COPYRIGHT
NOTICE: The content of this website, including text and
images, is the property of The Nietzsche Channel.
Reproduction in any form is strictly prohibited. © The
Nietzsche Channel.
Nietzsches
Briefe
Ausgewählte Korrespondenz.
1863.
Pforta, 16.
April 1863: Brief an Franziska Nietzsche.
Donnerstag früh.
Liebe Mutter,
Wenn ich dir heute schreibe, so ist es mir eins der
unangenehmsten und traurigsten Geschäfte, die ich
überhaupt gethan habe. Ich habe mich nämlich sehr
vergangen und weiß nicht, ob du mir das verzeihen wirst
und kannst. Mit schwerem Herzen und höchst unwillig
über mich ergreife ich die Feder, besonders wenn ich
unser gemüthliches und durch keine Mißlaute getrübtes
Zusammenleben in den Osterferien mir vergegenwärtige.
Ich bin also vorigen Sonntag betrunken gewesen und habe
auch keine Entschuldigung weiter, als daß ich nicht
weiß, was ich vertragen kann und den Nachmittag gerade
etwas aufgeregt war. Wie ich zurückkam, bin ich von Ob[er]l[ehrer]
Kern dabei gefaßt worden, der mich dann Dienstag in die
Synode citieren ließ, wo ich zum Dritten meiner Ordnung
herabgesetzt und mir eine Stunde des Sonntagspaziergangs
entzogen wurde. [The Pforta record
book contains the following entry: "Synodus
Extraordinarius d. XIV m. Aprilis. Nietzsche
u. Richter trinken am Sonntage auf dem Bahnhofe zu
Kösen während einer Stunde je vier Seidel Bier.
N. war davon betrunken u. noch ersichtlicher
Richter." Also, in the margin: "Nietzsche:
vom Primus abgesetzt u. 1 Stunde Ausgang."]
Daß ich sehr niedergeschlagen und verstimmt bin, kannst
du dir denken und zwar mit am meisten, daß ich dir
solchen Kummer bereite durch eine so unwürdige
Geschichte, wie sie mir noch nie in meinem Leben
vorgekommen ist. Und dann wie thut es mir auch des Pred.
Kletschke wegen leid, der mir erst solches unerwartetes
Vertraun erwiesen! [He had just
made Nietzsche his assistant. Franziska wrote to
Kletschke on April 17, apologizing for N.'s behavior.]
Durch diesen einen Fall verderbe ich mir nun meine
leidliche Stellung, die ich mir in vorigem Quartal
erworben hatte, völlig. Ich bin auch so ärgerlich über
mich, so daß es mit meinen Arbeiten gar nicht
vorwärtsgehn will und kann mich noch gar nicht
beruhigen. Schreib mir doch recht bald und recht streng,
denn ich verdiene es, und keiner weiß mehr als ich, wie
sehr ich es verdiene.
Ich brauche dich wohl nicht weiter zu versichern, wie
sehr ich mich zusammennehmen werde, da es jetzt sehr
darauf ankommen wird. Ich war auch wieder zu sicher
geworden und bin jetzt, allerdings höchst unangenehm,
aus dieser Sicherheit aufgescheucht worden.
Heute werde ich zu Pred. Kletschke gehn und mit ihm
reden. Bitte, erzähle übrigens die ganze Sache
nicht weiter, wenn sie sonst nicht schon bekannt sein
sollte.
Schicke mir übrigens doch baldigst meinen Shawl, ich
leide jetzt immer noch an Heiserkeit und Brustschmerzen.
Auch den betreffenden Kamm.
Nun lebe wohl und schreib mir ja recht bald und sei
mir nicht zu böße, liebe Mutter.
Sehr betrübt
Fritz.
Pforta, 2.
Mai 1863: Brief an Franziska Nietzsche.
Liebe Mamma.
Dein lieber Brief mit den Brustkaramellen kam mir sehr
angenehm, da ich manches wieder von euch hörte was mich
ja auch sehr interessirte. Um zuvörderst nun von meinem
Unwohlsein Bericht zu erstatten, so ist die Heiserkeit
immer noch da und zwar unvermindert; ich trinke seit
gestern Selterwasser mit Milch und das scheint die Kehle
ein wenig zu erleichtern. Es wird mir allmählich
grauenhaft auf der Krankenstube, besonders da heute
Wetter und Himmel lustig aussehn. Obwohl ich hier
arbeite, will es doch nicht viel werden, da mir immer ein
oder das andre Buch fehlt. Ich mache mir Auszüge aus
Hettners Literaturgeschichte des 18 Jahrh., überhaupt
treibe ich viel Literaturgeschichte. [Hermann Hettner: Literaturgeschichte des
achtzenten Jahrhunderts. Zweiter Theil: Geschichte der
französischen Literatur im achtzenten Jahrhunderts.
Braunschweig: Viewig, 1860.]
Was meine Zukunft betrifft, so sind es eben diese ganz
praktischen Bedenken, die mich beunruhigen. Von selbst
kommt die Entscheidung nicht, was ich studieren soll. Ich
muß also selbst darüber nachdenken und wählen; und
diese Wahl ist es, die mir Schwierigkeiten macht. Gewiß
ist es mein Bestreben, das, was ich studiere ganz zu
studieren, aber um so schwieriger wird die Wahl, da man
das Fach heraussuchen muß, worin man etwas Ganzes zu
leisten hoffen kann. Und wie trügerisch sind oft diese
Hoffnungen! Wie leicht läßt man sich von einer
momentanen Vorliebe oder einem alten Familienherkommen
oder von besonderen Wünschen fortreißen, so daß die
Wahl des Berufes ein Lottospiel erscheint, in dem sehr
viele Nieten und sehr wenig Treffer sind. Nun bin ich
noch in der besonders unangenehmen Lage, wirklich eine
ganze Anzahl von auf die verschiedensten Fächer
zerstreuten Interessen zu haben, deren allseitige
Befriedigung mich zu einem gelehrten Manne, aber
schwerlich zu einem Berufsthier machen würde. Daß ich
also einige Interessen abstreifen muß, ist mir klar.
Daß ich einige neue hinzugewinnen muß, ebenfalls. Aber
welche sollen nun so unglücklich sein, daß ich sie
über Bord werfe, vielleicht gerade meine
Lieblingskinder!
Ich kann mich nicht deutlicher aussprechen, die
kritische Lage ist einleuchtend, und übers Jahr muß ich
mich entschieden haben. Von selbst kommt es nicht, und
ich selbst kenne die Fächer zu wenig.
Genug. Ich habe eigentlich nichts weiter zu
schreiben, als daß ich sehr bedauere, das Brautpaar
nicht in Pforta gesehn zu haben.
Grüße Lisbeth und Onkel recht sehr von mir! Lebt
recht wohl allesammt!
Fritz.
|