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Nietzsches Briefe

1874

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Malwida von Meysenbug.
From b/w photo, 1880.
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Basel, 11. Februar 1874:
Brief an Malwida von Meysenbug.

Verehrte Freundin!

Ich wußte gar nicht mehr, wo ich Sie mit meinen Gedanken suchen sollte; von Gersdorff erfuhr ich nur, daß Ihre Bayreuther Existenz ein Ende erreicht habe; nun höre ich, wo Sie sind, einsam und krank, so daß ich am liebsten gleich Ihnen nachgereist wäre, wenn es nur irgendwie mit meinem Amt, mit meinen Pflichten verträglich wäre.1 Dafür verspreche ich Ihnen einen Besuch in Rom.2 Oder wäre es nicht in Erwägung zu ziehen, ob Genf oder Lugano Ihrer Gesundheit wohlthut; zeitweilig habe ich selbst daran gedacht, Ihnen Basel vorzuschlagen, denn bis jetzt haben wir einen milden und sonnigen Winter gehabt, und erst seit gestern giebt es Schnee und wirkliche Kälte. Wenigstens weiß ich, daß der Unterschied unseres Klimas mit dem Bayreuther bedeutend ist, und daß wir das Blühen der Bäume fast vier Wochen früher haben. Sehen Sie in diesem Vorschlage nichts, als den herzlichsten Wunsch, Ihnen einmal wieder näher gerückt zu sein; denn ein Leiden haben wir mit einander gemeinsam, welches schwerlich andere Menschen so stark empfinden, das Leiden um Bayreuth.3 Denn, ach, unsere Hoffnungen waren zu groß! Ich versuchte erst, gar nicht mehr an die dortige Noth4 zu denken, und, da dies nicht angieng, habe ich in den letzten Wochen so viel als möglich daran gedacht und alle Gründe scharf geprüft, weshalb das Unternehmen stockt, ja weshalb es vielleicht scheitert. Vielleicht theile ich Ihnen später etwas von diesen Betrachtungen5 mit; zunächst, nämlich etwa in vierzehn Tagen, bekommen Sie etwas anderes von mir, die von Ihnen erwartete Numero 2 mit dem Titel "vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben."6 Die Numero 2 erinnert mich daran, daß man gestern in Ludwigsburg David Strauß begraben hat.7

Und was macht Frau Monod, und ist es wahr, daß sie einen Knaben geboren hat?8

Sie sehen, ich diktirte9 bis jetzt, also geht es meinen Augen nicht gut. Doch jedenfalls besser. Ach könnte ich Ihnen helfen! Oder irgendwie nützen! Ich denke mit Mitleiden an Sie Arme und bewundere, wie Sie das Leben zu ertragen wissen. Dagegen gerechnet bin ich ein Glücksprinz und muss mich schämen. Meine Wünsche sind um Sie!

Ihr Friedr. Nietzsche

1. Malwida von Meysenbug lived in Bayreuth from August 1873, but left for Italy when she contracted an ear infection. She sought treatment in San Remo, and eventually settled permanently in Rome.
2. Nietzsche visited her in Rome at the end of April 1882.
3. Due to the problem of raising funds for Richard Wagner's Bayreuth Festival.
4. King Ludwig II eventually guaranteed the performances at the Bayreuth Festival.
5. Nietzsche's notes that were eventually used for his Unzeitgemässe Betrachtungen, 4. Richard Wagner in Bayreuth, (Untimely Meditations, 4. Richard Wagner in Bayreuth). German Text.
6. Nietzsche had written Unzeitgemässe Betrachtungen, 2. Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, (Untimely Meditations, 2. On the Use and Abuse of History for Life). German Text.
7. Cf. Basel, 02-11-1874: Letter to Carl von Gersdorff: "Gestern hat man in Ludwigsburg David Strauss begraben. Ich hoffe sehr dass ich ihm die letzte Lebenszeit nicht erschwert habe und dass er ohne etwas von mir zu wissen gestorben ist." (Yesterday they buried David Strauss in Ludwigsburg. I really hope that I didn't make life difficult for him and that he died without knowing anything about me.)
8. On December 24, 1873, Malwida von Meysenbug's foster-daughter Olga Herzen (1851-1953), who was married to the French historian Gabriel Monod (1844-1912), gave birth to Édouard Monod-Herzen (1873-1963).
9. Nietzsche had started dictating to Adolf Baumgartner (1855-1930): a student of Jacob Burckhardt and Nietzsche at the pedagogium in Basel, and the son of Marie Baumgartner. Baumgartner left Basel in the autumn of 1874, serving in the Hussars for his one-year military service. He returned to Basel to resume his studies, which ended in the summer of 1877. On Nietzsche's advice, he went to Jena in the autumn of 1877 to study under Erwin Rohde, but their relationship soured. Baumgartner went on to write a philological book on the Armenian historian, Moses of Khoren (ca. 410-490s). See Adolf Baumgartner, Dr. M. Lauer und das zweite Buch des Môses Chorenazi. Leipzig: Stauffer, 1885. In 1878, Nietzsche gifted him a dedicated copy of Ralph Waldo Emerson's Neue Essays (Letters and Social Aims). Autorisirte Uebersetzung mit einer Einleitung von Julian Schmidt. Stuttgart: Abendheim, 1876. The dedication reads: "Herrn Adolf Baumgartner / als Gefährten für einsame / Spaziergänge / empfohlen. / / Und dabei gedenken Sie auch / meiner! — / / F. Nietzsche / Ende 1878." (Mr. Adolf Baumgartner / Recommended as a companion on lonely walks. / / And with it remember me too! — / / F. Nietzsche / Ende 1878.) For further biographical details on Baumgartner, see Emil Dürr, "Adolf Baumgartner 1855-1930." In: Basler Jahrbuch. 1932, 211-242.

 


Adolf Baumgartner as a young man.
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Basel, 15. Februar 1874:
Brief an Erwin Rohde.

Einen schönen Sonntagsgruss zuvor, liebster Freund! Lebst Du im grauen Norden?1 Wir haben so reine warme Tage und viel Sonnenschein, ja sogar schon tieffarbige Sonnenuntergänge. Der ganze Winter hat uns einen einzigen Schneetag gegeben. Seit Neujahr habe ich auch vernünftiger und sorgfältiger gelebt, so dass ich mein Befinden heute loben kann. Nur die Augen! Ein Schreiber thut mir noth! Zwar ist mir hier, seit einem halben Jahr ein äusserst sympathischer talentvoller Schüler erwachsen, der bereits recht zu uns Allen gehört: Baumgartner mit Namen, ein Elsasser, Sohn eines Mühlhausener Fabrikanten.2 Der kommt jeden Mittwoch Nachmittag und bleibt den Abend; da wird diktirt, vorgelesen, Briefe geschrieben. Kurz das ist ein rechter Gewinn für mich und, wie ich verspreche, einstmals für uns Alle. Ostern will ich wieder nach Naumburg,3 um dort noch einmal recht systematisch der Ruhe und der Gesundheit zu leben: so werde ich's denn auf die Dauer schon aushalten. Seit Weihnachten habe ich vielerlei durchgedacht und musste in so entfernten Gegenden schweifen, dass ich, beim Eintreffen der Correcturbogen, öfters zweifelte, wann ich dies Zeug eigentlich geschrieben habe, ja ob das Alles von mir sei.4 Ich locke jetzt sehr stark wider den Stachel5 der politischen und Bürgertugend-Pflichten und habe gelegentlich selbst über das "Nationale"6 hinausgeschwiffen — Gott bessere es und mich!

Du hast, bei aller Deiner Noth,7 nun auch noch die Correctur-Noth8 gehabt, guter treuer Freund. Jedes Winkchen ist dankbarlich benutzt ("ausgelitzt"9) worden, und mancher Flecken ist durch Deine Hand abgestreift worden. Eine Anzahl Sonderlichkeiten gingen übrigens nicht auf mich, sondern auf die Abschrift meines schwer leserlichen Manuscriptes zurück. Leider habe ich gerade für den letzten Bogen Deine Hülfe nicht mehr benutzen können. Ich glaubte, aus mehrern Gründen, man habe vergessen, Dir den letzten Bogen zuzusenden, und die Sache hatte Eile. Glücklicher Weise habe ich den ärgsten Anstoss selbst gehoben, auch durch Streichen von c. 1 Seite Text die Schlusspartien etwas erleichtert.10 Eine gewisse Allgemeinheit war übrigens geboten, weil ich Rücksichten auf speciellere Ausführungen in späteren Unzeitgemässheiten zu nehmen hatte.11 So mag denn das Unthier laufen — wem wird's Freude machen? Wer wird's auch nur lesen! Ich glaube, man wird auf eine ungeheure Dummheit bei mir schliessen — und man wird wirklich Recht haben! Nur halte ich es wirklich in der Gescheidtheit nicht mehr aus und ziehe mich auf mich selbst zurück. Ich kann wirklich nicht anders; aber nicht wahr, Du wirst mich deshalb nicht gleich verachten? Denn ich denke eigentlich, dass Du mich in diesen Dingen übersiehest — und ein Recht dazu hast, liebster Freund! An meine Mit-Philologen denkend fühle ich mitunter selbst so etwas wie Scham. Doch glaube ich nicht, dass man mich leicht aus der Bahn bringt — und erst will ich mich einmal ganz aussprechen, es giebt doch keine grössere Wohlthat, die man sich erweisen kann! Wenn Du Dein Exemplar hast (hoffentlich vor 2 Wochen), bitte ich Dich noch um Eins: sage mir12 doch mit Härte und Kürze Fehler Manieren und Gefahren meiner Darstellung — denn darin genüge ich mir nicht und erstrebe etwas ganz Anderes. Also hilf mir mit kurzen Winken, ich werde sehr dankbar sein.

Über Bayreuth giebt es etwas Neues und wenn nur Wahres! Eine ganz ausdrückliche Notiz des Mannheimer Journ. (dem Organon Heckels)13 bringt aus bester Quelle (d. h. Frau W[agner]) dass die Aufführungen jetzt endgültig gesichert sind. So wäre denn das Wunder geschehen! Hoffen wir! Es war ein trostloser Zustand,14 seit Neujahr, vor dem ich mich endlich nur auf die wunderlichste Weise retten konnte: ich begann mit der grössten Kälte der Betrachtung zu untersuchen, weshalb das Unternehmen misslungen sei: dabei habe ich viel gelernt und glaube jetzt Wagner viel besser zu verstehen als früher.15 Ist das "Wunder" wahr, so wirft es das Resultat meiner Betrachtungen nicht um. Aber glücklich wollen wir sein und ein Fest feiern, wenn es wahr ist!

Hat man Dich denn nicht nach Greifswald berufen, an des Schöllii16 Stelle? Aber irgend was muss doch geschehen. Wie ich höre, geht Köchly nach Berlin, als Nachfolger von Haupt17 — wenigstens schwätzen die Zeitungen davon.18 Nun vielleicht die Heidelberger Professur! Das wäre etwas, nachdem Freiburg missglückt ist!19 Und wie steht es mit Deinem Roman?20 Das weisst Du noch nicht, dass wir Heinze als Philosophen bekommen haben;21 Romundt22 ist nicht acceptirt, die Angst vor Schopenhauer trat naiv auf (nicht bei Vischer,23 aber er ist nicht allmächtig) Man hat mich zu einer italiänischen Revue eingeladen, die in Buchform erscheinen wird; ich habe abgesagt. ebenso J. Burckhardt.24 Frl. v. Meysenbug ist wieder krank und in San Remo bei Nizza angelangt, von wo sie mir rührend schrieb.25 Olga Monod hat einen Knaben.26 Gersdorff der göttliche Landedelmann ist meiner Phantasie jetzt das Vorbild:27 wir sollten uns alle Landgüter erwerben und dann still und tapfer bis zu Ende leben. Aber so wie so: immer vorwärts mit strengem Fechten!28

Adieu, geliebter Freund!
Dein
Friedrich N.

1. At the time, Rohde was a private docent at the University of Kiel.
2. Adolf Baumgartner (1855-1930): a student of Jacob Burckhardt and Nietzsche at the pedagogium in Basel, and the son of Marie Baumgartner. Baumgartner left Basel in the autumn of 1874, serving in the Hussars for his one-year military service. He returned to Basel to resume his studies, which ended in the summer of 1877. On Nietzsche's advice, he went to Jena in the autumn of 1877 to study under Erwin Rohde, but their relationship soured. Baumgartner went on to write a philological book on the Armenian historian, Moses of Khoren (ca. 410-490s). See Adolf Baumgartner, Dr. M. Lauer und das zweite Buch des Môses Chorenazi. Leipzig: Stauffer, 1885. In 1878, Nietzsche gifted him a dedicated copy of Ralph Waldo Emerson's Neue Essays (Letters and Social Aims). Autorisirte Uebersetzung mit einer Einleitung von Julian Schmidt. Stuttgart: Abendheim, 1876. The dedication reads: "Herrn Adolf Baumgartner / als Gefährten für einsame / Spaziergänge / empfohlen. / / Und dabei gedenken Sie auch / meiner! — / / F. Nietzsche / Ende 1878." (Mr. Adolf Baumgartner / Recommended as a companion on lonely walks. / / And with it remember me too! — / / F. Nietzsche / Ende 1878.) For further biographical details on Baumgartner, see Emil Dürr, "Adolf Baumgartner 1855-1930." In: Basler Jahrbuch. 1932, 211-242.
3. He never made the trip.
4. Nietzsche had written Unzeitgemässe Betrachtungen, 2. Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, (Untimely Meditations, 2. On the Use and Abuse of History for Life). German Text.
5. "Ich locke jetzt sehr stark wider den Stachel" (literally: I now kick very strongly against the pricks). An allusion to an obsolete idiomatic expression used in a biblical verse from Martin Luther's translation of Acts 9, verse 5: "Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der Herr sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgest. Es wird dir schwer werden, wider den Stachel zu löcken." (And he said, Who art thou, Lord? And the Lord said, I am Jesus whom thou persecutest: it is hard for thee to kick against the pricks.) The phrase "wider den stachel zu löcken" also appears a few times in Theodor Mommsen's Römische Geschichte. See, e.g., Bd. 3: Von Sullas Tod bis zur Schlacht von Thapsus. Berlin: Weidmann, 1856, 297.
6. Probably referring to protests in Basel against Einjährig-Freiwilligen-Dienst (One-Year Volunteer [Military] Service).
7. A reference to Rohde's complaints about not getting tenure at Kiel.
8. Rohde was helping Nietzsche proofread Unzeitgemässe Betrachtungen, 2. Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, (Untimely Meditations, 2. On the Use and Abuse of History for Life). German Text.
9. "ausgelitzt": from "litzen," an Alemannic German word Nietzsche probably became familiar with while at Basel. Cf. ableiten; herauslocken. Also used by Nietzsche in: 05-05-1873 letter to Rohde; and 12-24-1874 letter to Carl von Gersdorff.
10. For an analysis of the textual changes that improves upon the explanations published in KGW, KSA, and Jörg Salaquarda's "Studien zur Zweiten Unzeitgemässen Betrachtung" (Nietzsche-Studien 13 (1984), 1-45), see Anthony K. Jensen, "Text and Context." In: An Interpretation of Nietzsche's On the Uses and Disadvantage of History for Life. London; New York: Routledge, 2016, 1-39.
11. "Unzeitgemässheiten": Nietzsche drew up a plan for thirteen Untimely Meditations in the autumn of 1873 (it did not include the two he published on Schopenhauer and Wagner). See Nachlass, Sommer-Herbst 1873 29[163].
12. For Rohde's reply about reading the book, see Hamburg, 03-24-1874: Letter from Erwin Rohde to Nietzsche in Basel.
13. Emil Heckel, the president of the Wagner Society in Mannheim, reported [through his correspondence with Richard Wagner] that King Ludwig II had guaranteed the performances at the Bayreuth Festival. See Richard Wagner, Emil Heckel, Karl Heckel (Hrsg.), Briefe Richard Wagners an Emil Heckel. Zur Entstehungsgeschichte der Bühnenfestspiele in Bayreuth. Berlin: Fischer, 1899, 82. Cf. Richard Wagner, Emil Heckel, William Ashton Ellis (ed.), Letters of Richard Wagner to Emil Heckel. With a Brief History of the Bayreuth Festivals. London: Richards, 1899, 68.
14. Due to the problem of raising funds for Richard Wagner's Bayreuth Festival.
15. Cf. Basel, 02-11-1874: Letter from Nietzsche to Malwida von Meysenbug in San Remo, Italy.
16. Rudolf Schöll (1844-1893): German philologist.
17. Moritz Haupt (1808-1874) German philologist; Hermann Köchly (1815-1876): German philologist. Haupt died on February 5, 1874, while Köchly remained in his position in Heidelberg until his death in 1876.
18. Unknown reference.
19. Rohde had failed to get a position in Freiburg in the summer of 1872.
20. Erwin Rohde, Der griechische Roman und seine Vorläufer. Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1876.
21. Max Heinze (1835-1909): Nietzsche's former teacher and tutor at Pforta, who in 1875 became professor of philosophy at Leipzig.
22. Heinrich Romundt (1845-1919): their friend and classmate at the University of Leipzig.
23. Wilhelm Vischer-Bilfinger (1808-1874): Swiss philologist, rector, and Basel politician. He died on June 5, 1874.
24. Nietzsche and Burckhardt refused offers from Karl Hillebrand to contribute to his journal, Neue Reihe Italia. Nietzsche's letter of refusal is lost.
25. Cf. San Remo, Italy, 02-04-1874: Letter from Malwida von Meysenbug to Nietzsche in Basel.
26. On December 24, 1873, Malwida von Meysenbug's foster-daughter Olga Herzen (1851-1953), who was married to the French historian Gabriel Monod (1844-1912), gave birth to Édouard Monod-Herzen (1873-1963).
27. Regarding Nietzsche's plans to be independent. In 1874, Nietzsche came up with a plan to give up his professorship and retire to Rothenburg ob der Tauber because, with its intact city walls, it was still very old German.
28. A phrase Nietzsche attributed to "wie irgend ein alter brandenburger Markgraf in der Reformationszeit gesagt hat" (what some old Brandenburgian margrave said during the time of the Reformation). See his 04-28-1874 letter to Carl Fuchs.

 


Hans Theodor Plüss, ca. 1889.
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Basel, 19. März 1874:
Brief an Erwin Rohde.

Auch mein Semester kommt zum Schluss, morgen nämlich, obwohl natürlich nur an der Universität; das Pädagogium wirft mir in seiner kärglichen Manier überhaupt anderthalb Wochen Osterferien ab, nicht mehr.1 Darin bist Du, liebster Freund, besser dran, aber auch nur darin, denn Dein übriges Loos2 beklagen wir3 Verbrüderte, immerfort, einzeln und gemeinsam. Ich habe wieder einen schönen Plan geschmiedet, für späterhin, um uns dauerhaft zu vereinigen4 — aber ein paar Jahre müssen noch in's Land gehen. Doch nicht wahr, die Versammlung im Herbst, das concilium Rhaeticum,5 das ist fest und dabei bleibt's? — Nun Bayreuth! Wir wissen durch Frau W[agner] — und es soll das Geheimniss der Freunde sein — dass der König von B[ayern] in der Form von Vorschüssen bis zu 100 000 Thaler das Werk unterstützt, so dass die Arbeiten (Maschinen — Dekorationen) rüstig gefördert werden.6 Wagner selbst schreibt7 dass 1876 der Termin sei, er ist muthig und glaubt dass jetzt das Unternehmen im Reinen ist. Nun das walte Gott! Dies Warten und Bangen ist schwer zu verwinden, ich hatte wirklich zeitweilig die Hoffnung ganz aufgegeben.

Ich erwarte immer von Dir die Meldung einer ordentl. Professur zu bekommen? — Übrigens sind die Menschen schrecklich dumm in Beziehung auf akademische Beamtungen, ich war neulich in Freiburg und hörte über den unausstehlichen Pedanten und Nörgelfritzen Keller klagen.8 Ist Recht! dachte ich, klagt nur zu; auch erfuhr ich dass Ritschl9 die Ursache seiner Berufung sei. Dieser schweigt und ich ergötze mich bei der Vorstellung, wie wenig er beim Lesen meiner "Historie"10 verstehen wird. Dies Nichtverstehen schützt ihn vor dem Ärger und das ist das Beste an der Sache.

Professor Plüss11 in Schulpforte, mir fremd, ein Historiker, hat meine Mutterstadt Naumburg durch eine begeisterte Rede über die Geb. der Tragödie und die erste Unzeitg. aufgeregt.12 Herr Bruno Meier [sic]13 hat über Dräseke's Beitrag zur Wagnerfrage,14 bauchschütternden Angedenkens, eine lange schwere widerlegende Abhandlung15 geschrieben, worin ich als "Feind unserer Cultur"16 feierlich denuncirt und übrigens als verschmitzter Betrüger unter Betrognen dargestellt werde.17 Er schickte mir seine Abhandlung persönlich, sogar mit Wohnungsangabe zu;18 ich will ihm die zwei Schriften des Wilamopses19 zuschicken. Das heisst doch christlich seinen Feinden wohlthun. Denn was dieser gute Meier [sic] sich freuen wird, über Wilamopsen, das ist gar nicht auszudrücken.

Dr. Fuchs hat im Wochenblatt wieder mich ekelhaft angelobt, ich hab's nun satt mit dem.20 Doch was erzähle ich Dir von Lob und Tadel! Hier sind wir durch unsre Freundschaft vor Grillen und Verdriesslichkeiten ziemlich geschützt, und da ich wieder etwas unter dem Herzen trage,21 so geht mich Lob und Tadel gar nichts an. Dass ich es mit meinen Ergüssen ziemlich dilettantisch unreif treibe, weiss ich wohl, aber es liegt mir durchaus daran, erst einmal den ganzen polemisch-negativen Stoff in mir auszustossen; ich will unverdrossen erst die ganze Tonleiter meiner Feindseligkeiten absingen, auf und nieder, recht greulich, "dass das Gewölbe wiederhallt."22 Später, fünf Jähre später, schmeisse ich alle Polemik hinter mich und sinne auf ein "gutes Werk." Aber jetzt ist mir die Brust ordentlich verschleimt vor lauter Abneigung und Bedrängniss, da muss ich mich expectoriren, ziemlich oder unziemlich, wenn nur endgültig. Elf schöne Weisen habe ich noch abzusingen.23 — Unsern Overbeck habe ich zu meiner grossen geheimen Freude wieder so weit dass er Ostern auch wieder öffentlich loskämpft, in der Weise seiner Streit- und Friedensschrift Nr. 1.24 Siehst Du, hier geht's muthig zu, wir hauen um uns herum. Immer vorwärts mit strengem Fechten!25 — Nur der gute treffliche Romundt26 macht uns einige Sorge, er wird zum unerfreulichen Mystiker. Klarheit war nie seine Sache, Welterfahrung auch nicht, jetzt bildet sich ein wunderlicher Hass gegen die Kultur überhaupt in ihm aus — nun wie gesagt, wir (Overbeck und ich) sorgen uns etwas. Er grübelt in unheimlicher Weise über den Anfang der Empfindung, synthetische Einheit der Apperception — dafür behüte uns unser Heiland Jesus Christ.

Gute Briefe habe ich, von vielen Seiten. Burckhardt, mein College, hat mir in einer Ergriffenheit über die Lecture der "Historie" etwas recht Gutes und Characteristisches geschrieben.27 — Dem alten Vischer28 geht es recht schlecht, er hat sich vom grössten Theil seiner Geschäfte dispensiren lassen und sieht sehr grün weiss gelb-elend aus.

An der Geburt der Tragödie wird eifrig gedruckt — endlich!29

Wann kannst Du denn im Herbste bei uns eintreffen? Ich möchte das genaueste jetzt schon wissen: damit die Freunde ihre Sommerpläne machen können.

Lebwohl herzlich geliebter Einsiedler und Romantiker des Nordens in Bezug auf den Süden.

Übrigens sind wir allesammt curiose Kerle, ich wundere mich sehr und immer sehrer.

Dein F N.

1. Nietzsche's request to be excused from his teaching duties at the pedagogium due to poor health was denied.
2. A reference to Rohde's complaints about not getting tenure at Kiel.
3. Namely, Nietzsche, Franz Overbeck (1837-1905), and Heinrich Romundt (1845-1919).
4. Nietzsche's plan to be an independent teacher.
5. A planned get-together between Nietzsche, Erwin Rohde, Carl von Gersdorff, and Heinrich Romundt. The meeting never took place.
6. King Ludwig II had guaranteed the performances at the Bayreuth Festival.
7. See Bayreuth, 02-27-1874: Letter from Richard Wagner to Nietzsche in Basel.
8. Otto Keller (1838-1927): German philologist at Freiburg from 1872-1876.
9. Friedrich Ritschl (1806-1876): Nietzsche's philology professor at the University of Bonn and the University of Leipzig.
10. Nietzsche had written Unzeitgemässe Betrachtungen, 2. Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, (Untimely Meditations, 2. On the Use and Abuse of History for Life). German Text.
11. Hans Theodor Plüss (1845-1919): Swiss teacher at Schulpforta.
12. In a letter from his sister, Nietzsche learned about Plüss' lecture held in Naumburg on The Birth of Tragedy and Untimely Meditations, 1. David Strauss: The Confessor and the Writer. See Naumburg, mid-February 1874: Letter from Elisabeth Nietzsche to Nietzsche in Basel.
13. Bruno Ludwig Julius Boguslaus Meyer (1840-1917): German art historian.
14. Johannes Dräseke (1844-1916): German philologist. See "Beiträge zur Wagnerfrage." In: Musikalisches Wochenblatt. Organ für Musiker und Musikfreunde. Jhg. 4. Leipzig: Fritzsch, 1873, 438-441, 453-456, 470-472.
15. Bruno Meyer, "Beiträge zur Wagnerfrage. In eigener Sache." In: Deutsche Warte. Umschau über das Leben und Schaffen der Gegenwart. Bd. 5. Leipzig: Wigand, 1873, 641-673. Meyer was the founder and editor of Deutsche Warte, which ran from 1871-1875.
16. See Bruno Meyer, "Beiträge zur Wagner-Frage. In eigener Sache." In: Deutsche Warte. Umschau über das Leben und Schaffen der Gegenwart. Bd. 5. Leipzig: Wigand, 1873, 641-673 (654). "Mit einer gewissen Behäbigkeit und conservativen Gemüthlichkeit, die auf dem Boden des historisch Gewordenen sich häuslich und bescheiden einrichtet und sich gegen Neues ohne Wahl ablehnend verhält, wollen wir nicht allzu glimpflich umgehen; aber wir wollen denjenigen für einen Feind der Cultur erklären, der den Baum unseres modernen Lebens zu entwurzeln droht; denn nur in dem Boden der Vergangenheit stecken die Kräfte und Säfte, durch welche das Leben unserer modernen Cultur befruchtet und lebendig erhalten wird. Man löse uns von diesem mütterlichen Boden los, und es wird uns begegnen, daß der kräftige und viel verheißende Baum entartet und vergeht." (We don't want to be too lenient with a certain complacency and conservative cosiness, which settles down comfortably and modestly upon the ground of what has become historical and shows reluctance toward anything new; but whoever threatens to uproot the tree of our modern life, we will proclaim an enemy of culture; for only in the soil of the past are there the powers and fluids by which the life of our modern culture is fertilized and kept alive. Remove us from this motherly soil, and we shall find that the sturdy and very promising tree degenerates and perishes.)
17. See Bruno Meyer, "Beiträge zur Wagner-Frage. In eigener Sache." In: Deutsche Warte. Umschau über das Leben und Schaffen der Gegenwart. Bd. 5. Leipzig: Wigand, 1873, 641-673 (673). "Doch diese Dinge sind für Jeden, der einige wissenschaftliche Kenntnisse hat und nicht durch Parteiinteressen verblendet ist, so einfach und handgreiflich, daß es nicht lohnt, länger dabei zu verweilen. Eine Wiedergeburt nicht nur des deutschen, sondern irgend eines Mythos, um daraus ein specifisch nationales Element der modernen Cultur zu schaffen, ist ein Unding, und die Aufsteckung dieses Panieres ein Schwindel, bei dem es nur gilt, unter seinen Bekennern die Betrüger von den Betrogenen zu sondern." (But these things are so simple and obvious to anyone who has some scholarly knowledge and is not blinded by party interests that it is not worth dwelling on them any longer. A rebirth not only of German, but of any myth, in order to create a specifically national element of modern culture, is an absurdity, and the display of this banner is a swindle, whereby it is only valid among its confessors to separate the deceivers from the dupes.)
18. Unknown reference.
19. A pejorative nickname for the German philologist, Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff (1848-1931), who wrote two polemical tracts against Nietzsche's The Birth of Tragedy. See 1. Zukunftsphilologie! Eine Erwidrung auf Friedrich Nietzsche's "Geburt der Tragödie." Berlin: Borntraeger, 1872; and 2. Zukunftsphilologie! Zweites Stück. Eine Erwidrung auf die Rettungsversuche für Fr. Nietzsches "Geburt der Tragödie." Berlin: Borntraeger, 1873.
20. Carl Fuchs, "Gedanken aus und zu Grillparzers Aesthetischen Studien." In: Musikalisches Wochenblatt. Organ für Musiker und Musikfreunde. Jhg. 5. Leipzig: Fritzsch, 1874, 105-107, 129-131, 147-107, 161-164. Especially his remarks on page 131: "Und nun versäume man nicht, zu tieferer Einsicht in den Gegenstand, welchen die oben mitgetheilten Bemerkungen Grillparzer's beleuchten, das 9. Capitel von Fr. Nietzsche's bereits genanntem Buche ['Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik'] nachzulesen, welches an dieser Stelle von der Nothwendigkeit des tragischen Frevels mit unnachahmlichem Tiefsinn handelt. Wir citiren gleich hier den Satz, welcher etwa (nämlich ohne dass der Verfasser dies beabsichtigt hat) als der Kern dieser Betrachtung, oder als ihr dogmatischer Ausdruck gelten könnte (p. 49): 'Bei dem heroischen Drange des Einzelnen ins Allgemeine, bei dem Versuche, über den Bann der Individuation hinauszuschreiten und das eine Weltwesen selbst sein zu wollen, erleidet der Mensch an sich den in den Dingen verborgenen Urwiderspruch, d. h. er frevelt und leidet.' (Weiter: 'So wird von den Ariern der Frevel als Mann, von den Semiten die Sünde als Weib verstanden, so wie auch der Urfrevel vom Manne [Prometheus], die Ursünde vom Weibe begangen wird.') Man lese das Ganze aber selbst. Nur erwarte man die Belehrung, die Nietzsche zu geben hat, nicht wie Etwas, das mit den Händen zu greifen und gleich 'getrost nach Haus zu tragen' ist. Wenn es zutrifft, was Heine von den Deutschen einmal sagt: in ihrer Jedem stecke entweder ein Goethe oder ein Kant, so gehört Nietzsche zu den Goethe-Naturen und kann nicht allgemein dogmatisch, gleichsam sächlich, sondern nur individuell, von Person zu Person, von Gefühl zu Gefühl verstanden werden. Das kommt zunächst daher, dass er Herr in seiner Werkstatt und über sie ist, und nicht, wie andere Gelehrte 'vom Fach,' dem Lernenden jedes Stück Handwerkszeug vorzeigt, womit er sein Werk zu Stande gebracht hat, sondern dieses selbst ist aus dem Urgrunde einer ganz eigen ausgeprägten Persönlichkeit, im Augenblick der Production selbst mühelos, an das Tageslicht getreten, wie viele Nächte auch der Verfasser gebraucht haben muss, um seine das Alterthum und die Philosophie völlig umfassenden Kenntnisse zu erwerben und sie sich bis zu dieser poesievollen Freiheit des Gebrauches zu eigen zu machen, eine Freiheit, um die Handwerker ihn beneiden, Künstler ihn bewundern müssen." (And now, for a deeper insight into the subject, which the above-mentioned remarks by Grillparzer illuminate, one should not fail to read the 9th chapter of Fr. Nietzsche's already mentioned book ["The Birth of Tragedy Out of the Spirit of Music"], which in that passage deals with inimitable profundity on the necessity of tragic sacrilege. Herewith we quote the sentence which (of course, not intended by the author) could be regarded as the core of this observation or as its dogmatic expression (p. 49): "In the heroic effort of the individual to attain universality, in the attempt to transcend the curse of individuation and to become the one world-being, he suffers in his own person the primordial contradiction that is concealed in things, i.e. he commits sacrilege and suffers." (He continues: "Thus the Aryans understand sacrilege as something masculine, while the Semites understand sin as feminine, just as the original sacrilege is committed by a man [Prometheus], the original sin by a woman.") However, read the whole thing yourself. But don't expect the instruction that Nietzsche has to give as something that can be grasped with one's hands and immediately "carried home confidently" [see Johann Wolfgang von Goethe, Faust, 1:1614.] If it is true what Heine once said of the Germans: there is either a Goethe or a Kant in everyone, then Nietzsche belongs to the Goethe type and cannot be generally dogmatic, factual, as it were, but only understood individually, from person to person, from feeling to feeling. This is primarily due to the fact that he is the master in and over his workshop, and does not, like other "expert" scholars, show the apprentice every piece of the tool with which he has accomplished his work, but rather this itself is from the primal ground of a very distinctive personality, effortless at the moment of production, that comes to light no matter how many nights the author must have needed to acquire his knowledge of antiquity and philosophy, which was completely comprehensive, and to make this use of poetic freedom his own, a freedom that craftsmen must envy about him, and artists must admire about him.)
21. An allusion to his working on Unzeitgemässe Betrachtungen, 3. Schopenhauer als Erzieher, (Untimely Meditations, 3. Schopenhauer as Educator). German Text. Bearing something "under one's heart" was an 18th century euphemism for pregnancy.
22. An allusion to Johann Wolfgang von Goethe, Faust, 1:2085, "Wenn das Gewölbe widerschallt, / Fühlt man erst recht des Basses Grundgewalt." (Only when the vault resounds / Does one really feel the full power of the bass.)
23. Nietzsche drew up a plan for thirteen Untimely Meditations in the autumn of 1873 (it did not include the two he published on Schopenhauer and Wagner). See Nachlass, Sommer-Herbst 1873 29[163].
24. See Franz Overbeck, Ueber die Christlichkeit unserer heutigen Theologie. Streit- und Friedensschrift. [On the Christianity of Our Present Theology. A Pamphlet of Polemics and Peace.] Leipzig: Fritzsch, 1873.
25. A phrase Nietzsche attributed to "wie irgend ein alter brandenburger Markgraf in der Reformationszeit gesagt hat" (what some old Brandenburgian margrave said during the time of the Reformation). See his 04-28-1874 letter to Carl Fuchs.
26. Heinrich Romundt (1845-1919): their friend and classmate at the University of Leipzig. Romundt left Basel on 04-10-1875 planning to become a Catholic priest, but soon dropped those plans and became a high-school teacher in Oldenburg.
27. See Basel, 02-25-1874: Letter from Jacob Burckhardt to Nietzsche in Basel.
28. Wilhelm Vischer-Bilfinger (1808-1874): Swiss philologist, rector, and Basel politician. He died on June 5, 1874.
29. 750 copies of the second edition of Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik [The Birth Of Tragedy Out of the Spirit of Music] were printed in March 1874, with the publishing info, "Leipzig. / Verlag von E. W. Fritzsch. / 1874." They were not published until 1878, when the publishing info was pasted over with a label reading, "Chemnitz / Verlag von Ernst Schmeitzner / 1878."

 


Friedrich Hegar.
From b/w photo.
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Basel, 3./4. April 1874:
Brief an Friedrich Hegar.

Hochgeehrter Herr Capellmeister,1

eine kleine Bitte!

Ich gab Ihnen einmal ein Musikheft, mit dem Titel "Manfred-Meditation";2 vielleicht finden Sie es noch wieder unter Ihren Papieren — in diesem Falle würden Sie mich recht verbinden, wenn Sie es mir nach Basel zusenden wollten.

Ich dachte Ihrer, als ich in den Zeitungen las, dass am 11ten d. M. in München wieder der "Tristan"3 aufgeführt wird.

Zu Ihrem Züricher Musikfeste werde auch ich mich einstellen; ich freue mich besonders darauf, das Triumphlied4 endlich! zu hören.

Ihr ergebenster
Dr. Friedrich Nietzsche
Prof. in Basel.

1. Friedrich Hegar (1841-1927). Hegar, whom Nietzsche had met while visiting Richard Wagner, was the founder and director of the music conservatory in Zurich, the conductor of the Zurich Symphony, and a close friend of Johannes Brahms (1833-1897).
2. The exact date when Nietzsche sent Hegar his "Manfred-Meditation" is unknown, but it was probably in June 1872. Hegar replied to this letter on 04-09-1874, and offered a lukewarm response regarding Nietzsche's composition: "Entschuldigen Sie gütigst, daß ich Ihre Komposition so lange behalten habe; ich hoffte immer dieselbe persönlich zurückbringen und Ihnen bei dieser Gelegenheit sagen zu können, wie sehr mich Vieles interessirte, namentlich die Art und Weise wie Sie der zu Grunde liegenden Stimmung musikalisch Ausdruck zu geben versuchen. Freilich fehlt dem Ganzen, was die Gestaltung der musikalischen Ideen anbetrifft, die Erfüllung gewisser architektonischer Bedingungen so, dass mir die Komposition mehr den Eindruck einer stimmungsvollen Improvisation als eines durchdachten Kunstwerkes macht." (Please excuse me for keeping your composition for so long; I always hoped to return it personally and to be able to use this opportunity to tell you how much I was interested in many things, especially the way in which you try to give musical expression to the underlying mood. Admittedly, as far as the shaping of the musical ideas is concerned, the entire thing lacks the fulfillment of certain architectural conditions so that the composition gives me the impression of an improvisational mood rather than a well thought-out work of art.) See Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music. The Nietzsche Channel, 2012, 23-24.
3. Tristan und Isolde: opera by Richard Wagner.
4. Nietzsche heard Brahms' "Triumphlied" under Brahms' direction on 06-09-1874 in Basel. He later went to Zurich on 07-12-1874, and heard it conducted by Hegar.

 


Carl von Gersdorff.
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Basel, 1. April 1874:
Brief an Carl von Gersdorff.

Lieber getreuer Freund, wenn Du nur nicht eine viel zu gute Meinung von mir hättest! Ich glaube fast, dass Du Dich einmal über mich etwas enttäuschen wirst; und will selbst anfangen dies zu thun, damit dass ich Dir, aus meiner besten Selbsterkenntniss heraus erkläre, dass ich von Deinen Lobsprüchen nichts verdiene. Könntest Du wissen, wie verzagt und melancholisch ich im Grunde von mir selbst, als producirendem Wesen, denke! Ich suche weiter nichts als etwas Freiheit, etwas wirkliche Luft des Lebens und wehre mich, empöre mich gegen das viele, unsäglich viele Unfreie, was mir anhaftet. Von einem wirklichen Produciren kann aber gar nicht geredet werden, so lange man noch so wenig aus der Unfreiheit, aus dem Leiden und Lastgefühl des Befangenseins heraus ist: werde ich's je erreichen? Zweifel über Zweifel. Das Ziel ist zu weit, und hat man's leidlich erreicht, so hat man meistens auch seine Kräfte im langen Suchen und Kämpfen verzehrt: man kommt zur Freiheit und ist matt wie eine Eintagsfliege am Abend. Das fürchte ich so sehr. Es ist ein Unglück sich seines Kampfes so bewusst zu werden, so zeitig! Ich kann ja nichts von Thaten entgegenstellen, wie es der Künstler oder der Ascet vermag. Wie elend und ekelhaft ist mir oft das rohrdommelhafte Klagen!1 — Ich hab's augenblicklich etwas sehr satt und über.

Meine Gesundheit ist übrigens ausgezeichnet: sei ganz unbesorgt. Aber ich bin mit der Natur recht unzufrieden, die mir etwas mehr Verstand, nebst einem volleren Herzen, hätte geben sollen — es fehlt mir immer am Besten. Das zu wissen ist die grösste Menschenquälerei.

Die regelmässige Arbeit in einem Amte ist so gut weil sie eine gewisse Dumpfheit mit sich bringt, man leidet so weniger.

Im Herbst also — ach Du verstehst das "Also" doch? müssen wir uns sehen, beim concilium subalpinum sive Rhaeticum.2 Wenn wir alle zusammen sind, kommt ein ganzer Kerl heraus, der keinen Grund hat sich zu betrüben. Gemeinsam und zusammen sind wir ein Wesen, welches "Freude trinken" darf — an den Brüsten der Natur.3 Sage mir doch ganz genau, wann es Dir erlaubt ist hierher zu kommen? Rohde hat im letzten Briefe4 definitiv zugesagt. Overbeck auch, Romundt5 (seit gestern unser Hausgenosse6) auch. Ich der ich die wenigsten Ferien habe denke doch die erste Hälfte des October zur Disposition zu sein. Kannst Du diese Zeit uns schenken? — Lieber theurer Freund! —

Hast Du zufällig gehört, dass Prof. Plüss7 in Schulpforte, Nachfolger Volkmann's,8 in der Naumburger Litteraria einen "begeisterten" Vortrag über Geburt der Trag. und die Straussiade gehalten hat?9 Sehr scherzhaft und unglaublich, nicht wahr? — Dr. Fuchs, im musikal. Wochenblatt,10 ist sehr dreist und hat es dadurch, wie durch manche Zudringlichkeit, mit Overbeck und mir verdorben. — Die gute Meysenbug schickte mir schöne frische Blumen, Frühlingsboten vom mittelländischen Meere.

Ich lege einen schönen und auch für Dich lehrreichen Brief11 Rohde's bei; gelegentlich wieder zurückzugeben!

Herrliche Briefe der Bayreuther.12

Dank für die Druckfehler:13 aber der wichtigste fehlt, Höderlin für Hölderlin. Aber nicht wahr, es sieht wunderschön aus? Aber es versteht kein Schwein.14

Meine Schriften sollen so dunkel und unverständlich sein! Ich dachte, wenn man von der Noth redet, dass solche die in der Noth sind, einen verstehen werden. Das ist auch gewiss wahr: aber wo sind die, welche "in der Noth"15 sind?

Erwarte jetzt nichts Litterarisches von mir. Ich habe für mein Sommercolleg viel vorzubereiten und thue es gern (über Rhetorik).16

Übrigens ist viel seit Weihnachten durchdacht und ausgedacht worden.

Sei herzlich gegrüsst und grüsse Deine verehrten Eltern.

Ja wenn man keine Freunde hätte! Ob man's noch aushielte? ausgehalten hätte? Dubito.

Fridericus.

1. The call of a bittern is like that of a low-pitched horn.
2. A planned get-together between Nietzsche, Erwin Rohde, Carl von Gersdorff, and Heinrich Romundt. The meeting never took place.
3. An allusion to Friedrich Schiller's "An die Freude" (Ode to Joy), line 25 f.: "Freude trinken alle Wesen / An den Brüsten der Natur." (All creatures drink of joy / At nature's breasts.)
4. Hamburg, 03-24-1874: Letter from Erwin Rohde to Nietzsche in Basel.
5. Heinrich Romundt (1845-1919): their friend and classmate at the University of Leipzig.
6. On 03-31-1874, Romundt moved in with Nietzsche and Franz Overbeck.
7. Hans Theodor Plüss (1845-1919): Swiss teacher at Schulpforta.
8. Diederich Volkmann (1838-1903): German philologist, teacher and rector at Schulpforta from 1861-1898, who briefly left the school from 1873-1877, before returning as rector. Nietzsche was one of his students (he advised Nietzsche to study at Bonn, his alma mater).
9. In a letter from his sister, Nietzsche learned about Plüss' lecture held in Naumburg on The Birth of Tragedy and Untimely Meditations, 1. David Strauss: The Confessor and the Writer. See Naumburg, mid-February 1874: Letter from Elisabeth Nietzsche to Nietzsche in Basel.
10. Carl Fuchs, "Gedanken aus und zu Grillparzers Aesthetischen Studien." In: Musikalisches Wochenblatt. Organ für Musiker und Musikfreunde. Jhg. 5. Leipzig: Fritzsch, 1874, 105-107, 129-131, 147-107, 161-164. Especially his remarks on page 131: "Und nun versäume man nicht, zu tieferer Einsicht in den Gegenstand, welchen die oben mitgetheilten Bemerkungen Grillparzer's beleuchten, das 9. Capitel von Fr. Nietzsche's bereits genanntem Buche ['Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik'] nachzulesen, welches an dieser Stelle von der Nothwendigkeit des tragischen Frevels mit unnachahmlichem Tiefsinn handelt. Wir citiren gleich hier den Satz, welcher etwa (nämlich ohne dass der Verfasser dies beabsichtigt hat) als der Kern dieser Betrachtung, oder als ihr dogmatischer Ausdruck gelten könnte (p. 49): 'Bei dem heroischen Drange des Einzelnen ins Allgemeine, bei dem Versuche, über den Bann der Individuation hinauszuschreiten und das eine Weltwesen selbst sein zu wollen, erleidet der Mensch an sich den in den Dingen verborgenen Urwiderspruch, d. h. er frevelt und leidet.' (Weiter: 'So wird von den Ariern der Frevel als Mann, von den Semiten die Sünde als Weib verstanden, so wie auch der Urfrevel vom Manne [Prometheus], die Ursünde vom Weibe begangen wird.') Man lese das Ganze aber selbst. Nur erwarte man die Belehrung, die Nietzsche zu geben hat, nicht wie Etwas, das mit den Händen zu greifen und gleich 'getrost nach Haus zu tragen' ist. Wenn es zutrifft, was Heine von den Deutschen einmal sagt: in ihrer Jedem stecke entweder ein Goethe oder ein Kant, so gehört Nietzsche zu den Goethe-Naturen und kann nicht allgemein dogmatisch, gleichsam sächlich, sondern nur individuell, von Person zu Person, von Gefühl zu Gefühl verstanden werden. Das kommt zunächst daher, dass er Herr in seiner Werkstatt und über sie ist, und nicht, wie andere Gelehrte 'vom Fach,' dem Lernenden jedes Stück Handwerkszeug vorzeigt, womit er sein Werk zu Stande gebracht hat, sondern dieses selbst ist aus dem Urgrunde einer ganz eigen ausgeprägten Persönlichkeit, im Augenblick der Production selbst mühelos, an das Tageslicht getreten, wie viele Nächte auch der Verfasser gebraucht haben muss, um seine das Alterthum und die Philosophie völlig umfassenden Kenntnisse zu erwerben und sie sich bis zu dieser poesievollen Freiheit des Gebrauches zu eigen zu machen, eine Freiheit, um die Handwerker ihn beneiden, Künstler ihn bewundern müssen." (And now, for a deeper insight into the subject, which the above-mentioned remarks by Grillparzer illuminate, one should not fail to read the 9th chapter of Fr. Nietzsche's already mentioned book ["The Birth of Tragedy Out of the Spirit of Music"], which in that passage deals with inimitable profundity on the necessity of tragic sacrilege. Herewith we quote the sentence which (of course, not intended by the author) could be regarded as the core of this observation or as its dogmatic expression (p. 49): "In the heroic effort of the individual to attain universality, in the attempt to transcend the curse of individuation and to become the one world-being, he suffers in his own person the primordial contradiction that is concealed in things, i.e. he commits sacrilege and suffers." (He continues: "Thus the Aryans understand sacrilege as something masculine, while the Semites understand sin as feminine, just as the original sacrilege is committed by a man [Prometheus], the original sin by a woman.") However, read the whole thing yourself. But don't expect the instruction that Nietzsche has to give as something that can be grasped with one's hands and immediately "carried home confidently" [see Johann Wolfgang von Goethe, Faust, 1:1614.] If it is true what Heine once said of the Germans: there is either a Goethe or a Kant in everyone, then Nietzsche belongs to the Goethe type and cannot be generally dogmatic, factual, as it were, but only understood individually, from person to person, from feeling to feeling. This is primarily due to the fact that he is the master in and over his workshop, and does not, like other "expert" scholars, show the apprentice every piece of the tool with which he has accomplished his work, but rather this itself is from the primal ground of a very distinctive personality, effortless at the moment of production, that comes to light no matter how many nights the author must have needed to acquire his knowledge of antiquity and philosophy, which was completely comprehensive, and to make this use of poetic freedom his own, a freedom that craftsmen must envy about him, and artists must admire about him.)
11. Hamburg, 03-24-1874: Letter from Erwin Rohde to Nietzsche in Basel.
12. Bayreuth, 02-27-1874: Letter from Richard Wagner to Nietzsche in Basel; Bayreuth, 03-20-1874: Letter from Cosima Wagner to Nietzsche in Basel.
13. Ostrichen, 03-11-1874: Letter from Carl von Gersdorff to Nietzsche in Basel.
14. It's not certain what Nietzsche is referring to: "Hode" means "testicle," while "Höderlin" could mean "little testicle." On the other hand, "Höd" was a blind God in Norse mythology with whom Nietzsche was familiar. The last phrase about a swine not getting the point of the misprint doesn't really help to connect the two phrases. Yet, knowing that Nietzsche was an inveterate punster, it probably had something to do with a testicle joke.
15. Cf. Richard Wagner, "Das Kunstwerk der Zukunft." In: Gesammelte Schriften und Dichtungen. Bd. 3. Leipzig: Fritzsch, 59-62. "Das Volk ist der Inbegriff aller Derjenigen, welche eine gemeinschaftliche Noth empfinden." (The Folk is the epitome of all those men who feel a common need.)
16. In SS1874, Nietzsche's lecture courses were: "Darstellung der antiken Rhetorik" (Description of Ancient Rhetoric); "Aeschylos: Choephoren" (Aeschylus: Choephori); and a seminar on Sappho.

 

San Remo, Italy.
From b/w photo, 1875.
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Basel, 4. April 1874:
Brief an Malwida von Meysenbug.

Verehrteste Freundin

Was für rührende Überraschungen haben Sie mir bereitet! Noch Niemand hat mir je Blumen geschenkt, und ich glaube jetzt zu wissen dass eine eigne Beredsamkeit in dieser stummen Farbenfülle- und Belebtheit liegt. Diese Frühlingsboten blühten in meinem Zimmer wieder auf und fast eine Woche lang konnte ich mich ihrer erfreuen. Denn so grau ist unser Leben und so schmerzhaft dazu, dass Blumen gleichsam die Ausplauderer eines Geheimnisses der Natur sind; sie verrathen dass irgendwo Leben Hoffen Licht Farbe auf dieser Welt zu finden sein muss. Wie oft verliert man allen Glauben daran! Und da ist es ein schönes Glück, wenn die Kämpfer sich gegenseitig Muth zusprechen und sich durch die Übersendung von Symbolen, seien es Blumen, seien es Bücher, an ihren gemeinsamen Glauben erinnern.

Doch da denke ich an Ihre armen Augen, und bezweifle sehr, dass Sie diese schlechte Schrift lesen können, wenn Sie sie selbst lesen dürften.

Mein Befinden, um davon ein Wort zu sagen, ist seit Neujahr, in Folge einer veränderten Lebensweise, recht gut und ohne jedes Bedenken: nur dass ich mit den Augen vorsichtig sein muss. Sie wissen aber, es giebt einen Zustand körperlichen Leidens, der einem mitunter wie eine Wohlthat erscheint; denn man vergisst darüber, was man sonst leidet, oder vielmehr: man meint, es könne einem geholfen werden, wie dem Leib geholfen werden kann. Das ist meine Philosophie der Krankheit: sie giebt Hoffnung für die Seele. Und ist es nicht ein Kunststück, noch zu hoffen?

Nun wünschen Sie mir Kraft zu den noch übrigen elf unzeitgemässen Betrachtungen.1 Ich will wenigstens einmal alles aussprechen, was uns drückt; vielleicht fühlt man sich, nach dieser Generalbeichte,2 etwas befreiter.

Meine herzlichsten Wünsche begleiten Sie, verehrte und liebe Freundin.

Treulich Ihr
Friedrich Nietzsche.

1. Nietzsche drew up a plan for thirteen Untimely Meditations in the autumn of 1873 (it did not include the two he published on Schopenhauer and Wagner). See Nachlass, Sommer-Herbst 1873 29[163].
2. Cf. Johann Wolfgang von Goethe, "Gesellige Lieder. Generalbeichte." In: Goethe's sämmtliche Werke in vierzig Bänden. Bd. 1. Stuttgart; Augsburg: Cotta, 1855:103. "Willst du Absolution / Deinen Treuen geben, / Wollen wir nach deinem Wink / Unabläßlich streben, / Uns vom Halben zu entwöhnen, / Und im Ganzen, Guten, Schönen, / Resolut zu leben." (From Goethe's "General Confession": If your faith would grant / absolution to your faithful / we would take your cue / to strive unindulgently, / to wean ourselves from the half, / and to live resolutely / in the whole, the good, the beautiful.) Nietzsche was fond of this poem's call to "live resolutely." Cf. Naumburg, 05-28-1882: Letter to Lou Salomé.

 



Erwin Rohde.
From b/w photo, ca. 1875.
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Kiel, 17. Juni 1874:
Brief von Erwin Rohde.

Verzeihe mir, liebster Freund, wenn ich meine vortrefflichen Schreibabsichten wieder einmal so lange hinausgezögert habe, bis ich meinen Freunden unnöthige Besorgniß errege. Unnöthig ist die zum Glück ganz und gar: denn ich laborire nur an einem gewissen torpor meiner Empfindungen und einer gräßlichen Abneigung, etwas zu sagen. Daher ich denn gänzlich in die Tiefe der wunderlichsten Romanmeere1 hinunter-tauche und mich an dem tollen Wesen drunten unter den Larven und sonstigen Schillerschen Klippenfischen erfreue.2 Dahin dringt kaum einmal ein ferner Glockenton, in die Einsamkeit und Entfernung von allem Äußerlichen. Mache Dir nur keine Sorgen irgend einer Art um mich: solche thörichte Ausbrüche, wie sie mein letzter Brief3 enthielt, den ich, abgeschickt zu haben, alsbald bereute, — befallen mich nur selten. Sonst ist meine Stimmung meist nè trista nè lieta,4 wie es in der Ordnung ist.

Einen öffentlichen Ausdruck meiner ganzen Denkweise zu geben, — wie Du, als einen heilsamen Aderlaß, es mir anräthst5 — erspare ich mir auf eine viel spätere Zeit, wo ich reifer geworden sein werde: ich bin ein sehr langsam reifendes Wesen, das seine Ringe sehr allmählich ansetzt. Vor der Hand fühle ich mich wirklich nicht gereift genug, um über Allgemeines öffentlich zu reden, sondern ich bedarf des Stammes eines besondern Gegenstandes, an dem ich mich aufranke.

Um Eines übrigens bitte ich Dich, geliebter Freund: laß mich in Zukunft Deine wirkliche Stimmung6 stets treu und unverhüllt vernehmen: wozu sollen wir denn vor einander, aus irgend einer verkehrten Schonung, unsre Schmerzen verbergen, und nicht gemeinsam tragen, was wir gemeinsam empfinden?! Das ist übrigens gewiß, daß Du die ewigen und täglichen Peinen, welche die Universitätsstellung Dir, wie die Sachen sich gewendet haben, bringen muß, nicht auf die Länge wirst ertragen können. Aber fasse, wie auch Gersdorff Dir räth,7 nur keinen raschen Entschluß. Zum Teufel, giebt es denn keine reichen Weiber mehr, um uns unwiderstehliche Jünglinge zu heirathen! Mit der Lotterie ist es nichts: ich wenigstens habe kein Glück im Spiel.8 Auch nicht in der Liebe: es zeigen sich nämlich in meiner Umgebung nur solche weibliche Wesen, die gewiß in einem früheren Leben Gänze oder Katzen gewesen sind: da ich nun wahrscheinlich, wie jener Freund des Pythagoras,9 schon damals ein Esel war, so fehlt zwischen mir und jenen die φυσικ¬ συμπάδεια.10 Hätte ich nur, wovon ich jetzt so viel lese,11 einen Rhâkshasa12 zum Freunde, so wollte ich — und Du — bald zu Golde kommen und pfiffe auf alle Millionenbräute! — Schreibe mir doch den Ferienplan! — Ich lese Dante Divina Commedia init großer Andacht. — Könntest Du gelegentlich einmal Frau Wagner andeuten, ich empfände längst Gewissensbisse wegen Briefschuld:13 ich würde sie auch nächstens abtragen, wäre aber gegenwärtig so ausgeblasen und dumm, wie eine hohle Nuß. — Viele Grüße an die Freunde: grüß auch den armen alten Vischer,14 und empfiehl mich Deiner Schwester. — Auf die "Historie"15 alles stumm, bum, bum.16 Die neueste und sicherste Art der Abtödtung. Ostern, in Hamburg, sah ich sie in einem Leseverein aufliegen und förmlich zerlesen und mit schmutzigen Fingerspuren geziert: womit der Deutsche Interesse und Hochachtung auszudrücken pflegt. Addio

Dein
E. R.

1. Perhaps an allusion to Rohde working on his "novel," Der griechische Roman und seine Vorläufer. Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1876.
2. See the 1797 ballad by Friedrich Schiller (1759-1805), Der Taucher ("The Diver"), st. 20-21: Dual Text.
3. Kiel, 05-10-1874: Letter from Erwin Rohde to Nietzsche in Basel.
4. "Neither sad nor happy."
5. Cf. Basel, 06-01-1874: Letter to Erwin Rohde in Kiel. "Sage einmal, liebster Freund, willst Du nicht auch das Mittelchen gebrauchen, das ich selbst, ebenso Overbeck, gebrauchen? Man rißt sich die Adern und läßt etwas Blut fließen unzeitgemäß, wie die Andern schreien, die den Aderlaß als ein überwundenes und antiquirtes Heilmittel betrachten. Ich meine: willst Du nicht auch einmal Dein und unser Elend etwas ausschütten und sagen, was Du leidest? Es liegt ganz gewiß etwas Befreiendes darin, den Leuten grob zu sagen, wie Unsereiner sich eigentlich unter ihnen befindet. Beseitigen wir den Bandwurm der Melancholie schriftlich indem wir die Andern zwingen, unsre Schriften zu verschlucken." (Tell me, dearest friend, don't you also want to use the remedy that I use myself, as does Overbeck? One cuts one's veins and lets a little blood flow the old-fashioned way, as other people shout, who regard blood-letting as an obsolete and antiquated remedy. I mean: don't you want to even once pour out something of your and our misery and say what you suffer? There is certainly something liberating about telling people roughly how one of us really feels among them. Let's get rid of the tapeworm of melancholy in writing by forcing others to swallow our writings.)
6. Cf. Basel, 05-14-1874: Letter to Erwin Rohde in Kiel. "Ich denke öfters, es ist Dir tröstlicher, wenn Du von mir nur das Gute und Entschlossene hört" (I often think it is more consoling for you if you only hear good and decisive things from me).
7. Cf. Gnadenberg, 05-29-1874: Letter from Carl von Gersdorff to Nietzsche in Basel. "Ich habe leider aus Deinem letzten Brief an Frau Wagner ersehen, dass die Depression in der Du vorher stecktest jetzt nicht in wirkliche Resignation übergegangen ist, sondern in eine Art von gewaltsamer Betäubung Deiner gegen die Misère der Gegenwart sich sträubenden Kräfte. Deine Versicherungen, daß es Dir gut gehe, kommen Dir nicht so von Herzen, wie es zu wünschen wäre; Du kommst mir damit so vor wie der zaghafte Wanderer, der im schaurigen Walde sich durch lautes Singen über seine Furcht täuschen will. Es liegt etwas von Galgenhumor in diesem letzten Briefe, der uns ernstere Sorge macht, als irgendein vorhergehender. Was ist zu thun? Irgendwann einmal wirst Du aus Deiner Stellung hinaus müssen, das erscheint mir unzweifelhaft. Ist aber jetzt dazu der Augenblick gekommen? Dass Du wieder ein sorgsam vorbereitetes Kolleg nicht zustande gebracht hast, ist zwar Ursache genug zu einiger Bitterkeit. Aber wer trägt die Schuld? Doch nur die Esel, die nicht von den Disteln lassen können und sich in ihrer Eselhaftigkeit behagen. Ich höre von Rothenburg am Tauber reden. Aber was willst Du dort? Ohne Freunde in ganz engen Verhältnissen ein zurückgezogenes Leben führen, in dem Du doch das Gefühl der Freiheit nicht haben wirst, wonach Du verlangst. Warte doch noch eine Weile. Wer kann wissen, was Bayreuth noch nach sich zieht! Wagner weiss für Dich immer nur den einen Rath, Du müssest Dich gut verheirathen." (Unfortunately, I saw from your last letter to Frau Wagner that the depression you were in before has not turned into real resignation now, but into a kind of violent numbing of your powers, which are struggling against the misery of the present. Your assurances that you are well are not as sincere as one might wish; you seem to me like the timid wanderer who tries to deceive himself about his fear by singing loudly in the scary forest. There is something of gallows humor in this last letter, which causes us more grave concern than any that has preceded it. What to do? At some point you will have to leave your position, that seems to me indisputable. But has the moment for that now come? The fact that you once again failed to complete a carefully prepared lecture is cause enough for some bitterness. But who is to blame? Really only the donkey that can't let go of the thistles and is content with its donkeylike nature. I hear talk of Rothenburg am Tauber. But what do you want there? Lead a withdrawn life without friends in very cloistered circumstances, in which you will not have the feeling of freedom that you desire. Wait a while still. Who can know what else Bayreuth will bring! Wagner always has only one piece of advice for you: you must marry well.)
8. Nietzsche played the Hamburg lottery 35 times before giving it up in June 1879, (see 06-23-1879 letter to Franz Overbeck).
9. See the fable of Pythagoras and a talking donkey, in Gustav Michell, Das Buch der Esel. Jena: Mauke, 1884, 221.
10. "Naturally sympathetic."
11. The 1874 Black Hills Gold Rush in America.
12. Rakshasa, guardian of the treasures of Kubera (the Indian Pluto, the god of wealth).
13. Unknown reference.
14. Wilhelm Vischer-Bilfinger (1808-1874): Swiss philologist, rector, and Basel politician. He died on June 5, 1874.
15. Unzeitgemässe Betrachtungen, 2. Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, (Untimely Meditations, 2. On the Use and Abuse of History for Life). German Text.
16. A phrase in German translation from William Shakespeare, Alexander Fischer (trans.), Der Kaufmann von Venedig [The Merchant of Venice], III, ii. "Laßt uns läuten, stil und stumm; / Ich beginne: Bim, bam, bum." The original verse in English by Shakespeare doesn't really make sense here. ("Let us all ring fancy's knell: / I'll begin it, — Ding, dong, bell.") Rohde probably means Nietzsche's book is being killed with silence. Cf. Basel, 03-16-1872: Letter to Erwin Rohde in Kiel.

 


Gustav Adolph Krug.
From b/w photo by: Ferdinand Henning.
Naumburg, ca. 1860.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Basel, 4. Juli 1874:
Brief an Carl von Gersdorff.

Nun, liebster guter Freund, ich will dir bei aller Sommersonnengluth doch etwas erzählen. Erstens man sehnt sich nach Kühlung. Zweitens man schreibt tüchtig an der Unzeitgemässen,1 hoffte bis zu den Ferien fertig zu werden, kann es aber nicht, weil der Körper hinderlich ist und eine kleine Aufmunterung bedarf. Dagegen ist alles schon im schönen Zusammenhang, es wäre schade, wenn ich's verdürbe oder vergässe. Wahrscheinlich gehe ich mit meiner Schwester etwas in's Engadin.2 Mit Bayreuth3 bin ich über den guten Vorsatz nicht hinausgekommen; es scheint mir nämlich, dass sie dort ihr Haus und ihr Leben in Unruhe haben4 und dass gerade jetzt unser Besuch nicht passen würde. Über mein Befinden sind sie übrigens beruhigt, Ihr habt alle euch in Schwarzseherei überboten.5 Endlich — ich kann jetzt nichts Anderes denken als das Fertigwerden und Gutwerden von Nr. 3.6 — Wie kamst Du übrigens, lieber Freund, auf den drolligen Einfall, meinen Bayreuther Besuch durch eine Drohung erzwingen zu wollen?7 Es sieht ja fast so aus, als ob ich freiwillig nicht hingehen möchte — und doch bin ich voriges Jahr zweimal, und vorvoriges Jahr zweimal mit den Bayreuthern zusammengetroffen8 — von Basel aus, und bei meinen erbärmlichen Ferienverhältnissen! — Wir wissen ja Beide, dass Wagners Natur sehr zum Misstrauen neigt — aber ich dachte nicht, dass es gut sei, dieses Misstrauen noch zu schüren. Und zu guterletzt — denke nur daran, dass ich gegen mich selbst Pflichten habe, die sehr schwer zu erfüllen sind, bei einer sehr gebrechlichen Gesundheit. Wirklich, es sollte mich niemand zu etwas zwingen.

Dies alles recht herzlich und menschlich aufzunehmen!

Denke Dir, dass der gute alte Vischer9 seit ein paar Tagen im Sterben liegt und die Familie um ihn versammelt ist. Du weisst, was ich an ihm verliere. —

Eben meldet man mir den Tod des Appellationsraths Krug, des Vaters meines Freundes.10 Mein Freund Pinder,11 ebenso wie Gustav Krug,12 machen im Herbst Hochzeit — und es blühn die Geschlechter weiter.

Für unsre Zusammenkunft13 habe ich etwas Sehr Schönes — ich bitte Dich aber, auch Deinerseits etwas mitzubringen. Vielleicht die italiänischen Übersetzungen!14

Doch nur wenn du Zeit und Musse hast, Adieu, lieber getreuer Freund.

1. Nietzsche was working on Unzeitgemässe Betrachtungen, 3. Schopenhauer als Erzieher, (Untimely Meditations, 3. Schopenhauer as Educator). German Text.
2. Instead, Nietzsche traveled to Bergün in the Engadin with Heinrich Romundt (1845-1919), who was now rooming with him and Franz Overbeck in Basel.
3. Nietzsche was in Bayreuth from August 4-15, 1874.
4. Nietzsche learned about this from his sister, who had received the news in an 06-25-1874 letter from Cosima Wagner.
5. Cf. Bayreuth, 04-06-1874: Letter from Richard Wagner to Nietzsche in Basel.
6. That is, Unzeitgemässe Betrachtungen, 3. Schopenhauer als Erzieher, (Untimely Meditations, 3. Schopenhauer as Educator). German Text.
7. See Gnadenberg, 05-29-1874: Letter from Carl von Gersdorff to Nietzsche in Basel; Bayreuth, 06-25-1874: Letter from Cosima Wagner to Elisabeth Nietzsche in Naumburg.
8. In 1873, Nietzsche was in Bayreuth from April 6-12, and from October 30 to November 2.
9. Wilhelm Vischer-Bilfinger (1808-1874): Swiss philologist, rector, and Basel politician. He died on June 5, 1874.
10. Gustav Adolph Krug (1805-1874): Councillor of the Appellate Court in Naumburg, an accomplished musician — and the father of Gustav Krug (1844-1902), Nietzsche's friend since childhood.
11. Wilhelm Pinder (1844-1928): Nietzsche's friend since childhood.
12. Gustav Krug (1844-1902): Nietzsche's friend since childhood.
13. A planned get-together between Nietzsche, Erwin Rohde, Carl von Gersdorff, and Heinrich Romundt. The meeting never took place.
14. Carl von Gersdorff was translating Niccolò Machiavelli's Vita di Castruccio Castracani (Life of Castruccio Castracani).

 


Wilhelm Vischer-Bilfinger.
From b/w photograph.
Colorized and enhanced image © The Nietzsche Channel.

Basel, 4. Juli 1874:
Brief an Erwin Rohde.

Liebster Freund, wir haben heisse Tage, die Sehnsucht nach den Ferien1 wird gross; ich wollte gern mit meiner Nr. 3 der Unzeitgem.2 vorher fertig werden, doch geht es durchaus nicht, aus körperlichen Gründen. Wenn es nur ganz so herauskommt, wie ich wünsche! Ich freue mich darauf, es Dir mitzutheilen. Denn ich denke mir eigentlich, es müsste uns Allen nützlich und kräftigend sein (da ich es selbst so fühle) Ich rede wirklich aus Erfahrung, wenn ich Dir sage: man kann sich manche Dinge vom Halse und von der Seele herunterschreiben — mindestens für eine gute Zeit. Das Wort "reif" "unreif" verstehe ich in dieser Hinsicht gar nicht mehr, man hilft sich eben wie man kann, um es eben gerade noch auszuhalten. Ich wünsche nie, dass solche Dinge rein litterarisch in Betracht genommen werden. Und wenn sie irgend einen Werth haben, so ist es ihr illitterater Character: Dinge, über welche Recensionen zu schreiben eine Dummheit ist. —

Unser guter alter Vischer2 ist sterbenskrank, die Familie ist um ihn versammelt und der Tod kann jeden Tag und jede Stunde eintreten, erhofftermaassen, zur Befreiung von schweren Schmerzen. Er ist unbedingt von allen Baselern der, welcher mir das bedeutendste und gründlichste Zutrauen geschenkt hat, auch in complicirten Verhältnissen. Kurz ich verliere dabei sehr, und die Universität wird mir um etwas gleichgültiger als sie es bereits ist. Wir, Overbeck und ich, sind doch jetzt in einer fast unheimlichen Vereinzelung, und es giebt hier und da Zeichen von furchtsamer Gesinnung gegen uns.3

Für unsre Herbstzusammenkunft4 habe ich den Vorschlag gemacht, dass jeder von uns etwas dazu mitbringt, von seinem Eigensten.

Gott segne Dich und Deinen Roman5 und verleihe Dir kühle und reine Tage und wohl schlafende Nächte mit Mond- und Kometenscheine. Ich sehne mich nach kaltem Bergwasser wie eine wilde Sau.

Leb recht wohl.
Dein Fridericus.

1. Nietzsche traveled to Bergün in the Engadin with Heinrich Romundt (1845-1919), where they stayed from July 19 to August 2, 1874.
2. Unzeitgemässe Betrachtungen, 3. Schopenhauer als Erzieher, (Untimely Meditations, 3. Schopenhauer as Educator). German Text.
3. Cf. 06-17-1874 letter from Erwin Rohde, in which Rohde has doubts about publishing his immature ponderings: "Einen öffentlichen Ausdruck meiner ganzen Denkweise zu geben, — wie Du, als einen heilsamen Aderlaß, es mir anräthst — erspare ich mir auf eine viel spätere Zeit, wo ich reifer geworden sein werde: ich bin ein sehr langsam reifendes Wesen, das seine Ringe sehr allmählich ansetzt. Vor der Hand fühle ich mich wirklich nicht gereift genug, um über Allgemeines öffentlich zu reden, sondern ich bedarf des Stammes eines besondern Gegenstandes, an dem ich mich aufranke." (To give public expression to my whole way of thinking — as you advise me to do as a salutary bloodletting — I will spare myself for a much later time, when I will have become mature: I am a very slowly maturing being who develops his rings very gradually. For the time being I really don't feel mature enough to speak publicly about things in general, I need the trunk of a special subject on which to climb up.)
4. Wilhelm Vischer-Bilfinger (1808-1874): Swiss philologist, rector, and Basel politician. He died on June 5, 1874.
5. Unknown reference.
6. A planned get-together between Nietzsche, Erwin Rohde, Carl von Gersdorff, and Heinrich Romundt. The meeting never took place.
7. Erwin Rohde, Der griechische Roman und seine Vorläufer. Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1876.

 


Gustav Krug.
From b/w photograph, ca. 1900.
Colorized and enhanced image © The Nietzsche Channel.

Basel, 6. Juli 1874:
Brief an Gustav Krug.

Höre heute auch von mir, mein geliebter Freund, ein paar Worte herzlicher Betrübniss.1 Ich weiss freilich aus Erfahrung fast eben so wenig davon, was es heisst einen Vater zu verlieren als einen Vater zu besitzen.2 Dafür ist mir mein Jugendleben innerlich schwerer und bedrückender geworden als billig ist; und gerade aus meinem oft empfundenen Bedürfniss nach einem wahrhaft vertrauten und liebenden Berather wage ich es, auch heute den Grad und Umfang Deines Verlustes zu verstehen.

Sehe ich nun auf Dich, so treten wieder die räthselhaft verbundenen Worte: Tod und Hochzeit,3 so schnell hintereinander vor meine Augen, dass des Lebens und Blühens gar kein Ende abzusehen ist. In Dir selber lebt Dein Vater fort, und sein Bestes und Edelstes soll in Dir unverloren sein.

Und so soll auf jene wunderlich ungeheure Frage, die das Wort "Tod" aufwirft, jenes Andere Wort eine Antwort geben. Eine Antwort: denn vielleicht giebt es mehrere. —

In alter getreuer Gesinnung Dein F. N.

Grüsse Deine verehrten Angehörigen von mir und meiner Schwester,4 mit dem Ausdrucke des herzlichsten Beileides.

1. Gustav Adolph Krug died on 06-30-1874. He was Councillor of the Appellate Court in Naumburg, an accomplished musician — and the father of Gustav Krug (1844-1902), Nietzsche's friend since childhood.
2. Nietzsche's father died on July 30, 1849, when Nietzsche was 4 years old.
3. Nietzsche is referring to Krug's upcoming marriage on September 10, 1874 to Therese Brummer.
4. At the time, Nietzsche's sister visited Nietzsche in Basel from April 28 to September 5, 1874.

 


Heinrich Romundt.
From b/w photograph, ca. 1870.
Colorized and enhanced image © The Nietzsche Channel.

Basel, 7. Oktober 1874:
Brief an Erwin Rohde.

Gestern Abend, mein lieber Freund, kam ich aus den Bergen zurück1 und heute morgen soll das nun bevorstehende Winterleben2 mit einem Geburtstagsbriefe3 an Dich begonnen und eingesegnet werden. Es fehlt mir nicht an Muth und gutem Vertrauen: das habe ich aus der Stille der Berge und Seen mitgebracht, wo ich recht bald bemerkte, woran es einem fehlte oder vielmehr woran man ein Übermass hatte. Nämlich an Egoismus; und das kommt von dem ewigen Für sich-Fortbrüten und Fortleiden. Zuletzt fühlt man sich fortwährend, als ob man hundert Narben hätte und als ob jede Bewegung wehe thäte. Aber wahrhaftig, nun werde ich nächstens 30 Jahre, da muss es ein wenig anders werden, nämlich männlicher und gleichmässiger und nicht mehr so verdammt auf und nieder. Sein Werk fortsetzen und dabei so wenig als möglich an sich denken — das muss es wohl sein, was noth thut. Ich kam mir bei einiger Besinnung recht undankbar und albern vor, mit meiner quälerischen Verzagtheit: denn ich dachte daran, wie unvergleichlich ich eigentlich durch die letzten 7 Jahre hindurch beschenkt worden bin und wie ich nicht genug empfinden kann, was ich an meinen Freunden habe. Eigentlich lebe ich ja durch Euch, ich gehe vorwärts, indem ich mich auf Euch stütze; denn mit meinem Selbstgefühle steht es schwach und erbärmlich, und Ihr müsst mir immer wieder mich mir selber gewährleisten. Dazu seid Ihr mir die besten Vorbilder; denn sowohl Du als Overbeck, Ihr tragt das Lebensloos würdiger und mit weniger Klagen, obschon Du es in manchem Sinne schlechter und beschwerlicher hast als ich. Und am meisten empfinde ich es, wie ihr mich weit gerade durch liebevolle Gesinnung übertrefft und an Euch weniger denkt. Darüber habe ich viel in der letzten Zeit nachgesonnen; dies darf ich Dir bei Gelegenheit eines Geburtstagsbriefes schon sagen.

Ich war mit Romundt und Baumgartner ein paar Tage auf dem Rigi, dann eine gute Woche allein in Luzern.4 Meine Tischnachbarn waren der Bischof Reinkens5 und Professor Knood [sic].6 Heute Abend ist die Taufe von Immermann's Jüngstem;7 wir Drei8 assistiren dabei. Ich war mehreremal in Tribschen9 und vermisste viel, viel; mit der Gräfin Bassenheim10 in Luzern schüttete ich das Herz aus, auch sie fühlt sich durch Wagners Fortgang ganz und gar "enterbt" und hatte offenbar eine grosse Freude etwas Neueres und Genaueres über Baireuth11 zu hören. Gersdorff kommt erst gegen den 12 October, Du siehst, wie unsere Herbstzusammenkunft ganz in Stücke zerfällt,12 denn er kommt wieder in eine Arbeitszeit hinein, da meine Stunden mit dem 10ten beginnen. Overbeck ist noch im Corrigiren13 drin, ich bin damit fertig und erwarte stündlich das Eintreffen der fertigen Exemplare, damit sogleich eins derselben an Dich abgehen könne.14 Inzwischen ist mir der Inhalt der Nr. 415 ungefähr aufgegangen: was mich sehr erfreut hat, da ich es wie ein Geschenk hinnehme. Romundt hat litterarische Absichten; privatim gründet er den Staat und die Religion.16 Dr. Fuchs hat durch Übersendung von Grüssen und Concertzettel ausgedrückt, dass es noch nicht aus ist; und Overbeck hat ihm einen guten ehrlichen Brief über alle unsere Beschwernisse geschrieben.17 Baumgartner hat mir ein grosses Bild von sich hinterlassen,18 das ganz ausgezeichnet gelungen ist. Krug19 und Pinder20 reisen mit ihren Ehegattinnen herum und treffen mit einander in Heidelberg zusammen; ich habe leider Krugen verfehlt,21 ebenfalls Deussen, der auch durch Basel reiste und mich sprechen wollte.22

Geld und Schlüssel ist angekommen, ich danke schönstens.23 Gersdorff soll in das gleiche Logis, wir wollen zusammen recht viel Deiner denken. Wenn Dein Roman24 fertig ist, so telegraphire, ich bitte Dich, damit wir ein kleines Fest a tempo feiern können. Wenn ich nur wüsste, wie Du Dir etwas Musik schaffen könntest, Musik unserer Art!

Draussen ist der sonnigste Herbst und ich habe so schöne Trauben auf dem Tische, dass ich nur wünschte, Du könntest sie essen, und wir sässen beisammen, ich spielte Dir etwas vor; auch famose Cigaretten habe ich aus Luzern mitgebracht. Das ist nun Alles wieder vorüber.25

Leb wohl, mein lieber theurer Freund und bleibe mir so zugethan, wie bisher — dann wollen wir's schon noch eine Weile auf Erden aushalten.

Dein
getreuer
Friedrich Nietzsche

Da fällt mir ein, dass ich ja ein fertiges Exemplar der Nr. 3 besitze, freilich nur in Aushängebogen. Immerhin, es kommt zur rechten Zeit, wenn es gerade zum 9ten kommt.26

1. Nietzsche spent 3 days at a hotel on Mt. Rigi near Lucerne with Heinrich Romundt (1845-1919), their friend and classmate at the University of Leipzig (who was now a roommate in Basel), and his student Adolf Baumgartner (1855-1930), followed by a week in Lucerne at a hotel spa.
2. Nietzsche's teaching duties for WS1874-75 were to start on October 10.
3. Rohde's birthday was October 9.
4. See Note 1 above.
5. Joseph Hubert Reinkens (1821-1896): German Old Catholic bishop.
6. Franz Peter Knoodt (1811-1889): German Catholic theologian, and philosophy professor in Bonn.
7. Karl Wilhelm Georg, the son of Hermann and Marie Immermann (née Diehl). Hermann Immermann (1838-1899) was a doctor and professor of pathology in Basel.
8. Nietzsche, Franz Overbeck, and Heinrich Romundt.
9. The residence of Richard and Cosima Wagner from March 30, 1866 to April 22, 1872 (about a mile south of Lucerne).
10. The reference is suppossedly to Marie Bassenheim — yet she was a mere 13 years old in 1874. Her mother, Caroline von Waltbott-Bassenheim (1824-1889), seems a more likely person to whom Nietzsche would "pour out his heart." Due to the profligate lifestyle of her husband (Hugo Philipp Waldbott von Bassenheim 1820-1895), the Bassenheim's lost their family fortune.
11. Nietzsche was in Bayreuth from August 4-15.
12. A planned get-together between Nietzsche, Erwin Rohde, Carl von Gersdorff, and Heinrich Romundt. The meeting never took place.
13. Franz Overbeck, Studien zur Geschichte der alten Kirche. Chemnitz: Schmeitzner, 1875.
14. On 09-24-1874, Nietzsche received the last proofsheets for Unzeitgemässe Betrachtungen, 3. Schopenhauer als Erzieher, (Untimely Meditations, 3. Schopenhauer as Educator). German Text. The book was published on 10-15-1874.
15. Nietzsche's original plan was to write "We Philologists," not the eventual "Richard Wagner in Bayreuth."
16. Cf. Basel, 10-03-1874: Letter from Franz Overbeck to Nietzsche in Lucerne. "Romundt ist mit dem Staat fertig, und lustwandelt jetzt in der Religion, hatte in letzter Zeit ein paar merkwürdige Conferenzen mit dem Specialcollegen H[einze]." (Romundt has finished with the state and is now wandering around in religion, recently had a couple of strange conferences with his special colleague H[einze].)
17. Unknown reference.
18. See photograph above.
19. Gustav Krug (1844-1902), Nietzsche's friend since childhood.
20. Wilhelm Pinder (1844-1928), Nietzsche's friend since childhood.
21. Gustav Krug married Therese Brummer on September 10, 1874. Wilhelm Pinder married Marie Hesse on September 25, 1874. For Nietzsche's early description of his two friends, see "1858 Aus meinem Leben." Translation (1858 From My Life) in: Nietzsche's Writings as a Student. The Nietzsche Channel, 2012, 1-34 (11-13).
22. Cf. Lucerne, Early October 1874: Letter from Paul Deussen to Nietzsche in Basel.
23. During his stay at Nietzsche's place in Basel, Rohde had accidentally taken the house key with him; he then sent it to Nietzsche along with some money he had borrowed.
24. Erwin Rohde, Der griechische Roman und seine Vorläufer. Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1876.
25. That is, the corrections for Unzeitgemässe Betrachtungen, 3. Schopenhauer als Erzieher, (Untimely Meditations, 3. Schopenhauer as Educator). German Text. The book was published on 10-15-1874.
26. Cf. Schlosschemnitz, 09-26-1874: Letter from Ernst Schmeitzner to Nietzsche in Basel, in which Schmeitzner encloses the last advance sheets for Schopenhauer als Erzieher (Schopenhauer as Educator). Nietzsche received them on 10-07-1874.

 

Cover of Unzeitgemässe Betrachtungen, 2. 1874.
With Nietzsche's dedication to Wilhelm Vischer-Bilfinger.
Enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Basel, 25. Oktober 1874:
Brief an Malwida von Meysenbug.

Endlich, verehrtestes Fräulein, komme ich wieder dazu, Ihnen etwas von mir zu erzählen, nämlich dadurch, dass ich Ihnen wieder etwas Neues von mir überreiche; aus dem Inhalte dieser letzten Schrift1 werden Sie genug von dem errathen, was ich inzwischen in mir erlebt habe. Auch dass es mit mir im Verlaufe des Jahres mitunter viel schlechter und bedenklicher stand als im Buche zu lesen steht. In summa aber doch dass es geht, vorwärts geht und dass es mir nur gar zu sehr am Sonnenscheine des Lebens fehlt; sonst würde ich sagen müssen dass es mir gar nicht besser gehen könnte als es geht. Denn es ist gewiss ein hohes Glück, mit seiner Aufgabe schrittweise vorwärts zu kommen — und jetzt habe ich drei von den 13 Betrachtungen2 fertig und die vierte3 spukt im Kopfe; wie wird mir zu Muthe sein, wenn ich erst alles Negative und Empörte, was in mir steckt, aus mir heraus gestellt habe, und doch darf ich hoffen, in 5 Jahren ungefähr diesem herrlichen Ziele nahe zu sein! Schon jetzt empfinde ich mit wahrem Dankgefühle, wie ich immer heller und schärfer sehen lerne — geistig! (leider nicht leiblich!) und wie ich mich immer bestimmter und verständlicher aussprechen kann. Wenn ich in meinem Laufe nicht völlig irre gemacht werde oder selber erlahme, so muss etwas bei alledem heraus kommen. Denken Sie sich nur eine Reihe von 50 solchen Schriften, wie meine bisherigen 4,4 alle aus der inneren Erfahrung heraus ans Licht gezwungen, — damit müsste man doch schon eine Wirkung thun, denn man hätte gewiss vielen Menschen die Zunge gelöst, und es wäre genug zur Sprache gebracht, was die Menschen nicht so bald wieder vergessen könnten und was gerade jetzt wie vergessen, wie gar nicht vorhanden erscheint. Und was sollte mich in meinem Laufe stören? Selbst feindselige Gegenwirkungen werden mir jetzt zu Nutzen und Glücks, denn sie klären mich oftmals schneller auf als die freundlichen Mitwirkungen: und ich begehre nichts mehr als über das ganze höchst verwickelte System von Antagonismen, aus denen die "moderne Welt" besteht, aufgeklärt zu werden. Glücklicherweise fehlt es mir an jedem politischen und socialen Ehrgeize, so dass ich von da aus keine Gefahren zu befürchten habe, keine Abziehungen, keine Nöthigung zu Transaktionen und Rücksichten; kurz, ich darf heraussagen, was ich denke und ich will einmal erproben, bis zu welchem Grade unsre auf Gedankenfreiheit stolzen Mitmenschen freie Gedanken vertragen. Ich fordere vom Leben nicht zu viel und nichts Überschwängliches; dafür bekommen wir Alle in den nächsten Jahren etwas zu erleben, worum uns alle Vor- und Nachwelt beneiden darf.5 Ebenfalls bin ich mit ausgezeichneten Freunden wider alles Verdienst beschenkt worden; nun wünsche ich mir, vertraulich gesprochen, noch recht bald ein gutes Weib, und dann denke ich meine Lebenswünsche für erfüllt anzusehen — Alles Übrige steht dann bei mir.

Nun habe ich genug von mir gesprochen verehrteste Freundin und noch gar nicht verrathen, mit welcher herzlichen Theilnahme ich immer an Sie und an Ihr schweres Lebensloos6 gedacht habe. Ermessen Sie es an dem Tone unbedingten Vertrauens, in dem ich vor Ihnen von mir spreche, wie nahe ich mich Ihnen allezeit gefühlt habe und wie sehr ich wünschte, Sie hier und da ein wenig trösten und unterhalten zu können. Nun leben Sie aber leider so schrecklich entfernt. Vielleicht aber mache ich mich doch einmal um die nächste Osternzeit auf, Sie in Italien zu besuchen,7 vorausgesetzt dass ich weiss, wo Sie da zu finden sind. Inzwischen meine innigsten Wünsche für Ihre Gesundheit und die alte Bitte, mir freundlich gewogen bleiben zu wollen.

Treulich
Ihr
ergebenster Diener
Friedrich Nietzsche

Ich bin kürzlich 30 Jahre alt geworden.

Anbei die Photographie meiner Schwester, die nicht mehr bei mir ist.8

1. Unzeitgemässe Betrachtungen, 3. Schopenhauer als Erzieher, (Untimely Meditations, 3. Schopenhauer as Educator). German Text.
2. Nietzsche drew up a plan for thirteen Untimely Meditations in the autumn of 1873 (it did not include the two he published on Schopenhauer and Wagner). See Nachlass, Sommer-Herbst 1873 29[163].
3. Nietzsche's original plan was to write "We Philologists," not the eventual "Richard Wagner in Bayreuth."
4. The Birth of Tragedy, and the first 3 "Untimely Meditations."
5. An allusion to Richard Wagner's planned The Ring of the Nibelung for the Bayreuth Festival.
6. Her separation from her foster-children, and her failed attempt to secure residence in Bayreuth.
7. From July 16 to August 12, 1875 Nietzsche decided instead to stay in Steinabad, seeking the purported healing cure from thermal stone baths.
8. It's not clear to which photograph he is referring. On 09-12-1874, Elisabeth Nietzsche had two photographs taken of her by Jacob Höflinger in Basel (see the receipt in GSA 72/878).

 

Emma Guerrieri-Gonzaga.
Enhanced image The Nietzsche Channel.

Florenz, 7. Dezember 1874:
Brief von Emma Guerrieri-Gonzaga.1

Werther Freund!

Was werden Sie sagen wenn ich mich schon wieder zu einer Beichte2 gedrängt fühle? Ihre letzte Schrift3 hat mir einen deprimirenden Eindruck hinterlassen trotz mancher großer Gedanken, die mich wie Blitze durchleuchteten und mir ein Besitz für's Leben geworden sind! Aber Sie stoßen die ganze bestehende Welt in einen düstern Abgrund, in dem Alles chaotisch sich umherwälzt und nie und nimmer sich zum Lichte emporzuschwingen vermag! Sie lassen dem Sehnenden, Strebenden keine Brücke, auf der er mit langsam zögerndem Schritte aus der ihn umgebenden schlechten Welt hinüberschreiten könnte in jenes höhere Reich der Wahrheit, Schönheit, Liebe! Und doch hät uns die Natur keine Flügel gegeben! — Wir müssen jede höhere Erkenntniß mit schwerem Leide zahlen, und wenn wir uns sehnen die höhere Ahnung, den höheren Glauben, das höhere Wissen in's Leben zu übertragen, wenn wir hinanzuklettern streben, bei jedem Schritte gehemmt oft zurückgeworfen, durch Fehltritte verwundet, wo finden wir dann die nöthige Hülfe zu der allmählichen Verwandlung? — Hilft es uns etwa wenn Einer sagt: „Alles was Ihr durch Geburt, Erziehung, durch den Einfluß der Euch umgebenden Luft geworden seid, müßt Ihr erst mit Stumpf und Stil ausrotten, darauf ein neues Reis pflanzen und nun seht zu ob Ihr gedeiht?"4 Ach, mir graut vor dieser Radikalkur, und ich ziehe den Erzieher vor, der, indem er das wenige Gute in mir bejaht, mich leise zum Besseren hinanzieht und so allmählich mein Wesen durch langsames Werden zum höheren Sein heranreifen läßt! — Verstehen Sie, verehrter Freund, wie ich es meine, wenn ich glaube daß Sie zu sehr mit Keulenschlägen dreinschlagen, zu tief verletzen, um auf das Innere des Menschen eine Wirkung auszuüben? Ich für meinen Theil verstehe und achte die Leidenschaft, die unbekümmert wo und wie sie trifft, das bestehende Schlechte mit unbändigem Hasse verfolgt! Ich fühle aber, daß der wahre Erzieher anders verfahren muß, nämlich mit der Leuchte des höchst erkannten Zieles in der helfenden Hand, eine Stütze sein muß denen, die sich kaum aufgerafft von der schmutzigen, klebrigen Erde, noch kaum zu stehen vermögen, und nur mit Hülfe der Besten und Edelsten das in weiter Ferne strahlende, ihren blöden Augen verhüllte Ziel zu erkennen und ach! so schwer, so selten zu erreichen vermögen! —

Ich liebe Schopenhauer wie Sie, auch mir war es eine Offenbarung, als ich den ersten Blick in sein tiefes, weites Geistesleben that! Herrlich zutreffend fand ich Ihr Wort: "Er hat das Leiden der Wahrhaftigkeit auf sich genommen."5 Auch Schopenhauer fuhr mit Keulenschlägen drein, aber er war mehr Schöpfer als Kritiker, in Einsamkeit und Stille überwand er das Leben, schaffte das Tiefste aus seinem tiefen Geiste an's Tageslicht hervor,und dann fuhr er los mit dem lange zurückgehaltenen Grimme des Siegers; mit seinem weit alles Mitlebende überragenden Schöpfergefühl stößt er alles nicht zum wahren Leben Berechtigte in den Abgrund zurück! —

War er aber ein Erzieher im ganzen Sinne des Worts, auch wenn ich ihn nur als reines Vorbild mir denke? – Ist nicht eine Lücke in seinem Leben? Hat sein tiefes, reiches Gemüth auch nur annähernd Erfüllung gefunden? – Ich glaube es nicht. Eine Ahnung davon hat ihn durchzogen, als er in den letzten Jahren seines Lebens, tief ergriffen von dem Eindruck den er von einer jungen begabten Künstlerin, die seine Büste zu machen gekommen war, empfangen hatte, zu Letzterer sagte: "Sie sind das Kind der vereinigten Natur und Kunst, ich möchte Sie in meiner Jugend gekannt haben." Und dabei strahlten seine Augen in kindlichem Glückesgefühl. – Aus seinem Verhältniß zu dieser Künstlerin,6 die eine Freundin von mir war, schloß ich daß ihm stets das Glück liebevollen Verständnisses in seiner Umgebung gefehlt und daß er diesen Mangel selbst gefühlt hat. Sogar glaube ich, was vielleicht Anmaßung von mir ist, daß dieser Mangel auf die letzten Konsequenzen die er aus seiner Philosophie gezogen, großen Einfluß gehabt hat. —

Wissen Sie worin ich nicht einig mit Ihnen bin? in Ihrer Verachtung des Nationalgefühles eines Volkes, das ich für den Ausgangspunkt zur wahren Humanität halte. Ein Kind liebt sich selbst, seine Familie, sein Volk, die Menschheit; mit wachsendem Verständnis und erweitertem Gefühle wird der Zusammenhang mit dem All größer und tiefer! — Warum ereifern Sie sich gegen das deutsche Reich?7 Erweckt es in Ihnen nicht mehr Hoffnung für die Zukunft als die schwache, kraft- und saftlose Zusammengehörigkeit der deutschen Staaten in früherer Zeit? — Hatten die Griechen kein sehr ausgesprochenes Staatsgefühl? —

Ich schreibe Alles so nieder ohne Scheu, obgleich ich deutlich fühle, daß Sie nicht verpflichtet sind auf meine Einwendungen zu antworten. So nehmen Sie denn dieselben auf als ein Beweis meiner tiefen Achtung für Sie, die mir nicht gestattet zurückzuhalten wo es mich zu sprechen drängt und wo ich die Grundlage sehe, zu einstmaliger Verständigung in tausend Fragen in denen ich Aufklärung bedarf. — Leben Sie wohl für heute, und glauben Sie an das ehrliche Streben nach Wahrheit

Ihrer Sie hochschätzenden
E. Guerrieri-Gonzaga

1. Emma Guerrieri-Gonzaga (1835-1900): German pedagogue, and friend of Nietzsche.
2. See Florence, 05-15-1874: Letter from Emma Guerrieri-Gonzaga to Nietzsche in Basel, in which she gives her opinion of Nietzsche's writings, including positive ones of Homer und die klassische Philologie (Homer and Classical Philology), and Unzeitgemässe Betrachtungen, 2. Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, (Untimely Meditations, 2. On the Use and Abuse of History for Life). German Text. "Ein gütiges Schicksal führte mich von Neuem zu Ihnen: ich las Ihre kleine Schrift über Homer die mir unendlich gefiel. Und jetzt das 2te Stück Ihrer 'Unzeitgemäßen Betrachtungen' die für mich wie eine Offenbarung waren und ich glaube nicht daß ich Ihnen im Geiste wieder untreu werden kann! / Damit habe ich meine Beichte vollbracht, denn ehrlich will ich Ihnen gegenüberstehen!" (Kind providence led me to you again: I read your short work on Homer, which I really enjoyed. And now the 2nd part of your "Untimely Meditations" which was like a revelation for me and I don't think I can be disloyal to you again in spirit! / With that said I have made my confession, because I want to be honest with you!)
3. Unzeitgemässe Betrachtungen, 3. Schopenhauer als Erzieher, (Untimely Meditations, 3. Schopenhauer as Educator). German Text.
4. Cf. Unzeitgemässe Betrachtungen, 3. Schopenhauer als Erzieher, §3 (Untimely Meditations, 3. Schopenhauer as Educator, §3). "Diese Menschen, die ihre Freiheit in das Innerliche geflüchtet haben, müssen auch äusserlich leben, sichtbar werden, sich sehen lassen; sie stehen in zahllosen menschlichen Verbindungen durch Geburt, Aufenthalt, Erziehung, Vaterland, Zufall, Zudringlichkeit Anderer" (These people who have fled inward for their freedom also have to live outwardly, become visible, let themselves be seen; they are united with mankind through birth, residence, education, fatherland, chance, the importunity of others).
5. Unzeitgemässe Betrachtungen, 3. Schopenhauer als Erzieher, §4 (Untimely Meditations, 3. Schopenhauer as Educator, §4). "Der Schopenhauerische Mensch nimmt das freiwillige Leiden der Wahrhaftigkeit auf sich" (The Schopenhauerean man voluntarily takes upon himself the suffering involved in being truthful).
6. Elisabet Ney (1833-1907): German-American sculptor, who created a bust of Schopenhauer in 1859. For details about Ney and Schopenhauer, see: 1. Helen Zimmern, Arthur Schopenhauer. His Life and His Philosophy. London: Longmans, Green, and Co., 1876, 242. 2. Arthur Schopenhauer, Johann August Becker, Johann Karl Becker (hrsg.), Briefwechsel zwischen Arthur Schopenhauer und Johann August Becker. Leipzig: Brockhaus, 1883, 156. 3. Anon., "Elisabet Ney." In: The Open Court. Vol. XI. No. 492. May 1897. Chicago: The Open Court Publishing Co., 309-310. 4. Arthur Schopenhauer, Max Brahn (hrsg.), Arthur Schopenhauers Briefwechsel und andere Dokumente. Ausgewählt und herausgegeben von Max Brahn. Leipzig: Insel, 1911, 252f., 260f., 299, 314, 317. 5. Bride Neill Taylor, Elisabet Ney, Sculptor. New York: Devin-Adair, 1916, 27-29.
7. See, e.g., Unzeitgemässe Betrachtungen, 3. Schopenhauer als Erzieher, §6 (Untimely Meditations, 3. Schopenhauer as Educator, §6).

 

Theodor Opitz.
From b/w photo, ca. 1880.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Liestal, 21. Dezember 1874:
Brief von Theodor Opitz.1

"Schopenhauer als Erzieher."

Dies Büchlein über Arthur Schopenhauer
Ergreift, wie allerbeste Poesie,
Die Seele mächtig, und ein Freudenschauer
Durchzuckt befreiend und erhebend sie.

Ein tapfres Büchlein ist's, voll Geist und Feuer,
Ja, eine Wetterthat der Leidenschaft:
Der Blitzstrahl flammt, es rollt der Donner neuer
Belebung stark mit reinigender Kraft.

Und hinter diesem brausenden Gewitter
Wölbt sich des ew'gen Himmels stilles Blau;
Und vor uns steht der Wahrheit ernster Ritter
In seiner vollen Größe, welche Schau!

"Unzeitgemäß" ist freilich Alles sehr,
Doch darum zeitgemäß just um so mehr.2

Opitz.

1. Theodor Opitz (1820-1896): German journalist, translator, and admirer of Nietzsche.
2. The poem was written in admiration of Nietzsche's Unzeitgemässe Betrachtungen, 3. Schopenhauer als Erzieher, (Untimely Meditations, 3. Schopenhauer as Educator). German Text. A year earlier, Opitz wrote to Nietzsche praising Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (The Birth Of Tragedy Out of the Spirit of Music). Nietzsche was familiar with Opitz's translation of Sándor Petöfi's poetry, Alexander Petöfi's lyrische Gedichte, übersetzt von Theodor Opitz. Pest: Gustav Heckenast, 1867. During his early years, Nietzsche used three Petofi poems for his musical lieder in 1864, from a translation by Károly Mária Kertbeny, Alexander Petöfi's Dichtungen. Nach dem Ungarischen, in eignen wie fremden Übersetzungen gesammelt von Károly Mária Kertbeny. Berlin: Hofmann, [ca.1860]). In addition, Nietzsche used Opitz's translation of two poems by Alexander Puschkin: "Beschwörung" (Conjuration), and "Nachspiel" (Postlude, Nietzsche's title for an untitled poem). The poems were published in Dichtungen. Von A. Puschkin und M. Lermontov. Deutsch von Theodor Opitz. Berlin: Hofmann, 1859. See Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music. The Nietzsche Channel, 2012, 11-15.

 


Adolf Baumgartner in his Hussar uniform.
From b/w photograph by:
Bernhard Mischewski.
Danzig, ca. 1875.
Colorized and enhanced image © The Nietzsche Channel.

Naumburg, 24. Dezember 1874:
Letter to Carl von Gersdorff.

Mein lieber getreuer Freund, ich sitze hier zu Naumburg,1 in heimatlichster Stimmung, gestern kam ich an, schlief gut und heute morgen soll Deiner und der Frauen Wagner gedacht sein.2 Es gab in den letzten Wochen ein großes Drängen, so daß ich nicht zum Briefschreiben kam, doch ist es mit der Gesundheit gerade noch gegangen, und ich glaube auch, es wird gehen. Die Geschichte des griechischen Epos habe ich in meinem Colleg bis jetzt zu Ende erzählt, da aber die ganze Litteratur der Griechen heran soll, wird sich dies Colleg wohl über 3 Semester hinziehen.3 Diese Ferien will ich dafür mit aller Litteratur verschont sein, habe aber alle meine Jugendcompositionen4 um mich gehäuft, daraus soll etwas gebraut werden "dran sich der Lenz erkennen lässt,"5 ich meine zur Erinnerung, für das Alter. Viel ist mir in den letzten Monaten durch den Kopf gegangen, und ich bin mehrfach wieder unzeitgemäß befruchtet worden,6 doch wann werde ich wieder Zeit finden? Quaeritur.7 Am Tage meiner Abreise aus Basel erschien ein Gedicht, verfaßt von dem Übersetzer des Petöfi Th. Opitz;8 ich lege es gelegentlich einmal bei. Die darin ausgedrückte Wirkung scheint diesmal bei allen meinen ordentlichen Lesern eingetreten zu sein (nur Frau Guerrieri fand sich diesmal "deprimirt,"9 von der Größe der Aufgabe erschreckt, frauenzimmerlich-zimperlich!); der alte Präsident Turneysen schrieb10 mir sehr gut, und daß Frau Baumgartner eifrig und glücklich daran übersetzt11 (bis jetzt bis zu Cap. 5) habe ich Dir wohl erzählt, sie hat viel Übung und Geschmack, aber bei vielen ihrer Sprachbemerkungen danke ich doch dem Himmel ein Deutscher zu sein, ich möchte nichts mit einer so ausgelitzten12 Sprache wie die französische ist zu thun haben. Unser lieber junger Freund Baumgartner hat mich vorgestern auf die Bahn begleitet bei der Abreise, und zwar angethan mit der Paradepracht eines blauen Husaren,13 er sieht wohl und reichlicher aus als früher, und ist wirklich sehr gut aufgehoben in seiner Schwadron; der Offizier, der ihn und die Mit-Freiwilligen ausbildet ist Prinz Löwenstein, sein oberster Chef der regierende Reuß. Baumgartner schickt Dir seine besten Grüße, Dein Verwandter Gr[af] Rothkirch ist bei einer andren Schwadron. Mit dem Dr. Fuchs ist wieder Friede und Freundschaft eingetreten,14 das moralische Kindbettfieber überwunden;15 denke Dir, daß er sich in Hirschberg (Schlesien) eine neue Heimat gegründet hat; er schreibt kräftig, heiter und beruhigt, auch sehr dankbar — wofür eigentlich? Ich freue mich herzlich über diese Erfahrung. — Rohde schickte Kieler Sprotten nach Basel und einen sehr schönen Brief,16 er formt weiter an seinem "Roman,"17 der immer dicker wird wie ein Schneemann;18 schrieb auch einiges über Erotica19 und will bemerkt haben daß er "zu alt oder zu dumm oder zu verstudirt sei, als daß dergl. seine Gedanken ganz oder nur vorwiegend und namentlich auf einige Dauer fesseln könnten." — Overbeck ist in Dresden,20 Romundt (dessen Geburtstag am 27 Dez. ist) in Basel, letzterer hat nun endgültig seine Universitätsdinge auf Nichts gestellt, ich will sagen, er geht Ostern ab und fort — und wohin?21 Wir wissens noch nicht, eine tüchtige Lehrer stellung soll herauskommen, nöthig ist es wahrhaftig, daß er die verfluchte Philosophirerei kalt stellt, er wurde recht tottig22 dabei und wird es täglich mehr, wie er selbst fühlt, und wir mit ihm fühlen. — Für Deinen letzten Brief und die Mittheilung des Bayreuther Briefes23 herzlichen Dank; wir wollen allesammt dem Himmel und der Unterwelt und wo sonst noch Götter sich aufhalten danken, daß das Nibelungenwerk24 gethan ist. Dem trefflichen Rau wünsche ich empfohlen zu werden und zu bleiben, das ist ein guter Mensch, und wie er seine Sachen ordentlich vorwärts führt, ist gut zu hören, auch zum Nachmachen. Krug und Pinder, beiläufig, werden mir in diesen Tagen ihre Weiberchen präsentiren,25 alles kommt zur Weihnacht.

Nun mein herzlieber Freund, Du weißt, daß wir über den Tag Deiner Geburt nicht klagen und fluchen; wie immer auch das Menschenloos im Ganzen sei, gewiß beklagens-, vielleicht fluchenswerth — aber gute Freunde ist eine sehr achtenswerthe Erfindung, derenthalben soll das Menschenloos gerühmt werden. Bis jetzt war es die einzige Art, wie wir mit unserm Besten etwas weiter wirkten und weiter lebten, über das Individuum hinaus; gelegentlich müssen wir auch nun unsere andre Schuldigkeit thun und für einen kräftigen geistig-leiblich ebenbürtigen Nachwuchs sorgen. Aber was auch geschehe, der Hymnus auf die Freundschaft26 soll immer fort erschallen; und dabei werde ich immer mit Lob und Dank an Dich gedenken, mein lieber treuer Gersdorff!

Empfiehl mich Deinen verehrten Eltern und sei selber herzlich gegrüßt von meiner Mutter und Schwester.

Und nun tapfer hinüber ins neue Jahr.

Dein
Friedrich Nietzsche.

1. Nietzsche was in Naumburg from December 22, 1874 to January 2, 1875.
2. Cosima Wagner's birthday was December 25; Carl von Gersdorff's birthday was December 26.
3. Nietzsches lectures on the "Geschichte der griechischen Litteratur" (History of Greek Literature) were held in WS1874-75, SS1875, and WS1875-76.
4. For a chronological list of Nietzsche's musical compositions, see Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music. The Nietzsche Channel, 2012. In his 01-02-1875 letter to Malwida von Meysenbug, Nietzsche discusses revising the compositions from his youth.
5. See Richard Wagner, "Die Meistersinger von Nuernberg" (The Mastersingers of Nuremburg), Act 3, Scene 2: "Das waren hoch-bedürft'ge Meister, / von Lebensmüh' bedrängte Geister; / in ihrer Nöthen Wildniss / sie schufen sich ein Bildniss, / dass ihnen bliebe / der Jugendliebe / ein Angedenken klar und fest, / dran sich der Lenz erkennen lässt." (They were needy masters, spirits beset by life's toil; in their needy wilderness they created an image for themselves, so that they would have a clear and firm memory of their youthful love, by which spring can be recognized.)
6. Richard Wagner in Bayreuth was published on 07-10-1876. Nietzsche started to explore writing an essay on Wagner in the autumn of 1874, but didn't begin serious work on it until the autumn of 1875. In autumn 1874 through March 1875, Nietzsche wrote preparatory material for a work entitled "We Philologists" — to combat criticism of The Birth of Tragedy — but abandoned that work shortly thereafter.
7. Latin: That's the question.
8. See 12-21-1874 letter from Theodor Opitz with poem.
9. See 12-07-1874 letter from Emma Guerrieri-Gonzaga.
10. See 12-08-1874 letter from Eduard Thurneysen-Gemuseus (1824-1900): president of the criminal court in Basel.
11. Marie Baumgartner began a French translation of Schopenhauer as Educator in December 1874, but it was never published. However, her French translation of Richard Wagner in Bayreuth was published in 1877.
12. "ausgelitzt": from "litzen," an Alemannic German word Nietzsche probably became familiar with while at Basel. Cf. ableiten; herauslocken. Also used by Nietzsche in: 05-05-1873 letter to Erwin Rohde; and 2-15-1874 letter to Erwin Rohde.
13. See photograph above. Adolf Baumgartner (1855-1930): a student of Jacob Burckhardt and Nietzsche at the pedagogium in Basel, and the son of Marie Baumgartner. Baumgartner left Basel in the autumn of 1874, serving in the Hussars for his one-year military service. He returned to Basel to resume his studies, which ended in the summer of 1877. On Nietzsche's advice, he went to Jena in the autumn of 1877 to study under Erwin Rohde, but their relationship soured. Baumgartner went on to write a philological book on the Armenian historian, Moses of Khoren (ca. 410-490s). See Adolf Baumgartner, Dr. M. Lauer und das zweite Buch des Môses Chorenazi. Leipzig: Stauffer, 1885. In 1878, Nietzsche gifted him a dedicated copy of Ralph Waldo Emerson's Neue Essays (Letters and Social Aims). Autorisirte Uebersetzung mit einer Einleitung von Julian Schmidt. Stuttgart: Abendheim, 1876. The dedication reads: "Herrn Adolf Baumgartner / als Gefährten für einsame / Spaziergänge / empfohlen. / / Und dabei gedenken Sie auch / meiner! — / / F. Nietzsche / Ende 1878." (Mr. Adolf Baumgartner / Recommended as a companion on lonely walks. / / And with it remember me too! — / / F. Nietzsche / Ende 1878.) For further biographical details on Baumgartner, see Emil Dürr, "Adolf Baumgartner 1855-1930." In: Basler Jahrbuch. 1932, 211-242.
14. Cf. 12-16-1874 letter from Carl Fuchs.
15. Cf. 12-21-1874 letter to Carl Fuchs.
16. Cf. 12-13-1874 letter from Erwin Rohde.
17. Erwin Rohde, Der griechische Roman und seine Vorläufer. Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1876.
18. Cf. 12-13-1874 letter from Erwin Rohde.
19. Ibid.
20. Overbeck spent the Christmas holiday with his mother, who lived in Dresden.
21. Romundt left Basel on 04-10-1875 planning to become a Catholic priest, but soon dropped those plans and became a high-school teacher in Oldenburg.
22. In the sense of being a "Tottel" (a clumsy fool). See the Grimm definition.
23. A lost letter that Cosima Wagner sent to Carl von Gersdorff at the end of November 1874.
24. Richard Wagner's The Ring of the Nibelung for the Bayreuth Festival.
25. Gustav Krug married Therese Brummer on September 10, 1874. Wilhelm Pinder married Marie Hesse on September 25, 1874. For Nietzsche's early description of his two friends, see "1858 Aus meinem Leben." Translation (1858 From My Life) in: Nietzsche's Writings as a Student. The Nietzsche Channel, 2012, 1-34 (11-13).
26. Nietzsche's piano composition. See Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music. The Nietzsche Channel, 2012, 24-25.

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