Nietzsches Briefe | 1863© The Nietzsche Channel

Nietzsches Briefe

1863

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Friedrich Nietzsche.
June, 1862.
From b/w photo by:
Ferdinand Henning, Naumburg.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Pforta, 16. April 1863:
Brief an Franziska Nietzsche.

Donnerstag früh.

Liebe Mutter,

Wenn ich dir heute schreibe, so ist es mir eins der unangenehmsten und traurigsten Geschäfte, die ich überhaupt gethan habe. Ich habe mich nämlich sehr vergangen und weiß nicht, ob du mir das verzeihen wirst und kannst. Mit schwerem Herzen und höchst unwillig über mich ergreife ich die Feder, besonders wenn ich unser gemüthliches und durch keine Mißlaute getrübtes Zusammenleben in den Osterferien mir vergegenwärtige. Ich bin also vorigen Sonntag betrunken gewesen und habe auch keine Entschuldigung weiter, als daß ich nicht weiß, was ich vertragen kann und den Nachmittag gerade etwas aufgeregt war. Wie ich zurückkam, bin ich von Ob[er]l[ehrer] Kern dabei gefaßt worden, der mich dann Dienstag in die Synode citieren ließ, wo ich zum Dritten meiner Ordnung herabgesetzt und mir eine Stunde des Sonntagspaziergangs entzogen wurde.1 Daß ich sehr niedergeschlagen und verstimmt bin, kannst du dir denken und zwar mit am meisten, daß ich dir solchen Kummer bereite durch eine so unwürdige Geschichte, wie sie mir noch nie in meinem Leben vorgekommen ist. Und dann wie thut es mir auch des Pred. Kletschke wegen leid, der mir erst solches unerwartetes Vertraun erwiesen!2 Durch diesen einen Fall verderbe ich mir nun meine leidliche Stellung, die ich mir in vorigem Quartal erworben hatte, völlig. Ich bin auch so ärgerlich über mich, so daß es mit meinen Arbeiten gar nicht vorwärtsgehn will und kann mich noch gar nicht beruhigen. Schreib mir doch recht bald und recht streng, denn ich verdiene es, und keiner weiß mehr als ich, wie sehr ich es verdiene.

Ich brauche dich wohl nicht weiter zu versichern, wie sehr ich mich zusammennehmen werde, da es jetzt sehr darauf ankommen wird. Ich war auch wieder zu sicher geworden und bin jetzt, allerdings höchst unangenehm, aus dieser Sicherheit aufgescheucht worden.

Heute werde ich zu Pred. Kletschke gehn und mit ihm reden. — Bitte, erzähle übrigens die ganze Sache nicht weiter, wenn sie sonst nicht schon bekannt sein sollte.

Schicke mir übrigens doch baldigst meinen Shawl, ich leide jetzt immer noch an Heiserkeit und Brustschmerzen. Auch den betreffenden Kamm.

Nun lebe wohl und schreib mir ja recht bald und sei mir nicht zu böße, liebe Mutter.

Sehr betrübt
Fritz.

1. The Pforta record book contains the following entry: "Synodus Extraordinarius d. XIV m. Aprilis. Nietzsche u. Richter trinken am Sonntage auf dem Bahnhofe zu Kösen während einer Stunde je vier Seidel Bier. N. war davon betrunken u. noch ersichtlicher Richter." Also, in the margin: "Nietzsche: vom Primus abgesetzt u. 1 Stunde Ausgang."
2. He had just made Nietzsche his assistant. Franziska wrote to Kletschke on April 17, apologizing for her son's behavior.

 


Friedrich Nietzsche.
June, 1862.
From b/w photo by:
Ferdinand Henning, Naumburg.
Colorized and enhanced image ©The Nietzsche Channel.

Pforta, 2. Mai 1863:
Brief an Franziska Nietzsche.

Liebe Mamma.

Dein lieber Brief mit den Brustkaramellen kam mir sehr angenehm, da ich manches wieder von euch hörte was mich ja auch sehr interessirte. Um zuvörderst nun von meinem Unwohlsein Bericht zu erstatten, so ist die Heiserkeit immer noch da und zwar unvermindert; ich trinke seit gestern Selterwasser mit Milch und das scheint die Kehle ein wenig zu erleichtern. Es wird mir allmählich grauenhaft auf der Krankenstube, besonders da heute Wetter und Himmel lustig aussehn. Obwohl ich hier arbeite, will es doch nicht viel werden, da mir immer ein oder das andre Buch fehlt. Ich mache mir Auszüge aus Hettners Literaturgeschichte des 18 Jahrh., überhaupt treibe ich viel Literaturgeschichte.1

Was meine Zukunft betrifft, so sind es eben diese ganz praktischen Bedenken, die mich beunruhigen. Von selbst kommt die Entscheidung nicht, was ich studieren soll. Ich muß also selbst darüber nachdenken und wählen; und diese Wahl ist es, die mir Schwierigkeiten macht. Gewiß ist es mein Bestreben, das, was ich studiere ganz zu studieren, aber um so schwieriger wird die Wahl, da man das Fach heraussuchen muß, worin man etwas Ganzes zu leisten hoffen kann. Und wie trügerisch sind oft diese Hoffnungen! Wie leicht läßt man sich von einer momentanen Vorliebe oder einem alten Familienherkommen oder von besonderen Wünschen fortreißen, so daß die Wahl des Berufes ein Lottospiel erscheint, in dem sehr viele Nieten und sehr wenig Treffer sind. Nun bin ich noch in der besonders unangenehmen Lage, wirklich eine ganze Anzahl von auf die verschiedensten Fächer zerstreuten Interessen zu haben, deren allseitige Befriedigung mich zu einem gelehrten Manne, aber schwerlich zu einem Berufsthier machen würde. Daß ich also einige Interessen abstreifen muß, ist mir klar. Daß ich einige neue hinzugewinnen muß, ebenfalls. Aber welche sollen nun so unglücklich sein, daß ich sie über Bord werfe, vielleicht gerade meine Lieblingskinder!

Ich kann mich nicht deutlicher aussprechen, die kritische Lage ist einleuchtend, und übers Jahr muß ich mich entschieden haben. Von selbst kommt es nicht, und ich selbst kenne die Fächer zu wenig.

Genug. — Ich habe eigentlich nichts weiter zu schreiben, als daß ich sehr bedauere, das Brautpaar nicht in Pforta gesehn zu haben.

Grüße Lisbeth und Onkel recht sehr von mir! Lebt recht wohl allesammt!

Fritz.

1. Hermann Hettner (1821-1882), Literaturgeschichte des achtzenten Jahrhunderts. Zweiter Theil. Geschichte der französischen Literatur im achtzenten Jahrhunderts. Braunschweig: Viewig, 1860.

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