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Nietzsches Briefe

1877

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Carl Fuchs.
1869.
From b/w photo by Ernst Ulrich.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Rosenlauibad, Ende Juli 1877:
Brief an Carl Fuchs.

Lieber Herr Doktor, ich war von Rosenlaui ein paar Wochen abwesend: bei der Rückkehr fand ich mich durch Sie so reich beschenkt, daß ich zwei drei Tage laufen lassen mußte, um den Schatz ganz zu heben.1 Es gieng mir alles so recht zu Herzen und Sinnen, was Sie schrieben; namentlich danke ich Ihnen für die Schilderung des "Abends" und der Vorbereitung dazu,2 ich glaube sogar es flossen meine Thränen dabei; was ich Ihnen nur erzähle, um zu beweisen, daß ich Ihnen nicht sehr fern stehe, mag geschehen und gesagt worden sein, was da wolle.3 Überhaupt: mir scheint doch dabei etwas Gutes herausgekommen zu sein, daß ich damals, in einer so unerquicklichen und harten Weise, mein Herz erleichterte: denn ich fühle es jetzt zu deutlich, daß meine Empfindung für Sie verändert ist, in’s Hoffnungsreiche, Freudige. (Ein Skeptiker würde sagen: da sieht man, was einige Gran Unrecht in der Einen Wagschale nützen können.) Das Übrige wollen wir nun einer persönlichen Begegnung überlassen, welche hoffentlich nicht mehr in weiter Ferne zu suchen ist. Komme ich nach Basel (Anfang September, denke ich), so soll auch meinerseits an Volkland ein Wort gerichtet werden.4 Es war zweifelhaft, ob ich wieder zurückkehren würde: denn ich habe, noch in diesem Frühjahr, ernstlich in Erwägung ziehen müssen, ob nicht meine Baseler Stellung aufzugeben sei; auch jetzt stehe ich mit Besorgniß vor dem nächsten Winter und seiner Thätigkeit: es wird ein Versuch, ein letzter sein. Von Oktober bis Mai war ich in Sorrent, zusammen mit drei Freunden5 — und — meinen Kopfschmerzen. Ich nenne Ihnen die verehrte Freundin,6 welche mütterlich dort für mich sorgte: es ist die Verfasserin der anonym erschienenen "Memoiren einer Idealistin" (bitte, lesen Sie dies ganz und gar ausgezeichnete Buch und geben Sie es Ihrer Frau Gemahlin!)7

Ihre rhythmische Taktzählung ist ein bedeutender Fund reinen Goldes, Sie werden viele gute Münzen daraus schlagen können. Mir fiel ein, daß ich, beim Studium der antiken Rhythmik, 1870, auf der Jagd nach 5- und 7taktigen Perioden war und die Meistersinger und Tristan durchzählte: wobei mir einiges über W[agner]'s Rhythmik aufgieng.8 Er ist nämlich so abgeneigt gegen das Mathematische, streng Symmetrische (wie es im Kleinen der Gebrauch der Triole zeigt, ich meine sogar das Übermaaß im Gebrauch derselben) daß er mit Vorliebe die 4taktigen Perioden in 5taktige verzögert, die 6taktigen in 7taktige (In den Meistersingern, III. Akt, kommt ein Walzer vor: sehen Sie zu, ob da nicht die Siebenzahl regiert). Mitunter — aber es ist vielleicht crimen laesae majestatis — fällt mir die Manier Bernini’s ein,9 der auch die Säule nicht mehr einfach erträgt, sondern sie von unten bis oben durch Voluten wie er glaubt lebendig macht. Unter den gefährlichen Nachwirkungen W[agner]'s scheint mir "das Lebendig-machen-wollen um jeden Preis" eine der gefährlichsten: denn blitzschnell wird’s Manier, Handgriff.

Ich habe immer gewünscht, es möchte Einer, der es kann, einmal Wagners verschiedne Methoden innerhalb seiner Kunst einfach beschreiben, historisch-schlicht sagen, wie er es hier, wie dort macht. Da erweckt nun das aufgezeichnete Schema, welches Ihr Brief enthält, alle meine Hoffnungen: gerade so einfach thatsächlich müßte es beschrieben werden. Die Andern, welche über Wagner schreiben, sagen im Grunde nicht mehr, als daß sie großes Vergnügen gehabt und dafür dankbar sein wollen; man lernt nichts. Wolzogen scheint mir nicht Musiker genug zu sein; und als Schriftsteller ist er zum Todtlachen, mit seiner Confusion artistischer und psychologischer Sprechweise.10 Könnte man übrigens, an Stelle des unklaren Wortes "Motiv" nicht sagen "Symbol"? Etwas anderes ist’s ja nicht. — Wenn Sie an Ihren "musikalischen Briefen" schreiben, so wenden Sie doch so wenig als möglich Ausdrücke aus der Schopenhauerschen Metaphysik an; ich glaube nämlich — Verzeihung! ich glaube, ich weiß es — daß sie falsch ist, und daß alle Schriften, welche mit ihr abgestempelt sind, bald einmal unverständlich werden möchten. Später darüber mehr, und auch dies nicht brieflich. — Über verschiedne meiner Bayreuther Eindrücke, aesthetische Grundprobleme berührend, möchte ich auch mit Ihnen mündlich mich verständigen, zum Theil mich von Ihnen beruhigen lassen. Ihren "Briefen" sehe ich mit solcher hungriger Erwartung entgegen, daß ich nicht einmal mich entscheiden kann, ob ich lieber Ihre Aufschlüsse über Beethovens Stil, Takt, Dynamik u.s.w. zuerst in Händen hätte oder Ihren Lehr- und Leitfaden durch die Nibelungen-Noth11 (denn Noth macht alles, was nibelungenhaft ist). Am allerliebsten speiste ich beide Bissen auf einmal und wollte mich dann gerne, der Boa gleich, in die Sonne legen, um still einen Monat lang zu verdauen.

Aber nun sagen die Augen: höre auf! Können Sie die Blätter noch eine Zeit entbehren? Oder ist’s besser, daß ich sie gleich schicke? — Ich bleibe noch vier Wochen in Rosenlaui.

Mehr noch nach wie vor

Ihr
F. Nietzsche.

1. In the second week of July, Fuchs wrote Nietzsche a letter that was 60 pages long!
2. The "evening" was in regard to a concert conducted by Fuchs for the fourth assembly of the musical society in Hirschberg, a society which Fuchs founded. The details of the event are summarized by Fuchs in his long letter. The program included: the Novelletten by Niels Wilhelm Gade, and Mozart's Symphony No. 40 in G minor. The previous event for the third assembly of the Hirschberger Musikverein took place on January 25, 1877. A synopsis of that program is available in Urania: Musik-Zeitschrift für Orgelbau, Orgel- und Harmoniumspiel, Jhrg. 34 (Nr. 5. 1877). Erfurt: Kôrner, 1877: 73.
3. They had a personal dispute in the past, stemming from an encounter at the first Bayreuth Festival in the summer of 1876, at which time Nietzsche vented his frustrations about Fuchs hanging around Wagner merely to get ahead professionally and purely out of self-interest. Fuchs was greatly offended and this led to a break in their correspondence.
4. Alfred Volkland (1841-1905): conductor in Basel. Fuchs was trying to obtain a position there.
5. Malwida von Meysenbug (1816-1903), Paul Rée (1849-1901) and Albert Brenner (1856-1878).
6. Malwida von Meysenbug, author of Memoiren einer Idealistin. Stuttgart: Auerbach, 1876.
7. Fuchs married the singer Clara Werner in 1868.
8. On this rather arcane subject, see James I. Porter, "Being on Time: The Studies in Ancient Rhythm and Meter (1870-72)." In: Nietzsche and the Philology of the Future. Stanford: Stanford Univ. Press, 2000.
9. Gian Lorenzo Bernini (1598-1680): Italian architect and master of the baroque style.
10. Hans von Wolzogen (1848-1938): editor of the Bayreuther Blätter.
11. "Der Nibelungen Not" is the title of a medieval poem (a/k/a Das Nibelungenlied) upon which Richard Wagner based his opera Der Ring des Nibelungen.

 



Title page:
Siegfried Lipiner, Der entfesselte Prometheus. Eine Dichtung in fünf Gesängen. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1876.

Jena, 3. August 1877:
Brief von Siegfried Lipiner an Nietzsche.

So sende ich Ihnen denn, hochverehrter Mann, zum zweiten Male meinen Prometheus,1 der Ihnen so viel zu verdanken hat. Ohne Phrase: Es würde mich geradezu glücklich machen, wenn Sie in mir wenigstens den Keim zu etwas Tüchtigem erblicken sollten.

Morgen fahre ich mit Rohden nach Rostock.2 Wohin ich mich dann wende, weiss ich noch nicht. Jedenfalls bitte ich, wenn Sie mich durch ein Schreiben erfreuen wollten, zu adressieren: S. L. bei Miss Jessie Giles, Wien, II. Praterstrasse, 48, 2. Stiege, 3. Stock.

Vergeben Sie die dumme Dedication.3 Sie ist ein Barbarismus, in kindlicher Unwissenheit begangen.

Möge Ihre theuere Gesundheit recht, recht bald wiederhergestellt sein! Leben Sie herzlich wol und empfangen Sie die aufrichtige Versicherung, dass Sie Niemand inniger verehren, ja lieben kann, als Ihr

Lipiner

1. For his first attempt, Lipiner sent his book to Nietzsche's house in Naumburg. Nietzsche was in Sorrento at the time, and never received it, as the postal authorities failed to forward it. This second attempt was forwarded by his mother to Nietzsche in Rosenlaui.
2. For Erwin Rohde's wedding.
3. Lipiner dedicated his book to Heinrich Laube (1806-1884): German dramatist who, at the time, was the director of the Vienna State Theater.

Rosenlauibad, 24 August 1877:
Brief (Fragment) an Siegfried Lipiner.

[+ + +] Also: Von jetzt an glaube ich, dass es einen Dichter giebt.1 [+ + +] sagen Sie mir sodann ganz unbefangen, ob Sie in Hinsicht auf Herkunft in irgend einer Beziehung zu den Juden stehen. Ich habe nämlich neuerdings so manche Erfahrungen gemacht, die mir eine sehr grosse Erwartung gerade von Jünglingen dieser Herkunft erregt hat.2 [+ + +] erst wenn mein Buch3 erschienen ist, wünsche ich, aber dann auch ganz dringend Ihre persönliche Begegnung: Vor dem wären zu viele Präliminarien nöthig, um sich nicht misszuverstehen — und ich habe wenig Zeit. — [+ + +]

1. An allusion to Lipiner's Der entfesselte Prometheus. Eine Dichtung in fünf Gesängen. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1876.
2. An allusion to his friendship with Paul Rée.
3. Menschliches, Allzumenschliches.

 


Siegfried Lipiner.
From b/w photo.
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Baden bei Wien, 10. September 1877:
Brief von Siegfried Lipiner an Nietzsche.

Nietzsche, mein theuerer Nietzsche, wie fände ich Worte, Ihnen zu danken?

Sie nennen sich ohnmächtig? Hätten Sie mich nur gesehen, wie ich, von langer irrer Wanderfahrt heimgekehrt, trübe, müde, über allen Ausdruck bedürftig, dasass und den eben durch Erfahrung gewonnenen Satz überdachte, dass sich innere Unruhe nicht durch äussere bannen lässt, wie nun meine süsse Freundin1 auf mich zutrat und mir Ihren Brief überreichte (der mir meines häufigen Ortswechsels wegen nicht hatte nachgeschickt werden können), wie ich nun las und wieder las und mit feuchtem Auge auf jenen prophetischen Worten Ihrer sorgenden Liebe verweilte, wie ich dann, "aus wild webendem Bangen"2 aufgeweckt, gekräftigt, ermuthigt, mich in dem seligen Gedanken wiegte, dass ich nun vielleicht dem Herzen meines Nietzsche nicht mehr fremd und gleichgiltig sei — Sie hätten wahrhaftig Ihre Macht gepriesen, nicht Ihre Ohnmacht bedauert.

Was Sie fürchten, ist schon — überwunden. Spotten Sie nicht! O, ich weiss es wol, dass man mit noch nicht 21 Jahren nicht triumphiert. Aber ich war in einer heissen Schlacht und habe den Schrecken in's Auge gesehen, ohne zu versteinern. Was kann mir nun noch geschehen? Ich kann — ich werde leiden, bluten, zweifeln; zu Grunde gehen werde ich nimmermehr.

Ich spreche vom innern Feinde: Er hat mich im letzten Halbjahr furchtbar gefoltert. Doch mehr kann er nicht thun, als mich vor das Unbesiegbare zerren und mich, den Stolzen, demüthigen. Das werde ich, wiewol zähneknirschend, ertragen; denn ich weiss, dass ich viel des Besiegbaren zu besiegen habe und an Diesem werde ich mich für das Andere rächen. — Was noch? Er kann mir jede Freude vergällen, kann mir die Jugend kürzen, kann, wie ein Alp, unabwälzbar auf meiner Seele lasten, kann, während ich das Wort der Freude spreche, aus den Tiefen meines Wesens, wie ein Gespenst, emporsteigen, meine Rede verwirren und meine Stimme erzittern machen und mein Herz geisseln und betäuben, dass es keinen Antheil hat an der Rede des Mundes — ich habe Ihnen hier ein Phänomen mehr genannt, als beschrieben, das mich Tag um Tag peinigt — das kann er: doch habe ich eine mächtige Waffe gegen diess Gespenst. Ich blicke ihm scharf in's Angesicht, und siehe! wie vom Feuer meines eigenen Auges belebt, erglüht die Gestalt und ihre Wangen röten sich und auf der harten Tafel ihres Antlitzes erscheinen seltsame Schriftzeichen: tiefe Züge, mild und unerbittlich zugleich; was sie fordern, ist aber Liebe und Liebesopfer, und ich kann nicht anders: ich muss sie lieben, wiewol sie mich, den hoffährtigen Sterblichen, gedemüthigt; denn sie ist schön, wie eine leidende Göttin, und wenn sie tödtet, so ist das Leben sicher nicht lebenswert. Aber sie tödtet nicht. Immer milder, immer schöner werden ihre Züge, und meine Liebe wird immer heisser. Endlich, auf dem Höhepunkte meines Verlangens, muss ich hell auflachen in kindischer Lustigkeit; denn das schreckliche Gespenst steht als ein wolbekanntes herrliches Weib vor mir, das ich in den ersten Kindheitsträumen schon erschaut; alle Qual ist vergessen, verzaubert steht sie vor meinem, ich vor ihrem freudigen Blicke; und ich nenne sie mit vielen Namen, denn den wahren weiss ich nicht. Jetzt heisst sie mir: Echo — und so heisst auch die Dichtung, an der ich arbeite.

Zürnen Sie nicht, mein Freund, rathen Sie nicht ab! Es muss sein; meine Seele findet nicht eher Ruhe, als bis sie sich sieht. Sie wissen nicht, wie ich gelitten habe und noch leide. Ich muss den Dämonen, die nach Leben rufen, das Leben geben. Ich kann nicht anders. Bitte, rathen Sie nicht ab! Es würde mich schmerzen. Ich bin, wie Einer, der nicht schlafen kann und durch schwere Arbeit sich ermüdet, um dann den Schlaf zu finden. — Wenn die "Echo" geschrieben ist, werde ich ruhn, lange ruhn. Den Winterschlaf habe ich ja geschlafen; ach! leider den Sommerschlaf auch. Mit innerem Grimme habe ich meine pochenden Schläfen gefühlt, gehört, möchte ich fast sagen. Doch nun muss ich gesund werden. "Echo" wird Ihnen alles Sagbare sagen; was aber von der Kriegsgeschichte meiner Seele unerzählbar ist, werden Sie errathen, ja besser, als ich, verstehen. — Rohden3 habe ich die ersten 5 Gesänge, die ich in Elgersburg geschrieben hatte, vorgelesen; er fand sie und den ganzen Plan "ganz grossartig"; ich habe aber das Geschriebene in's Feuer geworfen und fange von vorne an. Mir gefällt's nicht mehr.

Meine Umgebung ist eine freundliche; doch habe ich nicht eigentlich einen Freund; ich wandere einsam meinen Weg. Manchmal wird mir sehr schlecht zu Muthe und meine Sehnsucht wird übergross. Von unten tönen mir gütige Stimmen herauf, doch ist Niemand zu sehen. — Meine Jessie ist ein herrliches Weib. Doch glücklich zu werden, ohne glücklich zu machen — das vermag ich nicht. Ja, wenn ich nur liebte, ohne geliebt zu werden! mir wäre woler. Was kann ich, der Unheimische, ihr, der klaraugigen Kinderseele, bieten?

Sie haben nach meiner "Lebenssicherheit" gefragt. Ich kenne sie nicht, seit meinem 14ten Jahre nicht. — Ich habe Nichts und stehe allein. Ich muss Lectionen geben, was mir im kommenden Winter überaus schwer fallen dürfte, da ich erschrecklich viel zu arbeiten habe und mein Kopf krank ist. Nur besondere Glücksumstände haben es mir in diesem Sommer möglich gemacht, die Kette abzustreifen. In wenigen Wochen geht die alte Leier wieder an. Und wenn ich nur Lectionen bekomme!

Ich bin Jude. — Wie? Sie haben gegen L.4 nichts? Wissen Sie auch, wie er jetzt bei uns wirtschaftet?

Unbeschreiblich sehne ich mich nach Ihrem Buche.5 Wenn es erschienen ist, verschlinge ich's sofort. Und dann stürme ich auf Sie ein; denn wir müssen uns bald, recht bald sehen. Ich habe Sie geliebt, seitdem ich den ersten Blick in den "Strauss"6 geworfen. Und ich kann mir Nichts denken, was mich jetzt mehr, als Ihre Liebe, beglücken könnte. Ihr Buch wird doch wol noch vor Weihnachten erscheinen? — Wissen Sie, dass ich mit Ihnen fast, wie mit einem Gegenwärtigen, verkehre, wozu die Photographie, die mir Ihre gütige Mutter geschenkt,7 nicht wenig beiträgt?

Schreiben Sie mir doch von Zeit zu Zeit, wenn auch nur zwei Zeilen: vor Allem über Ihre Gesundheit. — Kann ich Ihnen nicht die Correctur Ihres Buches besorgen? Ich wäre ganz verrückt-froh, wenn Sie es erlaubten. Schmeitzner soll's nur zu mir schicken: unter obiger Adresse. So kommen Ihre Augen und ich am besten weg. Gut?

Ihr
Siegfried Lipiner

1. Jessie Giles
2. "amid wild weaving fear." Cf. Richard Wagner, Die Walküre, 3, 3.
3. Lipiner met Erwin Rohde in Jena in July 1877.
4. A reference to a missing part of Nietzsche's letter above, possibly referring to Paul de Lagarde.
5. Menschliches, Allzumenschliches.
6. Unzeitgemäße Betrachtungen I. David Strauss. Der Bekenner und der Schriftsteller.
7. Lipiner visited Nietzsche's mother sometime in July 1877.

 


"Pollice Verso."
By: Norman Lindsay.
Pen and ink, 1904.1
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München, 26. September 1877:
Brief von Baronin von Seydlitz.

Geehrter Herr Professor und sehr lieber Freund meines Sohnes, entscheiden Sie einen Streit der sich neulich unter Bekannten entsponnen hat.2

Bedeutet "verso pollice" für den gefallnen Gladiator seine gänzliche Vernichtung oder das Zeichen der Gnade. Verschiedene Bücher habe ich durchgesehen, es ist nichts Sicheres zu finden. Sagen Sie gütigst ein Wort an meinen Sohn darüber,3 ich bleibe nur drei Tage hier.

Mit besten Grüßen und Wünschen für Ihre Gesundheit.
Baroness von Seydlitz
geb. von Gumperts

1. View Lindsay's work in TNC's Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Part 7. Death and Influence: 1900-present.
2. The letter was attached to a 09-26-1877 letter from Reinhardt von Seydlitz.
3. See Nietzsche's 09-28-1877 reply.

 


Reinhart von Seydlitz.
Ca. 1875.
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[Basel, 28. September 1877]:
Postkarte an Reinhardt von Seydlitz.

Haben Sie, lieber Freund, die Karte? Verargen Sie es mir nicht, wenn auch heute kein Brief kommt. Ergebensten Dank an Ihre verehrte Frau Mutter, daß sie mir Gelegenheit giebt, Philologe zu sein (ich vergesse es mitunter).1 pollice verso heißt: "den Daumen gegen die Brust gerichtet": die Gebärde, mit der das Volk die Tödtung des Gl[adiators] verlangte, pollicem premere "den Daumen drücken" wörtlich: dh. "eine Faust machen und den Daumen hinein verstecken" ist dasselbe wie unser "Jemandem den Daumen halten,"2 als Zeichen der Gunst. Mit Aufhebung des Zeigefingers flehte der Gl[adiator] die Gnade des Volkes an; die Gewährung derselben, durch die erwähnte Gebärde, heißt missio.3 Den Dreien4 herzl[iche] Grüsse von den Zweien.5

1. See 09-26-1877 letter from Baroness von Seydlitz.
2. Literally, "to press one's thumb for someone," i.e., "to keep one's fingers crossed for someone."
3. Reprieve.
4. Seydlitz, his wife, and his mother.
5. Nietzsche's sister was living with him at the time.

 


Title page:
Malwida von Meysenbug, Memoiren einer Idealistin.
Bd. 1. Stuttgart: Auerbach, 1876.

Wien, 15. Oktober 1877:
Brief von Siegfried Lipiner u. a. an Nietzsche.

Hochverehrter Herr Professor!

Eine kleine Schaar junger Männer,1 welche schon lange eine Gelegenheit herbeigewünscht hat, um Ihnen den Ausdruck aufrichtiger Verehrung und inniger Dankbarkeit darzubringen, naht Ihnen heute, als an Ihrem Geburtstage, mit ehrerbietigem Gruss und herzlichsten Glückwünschen. Wir glauben ganz in Ihrem Sinne zu verfahren, wenn wir nicht sowol in Worten zu schildern versuchen, wie sehr uns Ihre Schriften2 ergriffen haben, als wenn wir Ihnen die Versicherung geben, dass diese Ergriffenheit in jedem von uns den ernsten Entschluss gefestigt hat, Ihnen, als unserem vorleuchtenden und hinreissenden Beispiele, zu folgen und — so weit unser Können reicht — mit kräftigstem Wollen, selbstlos und wahrhaftig, wie Sie, nach der Verwirklichung jenes Ideals zu streben, welches Sie uns in Ihren Schriften, namentlich in Ihrem "Schopenhauer als Erzieher" gezeichnet haben. Wir sagen es, in vollem Bewusstsein der schweren Pflicht, welche wir uns dadurch auferlegen, dass Keiner von uns den Gedanken ertragen würde, sich in irgend einem Wollen und Thun vor einem Vorbilde, das, wie Sie, mächtig-gegenwärtig in uns lebt, schämen zu müssen.

Für das Beispiel, das Sie uns gegeben, für den Mut mit dem Sie uns beseelt, für die Fülle erhabener Gedanken, die Sie uns mitgetheilt, empfangen Sie, hochsinniger Mann, unseren warmen Dank. Zu Ihrem Geburtsfeste aber wünschen wir Ihnen, dass es Ihnen noch lange vergönnt sein möge, in voller Kraft zu schaffen und zu wirken, und dass Ihr Schaffen und Wirken lebendige und herrliche Früchte trage, Ihnen und Anderen zur Freude. Diess wünschen wir Ihnen und uns selbst.

Siegfried Lipiner
Max Gruber
Victor Adler
Sigmund Adler
Heinrich Braun
Engelbert Pernerstorfer

Im Auftrage: Seraphin Bondi3

48, Praterstr. Wien. 15. Oktober 1877

Mein herrlicher Freund!

Heute ist Ihr Geburtstag. Daran denken wir in Wien vielleicht mehr, als Sie selbst. Ich hatte mit mehreren Freunden schon vor langer Zeit das verabredet, was nun geschehen ist, und habe als Glied unserer Schaar mitunterzeichnet. Ausserdem möchte ich Ihnen aber noch sagen, wie sehr ich Sie, so zu sagen persönlich liebe, wie treu mein Herz an Ihnen hängt und wie ich hoffe, dass diese Treue nicht bloss in den Grenzen des Persönlichen fruchtbar werden wird. Werden Sie und bleiben Sie gesund, mein Theuerer, und möge Ihre heroisch-gefasste Seele von kleinen Schmerzen verschont werden, und damit auch, — wenn möglich! — Ihr grosser Schmerz weiche oder wenigstens Linderung erreiche, wünsche ich heiss, dass unser Volk, dass Ihr grösseres Selbst gesunde. —

Und bleiben Sie mir gut! Ich leide sehr und bedarf Ihrer. Wenn ich nur weiss, dass Sie von Zeit zu Zeit meiner gedanken, so tut's mir in innerster Seele wol. Dass ich Sie doch bald sehen, dass ich Ihnen doch immer näher rücken dürfte! dass doch alle Schranken zwischen uns fielen! Ah! Es ist etwas Grosses, — durch das Ueberpersönlichste das Persönlichste zu erringen! — Ich danke Ihnen sehr, mein Guter, für Ihre Bemühungen.4 Eine Erzieherstelle wäre mir sehr lieb, wenn ich Aussicht hätte, etwas Rechtes wirken zu können, ich meine, wenn im Zögling nicht das Unveränderliche elend wäre. Dann würde ich einer solchen Thätigkeit meine volle Kraft mit herzlicher Freude zuwenden. Ich traue mir darin etwas zu, da ich wirklich Einiges erreicht habe und eigentlich immer, durch eine innere Nöthigung, Erziehungsobjekte suchte und studierte, zumeist ohne ein weiteres Interesse. Ich könnte in allen Gymnasialgegenständen Unterricht geben, nur nicht in beschreibenden Naturwissenschaften. Das Liebste wäre mir, wenn ich irgend einen jungen Menschen — und wär's ein Mädchen — philosophisch aufwühlen und in Thätigkeit bringen könnte. Das wäre herrlich! Da wäre ich zu Hause. (Ich war übrigens immer ein famoser Schüler und habe immer unterrichtet, seit meinem 14. Jahre.)

Nur müsste ich freilich für das Ungeheure, das ich zu thun und zu lernen habe, Zeit übrig behalten. Doch überlasse ich Das ganz Ihnen, dem ich ja dergleichen nicht an's Herz zu legen brauche. Wenn's in Basel oder in Italien sein könnte, dann wäre ich glücklich: namentlich — für jetzt — in Basel.

Die "Mem[oiren] e[iner] Id[ealisten]"5 hatte ich nicht gekannt. Ich habe sie mir gleich angeschafft und lese sie jetzt so eifrig, als es "Echo"6 erlaubt. Es ist herrlich! Man schämt sich ordentlich vor diesem Weibe. Wenn ich fertig bin, schreibe ich an's Fräulein von Meysenbug. — Bitte, grüssen Sie doch Herrn Prof. Overbeck in meinem Namen auf's Herzlichste und Ehrerbietigste; ich habe seine Streit- und Friedensschrift7 gelesen und bin entzückt. Über den letzten Theil muss ich noch nachdenken. Innigen Dank an den Verfasser!

Nun, mein lieber Mithegelianer, lesen Sie den mitgeschickten Aufsatz8 über den P[rometheus]. Was sagen Sie dazu? — Dieser Volkelt ist übrigens ein ungemein schätzenswerther Mensch: ein sehr begabter Kopf, ein offenes Herz, ein klares Auge. Zum Unglück ist er in die Hegelei gerathen. Was er da von unserer Übereinstimmung mit Hegel sagt, ist ja ganz richtig, sofern es sich auf Das bezieht, was nicht erst Hegel, sondern schon Heraklit gesagt hat. Dagegen die absurde Weltlogik — nach Hegel's Lehrbuch gebaut — und vor allem den Hauptkrebsschaden, die platte Auffassung der Zeit ist V[olkelt] nicht los geworden, und das schädigt ihn überall. Ich habe viel an ihm gearbeitet und werde es noch weiter thun. Es ist der Mühe werth. Er ist sehr ehrlich. — Was er gegen Ihre Auffassung des Liedes sagt,9 beruht auf einem einfachen Misverständnis. — Er ist nicht musikalisch und kennt Wagner kaum.

Von der "Echo" liegen nun 5 Gesänge fertig da. Jetzt bin ich zufrieden. Ich spreche die Verse während des Schreibens laut vor mich hin und denke mir Sie als Zuhörer. Was Sie nicht billigen, wird anders gemacht. Ich arbeite jetzt am 6. Gesang. Doch bezahle ich jede Stunde Arbeit mit 3 Stunden Kopfweh. Er ist ein Elend!

Wie geht es Ihnen, Ihren Augen? Wann erscheint Ihr Buch?10 Wollen Sie mich corrigieren lassen? Sie schreiben ja Nichts darüber. — Sie haben wenig Zeit, aber hie und da werden Sie doch eine Karte hernehmen und darauf schreiben: "Befinde mich wol" und mir schicken. Ja?

Der Collectiv-Brief freut Sie doch? Er ist sehr ernst gemeint. Wir hätten viel mehr Unterschriften haben können, wenn wir's weniger strenge genommen hätten.

Ihr Buch kann ich kaum erwarten. Bitte, wie stehen Sie zu F. A. Lange? ("Gesch[ichte] d[es] Materialismus." "Arbeiterfrage.")11 Ich verehre ihn hoch.

Nun leben Sie recht herzlich wol, mein lieber theurer Nietzsche, und schreiben Sie bald. Die Correctur dürfen Sie nicht selbst besorgen, bei Ihrem Augenübel. Ich werde es ganz gut machen.

In Liebe und Treue
Siegfried Lipiner


1. Lipiner was a member of the student organization at the University of Vienna, the "Leseverein der deutschen Studenten Wiens" (the group existed from 1872-1878). Amidst its members, he had assumed leadership of the "Pernerstorfer circle," or the so-called "Nietzsche Society." Earlier overtures by the group to Nietzsche were made in April and June 1876 by another member, Joseph Ehrlich. For more information on the "Pernerstorfer circle," see Aldo Venturelli, "Nietzsche in der Berggasse 19. Über die erste Nietzsche-Rezeption in Wien." In: Kunst, Wissenschaft und Geschichte bei Nietzsche. Berlin; New York: de Gruyter, 2003, 257-290 (also in Nietzsche-Studien, 13 (1984): 448-480). William J. McGrath, "Mahler and the Vienna Nietzsche Society." In: Jacob Golomb, ed., Nietzsche and Jewish Culture. London: Routledge, 1997, 218-232. Reinhard Gasser, "Kontakte mit Nietzsche-Verehrern in der Studentenzeit." In: Nietzsche und Freud. Berlin; New York: de Gruyter, 1997, 7-29. For more details on Lipiner, see Siegfried Mandel, "The Lipiner Interlude." In: Nietzsche & the Jews. Exaltation & Denigration. Amherst: Prometheus, 1998, 123-136. Cf. 04-02-1884 letter to Franz Overbeck.
2. Nietzsche's writings before Menschliches, Allzumenschliches.
3. Siegfried Lipiner (1856-1911); Max Gruber (1853-1927); Victor Adler (1852-1918); Sigmund Adler (1853-1920); Heinrich Braun (1854-1927); Engelbert Pernerstorfer (1850-1918); Seraphin Bondi (1854-1896). Along with Joseph Ehrlich (1843-1899), Josef Paneth (1857-1890) was an earlier member of the group.
4. A reference to a missing part of Nietzsche's letter above. Nietzsche might have offered assistance with Lipiner's living arrangements in Basel.
5. Malwida von Meysenbug, Memoiren einer Idealistin. Stuttgart: Auerbach, 1876.
6. Title of a poem by Lipiner.
7. Franz Overbeck, Ueber die Christlichkeit unserer heutigen Theologie: Streit- und Friedensschrift. Leipzig: Fritzsch, 1873.
8. Johannes Volkelt, "Der entfesselte Prometheus." In: Die Wage. Wochenblatt für Politik und Literatur. Herausgegeben von Dr. Guido Weiß. 5. Jahrgang. Nr. 38. Berlin: Selbstverlag, 1877, 602-607; 617-62
9. ibid., 607.
10. Menschliches, Allzumenschliches.
11. Friedrich Albert Lange, Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Iserlohn: Baedeker, 1866. Die Arbeiterfrage. Ihre Bedeutung für Gegenwart und Zukunft. 3. Aufl. Winterthur: Bleuler-Hausheer, 1875.

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