Nietzsches Briefe | 1882This page in English© The Nietzsche Channel

Nietzsches Briefe

1882

Previous | Next

COPYRIGHT NOTICE: The content of this website, including text and images, is the property of The Nietzsche Channel. Reproduction in any form is strictly prohibited. © The Nietzsche Channel.

 



Ida Overbeck.
Ca. 1875.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Genova, 19. Januar 1882:
Brief an Ida Overbeck.

Meine liebe und verehrte Frau Professor, wenn ich zu Ihrem Briefe,1 mit dem Sie meinem Neujahre einen festlichen Glanz gaben, den letzt angelangten amerikanischen Brief2 hinzunehme, so muß ich sagen: ich verdanke zweien Frauen den beredtesten Ausdruck dafür, daß meine Gedanken wirklich auch gedacht und bedacht werden und nicht nur gelesen (oder richtiger: "und nicht nur nicht gelesen!") Jener Brief kam von der Gattin eines Professors des Peabody-Instituts in Baltimore; welche im Namen ihres Mannes und eines Freundes mir dankt, wie Sie mir danken, auf eine denkende Art! Nun, das sind die Ausnahmen, und ich genieße sie ganz als Ausnahmen; die Regel war bisher: keine Wirkung oder eine gedankenlose Wirkung! Sie werden mir es glauben, daß ich deshalb nicht von den Menschen gering denke und daß von allen Mienen mir die Miene des "verkannten Genies" die lächerlichste dünkt. Eine sehr langsame und lange Bahn wird das Loos meiner Gedanken sein — ja ich glaube, um mich etwas blasphemisch auszudrücken, an mein Leben erst nach dem Tode und an meinen Tod während des Lebens. Und so ist es billig und natürlich! —

Wenn ich Sie wiedersehe, werde ich Ihnen einige curiose Einzelheiten erzählen — heute nur ein Wort über die Möglichkeiten dieses "Wenn-ich-Sie wiedersehe." Ich bin in Genua durch eine Arbeit gebunden, die hier, nur hier zu Ende kommen kann, weil sie einen Genueser Charakter an sich hat — nun, warum soll ich es Ihnen nicht sagen? Es ist meine "Morgenröthe," angelegt auf 10 Capitel und nicht nur auf 5;3 und sehr Vieles, was in der ersten Hälfte steht, ist nur der Unterbau und die Vorbereitung von etwas Schwererem, Höherem (ja! es wird auch manches "Schauderhafte" noch gesagt werden müssen, liebe Frau Professor!)4 Kurz, ich weiß nicht, ob ich im Sommer nordwärts fliegen kann: reise ich aber, so komme ich über Basel und zu Ihnen ins Haus.

In Bayreuth5 werde ich dies Mal durch meine Abwesenheit "glänzen" — es sei denn, daß Wagner mich noch persönlich einlüde (was nach meinen Begriffen von "höherer Schicklichkeit" sich recht wohl schicken würde!) Mein Anrecht6 auf einen Platz will ich ganz schlafen lassen. Im Vertrauen gesagt: ich würde "Scherz List und Rache"7 lieber hören als den Parsifal.8

Damit Sie wissen, was zwischen Herrn Köselitz und mir vorgeht, und wie ich fortfahre "die Jugend zu verderben" ( — der Schierlingsbecher wird mir wohl nicht entgehen!)9 so lege ich den letzten Brief10 des Herrn Köselitz bei: er wird Ihnen vielleicht einige "Verwunderung" machen, aber ganz gewiß keinen "Schauder"!

Das Wetter der letzten Monate war der Art, daß ich nichts Schöneres und Wohlthätigeres aus meinem ganzen Leben dagegen zu setzen hätte — frisch, rein, mild: wie viele Stunden habe ich am Meere gelegen! Wie viele Male sah ich die Sonne untergehen!

Liebe Frau Professor, "alles Gute ist unter Freunden gemeinsam" — sagen die Griechen:11 möge uns*! das Leben noch viele Gemeinsamkeiten schenken! — das dachte ich als ich Ihren Brief las.

Von Herzen Ihnen dankbar und ergeben
Dr. F. Nietzsche.

* uns Dreien!12

1. 12-30-1881: Letter from Ida Overbeck.
2. End 1881: Letter from Elise Fincke.
3. Nietzsche changed his plans to expand Morgenröthe (Dawn) from five chapters to ten, and instead used the material for Die fröhliche Wissenschaft (The Joyful Science).
4. An allusion to Nietzsche's concept of eternal recurrence.
5. For the premiere of Wagner's Parsifal.
6. Nietzsche's patron's certificate entitled him to a seat.
7. The comic opera by Heinrich Köselitz.
8. Nietzsche objected to the moralizing Christian content in Richard Wagner's Parsifal.
9. An allusion to the charges brought against Socrates, and his subsequent death by drinking hemlock.
10. 01-07-1882 letter from Heinrich Köselitz discussing Georges Bizet (1838-1875), French composer of the opera Carmen. On January 5, 1882, Nietzsche sent Köselitz a marked-up edition of Bizet's score, with 75 marginal notes in pencil. See "Nietzsche's Marginal Glosses to Georges Bizet's Carmen." In: Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music: 121-141.
11. A maxim by Pythagoras. See Diogenes Laertius, Lives of Eminent Philosophers, VIII, 1, 10. Cf. 05-29-1882: Letter to Paul Rée.
12. Namely, Nietzsche, and Franz and Ida Overbeck.

 



Heinrich Köselitz.
Ca.1875.
Colorized image ©The Nietzsche Channel.

Genua, 29. Januar 1882:
Postkarte an Heinrich Köselitz.

Hr. von Bülow1 hat die Unarten preußischer Offiziere an sich, ist aber ein "ehrlicher Kerl" — daß er sich mit deutscher Opernmusik nicht mehr befassen will, hat geheime Gründe aller Art; mir fällt ein, daß er mir einmal sagte "ich kenne Wagner's neuere Musik nicht." — Gehen Sie im Sommer nach Bayreuth,2 da finden Sie alle Theater-Menschen Deutschlands bei einander, und auch Fürst Liechtenstein3 u.s.w., Levy [sic]4 ebenfalls. Ich denke, daß alle meine Freunde dort sein werden, auch meine Schwester, nach ihrem gestrigen Briefe (und das ist mir sehr lieb!).

Wäre ich bei Ihnen, so würde ich Sie mit Horazens Satyren und Episteln bekannt machen — ich meine, dafür sind wir Beide gerade reif. Als ich heute hineinguckte, fand ich alle Wendungen bezaubernd, wie einen warmen Wintertag.5

Mein letzter Brief war Ihnen zu "frivol," nicht wahr? Haben Sie Geduld! In Bezug auf meine "Gedanken" ist es mir nichts, sie zu haben; aber sie loswerden, wenn ich sie lossein will, wird mir immer verteufelt schwer! —

Oh welche Zeit! Oh diese Wunder des schönen Januarius!6 Seien wir guter Dinge, liebster Freund!

1. When Köselitz sent the score of his comic opera ("Scherz, List und Rache") to Hans von Bülow, it was summarily dismissed as fodder for the servile herd of Wagnerian acolytes. According to Köselitz, "[Bülow] hatte die ihm zugeschickte Partitur von 'Scherz, List und Rache' gar nicht angesehen und mir, dem Allegro-Musiker, gleichwohl einen Brief geschrieben, der erkennen ließ, daß er mich für einen der imitatores aus dem servum pecus Wagneri hielt. Sein Brief begann: 'R. W. ist ein Phänomen, — Phänomene machen keine Schule'. Ich dankte ihm für die nicht erbetene Auskunft über ein Phänomen R. W. und schickte ihm den Brief mit den Worten zurück, ich wisse meine Verehrung vor ihm nicht besser zu bezeugen, als indem ich seinen Brief als ungeschrieben betrachte. Nietzsche fand diese Behandlung des Falles 'ganz angemessen'." ([Bülow] did not even look at the score sent to him of "Scherz, List und Rache" and to me, the allegro-musician, he nonetheless wrote a letter, letting it be known that he thought I was one of the imitatores from the servum pecus Wagneri. His letter began: "R. W. is a phenomenon, and phenomena don't create schools." I thanked him for the unsolicited information about the R. W. phenomena and returned his letter to him, saying I know no better way to show my respect for him than to regard his letter as unwritten. Nietzsche found this treatment of the matter 'entirely appropriate'.") In 1872, Nietzsche was also the subject of Bülow's withering criticism.
2. For the premiere of Wagner's Parsifal.
3. Johann II, Prince of Liechtenstein (1840-1929). Köselitz made his acquaintance in Venice.
4. Hermann Levi (1839-1900) conducted the premiere of Parsifal in Bayreuth.
5. See the entry for Horace in Nietzsche's Library.
6. An allusion to the fourth book of The Joyful Science.

 


Title page of Die Sonne sinkt. Ein Lied Zarathustras von Friedrich Nietzsche für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte componirt von Gustav Krug. Berlin: Ries & Erler, n.d. [ca. 1901].

Genua, 10. März 1882:
Brief an Gustav Krug (Typoskript).

Lieber Freund Mit Deinen Liedern gieng es mir seltsam. Eines schönen Nachmittags fiel mir Deine ganze Musik und Musikalität ein — und ich fragte mich schliesslich: Warum lässt er nie etwas drucken? Dabei klangen mir die Ohren von einer Zeile aus Jung Niklas.1 Am nächsten Morgen kam Freund Rée in Genua an und überbrachte mir Dein erstes Heft — und als ich es aufschlug fiel mir gleich Jung Niklas2 in die Augen. Das wäre eine Geschichte für die Herren Spiritisten! —

Deine Musik hat Tugenden die jetzt selten sind —: ich sehe mir jetzt alle neue Musik auf die immer grösser werdende Verkümmerung des melodischen Sinns an. Die Melodie, als die letzte und sublimste Kunst der Kunst, hat Gesetze der Logik, welche unsre Anarchisten als Sklaverei verschreien möchten —: gewiss ist mir nur dass sie bis zu diesen süssesten und reifsten Früchten nicht hinauflangen können. Ich empfehle allen Componisten die lieblichste aller Askesen: für eine Zeit die Harmonie als nicht erfunden zu betrachten und sich Sammlungen von reinen Melodien zum Beispiel aus Beethoven und Chopin anzulegen. — In Deiner Musik klingt mir viel gute Vergangenheit und wie Du siehst auch etwas von Zukunft. Ich danke Dir von ganzem Herzen.

Dein Freund F.N.

1. "Jung Niklas fuhr auf's Meer." An 1865 ballad by Robert Radecke, text by Robert Reinick.
2. Gustav Krug, Sieben Lieder für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte. Leipzig: Kahnt, [1881]. The songs include:
No. 1. Mailied: "Wie herrlich leuchtet mir die Natur."
No. 2. Wandrers Nachtlied: "Ueber allen Gipfeln ist Ruh."
No. 3. Rückblick vom Berge: "Freud, o Freud."
No. 4. Blumengruss: "Der Strauss den ich gepflücket."
No. 5. "Jung Niklas fuhr auf's Meer."
No. 6. Gefunden: "Ich ging im Walde so für mich hin."
No. 7. Sehnsucht: "Das wird die letzte Thrän' nicht sein.

 


Nietzsche's typewriter.
Photo by Dieter Eberwein.1

Genua, 21. März 1882:
Brief an Paul Rée (Typoskript).

Mein lieber Freund welches Vergnügen machen mir Ihre Briefe! — Sie ziehen mich ab — nach allen Seiten, und zuletzt unter allen Umständen zu Ihnen hin! — Gestern badete ich am Meere, genau an jener berühmten Stelle wo - - - denken Sie im vorigen Sommer einer meiner nächsten Verwandten2 von einem solchen Anfall im Bade überrascht wurde und weil zufällig Niemand in der Nähe war ertrank. Über Ihre 30 frs.3 habe ich sehr gelacht — die Post übergab mir diesen Brief ohne selbst nach meinem Passe zu verlangen — und der junge Beante lässt Sie grüssen — ecco!4Overbeck hat mir mein Geld5 geschickt — ich bin für ein paar Monate jetzt versorgt. — Grüssen Sie diese Russin.6 Ja ich gehe nächstens auf Raub darnach aus — in Anbetracht dessen was ich in den nächsten 10 Jahren thun will brauche ich sie. Ein ganz anderes Capitel ist die Ehe — ich könnte mich höchstens zu einer zweijährigen Ehe verstehen, und auch dies nur in Anbetracht dessen was ich in den nächsten 10 Jahren zu thun habe. — Nach den Erfahrungen die ich eben mit Köselitz mache werden wir ihn nie dazu bringen Geld von uns anzunehmen — es sei denn in der bürgerlichsten Form von Kauf und Verkauf. Ich habe ihm gestern geschrieben ob er mir und zweien meiner Freunde die Matrimonie-Partitur verkaufen wolle —: ich bot ihm 6000 frs. zahlbar in vier Jahresraten von 1500 frs. Diesen Vorschlag halte ich für eine Feinheit und einen Fallstrick —. Sobald er Ja sagt, melde ich es Ihnen; und Sie haben dann die Güte mit Gersdorff zu verhandeln. —7

Leben Sie wohl! Die Schreibmaschine will nicht mehr, es ist gerade die Stelle des geflickten Bandes.8

Ich schrieb an Frl. v. M9 auch wegen Pieve's.10

Meine herzlichsten Wünsche für Ihr Wohl, bei Tag und Nacht

Ihr getreuer Freund F N.

Ich sende den Brief an Frl. von M Rom poste restante weil ich ihre Adresse nicht habe.11

Nein! ich sende den Brief an Frl. v. M an Ihre Adresse, lieber Freund.

1. Read about the restoration of Nietzsche's typewriter by Eberwein.
2. His uncle, Theobald Oehler (1828-1881).
3. Rée was reimbursing him for a train ticket.
4. In this context, the closest English equivalent would be, "No kidding!"
5. Overbeck sent Nietzsche his pension.
6. Lou Salomé, with whom Rée was in love, and in fact proposed to in March.
7. The idea to purchase Köselitz's score was probably Rée's, since Nietzsche was not on good terms with Carl von Gersdorff at the time.
8. See note 1 above. According to Eberwein, "the ribbon is torn and twisted with various kinks and folds."
9. Malwida von Meysenbug (1816-1903).
10. Pieve di Cadore: birthplace of Titian.
11. This sentence was crossed out and replaced by the following one.

 


Lou Salomé.
1882.
From b/w photo taken by:
Heinrich Wirth. Zürich, Switzerland.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Naumburg, kurz nach dem 24. Mai 1882:
Brief an Lou Salomé.

Liebe Freundin Lou,

besuchen Sie doch Professor Overbeck's — ihre Wohnung ist Eulergasse 53. —1

Hier in Naumburg bin ich bisher in Bezug auf Sie und uns ganz schweigsam gewesen.2 So bleibe ich unabhängiger und stehe Ihnen besser zu Diensten. —

Die Nachtigallen singen die ganzen Nächte durch vor meinem Fenster. —

Rée ist in allen Stücken ein besserer Freund als ich es bin und sein kann; beachten Sie diesen Unterschied wohl! —

Wenn ich ganz allein bin, spreche ich oft, sehr oft Ihren Namen aus — zu meinem größten Vergnügen!

Ihr F. N.

1. As a way of introduction to his closest friend. Franz Overbeck and his wife Ida were impressed with Salomé. Unfortunately, Overbeck's eight-page letter expressing these favorable sentiments is lost. However, Ida Overbeck recorded her own observations on Salomé's visit of May 30 in her diary entry of June 2, 1882.
2. To avoid the disapproval of his family, especially his mother.

 


Ida Overbeck.
Ca. 1875.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Naumburg a/Saale, 28. Mai 1882:
Brief an Ida Overbeck.

Verehrte Frau Professor

bei unserem letzten Zusammensein1 war ich allzu sehr angegriffen: so habe ich Ihnen und meinem Freunde2 eine Sorge und Beängstigung hinterlassen, zu der eigentlich kein Grund vorliegt; vielmehr Anlaß genug zum Gegentheil! Im Grunde schlägt mir das Schicksal immer zum Glücke und mindestens zum Glücke der Weisheit aus — wie sollte ich mich vor dem Schicksale fürchten, namentlich wenn es mir in der gänzlich unerwarteten Gestalt von L3?

Beachten Sie, daß Rée und ich mit gleichen Empfindungen unsrer tapferen und hochherzigen Freundin zugethan sind — und daß er und ich sehr großes Vertrauen zu einander auch in diesem Punkte haben. Auch gehören wir weder zu den Dümmsten, noch zu den Jüngsten. — Hier habe ich bisher ganz von diesen neuen Dingen geschwiegen. Trotzdem wird dies auf die Dauer unthunlich sein, und zwar schon deshalb, weil meine Schwester und Frau Rée4 in Verkehr sind. Meine Mutter will ich dagegen "aus dem Spiele" lassen — sie hat schon genug Sorgen zu tragen — wozu noch unnöthige? —

Fräulein Lou wird diesen Dienstag Nachmittag zu Ihnen kommen (auch das Buch "Schopenhauer als Erzieher" zurückbringen, welches in der That durch ein Versehen in meinen Koffer gerathen war) Sprechen sie über mich mit jeder Freiheit, verehrte Frau Professor; Sie wissen und errathen ja, was mir, um mein Ziel zu erreichen, am meisten Noth thut — Sie wissen auch, daß ich kein "Mensch der That" bin und in bedauerlicher Weise hinter meinen besten Absichten zurückbleibe. Auch bin ich, eben wegen des erwähnten Zieles, ein böser böser Egoist — und Freund Rée ist in allen Stücken ein besserer Freund als ich (was Lou nicht glauben will.)5

Freund Overbeck darf bei diesem Privatissimum nicht zugegen sein? Nichtwahr? —6

Es ging mir inzwischen recht gut; man findet, ich sei in meinem Leben nie so heiter gewesen. Was mag der Grund davon sein?

Treulich dankbar und ganz
der Ihre
F. N.

1. May 16.
2. i.e., Franz Overbeck.
3. Lou Salomé.
4. Jenny Rée (née Jonas, 1825-?), the mother of Paul Rée.
5. Salomé visited the Overbecks on May 30. See Ida Overbeck's diary entry for June 2, 1882. In: Overbeckiana. Basel: Helbing & Lichtenhahn, 1962: 122f. [Series: Studien zur Geschichte der Wissenchaften in Basel, 13]: "den 2. Juni ... Ich habe mit Fraulein S. gesprochen, was ich mir vorgenommen hatte zu sagen stimmte mit Anweisungen überein die mir Nietzsche noch im letzten Augenblick brieflich zukommen liess. Ich ergründete zuerst ihre Stellung zu ihrer Familie. Sie ist von ihr materiell und gesetzlich vollständig abhängig und hat um ihren Hang nach Wissen und Erkenntniss zu befriedigen die wohlbegründeten bürgerlichen Vorurtheile derselben zu berücksichtigen. Hang zur Abenteuerlichkeit scheint bei ihr gar nicht vorhanden, sondern viel schöne, hingebende Weiblichkeit. Ich machte sie auf die Schwierigkeiten der Aufgabe aufmerksam, der sie sich unterzieht. Erstens auf die Anstrengung ihrer ziemlich zarten Gesundheit und das was ich ihr in Bezug auf die Meysenbug'schen Kapitel zart, aber bestimmt andeutete. Die äußeren Schwierigkeiten sind zahlreich, da sie wenig Beziehungen hat und keine äußere, nur innere Selbständigkeit entwickeln kann. Mein Eindruck ist der, daß ich ihre Gesundheit für zu zart halte, sie für zu jung, zu sehr im Anfang ihrer Bildung. Wie schön wäre es aber, wenn dieses ernste Wesen alles überwände und die große Achtung gewönne, die eine derartige überwundene Aufgabe verdiente. Meine guten Wünsche sind mit ihr, mehr als Theilnahme und einige kleine Bemühungen kann ich nicht helfen. Sie hat einen Blick für Nietzsche's zweideutiges Wesen, wohl ihr. Er hatte ihr über das Verhältniß zur Schwester die unrichtigsten, schwärmerischsten Vorstellungen erregt. Da er mich früher aufgefordert hatte, ihr auch darüber Klarheit zu geben, die ihm selbst nicht fehlt, die sich voll und in jedem Augenblick zuzugestehen er die Energie, den Muth nicht hat — that ich es dem Mädchen und der Sache wegen. Auch da schien sie rasch und scharf zu fassen und zu fühlen, dass es darauf ankomme Frl. N[ietzsche] draus zu lassen. // Es wird mir in dieser Sache nie Jemand einen Vorwurf machen dürfen, ich habe im höhern Interesse aller dabei betheiligten Personen gedacht und gesprochen und auf bestimmteste Aufforderung von Nietzsche. Dr. Rée blieb draus, vielleicht erwartete das Mädchen auch über ihn Andeutungen. Ihn kenne ich aber nicht. —" (June 2 ... I have spoken with Fraulein S., what I had planned to say was in accordance with instructions that Nietzsche had sent to me by letter at the last moment. First, I figured out her position with her family: she is completely dependent on herself, financially and legally, and has to consider well-established bourgeois prejudices in order to satisfy her propensity for knowledge and wisdom. Propensity for adventurousness seems non-existent in her, but rather a lot of beautiful, devoted femininity. I made her aware of the difficulty of the task to which she was subjecting herself. First, the strain on her rather delicate health, and what I delicately but firmly suggested to her regarding the Meysenbugian chapter. The external difficulties are numerous, since she has few connections and her independence can only develop inwardly and not outwardly. My impression is that I consider her health too delicate, she too young, too much at the initial stage of her education. How nice it would be if this serious creature overcomes everything and gains the great respect that such a conquered endeavor deserves. My best wishes are with her, I cannot assist her with more than sympathy and a few small efforts. She has an eye for Nietzsche's ambiguous nature, good for her. He gave her the most inaccurate, fanciful ideas about his relationship with his sister. Since he had asked me before as well to make it clear to her what he failed to make clear himself, what he didn't have the energy or the courage to admit to completely at the time — I did so for the girl and the matter in question. Here too she seemed to understand and to sense quickly and keenly that Frl. [Elisabeth] N[ietzsche] should be left out of it. // I would never dare to reproach anyone in this matter, I have thought and spoken in the best interest of all persons involved in it and at the most particular request of Nietzsche. This doesn't apply to Dr. Rée, perhaps the girl expected suggestions about him too. I, however, don't know him. —)
6. Franz Overbeck's eight-page letter about meeting Salomé is lost (in all likelihood, Elisabeth Nietzsche destroyed it), and only Nietzsche's reaction to it survives.

 


Lou Salomé, Paul Rée, Friedrich Nietzsche.
May 1882.
From b/w photo taken by:
Jules Bonnet. Lucerne, Switzerland.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Naumburg a/Saale, 28. Mai 1882:
Brief an Lou Salomé.

Meine liebe Freundin,

das haben Sie mir recht nach dem Herzen (und auch nach den Augen) geschrieben!1 Ja, ich glaube an Sie: helfen Sie mir, daß ich immer an mich selber glaube und unserm Wahlspruch und Ihnen Ehre mache

"uns vom Halben zu entwöhnen
"und im Ganzen Guten Schönen
"resolut zu leben"2

Mein letzter Plan, Sie zu sprechen, ist dieser:

Ich will nach Berlin reisen, in der Zeit, wo Sie in Berlin sein werden, und von da mich sofort in einen der schönen tiefen Wälder zurückziehn, welche in der Nachbarschaft Berlins sind — nahe genug, um uns treffen zu können, wann wir, wann Sie wollen. Berlin selber ist für mich eine Unmöglichkeit. Also: im "Grunewald"3 bleibe ich und warte die ganze Zeit ab, welche Sie nachher in Stibbe4 zubringen. Dann stehe ich Ihnen für alle weitern Absichten zu Gebote: vielleicht finde ich irgend ein würdiges Förster- oder Pfarrhaus im Walde selber, wo Sie noch ein Paar Tage in meiner Nähe leben können. Denn, aufrichtig, ich wünschte sehr, so bald als möglich mit Ihnen einmal ganz allein zu sein. Solche Einsame, wie ich, müssen sich auch an die Menschen, die ihnen die liebsten sind, erst langsam gewöhnen: seien Sie hierin gegen mich nachsichtig oder vielmehr ein wenig entgegenkommend! Gefällt es Ihnen aber, weiter zu reisen, so finden wir nicht weit von Naumburg eine andre Waldeinsiedelei (in der Nachbarschaft eines Altenburgschen Schlosses; dahin könnte ich, wenn Sie wollen, meine Schwester bestellen.5 (So lange noch alle Sommerpläne in der Luft hängen, thue ich gut, bei den Meinigen ein vollkommnes Stillschweigen aufrecht zu halten — nicht aus Lust an Heimlichkeiten, sondern aus "Kenntniß der Menschen") Meine liebe Freundin Lou, über "Freunde" und den Freund Rée insonderheit will ich mündlich mich erklären: ich weiß sehr wohl, was ich sage, wenn ich ihn für einen besseren Freund halte als ich es bin und sein kann. —

Oh der schlechte Photograph! Und doch: was für ein lieblicher Schattenriß sitzt da auf dem Leiterwägelchen!6 — Den Herbst verbringen wir, denke ich, schon in Wien? Zu welcher Aufführung wollen Sie in Bayreuth?7 Rée hat eine Karte zur ersten, so viel ich weiß. — Nach Bayreuth suchen wir noch einen Zwischenort zu Gunsten Ihrer Gesundheit? Von meiner soll heute nicht die Rede sein.

Von Herzen Ihr F. N.

Man behauptet, ich sei in meinem Leben nicht so heiter gewesen als jetzt. Ich vertraue meinem Schicksale. —

1. Unknown letter.
2. Cf. Johann Wolfgang von Goethe, "Gesellige Lieder. Generalbeichte." In: Goethe's sämmtliche Werke in vierzig Bänden. Bd. 1. Stuttgart; Augsburg: Cotta, 1855:103. "Willst du Absolution / Deinen Treuen geben, / Wollen wir nach deinem Wink / Unabläßlich streben, / Uns vom Halben zu entwöhnen, / Und im Ganzen, Guten, Schönen, / Resolut zu leben." (From Goethe's "General Confession": If your faith would grant / absolution to your faithful / we would take your cue / to strive unindulgently, / to wean ourselves from the half, / and to live resolutely / in the whole, the good, the beautiful.)
3. The forest west of Berlin.
4. To visit Paul Rée and his family.
5. To act as a chaperone.
6. Photograph by Jules Bonnet.
7. For the premiere of Wagner's Parsifal.

 



Parsifal poster.
Bayreuth, July 26-28, 1882.

Naumburg, 29. Mai 1882:
Brief an Paul Rée.

Mein lieber Freund, wie geht es? Wohin geht es? Und geht es überhaupt? — Was machen die Sommer-Pläne?1 Gestern habe ich meinen neuesten Plan2 an L[ou]: mitgetheilt: ich will nämlich in einer der nächsten Wochen in den Grunewald bei Charlottenburg übersiedeln und dort so lange verweilen, als L[ou] bei Ihnen in Stibbe3 ist: um sie dann in Empfang zu nehmen und etwa in einen thüringischen Waldort zu begleiten, wohin eventuell auch meine Schwester kommen könnte. (zB. Schloß Hummelshayn) Bis jetzt, so lange noch Alles schwebt, habe ich Stillschweigen für nöthig befunden.4

Haben Sie Ihren Bayreuther Platz schon vergeben? Vielleicht an Lou? Das wäre für die erste Aufführung? — Meine Schwester ist vom 24. Juli an dort.5

Gestern war Romundt bei mir, der in der That zu den glücklichen Menschen gehört.6

Es ist mir gut gegangen, und ich bin heiter und arbeitsam. — Das M[anu]s[cript] erweist sich seltsamer Weise als "unedirbar."7 Das kommt von dem Princip des "mihi ipsi scribo."8 — !

Ich lache öfter über unsre pythagoreische Freundschaft, mit dem sehr seltenen "filoiV panta koina."9 Es giebt mir einen besseren Begriff von mir selber, einer solchen Freundschaft wirklich fähig zu sein. — Aber zum Lachen bleibt es doch?

In herzlicher Liebe Ihr F. N.

Ihrer verehrten Frau Mutter meine und meiner Schwester ergebenste Grüße.

1. Their plan to live and work with Lou Salomé.
2. See above.
3. Rée's family home in West Prussia (now Zdbowo, Poland), where his father was a wealthy landowner.
4. Nietzsche was wary of disclosing his plans to his mother and sister.
5. For the premiere of Wagner's Parsifal.
6. Heinrich Romundt (1845-1919), his former housemate who left to become a Catholic priest, but soon dropped those plans and became a high-school teacher in Oldenburg.
7. The Joyful Science (illegible manuscript due to his handwriting).
8. "I write for myself."
9. "Friends share everything in common."

 


Friedrich Nietzsche.
September 1882.
From b/w photo taken by:
Gustav Schultze, Naumburg,
and reproduced by Carl König, 1898.
Colorized and enhanced image © The Nietzsche Channel.


Gustav Dannreuther.

Boston, 29. Mai 1882:
Brief von Gustav Dannreuther.

Dear sir,

I trust that you will not take it quite amiss that I, an entire stranger to you, venture to intrude myself upon your notice when you are doubtless engrossed with your work and thoughts, or probably endeavouring to enjoy a short interval of leisure. I have nothing to offer by way of apology beyond a desire to express to you my most humble thanks for the benefit I have derived from your works, and the wish (which I have long entertained) to possess a likeness, be it ever so small, of the man I have learned to adore for the greatness of his mind and the sincerity of his utterances. I have several times tried to obtain through book agencies both here and abroad a photograph of your face, but I am sorry to say always in vain. Whether nothing of the kind exists I know not, but if such a thing is really to be had, I beg that you may put me in the way of obtaining it without regard to the matter of expense to me. —1 Your acquaintance as a writer I was fortunate enough to make some years ago when I was living in England, and I assure you I prize it no less than that of the great Schopenhauer himself, which thanks to my my brother2 in London I had made some years before my attention was first called to your "Inopportune reflections."3 Being then engaged as a professional violin-player, I nevertheless found time enough to translate your pamphlet on Schopenhauer4 no less than three times, not so much with a view to publishing my feeble reproduction, as to that of becoming more intimate with your work and that of exercising myself in the use of the Queen's English. But in spite of my efforts, my version fell so far short of an adequate rendition of the original, that I was only too glad for the sake of your reputation to keep the manuscript in my desk. Since then I have quite destroyed it, but the memory of exalted moments remains, and I am sure that my work was at least not wasted upon myself.— Although but an indifferent German scholar I nevertheless possess a sufficient knowledge of my mother tongue to read without effort and to grasp in the main the import of such writings as those of Schopenhauer, Wagner and yourself. That I have at least brains enough to enable me to perceive the true greatness of such men is at all events something, and compensates me in a measure for the want of such an education as would otherwise have enabled me to preach the gospel of thruth [sic] myself. My mind is only receptive, not productive, and I heartely [sic] wish ma[n]y others could convince themselves what folly it is for fools to "rush in where angels fear to tread" — then we should surely see less paper made unsaleable than is unfortunately the case now-a-days.

Pray do not think it incumbent upon yourself to answer this, except it be to point out to me some work of yours which I have not yet in my possession. Those that I have include your "Geburt der Tragödie," "Inopportune reflections" and "Menschliches, Allzumenschliches." If there are any other writings from your pen which are published and you think are likely to interest a mere lover of good books, you will confer a favour, (for which you have my best thanks in anticipation) if you will call my attention to them so that I may add them to my little library.

The coveted photograph I hope I may receive at your hands, but I shall feel no less grateful if you will only let me know where and in what way I may be able to obtain one.

Once more I beg that you pardon this intrusion, and with my best and heartiest wishes for your personal welfare, believe me with the greatest admiration for your works and genius

Your most humble and obliged servant
Gustav Dannreuther

To Dr. Fried. Nietzsche. —

1. Nietzsche had a series of photographs taken in Naumburg in September and forwarded them to his publisher.
2. His brother Edward (1844-1905), a pianist, was a professor at London's Royal College of Music, and a friend of Richard Wagner.
3. Untimely Meditations.
4. Schopenhauer as Educator.

 


Franz Overbeck.
Zürich, ca. 1875-76.
Photo by Louis Zipfel.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Naumburg, etwa 5. Juni 1882:
Brief an Franz Overbeck.

Mein lieber Freund,

seit mehreren Tagen krank, es gab einen äußerst schmerzhaften Anfall. Ich erhole mich langsam. — Nun Dein Brief! — Einen solchen Brief bekommt man nur Ein Mal, ich danke Dir von ganzem Herzen und werde es Dir nie vergessen.1 Ich bin glücklich für mein Vorhaben,2 das für uneingeweihte Augen sehr phantastisch schillern dürfte, den ganzen guten Menschen- und Freundes-Verstand von Dir und Deiner lieben Frau gewonnen zu sehen. Die Wahrheit ist: in der Art, wie ich hier handeln will und werde, bin ich einmal ganz und gar der Mensch meiner Gedanken, ja meines innersten Denkens: diese Übereinstimmung thut mir so wohl, wie mir das Bild meiner Genueser Existenz wohlthut, in der ich auch nicht hinter meinen Gedanken zurückgeblieben bin. Es sind eine Menge meiner Lebensgeheimnisse in diese neue Zukunft eingewickelt, und es bleiben mir hier Aufgaben zu lösen, die man nur durch die That lösen kann. — Übrigens bin ich von einer fatalistischen "Gottergebenheit" — ich nenne es amor fati3 — daß ich einem Löwen in den Rachen laufen würde, geschweige denn — —

In Betreff des Sommers ist Alles noch im Unsichersten.4

Ich schweige5 hier fort und fort. In Betreff meiner Schwester bin ich ganz entschlossen, sie außerhalb zu lassen; sie könnte nur verwirren (und sich selber vorerst)

Romundt war hier; brav und etwas mehr auf den Wegen der Vernunft.6

Dir und Deiner lieben Frau von Herzen zugethan
F N

1. See above.
2. His plan to live and work with Paul Rée and Lou Salomé.
3. Love of fate. Cf. The Joyful Science, §276: "I want to learn more and more to see as beautiful what is necessary in things; then I shall be one of those who make things beautiful. Amor fati: let that be my love henceforth! I do not want to wage war against what is ugly. I do not want to accuse; I do not even want to accuse those who accuse. Looking away shall be my only negation. And all in all and on the whole: some day I wish to be only a Yes-sayer! —."
4. See note 2.
5. Nietzsche was wary of disclosing his plans to his mother and sister.
6. Heinrich Romundt (1845-1919), their friend and former housemate who left to become a Catholic priest, but soon dropped those plans and became a high-school teacher in Oldenburg.

 



Title page:
Die fröhliche Wissenschaft. 1882.

Naumburg, vermutlich 10. Juni 1882:
Brief an Paul Rée.

Inzwischen, mein lieber lieber Freund, war ich krank — ja ich bin es noch. Daher auch heute nur wenig Wörtchen!

Ich halte es nunmehr für festgestellt, daß Frl. Lou bis zur Bayreuther Zeit in Stibbe1 ist — jedenfalls daß sie mit Ihnen und Ihrer Frau Mutter bis zum angegebenen Termine zusammen bleibt? Ist dies die richtige Auffassung der Lage?

Auf welche Weise wird sie denn nach Bayreuth2 zu befördern sein? Oder combiniren Sie selber vielleicht Pläne, welche südwärts führen (Engadin?)?

Ich selber denke daran, Anfang Juli mich gewissermaßen nach Wien auf den Weg zu machen: das heißt, einen Sommeraufenthalt in Berchtesgaden zu versuchen — vorausgesetzt, daß ich keinerlei Dienste vorher zu leisten habe. Im Ganzen bitte ich Sie dringend, von unserem Winter-Vorhaben gegen Jedermann zu schweigen: man soll von allem Werdenden schweigen. Sobald etwas zu zeitig davon verlautet, giebt es auch Gegner und Gegen-Pläne: die Gefahr ist nicht gering. —

In Deutschland, merke ich leider, ist es für mich schwer, incognito zu leben. Thüringen habe ich ganz aufgegeben.

Ich möchte möglichst bald hören, was ich zu thun und zu lassen habe, damit ich über meinen Sommer verfügen kann. Naumburg ist ein fürchterlicher Ort für meine Gesundheit.

Adressiren Sie, liebster Freund, Ihre nächsten Zeilen nach Leipzig, poste restante.

Verzeihung für diese vom Geiste der Krankheit überhauchte Schreiberei!

In summa haben wir Beide es doch sehr gut; wer hat denn ein so schönes Projekt vor sich, wie wir?

M[anu]s[cript]3 ziemlich fertig: aber immer noch unedirbar. Mihi ipsi scripsi.4

Adieu!

Von Herzen
Ihr F. N.

1. To stay at the family home of Paul Rée.
2. For the premiere of Wagner's Parsifal.
3. Die fröhliche Wissenschaft.
4. "I have written for myself."

 


Lou Salomé.
1886.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Naumburg, 10. Juni 1882:
Brief an Lou Salomé.

Ja, meine liebe Freundin, ich übersehe aus meiner Ferne gar nicht, welche Personen in unsere Absichten1 nothwendig eingeweiht werden müssen; aber ich denke, wir wollen daran festhalten, eben nur die nothwendigen Personen einzuweihen. Ich liebe die Verborgenheit des Lebens und ich wünschte von Herzen, daß Ihnen und mir ein europäisches Geschwätz erspart bliebe. Im Übrigen verbinde ich mit unserem Zusammenleben so hohe Hoffnungen, daß alle nothwendigen oder zufälligen Nebenwirkungen jetzt wenig Eindruck auf mich machen: und was sich auch ergiebt, wir wollen es zusammen tragen und das ganze Bündelchen alle Abende zusammen in's Wasser werfen — nicht wahr?

Ihre Worte über Frl. v. M[eysenbug] bestimmen mich, ihr nächstens einen Brief zu schreiben.2

Geben Sie mir zu verstehen, wie Sie sich die Zeit von Bayreuth ab einzurichten denken, und auf welche Mithülfe meinerseits Sie dabei rechnen.3 Mir thut jetzt Berg und Hochwald sehr noth: nicht nur die Gesundheit, noch mehr "die fröliche Wissenschaft" treiben mich in die Einsamkeit. Ich will das Ende machen.

Paßt es, wenn ich jetzt schon mich nach Salzburg (oder Berchtesgaden) begebe, also auf den Weg nach Wien?

Wenn wir zusammen sind, schreibe ich Ihnen etwas in das übersandte Buch.4

Zuletzt: ich bin in allen Dingen der That unerfahren und ungeübt; und seit Jahren habe ich mich nie für irgend eine Handlung vor Menschen zu erklären oder zu rechtfertigen gehabt. Meine Pläne lasse ich gerne im Verborgenen; über meine Facta mag alle Welt reden! — Doch gab die Natur jedem Wesen verschiedene Vertheidigungswaffen — und Ihnen gab sie Ihre herrliche Offenheit des Wollens. Pindar sagt einmal "werde der, der du bist!"5

Treulich und ergeben
F N.

1. The plan to live and work with Salomé and Rée.
2. See draft of 07-13-1882 letter to Meysenbug.
3. After Bayreuth, Salomé stayed with Nietzsche in Tautenburg from August 7-26, 1882.
4. Morgenröte.
5. Cf. Pindar's "genoi hoios essi [mathon]" (Become the sort of person you are through understanding.) Nietzsche drops the ending, which leaves the translation "Become who you are.") See Pindar: the Olympian and Pythian Odes. Cambridge: University Press, 1893:167.

 



Paul Rée.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Naumburg, 18. Juni 1882:
Brief an Paul Rée.

Mein lieber alter Freund, dieses deutsche Wolken-Wetter hat mich zu einer Art von Siechthum verurtheilt, so daß auch meine Vernunft mitunter nicht mehr vernünftig blieb — Zeugniß mein letzter Brief, für dessen schnelle Beantwortung ich Ihnen von Herzen gut bin.1

Zeugniß zweitens meine Reise nach Berlin, um L[ou] und den Grunewald zu sehn; doch habe ich nur das Zweite erreicht — auf Nimmerwiedersehn!2 Am Tage drauf fuhr ich nach Naumburg zurück — halbtodt. — Ebenso wurde aus dem projektirten Aufenthalt in Leipzig nichts; ich hielt es auch nur Einen Tag aus.

Trotzalledem bin ich voller Zutrauen zu diesem Jahre und seinem geheimnißvollen Würfelspiel über mein Schicksal.

Ich reise nicht nach Berchtesgaden und bin überhaupt nicht mehr im Stande, allein etwas zu unternehmen. In Berlin war ich wie ein verlorner Groschen, den ich selber verloren hatte und Dank meiner Augen nicht zu sehn vermochte, ob er mir schon vor den Füßen lag, so daß alle Vorübergehenden lachten.

Gleichniß! —

Was wird nach Bayreuth? Ich combinire jetzt, daß auch meine Mutter Frl. Lou einladen könnte, daß sie etwa den Monat August in Naumburg zubrächte, und daß wir im September uns auf den Weg nach Wien machten. Sagen Sie Ihre Meinung, bitte.

Ich lege ein Billet3 an unsre sehr merkwürdige und allzusehr liebenswürdige Freundin bei; ich weiß nicht, wo sie ist. —4

Ihrer verehrten Frau Mutter meinen Gruß und Dank — Sie wissen ja, wofür ich ihr gerade jetzt solchen Dank schuldig bin.

Von Herzen Ihr
Freund N.

1. Unknown letter from Rée.
2. In his mind, she stood him up. Meanwhile, the Grunewald was crowded and disappointing.
3. For the premiere of Wagner's Parsifal.
4. She was with Rée and his family in Stibbe.

 


Dornburg, ca. 1840.
From b/w lithograph by:
Eduard Pietzsch & Co., Dresden.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Tautenburg, 26. Juni 1882:
Brief an Lou Salomé.

Meine liebe Freundin,

eine halbe Stunde abseits von der Dornburg, auf der der alte Goethe1 seine Einsamkeit genoß, liegt inmitten schöner Wälder Tautenburg. Da hat mir meine gute Schwester ein idyllisches Nestchen eingerichtet, das mich nun diesen Sommer bergen soll. Gestern habe ich es in Besitz genommen; morgen reist meine Schwester ab, und ich werde allein sein. Doch haben wir etwas verabredet, was sie vielleicht wieder hierher bringt. Gesetz nämlich, Sie hätten keine bessere Verwendung des Monat August's und fänden es schicklich und thunlich, hier mit mir im Walde zu leben, so würde meine Schwester Sie von Bayreuth hierher geleiten und mit Ihnen hier in Einem Hause wohnen (zb. bei dem Pfarrer, wo sie augenblicklich wohnt: der Ort hat Auswahl an hübschen bescheidenen Zimmern). Meine Schwester, über die Sie Rée befragen mögen, würde gerade für diese Zeit nach Abgeschiedenheit verlangen, um auf ihren kleinen Novellen-Eierchen zu brüten. Es ist ihr ein äußerst angenehmer Gedanke, in Ihrer und meiner Nähe zu sein. — So! Und nun Aufrichtigkeit "bis zum Tod"! Meine liebe Freundin! Ich bin durch nichts gebunden und wechsele meine Pläne, wenn Sie Pläne haben, auf das Leichteste. Und soll ich nicht mit Ihnen zusammen sein, so sagen Sie auch dies mir einfach — und nicht einmal Gründe brauchen Sie anzugeben! Ich vertraue Ihnen ganz: aber das wissen Sie. —

Wenn wir zu einander passen, so werden auch unsre Gesundheiten zu einander passen, und irgendworin wird ein geheimer Nutzen sein. Ich habe bisher nie daran gedacht, daß Sie mir "vorlesen und schreiben" sollen; aber ich wünschte sehr, Ihr Lehrer sein zu dürfen. Zuletzt, um die ganze Wahrheit zu sagen: ich suche jetzt nach Menschen, welche meine Erben sein könnten; ich trage Einiges mit mir herum, was durchaus nicht in meinen Büchern zu lesen ist — und suche mir dafür das schönste und fruchtbarste Ackerland.

Sehen Sie meine Selbstsucht! —

Wenn ich hier und da an die Gefahren Ihres Lebens, Ihrer Gesundheit denke: da füllt sich meine Seele jedesmal ganz von Zärtlichkeit; ich wüßte nichts, was mich so schnell Ihnen nahe brächte. — Und dann bin ich immer glücklich, zu wissen, daß Sie Rée und nicht nur mich zum Freunde haben. Sie Beide mir zusammen spazierengehend und redend zu denken ist mir ein wahrer Genuß. —

Der Grunewald2 war viel zu sonnig für meine Augen.

Meine Adresse ist: Tautenburg bei Dornburg, Thüringen.

Treulich Ihr
Freund Nietzsche.

Gestern war Liszt3 hier.

1. Cf. Herman Krüger-Westend, Goethe in Dornburg. Jena: Costenoble, 1908.
2. The forest west of Berlin. See above.
3. Franz Liszt (1811-1886): composer, pianist, and father of Cosima Wagner.

 


Dornburg.1
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Tautenburg, 27./28. Juni 1882
Brief an Lou Salomé.

Liebe Freundin

wie freue ich mich, vom guten Schiffe zu hören, daß es in den guten Hafen eingelaufen ist!2 Augenblicklich werden wir Alle Drei zu den zufriedensten Menschen gehören, die es giebt. Dieses Tautenburg entzückt mich und paßt zu mir in allem und jedem; und nochmals fühle ich mich in diesem wunderbaren Jahre durch ein unerwartetes Geschenk des Schicksals überrascht. Für meine Augen und meine einsamen Neigungen ist hier das Paradies; ich verstehe den Wink, daß die Zeit meiner Südländerei vorüber ist; die Reise von Messina bis Grunewald war ein dicker Strich unter diese Vergangenheit.

Inzwischen habe ich alles, was Sie betrifft, meiner Schwester mitgetheilt. Ich fand sie, in der langen Trennungszeit, so gut fortgeschritten und ausgewachsener als früher, alles Vertrauens würdig und sehr liebevoll gegen mich. Ihre eigenen Pläne für den Winter sind inzwischen festgestellt (sie geht nach Genua, in meine dortige Wohnung, später nach Rom); meine Besorgniß, dieselben möchten sich mit meinen Wiener Plänen kreuzen, ist damit gehoben. Übrigens hat sie jetzt ihre eignen Neigungen zur Abgezogenheit und "Unbeeinflußtheit" — und so glaube ich in summa, daß Sie es mit ihr und uns versuchen dürfen. — Aber meine ganze Stillschweigerei war nicht nöthig, werden Sie jetzt meinen? Ich analysirte sie heute und fand als letzten Grund: Mißtrauen gegen mich selber. Ich bin nämlich durch das Ereigniß, einen "neuen Menschen" hinzuerworben zu haben, förmlich über den Haufen geworfen worden — in Folge einer allzustrengen Einsamkeit und Verzichtleistung auf alle Liebe und Freundschaft. Ich mußte schweigen, weil mich von Ihnen zu reden jedesmal umgeworfen hätte (es passirte mir bei den guten Overbecks) Nun, das erzähle ich Ihnen zum Lachen. Es geht bei mir immer sehr menschlich-allzumenschlich zu und meine Thorheit wächst mit meiner Weisheit.

Dies erinnert mich an meine "fröhliche Wissenschaft." Donnerstag kommt der erste Correcturbogen, und Sonnabend soll der letzte Theil des M[anu]s[cripts] in die Druckerei abgehen.3 Ich bin jetzt immer von sehr feinen Sprachdingen occupirt; die letzte Entscheidung über den Text zwingt zum scrupulösesten "Hören" von Wort und Satz. Die Bildhauer nennen diese letzte Arbeit "ad unguem."4 — Mit diesem Buche kommt jene Reihe von Schriften zum Abschluß, die mit "Menschl[ichem,] Allzum[enschlichem]" beginnt: in allen zusammen soll "ein neues Bild und Ideal des Freigeistes" aufgerichtet sein.5

Daß dies nun freilich nicht "der freie Mensch der That" ist, werden Sie längst errathen haben. Vielmehr — doch hier will ich schließen und lachen. Von Herzen Ihnen

und Freund Rée zugethan F.N.

1. Cf. Herman Krüger-Westend, Goethe in Dornburg. Jena: Costenoble, 1908, frontispiece.
2. Salomé and Rée were together in Stibbe.
3. Die fröhliche Wissenschaft: Nietzsche received the first four copies from his publisher on August 20, 1882.
4. Latin phrase (cf. Horace, Satires, i, v, xxxii) borrowed from sculpture, running one's nail over a work to test the finish of the piece.
5. See the concluding remarks to Die fröhliche Wissenschaft.

 


Lou Salomé.
Pontresina, ca. 1885.
From b/w photo by:
Alexander Flury.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Tautenburg bei Dornburg Thüringen,
3. Juli 1882:
Brief an Lou Salomé.

Meine liebe Freundin,

Nun ist der Himmel über mir hell! Gestern Mittags gieng es bei mir zu wie als ob Beburtstag wäre: Sie sandten Ihre Zusage,1 das schönste Geschenk, das mir jetzt Jemand hätte machen können — meine Schwester sandte Kirschen, Teubner2 sandte die drei ersten Druckbogen der "fröhlichen Wissenschaft"; und zu alledem war gerade der allerletzte Theil des Manuscriptes3 fertig geworden und damit das Werk von 6 Jahren (1876-1882), meine ganze "Freigeisterei"! Oh welche Jahre! Welche Qualen aller Art, welche Vereinsamungen und Lebens-Überdrüsse! Und gegen Alles das, gleichsam gegen Tod und Leben, habe ich mir diese meine Arznei gebraut, diese meine Gedanken mit ihrem kleinen kleinen Streifen unbewölkten Himmels über sich: — oh liebe Freundin, so oft ich an das Alles denke, bin ich erschüttert und gerührt und weiß nicht, wie das doch hat gelingen können: Selbst-Mitleid und das Gefühl des Sieges erfüllen mich ganz. Denn es ist ein Sieg, und ein vollständiger — denn sogar meine Gesundheit des Leibes ist wieder, ich weiß nicht woher, zum Vorschein gekommen, und Jedermann sagt mir, ich sähe jünger aus als je. Der Himmel behüte mich vor Thorheiten! — Aber von jetzt ab, wo Sie mich berathen werden, werde ich gut berathen sein und brauche mich nicht zu fürchten. —

Was den Winter betrifft, so habe ich ernstlich und ausschließlich an Wien4 gedacht: die Winterpläne meiner Schwester sind ganz unabhängig von den meinigen, er giebt dabei keine Nebengedanken. Der Süden Europa's ist mir jetzt aus dem Sinn gerückt. Ich will nicht mehr einsam sein und wieder lernen, Mensch zu werden. Ah, an diesem Pensum habe ich fast Alles noch zu lernen!

Nehmen Sie meinen Dank, liebe Freundin! Es wird Alles gut, wie Sie es gesagt haben.

Unserem Rée das Herzlichste!

Ganz Ihr
F.N.

1. She agreed to come to Tautenburg after Bayreuth.
2. Nietzsche's printer in Leipzig.
3. Book 4 of The Joyful Science.
4. The plan to live and work in Vienna with Salomé and Rée.

 


Franziska Nietzsche.
Ca. 1869.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Tautenburg, 11. Juli 1882:
Brief an Franziska Nietzsche.

Meine liebe Mutter,

Sonntag war ich krank. — Es giebt viel zu thun. Große Verzögerung der Drucksache. —1

Neulich, als ich von Dir gieng, traf ich auf dem Bahnhofe den Oberpfarrer mit Suschen; großes Gelächter.2

Heute eine Bitte und ein wenig dringlich!

Der Verschönerungs-Verein hat mir hier zwei neue Bänke in den Theilen des Waldes aufstellen lassen, wo ich gerne allein spazieren gehe. Ich habe versprochen, zwei Täfelchen daran anbringen zu lassen. Willst Du die Güte haben und dies besorgen? Und sofort? Sprich mit einem Sachverständigen, welche Art von Täfelchen und Aufschriften sich am besten hält.

Auf dem einen3 soll stehen
Der todte Mann. 
 F.N.

Auf  dem andern:
Die fröhliche Wissenschaft. 
 F.N.

Es muß etwas Feines und Hübsches sein, das mir Ehre macht. Mit herzlichem Gruß

Dein Sohn Fritz.

1. Printing of The Joyful Science.
2. Friedrich August Wenkel (1832-1894): chief pastor of the St. Wenzel church in Naumburg (1865-1894); and his daughter Susanne Wenkel (1866-?).
3. "Dead Man Woods": the old name of the part of the forest where he liked to walk. The name stems from the Thirty Years War.

 



Title page of:
Internationale Monatsschrift, 1. Jg., Nr. 5 (Mai) 1882,
["Idyllen aus Messina": 269-275.]

Tautenburg, 13. Juli 1882:
Brief an Heinrich Köselitz.

Mein lieber Freund,

keine Worte höre ich lieber aus Ihrem Munde als "Hoffnung" und "Erholung" — und nun mache ich Ihnen diese größliche Correktur-Noth gerade in diesem Zustande, wo es paradiesisch um Sie zugehen sollte!1

Kennen Sie meine Harmlosigkeiten aus Messina?2 Oder schwiegen Sie darüber, aus Artigkeit gegen ihren Urheber? — Nein, trotz dem, was der Vogel Specht in dem letzten Gedichtchen sagt — es steht mit meiner Dichterei nicht zum Besten.3

Aber was liegt daran! Man soll sich seiner Thorheiten nicht schämen, sonst hat unsre Weisheit wenig Werth.

Jenes Gedicht "an den Schmerz" war nicht von mir.4 Es gehört zu den Dingen, die eine vollständige Gewalt über mich haben, ich habe es noch nie ohne Thränen lesen können; es klingt wie eine Stimme, auf welche ich seit meiner Kindheit gewartet und gewartet habe. Dieses Gedicht ist von meiner Freundin Lou, von welcher Sie noch nicht gehört haben werden. Lou ist die Tochter eines russischen Generals,5 und zwanzig Jahre alt; sie ist scharfsinnig wie ein Adler und muthig wie ein Löwe und zuletzt doch ein sehr mädchenhaftes Kind, welches vielleicht nicht lange leben wird. Ich verdanke Sie Fräulein von Meysenbug und Rée. Jetzt ist sie bei Rées zu Besuch,6 nach Bayreuth kommt sie zu mir nach Tautenburg,7 und im Herbst siedeln wir zusammen nach Wien über.8 Wir werden in Einem Hause wohnen und zusammen arbeiten; sie ist auf die erstaunlichste Weise gerade für meine Denk- und Gedankenweise vorbereitet.

Lieber Freund, Sie erweisen uns Beiden sicherlich die Ehre, den Begriff einer Liebschaft von unserem Verhältniß fernzuhalten. Wir sind Freunde und ich werde dieses Mädchen und dieses Vertrauen zu mir heilig halten. — Übrigens hat sie einen unglaublich sicheren und lauteren Charakter und weiß selbst sehr genau, was sie will — ohne die Welt zu fragen und sich um die Welt zu bekümmern.

Dies für Sie und für Niemanden sonst. Aber wenn Sie nach Wien kämen, wäre es schön!

Zuletzt: was sind denn bisher meine werthvollsten Menschen-Funde? Sie — dann Rée — dann Lou.

In treuer Gesinnung
Ihr Freund F. N.

1. Köselitz was proofreading Die fröhliche Wissenschaft.
2. Cf. "Idyllen aus Messina." In: Internationale Monatsschrift. Bd. 1, Heft 5, Mai 1882, 269-275. English translation: "Idylls from Messina."
3. Cf. last stanza of "Vogel-Urtheil": "Du ein Dichter? Du ein Dichter? / Stehts mit deinem Kopf so schlecht? — / 'Ja, mein Herr! Sie sind ein Dichter!' / — Also sprach der Vogel Specht." ("Bird-Opinion": "You a poet? You a poet? / Are you so sick in the head? — / 'Yes, sir! You are a poet!' / — Thus the woodpecker said.")
4. See Salomé's poem below.
5. Gustav von Salomé (1806-1879).
6. She was with Rée and his family in Stibbe.
7. After attending the premiere of Wagner's Parsifal in Bayreuth, Salomé stayed with Nietzsche in Tautenburg from August 7-26, 1882.
8. The plan to live and work in Vienna with Salomé and Rée.

 



Erwin Rohde.
Ca. 1875.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Tautenburg bei Dornburg (Thüringen)
Mitte Juli 1882:
Brief an Erwin Rohde.

Mein lieber alter Freund, es hilft nichts, ich muß Dich heute auf ein neues Buch1 von mir vorbereiten; höchstens noch 4 Wochen hast Du davor Ruhe! Ein mildernder Umstand ist, daß es das letzte für eine lange Reihe von Jahren sein soll: — denn im Herbst gehe ich an die Universität Wien2 und fang neue Studentenjahre an, nachdem die alten mir, durch eine zu einseitige Beschäftigung mit Philologie, etwas mißrathen sind. Jetzt giebt es einen eigenen Studienplan und hinter ihm ein eigenes geheimes Ziel, dem mein weiteres Leben geweiht ist — es ist mir zu schwer zu leben, wenn ich es nicht im größten Stile thue, im Vertrauen gesagt, mein alter Kamerad! Ohne ein Ziel, welches ich nicht für unaussprechlich wichtig hielte, würde ich mich nicht oben im Lichte und über den schwarzen Fluthen gehalten haben! Dies ist eigentlich meine einzige Entschuldigung für diese Art von Litteratur, wie ich sie seit 1876 mache: es ist mein Recept und meine selbstgebraute Arznei gegen den Lebens-Überdruß. Welche Jahre! Welche langwierigen Schmerzen! Welche innerlichen Störungen, Umwälzungen, Vereinsamungen! Wer hat denn so viel ausgestanden als ich? Leopardi3 gewiß nicht! Und wenn ich nun heute über dem Allen stehe, mit dem Frohmuthe eines Siegers und beladen mit schweren neuen Plänen — und, wie ich mich kenne, mit der Aussicht auf neue schwerere und noch innerlichere Leiden und Tragödien und mit dem Muthe dazu! so soll mir niemand darüber böse sein dürfen, wenn ich gut von meiner Arznei denke. Mihi ipsi scripsi4 — dabei bleibt es; und so soll Jeder nach seiner Art für sich sein Bestes thun — das ist meine Moral: — die einzige, die mir noch übrig geblieben ist. Wenn selbst meine leibliche Gesundheit zum Vorschein kommt, wem verdanke ich denn das? Ich war in allen Punkten mein eigener Arzt; und als einer, der nichts Getrenntes hat, habe ich Seele Geist und Leib auf Ein Mal und mit denselben Mitteln behandeln müssen. Zugegeben, daß Andere an meinen Mitteln zu Grunde gehen könnten: dafür thue ich auch nichts eifriger als vor mir zu warnen. Namentlich dieses letzte Buch, welches den Titel führt "die fröhliche Wissenschaft" wird Viele vor mir zurückschrecken, auch Dich vielleicht, lieber alter Freund Rohde! Es ist ein Bild von mir darin; und ich weiß bestimmt, daß es nicht das Bild ist, welches Du von mir im Herzen trägst.

Also: habe Geduld, und sei es auch nur darum, weil Du einsehen mußt, daß es bei mir heißt "aut mori aut ita vivere."5

Von ganzem Herzen
Dein
Nietzsche.

1. Die fröhliche Wissenschaft.
2. The plan to live and work in Vienna with Salomé and Rée.
3. Giacomo Leopardi (1798-1837). See his entry in Nietzsche's Library.
4. "I have written for myself."
5. "To live thus or die."

 


Lou Salomé.
Ca. 1881.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Tautenburg bei Dornburg (Thüringen),
16. Juli 1882:
Brief an Lou Salomé.

Nun, meine liebe Freundin, bis jetzt steht Alles gut, und Sonnabend über 8 Tage sehen wir uns wieder.1

Vielleicht ist mein letzter Brief2 an Sie nicht in Ihre Hände gelangt? Ich schrieb ihn Sonntag vor 14 Tagen. Es sollte mir Leid thun; ich schilderte Ihnen darin einen sehr glücklichen Moment: mehrere gute Dinge kamen auf Einmal zu mir, und das "gutste" dieser Dinge war Ihr Zusagebrief! —

Indessen: wenn man gutes Zutrauen zu einander hat, so dürfen sogar die Briefe verloren gehen.

Ich habe viel an Sie gedacht und im Geiste so mancherlei des Erhebenden, Rührenden und Heiteren mit Ihnen getheilt, daß ich wie mit meiner verehrten Freundin verbunden gelebt habe. Wenn Sie wüßten, wie neu und fremdartig mir alten Einsiedler das vorkommt! — Wie oft habe ich über mich lachen müssen!

Was Bayreuth betrifft, so bin ich zufrieden damit, nicht dort sein zu müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft in Ihrer Nähe sein könnte, dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte mir sogar die Musik zum Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir nicht erträglich.)

Ich möchte, daß Sie vorher noch meine kleine Schrift "Richard Wagner in Bayreuth" lesen; Freund Rée besitzt sie wohl. Ich habe so viel in Bezug auf diesen Mann [Richard Wagner] und seine Kunst erlebt — es war eine ganze lange Passion: ich finde kein anderes Wort dafür. Die hier geforderte Entsagung, das hier endlich nöthig werdende Mich-selber-Wiederfinden gehört zu dem Härtesten und Melancholischsten in meinem Schicksale. Die letzten geschriebenen Worte W[agner]'s an mich stehen in einem schönen Widmungs-Exemplare des Parsifal "Meinem theuren Freunde Friedrich Nietzsche. Richard Wagner, Ober-Kirchenrath."3 Genau zu gleicher Zeit traf, von mir gesendet, bei ihm mein Buch "Menschliches Allzumenschliches" ein — und damit war Alles klar, aber auch Alles zu Ende.

Wie oft habe ich, in allen möglichen Dingen, gerade dies erlebt: "Alles klar, aber auch Alles zu Ende"!

Und wie glücklich bin ich, meine geliebte Freundin Lou, jetzt in Bezug auf uns Beide denken zu dürfen "Alles im Anfang und doch Alles klar!" Vertrauen Sie mir! Vertrauen wir uns!

Mit den herzlichsten Wünschen für Ihre Reise

Ihr Freund
Nietzsche.

1. After attending the premiere of Wagner's Parsifal in Bayreuth, Salomé arrived in Tautenburg on August 7, 1882.
2. See July 3, 1882 letter above.
3. Richard Wagner, Parsifal: ein Bühnenweihfestspiel. Mainz: Schott, 1877. Wagner's actual dedication reads: "Herzlichsten Gruß und Wunsch / Seinem / theuren Freunde / Friedrich Nietzsche / Richard Wagner / Oberkirchenrath: zur freundlichen Mittheilung an Prof. Overbeck." (Most cordial greetings and wishes / To his / dear friend / Friedrich Nietzsche / Richard Wagner / Member of the High Consistory: kindly convey this to Prof. Overbeck.)

 



Title page of:
"Gespräche mit Nietzsche im Parsifaljahr 1882.
Tagebuchblätter von Arthur Egidi."
In: Die Musik. Illustrierte Halbmonatsschrift. 1, Juliheft
1902: 1892-1899.

Tautenburg, 25. Juli 1882:
Brief an Heinrich Köselitz.

Mein lieber Freund,

so soll ich denn auch meine Sommer-Musik haben! — auf diesen Sommer strömen die guten Dinge herab, wie als ob ich einen Sieg zu feiern hätte.1 Und in der That: erwägen Sie, wie ich seit 1876 in mancherlei Betracht, des Leibes und der Seele, ein Schlachtfeld mehr als ein Mensch gewesen bin! —2

Lou wird der Klavierpartie nicht gewachsen sein: aber da stellt sich, wie vom Himmel geschickt, im rechten Augenblick Hr. Aegidi [sic] ein, ein ernster vertrauenswürdiger Mensch und Musiker, der gerade hier in Tautenburg weilt (ein Schüler Kiel's) — durch einen Zufall komme ich ein halbes Stündchen mit ihm in Berührung, und wieder ein Zufall war es, daß er, von dieser Begegnung nach Hause kommend, den Brief eines Freundes vorfindet, der so beginnt: "Ich habe soeben einen famosen Philosophen entdeckt, Nietzsche." —3

Sie bleiben natürlich der Gegenstand der äußersten Discretion; eingeführt als italiänischer Freund, dessen Name ein Geheimniß ist. —

Ihre melancholischen Worte "immer daran vorbei" sind mir sehr im Herzen hängen geblieben! Es gab Zeiten, wo ich ganz dasselbe von mir dachte; aber es giebt zwischen Ihnen und mir außer anderen Unterschieden auch den, daß ich mich mehr zu etwas "schubsen" lasse (wie man in Thüringen sagt.) —

Sonntags war ich in Naumburg, um meine Schwester ein wenig noch auf den Parsifal vorzubereiten. Da gieng es mir seltsam genug! Schließlich sagte ich: "meine liebe Schwester, ganz diese Art Musik habe ich als Knabe gemacht, damals [als] ich mein Oratorium4 machte" — und nun habe ich die alten Papiere hervorgeholt und, nach langer Zwischenzeit, wieder abgespielt: die Identität von Stimmung und Ausdruck war märchenhaft! Ja, einige Stellen z.B. "der Tod der Könige" schienen uns Beiden ergreifender als alles, was wir uns aus dem P[arsifal] vorgeführt hatten, aber doch ganz parsifalesk! Ich gestehe: mit einem wahren Schrecken bin ich mir wieder bewußt geworden, wie nahe ich eigentlich mit W[agner] verwandt bin. — Später will ich Ihnen dieses curiose Faktum nicht vorenthalten, und Sie sollen die letzte Instanz darüber sein — die Sache ist so seltsam, daß ich mir nicht recht traue.

— Sie verstehen mich wohl, lieber Freund, daß ich damit den Parsifal nicht gelobt haben will!! — Welche plötzliche décadence! Und welcher Cagliostricismus! —5

Eine Bemerkung Ihres Briefes giebt mir Anlaß, festzustellen, daß alles, was Sie jetzt von meinen Reimereien kennen, vor meiner Bekanntschaft mit L[ou] entstanden ist (wie auch die "fr[öhliche] Wissenschaft".) Aber vielleicht haben Sie auch ein Gefühl davon, daß ich, sowohl als "Denker" wie als "Dichter," eine gewisse Vorahnung von L[ou] gehabt haben muß? Oder sollte "der Zufall"? Ja! Der liebe Zufall!

Die comédie soll von uns zusammen gelesen werden; meine Augen sind jetzt allzusehr schon occupirt.6 L[ou] kommt am Sonnabend. Senden Sie Ihr Werk schnellstens ab — ich beneide mich selber um diese Auszeichnung, die Sie mir erweisen!

Ganz von Herzen Ihr dankbarer Freund Nietzsche.

1. Köselitz had promised to send him the piano reduction for the first act of his opera "Il matrimonio segreto" (The Secret Wedding). In 1884, Nietzsche suggested that Köselitz change the title to "Der Löwe von Venedig" (The Lion of Venice). For more information on Köselitz, see Frederick R. Love's gem, Nietzsche's Saint Peter. Genesis and Cultivation of an Illusion. Berlin; New York: de Gruyter, 1981. [Series: Band 5. Monographien und Texte zur Nietzsche-Forschung.]
2. An allusion to Nietzsche's poor health.
3. Arthur Egidi (1859-1943): at the time, Egidi was a student at the Königlichen Hochschule für Musik in Berlin. Cf. "Gespräche mit Nietzsche im Parsifaljahr 1882. Tagebuchblätter von Arthur Egidi." In: Die Musik. Illustrierte Halbmonatsschrift. 1, Juliheft 1902: 1892-1899.
4. See Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music: 3-4, 8. Cf. Curt Paul Janz, Friedrich Nietzsche: Biographie. Bd. 2: Die zehn Jahre des freien Philosophen. München: Hanser, 1993, 823.
5. Alessandro di Cagliostro, the alias of Giuseppe Balsamo (1743-1795): a notorious Italian magician and alchemist. Cf. Johann Wolfgang von Goethe's Italienische Reise, and Der Groß-Coptha.
6. Honoré Marie Joseph Duveyrier, Michel Perrin. Comédie-Vaudeville en deux actes. Par Mélesville et Duveyrier. Pourvue de notes et d'un petit vocabulaire par Charles Ansorg. Berlin: Friedberg & Mode, 1877. [Series: Théatre Français No. 15. Collection Friedberg & Mode.] Cf. Köselitz's note on the book. In: Friedrich Nietzsches Briefe an Peter Gast. 1876-1889. Mit Anmerkungen und Namen-Register. Hrsg. von Peter Gast. Leipzig: Insel Verlag, 1908, 458.

 



Hermann Levi, Paul von Joukowsky and Fritz Brandt at the 1882 premiere of "Parsifal."
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Tautenburg, 4. August 1882:
Brief an Heinrich Köselitz.

Lieber Freund.

Eines Tages flog ein Vogel an mir vorüber; und ich, abergläubisch wie alle einsamen Menschen, die an einer Wende ihrer Straße stehen, glaubte einen Adler gesehn zu haben.1

Nun bemüht sich alle Welt2 darum, mir zu beweisen, daß ich mich irre, — und es giebt einen artigen europäischen Klatsch darüber. Wer ist nun der Glücklichere — ich, "der Getäuschte," wie man sagt, der einen ganzen Sommer ob dieses Vogelzeichens in einer höheren Welt der Hoffnung lebte — oder jene, welche "nicht zu täuschen" sind? — Und so weiter. Amen.

Gestern, alter Freund, überfiel mich der Dämon der Musik3 — "stellen Sie sich mein Entsetzen für!" mit Lessing zu reden.4 Mein gegenwärtiger Zustand "in media vita"5 will auch noch in Tönen sich aussprechen: ich werde nicht loskommen.

Und es ist recht so: bevor ich meine neue Straße ziehe, muß ich noch ein wenig blasen und geigen.

Wien6 ist vom Horizonte fast verschwunden. Vielleicht München — dabei erwäge ich auch meine Beziehungen zu Levi.7

Ich wollte doch, Sie wären in Bayreuth gewesen: man rühmt W[agner]s Instrumentation des Parsifal als das Erstaunlichste in dieser Kunst.

Wann giebt es für mich Ihre Musik!8 — Jetzt bin ich "ein wenig in der Wüste" und schlafe manche Nacht nicht. Aber nichts von Kleinmuth! Und jener erwähnte Dämon war, wie Alles, was mir jetzt über den Weg läuft (oder zu laufen scheint) heroisch-idyllisch.

Adieu, lieber Freund!
Von Herzen
F. N.

1. An allusion to the first time he met Lou Salomé in Rome.
2. Mainly, Elisabeth Nietzsche.
3. Nietzsche's arrangement of Salomé's poem to music. See Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music: 25.
4. Cf. Gotthold Ephraim Lessing, "Der Tod" (v. 3: "Bildet Euch mein Schrecken ein!"). In: Lessings ausgewählte Werke. Bd. 1. Leipzig: Göschen, 1867, 77.
5. "In mid-life": the title of aphorism 324 in Die fröhliche Wissenschaft.
6. The plan to live and work in Vienna with Salomé and Rée.
7. Hermann Levi (1839-1900) conducted the premiere of Parsifal in Bayreuth.
8. Köselitz had promised to send him the piano reduction for the first act of his opera "Il matrimonio segreto" (The Secret Wedding). In 1884, Nietzsche suggested that Köselitz change the title to "Der Löwe von Venedig" (The Lion of Venice). For more information on Köselitz, see Frederick R. Love's gem, Nietzsche's Saint Peter. Genesis and Cultivation of an Illusion. Berlin; New York: de Gruyter, 1981. [Series: Band 5. Monographien und Texte zur Nietzsche-Forschung.]

 



Lou Salomé, Max Heinemann, Paul Rée.
Pontresina, ca. 1885.
From b/w photo by:
Alexander Flury.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Tautenburg, 8./24. August 1882:
Brief an Lou Salomé.

Zur Lehre vom Stil 1

1.

Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll leben.

2.

Der Stil soll dir angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der doppelten Relation.)

3.

Man muß erst genau wissen: "so und so würde ich dies sprechen und vortragen" — bevor man schreiben darf. Schreiben muß eine Nachahmung sein.

4.

Weil dem Schreibenden viele Mittel des Vortragenden fehlen, so muß er im Allgemeinen eine sehr ausdrucksvolle Art von Vortrag zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon nothwendig viel blässer ausfallen.

5.

Der Reichthum an Leben verräth sich durch Reichthum an Gebärden. Man muß Alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunktionen, die Wahl der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente — als Gebärden empfinden lernen.

6.

Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht, die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den Meisten ist die Periode eine Affektation.

7.

Der Stil soll beweisen, daß man an seine Gedanken glaubt, und sie nicht nur denkt, sondern empfindet.

8.

Je abstrakter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muß man erst die Sinne zu ihr verführen.

9.

Der Takt des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin, dicht an die Poesie heranzutreten, aber niemals zu ihr überzutreten.

10.

Es is nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und sehr klug, seinem Leser zu überlassen die letzte Quintessenz unsrer Weisheit selber auszusprechen.

F.N.
Einen guten Morgen,
meine liebe Lou!

1. Cf. Nachlass, Tautenburger Aufzeichnungen für Lou von Salomé. Juli-August 1882 1[45]; [109].

 


A slip of paper to Lou Salomé.
Tautenburg, August 25, 1882.

Tautenburg, 25. August 1882:
Zettel an Lou Salomé.

Zu Bett. Heftigster Anfall. Ich verachte das Leben

FN.

Tautenburg, 26. August 1882:
Zettel an Lou Salomé.

Meine liebe Lou,

Pardon für gestern! Ein heftiger Anfall meines dummen Kopfleidens — heute vorbei.

Und heute sehe ich Einiges mit neuen Augen. —

Um 12 Uhr bringe ich Sie nach Dornburg: — aber vorher müssen wir noch ein halbes Stündchen sprechen (bald, ich meine, sobald Sie aufgestanden sind.)

Ja? —

Ja!

F.N.

 


Lou Salomé.
ca. 1906.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Naumburg, Ende August 1882:
Brief an Lou Salomé.

Meine liebe Lou,

einen Tag später als Sie gieng ich von Tautenburg weg,1 im Herzen sehr stolz, sehr muthig — wodurch eigentlich?

Mit meiner Schwester habe ich nur wenig noch gesprochen, doch genug, um das neue auftauchende Gespenst in das Nichts zurück zu schicken, aus dem es geboren war.

In Naumburg kam wieder der Dämon der Musik über mich — ich habe Ihr Gebet an das Leben componirt;2 und meine Pariser Freundin Ott, die im Besitz einer wundervoll starken und ausdrucksreichen Stimme ist, soll es Ihnen und mir einmal vorsingen.

Zuletzt, meine liebe Lou, die alte tiefe herzliche Bitte: werden Sie, die Sie sind!3 Erst hat man Noth, sich von seinen Ketten zu emancipiren, und schließlich muß man sich noch von dieser Emancipation emancipiren! Es hat Jeder von uns, wenn auch in sehr verschiedener Weise an der Ketten-Krankheit zu laboriren, auch nachdem er die Kette zerbrochen hat.4

Von Herzem Ihrem
Schicksale gewogen — denn
ich liebe auch in Ihnen
meine Hoffnungen.
F.N.

1. Salomé left Tautenburg on August 26, 1882.
2. In August 1882, Nietzsche composed for voice/piano "Gebet an das Leben" (Prayer to Life), Lou Salomé's poem ("Lebensgebet") set to an arrangement of his 1874 "Hymnus auf die Freundschaft" (Hymn to Friendship). See Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music: 25.
3. Cf. Pindar's "genoi hoios essi [mathon]" (Become the sort of person you are through understanding.) Nietzsche drops the ending, which leaves the translation "Become who you are.") See Pindar: the Olympian and Pythian Odes. Cambridge: University Press, 1893:167.
4. Cf. Der Wanderer und sein Schatten, §350.

 


Nachlass: Herbst 1881 11[337].

Naumburg, vermutlich Ende Aug. / Anfang Sept. 1882:
Brief an Jacob Burckhardt.

Nun, mein hochverehrter Freund — oder wie soll ich Sie nennen? — empfangen Sie mit Wohlwollen das, was ich Ihnen heute sende, mit einem vorgefaßten Wohlwollen: denn, wenn Sie das nicht thun, so werden Sie bei diesem Buche "die fröhliche Wissenschaft" nur zu spotten haben (es ist gar zu persönlich, und alles Persönliche ist eigentlich komisch).

Im Übrigen habe ich den Punkt erreicht, wo ich lebe wie ich denke, und vielleicht lernte ich auch inzwischen wirklich ausdrücken, was ich denke. In Hinsicht hierauf höre ich Ihr Unheil als einen Richterspruch: ich wünschte namentlich, daß Sie den Sanctus Januarius (Buch IV) im Zusammenhang lesen möchten, um zu wissen, ob er als Ganzes sich mittheilt. — Und meine Verse? - - -

In herzlichem Vertrauen
Ihr
Friedrich Nietzsche.

NB. Und was ist doch die Adresse jenes Herrn Curti,1 von dem Sie mir bei unserm letzten, sehr schönen Zusammensein sprachen?2

1. Theodor Curti (1848-1914): Swiss-German journalist and politician. See his entry in Deutsche Biographie. Apparently, Burckhardt had told Nietzsche something Curti had written about him and his political views. Curti was the founder of the Züricher Post, an organ of the Democratic party. The article may have been written anonymously; in any event it has not been discovered. Nietzsche himself gives the most concrete evidence of his own apolitical character in his July/August 1882 letter to Curti: "[....] es mich ganz und gar überrascht, daß meine politisch-sozialen Maienkäfer die ernsthafte Theilnahme eines politisch-sozialen Denkers erregt haben. Es kann kein Mensch in Bezug auf diese Dinge mehr "im Winkel leben" als ich: ich spreche nie von dergleichen, ich weiß die bekanntesten Ereignisse nicht und lese nicht einmal die Zeitungen — ja ich habe mir aus dem Allem ein Privilegium gemacht! — Und so wäre ich denn gerade in diesem Punkte gar nicht böse, wenn ich mit meinen Ansichten Lachen und Heiterkeit erregt hätte: aber Ernst? Und bei Ihnen? Könnte ich das nicht zu lesen bekommen?" ([....] it completely surprised me that my political-social May beetles have attracted the sympathy of a serious political-social thinker. In regard to these things, no man can "live" more "in a corner" than I do: I never speak about them, I don't know the most well-known events and don't even read newspapers — indeed, I have made a privilege out of all this! — And so, precisely on these matters, I would not be angry at all if I had excited laughter and amusement with my views: but seriousness? And by you? Could I not acquire that in order to read it?)
2. Nietzsche visited Basel on May 8-13, 1882.

 

Elisabeth Nietzsche.
Ca. 1882.
From b/w photo by:
Louis Held, Weimar.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Leipzig, vermutlich 5. / 6. September 1882:
Brief an Elisabeth Nietzsche.

In zwei, drei Tagen, meine liebe Lisbeth, geht es fort;1 an Eisers,2 die ich in Frankfurt aufsuchen will, habe ich geschrieben, und sobald ich von Dir Herrn [August] Sulger's3 Adresse weiß, wird alles in Ordnung sein. Gestern erhielt ich zwei Postkarten von Dir — aus Messina über Rom und Basel — Ehre der Post! —

Ich habe auch meine für Naumburg festgesetzte Arbeit (eine Composition)4 schönstens erledigt und auch dabei mir genug gethan. —

Wenn ich Dir nur einen Begriff von meiner fröhlichen Ziversicht geben könnte, die mich diesen Sommer beseelt hat! Es ist mir Alles gelungen und Manches wider Erwarten — gerade da als ich es mißlungen glaubte. Auch Lou ist sehr zufriedengestellt (sie steckt jetzt ganz in Arbeit und Büchern.) Was mir sehr wesentlich ist: sie hat Rée zu einer meiner Hauptansichten bekehrt (wie er selbst schreibt), die das Fundament seines Buches5 völlig verändert. Rée schrieb gestern "Lou ist entschieden in Tautenburg um einige Zoll gewachsen."

Ich höre mit Betrübniß, daß Du noch immer an der Nachwirkung jener Scenen6 zu leiden hast, die ich Dir von Herzen gern erspart hätte. Halte aber nur diesen Gesichtspunkt fest: durch die Aufregung dieser Scenen kam an's Licht, was sonst vielleicht lange im Dunklen geblieben wäre: daß L[ou] eine geringere Meinung von mir und einiges Mißtrauen gegen mich hatte; und wenn ich genauer die Umstände unsres Bekanntwerdens erwäge, so hatte sie vielleicht dazu ein gutes Recht (eingerechnet die Wirkung einiger unvorsichtigen Äußerungen von Freund R[ée]) Nun denkt sie aber jetzt ganz gewiß besser von mir — und das ist doch die Hauptsache, nicht wahr, meine liebe Schwester? Im Übringen, wenn ich an die Zukunft denke, so wäre es mir hart, annehmen zu müssen, daß Du mit mir in Bezug auf L[ou] nicht gleich empfändest. Wir haben eine solche Gleichartigkeit der Gaben und Absichten, daß unsre Namen irgend wann einmal zusammen genannt werden müssen; und jede Verunglimpfung, die sie trifft, wird mich zuerst treffen.

Doch vielleicht ist dies wieder schon zu viel über diesen Punkt. Ich danke Dir nochmals von ganzem Herzen für alles, was Du mir Gutes in diesem Sommer angethan hast — und ich erkenne Dein schwesterliches Wohlwollen wahrhaftig recht sehr in dem auch, wo Du mit mir nicht gleichempfinden konntest. Ja, wer darf sich auch mit mir wider-moralischen Philosophen ohne Gefahr einlassen! Zweierlei verbietet mir meine Denkweise unbedingt: 1) Reue 2) moralische Entrüstung. —

Sei wieder gut, liebes Lama!
Dein Bruder.

1. On September 8, 1882, Nietzsche left Naumburg for Leipzig to meet up with Salomé and Rée.
2. Otto Eiser (1834-1898): physician Nietzsche first became acquainted with in Rosenlauibad in 1877. For further information on Eiser and Nietzsche, see Sander L. Gilman, "Nietzsche, Bizet and Wagner—Illness, Health, and Race in the Nineteenth Century." In: Diseases and Diagnoses. The Second Age of Biology. New Brunswick: Transaction, 2011, 90-94.
3. Cousin of a friend from Basel, who was working at the Swiss embassy in Paris; Nietzsche was planning on visiting Paris (which never happened) with Salomé and Rée, and was looking for a place to live.
4. In August 1882, Nietzsche composed for voice/piano "Gebet an das Leben" (Prayer to Life), Lou Salomé's poem ("Lebensgebet") set to an arrangement of his 1874 "Hymnus auf die Freundschaft" (Hymn to Friendship). See Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music: 25.
5. Paul Rée's Die Entstehung des Gewissens, was published in 1885.
6. Cf. Elisabeth Nietzsche's 09-24/10-02-1882 letter to Clara Gelzer.

 


Franz Overbeck.
Basel, ca. 1880.
From b/w photo by Jacob Höflinger.
Colorized image ©The Nietzsche Channel.

Leipzig, 9. September 1882:
Brief an Franz Overbeck.

Mein lieber Freund, so sitzte ich denn einmal wieder in Leipzig,1 der alten Bücher-Stadt, um einige Bücher kennen zu lernen, bevor es wieder in die Ferne geht. Mit dem deutschen Winter-Feldzug wird es wohl nichts werden:2 ich bedarf in jedem Sinne des hellen Wetters. Ja Charakter hat er, dieser Wolken-Himmel Deutschlands, ungefähr, wie mich dünkt, wie die Parsival-Musik Charakter hat — aber einen schlechten.3 Vor mir liegt der erste Akt des matrimonio segreto — goldene, glitzernde, gute, sehr gute Musik!4

Die Tautenburger Wochen5 haben mir wohlgethan, namentlich die letzten; und im Ganzen Großen habe ich ein Recht, von Genesung zu reden, wenn ich auch häufig genug an das labile Gleichgewicht meiner Gesundheit erinnert werde. Aber reinen Himmel über mir! Sonst verliere ich allzu viel Zeit und Kraft!

Wenn Du den Sanctus Janarius6 gelesen hast, so wirst Du gemerkt haben, daß ich einen Wendekreis überschritten habe. Alles liegt neu vor mir, und es wird nicht lange dauern, daß ich auch das furchtbare Angesicht meiner ferneren Lebens-Aufgabe zu sehen bekomme. Dieser lange reiche Sommer war für mich eine Probe-Zeit; ich nahm äußerst muthig und stolz von ihm Abschied, denn ich empfand für diese Zeitspanne wenigstens die sonst so häßliche Kluft zwischen Wollen und Vollbringen als überbrückt. Es gab harte Ansprüche an meine Menschlichkeit, und ich bin mir im Schwersten genug geworden. Diesen ganzen Zwischenzustand zwischen sonst und einstmals nenne ich "in media vita";7 und der Dämon der Musik, der mich nach langen Jahren wieder einmal heimsuchte, hat mich gezwungen, auch in Tönen davon zu reden.8

Das Nützlichste aber, was ich diesen Sommer gethan habe, waren meine Gespräche mit Lou. Unsre Intelligenzen und Geschmäcker sind im Tiefsten verwandt — und es giebt andererseits der Gegensätze so viele, daß wir für einander die lehrreichsten Beobachtungs-Objekte und -Subjekte sind. Ich habe noch Niemanden kennen gelernt, der seinen Erfahrungen eine solche Menge objektiver Einsichten zu entnehmen wüßte, Niemanden, der aus allem Gelernten so viel zu ziehn verstünde. Gestern schrieb mir Rée "Lou ist entschieden um einige Zoll gewachsen in Tautenburg" — nun, ich bin es vielleicht auch. Ich möchte wissen, ob eine solche philosophische Offenheit, wie sie zwischen uns besteht, schon einmal bestanden hat. L[ou] ist jetzt ganz in Büchern und Arbeiten versteckt; ihr größter Dienst, den sie mir bisher erwiesen, ist der, Reé zu einer Reform seines Buches9 auf Grund eines meiner Hauptgedanken bestimmt zu haben. — Ihre Gesundheit reicht nur für 6-7 Jahre aus, wie ich fürchte.

Tautenburg hat Lou ein Ziel gegeben. — Sie hinterließ mir ein ergreifendes Gedicht "Gebet an das Leben."10

Leider hat sich meine Schwester zu einer Todfeindin L[ou]'s entwickelt, sie war voller moralischer Entrüstung von Anfang bis Ende und behauptet nun zu wissen, was an meiner Philosophie ist. Sie hat an meine Mutter geschrieben, "sie habe in Tautenb[urg] meine Philosophie in's Leben treten sehen und sei erschrocken: ich liebe das Böse, sie aber liebe das Gute. Wenn sie eine gute Katholikin wäre, so würde sie in's Kloster gehen und für all das Unheil büßen, was daraus entstehen werde." Kurz, ich habe die Naumburger "Tugend" gegen mich, es giebt einen wirklichen Bruch zwischen uns — und auch meine Mutter vergaß sich einmal so weit mit einem Worte,11 daß ich meine Koffer packen ließ und morgens früh nach Leipzig fuhr. Meine Schwester (die nicht nach Naumb[urg] kommen wollte, solange ich dort war und noch in Tautenburg ist) citirt dazu ironisch "Also begann Zarathustra's Untergang."12 — In der That, es ist der Beginn vom Anfang. — Dieser Brief ist für Dich und Deine liebe Frau, haltet mich nicht für menschenfeindlich. Ganz von Herzen

Dein F.N.

Das Herzlichste an Frau Rothpletz13 und der Ihrigen!

Ich dankte Dir noch nicht für Deinen herzlichen Brief.

1. Nietzsche graduated from the University of Leipzig.
2. Tentative plans to spend time with Rée and Salomé in Leipzig.
3. Nietzsche objected to the moralizing Christian content in Richard Wagner's Parsifal.
4. Opera composed by Heinrich Köselitz.
5. August 7-26, 1882 with Lou Salomé.
6. Book 4 of The Joyful Science, with its prefatory poem, "Sanctus Januarius" (Saint Januarius): "Der du mit dem Flammenspeere / Meiner Seele Eis zertheilt, / Dass sie brausend nun zum Meere / Ihrer höchsten Hoffnung eilt: / Heller stets und stets gesunder, / Frei im liebevollsten Muss: — / Also preist sie deine Wunder, / Schönster Januarius! / Genua, January 1882." (You who with the flaming spear / Split the ice of my soul, / So that with a boom it now / Rushes to the sea of its highest hope: / Ever clearer and healthier, / In the most loving necessity still free: — / Thus it praises your wonders, / Fairest month of January! / Genoa, January 1882.) The title refers to the martyred saint whose vial of congealed blood purportedly becomes liquified once a year in January.
7. "In mid-life": the title of aphorism 324 in Die fröhliche Wissenschaft.
8. In August 1882, Nietzsche composed for voice/piano "Gebet an das Leben" (Prayer to Life), Lou Salomé's poem ("Lebensgebet") set to an arrangement of his 1874 "Hymnus auf die Freundschaft" (Hymn to Friendship). See Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music: 25.
9. Paul Rée's Die Entstehung des Gewissens, was published in 1885.
10. See note 8 above.
11. See 02-10-1883 letter to Franz Overbeck: "So ist es mir zum Beispiel noch nicht Eine Stunde aus dem Gedächtnisse weggeblieben, daß mich meine Mutter eine Schande für das Grab meines Vaters genannt hat." (So, for instance, not for a moment have I been able to forget that my mother called me a disgrace to the grave of my father.)
12. The end of aphorism 342, and the conclusion of the first edition of The Joyful Science.
13. Louise Rothpletz, Overbeck's mother-in-law.

 



Paul Rée.
Pontresina, ca. 1885.
From b/w photo by:
Alexander Flury.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Leipzig, vermutlich 15. September 1882:
Brief an Paul Rée.

Mein lieber Freund,

ich bin der Meinung, daß wir Beide und wir Drei1 klug genug sind, um uns gut zu sein und zu bleiben. In diesem Leben, wo Menschen wie wir so leicht zu Gespenstern werden, vor denen man sich fürchtet, wollen wir uns an einander freuen und uns Freude zu machen suchen; und wollen darin erfindsam werden — ich für meinen Theil muß darin sehr nachlernen, da ich ein isolirtes Ungeheuer war.

Meine Schwester hat inzwischen die Feindseligkeit ihrer Natur, die sie gewöhnlich gegen ihre Mutter ausläßt, mit aller Kraft gegen mich gekehrt und sich förmlich von mir gelöst, in einem Briefe an meine Mutter, aus Abscheu vor meiner Philosophie, und "weil ich das Böse liebe, sie aber das Gute" und dergleichen Tollheit. Mich selber hat sie mit Spott und Hohn überschüttet2 — nun, die Wahrheit ist, ich bin gegen sie mein Leben lang geduldig und milde gewesen, wie ich es nun einmal gegen dies Geschlecht sein muß: und das hat sie vielleicht verwöhnt. "Auch die Tugenden werden bestraft" — sagte der weise Sanctus Januarius von Genua.3

Morgen schreibe ich an unsre liebe Lou, meine Schwester (nachdem ich die natürliche Schwester verloren habe, muß mir schon eine übernatürliche Schwester geschenkt werden.) Und Anfangs Oktober auf Wiedersehen in Leipzig! Ihr

Freund F.N.

1. Nietzsche, Salomé and Rée.
2. Cf. Elisabeth Nietzsche's 09-24/10-02-1882 letter to Clara Gelzer.
3. Cf. Die fröhliche Wissenschaft, §21. For Sanctus Januarius, see note above.

 



Friedrich Nietzsche.
September 1882.
From b/w photo taken by:
Gustav Schultze, Naumburg.
Colorized and enhanced image © The Nietzsche Channel.

Leipzig, 16. September 1882:
Brief an Jenny Rée.1

Hochverehrte Frau

sehen Sie dies Bild2 an und erschrecken Sie nicht: das bin ich. Schon lange suchte ich nach einer Gelegenheit, Ihnen ein Zeichen davon zu geben, wie vielfach verbunden und dankbar ich mich gegen Sie fühle — seit manchem Jahre schon und neuerdings immer mehr. Heute sendet der Photograph die Bilder; und das erste soll die Ehre haben, an Sie verehrteste Frau, abgehen zu dürfen. Ihr Sohn Paul und [ich], wir sind nun eine gute Strecke Zeit [einander] lieb geblieben,3 und jetzt, wo unsre Freundschaft zu einer Art Dreieinigkeit geworden ist,4 haben wir einen Grund mehr, einander gute Freunde zu bleiben, um unsrer lieben Dritten5 im Bunde das Leben etwas erträglicher und ihrer Natur würdiger zu gestalten. Alles Vertrauen, was Sie uns hierin bezeigen, ist Etwas, vor dem ich einen hohen Respekt empfinde — : ich danke Ihnen von ganzem Herzen dafür.

Ihr
Dr F. Nietzsche.

1. Jenny Rée (née Jonas, 1825-?), the mother of Paul Rée. For a detailed summary of the Rée family, see Ruth Stummann-Bowert, Malwida von Meysenbug, Paul Ree. Briefe an einen Freund. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1998, 67-72.
2. Nietzsche had a series of photographs taken in Naumburg in September. The picture shown here is probably the one Nietzsche sent.
3. Their friendship began in the spring of 1873.
4. Nietzsche, Paul Rée, and Lou Salomé.
5. Lou Salomé.

 


Lou Salomé.
Ca. 1906.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Leipzig, vermutlich 16. September 1882:
Brief an Lou Salomé.

Meine liebe Lou, Ihr Gedanke einer Reduktion der philosophischen Systeme auf Personal-Acten ihrer Urheber ist recht ein Gedanke aus dem "Geschwistergehirn": ich selber habe in Basel in diesem Sinne Geschichte der alten Philosophie erzählt und sagte gern meinen Zuhören: "dies System ist widerlegt und todt — aber die Person dahinter ist unwiderlegbar, die Person ist gar nicht todt zu machen" — zum Beispiel Plato.1

Ich legte heute einen Brief2 des Professor Jacob Burckhardt bei, den Sie ja einmal kennen lernen wollten. Auch er hat etwas Unwiderlegbares in seiner Persönlichkeit; aber da er ein ganzer eigentlicher Historiker ist (der Erste unter allen lebenden), so hat er gerade daran, an dieser ewig ihm einverleibten Art und Person, kein Genügen, er möchte gar zu gerne einmal aus andern Augen sehen, zum Beispiel, wie der seltsame Brief verräth, aus den meinigen. Übrigens glaubt er an einen baldigen und plötzlichen Tod, durch Schlagfluß, nach Art seiner Familie; vielleicht möchte er mich gerne als Nachfolger in seiner Professur? — Aber über mein Leben ist schon verfügt. —

Inzwischen hat der Prof. Riedel3 hier, der Präsident des deutschen Musik-Vereins, für meine "heroische Musik" (ich meine Ihr "Lebens-Gebet"4) Feuer gefangen — er will es durchaus haben, und es ist nicht unmöglich, daß er es für seinen herrlichen Chor (einen der ersten Deutschlands "der Riedelsche Verein" genannt) zurecht macht. Das wäre so ein kleines Weglein, auf dem wir Beide zusammen zur Nachwelt gelangten — andre Wege vorbehalten. —

Was Ihre "Charakteristik meiner selber" betrifft, welche wahr ist, wie Sie schreiben: so fielen mir meine Verschen aus der fröhlichen Wissenschaft ein — p. 10, mit der Überschrift "Bitte."5 Errathen Sie meine liebe Lou, um was ich bitte? — Aber Pilatus sagt: "was ist Wahrheit!"6

Gestern Nachmittag war ich glücklich; der Himmel war blau, die Luft mild und rein, ich war im Rosenthal, wohin mich Carmen-Musik7 lockte. Da saß ich 3 Stunden, trank den zweiten Cognac dieses Jahres, zur Erinnerung an den ersten (ha! wie häßlich er schmeckte!) und dachte in aller Unschuld und Bosheit darüber nach, ob ich nicht irgend welche Anlage zur Verrücktheit hätte. Ich sagte mir schließlich Nein. Dann begann die Carmen-Musik, und ich gieng für eine halbe Stunde unter in Thränen und Klopfen des Herzens. — Wenn Sie aber dies lesen, werden Sie schließlich sagen: Ja! und eine Note zur "Characteristik meiner selber" machen.—

Kommen Sie doch recht, recht bald nach Leipzig! Warum denn erst am 2 Oktober? Adieu, meine liebe Lou!

Ihr F.N.

1. Cf. Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen.
2. Cf. 09-13-1882 letter from Jacob Burckhardt.
3. Carl Riedel (1827-1888): German conductor and composer.
4. In August 1882, Nietzsche composed for voice/piano "Gebet an das Leben" (Prayer to Life), Lou Salomé's poem ("Lebensgebet") set to an arrangement of his 1874 "Hymnus auf die Freundschaft" (Hymn to Friendship). See Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music: 25.
5. Cf. "Bitte."
6. Cf. John 18:38, "'What is truth?' said Pilate. With this he went out again to the Jews gathered there and said, 'I find no basis for a charge against him.'"
7. Carmen by Georges Bizet. On January 5, 1882, Nietzsche sent Köselitz a marked-up edition of Bizet's score, with 75 marginal notes in pencil. See "Nietzsche's Marginal Glosses to Georges Bizet's Carmen." In: Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music: 121-141. See Nietzsche's 11-28-1881 letter to Heinrich Köselitz.

 



Gottfried Keller.1
Zürich, ca. 1885-88.
From b/w photo taken by Rudolf Ganz.
Colorized and enhanced image © The Nietzsche Channel.

Leipzig, 16. September 1882:
Brief an Gottfried Keller
.

Hochverehrter Mann,

ich wünschte, Sie wüßten schon irgend woher, daß Sie das für mich sind — ein sehr hochverehrter Mann, Mensch und Dichter. So brauchte ich mich heute nicht zu entschuldigen, daß ich Ihnen kürzlich ein Buch2 zusendete.

Vielleicht thut Ihnen dieses Buch trotz seinem fröhlichen Titel wehe? Und wahrhaftig, wem möchte ich weniger gern wehe thun als gerade Ihnen, dem Herz-Erfreuer! Ich bin gegen Sie so dankbar gesinnt!3

Von Herzen der Ihrige
Dr. Friedrich Nietzsche
(ehemals Professor der Universität
Basel und Drei Viertels-Schweizer)

1. Gottfried Keller (1819-1890): Swiss poet and writer.
2. The Joyful Science.
3. The feeling wasn't exactly mutual, as we can see from Keller's correspondence and other material. In a November 18, 1873 letter to Emil Kuh, Keller gives his opinion of Nietzsche's first Untimely Meditation on David Strauss: "Das knäbische Pamphlet des Herrn Nietzsche gegen Strauss habe ich auch zu lesen begonnen, bringe es aber kaum zu Ende wegen des gar zu monotonen Schimpfstiles ohne alle positiven Leistungen oder Oasen." (I've also started to read the childish pamphlet of Mr. Nietzsche against Strauss, but can hardly finish it because of the all too monotonous abusive style without any constructive criticism or oases.) In addition, we have the personal observations of Robert Freund, a pianist and composer who studied under Franz Liszt. He recounts Nietzsche's meeting with Keller in September 1884: "Nietzsche, der Keller sehr verehrte, ihn aber noch nicht persönlich kannte, sagte mir einmal, daß er Keller am nächsten Vormittag besuchen werde. Nachdem der Besuch stattgefunden, ging ich am Nachmittag mit Nietzsche spazieren und frug ihn, wie es bei Keller gewesen sei. Es sei sehr nett gewesen, antwortete Nietzsche, nur entsetzte ihn das entsetzliche [sic] Deutsch, das Keller spreche und die mühsame Art, mit der sich der große Schriftsteller mündlich ausdrücke. Am nächsten Sonntag frug ich dann Keller, ob Herr Nietzsche ihn besucht habe. Keller bejahte und setzte hinzu: 'ich glaube, dä Kerl ischt verruckt.'" (Nietzsche, who greatly admired Keller, but still didn't know him personally, once told me that he would be going to Keller's the next morning. After the visit took place, I went for a walk with Nietzsche in the afternoon and asked him how it went with Keller. It was very nice, Nietzsche answered, only he was appalled by the terrible German that Keller spoke, and the laborious way the great writer expressed himself orally. The next Sunday, I asked Keller whether Herr Nietzsche had visited him. Keller said yes, and added: "I think the guy is crazy.") Cf. Robert Freund, "Memoiren eines Pianisten." In: Neujahrsblatt der Allgemeinen Musikgesellschaft. Bd. 139. Zürich: Hug, 1951.

 


Poem to Lou Salomé.1

[Leipzig], Anfang November 1882:
Gedicht an Lou Salomé.

Freundin — sprach Columbus — traue
Keinem Genueser mehr!
Immer starrt er in das Blaue,
Fernstes zieht ihn allzusehr!

***

Wen er liebt, den lockt er gerne
Weit hinaus in Raum und Zeit — —
Über uns glänzt Stern bei Sterne,
Um uns braust die Ewigkeit.

***

Meiner lieben Lou.
      Anfang November 1882.
                        F. Nietzsche.
 

1. Probably meant as a dedication to be tipped-in to her copy of The Joyful Science. See the 1884 version of this poem.

 


Louise Ott.
Ca. 1876.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Leipzig, vermutlich 7. November 1882:
Brief an Louise Ott.

Verehrungswürdige Freundin,

Oder darf ich nach sechs Jahren dieses Wort nicht mehr gebrauchen?1

Inzwischen habe ich dem Tode näher gelebt, als dem Leben und bin folglich ein wenig zu sehr zum "Weisen" und beinahe zum "Heiligen" geworden ...

Indessen: das läßt sich vielleicht noch corrigiren! Denn ich glaube wieder an das Leben, an die Menschen, an Paris, sogar an mich selber — und will in kurzer Zeit Sie wiedersehen.2 Mein letztes Buch heißt: "Die fröhliche Wissenschaft."

Giebt es viel heiteren Himmel über Paris? Wissen Sie durch Zufall etwa von einem Zimmer, das für mich paßt? Es müßte ein todtenstill gelegenes, sehr einfaches Zimmer sein. Und nicht gar zu ferne von Ihnen, meine liebe Frau Ott.

Oder rathen Sie mir ab, nach Paris zu kommen? Ist es kein Ort für Einsiedler, für Menschen, die still mit einem Lebenswerke herumgehen wollen und sich gar nicht um Politik und Gegenwart bekümmern?

Sie sind mir eine so liebliche Erinnerung!

Von Herzen Ihnen zugethan
Professor Dr. F. Nietzsche

1. They met at the first Bayreuth Festival in the summer of 1876.
2. Nietzsche was planning on visiting Paris (which never happened) with Salomé and Rée, and was looking for a place to live.

 


Gustav von Salomé (1806-1879),
Louise von Salomé, b. Wilm (1823-1913).
Lou Salomé's parents.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Leipzig, Kali phosphor.1 8. November 1882:
Brief an Lou Salomé.

Liebe Lou, fünf Worte — meine Augen schmerzen.

Ich besorgte Ihren Petersburger Brief.2 Vor zwei Tagen habe ich auch an Ihre Frau Mutter geschrieben (und zwar ziemlich lang)

Auch nach Paris habe ich zwei Anfrage-Brief3 abgeschickt. —

Welche Melancholie!

Ich wußte es nicht bis zu diesem Jahre, wie sehr ich mißtrauisch bin. Nämlich gegen mich. Der Umgang mit Menschen hat mir den Umgang mit mir verdorben.

Sie wolten mir noch Etwas sagen?

Ihre Stimme gefällt mir am meisten, wenn Sie bitten. Aber man hört dies nicht oft genug.

Ich werde beflissen sein — —

Ah, diese Melancholie! Ich schreibe Unsinn. Wie seicht sind mir heute die Menschen! Wo ist noch ein Meer, in dem man wirklich noch ertrinken kann! Ich meine ein Mensch.

Meine liebe Lou
ich bin Ihr —
getreuer — —
F.N.

(An Rée und Frau Rée das Herzlichste!)

1. A homeopathic remedy detailed in a book sent to Nietzsche by Ernst Schmeitzner: Wilhelm Heinrich Schüssler, Eine abgekürzte Therapie, gegründet auf Histologie und Cellular-Pathologie. Anleitung zur Behandlung der Krankheiten auf biochemischem Wege von Dr. Schüssler. Oldenburg: Schulz, 1881.
2. Unknown letter.
3. Letters to Louise Ott and August Sulger.

 


Friedrich Nietzsche.
September 1882.
From b/w photo taken by:
Gustav Schultze, Naumburg.
Colorized and enhanced image © The Nietzsche Channel.

Leipzig, um den 10. November 1882:
Brief an Franz Overbeck.

Mein lieber Freund, so geht es! Ich schrieb nicht, um die Entscheidung in mehreren Dingen abzuwarten, und heute schreibe ich, nur um Dir dies zu sagen; denn es ist noch nichts entschieden. Noch nicht einmal in Betreff meiner Reise- und Winter-Pläne. Paris1 steht immer zwar noch im Vordergrund, aber es ist kein Zweifel, daß mein Befinden unter dem Eindrucke dieses nordischen Himmels sich verschlechtert hat; und vielleicht habe ich nie so melancholische Stunden durchgemacht, wie in diesem Leipziger Herbst — obwohl ich doch Gründe genug um mich habe, guter Dinge zu sein. Genug, es gab manchen Tag, wo ich im Geiste über Basel wieder meerwärts reiste. Ich fürchte mich vor dem Lärme von Paris etwas und möchte wissen, ob es genug heiteren Himmel hat. Andererseits würde in einer erneuten Genueser Einsamkeit manche Gefahr liegen. — — Ich gestehe, ich würde überaus gerne Dir und Deiner lieben Frau einen längeren Bericht über die Erfahrungen dieses Jahres gemacht haben: es giebt sehr viel zu erzählen, und wenig zu schreiben.

Für das Buch von Jans[s]en2 bin ich Dir großen Dank schuldig, es präcisirt vorzüglich alles Unterscheidende zwischen seiner und der protestantischen Auffassung (der ganze Handel läuft auf eine Niederlage des deutschen Protestantism hinaus — jedenfalls der protestantischen "Geschichtsschreibung").3 Ich selber habe in der Hauptsache nicht viel umzulernen gehabt. Die Renaissance bleibt mir immer noch die Höhe dieses Jahrtausends; und was seither geschah, ist die große Reaktion aller Art von Heerden-Trieben gegen den "Individualismus" jener Epoche.

Lou und Rée sind in diesen Tagen abgereist, zunächst um mit Mutter Rée sich in Berlin zu treffen: von da geht es nach Paris. Mit der Gesundheit von Lou steht es bejammernswürdig, ich gebe ihr nun viel kürzere Zeit als noch in diesem Frühjahr. Wir haben unser gut Theil Sorge; Rée ist wie geschaffen für seine Aufgabe in dieser Sache. Für mich persönlich ist L[ou] ein wahrer Glücksfund, sie hat alle meine Erwartungen erfüllt — es ist nicht leicht möglich, daß zwei Menschen sich verwandter sein können als wir es sind.

Was Köselitz (oder vielmehr Herrn "Peter Gast"4) betrifft, so ist hier mein zweites Wunder dieses Jahres. Während Lou für den bisher fast verschwiegenen Theil meiner Philosophie vorbereitet ist, wie kein anderer Mensch, ist Köselitz die tönende Rechtfertigung für meine ganze neue Praxis und Wiedergeburt — um einmal ganz egoistisch zu reden. Hier ist ein neuer Mozart — ich habe keine andere Empfindung mehr: Schönheit Herzlichkeit Heiterkeit Fülle Erfindungs-Überfluß und die Leichtigkeit der contrapunktischen Meisterschaft — das fand sich noch nie so zusammen, ich mag bereits gar keine andere Musik mehr hören. Wie arm, künstlich und schauspielerisch klingt mir jetzt die ganze Wagnerei! — Ob Sch[erz] L[ist] und R[ache] hier aufgeführt wird? Ich glaube es, aber weiß es noch nicht.5

Dies Bild, welches ich beilege, mag auf Deinem Geburtstagstisch zu finden sein (es wird als Photographie bewundert.)6

Hat Frau Rothpletz7 mein letztes Buch empfangen? Ich vergaß ihre genaue Adresse.

Von Herzen Dir ein gutes Jahr wünschend Dein Freund

Nietzsche

1. Nietzsche was planning on visiting Paris (which never happened) with Salomé and Rée.
2. Johannes Janssen, An meine Kritiker: nebst Ergänzungen und Erläuterungen zu den drei ersten Bänden meiner Geschichte des deutschen Volkes. Freiburg im Breisgau: Herder, 1882.
3. Cf. 10-05-1879 letter to Köselitz.
4. The pseudonym Nietzsche invented for Heinrich Köselitz in 1881.
5. Köselitz's comic opera was not staged there.
6. See photos 1 and 2 above.
7. Louise Rothpletz, Overbeck's mother-in-law.

 



Friedrich Nietzsche.
September 1882.
From b/w photo taken by:
Gustav Schultze, Naumburg.
Colorized and enhanced image © The Nietzsche Channel.

Santa Marguerita Ligure,
vermutlich 23. November 1882:
Brief an Paul Rée.

Aber, lieber, lieber Freund, ich meinte, Sie würden umgekehrt empfinden und sich im Stillen darüber freuen, mich für eine Zeit los zu sein!1 Es gab in diesem Jahre hundert Augenblicke, von Orta2 an, wo ich empfand, daß Sie die Freundschaft mit mir etwas "zu hoch bezahlen." Ich habe schon Viel zu Viel von Ihrem römischen Funde3 abbekommen (ich meine Lou) — und es schien mir immer, namentlich in Leipzig, daß Sie ein Recht hätten, gegen mich ein wenig schweigsam zu werden.

Denken Sie, liebster Freund, so gut als möglich von mir, und bitten Sie auch Lou um eben dasselbe für mich. Ich gehöre Ihnen Beiden mit meinen herzlichsten Gefühlen — ich meine dies durch meine Trennung mehr bewiesen zu haben als durch meine Nähe.

Alle Nähe macht so ungenügsam — und ich bin zuletzt überhaupt ein ungenügsamer Mensch.

Von Zeit zu Zeit werden wir uns schon wiedersehen, nicht wahr? Vergessen Sie nicht, daß ich von diesem Jahre an plötzlich arm an Liebe und folglich sehr bedürftig der Liebe geworden bin.

Schreiben Sie mir etwas recht Genaues über das, was uns jetzt am meisten angeht, — was "zwischen uns steht," wie Sie schreiben.

In ganzer Liebe
der Ihre
F.N.

NB. Ich lobte Sie so in Basel,4 daß Frau Overbeck sagte: "Aber Sie beschreiben ja Daniel de Ronda!" Wer ist Daniel de Ronda?5

Adr: Santa Margherita Ligure
    poste restante

1. Response to an unknown letter by Rée, probably in regard to the planned trip to Paris with Lou Salomé.
2. Nietzsche, Rée, and Salomé and her mother were together in Orta from May 5-7, 1882.
3. Rée met Lou Salomé in March 1882, when she and her mother were staying in Rome at the home of Malwida von Meysenbug.
4. Nietzsche was in Basel on November 14-16, for Overbeck's birthday.
5. The title character of the 1876 novel by George Eliot. Daniel de Ronda. Volume 1 (Bks. 1-4); Volume 2 (Bks. 5-8). New York: Harper, 1876.

 


Lou Salomé.
Ca. 1900.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Santa Margherita Ligure,
vermutlich 24. November 1882:
Brief an Lou Salomé.

Meine liebe Lou,

gestern habe ich den beifolgenden Brief1 an Rée geschrieben: und eben war ich unterwegs, ihn zur Post zu tragen — da fiel mir etwas ein, und so habe ich das Couvert wieder abgerissen. Dieser Brief, der Sie allein betrifft, würde R[ée] vielleicht mehr Schwierigkeit machen als Ihnen; kurz, lesen Sie ihn, es soll ganz in Ihrer Hand stehen, ob R[ée] ihn auch lesen soll. Nehmen Sie dies als ein Zeichen des Vertrauens, meines reinsten Willens zum Vertrauen zwischen uns!

Und nun, Lou, liebes Herz, schaffen Sie reinen Himmel! Ich will nichts mehr, in allen Stücken als reinen hellen Himmel: sonst will ich mich schon durchschlagen, so hart es auch geht. Aber ein Einsamer leidet fürchterlich an einem Verdachte über die Paar Menschen, die er liebt — namentlich wenn es der Verdacht über einen Verdacht ist, den sie gegen sein ganzes Wesen haben. Warum fehlte bisher unserm Verkehre alle Heiterkeit? Weil ich mir zu viel Gewalt anthun mußte: die Wolke an unsrem Horizonte lag auf mir!

Sie wissen vielleicht, wie unerträglich mir alles Beschämenwollen, alles Anklagen und Sich-Vertheidigen-müssen ist. Man thut viel Unrecht, unvermeidlich — aber man hat ja auch die herrliche Gegenkraft, wohlzuthun, Frieden und Freude zu schaffen.

Ich fühle jede Regung der höheren Seele in Ihnen, ich liebe nichts an Ihnen als diese Regungen. Ich verzichte gerne auf alle Vertraulichkeit und Nähe, wenn ich nur dessen sicher sein darf: daß wir uns dort einig fühlen, wohin die gemeinen Seelen nicht gelangen.

Ich spreche dunkel? Habe ich erst das Vertrauen, so sollen Sie schon erleben, daß ich auch die Worte habe. Bisher habe ich immer schweigen müssen.

Geist? Was ist mir Geist! Was ist mir Erkenntniß! Ich schätze nichts als Antriebe — und ich möchte darauf schwören, daß wir darin etwas Gemeinsames haben. Sehen Sie doch durch diese Phase hindurch, in der ich seit einigen Jahren gelebt habe — sehen Sie dahinter! Lassen Sie sich nicht über mich täuschen — Sie glauben doch nicht, daß "der Freigeist" mein Ideal ist?! Ich bin —

Verzeihung! Liebste Lou, seien Sie, was Sie sein müssen.

F.N.

1. See letter above.

Genua, Ende November 1882:
Brief (Entwurf) an Lou Salomé.

Was machen Sie, meine liebe L[ou], ich bat um heitern Himmel zwischen uns

soll ich sagen: es ist vorbei

Wollen wir uns zusammen erzürnen? haben wir Lust einen großen Lärm zu machen? Ich ganz und gar nicht, ich wollte heitren Himmel zwischen uns. Aber Sie sind ja ein kleiner Galgenvogel! Und einst hielt ich Sie für die leibhaftige Tugend und Ehrbarkeit.

Genua, November / Dezember 1882
Brief (Entwurf) an Lou Salomé.

M[eine] l[iebe] L[ou] ich muß Ihnen einen kleinen boshaften Brief schreiben. Um des Himmels willen, was denken denn diese kleinen Mädchen von 20, welche angenehme Liebesgefühle haben und nichts Weiteres zu thun haben als hier und da krank zu sein und zu Bett zu liegen? Soll man diesen kl[einen] M[ädchen] viell[eicht] noch nachlaufen, um ihnen die Langeweile und die Fliegen zu verjagen? Zufällig Einen netten Winter zu machen[?] Charmant: aber was habe ich mit netten Wintern zu thun? Sollte ich die Ehre haben, dazu beizutragen

 



Excerpt, early December, 1882..

Genua, Anfang Dezember 1882:
Brief (Entwurf) an Paul Rée.

Seltsam! Ich habe über L[ou] eine vorgefaßte Meinung: und obwohl ich sagen muß, daß alle meine Erfahrung aus diesem Sommer widerspricht, werde ich diese Meinung nicht los. Eine Reihe von höheren Gefühlen, welche unter M[enschen] sehr selten und sehr auszeichnend sind, müssen in ihr vorhanden sein oder gewesen sein: irgend ein Haupt-Unglück

Eigentlich hat sich Niemand in meinem Leben so häßlich gegen mich benommen wie L[ou]. Bis heute hat sie jene abscheuliche Verunglimpfung meines ganzen Charakters und Willens nicht widerrufen, mit der sie sich in Jena und Tautenb[urg] einführte: und dies obwohl sie weiß, daß es mir in seiner Nachwirkung erheblichen Schaden zugefügt hat (Namentl[ich] in Bezug auf Basel) Wer mit einem Mädchen das solche Dinge sagt, nicht den Verkehr abbricht, der muß ja — ich weiß nicht was sein — so schließt man. Daß ich es nicht that, war die Folge jener vorgefaßten Meinung: übrigens von mir ein gutes Stück Selbstüberwindung.1

R[ohde] der mir kürzlich vorgehalten hat, diese meine ganze neuere Denkweise sei ein exc[entrischer] Entschluß nennt mich einen Tausendkünstler der Selbstüberwindung.2

Was mir übrigens am schwersten wird, ist, daß ich weder mit Ihnen noch mit Lou noch mit irgend jemandem von dem reden kann, was mir am meisten auf dem Herzen liegt.

Wie ich einen Mann behandeln würde, der so über mich zu meiner Schwester redete, darüber ist kein Zeifel. Darin bin ich Soldat und werde es immer sein, ich verstehe mich auf Waffen. Aber ein Mädchen! Und Lou!

sie hat mich in Bayreuth nicht nur im Stich gelassen, sondern geringschätzig behandelt (meine Schwester erzählte 100 Geschichten) — in diesem Punkte bin ich empfindlich, denn daß meine Freunde mein Verhalten gegen W[agner] zu würdigen und mir Recht darin zu schaffen wissen, das gehört für mich zum Begriff "mein Freund"

wer diese Dinge nicht begreift der weiß nichts davon was es heißt "der Erkenntniß Opfer bringen"

Können Sie diese Dinge nicht ins Gleiche bringen? Ich habe nie mit Lou davon sprechen wollen einen einzigen Punkt ausgenommen, von dem Sie wissen.

In der Hauptsache, wollte ich ihr die Freiheit lassen, das Geschehene von sich aus wieder gut zu machen: mir ist alles Erzwungene zwischen 2 Personen gräßlich.

Als ich sie [Lou] das letzte Mal sah, sagte sie mir, sie habe mir noch etwas mitzutheilen. Ich war voller Hoffnung. (Ich sagte zu meiner S[eele] "Sie hat eine sehr schlechte Meinung von mir aber sie ist klug, sie wird bald eine bessere bekommen"

ich möchte daß die schmerzhafteste Erinnerung dieses Jahres mir von der Seele genommen würde — schmerzhaft nicht, weil sie mich beleidigt sondern weil sie Lou in mir beleidigt.

1. Cf. Elisabeth Nietzsche's 09-24/10-02-1882 letter to Clara Gelzer; 03-17-1883 letter from Franz Overbeck to Heinrich Köselitz.
2. Cf. 11-26-1882 letter from Erwin Rohde.

 



Heinrich von Stein.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Genua, Anfang Dezember 1882:
Brief an Heinrich von Stein.

Aber, lieber Herr Doctor, Sie hätten mir gar nicht schöner antworten können, als Sie es gethan haben — durch Übersendung Ihrer Bogen.1 Das traf glücklich zusammen! Und bei allen ersten Begegnungen sollte es ein so gutes "Vogelzeichen" geben!

Ja, Sie sind ein Dichter! Das empfinde ich: die Affekte, ihr Wechsel, nicht am wenigsten der scenische Apparat — das est wirksam und glaubwürdig (worauf Alles ankommt!)

Was die "Sprache" betrifft, — nun wir sprechen zusammen über die Sprache, wenn wir uns einmal sehen: das ist nichts für den Brief. Gewiß, lieber Herr Doctor, Sie lesen noch zu viel Bücher, namentlich deutsche Bücher! Wie kann man nur ein deutsches Buch lesen!

Ah, Verzeihung! Ich that es selber eben und habe Thränen dabei vergossen.

Wagner sagte einmal von mir, ich schriebe lateinisch und nicht deutsch: was einmal wahr ist und sodann — auch meinem Ohre wohlklingt.2 Ich kann nun einmal an allem deutschen Wesen nur einen Antheil haben, und nicht mehr. Betrachten Sie meinen Namen: meine Vorfahren waren polnische Edelleute, noch die Mutter meines Großvaters war Polin.3 Nun, ich mache mir aus meinem Halbdeutschthum eine Tugend zurecht und nehme in Anspruch, mehr von der Kunst der Sprache zu verstehen als es Deutschen möglich ist. —

Also hierin auf Wiedersehn!

Was "den Helden" betrifft: so denke ich nicht so gut von ihm wie Sie. Immerhin: er ist die annehmbarste Form des menschlichen Daseins, namentlich wenn man keine andre Wahl hat.

Man gewinnt etwas lieb: und kaum ist es Einem von Grund aus lieb geworden, so sagt der Tyrann in uns (den wir gar zu gerne "unser höheres Selbst" nennen möchten): "Gerade das gieb mir zum Opfer." Und wir geben's auch — aber es ist Thierquälerei dabei und Verbranntwerden mit langsamen Feuer. Es sind fast lauter Probleme der Grausamkeit, die Sie behandeln: thut dies Ihnen wohl? Ich sage Ihnen aufrichtig, daß ich selber zuviel von dieser "tragischen" Complexion im Leibe habe, um sie nicht oft zu verwünschen; meine Erlebnisse im Kleinen und Großen, nehmen immer den gleichen Verlauf. Da verlange es mich am meisten nach einer Höhe, von wo aus gesehen das tragische Problim unter mir ist. — Ich möchte dem menschlichen Dasein etwas von seinem herzbrecherischen und grausamen Charakter nehmen. Doch, um hier fortfahren zu können, müßte ich Ihnen verrathen haben — die Aufgabe, vor der ich stehe, die Aufgabe meines Lebens. Nein, davon dürfen wir nicht mit einander sprechen. Oder vielmehr: so wie wir Beide sind, zwei sehr getrennte Wesen, dürfen wir davon nicht einmal mit einander schweigen.

Von Herzen Ihnen dankbar
und zugethan
F. Nietzsche

Ich bin wieder in meiner Residenz Genua oder in deren Nähe, mehr Einsiedler als je: Santa Margherita Ligure (Italia) (poste restante).

1. Heinrich von Stein, Helden und Welt. Dramatische Bilder von Heinrich von Stein. Eingeführt durch Richard Wagner. Chemnitz: Schmeitzner, 1883.
2. Cf. Cosima Wagner's ca. 08-15-1874 diary entry: "Freitag 14ten; tags darauf entfernte sich Pr. N., nachdem er R. manche schwere Stunde verursacht. Unter anderem behauptet er, keine Freude an der deutsche Sprache zu finden, lieber lateinisch zu sprechen u.s.w. R. gibt seine Grundsätze betreffs der Behandlung der deutschen an, sagt, zuerst zu untersuchen, ob ein fremder Begriff durchaus notwendig auszudrücken ist; ist er es, dann nur keck und kühl das fremde Wort — unübersetzt gebrauchen. —" (Friday the 14th; the next day, Pr. N. left, after he caused R. many difficult hours. Among other things, he claims to take no pleasure in the German language, would rather speak Latin etc. R. gives his elementay principles concerning the treatment of German, says first consider whether a foreign term is completely necessary to express; if it is, then only use the foreign word boldly and coolly — and untranslated.)
3. Nietzsche's paternal ancestor's were not Polish aristocrats. Nietzsche's paternal grandfather was Engelbert Gotthilf Nietzsche; his paternal grandmother was Johanna Amalia Herold.

 


Hans von Bülow.
Painting by Franz von Lenbach in:
Jugend, Nr. 11. München: Hirth, 1903.
Enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Rapallo, Anfang Dezember 1882:
Letter to Hans von Bülow.

Hochverehrter Herr,

durch irgend einen guten Zufall1 erfahre ich, daß Sie mir — trotz meiner entfremden Einsamkeit, zu der ich seit 18762 genöthigt bin — nicht fremd geworden sind: ich empfinde eine Freude dabei, die ich schwer beschreiben kann. Es kommt zu mir wie ein Geschenk und wiederum wie etwas, auf das ich gewartet, an das ich geglaubt habe. Es schien mir immer, sobald Ihr Name mir einfiel, daß es mir wohler und zuversichtlicher um's Herz werde; und wenn ich zufällig etwas von Ihnen hörte, meinte ich gleich es zu verstehn und gutheißen zu müssen. Ich glaube, ich habe wenige Menschen so gleichmäßig in meinem Leben gelobt wie Sie — Verzeihung! Was habe ich für ein Recht, Sie zu "loben"! — —

Inzwischen lebte ich Jahre lang dem Tode etwas zu nahe und, was schlimmer ist, dem Schmerze. Meine Natur ist gemacht, sich lange quälen zu lassen und wie mit langsamem Feuer verbrannt zu werden; ich verstehe mich nicht einmal auf die Klugheit, "den Verstand dabei zu verlieren." Ich sage nichts von der Gefährlichkeit meiner Affekte, aber das muß ich sagen: die veränderte Art zu denken und zu empfinden, welche ich seit 6 Jahren auch schriftlich zum Ausdruck brachte, hat mich im Dasein erhalten und mich beinahe gesund gemacht. Was geht es mich an, wenn meine Freunde behaupten, diese meine jetzige "Freigeisterei" sei ein excentrischer, mit den Zähnen festgehaltener Entschluß und meiner eigenen Neigung abgerungen und angezwungen? Gut, es mag eine "zweite Natur" sein: aber ich will schon noch beweisen, daß ich mit dieser zweiten Natur erst in den eigentlichen Besitz meiner ersten Natur getreten bin. —

So denke ich von mir: im Übrigen denkt fast alle Welt recht schlecht von mir. Meine Reise nach Deutschland in diesem Sommer — eine Unterbrechung der tiefsten Einsamkeit — hat mich belehrt und erschreckt. Ich fand die ganze liebe deutsche Bestie gegen mich anspringend — ich bin ihr nämlich durchaus nicht mehr "moralisch genug."3

Genug, ich bin wieder Einsiedler und mehr als je; und denke mir — folglich — etwas Neues aus. Es scheint mir, daß allein der Zustand der Schwangerschaft uns immer wieder an's Leben anbindet. —

Also: ich bin, der ich war, Jemand der Sie von Herzen verehrt

Ihr ergebener
Dr. Friedrich Nietzsche

Santa Margherita Ligure |Italia| post rest.

1. Cf. 11-15-1882 letter from Heinrich von Stein: "Ich hatte Gelegenheit, Herrn von Bülow; seine hingebende Theilnahme für Ihre Schriften und Ihr Ergehen äussern zu hören." (I had the opportunity [to speak with] Herrn von Bulow; to listen to him express his devoted interest in your writings and your welfare.)
2. That is, since his break with Richard Wagner.
3. According to the judgment of his sister
.

Rapallo, vor Mitte Dezember 1882:
Brief (Entwurf) an Paul Rée.

Lieber Freund, ich nenne L[ou] meinen leibhaften Scirroco: noch nicht Eine Minute habe ich mit ihr zusammen jenen reinen Himmel über mir gehabt, den ich mit und ohne Menschen brauche. Sie vereinigt in sich alle Eigenschaften der M[enschen] die ich verabscheue — eklig und gräßlich — Sie bekommen mir nicht — und nun habe ich mir seit Tautenburg die Tortur aufgelegt sie zu lieben! eine Liebe, deren wegen Niemand eifersüchtig zu sein hat höchstens vielleicht der liebe Gott.

Das ist so immer ein Problem für einen Tausendkünstler der Selbstüberwindung (so nannte mich R[ohde] jüngst)1

1. Cf. 11-26-1882 letter from Erwin Rohde.

 

Malwida von Meysenbug.
From b/w etching.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Rapallo, Mitte Dezember 1882:
Brief (Fragment) an Malwida von Meysenbug.

Meine liebe verehrte Freundin,

Wie gieng es doch zu? Aber als ich Ihren Brief gelesen hatte, brach ich in Thränen aus. — Doch ich wollte heute nicht von mir sprechen.

Sie wollten wissen, was ich über Fräulein Salomé denke? — Meine Schwester betrachtet Lou als ein giftiges Gewürm, welches man um jeden Preis vernichten müßte — und handelt auch darnach. Das ist mir nun ein ganz übertriebener Gesichtspunkt und meinem Herzen durchaus zuwider. Im Gegentheil: ich möchte nichts mehr als ihr nützlich und förderlich sein, im höchsten und im bescheidensten Sinne des Worts. Ob ich das kann, ob ich's bisher gekonnt habe, ist freilich eine Frage, auf die ich nicht antworten möchte: bemüht darum habe ich mich redlich. Für meine "Interessen" ist sie bis jetzt wenig zugänglich gewesen; ich selber bin ihr (wie mir scheint) eher etwas überflüssig als interessant: das Zeichen eines guten Geschmacks! Es ist Vieles an Ihr anders als bei Ihnen — und auch bei mir; es drückt sich naiv aus und ist in dieser Naivetät für den Menschen-Beobachter voller Reiz. Ihre Klugheit ist außerordentlich: Rée meint, Lou und ich seien die klügsten Wesen — woraus Sie sehen, daß Rée ein Schmeichler ist.

Die Familie Rée nimmt sich auf die angenehmste Weise des jungen Mädchens an; und Paul R[ée] ist auch hier wieder das Muster der Delicatesse und Fürsorglichkeit.

Meine liebe verehrte Freundin, vielleicht wollten Sie etwas Anderes von mir über L[ou] hören: und wenn ich Sie wiedersehen werde, sollen Sie auch Anderes von mir hören. Aber schreiben? Nein. —

Aber ich bitte Sie aus ganzem Herzen, die Empfindung einer zärtlichen Theilnahme, welche Sie für L[ou] gehabt haben, ihr zu bewahren — ja, mehr zu thun! Aber worin dies [mehr besteht,] darüber kann ich [nicht schreiben.]

[+++] Einsame Menschen leiden fürchterlich an Erinnerungen.

Beunruhigen Sie sich nicht — im Grunde bin ich Soldat und sogar eine Art "Tausendkünstler der Selbst-Überwindung." (So nannte mich kürzlich Freund Rohde, zu meinem Erstaunen)1

Liebe Freundin, giebt es denn nicht irgend einen Menschen auf der Welt, der mich liebt? — —

[+++]

1. Cf. 11-26-1882 letter from Erwin Rohde.

 


Lou Salomé.
1886.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Rapallo, gegen den 20. Dezember 1882:
Brief (Entwurf) an Lou Salomé und Paul Rée.

Ich bin, um als Freigeist zu reden in der Schule der Affekte d.h. die Affekte fressen mich auf. Ein gräßliches Mitleid, eine gräßliche Enttäuschung, ein gräßliches Gefühl verletzten Stolzes — wie halte ich's noch aus? Ist nicht Mitleid ein Gefühl aus der Hölle? Was soll ich thun? An jedem Morgen verzweifle ich, wie ich den Tag überdaure. Ich schlafe nicht mehr: was hilft es 8 Stunden zu marschiren! Woher habe ich diese heftigen Affekte! Ach etwas Eis! Aber wo giebt es für mich noch Eis! Heute Abend werde ich so viel Opium nahmen, daß ich die Vernunft verliere: Wo ist noch ein M[ensch] den man verehren könnte! Aber ich kenne Euch Alle durch und durch.

Beunruhigen Sie sich nicht zu sehr über die Ausbrüche meines Größenwahns oder meiner verletzten Eitelkeit: und wenn ich selbst aus den genannten Affekten mir zufällig einmal das Leben nehmen sollte, so würde auch nicht gar zu viel zu betrauern sein. Was gehn Euch ich meine Sie und Lou, meine Phantastereien an! Erwägen Sie Beide doch sehr miteinander, daß ich zuletzt ein kopfleidender Halb-Irrenhäusler bin, den die Einsamkeit vollends verwirrt hat. — Zu dieser, wie ich meine, verständigen Einsicht in die Lage der Dinge komme ich, nachdem ich eine ungeheure Dosis Opium aus Verzweiflung eingenommen habe. Statt aber den Verstand dadurch zu verlieren, scheint er mir endlich zu kommen. Übrigens war ich wirklich wochenlang krank: und wenn ich sage, daß ich hier 20 Tage Orta-Wetter gehabt habe, wird Ihnen mein Zustand begreiflicher erscheinen. Bitten Sie Lou, mir Alles zu verzeihen — sie giebt auch mir noch eine Gelegenheit, ihr zu verzeihen. Denn bis jetzt habe ich ihr noch nichts verziehen. Man vergibt seinen Freunden viel schwerer als seinen Feinden.

Da fällt mir Lou's "Vertheidigung" ein. Seltsam! So oft sich Jemand vor mir vertheidigt, läuft es immer darauf hinaus, daß ich Unrecht haben soll. Dies weiß ich nun schon in Voraus, und so interessirt's mich nicht mehr. —

Sollte Lou ein verkannter Engel sein? Sollte ich ein verkannter Esel sein?

in opio veritas: Es lebe der Wein und die Liebe!

Machen Sie sich doch keine Skrupel! Ich bin's ja so gewöhnt: in diesem Jahre werden sich Alle an mir ärgern, im nächsten vielleicht alle an mir freuen.

Rapallo, gegen den 20. Dezember 1882:
Brief (Entwurf) an Lou Salomé und Paul Rée.

Meine Lieben, Lou und Rée!

Beunruhigt Euch nicht zu sehr über die Ausbrüche meines "Größenwahns" oder meiner "verletzten Eitelkeit" — und wenn ich selbst aus irgend einem Affekte mir zufällig einmal das Leben nehmen sollte, so würde auch da nicht allzuviel zu betrauern sein. Was gehen Euch meine Phantastereien an! (Selbst meine "Wahrheiten" giengen Euch bisher nichts an) Erwägen Sie Beide doch sehr miteinander, daß ich zuletzt ein kopfleidender Halb-Irrenhäusler bin, den die lange Einsamkeit vollends verwirrt hat.

Zu dieser, wie ich meine, verständigen Einsicht in die Lage der Dinge komme ich, nachdem ich eine ungeheure Dosis Opium — aus Verzweiflung — eingenommen habe. Statt aber den Verstand dadurch zu verlieren, scheint er mir endlich zu kommen. Übrigens war ich wirklich wochenlang krank; und wenn ich sage, daß ich hier 20 Tage Orta-Wetter gehabt habe, so brauche ich nichts mehr zu sagen.

Freund Rée, bitten Sie Lou, mir Alles zu verzeihen — sie giebt auch mir noch eine Gelegenheit, ihr zu verzeihen. Denn bis jetzt habe ich ihr noch nichts verziehn.

Man vergiebt seinen Freunden viel schwerer als seinen Feinden.

Da fällt mir Lou's "Vertheidigung" [+++]

 



Paul Rée.
May 1882.
From b/w photo taken by:
Jules Bonnet. Lucerne, Switzerland.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Rapallo, letzte Dezemberwoche 1882:
Brief (Entwurf) an Paul Rée.

Ich schreibe dies bei hellstem Wetter: verwechseln Sie nicht meine Vernunft mit dem Unsinn meines neulichen Opiumbriefes.1 Ich bin durchaus nicht verrückt und leide auch nicht an Größenwahn. Aber ich sollte Freunde haben, die mich vor solchen verzweifelten Dingen, wie denen des Sommers zur rechten Zeit warnten.

Wer konnte ahnen, daß ihre2 Worte Heroismus "kämpfen für ein Prinzip" ihr Gedicht "an den Schmerz"3 ihre Erzählungen von den Kämpfen für die Erkenntniß einfach Betrügerei sind? (Ihre Mutter schrieb mir in diesem Sommer: L[ou] hat die denkbar größte Freiheit gehabt.)4

Oder steht es anders? Die Lou in Orta war ein anderes Wesen, als die, welche ich später wiederfand. Ein Wesen ohne Ideale, ohne Ziele, ohne Pflichten, ohne Scham. Und auf der tiefsten Stufe des M[enschen], trotz ihrem guten Kopf!

Sie sagte mir selber, sie habe keine Moral — und ich meinte, sie habe gleich mir eine strengere als irgend Jemand! und sie bringe ihr öfter täglich und stündlich Etwas von sich zum Opfer.

Einstweilen sehe ich nur, daß sie auf Belustigung und Unterhaltung aus ist: und wenn ich denke, daß dazu noch die Fragen der Moral gehören, so ergreift mich, gelinde gesagt, reine Empörung. Sie hat es mir sehr übel genommen, daß ich ihr das Recht auf das Wort "Heroism der Erkenntniß" absprach — aber sie sollte ehrlich sein und sagen: "ich bin himmelweit gerade davon entfernt." Beim Heroism handelt es sich um die Aufopferung und die Pflicht und zwar die tägliche und stündliche, und demnach um viel mehr: die ganze Seele muß voll von Einer Sache sein, und Leben und Glück gleichgiltig dagegen. Eine solche Natur glaubte ich in L[ou] zu sehn.

Hören Sie, Freund, wie ich heute die Sache ansehe! Sie ist ein vollkommenes Unglück — und ich bin das Opfer desselben.

Ich habe im Frühling gemeint, es habe sich ein M[ensch] gefunden, der im Stande sei, mir zu helfen: wozu freilich nicht nur ein guter Intell[ekt] sondern eine Moralität ersten Ranges noth thut. Statt dessen haben wir ein Wesen entdeckt, welches sich amüsiren will und schamlos genug ist, zu glauben, daß dazu die ausgezeichnetsten Geister der Erde eben gut genug sind.

Das Resultat dieser Verwechslung ist für mich, daß ich mehr als je der Mittel entbehre, einen solchen M[enschen] zu finden und daß meine Seele, die frei war, von einer Fülle widerlicher Erinnerungen gemartert wird. Denn die ganze Würde meiner Lebensaufgabe ist durch [ein] oberflächliches und unmoralisches leichtfertiges und gemüthloses Wesen wie Lou in Frage gestellt worden und auch daß mein Name

mein Ruf ist befleckt

Ich habe geglaubt, Sie hätten sie überredet, mir zu Hülfe zu kommen.

an P[aul] R[ée]

1. See above letter to Lou Salomé and Paul Rée.
2. Lou Salomé.
3. Lou Salomé's poem:
An den Schmerz To Pain
Gewiß, so liebt ein Freund den Freund,
Wie ich Dich liebe, Rätselleben —
Ob ich in Dir gejauchzt, geweint,
Ob Du mir Glück, ob Schmerz gegeben.
Surely, a friend loves his friend the way
That I love you, enigmatic life —
Whether I rejoiced or wept in you,
Whether you gave me joy or pain.
Ich liebe Dich samt Deinem Harme;
Und wenn Du mich vernichten mußt,
Entreiße ich mich Deinem Arme,
Wie Freund reißt sich von Freundesbrust.
I love you with all your harms;
And if you must destroy me,
I tear myself from your arms,
The way a friend leaves his friend's breast.
Mit ganzer Kraft umfaß ich Dich!
Laß Deine Flammen mich entzünden,
Laß noch in Glut des Kampfes mich
Dein Rätsel tiefer nur ergründen.
I hold you tight with all my strength!
Let all your flames ignite me,
Let me in the ardor of the struggle
Probe your enigma ever deeper.
Jahrtausende zu sein! zu denken!
Schließ mich in beide Arme ein:
Hast Du kein Glück mehr mir zu schenken —
Wohlan—noch hast Du Deine Pein.
To live and think millennia!
Enclose me now in both your arms:
If you have no more joy to give me —
Well then—there still remains your pain.

4. Unknown letter.

Rapallo, letzte Dezemberwoche 1882:
Brief (Entwurf) an Franziska und Elisabeth Nietzsche.

Du mußt über einen andern Ton nachdenken mit mir zu reden: sonst nehme ich keine Briefe mehr aus Naumburg an!

Ich bringe es schlechterdings, nicht mehr über mich, einen Brief aus Naumb[urg] zu öffnen; und immer weniger sehe ich ein, wie Ihr das wieder gut machen wollt, was Ihr mir diesen Sommer angethan habt und dessen Nachwirkungen mich fortwährend treffen.

Rapallo, 25. Dezember 1882:
Brief (Entwurf) an Franz Overbeck.

L[ieber] F[reund] Dieser Bissen Leben war der härteste den ich bisher kaute; es ist immer noch möglich, daß ich daran erstickte. Ich habe an den beschimpfenden und qualvollen Erlebnissen dieses Sommers gelitten wie an einem Wahnsinn. Die ganze Zeit brachte ich es viell[eicht] zu 4, 5 Nächten Schlafs — und auch das nur mit den stärksten Dosen an Schlafmitteln. Mein ganzes Denken Dichten und Trachten ist von den Verheerungen dieser Affekte heimgesucht. Was soll draus werden! Ich spanne jede Faser von Selbstüberwindung an — aber — es ist zu viel für einen M[enschen] so langer Einsamkeit

Heute unterwegs fiel mir etwas ein, das mich sehr lachen machte: sie hat mich nämlich behandelt wie einen Studenten von 20 Jahren — eine für ein Mädchen von 20 Jahren sehr erlaubte Denkungsweise — einen Studenten der sich in sie verliebt hätte. Aber Weise wie ich lieben nur Gespenster — und wehe wenn ich einen M[enschen] liebe — ich würde ba[ld] an dieser Liebe zu Grunde gehen. Der M[ensch] ist eine zu unvollkommene Sache

 


Franz Overbeck.
Basel, 1885.
From b/w portrait.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Rapallo, 25. Dezember 1882:
Brief an Franz Overbeck.

Lieber Freund,

vielleicht hast Du meinen letzten Brief gar nicht bekommen? — Dieser letzte Bissen Leben war der härteste, den ich bisher kaute und es ist immer noch möglich, daß ich daran ersticke. Ich habe an den beschimpfenden und qualvollen Erinnerungen dieses Sommers gelitten wie an einem Wahnsinn — meine Andeutungen in Basel und in meinem letzten Brief verschwiegen immer das Wesentlichste. Es ist ein Zwiespalt entgegengesetzter Affekte darin, dem ich nicht gewachsen bin. Das heißt: ich spanne alle Fasern meiner Selbst-Überwindung an — aber ich habe zu lange in der Einsamkeit gelebt und an meinem "eigenen Fette" gezehrt, daß ich nun auch mehr als ein Anderer von dem Rade der eignen Affekte gerädert werde. Könnte ich nur schlafen! — aber die stärksten Dosen meiner Schlafmittel helfen mir eben so wenig als meine 6-8 Stunden Marschiren.

Wenn ich nicht das Alchemisten-Kunststück erfinde, auch aus diesem — Kothe Gold zu machen, so bin ich verloren. — Ich habe da die allerschönste Gelegenheit zu beweisen, daß mir "alle Erlebnisse nützlich, alle Tage heilig und alle Menschen göttlich" sind!!!!1

Alle Menschen göttlich. —

Mein Mißtrauen ist jetzt sehr groß: ich fühle aus Allem, was ich höre, Verachtung gegen mich heraus. — Z. B. noch zuletzt aus einem Briefe von Rohde.2 Ich will doch darauf schwören, daß er, ohne den Zufall früherer freundschaftl. Beziehungen, jetzt in der schnödesten Weise über mich und meine Ziele aburtheilen würde.

Gestern habe ich nun auch mit meiner Mutter den brieflichen Verkehr abgebrochen: es war nicht mehr zum Aushalten, und es wäre besser gewesen, ich hätte es längst nicht mehr ausgehalten. Wie weit inzwischen die feindseligen Urtheile meiner Angehörigen um sich gegriffen haben und mir den Ruf verderben — — nun, ich möchte es immer noch lieber wissen als an dieser Ungewißheit leiden. —

Mein Verhältniß zu Lou liegt in den letzten schmerzhaftesten Zügen: so glaube ich heute wenigstens. Später, — wenn es ein Später giebt, will ich auch darüber ein Wort sagen. Mitleid, mein lieber Freund, ist eine Art Hölle — was auch die Anhänger3 Schopenhauers sagen mögen.

Ich frage Dich nicht: "was soll ich machen?" Einige Male dachte ich daran, mir in Basel ein Stübchen zu miethen, Euch hier und da [zu] besuchen und Vorlesungen zu hören. Einige Male dachte ich auch an's Gegentheil: meine Einsamkeit und Entsagung auf ihren letzten Punkt zu treiben und —

Nun, das laufe nun seinen Weg! Lieber Freund, Du mit Deiner verehrungswürdigen und klugen Frau — Ihr seid mir beinahe noch der letzte Fußbreit sicheren Grundes. Seltsam!

Möge es Euch gut gehen!

Dein F. N.

1. See the motto by Emerson on the title page of the 1882 edition of Die fröhliche Wissenschaft.
2. Cf. 11-26-1882 letter from Erwin Rohde.
3. Namely, Richard Wagner.

Nietzsches Briefe | 1882This page in English© The Nietzsche Channel

Not to be reproduced without permission. All content © The Nietzsche Channel.