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Nietzsches Briefe

1880

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Heinrich Köselitz.
Venice, 1878.
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Marienbad, 18. Juli 1880:
Brief an Heinrich Köselitz.

Mein lieber Freund, noch immer denke ich täglich einigemal an die angenehme Venediger Verwöhnung1 und an den noch angenehmeren Verwöhner und sage nur, daß man's eben nicht lange so gut haben darf und daß es ganz recht ist, jetzt wieder Eremit zu sein und zehn Stunden des Tages als solcher spazieren zu gehen, fatale Wässerchen zu trinken und ihre Wirkung abzuwarten. Dabei grabe ich mit Eifer in meinem moralischen Bergwerke2 und komme mir dabei mitunter ganz unterirdisch vor — es scheint mir jetzt so als ob ich inzwischen den leitenden Gang und Ausweg gefunden hätte, indessen will so etwas hundertmal geglaubt und verworfen sein. Hin und wieder tönt ein Echo Chopinscher Musik3 in mir, und das haben Sie nun erreicht, daß ich dabei immer an Sie denke und mich in Sinnen über Möglichkeiten verliere. Mein Vertrauen ist sehr groß geworden, Sie sind viel fester gebaut als ich vermuthete, und abgesehn von dem schädlichen Einfluß, den gelegentl[ich] Hr. Nietzsche auf Sie geübt hat, sind Sie von allen Seiten gut bedingt. Ceterum censeo4 Berge und Wälder seien besser als Städte, und Paris besser als Wien.5 Darauf kommt aber nichts an.

Unterwegs kam ich mit einem höheren Geistlichen in Verkehr, welcher zu den ersten Förderern alter kathol[ischer] Musik zu gehören schien, er war jeder Detailfrage gewachsen. Ich fand ihn sehr eingenommen für Wagner’s Arbeit an Palestrina;6 er sagte, das dramatische Recitativ (in der Liturgie) sei der Keim der Kirchenmusik, und wollte darnach auch den Vortrag so dramatisch wie möglich. Regensburg sei jetzt die einzige Stadt auf Erden, wo man die alte Musik studiren, vor allem aber hören könne (namentlich in der Passionszeit)

Haben Sie von dem Brande von Mommsen's Hause gelesen? Und daß seine Excerpten vernichtet sind, die mächtigsten Vorarbeiten, die viell[eicht] ein jetzt lebender Gelehrter gemacht hat? Er soll immer wieder in die Flamme hineingestürzt sein, und man mußte endlich gegen ihn, den mit Brandwunden bedeckten, Gewalt anwenden. Solche Unternehmungen wie die M[ommsen]'s müssen sehr selten sein, weil ein ungeheures Gedächtniß und ein entsprechender Scharfsinn in der Kritik und Ordnung eines solchen Materials selten zusammen kommen, vielmehr gegen einander zu arbeiten pflegen. — Als ich die Geschichte hörte, drehte sich mir das Herz im Leibe um, und noch jetzt leide ich physisch, wenn ich dran denke. Ist das Mitleid? Aber was geht mich M[ommsen] an? Ich bin ihm gar nicht gewogen. —7

Hier in der allein im Walde gelegen[en] Eremitage,8 deren Eremit ich bin, ist seit gestern große Noth: ich weiß eigentlich nicht, was geschehen ist, aber der Schatten eines Verbrechens liegt auf dem Haus. Man hat etwas vergraben, Andre haben es entdeckt, man hörte schrecklich jammern, viele Gensdarmen waren da, Haussuchung fand statt, und nachts hörte ich im Zimmer neben mir jemand schwer gequält seufzen, so daß mich der Schlaf floh. Auch schien in der tiefsten Nacht wieder im Walde gegraben zu werden, aber es fand eine Überraschung statt, und es gab wieder Thränen und Geschrei. Ein Beamter sagte mir, es sei eine "Banknotengeschichte" — ich bin nicht neugierig genug, um so viel zu wissen, wie viel wahrsch[einlich] alle Welt um mich weiß. Genug, die Waldeinsamkeit ist unheimlich.

Ich las eine Novelle von Mérimée, in der H. Beyle's Charakter geschildert sein soll: "die etrurische Vase"; es wäre, falls dies wahr ist, jener St. Clair. Das Ganze ist spöttisch, vornehm und tief schwermüthig.9

Zuletzt eine Reflexion: man hört auf, sich selber recht zu lieben, wenn man aufhört sich in der Liebe zu Andern zu üben: weshalb dies letztere (das Aufhören) sehr zu widerrathen ist.10 (Aus meiner Erfahrung.) Leben Sie wohl mein geliebter und sehr werthgehaltener Freund, gehe es Ihnen gut bei Tag und Nacht.

Treulich Ihr F.N.

In Ihrem Verhalten zum Deserteur11 würde Schopenhauer einen Beweis für die Unveränderlichkeit des Charakters12 sehen — und Unrecht dabei haben, wie fast immer.

1. Nietzsche stayed in Venice with Heinrich Köselitz from March 13-June 29, 1880.
2. Cf. preface to Morgenröthe (Dawn).
3. Köselitz played Chopin for him.
4. But I reckon that.
5. Köselitz was planning on a trip to Vienna.
6. Giovanni Pierluigi da Palestrina, Richard Wagner, Stabat mater. Motette für zwei Chöre a capella mit Vortrags-Bezeichnungen für Kirchen- und Concert-Aufführungen. Leipzig: Kahnt, 1878.
7. Theodor Mommsen (1817-1903): German historian. See the entry for Theodor Mommsen in Nietzsche's Library. One of the rare items lost in the fire was the Getica, by Jornandes, about which Nietzsche wrote at length in his early essays on Ermanarich. See Nietzsche's Writings as a Student, 35-46.
8. The name of the hotel Nietzsche was staying at in Marienbad.
9. Henri Beyle, who wrote under the name Stendhal. Cf. Prosper Mérimée, "Le vase étrusque." In: Revue de Paris. Tome onzième. Paris: Bureau de la Revue de Paris, 1830, 83-108.
10. Cf. Morgenröte (Dawn), § 401.
11. Köselitz had offered assistance to an Austrian deserter.
12. Cf. Arthur Schopenhauer, "Ueber die Freiheit des menschlichen Willens." In: Arthur Schopenhauer's sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt. Bd. 4. Schriften zur Naturphilosophie und zur Ethik. Leipzig: Brockhaus, 1874, 50.

 


Richard Wagner
Munich, 1880.
From b/w photo by Joseph Albert.
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Marienbad, 20. August 1880:
Brief an Heinrich Köselitz.

Freund Köselitz, in meine Ernte- ja Erntefest-Stimmung klingt Ihr Brief hinein, zwar etwas düster, aber so gut und kräftig, daß ich auch heute wieder wie jedesmal mein Nachdenken über Sie mit dem Chorale zu Ende und zur Ruhe bringe

"Was K. thut, das ist wohlgethan,
Es bleibt gerecht sein Wille!"
Amen.1             

Sie sind aus stärkerem Stoffe als ich und dürfen sich schon höhere Ideale bilden. Ich für meinen Theil leide abscheulich, wenn ich der Sympathie entbehre; und durch nichts kann es mir z. B. ausgeglichen werden, daß ich in den letzten Jahren der Sympathie Wagners verlustig gegangen bin. Wie oft träume ich von ihm, und immer im Stile unsres damaligen vertraulichen Zusammenseins! Es ist nie zwischen uns ein böses Wort gesprochen worden, auch in meinen Träumen nicht, aber sehr viele ermuthigende und heitere, und mit niemanden habe ich vielleicht so viel zusammen gelacht. Das ist nun vorbei—und was nützt es, in manchen Stücken gegen ihn Recht zu haben! Als ob damit diese verlorne Sympathie aus dem Gedächtniß gewischt werden könnte!— Und Ähnliches habe ich schon vorher erlebt, und werde es vermuthlich wieder erleben. Es sind die härtesten Opfer, die mein Gang im Leben und Denken von mir verlangt hat—noch jetzt schwankt nach einer Stunde sympathischer Unterhaltung mit wildfremden Menschen meine ganze Philosophie, es scheint mir so thöricht, Recht haben zu wollen um den Preis von Liebe, und sein Werthvollstes nicht mittheilen zu können, um nicht die Sympathie aufzuheben. Hinc meae lacrimae.2

Ich bin noch in Marienbad: das "österreichische Wetter" hielt mich fest! Denken Sie, daß es seit dem 24. Juli jeden Tag geregnet hat, und oft tagelang. Regenhimmel, Regenluft, aber gute Wege im Walde. Meine Gesundheit gieng dabei wieder rückwärts; in summa bin ich aber mit Venedig und Marienbad zufrieden. Es ist gewiß hier seit Goethe3 noch nicht so viel gedacht worden, und auch Goethe wird nicht so principielle Dinge sich haben durch den Kopf gehen lassen—ich war über mich selber weit hinaus. Einmal, im Walde, fixirte mich ein Herr, der an mir vorübergieng, sehr scharf: ich empfand in diesem Augenblicke, daß ich den Ausdruck strahlenden Glücks im Gesichte haben müsse und daß ich schon 2 Stunden mit ihm herumlaufe. Ich lebe incognito, wie der bescheidenste aller Kurgäste, in der Fremdenliste stehe ich als "Herr Lehrer Nietzsche." Es giebt viel Polen hier und diese—es is wunderlich—halten mich durchaus für einen Polen, kommen mit polnischen Grüßen auf mich zu und—glauben es mir nicht, wenn ich mich als Schweizer zu erkennen gebe. "Es ist die polnische Rasse, aber das Herz ist Gott weiß wohin gewandert"—damit verabschiedete sich einer von mir, ganz betrübt.

Anfang September bin ich in Naumburg. Dorthin kommen auch Overbecks. Auch Frau von Wöhrmann (sie löst ihren Haushalt in N[aumburg] auf und geht nach Venedig zurück) Der Sohn von Frau von W[öhrmann] und ebenso sein Freund Graf Werthern, die das Naumburger Gymnasium besuchen, kommen zu uns in's Haus.4 Haben Sie die "Menschen des 18. Jahrhunderts" von St. Beuve?5 Es sind herrliche Gemälde von Menschen und St. B[euve] ist ein großer Maler. Aber ich sehe über jeder Gestalt noch eine Bogenlinie, die er nicht sieht, und diesen Vorsprung gibt mir meine Philosophie. Meine Philosophie? Hole mich der Teufel! Und Sie möge der liebe Gott holen—er hat Freunde an allen Köselitzen.

Treulich der Ihre
FN.

1. Cf. the first stanza of "Was Gott thut, das ist wohlgethan" by Samuel Rodigast: "Was Gott thut, das ist wohlgethan, / Es bleibt gerecht sein Wille; / Wie er fängt meine Sachen an / Will ich ihm halten stille. / Er ist mein Gott, der in der Noth / Mich wohl weiss zu erhalten: / Drum lass' ich ihn nur walten." See Marian Van Til, George Frideric Handel. A Music Lover's Guide to His Life, His Faith & the Development of Messiah and His Other Oratorios. Youngstown: WordPower Publishing, 2007, 273: "What God does, that is rightly done, / His will is just forever; / Whatever course he sets [for] my life / I will trust him with calmness. / He is my God, who in [my] distress / Knows well how to support me: / So I yield him all power." Rodigast's words and melody were also used by Bach (Cantatas 12, 98-100).
2. "Hence my tears." Cf. Terence, Andria, i:i (v. 99). Or: Publii Terentii Afri, Andria....London: Walton & Mayberly, 1858, 17.
3. Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) stayed in Marienbad in August 1823.
4. Emma von Wöhrmann, b. von Budberg (1839-1881); Sidney von Wöhrmann (1862-?); Otto von Werthern.
5. Charles-Augustin Sainte-Beuve (1804-1869): French writer. Ida Overbeck was the anonymous translator of: Menschen des XVIII. Jahrhunderts nach den Causeries du lundi von Sainte-Beuve. Chemnitz: Schmeitzner, 1880.

 



Gustav Krug.
Ca. 1900.
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Genoa, 16. November 1880:
Brief an Gustav Krug.

Hier in Genua, mein lieber Gustav, finde ich Deine Trauerkunde,1 ich schreibe schnell ein paar Zeilen, unvorbereitet, wie es auf der Reise zugeht und mehr ein Zeichen meines Mitgefühls als ein Ausdruck desselben. Dazu ist es, wie mich eben der Kalender belehrt, Dein Geburtstag — Du wirst mit einer besondren Wehmuth heute auf Dein Leben zurückblicken! Wir werden älter und damit einsamer: gerade jene Liebe verläßt uns, die uns wie eine unbewußte Nothwendigkeit liebte, nicht wegen unsrer besondren Eigenschaften, sondern oft trotz derselben. Unsere Vergangenheit zieht sich zu, wenn die Mutter stirbt: da erst wird unsere Kindheit und Jugend ganz Erinnerung. Und dann geht es weiter, es sterben die Jugendfreunde, die Lehrer, die Ideale jener Zeiten — immer mehr Einsamkeit, immer kältere Winde umblasen uns. Du hast gut gethan, einen Garten der Liebe wieder um Dich zu pflanzen, lieber Freund!2 Ich glaube, daß Du heute Deinem Schicksal besonders dankbar sein wirst. Sodann bist Du Deiner Kunst treu geblieben, ich höre alles, was Du davon, mir meldest, mit einer innigen Befriedigung, und vielleicht kommt ein Alter, meinem Leibe günstiger als die jetzigen Zeitläufte, wo wir wieder zusammen sitzen und Vergangenes aus Deinen Tönen heraus wieder auferstehen sehen, so wie wir wohl in unserer jugendlichen Musik Beide zusammen von unsrer Zukunft geträumt haben.3

Mehr darf ich nicht sagen, mein Leiden (das immer noch, nach wie vor, jeden Tag seine eigne Geschichte hat) legt seine gebieterische Hand auf mich. Du darfst glauben, wenn Du an mich denkst (wie Du es zu meinem Geburtstag gethan hast, den ich selber diesmal vergessen hatte) daß ich nicht des Muthes und der Geduld ermangele und hohen, sehr hohen Zielen auch so, wie es nun einmal steht und geht, nachstrebe —

Du darfst ebenso bestimmt glauben, daß ich Dein Freund bin und bleibe

In herzlicher Liebe mit Dir verbunden
Friedrich Nietzsche.
(Genova)

1. The death of Clementine Krug (1811-1880): Gustav Krug's mother.
2. Krug's marriage. See Nietzsche's 11-14-1873 letter to Krug.
3. Nietzsche and Krug were friends since childhood, a friendship strengthened by the fact that Krug's father was an excellent musician and composer. See Nietzsche's autobiographical work, "From My Life." In: Nietzsche's Writings as a Student, 11.

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