1882: Brief (Entwurf) an Lou von SaloméWas machen Sie, meine liebe L[ou], ich bat um heitern Himmel zwischen uns soll ich sagen: es ist vorbei Wollen wir uns zusammen erzürnen? haben wir Lust einen großen Lärm zu machen? Ich ganz und gar nicht, ich wollte heitren Himmel zwischen uns. Aber Sie sind ja ein kleiner Galgenvogel! Und einst hielt ich Sie für die leibhaftige Tugend und Ehrbarkeit. Genua, November/Dezember 1882: Brief (Entwurf) an Lou von SaloméM[eine] l[iebe] L[ou] ich muß Ihnen einen kleinen boshaften Brief schreiben. Um des Himmels willen, was denken denn diese kleinen Mädchen von 20, welche angenehme Liebesgefühle haben und nichts Weiteres zu thun haben als hier und da krank zu sein und zu Bett zu liegen? Soll man diesen kl[einen] M[ädchen] viell[eicht] noch nachlaufen, um ihnen die Langeweile und die Fliegen zu verjagen? Zufällig Einen netten Winter zu machen[?] Charmant: aber was habe ich mit netten Wintern zu thun? Sollte ich die Ehre haben, dazu beizutragen Genua, Anfang Dezember 1882: Brief (Entwurf) an Paul RéeSeltsam! Ich habe über L[ou] eine vorgefaßte Meinung: und obwohl ich sagen muß, daß alle meine Erfahrung aus diesem Sommer widerspricht, werde ich diese Meinung nicht los. Eine Reihe von höheren Gefühlen, welche unter M[enschen] sehr selten und sehr auszeichnend sind, müssen in ihr vorhanden sein oder gewesen sein: irgend ein Haupt-Unglück Eigentlich hat sich Niemand in meinem Leben so häßlich gegen mich benommen wie L[ou]. Bis heute hat sie jene abscheuliche Verunglimpfung meines ganzen Charakters und Willens nicht widerrufen, mit der sie sich in Jena und Tautenb[urg] einführte: und dies obwohl sie weiß, daß es mir in seiner Nachwirkung erheblichen Schaden zugefügt hat (Namentl[ich] in Bezug auf Basel) Wer mit einem Mädchen das solche Dinge sagt, nicht den Verkehr abbricht, der muß jaich weiß nicht was seinso schließt man. Daß ich es nicht that, war die Folge jener vorgefaßten Meinung: übrigens von mir ein gutes Stück Selbstüberwindung. R[ohde] der mir kürzlich vorgehalten hat, diese meine ganze neuere Denkweise sei ein exc[entrischer] Entschluß nennt mich einen Tausendkünstler der Selbstüberwindung. Was mir übrigens am schwersten wird, ist, daß ich weder mit Ihnen noch mit Lou noch mit irgend jemandem von dem reden kann, was mir am meisten auf dem Herzen liegt. Wie ich einen Mann behandeln würde, der so über mich zu meiner Schwester redete, darüber ist kein Zeifel. Darin bin ich Soldat und werde es immer sein, ich verstehe mich auf Waffen. Aber ein Mädchen! Und Lou! sie hat mich in Bayreuth nicht nur im Stich gelassen, sondern geringschätzig behandelt (meine Schwester erzählte 100 Geschichten)in diesem Punkte bin ich empfindlich, denn daß meine Freunde mein Verhalten gegen W[agner] zu würdigen und mir Recht darin zu schaffen wissen, das gehört für mich zum Begriff "mein Freund" wer diese Dinge nicht begreift der weiß nichts davon was es heißt "der Erkenntniß Opfer bringen" Können Sie diese Dinge nicht ins Gleiche bringen? Ich habe nie mit Lou davon sprechen wollen einen einzigen Punkt ausgenommen, von dem Sie wissen. In der Hauptsache, wollte ich ihr die Freiheit lassen, das Geschehene von sich aus wieder gut zu machen: mir ist alles Erzwungene zwischen 2 Personen gräßlich. Als ich sie [Lou] das letzte Mal sah, sagte sie mir, sie habe mir noch etwas mitzutheilen. Ich war voller Hoffnung. (Ich sagte zu meiner S[eele] "Sie hat eine sehr schlechte Meinung von mir aber sie ist klug, sie wird bald eine bessere bekommen" ich möchte daß die schmerzhafteste Erinnerung dieses Jahres mir von der Seele genommen würdeschmerzhaft nicht, weil sie mich beleidigt sondern weil sie Lou in mir beleidigt. Genua, Anfang Dezember 1882: Brief an Heinrich von SteinAber, lieber Herr Doctor, Sie hätten mir gar nicht schöner antworten können, als Sie es gethan habendurch Übersendung Ihrer Bogen. Das traf glücklich zusammen! Und bei allen ersten Begegnungen sollte es ein so gutes "Vogelzeichen" geben! Ja, Sie sind ein Dichter! Das empfinde ich: die Affekte, ihr Wechsel, nicht am wenigsten der scenische Apparatdas est wirksam und glaubwürdig (worauf Alles ankommt!) Was die "Sprache" betrifft,nun wir sprechen zusammen über die Sprache, wenn wir uns einmal sehen: das ist nichts für den Brief. Gewiß, lieber Herr Doctor, Sie lesen noch zu viel Bücher, namentlich deutsche Bücher! Wie kann man nur ein deutsches Buch lesen! Ah, Verzeihung! Ich that es selber eben und habe Thränen dabei vergossen. Wagner sagte einmal von mir, ich schriebe lateinisch und nicht deutsch: was einmal wahr ist und sodannauch meinem Ohre wohlklingt. Ich kann nun einmal an allem deutschen Wesen nur einen Antheil haben, und nicht mehr. Betrachten Sie meinen Namen: meine Vorfahren waren polnische Edelleute, noch die Mutter meines Großvaters war Polin. Nun, ich mache mir aus meinem Halbdeutschthum eine Tugend zurecht und nehme in Anspruch, mehr von der Kunst der Sprache zu verstehen als es Deutschen möglich ist. Also hierin auf Wiedersehn! Was "den Helden" betrifft: so denke ich nicht so gut von ihm wie Sie. Immerhin: er ist die annehmbarste Form des menschlichen Daseins, namentlich wenn man keine andre Wahl hat. Man gewinnt etwas lieb: und kaum ist es Einem von Grund aus lieb geworden, so sagt der Tyrann in uns (den wir gar zu gerne "unser höheres Selbst" nennen möchten): "Gerade das gieb mir zum Opfer." Und wir geben's auchaber es ist Thierquälerei dabei und Verbranntwerden mit langsamen Feuer. Es sind fast lauter Probleme der Grausamkeit, die Sie behandeln: thut dies Ihnen wohl? Ich sage Ihnen aufrichtig, daß ich selber zuviel von dieser "tragischen" Complexion im Leibe habe, um sie nicht oft zu verwünschen; meine Erlebnisse im Kleinen und Großen, nehmen immer den gleichen Verlauf. Da verlange es mich am meisten nach einer Höhe, von wo aus gesehen das tragische Problim unter mir ist. Ich möchte dem menschlichen Dasein etwas von seinem herzbrecherischen und grausamen Charakter nehmen. Doch, um hier fortfahren zu können, müßte ich Ihnen verrathen habendie Aufgabe, vor der ich stehe, die Aufgabe meines Lebens. Nein, davon dürfen wir nicht mit einander sprechen. Oder vielmehr: so wie wir Beide sind, zwei sehr getrennte Wesen, dürfen wir davon nicht einmal mit einander schweigen. Von Herzen Ihnen dankbar und zugethan F. Nietzsche | Ich bin wieder in meiner Residenz Genua oder in deren Nähe, mehr Einsiedler als je: Santa Margherita Ligure (Italia) (poste restante). |
Rapallo, Anfang Dezember 1882: Brief an Hans von BülowHochverehrter Herr, durch irgend einen guten Zufall erfahre ich, daß Sie mirtrotz meiner entfremden Einsamkeit, zu der ich seit 1876 genöthigt binnicht fremd geworden sind: ich empfinde eine Freude dabei, die ich schwer beschreiben kann. Es kommt zu mir wie ein Geschenk und wiederum wie etwas, auf das ich gewartet, an das ich geglaubt habe. Es schien mir immer, sobald Ihr Name mir einfiel, daß es mir wohler und zuversichtlicher um's Herz werde; und wenn ich zufällig etwas von Ihnen hörte, meinte ich gleich es zu verstehn und gutheißen zu müssen. Ich glaube, ich habe wenige Menschen so gleichmäßig in meinem Leben gelobt wie SieVerzeihung! Was habe ich für ein Recht, Sie zu "loben"! Inzwischen lebte ich Jahre lang dem Tode etwas zu nahe und, was schlimmer ist, dem Schmerze. Meine Natur ist gemacht, sich lange quälen zu lassen und wie mit langsamem Feuer verbrannt zu werden; ich verstehe mich nicht einmal auf die Klugheit, "den Verstand dabei zu verlieren." Ich sage nichts von der Gefährlichkeit meiner Affekte, aber das muß ich sagen: die veränderte Art zu denken und zu empfinden, welche ich seit 6 Jahren auch schriftlich zum Ausdruck brachte, hat mich im Dasein erhalten und mich beinahe gesund gemacht. Was geht es mich an, wenn meine Freunde behaupten, diese meine jetzige "Freigeisterei" sei ein excentrischer, mit den Zähnen festgehaltener Entschluß und meiner eigenen Neigung abgerungen und angezwungen? Gut, es mag eine "zweite Natur" sein: aber ich will schon noch beweisen, daß ich mit dieser zweiten Natur erst in den eigentlichen Besitz meiner ersten Natur getreten bin. So denke ich von mir: im Übrigen denkt fast alle Welt recht schlecht von mir. Meine Reise nach Deutschland in diesem Sommereine Unterbrechung der tiefsten Einsamkeithat mich belehrt und erschreckt. Ich fand die ganze liebe deutsche Bestie gegen mich anspringendich bin ihr nämlich durchaus nicht mehr "moralisch genug." Genug, ich bin wieder Einsiedler und mehr als je; und denke mirfolglichetwas Neues aus. Es scheint mir, daß allein der Zustand der Schwangerschaft uns immer wieder an's Leben anbindet. Also: ich bin, der ich war, Jemand der Sie von Herzen verehrt | Ihr ergebener | | Dr. Friedrich Nietzsche |
| | | Santa Margherita Ligure |Italia| post rest. |
Rapallo, vor Mitte Dezember 1882: Brief (Entwurf) an Paul RéeLieber Freund, ich nenne L[ou] meinen leibhaften Scirroco: noch nicht Eine Minute habe ich mit ihr zusammen jenen reinen Himmel über mir gehabt, den ich mit und ohne Menschen brauche. Sie vereinigt in sich alle Eigenschaften der M[enschen] die ich verabscheueeklig und gräßlichSie bekommen mir nichtund nun habe ich mir seit Tautenburg die Tortur aufgelegt sie zu lieben! eine Liebe, deren wegen Niemand eifersüchtig zu sein hat höchstens vielleicht der liebe Gott. Das ist so immer ein Problem für einen Tausendkünstler der Selbstüberwindung (so nannte mich R[ohde] jüngst) Rapallo, Mitte Dezember 1882: Brief (Fragment) an Malwida von MeysenbugMeine liebe verehrte Freundin, [....] Sie wollten wissen, was ich über Fräulein Salomé denke? Meine Schwester betrachtet Lou als ein giftiges Gewürm, welches man um jeden Preis vernichten müßteund handelt auch darnach. Das ist mir nun ein ganz übertriebener Gesichtspunkt und meinem Herzen durchaus zuwider. Im Gegentheil: ich möchte nichts mehr als ihr nützlich und förderlich sein, im höchsten und im bescheidensten Sinne des Worts. Ob ich das kann, ob ich's bisher gekonnt habe, ist freilich eine Frage, auf die ich nicht antworten möchte [....] [....] Liebe Freundin, giebt es denn nicht irgend einen Menschen auf der Welt, der mich liebt? [+++] Rapallo, gegen den 20. Dezember 1882: Brief (Entwurf) an Paul Rée und Lou von SaloméIch bin, um als Freigeist zu reden in der Schule der Affekte d.h. die Affekte fressen mich auf. Ein gräßliches Mitleid, eine gräßliche Enttäuschung, ein gräßliches Gefühl verletzten Stolzeswie halte ich's noch aus? Ist nicht Mitleid ein Gefühl aus der Hölle? Was soll ich thun? An jedem Morgen verzweifle ich, wie ich den Tag überdaure. Ich schlafe nicht mehr: was hilft es 8 Stunden zu marschiren! Woher habe ich diese heftigen Affekte! Ach etwas Eis! Aber wo giebt es für mich noch Eis! Heute Abend werde ich so viel Opium nahmen, daß ich die Vernunft verliere: Wo ist noch ein M[ensch] den man verehren könnte! Aber ich kenne Euch Alle durch und durch. Beunruhigen Sie sich nicht zu sehr über die Ausbrüche meines Größenwahns oder meiner verletzten Eitelkeit: und wenn ich selbst aus den genannten Affekten mir zufällig einmal das Leben nehmen sollte, so würde auch nicht gar zu viel zu betrauern sein. Was gehn Euch ich meine Sie und Lou, meine Phantastereien an! Erwägen Sie Beide doch sehr miteinander, daß ich zuletzt ein kopfleidender Halb-Irrenhäusler bin, den die Einsamkeit vollends verwirrt hat. Zu dieser, wie ich meine, verständigen Einsicht in die Lage der Dinge komme ich, nachdem ich eine ungeheure Dosis Opium aus Verzweiflung eingenommen habe. Statt aber den Verstand dadurch zu verlieren, scheint er mir endlich zu kommen. Übrigens war ich wirklich wochenlang krank: und wenn ich sage, daß ich hier 20 Tage Orta-Wetter gehabt habe, wird Ihnen mein Zustand begreiflicher erscheinen. Bitten Sie Lou, mir Alles zu verzeihensie giebt auch mir noch eine Gelegenheit, ihr zu verzeihen. Denn bis jetzt habe ich ihr noch nichts verziehen. Man vergibt seinen Freunden viel schwerer als seinen Feinden. Da fällt mir Lou's "Vertheidigung" ein. Seltsam! So oft sich Jemand vor mir vertheidigt, läuft es immer darauf hinaus, daß ich Unrecht haben soll. Dies weiß ich nun schon in Voraus, und so interessirt's mich nicht mehr. Sollte Lou ein verkannter Engel sein? Sollte ich ein verkannter Esel sein? in opio veritas: Es lebe der Wein und die Liebe! Machen Sie sich doch keine Skrupel! Ich bin's ja so gewöhnt: in diesem Jahre werden sich Alle an mir ärgern, im nächsten vielleicht alle an mir freuen. Rapallo, gegen den 20. Dezember 1882: Brief (Fragment) an Lou von Salomé und Paul RéeMeine Lieben, Lou und Rée! Beunruhigt Euch nicht zu sehr über die Ausbrüche meines "Größenwahns" oder meiner "verletzten Eitelkeit"und wenn ich selbst aus irgend einem Affekte mir zufällig einmal das Leben nehmen sollte, so würde auch da nicht allzuviel zu betrauern sein. Was gehen Euch meine Phantastereien an! (Selbst meine "Wahrheiten" giengen Euch bisher nichts an) Erwägen Sie Beide doch sehr miteinander, daß ich zuletzt ein kopfleidender Halb-Irrenhäusler bin, den die lange Einsamkeit vollends verwirrt hat. Zu dieser, wie ich meine, verständigen Einsicht in die Lage der Dinge komme ich, nachdem ich eine ungeheure Dosis Opiumaus Verzweiflungeingenommen habe. Statt aber den Verstand dadurch zu verlieren, scheint er mir endlich zu kommen. Übrigens war ich wirklich wochenlang krank; und wenn ich sage, daß ich hier 20 Tage Orta-Wetter gehabt habe, so brauche ich nichts mehr zu sagen. Freund Rée, bitten Sie Lou, mir Alles zu verzeihensie giebt auch mir noch eine Gelegenheit, ihr zu verzeihen. Denn bis jetzt habe ich ihr noch nichts verziehn. Man vergiebt seinen Freunden viel schwerer als seinen Feinden. Da fällt mir Lou's "Vertheidigung" [+++] Rapallo, letzte Dezemberwoche 1882: Brief (Entwurf) an Paul Rée[....] Sie sagte mir selber, sie habe keine Moralund ich meinte, sie habe gleich mir eine strengere als irgend Jemand! [....] Rapallo, letzte Dezemberwoche 1882: Brief (Entwurf) an Franziska und Elisabeth NietzscheDu mußt über einen andern Ton nachdenken mit mir zu reden: sonst nehme ich keine Briefe mehr aus Naumburg an! Ich bringe es schlechterdings, nicht mehr über mich, einen Brief aus Naumb[urg] zu öffnen; und immer weniger sehe ich ein, wie Ihr das wieder gut machen wollt, was Ihr mir diesen Sommer angethan habt und dessen Nachwirkungen mich fortwährend treffen. Rapallo, 25. Dezember 1882: Brief (Entwurf) an Franz OverbeckL[ieber] F[reund] Dieser Bissen Leben war der härteste den ich bisher kaute; es ist immer noch möglich, daß ich daran erstickte. Ich habe an den beschimpfenden und qualvollen Erlebnissen dieses Sommers gelitten wie an einem Wahnsinn. [....] Heute unterwegs fiel mir etwas ein, das mich sehr lachen machte: sie hat mich nämlich behandelt wie einen Studenten von 20 Jahreneine für ein Mädchen von 20 Jahren sehr erlaubte Denkungsweiseeinen Studenten der sich in sie verliebt hätte. Aber Weise wie ich lieben nur Gespensterund wehe wenn ich einen M[enschen] liebeich würde ba[ld] an dieser Liebe zu Grunde gehen. Der M[ensch] ist eine zu unvollkommene Sache Rapallo, 25. Dezember 1882: Brief an Franz OverbeckLieber Freund, vielleicht hast Du meinen letzten Brief gar nicht bekommen? Dieser letzte Bissen Leben war der härteste, den ich bisher kaute und es ist immer noch möglich, daß ich daran ersticke. Ich habe an den beschimpfenden und qualvollen Erinnerungen dieses Sommers gelitten wie an einem Wahnsinnmeine Andeutungen in Basel und in meinem letzten Brief verschwiegen immer das Wesentlichste. Es ist ein Zwiespalt entgegengesetzter Affekte darin, dem ich nicht gewachsen bin. Das heißt: ich spanne alle Fasern meiner Selbst-Überwindung anaber ich habe zu lange in der Einsamkeit gelebt und an meinem "eigenen Fette" gezehrt, daß ich nun auch mehr als ein Anderer von dem Rade der eignen Affekte gerädert werde. Könnte ich nur schlafen!aber die stärksten Dosen meiner Schlafmittel helfen mir eben so wenig als meine 6-8 Stunden Marschiren. Wenn ich nicht das Alchemisten-Kunststück erfinde, auch aus diesemKothe Gold zu machen, so bin ich verloren. Ich habe da die allerschönste Gelegenheit zu beweisen, daß mir "alle Erlebnisse nützlich, alle Tage heilig und alle Menschen göttlich" sind!!!! Alle Menschen göttlich. Mein Mißtrauen ist jetzt sehr groß: ich fühle aus Allem, was ich höre, Verachtung gegen mich heraus. Z. B. noch zuletzt aus einem Briefe von Rohde. Ich will doch darauf schwören, daß er, ohne den Zufall früherer freundschaftl. Beziehungen, jetzt in der schnödesten Weise über mich und meine Ziele aburtheilen würde. Gestern habe ich nun auch mit meiner Mutter den brieflichen Verkehr abgebrochen: es war nicht mehr zum Aushalten, und es wäre besser gewesen, ich hätte es längst nicht mehr ausgehalten. Wie weit inzwischen die feindseligen Urtheile meiner Angehörigen um sich gegriffen haben und mir den Ruf verderben nun, ich möchte es immer noch lieber wissen als an dieser Ungewißheit leiden. Mein Verhältniß zu Lou liegt in den letzten schmerzhaftesten Zügen: so glaube ich heute wenigstens. Später,wenn es ein Später giebt, will ich auch darüber ein Wort sagen. Mitleid, mein lieber Freund, ist eine Art Höllewas auch die Anhänger Schopenhauers sagen mögen. Ich frage Dich nicht: "was soll ich machen?" Einige Male dachte ich daran, mir in Basel ein Stübchen zu miethen, Euch hier und da [zu] besuchen und Vorlesungen zu hören. Einige Male dachte ich auch an's Gegentheil: meine Einsamkeit und Entsagung auf ihren letzten Punkt zu treiben und Nun, das laufe nun seinen Weg! Lieber Freund, Du mit Deiner verehrungswürdigen und klugen FrauIhr seid mir beinahe noch der letzte Fußbreit sicheren Grundes. Seltsam! Möge es Euch gut gehen! Dein F. N. |