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Nietzsches Briefe

1864

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Wilhelm Pinder.
Ca. 1863.
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Pforta, 12. Juni 1864:
Brief an Gustav Krug und Wilhelm Pinder.1

Meine liebe Freunde,

es ist wahrhaftig nicht der erste Brief, den ich nach unsrer Trennung2 von einander beginne, aber ich hoffe es wird der erste sein, den ich vollende und wirklich absende. Oefter habe ich mich aus den Mühseligkeiten der Gegenwart herausgehoben, indem ich ein Blatt Papier nahm, an Euch die Aufschrift richtete und frohe und trübe Gedanken gleichsam vor Euch aussprach.

Ihr habt mir so angenehme und der alten Liebe so volle Briefe geschrieben, das muß ich hoch, sehr hoch schätzen. Denn die leichten Schaumwellen eines freien Lebens löschen leicht die alten Bilder von der Tafel der Seele ab. Verzeiht mir, wenn ich einen solchen Gedanken ausgesprochen habe. Aber gedacht habe ich ihn.

Unsre Aussichten auf eine neue Vereinigung an derselben Stätte scheinen sich nicht zu erfüllen. Wenigstens vor der Hand ist kaum daran zu denken. Zwingt mich nicht weiter, mit Zahlen und Berechnungen Gründe anzugeben. Das kann ich nicht. Aber wir treffen uns jedenfalls noch einmal, ob ich nun in Bonn oder anderswo studiere; ich suche Euch sicher einmal in eurer selbstgeschaffnen Häuslichkeit auf. Wenn Euch etwas daran liegt, von meinen gegenwärtigen Studien etwas zu erfahren, so hört dies: Ich schreibe eine große Arbeit über Theognis,3 nach einer freien Wahl. Ich habe mich wieder in eine Menge von Vermuthungen und Phantasien eingelassen, denke aber die Arbeit mit recht philologischer Gründlichkeit und so wissenschaftlich als mir möglich zu vollenden. Ich habe mir schon einen neuen Standpunkt bei der Betrachtung dieses Mannes errungen und urtheile in den meisten Punkten verschieden von den gewöhnl. Ansichten. Die besten Sachen, die darüber geschrieben sind habe ich gründlich durchstudiert.

Nun eine Bitte, und eine recht lästige. Es ist vor kurzem in dem Düppelkampfe auch ein junger Philolog Rintelen aus Münster gefallen.4 Dieser Mann promovierte mit einer dissertatio de Theognide Megarensi.5 Und um diese Dissertation möchte ich Euch ersuchen. Vielleicht wendet Ihr Euch persönlich an einen Professor oder an den Bibliothekar. Sie wird jedenfalls vorhanden sein. Ihr thut mir einen ungemeinen Gefallen; es ist das Neuste was über Theognis geschrieben ist. Sobald Ihr es auftreiben könnt, übersendet es mir. Ich kann meine Arbeit nicht eher anfangen, als bis ich diese Schrift gelesen habe.

Das ist naiv von mir, aber ich kann nicht anders. Wer thäte mir wohl den Gefallen eher, als Ihr, meine liebe Freunde? Aber nun erscheint es fast, als ob ich den Brief nur dieses Wunsches halber geschrieben hätte?

Meine Abhandlung über die Naturanschauung im griechisch. und deutschen Volksepos muß natürlich jetzt völlig ruhen.6 Und bei so manchem andern thut es mir leid, daß ich auf die Universität gehe, ohne es vollendet zu haben.

Meine Hundstagsferien werden mit fortwährenden Studien aller Art ausgefüllt werden. Ich habe Mutter und Schwester gebeten Naumburg für diese Zeit zu verlassen, damit ich einsam bin.

Musik tacet.7 Wenn ich etwas Zeit habe, so spiele ich, meistens in Gegenwart meherer musikliebender Menschen und muß improvisiren mit deren wohlfeiler Bewunderung. Trotzdem fühle ich mich ganz entsetzlich brach.8

Gestern war hier ein Konzert oder vielmehr eine Vorlesung, denn das Konzert war die Nebensache. Der junge Koberstein9 las zuerst die Kraniche des Ibycus10 unter eines Gewitters Begleitung, sodann die berühmte Antonioscene aus Jul. Cäs.11 recht gut beides und so, daß man viel daraus lernen konnte.

Zur Shakspearefeier12 habe ich früh ein Gedicht13 vorgetragen, und Koberstein14 hat eine gute Rede gehalten. Nachmittags lasen wir vor einem groß[en] Publikum Heinrich den IV. Ich habe den Heinrich Percy mit viel Aufregung und Wuth gelesen.15

Ich bitte Dich, lieber Gustav, auf das Inständigste, etwas der kleinen Compositionen, von denen Du in Deinem Briefe16 sprachst, zuzusenden und möglichst bald. Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser etc. so sehnet sich meine Seele nach so etwas.17

So, nun wende ich die vierte Seite um, und wieder wird bald meine abgerissne Unterhaltung auf meine Namensschrift und gute Wünsche hinauslaufen. Und wenn Euch diese Zeilen alle mit ihrer melancholischen Färbung vor die Augen treten, so werdet Ihr wohl nicht in der Stimmung sein und auch nicht sein wollen, diese Färbung auf Eure Seele überzutragen. Ich möchte es auch um alles in der Welt nicht. Je froher Ihr Euch fühlt, je mehr Ihr das Leben genießt, um so höher ist auch meine Freude, und ich bin ein Narr, wenn ich euch durch melancholische Briefe die Laune verderbe. —

So lebt recht wohl, meine liebe Freunde, erfüllt mir meine Bitte und vergeßt mich nicht.

Dein Fritz.

1. Gustav Krug (1844-1902), Wilhelm Pinder (1844-1928): Nietzsche's friends in Naumburg since childhood.
2. Gustav Krug (1844-1902) and Wilhelm Pinder (1844-1928) graduated from high school in March 1864, and then began studying law at the University of Heidelberg.
3. Nietzsche's Abitur essay for Schulpforta, "De Theognide Megarensi." See the bilingual edition in Latin and English translation by R. M. Kerr HERE at The Nietzsche Channel.
4. Karl Maria Anton Rintelen (1841-1864) died in the Battle of Dybbøl (04-18-1864) of the Second Schleswig War between Prussia and Denmark (02-01-1864 to 10-30-1864).
5. Karl Rintelen, De Theognide Megarensi poeta. 1863.
6. Nothing is known about the essay.
7. Tacet: Latin for "is silent."
8. Carl von Gersdorff recalled being with Nietzsche in the music room at Schulpforta: "Allabendlich zwischen 7 und ½8 Uhr kamen wir im Musikzimmer zusammen. Seine Improvisationen sind mir unvergeßlich; ich möchte glauben, selbst Beethoven habe nicht ergreifender phantasieren können, als Niezsche, namentlich wenn ein Gewitter am Himmel stand." (Every evening between 7 and 8:30 we met in the music room. I will never forget his improvisations; I would like to believe that even Beethoven could not improvise more movingly than Nietzsche, especially when there was a thunderstorm in the sky.) See "Vorwort." In: Friedrich Nietzsche; Peter Gast and Arthur Seidl (eds.), Friedrich Nietzsches Gesammelte Briefe. Erster Band. Berlin; Leipzig: Schuster & Loeffler, 1900, X-XI.
9. Karl August Koberstein (1797-1870): German literary historian and professor at Schulpforta.
10. Friedrich Schiller (1759-1805), "Die Kraniche des Ibykus / The Cranes of Ibycus" (1789). DUAL TEXT.
11. A reference to William Shakespeare, Julius Caesar, Act 3, Scene 2: "Friends, Romans, countryman, lend me your ears ...."
12. A celebration of William Shakespeare's 300th birthday. Cf. Pforta, 04-20-1864: Letter to Franziska and Elisabeth Nietzsche in Naumburg.
13. A reference to Nietzsche's April 1864 untitled poem, "Er starb und ward begraben. Kaum gekannt ...." The poem was first published under the title, "Shakespeare." In: Gedichte und Sprüche von Friedrich Nietzsche. Leipzig: Alfred Kröner, 1916, 49-51.
14. See Note 9.
15. A reference to William Shakespeare, Henry IV, Part 1. In English. In German.
16. Cf. Naumburg, 12-01-1863: Letter from Gustav Krug to Nietzsche in Pforta.
17. A reference to Psalms 42: 1-2.

 


Wilhelm Pinder.
Ca. 1863.
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Naumburg, 4. Juli 1864:
Brief an Wilhelm Pinder.1

Lieber Wilhelm,

Gustavs2 und meinen Geburtstag haben wir in den letzten Jahren nie zusammen in unsrer Dreiheit gefeiert, den Deinigen noch am häufigsten, ja fast immer. Das ist nun auch vorüber. Ein Blatt muß nun aussprechen,3 was sonst der Mund sagte; und sagte es der Mund nicht, so der Blick; und sagte es der Blick nicht, so Dein eigner Gedanke.

Wir wissen ein jeder von uns, was er sich von seinen Freunden gewünscht haben will. Und vielleicht dürfte ich gerade das, was Du auf Deinem Wunschzettel von mir wünschtest, dir nicht erfüllen können. Hab ich es nicht schon auf dem letzten Blatt, das ich dir zusandte ausgesprochen? Man spricht häufig, wenn man von südlichen Universitäten spricht, von Bonn und Heidelberg mit einem Mund; und ob sie schon so nahe zusammen zu gehören scheinen, sind sie doch weit genug von einander entfernt, um uns ebenso zu trennen wie wir jetzt getrennt sind. Man sieht den Andern, gebens die Himmlischen günstig, im Jahr ein-zweimal, sonst liegt eine Kluft dazwischen, die der Gedanke häufig, das Papier und das Porto selten überspringt. Sonst, sei überzeugt, was Du sonst von mir wünscht, sei es eine Million, natürlich à la Falstaff4 in Liebe ausgezahlt, Du erhältst es. Und Du wirst mir zugeben, daß das nicht so viel ist, als es zu sein scheint. Und doch wieder viel mehr, als man glauben sollte.

Ich habe eben eine Mittagsmahlzeit vollbracht und trinke eben, wie meine Gewohnheit, nach Tische warmes Wasser. Und Du fürchtest nun, daß mein Brief recht lauwarm werden wird; denn es ist richtig, die Zeit nach Tische ist nicht die empfindungsreichste. Indessen danke Gott, daß Du auf diese Weise noch den vernünftigsten Brief erhälst. Gestern Abend hätte ich einen sehr phantastischen tollen, heute Morgen einen langweilig gelehrten geschrieben. Meine Theognisarbeit5 habe ich heute morgen begonnen, fünf Bogenspalten sind fertig, die Latinität ist scherzhaft, ich habe heute schon einige male gelacht über die vielen kurzen Fragen.

Daß Du das Buch6 zu bekommen gesucht hast, ist mir sehr lieb und ich danke dir recht schön; lieber wäre mirs, Du hättest es auch bekommen, aber mehr danken hätte ich dir doch nicht können.

Nun ich muß auch ohne das Buch auskommen.

Die Ferien haben begonnen zu schleichen, und Arbeit früh und Arbeit spät ist meine Lieblingsmelodie. Wohlverstanden, ich esse außerdem, ich schlafe, ich gehe mitunter spazieren, ich rühre die Tasten, aber doch — Arbeit hier und dort, jetzt und dann, heute und morgen!

Und aus der Ferne grinst wie ein anmuthig Gespenst, vor ihm Graun und Qual, und dahinter schöne Gefilde wie sie Hannibal7 seinen Soldaten nach dem Uebergang über den Mont Cenis zeigte — das Examen. —

Der alte Ortlepp8 ist übrigens todt. Zwischen Pforta und Almrich9 fiel er in einen Graben und brach den Nacken. In Pforta wurde er früh morgends bei düsterem Regen begraben; vier Arbeiter trugen den rohen Sarg; Prof. Keil10 folgte mit einem Regenschirm. Kein Geistlicher.11

Wir sprachen ihn am Todestag in Almrich. Er sagte, er gienge sich ein Logis im Saalthale zu miethen.

Wir wollen ihm einen kleinen Denkstein setzen; wir haben gesammelt; wir haben an 40 Thl.

Nun lebe recht wohl, lieber Wilhelm, grüße Gustav12 recht herzlich von mir und bleibe gesund, fröhlich und mein Freund, wie immer!

Dein Fritz.

1. Wilhelm Pinder (1844-1928): Nietzsche's friend in Naumburg since childhood.
2. Gustav Krug (1844-1902): Nietzsche's friend in Naumburg since childhood. The birthdays of the three friends: Krug (November 16); Nietzsche (October 15); Pinder (July 6).
3. Cf. Pforta, June 12, 1864: Letter to Gustav Krug and Wilhelm Pinder in Heidelberg, regarding the failed reuniting of the three friends.
4. A reference to William Shakespeare, Henry IV, Part 1, Act 3, Scene 3. "Falstaff: Hal? a million: thy love is worth a million; thou owest me thy love." In English. In German.
5. Nietzsche's Abitur essay for Schulpforta, "De Theognide Megarensi." See the bilingual edition in Latin and English translation by R. M. Kerr HERE at The Nietzsche Channel.
6. Karl Rintelen, De Theognide Megarensi poeta. 1863.
7. "Fields" were, allegedly, the plain of the Po valley. For Nietzsche's probable source, see: Carl Peter, Livius und Polybius. Ueber die Quellen des XXI. und XXII. Buchs des Livius. Halle: Buchh. des Waisenhauses, 1863, 20.
8. Ernst Ortlepp (1800-1864): German poet, translator, and acquaintance of Nietzsche. Nietzsche owned Ortlepp's Lord Byron's Vermischte Schriften, Briefwechsel und Lebensgeschichte nach Lytton Bulwer, Thomas Moore, Medwin und Dallas. Bde. 1-3. Stuttgart: Scheible, [ca. 1830]. For more information on Ortlepp and Nietzsche, see Helmut Walther's 2003 lecture.
9. Almrich is the town between Naumburg and Pforta where Nietzsche met his visiting friends and relatives.
10. Karl Keil (1812-1865): German philologist and professor at Schulpforta since 03-10-1843.
11. An allusion to the last line of Johann Wolfgang von Goethe's Leiden bei jungen Werther. In: Goethe's sämmtliche Werke in vierzig Bänden, Bd. 14, 1-154, (154). "Kein Geistlicher hat ihn begleitet." (No priest attended him.)
12. Gustav Krug.

 


Elberfeld.
From picture postcard, 1845.
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Elberfeld, 27. September 1864:
Brief an Franziska und Elisabeth Nietzsche.

Liebe Mama und Lisbeth,

Die Federzüge mögen Euch zunächst bedeuten, daß ich in einem kaufmännischen Hause1 schreibe. Ich denke mir, wie Ihr Euch freuen werdet, wenn Ihr nach wenig Tagen schon Nachrichten von mir bekommt. Und besonders, da ich Euch nur Gutes und Angenehmes schreiben kann.

Es ist wahr, am liebsten möchte ich Euch ausführlich mündlich erzählen, aber die Stunden sind ferne, wo dieser Wunsch befriedigt werden kann.

Die Reise selbst2 bot des Schönen und Interessanten nicht zuviel, zuerst verschlafene, schnarchende Reisegenossen, dann sehr geschwätzige, lärmende, gewöhnliche, dann Fabrikarbeiter und Kaufleute oder auch anspruchsvolle alte Damen; und ich könnte zu jeder dieser Bezeichnungen eine Geschichte zum Besten geben.

Wir kamen Abends3 verschlafen, etwas unwirsch gegen 11 Uhr an; Ihr könnt glauben, daß eine solche Tagesreise fabelhaft abspannt. Wir logirten bei Brünings4 uns ein, zwei nicht sehr alten Damen und ihrem Bruder, der zu Bett liegt und ein gastrisches Fieber hat. Wir erquickten uns hier durch Wein und Brod und begaben uns zur Ruhe, schliefen vorzüglich, standen spät auf, frühstückten — hier wie überall schönes Gebäck mit Pumpernickelschnitten — machten dann einen Besuch bei Röhrs, wo Johanna und Marie5 zu Hause waren, nette Mädchen, indeß nicht meine Art, etwas geschmacklos in ihrer Kleidung, allerdings unter der Obhut einer alten, sehr pietistischen Dame,6 mit der ich am Tage darauf in ein längeres Disput über das Theater "das Werk des Teufels" mich verwickelte, mich auch sehr gut hielt, aber wegen meiner Ansichten von ihr bemitleidet wurde. Heute sind wir zu ihr zum Kaffe eingeladen. Also Sonntag7 lernte ich noch Ernst Schnabel kennen, einen jungen, äußerst liebenswürdgen Kaufmann; er ist Deussens bekannter und begünstigter Nebenbuhler,8 wie Ihr wißt; dann auch Friedrich Deussen,9 der hier in einem Geschäft ist. Nachmittag war[en] wir zusammen auf den Höhen die Elberfeld umschließen. Stellt Euch ein langes schönes Thal vor, das Wupperthal, durch das sich eine Anzahl Städte ohne bestimmte Abgrenzung wie eine lange, mächtige Kette von Fabriken hinstreckt, von denen eine Elberfeld ist, so habt Ihr die hiesige Gegend. Die Stadt ist äußerst kaufmännisch, die Häuser meistens von außen mit Schiefer bekleidet. An den Frauen, die man sieht, bemerkte ich besonders Vorliebe für frommes Kopfhängen. Die jungen tragen sich sehr elegant mit Mäntelchen mit scharfer Taille wie jene Kösener Polin. Die Herren alle Havannafarben an Hut, Hosen usw. Nachdem wir Sonntag Nachmittag in meheren Restaurations gewesen, waren wir Abends bis 11 Uhr bei Ernst Schnabel, höchst gemüthlich bei einem äußerst feinen Moselwein "Pastors Moselkens," wie Ernst ihn nannte. Mein Klavierphantasieren10 macht einen nicht geringen Effekt; ich wurde feierlichst mit einem Toaste leben gelassen. Ernst ist vollständig, wie Lisbeth sagen würde, enchantirt;11 wo ich bin, muß ich spielen, es wird bravo gerufen, es ist lächerlich. Gestern Nachmittag fuhren wir nach Schwelm, einem benachbarten Badeort, besuchten die rothen Berge, eine bekannte Stätte der alten Vehme12 und knippen überall herum. In einem Wirth[s]haus spielte ich Abends, wider Wissen in Gegenwart eines renommirten Musikdirektors,13 der nachher mit aufgesperrtem Rachen dastand und alles Schöne sagte und mich beschwor, Abends an seinem Gesangverein Theil zu nehmen. Was ich nicht that. Sondern ich fuhr zurück, und war zum Abendessen in Schnabels Familie eingeladen. Nette, gute Menschen, famose Frau, guter, frommer, conservat[ive] Kaufmann. Man ißt hier gut und trinkt noch besser, aber man ißt andere Gerichte als bei uns. Schweizerkäse und Pumpernickel den Tag dreimal.

Morgen früh beginnen wir das Rheinreischen14 und wollen übermorgen Abend in Oberdreis15 sein. Ernst Schnabel reist mit uns. Von dort bekommt Ihr bald wieder Nachricht.

Sendet mir doch mein Zeugniß einzeln und bevor Ihr meine übrigen Sachen sendet. Ich habe sonst nichts womit ich mich als F. N. legitimieren kann, um mein Gepäck herauszubekommen. Vergeßt ja nicht mein Gepäck bald zu besorgen; es muß jetzt fortgehn. Uebergebt es Spediteur Otto.

Deussen läßt vielemals grüßen; es hat ihm offenbar recht gefallen.16

Nun liebe Mama und Lisbeth, lebt recht wohl, ich weiß daß Ihr oft an mich denkt; glaubt immer, daß es mir wohl geht. Habe ich doch bis jetzt noch nichts unangenehmes erlebt. Morgen werde ich nun schon Bonn sehn. Macht es Euch nicht zu schwer, schreibt mir bald einmal! per adr. P. Deussen in Oberdreis post rest. Altenkirchen am Sieg.17 Nun lebt wohl, lebt wohl! Grüßt Tante Rosalie18 herzlichst!

Euer
Fritz.

1. Relatives of Paul Deussen in Elberfeld.
2. From Naumburg to Elberfeld.
3. Presumably 09-23-1864.
4. Relatives of Paul Deussen.
5. Johanna and Marie Stürmer, cousins of Paul Deussen.
6. Paul Deussen's aunt in Elberfeld, Elise Röhr.
7. 09-25-1864.
8. Cf. Paul Deussen, Erinnerungen an Friedrich Nietzsche. Leipzig: Brockhaus, 1901: 16-17: "Nachdem Nietzsches Ausrüstung zur Universität von Mutter und Schwester bis ins Kleinste vollendet war, traten wir die Reise nach dem Westen an. Unsere erste Station war Elberfeld, wo wir bei meinen dort lebenden, den besseren Kaufmannskreisen angehörenden Verwandten freundliche Aufnahme fanden. Uns beiden schloß sich mein Jugendfreund und entfernter Cousin Ernst Schnabel an. Er war schon von den Zeiten der Schulkameradschaft her als Tertianer zu Elberfeld 1857-59 mein nächster Freund, der nächste, den ich außer Nießsche im Leben gehabt habe. Schon 1859 liebten wir gemeinsam ein Mädchen, eine entfernte Cousine, mit Namen Maria Stürmer, die in Elberfeld bei einer alten bigotten Tante von uns lebte. Diese Rivalität steigerte nur noch unsere romantische Freundschaft. Eines Tages rissen wir ihr Bild von der Wand und ließen davon heimlich und in der Eile zwei Kopien anfertigen, welche sehr blaß aussielen. Die eine nahm ich 1859 mit nach Pforta, wo ich sie an einer mir stets sichtbaren Stelle meines Schrankes aufhing und inbrünstig wie eine Heilige verehrte. Unter den Kameraden war sie bekannt als das „Nebelbild“. Inzwischen hatte der stets in ihrer Nähe weilende Ernst Schnabel das Herz des seelenguten Mädchens für sich zu gewinnen gewußt, und es war vielleicht am 17. Oktober 1863 oder um diese Zeit, als von Ernst Schnabel in Pforta ein langer Brief einlief, welcher unter den feurigsten Freundschaftsbeteuerungen die bittere Mitteilung enthielt, daß Mariechen Stürmer sich erklärt habe, und zwar dahin, daß mir ihre größte Hochachtung und wärmste Freundschaft, daß aber ihre Liebe Ernst Schnabel angehöre. In tiefster Niedergeschlagenheit wandelte ich an jenem Tage mit Nietzsche auf dem Korridor von Schulpforta. Er las meinen Brief und suchte mich mit Gründen der Philosophie und Religion, mit Beispielen aus der Geschichte und Litteratur aufzurichten. Der wahre Trost blieb mir verborgen und sollte es noch lange bleiben. Er bestand darin, daß an demselben Tage, wenn obige Berechnung richtig ist, und zu derselben Stunde, als Nießsche mich so liebevoll zu trösten suchte, im fernen Berlin ein Mägdelein geboren wurde, welches nun schon seit vierzehn Jahren als treue Gattin Freud und Leid des Lebens mit mir teilt. Nicht so glücklich hat es Ernst Schnabel getroffen. Leichtsinnig, wie er war, gründete er mit einem andern ein Geschäft in Barmen, heiratete sein und mein Mariechen und lebte einige Jahre herrlich und in Freuden. Das Geschäft ging zurück und mußte aufgelöst werden; der Kummer nagte an Mariechen, sie gebar ihrem Gatten ein Söhnchen und starb. Ernst fand keine Ruhe mehr in der Heimat; er ließ das Kind bei den Großeltern und zog als Kaufmann nach Havanna. Seine Briefe schilderten, wie dort das gelbe Fieber wütete, wie die Scheiterhaufen zur Reinigung der Luft in den Straßen loderten, bis dann ein Brief von anderer Hand meldete, daß auch Ernst Schnabel der Wut des Fiebers erlegen und im fernen Havanna begraben sei. Bald darauf starb auch das Kind. So hat sich über dieser ganzen Liebestragödie das Grab geschlossen." (After Nietzsche's mother and sister had completely equipped him for the university down to the last detail, we began our journey west. Our first stop was Elberfeld, where we were warmly welcomed by my relatives who lived there and belonged to the high society of merchants. We were both joined by my childhood friend and distant cousin, Ernst Schnabel. He was my closest friend from the time we were friends at school as fourth-graders in Elberfeld in 1857-59, the closest I have had in life other than Nietzsche. Already in 1859 we were in love with the same girl, a distant cousin named Maria Stürmer, who lived in Elberfeld with an old bigoted aunt of ours. This rivalry only enhanced our romantic relation. One day we tore her picture down from the wall and had two copies made secretly in a hurry, which turned out very faded. I took one with me to Pforta in 1859, where I hung it up in my closet, a place where I could always see and worship it ardently like a saint. Among her friends she was known as the "Misty Vision." In the meantime, Ernst Schnabel, who was always close to her, had managed to win the heart of the good-hearted girl, and it was perhaps on October 17, 1863, or around this time, when a long letter from Ernst Schnabel arrived in Pforta, which, among the most ardent assurances of friendship, contained the bitter announcement that little Marie Stürmer had declared that her greatest respect and warmest friendship belonged to me, but that her love belonged to Ernst Schnabel. That day I was walking in the corridors of Schulpforta with Nietzsche in the deepest despondency. He read my letter and tried to lift me up with philosophical and religious reasoning, with examples from history and literature. Genuine consolation remained hidden from me and was to remain so for a long time. It consisted in the fact that on the same day, if the above calculation is correct, and at the same hour that Nietzsche so carefully tried to comfort me, a little girl was born in far-off Berlin, who has been sharing the joys and sorrows of life with me as a faithful wife for fourteen years now. Ernst Schnabel was not so lucky. Careless as he was, he founded a business with someone else in Barmen, married his and my little Marie and lived a wonderful and happy life for a few years. The business declined and had to be liquidated; anguish gnawed at little Marie, she bore her husband a tiny son and died. Ernst could no longer find peace at home; he left the child with his grandparents and moved to Havana as a merchant. His letters described how the yellow fever raged there, how the funeral pyres blazed in the streets to purify the air, until a letter by another hand reported that Ernst Schnabel had also succumbed to the raging fever and was buried in distant Havana. Soon after, the child died too. So the grave has closed over this entire tragedy of love.)
9. Georg Friedrich Deussen (1847-1917): Paul Deussen's brother.
10. Cf. Paul Deussen, Erinnerungen an Friedrich Nietzsche. Leipzig: Brockhaus, 1901: 17-18: "Zehn Jahre vor diesem traurigen Ausgang war es, daß 1864 in Elberfeld zu Nietzsche und mir Ernst Schnabel sich gesellte. Witzig, geistreich, lebhaft bis zum Übermaß, aber auch leichtsinnig bis in die Fingerspitzen hinein, so trat Ernst Schnabel unserer Reisegesellschaft bei und wußte uns zu mancherlei Tollheiten hinzureißen. Wir fuhren zu dreien nach Königswinter und ließen uns, von Wein und Freundschaft trunken, trotz der Beschränktheit unserer Mittel dazu überreden, Pferde zu nehmen und auf den Drachenfels hinaufzureiten. Es ist das einzige Mal, daß ich Nietzsche zu Pferde gesehen habe. Er war in einer Stimmung, in der er sich nicht so sehr für die schöne Gegend wie für die Ohren seines Pferdes interessierte. Immer wieder stellte er Messungen an denselben an und behauptete, nicht darüber ins Klare kommen zu können, ob er ein Pferd oder einen Esel reite. Noch toller trieben wir es am späten Abend. Wir zogen zu dreien durch die Straßen des Städtchens, um den Mädchen, die wir hinter den Fenstern vermuteten, Ovationen darzubringen. Nietzsche flötete und girrte: fein's Liebchen, fein's Liebchen, Schnabel führte allerlei lose Reden von einem armen rheinischen Jungen, der um ein Unterkommen für die Nacht bitte, und ich selbst stand daneben und wußte mich in diese neue Situation noch gar nicht zu finden, als ein Mann aus der Tür stürzte und uns unter Schmähworten und Drohungen verjagte. Gleichsam zur Sühne für dieses, übrigens vereinzelte Vorkommnis geschah es, daß wir am nächsten Tage im Klavierzimmer des Berliner Hofes eine Flasche Wein bestellten und durch das wundervolle Phantasieren Nietzsches unsere Seelen läuterten. Endlich langten wir alle drei in meinem Elternhause in Oberdreis an und genossen hier noch wochenlang das harmlose Dasein in der reinen Bergluft des Westerwaldes und im Umgange mit Eltern und Geschwistern, Freunden und Freundinnen, welche kommend und gehend das gastliche Pfarrhaus auf dem Lande belebten. Am 15. Oktober feierten wir den Geburtstag meiner Mutter und zugleich den Nietzsches und stiegen dann von dem Gebirge des Westerwaldes in das Rheintal nach Neuwied hinab, von wo uns der Dampfer in wenigen Stunden nach Bonn führte." (It was ten years before this sad ending [see Note 8] that, in 1864, Nietzsche and I were joined by Ernst Schnabel in Elberfeld. Humorous, witty, lively to the point of excess, but also reckless down to the tips of his fingers, Ernst Schnabel joined our traveling party and knew how to get us carried away into all kinds of madness. The three of us drove to Königswinter and, drunk on wine and friendship, allowed ourselves to be persuaded, despite the limitations of our funds, to take horses and ride up the Drachenfels. It is the only time that I have seen Nietzsche on horseback. His mood was one in which he was not so interested in the beautiful countryside as he was in his horse's ears. Again and again he took measurements of them and claimed not to be able to decide whether he was riding a horse or a donkey. We carried on even more insanely late in the evening. The three of us paraded through the streets of the little town to give an ovation to the girls we suspected of being behind the windows. Nietzsche whistled and cooed: ["]pretty darling, pretty darling["]; Schnabel was making all kinds of loose talk about a poor Rhenish boy who was asking for a place to stay for the night, and I was standing by myself, and did not even know how to find my way into this new situation, when a man rushed out of a door and chased us away with invectives and threats. As a sort of atonement for this incident, which incidentally was an isolated occurrence, the next day we ordered a bottle of wine in the piano room of the Berliner Hofe and purified our souls by means of the wonderful improvisations of Nietzsche. Finally all three of us arrived at my parents' house in Oberdreis and enjoyed the safe existence here for weeks in the pure mountain air of the Westerwald, and in dealing with my parents and siblings, male and female friends who came and went to enliven the hospitable vicarage in the country. On October 15th we celebrated my mother's and Nietzsche's birthday at the same time and then descended from the hills of the Westerwald into the Rhine valley to Neuwied, from where the steamer took us to Bonn in a few hours.)
11. Nietzsche was wont to tease Elisabeth about her overuse of "enchanting" to describe everything she adored. Cf. Pforta, late-February 1862: Letter to Franziska Nietzsche. In German; in English. Bonn, 02-02-1865: Letter to Franziska and Elisabeth Nietzsche. In German; in English.
12. Vehme, the secret medieval tribunals of Westphalia; the Freischöffen (free judges) of these Vehmic courts were inducted into their office on the red soil that is found in some parts of Westphalia.
13. Unknown reference.
14. From Elberfeld to Bonn.
15. Where Paul Deussen's parents lived. Adam Deussen (1801-1887), a pastor, first in Dierdorf, then in Oberdreis since 1843, and Jakobine Deussen (born Ingelbach, 1813-1893). They were married on 06-19-1840. Children: Johannes Deussen (1841-1904); Werner Deussen (1842-1915); Paul Jakob Deussen (1845-1919); Georg Friedrich Deussen (1847-1917); Marie Deussen (1848-?); Immanuel Deussen (1850-1872); Reinhard Deussen (1852-1922); and Elisabeth Deussen (1855-?).
16. After graduating from Schulpforta on 09-07-1864, Paul Deussen spent the next two weeks with Nietzsche in Naumburg.
17. This part of the address is wrong.
18. Rosalie Nietzsche (1811-1867), his paternal aunt.

 


Oberdreis: Church with grave of
Paul Deussen inside wrought-iron fence.1
Enhanced image The Nietzsche Channel.

Oberdreis, 8. Oktober 1864:
Brief an Franziska und Elisabeth Nietzsche.

Liebe Mamma und Lisbeth,

Gar zu gern möchte ich Euch Nachricht von mir vor meinem Geburtstage2 geben, den ich leider nicht in Bonn verleben kann; vielmehr werde ich, da an demselben Tage die Frau Pastorin D[eussen]3 ihren Geburtstag hat, ihn hier feiern, soweit dies möglich ist, und am 16 O[k]t. früh nach Bonn abreisen. An diesem Tage reisen nämlich alle die Deussenschen Söhne, ab, der eine nach Berlin,4 der andre nach Halle,5 der andre nach Bonn.6 Weder Briefe noch Geschenke darf ich also dies mal an meinem Geburtstage erwarten. Der Transport ist so nach diesen Gegenden zu sehr schwer.

Wie soll ich Euch nun mein bisheriges Leben beschreiben? Die Eindrücke sind stark, bunt, höchst mannigfaltig. In Elberfeld machte ich noch am letzt[en] Abende eine höchst interessante Bekanntschaft, nämlich die eines sehr reichen Pariser Kaufmanns, Ingelbach,7 der mit Deussens verwandt ist. Wir d. h. Paul und Friedrich Deussen und ich waren mit ihm in einem Hotel bis spät in die Nacht zusammen, speisten ausnehmend fein und tranken Bordeauxweine, unterhielten uns über seine Lieblingsmaterien, religiöse Sachen und waren recht vergnügt; nächstes Jahr wird er uns auf ein paar Tage in Bonn besuchen. Er stand übrigens in Verbindung mit dem Leipziger Nitzsche,8 der mir von meheren Kaufleuten als "ein großer Mann" dh. Kaufmann bezeichnet wurde.

Unsre Rheinreise9 war kostbar, nimm das Wort, wie Du willst, es trifft immer. Ich habe diese Tage schon wieder Sehnsucht empfunden nach diesem grünwogigen prachtvollen Strom und freue mich sehr auf Bonn. Genaueres theile ich Euch einmal mündlich mit. Wir kommen jetzt nach Oberdreis.

Ihr könnt Euch das hiesige Leben nicht gemüthlich genug vorstellen. Insbesondre wünschte ich, daß ihr die Frau Pastorin10 kennen lerntet, eine Frau von solcher Bildung, Feinheit des Gefühls, der Rede, solcher Arbeitskraft, wie es selten andre geben mag. Menschen der verschiedensten Charaktere vereinigen sich zum Lobe dieser Frau. Der Pastor D[eussen]11 tritt gegen sie sehr zurück, es ist ein braver, guter, großer Mann, der indessen nicht immer consequent ist. Die Deussenschen Söhne sind sämmtlich tüchtige Menschen, am meisten gefällt mir der Maschinenbauer.12 Marie Deussen13 ist trotz ihrer Jugend ein ganz prächtiges, sehr geistiges Mädchen, die wirklich, liebe Lisbeth, mich gelegentlich an dich erinnert, weshalb ich ihr natürlich meine besondre Gunst nicht versagen kann. Dabei ist sie ganz fabelhaft thätig, wie sie überhaupt ihrer Mutter Abbild ist. Das Pensionat14 kann ich zusammenfassen als einen Verein von jungen, nicht schönen, gutmüthigen Mädchen, die aber alle sehr fleißig zu sein scheinen. Die sehr große Wirthschaft macht dies auch nöthig. Die Wohngebäude sind ziemlich großartig. Ueberhaupt ist das Leben hier eine seltne Vereinigung von Einfachheit und Luxus. Ihr werdet Euch jedenfalls eine falsche Vorstellung davon machen. Wir machen täglich ein oder zwei Parthien in benachbarte schöne Gegenden, nämlich wir jungen Menschen, mitunter in Begleitung des Pensionats. Das Leben gefällt mir durchaus, die Luft ist äußerst kräftig, aber gesund, durch die Gegend gehn noch alte Römerstraßen; auf einem Trümmerhaufen eines uralten römisch[en] Castells15 haben wir gestern Abend auf der Rückkehr von einem befreundeten Pächterhofe im Mondenschein "integer vitae"16 gesungen. Meine Anschauungen über Volksleben und Sitten bereichern sich täglich. Ich merke auf alles, auf Eigenthümlichkeit des Essens, der Beschäftigung, der Feldwirthschaft usw.

Indessen mein Stoff ist ohne Ende. Ich muß noch einiges Praktische berühren. Ein Logis habe ich noch nicht, und ich will froh sein, wenn ich mich erst eingewohnt habe. Schreibt mir doch, unter welcher Addresse ich in Bonn meine Sachen finde. Habt ihr einiges über Stipendien17 erfahren? Vielleicht durch Pred[iger] Kletschke?18 — Ich wünsche sehr, daß alles da ist, wenn ich in Bonn eintreffe. Die Anfangskosten werden bedeutend sein. In Neuwied werde ich mir ein Pianoforte miethen und mir per Dampfschiff nach Bonn transportieren lassen. — Willst Du nicht an die Frau Pastorin zum Geburtstag schreiben? — Die Immatrikulation — Miethe — Speiseabonnement kosten! Das kostet alles leidig viel Geld!

Nun, liebe Mamma und liebe Lisbeth, ich habe eigentlich täglich von Euch einmal ein Paar Zeilen erwartet. Wenn ich in Bonn angekommen bin und mich eingerichtet habe, schreibe ich Euch. Am 14 Ot. ist Kuttigs19 Geburtstag. Ich werde aber erst von Bonn aus schreiben, es ist hier mir zu unbequem. Das seht ihr an der Feder. — Nun lebt recht wohl und wünscht mir rechtes Glück zu den bevorstehenden Tagen! Ich denke Eurer, so wie auch der lieben Tanten20 und meiner Freunde oft und gern!

Euer Fritz.

1. The church in Oberdreis has been renovated several times since it was built ca. 1000. In 1763 the tower collapsed. Restoration from 1792-1795 included rebuilding the entire church. Paul Deussen's father, Adam Deussen (1801-1887), became pastor in 1843. The church was renovated, the rectory was built, and, in 1845, Pastor Deussen bought an organ. In 1900, more repairs were made. In 1901 new bells were purchased, and in 1950-51 a bell was replaced. In 1968, significant renovations were carried out, which included moving the entrance to the tower-side, and in 1976, a new organ was purchased. In 2002, major renovations were made, resulting in the church as shown in our image. Paul Deussen (1845-1919) died in Kiel, and his body was buried (in a wrought-iron fenced plot) directly across from what is now the entrance to the church.
2. October 15.
3. Paul Deussen's mother, Jakobine Deussen (born Ingelbach, 1813-1893).
4. Werner Deussen (1842-1915).
5. Johannes Deussen (1841-1904).
6. Paul Deussen (1845-1919).
7. Georg Gerhard Weimar Friedrich Ingelbach (1820-1892): maternal uncle of Paul Deussen. He arranged for Deussen's translation of Albert Réville (1826-1906), Theodor Parker, sein Leben und Wirken. Ein Kapitel aus der Geschichte der Aufhebung der Sclaverei in den Vereinigten Staaten. Paris: Reinwald, 1867. See Deussen's entry in Nietzsche's Library. Cf. Paul Deussen, Mein Leben. Leipzig: Brockhaus, 1922, 105: "Einen Fortschritt brachte mir die Uebersetzung von Revilles Theodor Parker, welche mir 1865 auf Empfehlung meines Onkels Friedrich Ingelbach in Paris vom Verleger Reinwald übertragen worden war, zwölf Freiexemplare und vierzig Taler einbrachte und als erste Veranlassung, mich gedruckt zu sehen, mir viele Freude bereitete." (I made progress with the translation of Reville's Theodor Parker, which had been given to me in 1865 by the publisher Reinwald on the recommendation of my uncle Friedrich Ingelbach in Paris, bringing in twelve free copies and forty talers and, being the first occasion to see myself published, gave me a lot of pleasure.)
8. Carl Gustav Nitzsche.
9. Cf. Elberfeld, 09-27-1864: Letter to Franziska and Elisabeth Nietzsche.
10. Jakobine Deussen (born Ingelbach, 1813-1893).
11. Adam Deussen (1801-1887).
12. Werner Deussen (1842-1915).
13. Marie Deussen (1848-?).
14. Paul Deussen's mother, Jakobine Deussen (born Ingelbach, 1813-1893), took in female boarders for domestic training.
15. Some ruins near Oberdreis which are of questionable Roman origin.
16. See Horace, Odes, I, 22, 1, "Ad Aristium Fuscum." In Nietzsche's copy of Quinti Horatii Flacci Opera omnia ad optimorum librorum fidem edita [Sämmtliche Werke]. Ausgewählt von Theodor Obbarius. Th. 1: Odarum et Epodorum Libri = Oden und Epoden. Paderborn: Schöningh, 1872, 23. Set to music in 1825 by Friedrich Ferdinand Flemming (1778-1813). Latin text in: Schauenburgs allgemeines deutsches Kommersbuch. Lahr: Schauenburg, 1888, 217-218. English version in The Congregational Psalmist, Nr. 393. London: Hodder & Stoughton, 1875, Nr. 393.
17. Cf. Naumburg, 10-08-1865: Letter from Franziska Nietzsche to Nietzsche in Oberdreis. "Mit dem Stipendium sagte mir der Herr Rector: daß Du, sobald Du das Einschreiben auf der Universität besorgt hättest, dasselbe an die Pfortenkasse geschickt werden müsste, worauf 25 Thl. ausgezahlt würden doch ihr wüsstet alles schon. Schreibe doch an Hrn. Pstr. K[letschke) baldmöglichst einmal." (The rector told me about the scholarship: that as soon as you had arranged the registration at the university, the same would have to be sent to the Pforta treasury, whereupon 25 Thl. would be paid but you already know all this. Write to Herr P[a]st[o]r K[letschke] as soon as possible.)
18. Hermann Kletschke (1833-1902): Teacher, pastor, and Nietzsche's last tutor at Schulpforta.
19. Victor Kuttig (1846-1901): a student at Schulpforta.
20. Nietzsche's paternal aunts: Rosalie Nietzsche (1811-1867); Friederike Dächsel (1793-1873), the step-sister of Nietzsche's father, and the wife of Carl August Dächsel (1790-1858) in Naumburg.

 


University of Bonn.
From picture postcard, ca. 1892.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Bonn, 17.-18. Oktober 1864:
Brief an Franziska und Elisabeth Nietzsche.

Liebe Mamma und Lisbeth,

von Bonn aus, von meiner Wohnung aus bekommt ihr zum ersten Male Nachricht; und ich gebe sie euch, heiter und froher Hoffnungen voll, zugleich aber mit dem dankbarsten Herzen; denn eure Hände waren es, die auf das angenehmste gleich meine ersten Stunden in einer neuen Welt ausschmückten, eure lieben Wünsche und Gebete waren es, die meinen Eingang in ein selbstständigeres Leben weihten.

Ueber meinen Geburtstag1 kann ich schneller hinweggehn; früh morgens sangen wir vor dem Schlafzimmer der Frau P[astor] D[eussen]2 einen vierstimmigen Choral "Lobe den Herrn, o meine Seele,"3 den ich mit den Damen und Herren eingeübt hatte. Bei der Bescheerung bekam ich von der P[astorin] einen Theil der Monod'schen Schriften.4 Sie freute sich über deinen Brief und will dir bald einmal antworten. Abends waren wir auf der Wiese und spielten Gesellschaftsspiele und tanzten etwas. Wir verlebten den Tag ruhig und angenehm, indeß war ich gerade nicht heiter, was leicht zu erklären ist. Den andern Morgen früh machten wir uns auf den Weg nach Neuwied, 6 Stunden lang, der Abschied war sehr rührend. Ich habe einen Thl. Trinkgeld gegeben, in den sich 3 Personen theilen müssen. Wir kamen ein wenig müde auf dem Dampfschiff an und landeten an Bonn gegen 4 Uhr. (Zeitbestimmungen sind bei mir immer ungenau, denn ich habe keine Uhr[.]) Hier fanden wir denn bald einen mir wohl anstehenden Stiefelfuchs, der als Sachverständiger und Mitinteressirter immer von Studenten beim Miethen benutzt wird. Nun haben wir uns gegen 10, 12 Wohnungen angesehn. Mit dem Zusammenwohnen ist kein Profit: die Wohnungen dieser Art, Stube und Schlafzimmer stehen 10 bis 12 Thl. monatlich. So entschlossen wir uns endlich spät Abends, benachbarte, aber Separatwohnungen uns zu miethen. Ich glaube sehr zufrieden sein zu können; monatlich 5 Thl. Miethe. Sehr schönes Haus, Ecke zweier lebhafter Straßen5 mit Balkon, angenehme äußerst reinliche Wirthleute,6 die ein großes Geschäft haben; ich lege Dir ihre Karte bei. Der Mann ist Holsteiner.7 Mein Zimmer wird erst eingerichtet, zwei Treppen hoch, geräumig, mit drei großen Fenstern, alles sehr nobel und reinlich, mit Sopha. Ich wohne während der Einrichtung, die ein paar Tage dauern wird, das Zimmer darunter Belletage mit Balkon, Schlafkabinet, äußerst angenehme Wohnung; kostet aber 7 Thl. weshalb mir zu theuer. Das Essen kostet in allen Restaurationen 7 Srg. im Abonnement, sehr theuer. Deshalb ist es mir sehr lieb, bei meinen Wirthsleuten essen zu können für 5 Srg. sehr gute Hausmannskost, Suppe Gemüse und Fleisch. Ich esse auf meiner Stube. Das ist eine Ersparniß von monatl. 2 Thl. Abends esse ich eben so bei den Wirthsleuten für 3 Srg. Auf diese Weise bin ich sehr von dem lästigen Kneipenlaufen zurückgehalten. Ein Pianino habe ich mir gemiethet, so billig ich es nur haben konnte, für 3 Thl. monatlich. Die Wäsche lasse ich auch durch die Wirthin an eine Wäscherin befördern, die billiger und besser wäscht, als die Frauen der Stiefelfuchse, die gewöhnlich die Wäsche der Studenten besorgen. Der Stiefelfuchs bekommt für Kleiderreinigen, Stiefelputzen und Ausgänge monatlich 20 Srg. Jetzt berechne den Monat.

5 Miethe
5 Mittag
3 Abend
2 Frühstück (Butter, Milch, Schwarzbrod, Weck)
3 Klavier
c. 2 Wäsche
3 Heizung (nach Tagesberechnung 3 Srg. der halbe Tag 2 Srg)
20 Stiefelfuchs
_________________
23 Th. 20 S.

ohne Bücher, Hefte und die vielen Nebenausgaben für Oel, Spiritus, eine Lampe usw. Kein Pfennig für eine Vergnügung. Wie gesagt, ohne 30 Th. monatlich ist kein Auskommen.

Ich kann hier gar nichts machen, bevor ich nicht das Geld bekommen habe, nicht einmal mich immatrikulieren lassen. Heute war es noch nicht auf der Post. Auch meine andren Sachen vermisse ich sehr; ich kann kaum ausgehn, da ich keine reine Wäsche habe, meine Stiefeln mannigfach zerrissen sind. Natürlich habe ich auch noch keine Visiten machen können. Das Photograph. album hat mir ungemeine Freude gemacht, insgleichen die Kaffeemaschine, wenn gleich der Kaffee mir noch nicht daraus geschmeckt hat. Es machte mir besonderen Spaß, die Kiste mit all ihren reichen Inhalte auszupacken, nachher die schönen Briefe8 zu lesen und endlich zu Bett zu gehn.

Paul und ich essen zusammen und zwar heute sehr gute Suppe mit Zunge darin, Kalbscotellets mit Rübchensalat und Kartoffeln, frisch. Obst. —

Der lieben Tante Rosalie sprich meinen herzlichsten Dank aus;9 ich werde ihr bald einmal schreiben. Wie viel habt ihr mir nicht geschenkt! Ueber das Bild der selg. Großmama10 habe ich mich besonders gefreut. Schreibt mir recht bald wieder! Meine Addresse "Bonn, Bonn- und Gudenauergassenecke 518[.]"11

Nun lebt recht, recht wohl!

Euer Fritz.

Auch heute, Dienstag früh, ist mein Geld noch nicht da. Ich kann mich also nicht immatrikulieren lassen, da dies über 7 Thl. kostet. Das Paupertätszeugniß12 brauche ich noch bis Ende dieser Woche spätestens! Vergeßt das ja nicht!

1. Nietzsche spent his birthday at the home of Paul Deussen's parents in Oberdreis.
2. Paul Deussen's mother, Jakobine Deussen (born Ingelbach, 1813-1893), was also born on October 15.
3. Johann Daniel Herrnschmidt (also Herrnschmid or Herrenschmid; 1675-1723): German theologian and hymnwriter in Halle. Author of "Lobe den Herrn, o meine Seele" (Praise the Lord , o my soul ...). Also published as "Praise thy Creator." In: Adolf T. Hanser, The Selah Song Book for Worship and Devotion in Church, School, Home = Das Sela Gesangbuch zur Andacht und Erbauung in Kirch, Schule, Haus. English-German. 2d. Edition. Buffalo: Sotarion, 1926, 36-37.
4. Adolphe Monod (1802-1856): French Protestant preacher with connections in Elberfeld. It's not certain which volumes of Monod's writings were gifted to Nietzsche by Adam Deussen (1801-1887). Monod's collected writings were published in German in 6 volumes from 1860-62. See, e.g., Adolphe Monod, Ausgewählte Schriften. T. 1-2. Bielefeld: Velhagen und Klasing, 1860.
5. Nietzsche's correct address was Bonngasse 518. Cf. Bonn, Christmas 1864: Letter to Franziska and Elisabeth Nietzsche. "Die Addresse war falsch; ich wohne ja Bonngasse 518." (The address was wrong; I live at Bonngasse 518.)
6. Friedrich Oldag and his wife. Oldag was also a tobacconist, an umbrella maker, and a master wood turner.
7. From the Schleswig-Holstein region of northern Germany.
8. The letters are lost.
9. Nietzsche's paternal aunt, Rosalie Nietzsche (1811-1867). See excerpt from Naumburg, 10-15-1864: Letter from Rosalie Nietzsche to Nietzsche in Bonn. "Mein lieber Fritz! / Gott zum Gruß zuvor zu Deinem lieben Geburtstag! Wo feierst Du denselben, in Oberdreyßen oder in Bonn? Nun, wo Du auch seyst mit meinen herzlichsten Wünschen bin ich Dir nahe und trage den lieben Gott meine Bitten vor daß Er Dir Gesundheit und Kraft, und getrosten Muth und Freudigkeit verleihen möge damit Du Dein großes Ziel Philologie und Theologie zu studiren wirklich erreichst! Doch — wie Gott will! Denn es ist wohl ein zu großes Vornehmen, (oder, verstehe ich nicht es zu beurtheilen? das ist sehr möglich!) weißt Du aber daß Hr. Archidiakonus Wenkel sich auch dies Ziel gesteckt, und es doch unterlaßen mußte? Nun, wie er durch ein Buch zum Studium der Theologie gedrängt wurde so möge Dich der liebe Gott auch lenken wie es für Dich am Besten ist — Ihm übergebe Dich auch heute an Deinem Geburtstage wiederum und mit festem Vertrauen auf Seine Güte und Treue! mein lieber Fritz, und nun lege ich auch als kleines Geschenk 2 Thaler bei, Du wirst sie finden wenn Du beiliegendes Papier öffnest um das Bild, das gewiß auch Dir unvergeßliche Bild Deiner lieben selgen Großmamma, in Deine lieben Hände zu nehmen, es soll auch Dein [sein], denn ich denke Dir auch dadurch Freude zu bereiten! ach weißt Du noch, wie gern die liebe Verklärte Dich rief nach Tische da Du ihre Füße auf das Sopha mit heben solltest! und wie sie zu ihrem letzten Geburtstag so glücklich war als Du: "Nun danket Alle Gott" spieltest und sangst? O gewiß Du erinnerst Dich noch daran und freust Dich daß Du es gethan!" (My dear Fritz! / God be with you on your dear birthday! Where are you celebrating it, in Oberdreyssen or in Bonn? Well, wherever you are, I am close to you with my warmest wishes and I express my prayers to the dear Lord that He may give you health and strength, and confident courage and cheerfulness so that you really achieve your great goal of studying philology and theology! But — as God wills! For it is probably too big an undertaking (or don't I know how to judge it? That's very possible!) but you know that Herr Archdeacon Wenkel also set himself this goal and yet had to abandon it? Well, just as he was urged by a book to study theology, so may the good Lord also guide you in the way that is best for you — surrender yourself to Him again today on your birthday and with firm trust in His goodness and faithfulness! My dear Fritz, and now I am also enclosing 2 thalers as a small gift, you will find them when you open the enclosed paper around the picture, the picture of your dear, blessed grandma, which, taken into your dear hands, I am sure will also be unforgettable to you; it shall also be yours, for I hope to give you joy with it too! Oh do you still remember how the dear radiant one loved to call you to the table for you to put her feet up on the sofa! and how she was so happy on her last birthday when you played and sang: "Nun dankt Alle Gott" ["Now thank we all our God" (1647): composed by Johann Crüger (1598-1662)]? Oh certainly you still remember it and are happy that you did it!)
10. Nietzsche's paternal grandmother, Erdmuthe Nietzsche (born Krause, 1778-1856). See two undated colorized and enhanced images of her © The Nietzsche Channel.
11. See Note 5.
12. Cf. Naumburg, late February, 1865: Letter to Franziska and Elisabeth Nietzsche. "N. B. Sendet mir ja noch vor meiner Abreise eine vom Gericht bestätigte Abschrift des Paupertätszeugnisses. Ich muß das Zeugniß noch einreichen wegen der Stundung der Collegien." (N.B. Before I leave, send me a court-approved copy of the certificate of poverty. I still have to submit the certificate because of the deferral of college fees.)

 


Franziska Nietzsche at 25.
From tinted photo, ca. 1850.1
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Bonn, 24.-25. Oktober 1864:
Brief an Franziska und Elisabeth Nietzsche.

Liebe Mamma und Lisbeth,

indem ich mich zuerst nach allen Seiten hin höflichst verneige, stelle ich mich Euch als ein Mitglied der deutschen Burschenschaft Franconia vor.2

Nun, ich sehe schon, wie Ihr auf höchst merkwürdige Weise den Kopf schüttelt und einen Ausruf der Verwunderung von Euch gebt. Es ist auch wirklich vielerlei Wunderbares mit diesem Schritt verbunden, und so kann ich es Euch nicht übel nehmen. Z. B. traten fast zu gleicher Zeit sieben Pförtner der Franconia bei und zwar außer zweien sämmtliche Pförtner, die sich in Bonn zusammenfanden, darunter viele, die schon im vierten Semester stehn. Ich nenne Euch einige, die Ihr kennen werdet: Deussen, Stöcken [sic],3 Haushalter,4 Töpelmann,5 Stedefeld,6 Schleussner,7 Michael8 und ich selbst.

Natürlich habe ich mir den Schritt reiflichst überlegt und ihn in Anbetracht meiner Natur fast für nothwendig erachtet. Wir sind alle zum größten Theile Philologen, zugleich alle Musikliebhaber. Es herrscht im Allgemeinen ein sehr interessanter Ton in der Franconia, die alten Leute haben mir prächtig gefallen.

Vorher habe ich noch die Marchia9 genau kennen gelernt und einige derselben mir zum nähern Umgang gewählt. Auch die Germanen10 habe ich besichtigt, so daß ich zu einer Vergleichung wohl berechtigt war, die aber zu Gunsten der Franconia ausfiel.

Ich habe bis jetzt von allen Seiten sehr viel angenehmes und liebes erfahren. Neulich habe ich Musikdirektor Brambach11 eine Visite gemacht und mich in den städtischen Gesangverein12 aufnehmen lassen. Mit den Märkern13 habe ich eine Partie nach Rolandseck gemacht; die Gegend ist prachtvoll, und wir haben einige sehr schöne Tage gehabt. Gestern fuhren die Frankonen nach Plittersdorf, dort war Kirmes, und es wurde tüchtig getanzt, bei einem Bauer Most getrunken; Abends gieng ich mit einem Frankonen, den ich besonders gern habe, meinem Leibburschen14 den Rhein entlang nach Bonn zurück; auf den Bergen waren Weinlesefeuer. Ihr glaubt nicht, wie schön alles ist.

Neulich habe ich zufällig zu meiner größten Freude den lieben Baron von Frankenstein15 getroffen und ihn auf ein paar Stunden im Hotel Kley besucht. Er ist ganz derselbe liebenswürdige Mensch wie ehemals und erkundigte sich lebhaft nach Euch und den Naumburger Verhältnissen. Er wird mich in diesen Tagen besuchen. Auch Hachtmann16 hat mich gesprochen. Dem Dr. Wachsmuth17 mache ich heute Visite.

Heute gehe ich auf den Gottesacker um Schumanns, Schlegels und Arndts Gräber zu sehen.18 Nachmittags fahre ich mit meinen Wirthsleuten19 in ein benachbartes Dorf zu einer Kirmes. Es sind sehr feine und angenehme Leute, mit deren Sorge um mich ich in jeder Weise zufrieden sein kann. Ich wohne ganz allerliebst, esse recht gut, werde reinlich und pünktlich bedient und bin gern Abends ein Stündchen mit ihnen zusammen. —

Jetzt eben war ich auf dem wunderschönen Friedhof und habe Robert Schumann20 einen Kranz dedizirt. Meine Wirthin und ihre Nichte21 Fräulein Marie (denn Marie heißt am Rhein alles) haben mich begleitet.

Nun, liebe Lisbeth, Dir noch die spezielle Nachricht, daß unsre Farben weiß rot gold sind, daß unsre Mützen weiß sind mit einem roth goldnen Rande. Dann will ich Dir einige alte Bonner Frankonen als alte Bekannte vorstellen: Max Rötger [sic]22 (Trüffelwurst), und Treitzschke [sic],23 der sich als Redner24 beim Leipziger Turnfest ausgezeichnet, Fritz Spielhagen, an dessen "in der zwölften Stunde,"25 das in Bonn spielt, Du lebhaft denken wirst. Ueberhaupt ist die Frankonia höchst renommirt.

Die Collegien haben noch nicht angefangen. Neulich habe ich von Prediger Kletschke26 ein Buch "die Sündlosigkeit Jesu von Ullmann"27 als Geschenk erhalten mit einem außerordentlich liebenswürdigen Brief,28 worin er sich als "Ihnen von Herzen verbundener Freund" unterzeichnet. Ich habe mich sehr über das interessante Buch gefreut. Ich vermuthe, daß er Euch besucht haben wird.

Die Kaffemaschine liefert mir jetzt morgendlich einen sehr guten Kaffe und ich bin der mir stets so lieben Geberin von Herzen dankbar.

Ich erwarte sehnlichst jetzt die Kiste und vor allem Briefe von Euch, aus denen ich den Effekt entnehmen kann, den mein Einspringen machen wird. Grüßt mir die Tante Rosalie29 und wer sich für mich interessirt auf das freundlichste[.]

Lebt recht recht wohl!

Fritz.

Liebe Lisbeth, sollte Fr[aulein] Anna Redtel30 noch in Kosen sein, so geruhe, sie von mir zu grüßen und sage ihr, daß ich, so oft ich in Hotel Kley im Angesicht des herrlichen Siebengebirges Kaffe tränke — sie grüßen ließe. —

Dienstag Abend. Ich habe die Kiste bekommen und bin sehr froh darob, besonders über die schöne Wäsche und die schönen Notenbücher. Gestern haben wir einen sehr fidelen Nachmittag verlebt; ich habe fabelhaft getanzt.

Ich esse mit Deussen immer auf meiner Stube zusammen; wir können sehr zufrieden sein. Ich sehe wohl und munter aus und bin immer recht mäßig. Ich bin auf Theologie und Philosophie immatrikulirt.31 Dr. Wachsmuth32 ist als Professor nach Marburg berufen. — Ich habe eine hübsche Petroleumlampe. —

1. Franziska Nietzsche, at 25, ca. 1850. Two reproductions: 1. by Atelier Hertel, Weimar; and 2. by Louis Held, Weimar. GSA 101/315. The date of the photo is uncertain. GSA lists it as 1845, and Nietzsche Chronik as ca. 1850. See Friedrich Nietzsche. Chronik in Bildern und Texten. München: Hanser, 2000, 13.
2. Nietzsche was a member of the "Frankonia" fraternity in Bonn from October 1864-October 1865; he later regretted his decision (see, e.g., Kösen, 10-11-1866: Letter to Carl von Gersdorff in Berlin.)
3. Georg Stoeckert (1843-1894): student at Schulpforta; student and member of the "Frankonia" fraternity at Bonn.
4. Bruno Haushalter (1844-?): student at Schulpforta; student and member of the "Frankonia" fraternity at Bonn.
5. Paul Töpelmann (1843-1895): student at Schulpforta; student and member of the "Frankonia" fraternity at Bonn.
6. Hermann Stedefeldt (1844-1870): student and teacher at Schulpforta; student and member of the "Frankonia" fraternity at Bonn.
7. Wilhelm von Schleussner (1845-1913): student at Schulpforta; student and member of the "Frankonia" fraternity at Bonn.
8. Wilhelm Michael (1843-1886): student at Schulpforta; student and member of the "Frankonia" fraternity at Bonn.
9. A recently formed student association (1862) and fraternity (1865).
10. The Christian fraternity, Germania, founded in 1860.
11. Karl Joseph Brambach (1833-1902).
12. Cf. Bonn, 10-31-1864: Letter to Hermann Kletschke in Pforta.
13. Members of the Marchia fraternity.
14. The identity of his fellow fraternity member is uncertain: possibly Bruno Haushalter (1844-?) or Karl Feldmann (?-?).
15. Heinrich von und zu Franckenstein (1826-1883).
16. A student at Bonn.
17. Curt Wachsmuth (1837-1905): German philologist, who became the son-in-law of Friedrich Ritschl in 1865.
18. Robert Schumann (1810-1856): German composer. For Nietzsche's changing opinion of Schumann, and his "treacly" music, see Friedrich Nietzsche in Words and Pictures. Appendix 2. Chronology of Nietzsche's Music: 23-24. August Wilhelm Schlegel (1767-1845): German critic, poet, and translator of Shakespeare. Ernst Moritz Arndt (1769-1860). Arndt was an anti-Semitic, nationalist historian, writer, and poet. He was also a former teacher at Bonn.
19. Friedrich Oldag and his wife. Oldag was also a tobacconist, an umbrella maker, and a master wood turner.
20. See Note 18.
21. The Oldags.
22. Max Röttger (?-?): student and member of the "Frankonia" fraternity at Bonn.
23. Heinrich von Treitschke (1834-1896): German historian and political writer.
24. See Heinrich von Treitschke, "Rede zur Erinnerung an die Leipziger Völkerschlacht, 5. August 1863." In: Heinrich von Treitschke, Zehn Jahre deutsche Kämpfe. 1865-1874. Schriften zur Tagespolitik. Berlin: Reimer, 1874, 1-7.
25. Friedrich Spielhagen (1829-1911): German novelist. In der zwölften Stunde. Berlin: Jancke, 1863. See the entry for Spielhagen in Nietzsche's Library.
26. Hermann Kletschke (1833-1902): Teacher, pastor, and Nietzsche's last tutor at Schulpforta.
27. Karl Ullmann (1796-1865): German theologian. Über die Sündlosigkeit Jesu. Eine apologetische Betrachtung. 7. Auflage. Gotha: Perthes, 1863. See the entry for Ullmann in Nietzsche's Library.
28. The letter is lost.
29. Nietzsche's paternal aunt, Rosalie Nietzsche (1811-1867).
30. Anna Redtel (1839?-?): a young woman with whom Nietzsche was briefly infatuated. She was the sister of a Schulpforta student (August Redtel, 1849-1875) whom Nietzsche tutored. Nietzsche became acquainted with her in late August 1863 when she and her mother and sister visited her brother on a "mountain day" in the nearby hills of Pforta, where she and Nietzsche danced together. She then visited Kösen with her mother; Nietzsche visited her in Kösen where they played piano duets together. He then hired a scriviner in Naumburg to copy neatly seven of his piano compositions, which he then put into a small booklet and sent to her. She thanked him in September 1863 with a short note on a visiting card: "Unmöglich kann ich verreisen ohne Ihnen vorher meinen herzlichsten Dank gesagt zu haben für das mir von Ihnen so freundlich zugedachte Notenheft. Da mir aber der mündliche Weg versagt ist, so sollen Ihnen diese Zeilen schriftlich versichern, wie herzlich ich mich darüber gefreut habe und dass ich noch oft und gern mich der schönen Stunden mit Ihnen zusammen verlebt erinnern werde. Ein herzliches Lebewohl ruft Ihnen / Anna Redtel[.]" (It is impossible for me to travel without first having said my most heartfelt thanks to you for the booklet of music you so kindly gave me. However, since I am unable to speak to you in person, these lines should assure you in writing how sincerely delighted I was about it and that I will often and fondly remember the beautiful hours we spent together. A heartfelt farewell calls out to you / Anna Redtel[.])
31. At Bonn, Nietzsche first enrolled with the evangelical-theological faculty on 10-25-1864; then with the philosophical faculty in the SS1865.
32. See Note 17.

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