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Briefe 1881. Sils-Maria, 21. Juli 1881: Postkarte an Heinrich Köselitz (Peter Gast)Mir fiel ein, lieber Freund, daß Ihnen an meinem Buche [Morgenröte] die beständige innerliche Auseinandersetzung mit dem Christenthume fremd, ja peinlich sein muß; es ist aber doch das beste Stück idealen Lebens, welches ich wirklich kennen gelernt habe, von Kindesbeinen an bin ich ihm nachgegangen, in viele Winkel, und ich glaube, ich bin nie in meinem Herzen gegen dasselbe gemein gewesen. Zuletzt bin ich der Nachkomme ganzer Geschlechter von christlichen Geistlichenvergeben Sie mir diese Beschränktheit! Frau Lucca: ein sehr guter Gedanke! Sie kann sprechen und Possen machen. Auch mich hat sie einmal entzückt, vor nunmehr 18 Jahren. Sollte sie jung genug sein? Bei der Art, wie Sie Ihre Partitur machen, bin ich voll stiller Hochachtung für Sie und sehe zu, wie ich einem guten Goldschmiede zusehe. Täuschen Sie sich nicht über meine Empfindung! Hier, auch hier giebt es für mich zu leiden; bisher 4 schwere zwei- oder dreitägige Anfälle. Der Sommer ist für die Engadiner zu heiß; ich wage gar nicht an Venedigs Sommer dabei zu denken. Hr. Schmeitzner hat vergessen, mir mein Buch zu senden; ich bin seiner satt. (Aber er hat all meine Ersparnisse!) In treuem Gedenken der Ihre Sils-Maria, 23. Juli 1881: Postkarte an Franz OverbeckEs freut mich sehr, mein lieber Freund, daß auch in dieser Angelegenheit unsre Freundschaft Stand hält, ja sich neu besiegelt hatich denke mitunter mit Bangniß an alle die Feuer- und Kälteproben, denen die mir liebsten Menschen durch meine "Unumwundenheit" ausgesetzt werden. Was das Christenthum betrifft, so wirst Du mir wohl das Eine glauben: ich bin in meinem Herzen nie gegen dasselbe gemein gewesen und habe mir von Kindesbeinen an manche innerliche Mühe um seine Ideale gegeben, zuletzt freilich immer mit dem Ergebniß der puren Unmöglichkeit. Auch hier habe ich viel zu leiden, der Sommer ist diesmal heißer und elektricitätsreicher als gewöhnlich, zu meinem Nachtheil. Trotzdem weiß ich mir nichts meiner Natur Angemesseneres als dies Stück Ober-Erde. Frau Baumgartner hat mir sehr gut und herzlich geschrieben. Ich selber bin noch nicht im Besitz meines Buches. Hellwald mit Dank empfangen [Friedrich Anton Heller von Hellwald (1842-1892): Geograph, Anthropologe und Kulturhistoriker (Die Erde und ihre Völker. Stuttgart: 1877; Kulturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Ausburg: 1875)]; es ist ein Compendium einer Gattung von Meinungen. Dir und Deiner lieben Frau von Herzen zugethan
Sils-Maria, 30. Juli 1881: Postkarte an Franz OverbeckIch bin ganz erstaunt, ganz entzückt! Ich habe einen Vorgänger und was für einen! Ich kannte Spinoza fast nicht: daß mich jetzt nach ihm verlangte, war eine "Instinkthandlung." Nicht nur, daß seine Gesamttendenz gleich der meinen istdie Erkenntniß zum mächtigsten Affekt zu machenin fünf Hauptpunkten seiner Lehre finde ich mich wieder, dieser abnormste und einsamste Denker ist mir gerade in diesen Dingen am nächsten: er leugnet die Willensfreiheit; die Zwecke; die sittliche Weltordnung; das Unegoistische; das Böse; wenn freilich auch die Verschiedenheiten ungeheuer sind, so liegen diese mehr in dem Unterschiede der Zeit, der Cultur, der Wissenschaft. In summa: meine Einsamkeit, die mir, wie auf ganz hohen Bergen, oft, oft Athemnoth machte und das Blut hervorströmen ließ, ist wenigstens jetzt eine Zweisamkeit. Wunderlich! Übrigens ist mein Befinden gar nicht meinen Hoffnungen entsprechend. Ausnahmewetter auch hier! Ewiges Wechseln der atmosphärischen Bedingungen!das treibt mich noch aus Europa! Ich muß reinen Himmel monatelang haben, sonst komme ich nicht von der Stelle. Schon 6 schwere, zwei- bis dreitägige Anfälle!! In herzlicher Liebe Euer Freund. Sils-Maria, 14. August 1881: Brief an Heinrich Köselitz (Peter Gast)Nun, mein lieber guter Freund! Die Augustsonne ist über uns, das Jahr läuft davon, es wird stiller und friedlicher auf Bergen und in den Wäldern. An meinem Horizonte sind Gedanken aufgestiegen, dergleichen ich noch nicht gesehn habedavon will ich nichts verlauten lassen, und mich selber in einer unerschütterlichen Ruhe erhalten. Ich werde wohl einige Jahre noch leben müssen! Ach, Freund, mitunter läuft mir die Ahnung durch den Kopf, daß ich eigentlich ein höchst gefährliches Leben lebe, denn ich gehöre zu den Maschinen, welche zerspringen können! Die Intensitäten meines Gefühls machen mich schaudern und lachenschon ein Paarmal konnte ich das Zimmer nicht verlassen, aus dem lächerlichen Grunde, daß meine Augen entzündet warenwodurch? Ich hatte jedesmal den Tag vorher auf meinen Wanderungen zuviel geweint, und zwar nicht sentimentale Thränen, sondern Thränen des Jauchzens; wobei ich sang und Unsinn redete, erfüllt von einem neuen Blick, den ich vor allen Menschen voraus habe. Zuletztwenn ich nicht meine Kraft aus mir selbst nehmen könnte, wenn ich auf Zurufe Ermuthigungen Tröstungen von außen warten müßte, wo wäre ich! was wäre ich! Es gab wahrhaftig Augenblicke und ganze Zeiten meines Lebens (z. B. das Jahr 1878), wo ich einen kräftigenden Zuspruch, einen zustimmenden Händedruck wie das Labsal aller Labsale empfunden hätteund gerade da ließen mich alle im Stich, auf welche ich glaubte mich verlassen zu können und die mir jene Wohlthat hätten erzeigen können. Jetzt erwarte ich's nicht mehr und empfinde nur ein gewisses trübes Erstaunen, wenn ich z. B. an die Briefe denke, die ich jetzt bekommealles ist so unbedeutend, keiner hat etwas durch mich erlebt, keiner sich einen Gedanken über mich gemachtes ist achtbar und wohlwollend, was man mir sagt, aber ferne, ferne, ferne. Auch unser lieber Jacob Burckhardt schrieb so ein kleinlautes verzagtes Brieflein. Dagegen nehme ich es als Belohnung auf, daß die Jahr mir zweierlei zeigte, das zu mir gehört und mir innig nahe istdas ist Ihre Musik und diese Landschaft. Das ist keine Schweiz, kein Recoaro, etwas ganz Anderes, jedenfalls etwas viel Südlicheres,ich müßte schon nach den Hochebenen von Mexiko am stillen Ozeane gehen, um etwas Ähnliches zu finden (zb. Oaxaca) und da allerdings mit tropischer Vegetation. Nun, dies Sils-Maria will ich mir zu erhalten suchen. Und ebenso empfinde ich für Ihre Musik, aber weiß gar nicht, wie ihrer habhaft werden! Notenlesen und Klavierspielen habe ich aus meinen Beschäftigungen ein- für allemal streichen müssen. Die Anschaffung einer Schreibmaschine geht mir im Kopf herum, ich bin in Verbindung mit ihrem Erfinder, einem Dänen aus Kopenhagen. Was machen Sie im nächsten Winter? Ich nehme an, daß Sie in Wien sein werden? Aber für den darauf folgenden Winter wollen wir uns eine Zusammenkunft ausdenken, wenn auch nur eine kurzedenn ich weiß jetzt wohl, daß ich nicht zu Ihrem Umgange tauge und daß es Ihnen freier und fruchtbarer zu Muthe ist, wenn ich wieder fortgeflogen bin. Mir liegt andererseits an der immer größeren Befreiung Ihres Gefühls und an dem Erwerbe eines innigen und stolzen Zu-Hause-seins, in summa an Ihrem glücklichen allerglücklichsten Schaffen und Reifwerden so unbeschreiblich viel, daß ich mich in jede Lage leicht finden werde, welche aus den Bedingungen Ihrer Natur erwächst. Ich habe nie gegen Sie irgend welche häßlichen Gefühle, vertrauen Sie darauf, lieber Freund! Sagen Sie mir noch beiläufig, wie man jetzt deutsches M[ark] Papiergeld in Italien verkauft (für ital[ienisches] Papier), ich meine, was der Cours ist. Die Adresse von Fräulein von Meysenbugs habe ich auch nicht im Kopfe; jetzt wird sie wohl mit Monods irgendwo zusammen sitzen, ich meine, Hr. Schm[eitzner] mag das Exemplar nach Paris schicken. Mit Hrn. Schm[eitzner] ist alles auf's schonendste ausgeglichen; ich habe mir vorgenommen, ihn nicht dafür leiden zu lassen, daß ich auf voreilige Schlüsse hin manches von ihm erwartete, was nicht zu seiner Natur gehört. In herzlicher Freundschaft und Dankbarkeit
Sils-Maria, 18. September 1881: Postkarte an Franz OverbeckDanke Deiner lieben Frau für ihre ebenso gütige als exakte Auskunft. Nein, ein solcher Topf paßt nicht für meinen Haushalt: welcher flüchtig und transportabel sein muß, wie ich selber (ebenso wenig als die erwähnte Schreibmaschine) Die Zeitschriften laß! Die gesuchten Aufsätze stehen in Liebmann's "Analysis" auch. Ceterum, missis his jocis, dicam quod tacere velim, sed non jam tacere possum. Sum in puncto desperationis. Dolor vincit vitam voluntatemque. O quos menses, qualem aestatem habui! Tot expertus sum corporis cruciatus, quot in caelo vidi mutationes. In omni nube est aliquid fulminis instar, quod manibus me tangat subitis infelicemque penitus pessumdet. Quinquies mortem invocavi medicum, atque hesternum diem ultimum speravi forefrustra speravi. Ubi est terrarum illud sempiternae serenitatis caelum, illud meum caelum? Vale amice. Genua, 14. November 1881: Brief an Franz OverbeckMein lieber Freund, was ist dies unser Leben? Ein Kahn, der im Meere schwimmt, von dem man nur dies mit Sicherheit weiß, daß er eines Tages umschlagen wird. Da sind wir nun zwei alte gute Kähne, die sich treulich Nachbarschaft gehalten haben, und namentlich hat Deine Hand redlich dabei geholfen, mich vor dem "Umschlagen" zu behüten! So wollen wir denn unsere Fahrt fortsetzen und einer um des Andern Willen recht lange! recht lange!wir würden uns so vermissen! Einigermaßen glatte See und gute Winde und vor allem Sonnewas ich mir wünsche, wünsche ich auch Dir; und traurig, daß meine Dankbarkeit sich eben nur in einem solchen Wunsche äußern kann und daß sie gar nichts über Wind und Wetter vermag! Foissac [Meteorologie mit Rucksicht auf die Lehre vom Kosmos. Deutsch von A. H. Emsmann. Leipzig: 1859, von Pierre Foissac (1801-1885): Arzt und Naturwissenschaftler.] ist eingetroffen, schnell und billig von Deinem Buchhändler besorgt: diese medizinische Meteorologie, obschon von der Academie gekrönt, ist aber leider eine Wissenschaft in der Kindheit und für meine persönliche Noth eben nur ein Dutzend Fragezeichen mehr. Vielleicht weiß man jetzt mehrich hätte in Paris bei der Elektrizitäts-Ausstellung sein sollen, theils um das Neueste zu lernen, theils als Gegenstand der Ausstellung: denn als Witterer von elektrischen Veränderungen und sogenannter Wetter-Prophet nehme ich es mit den Affen auf und bin wahrscheinlich eine "Spezialität." Kann Hagenbach [Eduard Hagenbach-Bischoff (1833-1910): Professor für Physik, Basel] vielleicht sagen, durch welche Kleidung (oder Ketten, Ringe u.s.w.) man sich am besten gegen diese allzustarken Einflüsse schützt? Ich kann mich doch nicht immer in einer seidenen Hängematte aufhängen! Besser, sich ganz aufzuhängen! Und sehr radikal! Wann ist der Gotthardtunnel fertig? Wann soll er befahren werden? Er soll mich zu Dir und zu den Ärzten (Augen- und Zahnärzte einbegriffen) bringen; ich habe ein lange Consultation in's Auge gefaßt. (Dieser Tunnel ist den Genuesen vor die Thür gebaut, sie sind äußerst dankbar, ja, sie sind gegen jeden Schweizer jetzt dessenthalben artig.) Meine Augen versagen immer mehrdie außerordentliche Schmerzhaftigkeit nach kürzestem Gebrauche hält mich geradezu von der Wissenschaft entfernt (ganz abgesehn von der großen Schwachsichtigkeit.) Seit wie lange habe ich nicht lesen können!! Romundt's Buch habe ich nicht gelesennach einem musternden Blicke aber glaube ich, es ist Schleicherei auf verbotenen, uns verbotenen Wegendas mag ich nicht! Paësiello's Meisterwerk ist das matrimonio segreto: da kam Cimarosa und componirte denselben Text noch einmal, und siehe! es wurde auch sein Meisterwerk. Und nun kommt Köselitz unddas ist das Neuesteer hat es zum dritten Male componirt und ist im Wesentlichen fertig damit. Der Text verdient esdas Wagniß und die Kühnheit des Gedankens hat mir zu denken gegeben. So wie ich K[öselitz] kenne, freue ich mich dieses Charakterzugs: Überhebung und Dreistigkeit sind ihm sehr fremd. Die "Nacht o holde" hat auf Dich vielleicht etwas anders gewirkt als auf mich, nach Deinen Worten zu schließenund so ist es natürlich. Genug, es war beide Male ein Eindruck, der zu Ehren des Componisten auslief. Mit der Bitte, mich Deiner lieben Frau des Herzlichsten zu empfehlen verbleibe ich Dein Freund Friedr. Nietzsche. Genua, 28. November 1881: Postkarte an Heinrich Köselitz (Peter Gast)Hurrah! Freund! Wieder etwas Gutes kennen gelernt, eine Oper von François Bizet (wer ist das?): Carmén. Hörte sich an wie eine Novelle [Prosper] Mérimée's, gestreich, stark, hier und da erschütternd. Ein ächt französisches Talent der komischen Oper, gar nicht desorientiert durch Wagner, dagegen ein wahrer Schüler von H[ector] Berlioz. So etwas habe ich [nicht] für möglich gehalten! Es scheint, die Franzosen sind auf einem besseren Wege in der dramatischen Musik; und sie haben einen großen Vorsprung vor den Deutschen in Einem Hauptpunkte: die Leidenschaft ist bei ihnen keine so weithergeholte (wie zb. alle Leidenschaften bei Wagner). Heute etwas krank, durch schlechtes Wetter, nicht durch die Musik: vielleicht sogar wäre ich viel kränker, wenn ich sie nicht gehört hätte. Das Gute ist mir Medizin! Darum meine Liebe zu Ihnen!! |