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Nietzsches Briefe

1881

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Paul Rée.
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Sils-Maria, 8. Juli 1881:
Postkarte an Paul Rée.

So wollen wir's nur fort treiben!1 Am Ende, mein lieber tapferer Freund, sind wir doch ein Paar tüchtige Schwimmer. Alle Welt hält uns schon für ertrunken, aber da tauchen wir immer wieder auf und bringen sogar aus der Tiefe etwas mit herauf, was, wie wir meinen, Werth hat und vielleicht auch einmal für Andre Glanz bekommen wird. Ich habe gerade auch eine gefährliche Zeit hinter mir und bin wieder im Engadin angelangt, meiner alten Rettungsstätte:2 "des Leibes noch nicht ledig"3 und was die Seele betrifft, so lesen Sie das Buch, welches unser Verleger Ihnen zusenden wird.4 Mir ist mitunter als ob ich als Längst-Gestorbener mir die Dinge und Menschen anschaute — sie bewegen, erschrecken und entzücken mich, ich bin ihnen aber ganz ferne. Der auf ewig Abhandengekommene und doch gerade

Ihnen so Nahe: —
In Treue F.N.

1. Unknown reference, probably to a letter from Rée.
2. Nietzsche's first visit to the Engadine for recuperation was from June 21 to Sept. 17, 1879, when he stayed in St. Moritz. He stayed in Sils-Maria for the first time from July 4 to October 1, 1881.
3. Cf. Gottfried August Bürger, "Lenore": "Geduld! Geduld! Wenn's Herz auch bricht! / Mit Gott im Himmel! hadre nicht! / Das Leibes bist du ledig; / Gott sei der Seele gnädig!" (Patience! Patience! Though your heart is breaking! / Quarrel not with God in heaven! / Bereft of your body, / God have mercy on your soul!)
4. Ernst Schmeitzner had just published Nietzsche's Morgenröthe (Dawn).

 


Heinrich Köselitz.
Venice, 1878.
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Sils-Maria, 21. Juli 1881:
Postkarte an Heinrich Köselitz.

Mir fiel ein, lieber Freund, daß Ihnen an meinem Buche1 die beständige innerliche Auseinandersetzung mit dem Christenthume fremd, ja peinlich sein muß; es ist aber doch das beste Stück idealen Lebens, welches ich wirklich kennen gelernt habe, von Kindesbeinen an bin ich ihm nachgegangen, in viele Winkel, und ich glaube, ich bin nie in meinem Herzen gegen dasselbe gemein gewesen. Zuletzt bin ich der Nachkomme ganzer Geschlechter von christlichen Geistlichen — vergeben Sie mir diese Beschränktheit! —

Frau Lucca: ein sehr guter Gedanke!2 Sie kann sprechen und Possen machen. Auch mich hat sie einmal entzückt, vor nunmehr 18 Jahren. Sollte sie jung genug sein? —

Bei der Art, wie Sie Ihre Partitur machen, bin ich voll stiller Hochachtung für Sie und sehe zu, wie ich einem guten Goldschmiede zusehe. Täuschen Sie sich nicht über meine Empfindung!

Hier, auch hier giebt es für mich zu leiden; bisher 4 schwere zwei- oder dreitägige Anfälle. Der Sommer ist für die Engadiner zu heiß; ich wage gar nicht an Venedigs Sommer dabei zu denken.

Hr. Schmeitzner hat vergessen, mir mein Buch3 zu senden; ich bin seiner satt. (Aber er hat all meine Ersparnisse!)

In treuem Gedenken der Ihre
F. N. in Sils

1. Morgenröte (Dawn).
2. Pauline Lucca (1841-1908): Austrian opera soprano whom Köselitz wanted for the role of Scapine in his comic opera, Scherz, List und Rache.
3. Morgenröte (Dawn).

 


Franz Overbeck.
Basel, ca. 1880.
From b/w photo by Jacob Höflinger.
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Sils-Maria, 23. Juli 1881:
Postkarte an Franz Overbeck.

Es freut mich sehr, mein lieber Freund, daß auch in dieser Angelegenheit1 unsre Freundschaft Stand hält, ja sich neu besiegelt hat — ich denke mitunter mit Bangniß an alle die Feuer- und Kälteproben, denen die mir liebsten Menschen durch meine "Unumwundenheit" ausgesetzt werden. Was das Christenthum betrifft, so wirst Du mir wohl das Eine glauben: ich bin in meinem Herzen nie gegen dasselbe gemein gewesen und habe mir von Kindesbeinen an manche innerliche Mühe um seine Ideale gegeben, zuletzt freilich immer mit dem Ergebniß der puren Unmöglichkeit. — Auch hier2 habe ich viel zu leiden, der Sommer ist diesmal heißer und elektricitätsreicher als gewöhnlich, zu meinem Nachtheil. Trotzdem weiß ich mir nichts meiner Natur Angemesseneres als dies Stück Ober-Erde. — Frau Baumgartner hat mir sehr gut und herzlich geschrieben.— Ich selber bin noch nicht im Besitz meines Buches.3 — Hellwald mit Dank empfangen; es ist ein Compendium einer Gattung von Meinungen.4

Dir und Deiner lieben Frau von Herzen zugethan
F.N.

Ich weiß absolut nicht mehr, mit welchen Ansichten ich noch wohlthue, mit welchen ich wehe thue.

1. Nietzsche's concern about Overbeck's reaction to Morgenröte (Dawn) proved to be unfounded.
2. Nietzsche stayed in Sils-Maria for the first time from July 4 to October 1, 1881.
3. Morgenröte (Dawn).
4. Friedrich Anton Heller von Hellwald (1842-1892): geographer, anthropologist und cultural historian. In his 07-08-1881 letter to Overbeck, Nietzsche asked him to send two books by Hellwald: Die Erde und ihre Völker. Ein geographisches Hausbuch. Stuttgart: Spemann, 1877; and, Kulturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Ausburg: Lampart, 1875. In 1875, Nietzsche was already familiar with Hellwald's latter work (see Nachlass, Frühjahr-Sommer 1875 5[58]).

 


Title page of Kuno Fischer's
Geschichte der neuern Philosophie. Bd. 1. Descartes und seine Schule. T. 2. Descartes' Schule. Geulinx. Malebranche. Baruch Spinoza.
Heidelberg: Bassermann, 1865.

Sils-Maria, 30. Juli 1881:
Postkarte an Franz Overbeck.

Ich bin ganz erstaunt, ganz entzückt! Ich habe einen Vorgänger und was für einen! Ich kannte Spinoza1 fast nicht: daß mich jetzt nach ihm verlangte, war eine "Instinkthandlung." Nicht nur, daß seine Gesamttendenz gleich der meinen ist — die Erkenntniß zum mächtigsten Affekt zu machen — in fünf Hauptpunkten seiner Lehre finde ich mich wieder, dieser abnormste und einsamste Denker ist mir gerade in diesen Dingen am nächsten: er leugnet die Willensfreiheit —; die Zwecke —; die sittliche Weltordnung —; das Unegoistische —; das Böse —; wenn freilich auch die Verschiedenheiten ungeheuer sind, so liegen diese mehr in dem Unterschiede der Zeit, der Cultur, der Wissenschaft. In summa: meine Einsamkeit, die mir, wie auf ganz hohen Bergen, oft, oft Athemnoth machte und das Blut hervorströmen ließ, ist wenigstens jetzt eine Zweisamkeit. — Wunderlich! Übrigens ist mein Befinden gar nicht meinen Hoffnungen entsprechend. Ausnahmewetter auch hier! Ewiges Wechseln der atmosphärischen Bedingungen! — das treibt mich noch aus Europa! Ich muß reinen Himmel monatelang haben, sonst komme ich nicht von der Stelle. Schon 6 schwere, zwei- bis dreitägige Anfälle!! — In herzlicher Liebe

Euer Freund.

1. Benedictus de Spinoza (1632-1677): Dutch philosopher. Nietzsche was reading Geschichte der neuern Philosophie von Kuno Fischer. Erster Band. Descartes und seine Schule. Zweiter Theil. Descartes' Schule. Geulinx. Malebranche. Baruch Spinoza. Heidelberg: Bassermann, 1865.

 


Hotel Edelweiss.
Sils-Maria.
From b/w photo, 1885.
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Sils-Maria, 14. August 1881:
Brief an Heinrich Köselitz.

Nun, mein lieber guter Freund! Die Augustsonne ist über uns, das Jahr läuft davon, es wird stiller und friedlicher auf Bergen und in den Wäldern. An meinem Horizonte sind Gedanken aufgestiegen, dergleichen ich noch nicht gesehn habe — davon will ich nichts verlauten lassen, und mich selber in einer unerschütterlichen Ruhe erhalten.1 Ich werde wohl einige Jahre noch leben müssen! Ach, Freund, mitunter läuft mir die Ahnung durch den Kopf, daß ich eigentlich ein höchst gefährliches Leben lebe, denn ich gehöre zu den Maschinen, welche zerspringen können! Die Intensitäten meines Gefühls machen mich schaudern und lachen — schon ein Paarmal konnte ich das Zimmer nicht verlassen, aus dem lächerlichen Grunde, daß meine Augen entzündet waren — wodurch? Ich hatte jedesmal den Tag vorher auf meinen Wanderungen zuviel geweint, und zwar nicht sentimentale Thränen, sondern Thränen des Jauchzens; wobei ich sang und Unsinn redete, erfüllt von einem neuen Blick, den ich vor allen Menschen voraus habe.

Zuletzt — wenn ich nicht meine Kraft aus mir selbst nehmen könnte, wenn ich auf Zurufe Ermuthigungen Tröstungen von außen warten müßte, wo wäre ich! was wäre ich! Es gab wahrhaftig Augenblicke und ganze Zeiten meines Lebens (z. B. das Jahr 1878), wo ich einen kräftigenden Zuspruch, einen zustimmenden Händedruck wie das Labsal aller Labsale empfunden hätte — und gerade da ließen mich alle im Stich, auf welche ich glaubte mich verlassen zu können und die mir jene Wohlthat hätten erzeigen können. Jetzt erwarte ich's nicht mehr und empfinde nur ein gewisses trübes Erstaunen, wenn ich z. B. an die Briefe denke, die ich jetzt bekomme — alles ist so unbedeutend, keiner hat etwas durch mich erlebt, keiner sich einen Gedanken über mich gemacht — es ist achtbar und wohlwollend, was man mir sagt, aber ferne, ferne, ferne. Auch unser lieber Jacob Burckhardt schrieb so ein kleinlautes verzagtes Brieflein.2

Dagegen nehme ich es als Belohnung auf, daß die Jahr mir zweierlei zeigte, das zu mir gehört und mir innig nahe ist — das ist Ihre Musik und diese Landschaft. Das ist keine Schweiz, kein Recoaro, etwas ganz Anderes, jedenfalls etwas viel Südlicheres, — ich müßte schon nach den Hochebenen von Mexiko am stillen Ozeane gehen, um etwas Ähnliches zu finden (zb. Oaxaca) und da allerdings mit tropischer Vegetation. Nun, dies Sils-Maria will ich mir zu erhalten suchen. Und ebenso empfinde ich für Ihre Musik, aber weiß gar nicht, wie ihrer habhaft werden! Notenlesen und Klavierspielen habe ich aus meinen Beschäftigungen ein- für allemal streichen müssen. Die Anschaffung einer Schreibmaschine3 geht mir im Kopf herum, ich bin in Verbindung mit ihrem Erfinder, einem Dänen aus Kopenhagen.

Was machen Sie im nächsten Winter? Ich nehme an, daß Sie in Wien sein werden?4 Aber für den darauf folgenden Winter wollen wir uns eine Zusammenkunft ausdenken, wenn auch nur eine kurze — denn ich weiß jetzt wohl, daß ich nicht zu Ihrem Umgange tauge und daß es Ihnen freier und fruchtbarer zu Muthe ist, wenn ich wieder fortgeflogen bin. Mir liegt andererseits an der immer größeren Befreiung Ihres Gefühls und an dem Erwerbe eines innigen und stolzen Zu-Hause-seins, in summa an Ihrem glücklichen allerglücklichsten Schaffen und Reifwerden so unbeschreiblich viel, daß ich mich in jede Lage leicht finden werde, welche aus den Bedingungen Ihrer Natur erwächst. Ich habe nie gegen Sie irgend welche häßlichen Gefühle, vertrauen Sie darauf, lieber Freund! —

Sagen Sie mir noch beiläufig, wie man jetzt deutsches M[ark] Papiergeld in Italien verkauft (für ital[ienisches] Papier), ich meine, was der Cours ist.

Die Adresse von Fräulein von Meysenbugs habe ich auch nicht im Kopfe; jetzt wird sie wohl mit Monods5 irgendwo zusammen sitzen, ich meine, Hr. Schm[eitzner] mag das Exemplar nach Paris schicken. — Mit Hrn. Schm[eitzner] ist alles auf's schonendste ausgeglichen; ich habe mir vorgenommen, ihn nicht dafür leiden zu lassen, daß ich auf voreilige Schlüsse hin manches von ihm erwartete, was nicht zu seiner Natur gehört.

In herzlicher Freundschaft und Dankbarkeit
Ihr F. N.

(Ich bin viel krank gewesen.)

1. Cf. Nachlass, Herbst 1881 11[141].
2. See 07-20-1881 letter from Jacob Burckhardt.
3. Nietzsche eventually received a typewriter. See his 03-21-1882 letter to Paul Rée.
4. Köselitz was trying to get his comic opera, Scherz, List und Rache, produced in Vienna.
5. Malwida von Meysenbug's foster-daughter Olga Herzen (1851-1953) was married to the French historian Gabriel Monod (1844-1912).

 



Ida Overbeck.
Ca. 1875.
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Sils-Maria, 18. September 1881:
Postkarte an Franz Overbeck.

Danke Deiner lieben Frau für ihre ebenso gütige als exakte Auskunft. Nein, ein solcher Topf paßt nicht für meinen Haushalt: welcher flüchtig und transportabel sein muß, wie ich selber (ebenso wenig als die erwähnte Schreibmaschine1) Die Zeitschriften laß! Die gesuchten Aufsätze stehen in Liebmann's "Analysis"2 auch. Ceterum, missis his jocis, dicam quod tacere velim, sed non jam tacere possum. Sum in puncto desperationis. Dolor vincit vitam voluntatemque. O quos menses, qualem aestatem habui! Tot expertus sum corporis cruciatus, quot in caelo vidi mutationes. In omni nube est aliquid fulminis instar, quod manibus me tangat subitis infelicemque penitus pessumdet. Quinquies mortem invocavi medicum, atque hesternum diem ultimum speravi fore — frustra speravi. Ubi est terrarum illud sempiternae serenitatis caelum, illud meum caelum? Vale amice.3

1. Nietzsche eventually received a typewriter. See his 03-21-1882 letter to Paul Rée.
2. Cf. Otto Liebmann, Zur Analysis der Wirklichkeit. Eine Erörterung der Grundprobleme der Philosophie. Straßburg: Trübner, 1880. Nietzsche's copy.
3. Written in Latin, presumably to prevent Overbeck's wife from reading it: "I shall say what I wanted not to say but cannot withhold. I am desperate. Pain is vanquishing my life and my will. What months, what a summer I have had! My physical agonies were as many and various as the changes I have seen in the sky. In every cloud there is some form of electric charge which grips me suddenly and reduces me to complete misery. Five times I have called for Doctor Death, and yesterday I hoped it was the end — in vain. Where is there on earth that perpetually serene sky, which is my sky? Farewell friend."

 


Title page of Pierre Foissac's
Meteorologie mit Rücksicht auf die Lehre vom Kosmos.
Deutsch von A. H. Emsmann. Leipzig: Wigand, 1859.

Genua, 28. Oktober 1881:
Postkarte an Franz Overbeck.

Willst Du mir, lieber Freund, folgendes Buch unter Kreuzband senden lassen (durch Deinen Leipziger Buchhändler, mit dem Du es vielleicht vereinbarst, daß ich direkt mit meinen Bücheraufträgen mich an ihn wenden kann, und daß die Zahlung jährlich zugleich mit Deinen eigenen Zahlungen erfolgt?)

Foissac, Meteorologie, Deutsch von Emsmann.
Leipzig 1859.1

(Es ist von wegen der fürchterlichen Einflüsse der atmosphärischen Elektrizität auf mich — sie werden mich noch auf der Erde herumtreiben, es muß bessere Bedingungen des Lebens für meine Natur geben. Z. B. in den Hochebenen Mexicos, auf der Seite des stillen Ozeans (schweizerische Colonie "Neu-Bern"). Sehr, sehr, sehr gequält, Tag um Tag.

Dein Fr

1. Pierre Foissac (1801-1885), physician and natural scientist: Meteorologie mit Rücksicht auf die Lehre vom Kosmos und in ihren Beziehungen zur Medicin und allgemeinen Gesundheitslehre. Ein von dem Institute zu Paris gekröntes Werk von P. Foissac Professor der Medicin an der medicinischen Facultät zu Paris, Ritter etc. Mit Zustimmung des Verfassers deutsch bearbeitet und mit Anmerkungen versehen von Dr. A. H. Emsmann Professor in Stettin. Leipzig: O. Wigand, 1859. VIEW BOOK.

 


Gotthard Tunnel breakthrough.
Göschenen, March 1, 1880.
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Genua, 14. November 1881:
Brief an Franz Overbeck.

Mein lieber Freund, was ist dies unser Leben? Ein Kahn, der im Meere schwimmt, von dem man nur dies mit Sicherheit weiß, daß er eines Tages umschlagen wird. Da sind wir nun zwei alte gute Kähne, die sich treulich Nachbarschaft gehalten haben, und namentlich hat Deine Hand redlich dabei geholfen, mich vor dem "Umschlagen" zu behüten! So wollen wir denn unsere Fahrt fortsetzen und einer um des Andern Willen recht lange! recht lange! — wir würden uns so vermissen! Einigermaßen glatte See und gute Winde und vor allem Sonne — was ich mir wünsche, wünsche ich auch Dir; und traurig, daß meine Dankbarkeit sich eben nur in einem solchen Wunsche äußern kann und daß sie gar nichts über Wind und Wetter vermag!

Foissac1 ist eingetroffen, schnell und billig von Deinem Buchhändler besorgt: diese medizinische Meteorologie, obschon von der Academie gekrönt, ist aber leider eine Wissenschaft in der Kindheit und für meine persönliche Noth eben nur ein Dutzend Fragezeichen mehr. Vielleicht weiß man jetzt mehr — ich hätte in Paris bei der Elektrizitäts-Ausstellung sein sollen, theils um das Neueste zu lernen, theils als Gegenstand der Ausstellung: denn als Witterer von elektrischen Veränderungen und sogenannter Wetter-Prophet nehme ich es mit den Affen auf und bin wahrscheinlich eine "Spezialität." Kann Hagenbach2 vielleicht sagen, durch welche Kleidung (oder Ketten, Ringe u.s.w.) man sich am besten gegen diese allzustarken Einflüsse schützt? Ich kann mich doch nicht immer in einer seidenen Hängematte aufhängen! Besser, sich ganz aufzuhängen! Und sehr radikal!

Wann ist der Gotthardtunnel fertig? Wann soll er befahren werden? Er soll mich zu Dir und zu den Ärzten (Augen- und Zahnärzte einbegriffen) bringen; ich habe ein lange Consultation in's Auge gefaßt. (Dieser Tunnel ist den Genuesen vor die Thür gebaut, sie sind äußerst dankbar, ja, sie sind gegen jeden Schweizer jetzt dessenthalben artig.)3

Meine Augen versagen immer mehr — die außerordentliche Schmerzhaftigkeit nach kürzestem Gebrauche hält mich geradezu von der Wissenschaft entfernt (ganz abgesehn von der großen Schwachsichtigkeit.) Seit wie lange habe ich nicht lesen können!! Romundt's Buch4 habe ich nicht gelesen — nach einem musternden Blicke aber glaube ich, es ist Schleicherei auf verbotenen, uns verbotenen Wegen — das mag ich nicht! —

Paësiello's Meisterwerk ist das matrimonio segreto5: da kam Cimarosa und componirte denselben Text noch einmal, und siehe! es wurde auch sein Meisterwerk.6 Und nun kommt Köselitz und — das ist das Neueste — er hat es zum dritten Male componirt und ist im Wesentlichen fertig damit. Der Text verdient es — das Wagniß und die Kühnheit des Gedankens hat mir zu denken gegeben. So wie ich K[öselitz] kenne, freue ich mich dieses Charakterzugs: Überhebung und Dreistigkeit sind ihm sehr fremd.— — Die "Nacht o holde" hat auf Dich vielleicht etwas anders gewirkt als auf mich, nach Deinen Worten zu schließen — und so ist es natürlich.7 Genug, es war beide Male ein Eindruck, der zu Ehren des Componisten auslief. —

Mit der Bitte, mich Deiner lieben Frau des Herzlichsten zu empfehlen verbleibe ich Dein Freund

Friedr. Nietzsche.

1. Pierre Foissac, Meteorologie mit Rücksicht auf die Lehre vom Kosmos. Deutsch von A. H. Emsmann. Leipzig: Wigand, 1859. VIEW BOOK.
2. Eduard Hagenbach-Bischoff (1833-1910): Professor of Physics at Basel University.
3. The completion of the Gotthard Tunnel increased commercial traffic through the port of Genoa at the expense of Marseille. Full train service started in May 1882.
4. Heinrich Romundt (1845-1919), their friend and former housemate who left to become a Catholic priest, but soon dropped those plans and became a high-school teacher in Oldenburg. The book referred to is Antäus: neuer Aufbau der Lehre Kants über Seele, Freiheit und Gott. Leipzig: Veit, 1882.
5. Giovanni Paesiello (1740-1816): Italian composer of the comic opera "Il matrimonio inaspettato" (1779).
6. Domenico Cimarosa (1749-1801): Italian composer of the comic opera "Il matrimonio segreto" (1792).
7. On October 7, 1881, Köselitz sent Overbeck a piano reduction of the introduction to Act IV and its duet from his opera Scherz, List und Rache. On October 14, Overbeck sent him a detailed analysis of it. See Frederick R. Love, "Appendix D: 'Nacht, o holde' Notturno and Aria from Peter Gast's Scherz, List und Rache." In: Nietzsche's Saint Peter. Genesis and Cultivation of an Illusion. Berlin; New York: de Gruyter, 1981.

 


Cover of:
Carmen. Dramma lirico in 4 atti. Di Giorgio Bizet. Riduzione per canto e pianoforte.
Milano; Paris: Sonzogno, n.d.
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Genua, 28. November 1881:
Postkarte an Heinrich Köselitz.

Hurrah! Freund! Wieder etwas Gutes kennen gelernt, eine Oper von François Bizet (wer ist das?): Carmén.1 Hörte sich an wie eine Novelle Mérimée's,2 gestreich, stark, hier und da erschütternd. Ein ächt französisches Talent der komischen Oper, gar nicht desorientiert durch Wagner, dagegen ein wahrer Schüler von H[ector] Berlioz.3 So etwas habe ich [nicht] für möglich gehalten! Es scheint, die Franzosen sind auf einem besseren Wege in der dramatischen Musik; und sie haben einen großen Vorsprung vor den Deutschen in Einem Hauptpunkte: die Leidenschaft ist bei ihnen keine so weithergeholte (wie zb. alle Leidenschaften bei Wagner).

Heute etwas krank, durch schlechtes Wetter, nicht durch die Musik: vielleicht sogar wäre ich viel kränker, wenn ich sie nicht gehört hätte. Das Gute ist mir Medizin! Darum meine Liebe zu Ihnen!!

1. Georges Bizet (1838-1875): French composer of the opera Carmen. On January 5, 1882, Nietzsche sent Köselitz a marked-up edition of Bizet's score, with 75 marginal notes in pencil. See "Nietzsche's Marginal Glosses to Georges Bizet's Carmen." In: Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music: 121-141.
2. Prosper Mérimée, Carmen. Novelle. Deutsch von Rudolph Weiß. Berlin: Freund & Jeckel, 1882. See Mérimée's entry in Nietzsche's Library.
3. Hector Berlioz (1803-1869): French composer.

 


Heinrich Köselitz.
Ca.1875.
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Genua, 8. December 1881:
Postkarte an Heinrich Köselitz.

Sehr spät bringt mein Gedächtniß (das mitunter verschüttet ist) heraus, daß es wirklich von Mérimée1 eine Novelle "Carmen" giebt, und daß das Schema und der Gedanke und auch die   tragische Consequenz dieses Künstlers noch in der Oper fortleben.2 (Das libretto ist nämlich bewunderungswürdig gut) Ich bin nahe daran zu denken, Carmen sei die beste Oper, die es giebt; und so lange wir leben, wird sie auf allen Repertoiren Europa’s sein.

Herr O. Busse3 verspricht seine Gedanken über die "Fortpflanzung des Menschen" zu veröffentlichen (oh ich Unglücklicher! —) einstweilen empfiehlt er in seinem Sendschreiben4 die Kindes-Aussetzung nach Art der Spartaner. Ich finde das Wort und das Gefühl nicht, um ihm zu antworten.

Eine lateinische Abhandlung über Epicur  will mir egewidmet sein: bravo!5

Ich lebe seltsam, wie auf den Wellenspitzen des Daseins — eine Art fliegender Fisch.6 Sie sind mir immer gegenwärtig, mein lieber Freund!

F.N.

1. Prosper Mérimée (1803-1870): French writer, archaeologist, historian, and the author of Carmen, on which Bizet's opera is based. Read the original in French; an English translation. It was translated into German as Carmen. Novelle. Deutsch von Rudolph Weiß. Berlin: Freund & Jeckel, 1882. See Mérimée's entry in Nietzsche's Library.
2. Georges Bizet (1838-1875): French composer of the opera Carmen. On January 5, 1882, Nietzsche sent Köselitz a marked-up edition of Bizet's score, with 75 marginal notes in pencil. See "Nietzsche's Marginal Glosses to Georges Bizet's Carmen." In: Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music: 121-141.
3. Otto Busse was a German admirer of Nietzsche from Berlin.
4. At the end of 1879 to early 1880, Busse wrote six letters to Nietzsche, four of them from 1878-1880.
5. Hermann Pachnicke (1857-1935): German politician and writer. He dedicated his De Philosophia Epicuri to Nietzsche: "Prof. Dr. Friderico Nietzsche / has primitias dat dicat dedicat / auctor." See Pachnicke's entry in Nietzsche's Library.
6. Cf. Nachlass, Herbst 1881 15[56]; Die fröhliche Wissenschaft, §256.

 



The Peabody Institute.
Baltimore. 1866.
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Baltimore, Ende 1881:
Brief von Elise Fincke an Nietzsche in Genua.

44 W. Madison Street Baltimore
Maryland U S.

Verehrter Herr Doctor,

Es mag Sie wenig kümmern, dass hier in Amerika 3 Menschen: (Professor Fritz Fincke (Peabody Institute)1 — Mr. Charles Fischer,2 unser Freund und ich) oft zusammen sitzen und sich an Nietzsches Schriften auf's Innigste erbauen — aber ich sehe nicht ein, weshalb wir es Ihnen nicht einmal sagen sollen. Wir rechnen es der Tiefe Ihrer Gedanken, der vollendeten Diction zu, dass wir nachgerade Nichts Anderes mehr lesen können und mögen.

Wir besitzen nur "Unzeitgemässe Betrachtungen," und ich möchte Sie nun bitten, verehrter Herr Dr, mir auf einer Karte anzugeben: die Titel und Namen der Herausgeber Ihrer übrigen Werke. In einem Lande, wo so wenig gutes Deutsch gesprochen wird — sollen Ihre Schriften uns Gedanken und Sprache rein erhalten. Sie werden gütigst die Umstände und Mühe, die ich Ihnen verursache entschuldigen und meine Bitte erfüllen.

Nehmen Sie die Versicherung des tiefsten Dankes und der grössten Verehrung Ihrer

Elise Fincke,
geb. Fischer.3

1. Fritz Fincke (1836-1900) studied at the Leipzig Conservatory from 1851-53, and was a piano and violin virtuoso. He returned to his hometown of Wismar, Mecklenburg-Schwerin, where he was a director of a musical society, a violinist, and an organist at the St. Georg church. In 1880, Fincke was appointed a professor of vocal music at the Peabody Conservatory of Music in Baltimore, Maryland. There he led the Peabody Chorus, and conducted the Oratorio Society from 1882-94.
2. It's uncertain who Fischer was, and if he was a relative of Elise Fincke. However, a Charles Fischer & Co. was advertising in the nineteenth century in Baltimore, and doing business as a purveyor of German fancy goods, with a warehouse at 338 Market Street.
3. On the back of the letter, Nietzsche wrote: "Erster amerikanischer Brief. initium gloriae mundi." (First American letter. Beginning of world fame.)

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