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Nietzsches Briefe

1866

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Ralph Waldo Emerson, Versuche. (Essays.)
Aus dem Englischen von G. Fabricius.
Hannover: Carl Meyer, 1858. P. 391.

Naumburg, 7. April 1866:
Brief an Carl von Gersdorff.

Lieber Freund,

gelegentlich kommen Stunden jeder ruhigen Betrachtung, wo man in Freude und Trauer gemischt über seinem Leben steht, ähnlich jenen schönen Sommertagen, die sich breit und behaglich über die Hügel hinlagern, wie Emerson sie so vortrefflich beschreibt:1 dann wird die Natur vollkommen, wie er sagt, und wir: dann sind frei wir vom Banne des immer wachenden Willens, dann sind wir reines, anschauendes, interesseloses Auge.2 In dieser vor allem anderen zu ersehnenden Stimmung nehme ich die Feder zur Hand, um Dir auf Deinen freundlichen und gedankenreichen Brief zu antworten. Unsre gemeinsamen Besorgnisse3 sind bis zu einem kleinen Reste zusammengeschmolzen: wir haben wieder gesehen, wie von ein paar Federstrichen, schließlich vielleicht sogar von zufälligen Launen Einzelner die Geschicke unzähliger bestimmt werden und überlassen es gern den Frommen, für diese zufälligen Launen ihrem Gotte Dank zu wissen. Es mag sein, daß uns diese Reflexion zum Lachen stimmt, wenn wir uns in Leipzig wiedersehen.

Von dem individuellsten Gesichtspunkte aus hatte ich mich bereits mit dem militärischen Gedanken vertraut gemacht. Ich wünsche mich öfter herausgerissen aus meinen gleichförmigen Arbeiten, ich war nach den Gegensätzen der Aufregung, des stürmischen Lebensdranges, der Begeisterung begierig. Denn so sehr ich mich auch angestrengt habe, so ist es mir doch täglich deutlicher geworden, daß man eine solche Arbeit4 nicht aus den Aermeln schüttelt. Ich habe die Ferien sehr viel — relativ — gelernt, und mein Theognis findet mich nach den Ferien mindestens um ein Semester fortgeschrittner. Dabei habe ich manche einleuchtende Dinge gefunden, die eine Bereicherung meiner quaestiones Theogn[ideae]. werden sollen. Eingemauert bin ich in Bücher — durch Corssens ungemeine Gefälligkeit.5 Ebenso muß ich mich über Volckmann äußern, der mich redlich unterstützt hat, besonders mit der ganzen Suidaslitteratur, deren Hauptkenner er ist.6 Ich habe mich so gut in dies Gebiet hineingelebt, daß ich es auch selbstständig angebaut habe, indem ich kürzlich den Nachweis fand, warum das Violarium der Eudocia nicht auf Suidas, sondern auf die Hauptquelle des Suidas, eine epitome des Hesychius Milesius (natürlich verloren) zurückgeht: dies giebt für meinen Theognis ein überraschendes Resultat, das ich Dir später einmal darlegen will.7 Ich erwarte übrigens täglich einen Brief von Dr. Dilthey8 aus Berlin, einem Schüler Ritschl[s],9 der in Theognisfragen mehr wie ein andrer bewandert ist. Ich habe mich ihm ganz geöffnet und ihm weder meine Ergebnisse noch meinen Studentenstand verschwiegen. Ich hoffe, daß ich in Leipzig angelangt rüstig an das Niederschreiben gehen kann; ich habe mein Material ziemlich zusammen. Zu leugnen ist es übrigens nicht, daß ich mitunter kaum diese mir selbst aufgelegte Sorge verstehe, die mich von mir selbst abzieht, (dazu von Schopenhauer — was oftmals eins ist) mich in ihren Folgen dem Urtheile der Leute aussetzt und womöglich gar mich zur Maske einer Gelehrsamkeit zwingt, die ich nicht habe. Man verliert jedenfalls etwas dadurch, daß man gedruckt wird. Manche Aufhaltungen und Verdrießlichkeiten sind nicht ausgeblieben. Die Berliner Bibliothek wollte die Theognisausgaben des 16 u[nd] 17 Jh. nicht herausrücken. Eine Anzahl sehr nöthiger Bücher hatte ich mir von der Leipziger Bibliothek ausgebeten durch Roschers10 Vermittlung. Roscher aber schrieb mir, daß seine Gewissenhaftigkeit nicht zuließe, Bücher, die auf seinen Namen geschrieben wären, aus der Hand zu geben. Welche Gewissenhaftigkeit zu tadeln mir nicht einfällt, nur kam sie mir unbequem genug.

Drei Dinge sind meine Erholungen, aber seltne Erholungen, mein Schopenhauer, Schumannsche Musik,11 endlich einsame Spaziergänge. Gestern stand ein stattliches Gewitter am Himmel, ich eilte auf einen benachbarten Berg, "Leusch" genannt (vielleicht kannst Du mir dies Wort deuten)12 fand oben eine Hütte, einen Mann, der zwei Zicklein schlachtete, und seinen Jungen. Das Gewitter entlud sich höchst gewaltig mit Sturm und Hagel, ich empfand einen unvergleichlichen Aufschwung und ich erkannte recht, wie wir erst dann die Natur recht verstehen, wenn wir zu ihr aus unsern Sorgen und Bedrängnissen heraus flüchten müssen. Was war mir der Mensch und sein unruhiges Wollen! Was war mir das ewige "Du sollst" "Du sollst nicht"! Wie anders der Blitz, der Sturm, der Hagel, freie Mächte, ohne Ethik! Wie glücklich, wie kräftig sind sie, reiner Wille, ohne Trübungen durch den Intellekt!

Dagegen habe ich Beispiele genug erfahren, wie trübe oftmals der Intellekt bei den Menschen ist. Neulich sprach ich einen, der als Missionair in Kürze ausgehen wollte — nach Indien. Ich fragte ihn etwas aus; er hatte kein indisches Buch gelesen, kannte den Oupnekhat nicht dem Namen nach und hatte sich vorgenommen, mit den Bramanen sich nicht einzulassen — weil sie philosophisch durchgebildet wären. Heiliger Ganges!13

Heute hörte ich eine geistreiche Predigt Wenkels14 über das Christenthum "der Glaube, der die Welt überwunden hat" unerträglich hochmüthig gegen alle Völker, die nicht Christen sind, und doch wieder sehr schlau. Alle Augenblicke nämlich substituirte er dem Worte Christenthum etwas anderes, was immer einen richtigen Sinn gab, auch für unsre Auffassung. Wenn der Satz "das Christenthum hat die Welt überwunden" mit dem Satz "das Gefühl der Sünde, kurz, ein metaphysisches Bedürfniß hat die Welt überwunden" vertauscht wird, so hat das für uns nichts anstößiges, man muß nur consequent sein und sagen, "die wahren Inder sind Christen" und auch: "die wahren Christen sind Inder." Im Grunde aber ist die Vertauschung solcher Worte und Begriffe, die einmal fixirt sind, nicht recht ehrlich; es werden nämlich die Schwachen im Geiste vollends verwirrt. Heißt Christenthum "Glaube an ein geschichtliches Ereigniß oder an eine geschichtliche Person" so habe ich mit diesem Christenthum nichts zu thun. Heißt es aber kurz Erlösungsbedürftigkeit, so kann ich es höchst schätzen und nehme ihm selbst das nicht übel, daß es die Philosophen zu discipliniren sucht: als welche zu wenige sind gegen die ungeheure Masse der Erlösungsbedürftigen, zudem aus gleichem Stoffe gemacht. Ja und wären alle, die Philosophie treiben, Anhänger Schopenhauers! Aber nur zu oft steckt hinter der Maske des Philosophen die hohe Majestät des "Willens," der seine Selbstverherrlichung ins Werk zu setzen sucht. Herrschen die Philosophen, so wäre to plhJoV15 verloren, herrscht diese Masse, wie jetzt, so steht es dem Philosophen, raro in gurgite vasto,16 immer noch zu, Jica allwn wie Aeschylus, froneein17.

Dabei ist es für uns allerdings höchst lästig, unsre noch jungen und kräftigen Schopenhauergedanken so halbausgesprochen zurück zu halten und im Ganzen diese unglückliche Differenz zwischen Theorie und Praxis immer auf dem Herzen lasten zu haben. Wofür ich gar keinen Trost weiß, im Gegentheil Trostes bedürftig bin. Mir ist es so, als müßten wir den Kern milder beurtheilen. Er steckt auch in dieser Collission.

Damit lebe wohl, lieber Freund, empfiehl mich Deinen Angehörigen, wie die meinen Dich bestens grüßen lassen; und es bleibt dabei, wenn wir uns wiedersehen, so lächeln wir — mit Recht.18

Dein Freund
Friedrich Nietzsche.

1. Cf. Ralph Waldo Emerson, "Nature." In: Essays: Second Series. Boston: Munroe, 1845, 183-185. Nietzsche's copy: Ralph Waldo Emerson, Versuche. (Essays.) Aus dem Englischen von G. Fabricius. Hannover: Carl Meyer, 1858, 391-392.

Emerson: From Nietzsche's copy of Fabricius' translation:
ESSAY VI.
NATURE.

The rounded world is fair to see,
Nine times folded in mystery:
Though baffled seers cannot impart
The secret of its laboring heart,
Throb thine with Nature's throbbing breast,
And all is clear from east to west.
Spirit that lurks each form within
Beckons to spirit of its kin;
Self-kindled every atom glows,
And hints the future which it owes.
VI.
Natur.

The rounded world is fair to see,
Nine times folded in mystery:
Though baffled seers cannot impart
The secret of its laboring heart,
Throb thine with Nature's throbbing breast,
And all is clear from east to west.
Spirit that lurks each form within
Beckons to spirit of its kin;
Self-kindled every atom glows,
And hints the future which it owes.
There are days which occur in this climate, at almost any season of the year, wherein the world reaches its perfection; when the air, the heavenly bodies and the earth, make a harmony, as if nature would indulge her offspring; when, in these bleak upper sides of the planet, nothing is to desire that we have heard of the happiest latitudes, and we bask in the shining hours of Florida and Cuba; when everything that has life gives sign of satisfaction, and the cattle that lie on the ground seem to have great and tranquil thoughts. These halcyons may be looked for with a little more assurance in that pure October weather which we distinguish by the name of the Indian summer. The day, immeasurably long, sleeps over the broad hills and warm wide fields. To have lived through [184] all its sunny hours, seems longevity enough. The solitary places do not seem quite lonely. At the gates of the forest, the surprised man of the world is forced to leave his city estimates of great and small, wise and foolish. The knapsack of custom falls off his back with the first step he makes into these precincts. Here is sanctity which shames our religions, and reality which discredits our heroes. Here we find nature to be the circumstance which dwarfs every other circumstance, and judges like a god all men that come to her. We have crept out of our close and crowded houses into the night and morning, and we see what majestic beauties daily wrap us in their bosom. How willingly we would escape the barriers which render them comparatively impotent, escape the sophistication and second thought, and suffer nature to intrance us. The tempered light of the woods is like a perpetual morning, and is stimulating and heroic. The anciently reported spells of these places creep on us. The stems of pines, hemlocks, and oaks almost gleam like iron on the excited eye. The incommunicable trees begin to persuade us to live with [185] them, and quit our life of solemn trifles. Here no history, or church, or state, is interpolated on the divine sky and the immortal year. How easily we might walk onward into the opening landscape, absorbed by new pictures and by thoughts fast succeeding each other, until by degrees the recollection of home was crowded out of the mind, all memory obliterated by the tyranny of the present, and we were led in triumph by nature. Es giebt Tage, wie sie unter diesem Himmelstrich beinahe zu jeder Jahreszeit vorkommen, an denen die Welt zur Vollendung gelangt, wo die Luft, die Himmelskörper und die Erde in Harmonie mit einander sind, als ob die Natur ihrem Abkömmling schmeicheln wollte; wo in den freudlosen höheren Gegenden unseres Planeten nichts von dem begehrt wird, was die glücklichsten Breitengrade darbieten, und wo wir uns sonnen an den hellen Stunden von Florida und Cuba; wo jedes Ding, welches Leben in sich hat, ein Zeichen der Zufriedenheit von sich giebt, und das Vieh, das hingestreckt liegt, große und ruhige Gedanken zu haben scheint. Nach diesem Halcyon kann man mit ziemlicher Gewißheit bei jenem reinen October-Wetter aussehen, welches wir mit dem Namen des indischen Sommers bezeichnen. Der unendlich lange Tag ruht schlafend auf den breiten Hügeln und den warmen weiten Feldern. Alle seine sonnigen Stunden [392] durchlebt zu haben, scheint langes Leben genug. Die einsamen Orte scheinen nicht ganz einsam. Beim Eintritt in den Wald ist der erstaunte Weltling gewungen, seine großen und kleinen, weisen und thörichten Dinge, auf die er Werth in der Stadt legte, dahinten zu lassen. Der Knappsack der Gewohnheit fällt von seinem Rücken mit dem ersten Schritt, den er in dies Bereich hinein thut. Hier ist ein Gottesfurcht, die unsere Religion beschämt, und Realität, die unsere Helden in Mißcredit setzt. Hier finden wir, daß die Natur der Umstand ist, der jeden andern Umstand klein für uns macht, und daß sie einem Gotte gleich alle Menschen richtet, die zu ihr kommen. Wir haben uns aus ihren engen und vollen Häusern hinausgeschlichen in Nacht und Morgen, und wir sehen, welche majestätischen Schönheiten uns täglich umgehen. Wie gern wollten wir den Hindernissen entfliehen, durch die sie uns gegenüber gleichsam ohne Kraft sind, entfliehen der Sophisterei und den Nebengedanken und uns von der Natur entzücken lassen. Das mildere Licht der Wälder ist wie ein immerwährender Morgen, und ist anspornend und heroisch. Der alte Zauber, der von ehedem auf dieser Stätte ruht, beschleicht uns. Die Stämme der Fichten, Hemlockstannen *) und Eichen schimmern dem erregten Auge wie Eisen entgegen. Die Bäume, die unfähig sind sich mitzutheilen, fangen an uns zu überreden, daß wir mit ihnen leben sollen, und unser Leben voll feierlicher Kleinigkeiten verlassen. Hier liegt keine Geschichte, keine Kirche, kein Staat zwischen dem erhabenen Himmel und dem unsterblichen Jahr. Wie leicht könnten wir weiter hinein schreiten in die Landschaft, die sich vor unsern Blicken aufthut, vertieft in neue Bilder und in Gedanken, die schnell auf einander folgen, bis nach und nach die Erinnerung an das Haus von uns genommen wäre, unser Gedächtniß verwischt durch die Tyrannei des Gegenwärtigen, und wir so im Triumph von der Natur geleiter würden!
______________
*) Pinus americana.

2. An allusion to Arthur Schopenhauer. Cf. Die Welt als Wille und Vorstellung, 1, §34; 2, §30. (The World as Will and Representation, 1, §34; 2, §30.)
3. Disputes between Prussia and Austria, and the rise of Bismarck.
4. Nietzsche's work on the Greek poet, Theognis of Megara (6th century BC), was eventually published as "Zur Geschichte der Theognideischen Spruchsammlung." In: Rheinisches Museum für Philologie. 22 (1867): 161-200.
5. Wilhelm Corssen (1820-1875): Nietzsche's teacher at Schulpforta, who let him use the school library for his research.
6. Diederich Volkmann (1838-1903): Nietzsche's teacher at Schulpforta was an expert on "the Suda," a Greek lexicon from the tenth century, on which he wrote his dissertation. Volkmann became the school principal in 1878.
7. Eudocia Makrembolitissa (c.1021-1096), author of the Violarum (a mythographic compilation based on the Suda). Hesychius of Miletus (6th cent.), Greek historian and biographer. See note 17 to Nietzsche's work on Theognis.
8. Carl Dilthey (1839-1907): German philologist.
9. Friedrich Ritschl (1806-1876): Nietzsche's philology professor at the University of Bonn and the University of Leipzig.
10. Wilhelm Heinrich Roscher (1845-1923): Nietzsche's friend and classmate at the University of Leipzig.
11. Robert Schumann (1810-1856): German composer. For Nietzsche's changing opinion of Schumann, and his "treacly" music, see Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music: 23-24.
12. Perhaps derived from leuschen, "to wander" in the Viennese dialect.
13. The Oupnekhat is a Latin translation by Anquetil Duperron of a Persian version of fifty Upanishads. It was lauded by Arthur Schopenhauer. Cf. Parerga and Paralipomena, 2: 396. "Holy Ganges!" is another allusion to Schopenhauer. Cf. Parerga and Paralipomena, 2: 370.
14. Friedrich August Wenkel (1832-1894): chief pastor of the St. Wenzel church in Naumburg (1865-1894).
15. "the plíthos" (the masses).
16. Cf. Virgil, Aeneid, 118: "Adparent rari nantes in gurgite vasto (They appear scattered, swimming in the vast seas.)
17. Cf. Aeschylus, Agamemnon, 757f.: "But I hold my own mind and think apart from other men."
18. Cf. William Shakespeare, Julius Caesar, v, i: "If we do meet again, why, we shall smile; / If not, why then, this parting was well made."

 


Friedrich Nietzsche.
Leipzig. August 1866.
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Naumburg, Ende August 1866:
Brief an Carl von Gersdorff.

Lieber Freund,

"die Post hat keinen Brief für mich?"1 wirst Du oft in Verwunderung gefragt haben. Aber sie hat einen von mir, die abscheuliche Post und hat ihn Dir nicht herausgerückt. "Sei still, mein Herz!"2

Je länger der Zeitraum ist, in dem Du von mir nichts erfahren hast, je größer Dir mein Undank erscheinen muß, als welcher auf Deinen vorletzten ebenso herzlichen wie gedankenreichen Brief keine Zeile der Antwort zurückerstattete — weil nämlich die Nürnberger Feldpost meinen Brief verschlungen hat, ohne ihn wieder von sich zu geben — um so mehr fühle ich das Bedürfniß, das, was die Post verschuldet hat, wieder gut zu machen und mich also von dem scheinbar sehr gerechten Vorwurfe des Undankes zu entlasten. Es ist sehr bitter, Dich im Felde zu wissen,3 verstimmt durch fehlgeschlagne Pläne, durch wenig behagliche Umgebung, durch geisttödtende Bewegungen und endlich gar durch die Nachlässigkeit eines Freundes. Denn nicht anders mußte es Dir erscheinen. Genug ich erröthe, wie man öfters erröthet, ohne sich schuldbewußt zu fühlen, in dem Gedanken, man könne irgendwodurch in der Meinung andrer, vorzüglich lieber Menschen sinken.

Deine Briefe waren meinem subjektiven Gefühle nach mit das angenehmste, was der Sommerfeldzug erzeugt hat. Wie ganz anders nimmt sich ein von Freundeshand geschildertes Ereigniß, selbst kleiner Art, aus, als irgend welche Großthaten, über denen der häßliche Dunst des Zeitungspapiers sich lagert.

Leider kann ich von meinen Erlebnissen nur weniges und dazu kleinliches mittheilen. Meine Arbeit4 ist fertig in Ritschls5 Händen: ich habe sie in drei Theilen zu Stande gebracht und bin so lange in Leipzig geblieben, bis ich den letzten Strich (meine Namensunterschrift) gemacht hatte. Nie habe ich mit solcher Unlust geschrieben; ich habe schließlich den Stoff in der einförmigsten Weise abgehaspelt: doch war Ritschl mit einem Theile, den er gelesen hatte, recht zufrieden. Im Oktober wird es wohl erscheinen. Ritschl will die Arbeit aufmerksam durchlesen, auch Wilhelm Dindorf6 hat sich die Erlaubniß ausgebeten. Mit letzterem trete ich wahrscheinlich in Geschäftsverbindung. Er hat mir durch Ritschl den Antrag machen lassen, ob ich ein Aeschyloslexicon nach dem neuesten Standpunkte der Aeschyloskritik ausarbeiten wolle. Natürlich für gutes Honorar. Ich habe mir überlegt, daß ich dabei viel lernen kann, daß ich mit Aeschylos recht intim vertraut werde, daß ich die Dindorfsche (unter Deutschen Gelehrten einzig vollständige) Collation des cod. Mediceus in die Hände bekomme, daß ich bequeme Gelegenheit, ja Nöthigung habe, mir ein Stück, etwa die Choephoren, zu einer zukünftigen Vorlesung vorzubereiten und bin nach allen diesen Ueberlegungen darauf eingegangen. Nur muß ich erst meine Befähigung dazu nachweisen, indem ich einen Probebogen in diesen Ferien auszuarbeiten habe. Uebrigens ist eine solche Arbeit bei Aeschylos gerade nicht uninteressant; man ist genöthigt fortwährend strengste Kritik zu üben gegen die Unzahl von Conjekturen. Dindorf veranschlagte das Buch mindestens auf 60 Bogen. Nach den Ferien trete ich mit Teubner — falls ich angenommen werde — in Geldunterhandlungen. Ritschl ist immer freundlicher gegen mich.

Folglich bleibe ich auch nächstes Semester in Leipzig, wo es mir, alles gerechnet, vortrefflich behagt. Sollte es Dir nicht möglich sein, in Leipzig fortzudienen? Ich wäre darüber sehr glücklich, denn Du fehlst mir ganz besonders. Zwar habe ich jetzt viel Bekannte, aber keinen, mit dem ich so viel gemeinsame Vergangenheit und Gegenwart habe als mit Dir. Vielleicht kann ich auch den alten Deussen noch bewegen, nach Leipzig zu kommen; er schrieb mir neulich, er sehe jetzt vollkommen ein, daß er einen dummen Streich gemacht habe. "Spät kommst Du, doch Du kommst" nämlich die Erkenntniß über das theologische Studium. Er will Tübingen verlassen die Wahl einer Universität ist ihm gleichgültig, weil er für seine Theologie, deren Joch er bis zu Ende (nicht dem aller Dinge, sondern bis zum ersten Examen) tragen will, nirgends viel zu finden hofft. Vielleicht ist er auch jetzt noch einmal zu einer "Umkehr" zu bestimmen. Die Philologie wird sich immer freuen, wenn der lange verlorne Sohn, der sich mit den Träbern der Theologen gemästet hat, zurückkehrt, und die Sprachvergleichung besonders darf schon zu Deussens Ehren ein Kalb schlachten.

 


The Ritschl Society at the University of Leipzig.
August 1866.
Nietzsche standing 3rd from left.
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Unser philologischer Verein blüht: neulich hat er sich photographieren lassen und Ritschl ein Bild verehrt zu dessen großer Freude. Rohde ist jetzt auch ordentliches Mitglied, ein sehr gescheuter, aber trotziger und eigensinniger Kopf. Bei der Aufnahme von neuen Mitgliedern wirke ich dafür, daß mit möglichster Strenge und Sichtung verfahren wird. Hr. v. Voigt7 hat nicht die Ehre gehabt, aufgenommen zu werden.

Die letzten Wochen waren in Leipzig sehr interessant. Der Riedelsche Verein gab in der Nikolaikirche ein Conzert zum Besten der Verwundeten. Das Gedränge war an allen Kirchenthüren, wie am Theater, wenn die Hedwig Raabe8 spielte. Wir haben eine Einnahme von mehr als 1000 Thl. gehabt. Eine halbe Stunde vor Beginn des Conzertes kam das Telegramm der Thronrede nach Leipzig: ich bin nie über eine That unseres Königs so glücklich gewesen, wie über diese versöhnliche, unzweideutige Rede. Die alten Parteilager sind jetzt gänzlich verwüstet dh. die extremen Standpunkte. Männer wie Treitzschke und Roggenbach9 sind plötzlich die Vertreter der allgemeinen Meinung geworden. Ein großer Theil der sogenannten Conservativen z. B. der Rath Pinder in Naumburg10 schwimmt lustig in dem neuen Fahrwasser. Es ist auch für mich — offen gestanden — ein seltner und ganz neuer Genuß, sich ganz einmal im Einklang mit der zeitweiligen Regierung zu fühlen. Zwar muß man verschiedne Todte ruhen lassen, außerdem sich deutlich machen, daß das Bismarksche11 Spiel ein überaus kühnes war, daß eine Politik, welche va banque zu rufen wagt, je nach dem Erfolg ebenso verflucht wie angebetet werden kann. Aber der Erfolg ist diesmal da: was erreicht ist, ist groß. Minutenlang suche ich mich einmal von dem Zeitbewußtsein, von den subjektiv natürlichen Sympathien für Preußen loszumachen und dann habe ich das Schauspiel einer großen Haupt- und Staatsaktion, aus solchem Stoff, wie nun einmal die Geschichte gemacht ist, beileibe nicht moralisch, aber für den Beschauer ziemlich schön und erbaulich.

Du wirst wohl die Schrift über die Zukunft der Mittelstaaten von Treitzschke gelesen haben.12 Mit großer Mühe habe ich sie mir in Leipzig verschafft, wo sie wie überhaupt in Sachsen — proh pudor — verboten war. Dagegen haben unsre Gesinnungsgenossen, die Freitage, die Biedermänner usw.13 ein Votum der sächsischen liberalnationalen Partei erzielt, das sich für unbedingte Annexion ausspricht. Dies würde auch meinen persönlichen Interessen das dienlichste sein. Hoffentlich ist König Johann14 starrköpfig genug, Preußen zur Annexion zu zwingen.

Schließlich soll auch Schopenhauer noch erwähnt werden, an dem ich noch mit vollster Sympathie hänge. Was wir an ihm haben, hat mir kürzlich erst eine andere Schrift recht deutlich gemacht, die in ihrer Art vortrefflich und sehr belehrend ist: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung für die Gegenwart von Fr. A. Lange. 1866.15 Wir haben hier einen höchst aufgeklärten Kantianer und Naturforscher vor uns. Sein Resultat ist in folgenden drei Sätzen zusammengefaßt:

1) die Sinnenwelt ist das Produkt unsrer Organisation.
2) unsre sichtbaren (körperlichen) Organe sind gleich allen andern Theilen der Erscheinungswelt nur Bilder eines unbekannten Gegenstandes.
3) Unsre wirkliche Organisation bleibt uns daher ebenso unbekannt, wie die wirklichen Außendinge. Wir haben stets nur das Produkt von beiden vor uns16

Also das wahre Wesen der Dinge, das Ding an sich, ist uns nicht nur unbekannt, sondern es ist auch der Begriff desselben nicht mehr und nicht weniger als die letzte Ausgeburt eines von unsrer Organisation bedingten Gegensatzes, von dem wir nicht wissen, ob er außerhalb unsrer Erfahrung irgend eine Bedeutung hat. Folglich, meint Lange, lasse man die Philosophen frei, vorausgesetzt, daß sie uns hinfüro erbauen. Die Kunst ist frei, auch auf dem Gebiet der Begriffe.17 Wer will einen Satz von Beethoven widerlegen, und wer will Raphaels Madonna eines Irrthums zeihen? —18

Du siehst, selbst bei diesem strengsten kritischen Standpunkte bleibt uns unser Schopenhauer, ja er wird uns fast noch mehr. Wenn die Philosophie Kunst ist, dann mag auch Haym19 sich vor Schopenhauer verkriechen; wenn die Philosophie erbauen soll, dann kenne ich wenigstens keinen Philosophen, der mehr erbaut als unser Schopenhauer.

Damit lebe heute wohl, lieber Freund. Ueberlege Dirs, ob Du nicht nach Leipzig kommen kannst. Jedenfalls aber theile mir mit, wann und wo wir uns treffen können. Denn allzugern möchte ich Dich einmal sehen, was in Leipzig mir nicht zu theil wurde, da Ihr Euch so schnell wieder aus der Umgebung von Leipzig verzoget. Doch habe ich die Musik Deines Regiments gehört, etwas unklassisch, und besonders viel Afrikanerin.20

In Pforte bin ich noch nicht gewesen. Volkmann ist glücklich verheirathet.21 Deine Grüße werde ich treulich ausrichten. Meine Angehörigen lassen sich Dir bestens empfehlen und versichern Dich Ihrer Theilnahme. Adieu, lieber Freund,

Dein F W. Nietzsche.

1. Cf. Wilhelm Müller, "Die Winterreise." "Die Post." In: Lieder des Lebens und der Liebe. Herausgegeben von Wilhelm Müller. Deßau, Ackermann 1824: 85. Set to music for voice and piano by Franz Schubert (1797-1828) in 1827, and published posthumously in 1828 (Op. 89). Piano transcription by Franz Liszt in 1839, and published in 1840.
2. An allusion to an 1862 composition by Nietzsche that was later renamed "Édes titok" (Sweet Secret). The original titles were "Still und ergeben" (Quiet and devoted), and later "Sei still, mein Herz" (Be still, my heart)," probably based on a poem by Ludwig Bauer. See Ludwig Bauer, "Sei still, mein Herz!" In: Gedichte. Berlin: Riegel, 1860, 16.
3. Gersdorff served in the Austro-Prussian War (June 13-August 23, 1866), but his regiment did not see action.
4. Nietzsche's work on the Greek poet, Theognis of Megara (6th century BC), was eventually published as "Zur Geschichte der Theognideischen Spruchsammlung." In: Rheinisches Museum für Philologie. 22 (1867): 161-200.
5. Friedrich Ritschl (1806-1876): Nietzsche's philology professor at the University of Bonn and the University of Leipzig.
6. Karl Wilhelm Dindorf (1802-1883): German philologist at the University of Leipzig. For Nietzsche's dealings with Dindorf, see his autobiographical "Rückblick auf meine zwei Leipziger Jahre" (Retrospect on My Two Years at Leipzig). English translation in: Nietzsche's Writings as a Student, 119-43 (131).
7. W. A. E. von Voigt (1844-): a fellow student at Leipzig.
8. Hedwig Raabe (1844-1905): a popular actress whom Nietzsche adored.
9. Heinrich von Treitschke (1834-1896): German historian and political writer. Franz von Roggenbach (1825-1907): former Prime Minister of Baden who in 1865 resigned in protest of Bismarck's policy in Schleswig-Holstein.
10. Eduard Pinder (1810-1875).
11. In 1866, Otto von Bismarck was Prime Minister of Prussia; his Prussian victories over Austria stoked the fires of Prussian pride, and, at the time, Nietzsche's admiration.
12. Heinrich von Treitschke, Die Zukunft der norddeutschen Mittelstaaten. Berlin: Reimer, 1866.
13. Gustav Freytag (1816-1895): German novelist, dramatist, and journalist. Freytag was an editor of Der Grenzbote. Friedrich Karl Biedermann (1816-1895): editor of the Deutsche Allgemeine Zeitung.
14. Johann von Sachsen (1801-1873): King of Saxony.
15. Friedrich Albert Lange (1828-1875): German philosopher. In a subsequent letter to Hermann Mushacke in November 1866, Nietzsche wrote: "Das bedeutendste philosophische Werk, was in den letzten Jahrzehnten erschienen ist, ist unzweifelhaft Lange, Geschichte des Materialismus, über das ich eine bogenlange Lobrede schreiben könnte. Kant, Schopenhauer und dies Buch von Lange — mehr brauche ich nicht." (The most significant philosophical work to have appeared in recent decades is without a doubt Lange, History of Materialism, about which I could write voluminous praise. Kant, Schopenhauer, and this book by Lange — I don't need more.) See Lange's entry in Nietzsche's Library.
16. Cf. Friedrich Albert Lange, Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Iserlohn: Baedeker, 1866, 493.
17. Ibid., 5.
18. Ibid., 556.
19. Rudolf Haym (1821-1901): German philosopher and acerbic critic of Schopenhauer. Cf. his essay "Arthur Schopenhauer." In: Preussische Jahrbücher. Bd. 14. Berlin: Reimer, 1864, 45-91, 179-243. See his entry in Nietzsche's Library.
20. Nietzsche saw Giacomo Meyerbeer's opera, "Die Afrikanerin" (L'Africaine), in May 1866.
21. Diederich Volkmann (1838-1903): Nietzsche's teacher at Schulpforta was an expert on "the Suda," a Greek lexicon from the tenth century, on which he wrote his dissertation. Volkmann became the school principal in 1878.

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