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Nietzsches
Briefe
Ausgewählte Korrespondenz.
1865.
Bonn, 11. Juni
1865: Brief an Elisabeth Nietzsche
Liebe
Lisbeth,
nach
einem so anmuthigen, mit mädchenhaften Dichtungen
durchflochtenen Brief, wie ich ihn zuletzt von Dir
empfieng, würde es Unrecht und Undank sein, Dich noch
länger auf Antwort warten zu lassen, besonders da ich
diesmal über ein reiches Material zu verfügen habe und
ich nur mit großen Behagen die genossenen Freuden im
Geiste "wiederkäue."
Zuvor muß ich jedoch eine Stelle
Deines Briefes berühren, die mit eben so pastoraler
Färbung als lamaartiger Herzlichkeit geschrieben ist.
Mache Dir keine Sorgen, liebe Lisbeth. Wenn der Wille so
gut und entschieden ist, wie Du schreibst, werden die
lieben Onkels nicht zu viel Mühe haben. Was Deinen
Grundsatz betrifft, daß das Wahre immer auf der Seite
des Schwereren ist, so gebe ich Dir dies zum Theil zu.
Indessen, es ist schwer zu begreifen, daß 2 X 2 nicht 4
ist; ist es deshalb wahrer?
Andrerseits,
ist es wirklich so schwer, das alles, worin man erzogen
ist, was allmählich sich tief eingewurzelt hat, was in
den Kreisen der Verwandten und vieler guten Menschen als
Wahrheit gilt, was außerdem auch wirklich den Menschen
tröstet und erhebt, das alles einfach anzunehmen, ist
das schwerer, als im Kampf mit Gewöhnung, in der
Unsicherheit des selbständigen Gehens, unter häufigen
Schwankungen des Gemüths, ja des Gewissens, oft
trostlos, aber immer mit dem ewigen Ziel des Wahren, des
Schönen, des Guten neue Bahnen zu gehn?
Kommt es
denn darauf an, die Anschauung über Gott, Welt und
Versöhnung zu bekommen, bei der man sich am bequemsten
befindet, ist nicht viel mehr für den wahren Forscher
das Resultat seiner Forschung geradezu etwas
Gleichgültiges? Suchen wir denn bei unserem Forschen
Ruhe, Friede, Glück? Nein, nur die Wahrheit, und wäre
sie höchst abschreckend und häßlich.
Noch
eine letzte Frage: Wenn wir von Jugend an geglaubt
hätten, daß alles Seelenheil von einem Anderen als
Jesus ist, ausfließe, etwa von Muhamed, ist es nicht
sicher, daß wir derselben Segnungen theilhaftig geworden
wären? Gewiß, der Glaube allein segnet, nicht das
Objektive, was hinter dem Glauben steht. Dies schreibe
ich Dir nur, liebe Lisbeth, um dem gewöhnlichsten
Beweismittel gläubiger Menschen damit zu begegnen, die
sich auf ihre inneren Erfahrungen berufen und daraus die
Untrüglichkeit ihres Glaubens herleiten. Jeder wahre
Glaube ist auch untrüglich, er leistet das, was die
betreffende gläubige Person darin zu finden hofft, er
bietet aber nicht den geringsten Anhalt zur Begründung
einer objektiven Wahrheit.
Hier
scheiden sich nun die Wege der Menschen; willst Du
Seelenruhe und Glück erstreben, nun so glaube, willst Du
ein Jünger der Wahrheit sein, so forsche.
Dazwischen
giebt es eine Menge halber Standpunkte. Es kommt aber auf
das Hauptziel an.
Verzeihe
mir diese langweilige und nicht gerade gedankenreiche
Auseinandersetzung. Du wirst Dir dies Alles schon oftmals
und immer besser und schöner gesagt haben.
Auf
diesen ernsten Grundstock will ich aber nun ein um so
lustigeres Gebäude aufführen. Ich kann Dir diesmal von
wunderschönen Tagen erzählen.
Am
Freitag den 2t. Juni reiste ich nach Köln herüber zum
niederrheinischen Musikfest. An demselben Tage wurde dort
die internationale Ausstellung eröffnet. Köln machte in
diesen Tagen einen weltstädtischen Eindruck. Ein
unendliches Sprachen- und Trachtengewirrungeheuer
viel Taschendiebe und andre Schwindleralle Hotels
bis in die entlegensten Räume gefülltdie Stadt
auf das Anmuthigste mit Fahnen geschmücktdas war
der äußere Eindruck. Als Sänger bekam ich meine
weißrothe seidne Schleife auf die Brust und begab mich
in die Probe. Du kennst leider den Gürzenichsaal nicht,
ich habe Dir aber in den letzten Ferien eine fabelhafte
Vorstellung erweckt durch den Vergleich mit dem
Naumburger Börsensaal. Unser Chor bestand aus 182
Sopranen, 154 Alten, 113 Tenören und 172 Bässen. Dazu
ein Orchester aus Künstlern bestehend von etwa 160 Mann,
darunter 52 Violinen, 20 Violen, 21 Cellis und 14
Contrebässe. Sieben der besten Solosänger und
Sängerinnen waren herangezogen worden. Das Ganze wurde
von Hiller dirigirt. Von den Damen zeichneten sich viele
durch Jugend und Schönheit aus. Bei den 3 Hauptconzerten
erschienen sie alle in Weiß, mit blauen Achselschleifen
und natürlichen oder gemachten Blumen im Haar. Eine Jede
hielt ein schönes Bouquet in der Hand. Wir Herren alle
in Frack und weißer Weste. Am ersten Abend saßen wir
noch bis tief in die Nacht hinein zusammen und ich
schlief endlich bei einem alten Frankonen auf dem
Lehnstuhl und war den Morgen ganz taschenmesserartig
zusammengeknickt. Dazu leide ich, beiläufig bemerkt,
seit den letzten Ferien an starkem Rheumatismus in dem
linken Arm. Die nächste Nacht schlief ich wieder in
Bonn. Den Sonntag war das erste große Conzert.
"Israel in Aegypten von Händel." Wir singen
mit unnachahmlicher Begeisterung bei 50 Grad Reaumur. Der
Gürzenich war für alle drei Tage ausgekauft. Das Billet
für das Einzelconzert kostete 2-3 Thaler. Die
Ausführung war nach aller Urtheil eine vollkommene. Es
kam zu Scenen, die ich nie vergessen werde. Als
Staegemann und Julius Stockhausen "der König aller
Bässe" ihr berühmtes Heldenduett sangen, brach ein
unerhörter Sturm des Jubels aus, achtfache Bravos,
Tusche der Trompeten, Dacapogeheul, sämmtliche 300 Damen
schleuderten ihre 300 Bouquets den Sängern ins Gesicht,
sie waren im eigentlichsten Sinne von einer Blumenwolke
umhüllt. Die Scene wiederholte sich, als das Duett da
capo gesungen war.
Am Abend
begannen wir Bonner Herren alle zusammen zu kneipen,
wurden aber von dem Kölner Männergesangverein in die
Gürzenichrestauration eingeladen und blieben hier unter
carnevalistischen Toasten und Liedern, worin der Kölner
blüht, unter vierstimmigem Gesange und steigender
Begeisterung beisammen. Um 3 Uhr Morgens machte ich mich
mit 2 Bekannten fort; und wir durchzogen die Stadt,
klingelten an den Häusern, fanden nirgends ein
Unterkommen, auch die Post nahm uns nicht aufwir
wollten in den Postwägen schlafenbis endlich nach
anderthalb Stunde ein Nachtwächter uns das Hotel du Dome
aufschloß. Wir sanken auf die Bänke des Speisesaals hin
und waren in 2 Sek. entschlafen. Draußen graute der
Morgen. Nach 1½ Stunde kam der Hausknecht und weckte
uns, da der Saal gereinigt werden mußte. Wir brachen in
humoristisch verzweifelter Stimmung auf, giengen über
den Bahnhof nach Deutz herüber, genossen ein Frühstück
und begaben uns mit höchst gedämpfter Stimme in die
Probe. Wo ich mit großem Enthusiasmus einschlief (mit
obligaten Posaunen und Pauken). Um so aufgeweckter war
ich in der Aufführung am Nachmittag von 6-11 Uhr. Kamen
darin doch meine liebsten Sachen vor, die Faustmusik von
Schumann und die a dur Symph. v. Beethov. Am Abend sehnte
ich mich sehr nach einer Ruhestätte und irrte etwa in 13
Hotels herum, wo alles voll und übervoll war. Endlich im
14ten, nachdem auch hier der Wirth mir versicherte, daß
alle Zimmer besetzt sein, erklärte ich ihm kaltblütig,
daß ich hier bleiben würde, er möchte für ein Bett
sorgen. Das geschah denn auch, in einem
Restaurationszimmer wurden Feldbetten aufgeschlagen, für
eine Nacht mit 20 Gr. zu bezahlen.
Am
dritten Tage endlich fand das letzte Conzert statt, worin
eine größere Anzahl von kleineren Sachen zur
Aufführung kam. Der schönste Moment daraus war die
Aufführung der Sinfonie von Hiller mit dem Motto
"es muß doch Frühling werden," die Musiker
waren in seltner Begeisterung, denn wir alle verehrten
Hiller höchlichst, nach jedem Theile ungeheurer Jubel
und nach dem letzten eine ähnliche Scene nur noch
gesteigert. Sein Thron wurde bedeckt mit Kränzen und
Bouquet einer der Künstler setzte ihm den Lorberkranz
auf, das Orchester stimmte einen 3fachen Tusch an, und
der alte Mann bedeckte sein Gesicht und weinte. Was die
Damen unendlich rührte.
Noch
besonders will ich Dir eine Dame nennen, Frau Szarvadi
aus Paris, die Klaviervirtuosin. Denke Dir eine kleine
noch junge Persönlichkeit, ganz Feuer, unschön,
interessant, schwarze Locken.
Die letzte Nacht habe ich aus gänzlichem Mangel an dem
nervus rerum wieder bei dem alten Frankonen verbracht und
zwar auf der Erde. Was nicht sehr schön war. Morgens
fuhr ich wieder nach Bonn zurück.
"Es
war eine rein künstlerische Existenz," wie eine
Dame zu mir sagte.
Man kehrt mit förmlicher Ironie zu seinen Büchern, zu
Textcritik u[nd] and[erem] Zeug zurück.
Daß ich
nach Leipzig gehe, ist sicher. Der Jahn Ritschl Streit
wüthet fort. Beide Parteien drohen sich mit
vernichtenden Publikationen. Deussen wird wahrscheinlich
auch nach Leipzig gehn.
Zum
Schulfest (21 Mai) sandten wir Bonner Pförtner ein
Telegramm an das Lehrercollegium und bekamen eine sehr
freundliche Antwort.
Heute
machen wir eine Pförtnerspritze nach Königswinter.
Unsere rothen Stürmer mit goldner Litze sehen
vorzüglich aus.
Ich
werde nächstens an den lieben Rudolf schreiben, der mir
einen so liebenswürdigen Brief geschickt hat. Sage der
lieben Tante u[nd] dem lieben Onkel meine herzlichsten
Empfehlungen
Fritz.
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