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Nietzsches Briefe
Ausgewählte Korrespondenz.

Wahnbriefe 1889.

Turin, 1. Januar 1889: Widmung (Entwurf) der Dionysos-Dithyramben an Catulle Mendès

Zwei inedita, sechs, Acht Inedita und und inaudita, dem Dichter der Isoline seinem meinem unsterblichen Freund und Satyr mit hoher Auszeichnung gewidmet überreicht: mag er mein Geschenk der Menschheit überreichen. Ob, wie, und wann

Nietzsche Caesar Dionysos

Turin am 1. Januar 1889

Turin, um 1. Januar 1889: Widmung (Entwurf) der Dionysos-Dithyramben an Catulle Mendès

Indem ich der Menschheit eine unbegrenzte Ehre Wohlthat erweisen will, gebe ich Ihr ihr die Dithyramben: ich lege sie in die Hände des Dichters der Isoline, des grössten und ersten Satyr, der heute lebt.

Nietzsche. Dionysos

Turin, um 1. Januar 1889: Widmung der Dionysos-Dithyramben an Catulle Mendès

Indem ich der Menschheit eine unbegrenzte Wohlthat erweisen will, gebe ich ihr meinem Dithyramben.

Ich lege sie in die Hände des Dichters der Isoline, des grössten und ersten Satyr, der heute lebt—und nicht nur heute ...

Dionysos

Turin, Anfang Januar 1889: Brief an August Strindberg

Herr Strindberg

Eheu? ... nicht mehr Divorçons? ...

Der Gekreuzigte

Turin, 3. Januar 1889: Brief an Meta von Salis-Marschlins

Die Welt ist verklärt, denn Gott ist auf der Erde. Sehen Sie nicht, wie alle Himmel sich freuen? Ich habe eben Besitz ergriffen von meinem Reich, werfe den Papst ins Gefängnis und lasse Wilhelm, Bismarck und Stöcker erschießen.

Der Gekreuzigte.

Turin, 3. Januar 1889: Brief an Cosima Wagner

Man erzählt mir, daß ein gewisser göttlicher Hanswurst dieser Tage mit den Dionysos-Dithyramben fertig geworden ist ...

Turin, 3. Januar 1889: Brief an Cosima Wagner

An die Princeß Ariadne, meine Geliebte.

Es ist ein Vorurtheil, daß ich ein Mensch bin. Aber ich habe schon oft unter den Menschen gelebt und kenne Alles, was Menschen erleben können, vom Niedrigsten bis zum Höchsten. Ich bin unter Indern Buddha, in Griechenland Dionysos gewesen,—Alexander und Caesar sind meine Inkarnationen, insgleichen der Dichter des Shakespeare Lord Bakon. Zuletzt war ich noch Voltaire und Napoleon, vielleicht auch Richard Wagner ... Dies Mal aber komme ich als der siegreiche Dionysos, der die Erde zu einem Festtag machen wird ... Nicht daß ich viel Zeit hätte ... Die Himmel freuen sich, daß ich da bin ... Ich habe auch am Kreuze gehangen ...

Turin, 3. Januar 1889: Brief an Cosima Wagner
Dies breve an die Menschheit sollst du herausgeben, von Bayreuth aus, mit der Aufschrift:
Die frohe Botschaft.
Turin, vermutlich 3. Januar 1889: Brief an Cosima Wagner

Ariadne, ich liebe Dich!

Dionysos

Turin, 4. Januar 1889: Brief an Georg Brandes

Meinem Freude Georg! Nachdem Du mich entdeckt hast, war es kein Kunststück mich zu finden: die Schwierigkeit ist jetzt die, mich zu verlieren ...

Der Gekreuzigte.

Turin, 4. Januar 1889: Brief an Hans von Bülow

Herrn Hanns von Bülow ..

In Anbetracht, dass Sie angefangen haben und der erste Hanseat gewesen, ich, in aller Bescheidenheit, bloss der Dritte Veuve Cliquot-Ariadne, darf ich Ihnen schon nicht das Spiel verderben: viel mehr verurtheile ich Sie zum "Löwen von Venedig"—der mag Sie fressen ...

Dionysos

Turin, 4. Januar 1889: Brief an Jacob Burkhardt

Meinem verehrungswürdigen Jacob Burckhardt

Das war der kleine Scherz, dessentwegen ich mir die Langeweile, eine Welt geschaffen zu haben, nachsehe. Nun sind Sie—bist du—unser grosser grösster Lehrer: denn ich, zusammen mit Ariadne, habe nur das goldne Gleichgewicht aller Dinge zu sein, wir haben in jedem Stücke Solche, die über uns sind ...

Dionysos.

Turin, 4. Januar 1889: Brief an Paul Deussen

Nachdem sich unwiederruflich herausgestellt hat, dass ich eigentlich die Welt geschaffen habe, erscheint auch Freund Paul im Weltenplan vorgesehen: er soll, zusammen mit Monsieur Catulle Mendès, einer meiner grossen Satyrn und Festthiere sein.

Dionysos

Turin, 4. Januar 1889: Brief an Heinrich Köselitz (Peter Gast)

Meinem maestro Pietro

Singe mir ein neues Lied: die Welt ist verklärt und alle Himmel freuen sich.

Der Gekreuzigte.

Turin, um den 4. Januar 1889: Brief an Umberto I König von Italien

Meinem geliebten Sohn Umberto

Mein Friede sei mit dir! Ich komme Dienstag nach Rom und will dich neben seiner Heiligkeit dem Papst sehn.

Der Gekreuzigte

Turin, um den 4. Januar 1889: Brief an Kardinal Mariani

Meinem geliebten Sohn Mariani ..

Mein Friede sei mit dir! Ich komme Dienstag nach Rom, um seiner Heiligkeit meine Ehrfurcht zu erweisen ...

Der Gekreuzigte

Turin, Anfang Januar 1889: Brief an das Hause Baden

Dem Hause Baden

Kinder, das thut nicht gut, wenn man sich mit den verrückten Hohenzollern einlässt, obwohl man, durch Stéphanie, von meiner Rasse ist ... Zieht euch bescheiden ins Privatleben zurück, denselben Rath gebe ich Baiern ...

Der Gekreuzigte

Turin, um den 4. Januar 1889: Brief an Malwida von Meysenbug

Nachtrag zu den "Memoiren einer Idealistin"

Obwohl Malvida bekanntlich Kundry ist, welche gelacht hat in einem Augenblick, wo die Welt wackelte, so ist ihr doch Viel verziehn, weil sie mich viel geliebt hat: siehe ersten Band der "Memoiren" ... Ich verehre alle diese ausgesuchten Seelen um Malvida in Natalie lebt ihr Vater und der war ich auch.

Der Gekreuzigte

Turin, um den 4. Januar 1889: Brief an Franz Overbeck

Dem Freunde Overbeck und Frau.

Obwohl ihr bisher einen geringen Glauben an meine Zahlungsfähigkeit bewiesen habt, hoffe ich doch noch zu beweisen, dass ich Jemand bin, der seine Schulden bezahlt—zum Beispiel gegen euch ... Ich lasse eben alle Antisemiten erschiessen ...

Dionysos

Turin, um den 4. Januar 1889: "Den erlauchten Polen"

Den erlauchten Polen

Ich gehöre zu euch, ich bin mehr noch Pole als ich Gott bin, ich will euch Ehren geben, wie ich Ehren zu geben vermag ... Ich lebe unter euch als Matejo ...

Der Gekreuzigte

Turin, 4. Januar 1889: Brief an Erwin Rohde

Meinem Brummbär Erwin

Auf die Gefahr hin, dich nochmals durch meine Blindheit gegen Monsieur Taine, der ehemals den Veda gedichtet hat zu entrüsten, wage ich es, dich unter die Götter zu versetzen und die allerliebste Göttin neben dich ...

Dionysos.

Turin, 4. Januar 1889: Fragment an Carl Spitteler

[+++] meiner Göttlichkeit gehört: ich werde die Ehre haben, dafür an mir Rache zu nehmen ..

Dionysos.

Turin, um den 4. Januar 1889: Brief an Heinrich Wiener

Herrn Reichsgerichtsrath Dr. Wiener

Obwohl Sie mir die Ehre erwiesen haben, den "Fall Wagner" für Wagner vernichtend zu finden, wagt es besagter Wagner dennoch, seine décadence durch eine welthistorische Unzurechnungsfähigkeit ans Licht zu stellen—in lucem aeternam ...

Dionysos.

[Poststempel: Turin, 5. Januar 1889] 6. Januar 1889: Brief an Jacob Burckhardt

Lieber Herr Professor, zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung der Welt zu unterlassen. Sie sehen, man muss Opfer bringen, wie und wo man lebt.— Doch habe ich mir ein kleines Studenten-Zimmer reserviert, das dem Palazzo Carignano (—in dem ich als Vitorio Emanuele geboren bin) gegenüberliegt und ausserdem erlaubt, die prachtvolle Musik unter mir, in der Galleria Subalpina, von seinem Arbeitstisch aus zu hören. Ich zahle 25 frs. mit Bedienung, besorge mir meinen Tee und alle Einkäufe selbst, leide an zerrissenen Stiefeln und danke dem Himmel jeden Augenblick für die alte Welt, für die die Menschen nicht einfach und still genug gewesen sind.— Da ich verurtheilt bin, die nächste Ewigkeit durch schlechte Witze zu unterhalten, so habe ich hier eine Schreiberei, die eigentlich nichts zu wünschen übrig lässt, sehr hübsch und ganz und gar nicht anstrengend. Die Post ist fünf Schritt weit, da stecke ich selber die Briefe hinein, um den grossen Feuilletonisten der grande monde abzugeben. Ich stehe natürlich mit dem Figaro in näheren Beziehungen, und damit Sie einen Begriff bekommen, wie harmlos ich sein kann, so hören Sie meine ersten zwei schlechten Witze:

Nehmen Sie den Fall Prado nicht zu schwer. Ich bin Prado, ich bin auch der Vater Prado, ich wage zu sagen, dass ich auch Lesseps bin ... Ich wollte meinen Parisern, die ich liebe, einen neuen Begriff geben—den eines anständigen Verbrechers. Ich bin auch Chambige—auch ein anständiger Verbrecher.

Zweiter Witz. Ich grüsse die Unsterblichen. Monsieur Daudet gehört zu den quarante.

Astu

Was unangenehm ist und meiner Bescheidenheit zusetzt, ist, dass im Grund jeder Name in der Geschichte ich bin; auch mit den Kindern, die ich in die Welt gesetzt habe, steht es so, dass ich mit einigem Misstrauen erwäge, ob nicht alle, die in das "Reich Gottes" kommen, auch aus Gott kommen. In diesem Herbst war ich, so gering gekleidet als möglich, zweimal bei meinem Begräbnisse zugegen, zuerst als Conte Robilant (—nein, das ist mein Sohn, insofern ich Carlo Alberto bin, meine Natur unten) aber Antonelli war ich selbst. Lieber Herr Professor, dieses Bauwerk sollten Sie sehn; da ich gänzlich unerfahren in den Dingen bin, welche ich schaffe, so steht Ihnen jede Kritik zu, ich bin dankbar, ohne versprechen zu können, Nutzen zu ziehn. Wir Artisten sind unbelehrbar.— Heute habe ich mir eine Operette—genial maurisch—angesehn, bei dieser Gelegenheit auch mit Vergnügen konstatiert, dass jetzt Moskau sowohl wie Rom grandiose Sachen sind. Sehen Sie, auch für die Landschaft spricht man mir das Talent nicht ab.— Erwägen Sie, wir machen eine schöne schöne Plauderei, Turin ist nicht weit, sehr ernste Berufspflichten fehlen vor der Hand, ein Glas Veltliner würde zu beschaffen sein. Negligé des Anzugs Anstandsbedingung.

In herzlicher Liebe Ihr
Nietzsche

[Marginalien]

Morgen kommt mein Sohn Umberto mit der lieblichen Margherita, die ich aber auch nur hier in Hemdsärmeln empfange. Der Rest für Frau Cosima ... Ariadne ... Von Zeit zu Zeit wird gezaubert ...

Ich gehe überall hin in meinem Studentenrock, schlage hier und da Jemandem auf die Schulter und sage: siamo contenti? son dio, ho fatto questa caricatura ...

Ich habe Kaiphas in Ketten legen lassen; auch bin ich voriges Jahr von den deutschen Ärzten auf eine sehr langwierige Weise gekreuzigt worden. Wilhelm, Bismarck und alle Antisemiten abgeschafft.

Sie können von diesem Brief jeden Gebrauch machen, der mich in der Achtung der Basler nicht heruntersetzt. —


Briefe Peter Gasts an Carl Fuchs. 1889-1891.


"Der kranke Nietzsche"
Sascha Simchowitz, Frankfurter Zeitung, 7. August 1900.

Es war in der zweiten Hälfte des Wintersemesters 1888-89. Ich weilte als "älterer Mediciner" in Jena und besuchte die psychiatrische Klinik des Professor Otto Binswanger. Eines Tages wurde ein Patient in den Hörsaal geführt, der vor Kurzem in die Anstalt gebracht worden war. Der Docent stellte ihn uns als—Herrn Professor Nietzsche vor! Wenn man jetzt einem Auditorium den Namen Nietzsche nennt, so bedarf es keiner weiteren Erklärungen. Damals aber—obgleich dieses Damals kaum ein Dutzend Jahre her ist—lagen die Dinge anders. Der Name Nietzsche war in Deutschland so gut wie unbekannt, nicht nur uns Jenenser Klinicisten, sondern auch noch ganz anderen Leuten. Es giebt dafür einen klassischen Zeugen: in der vierten Auflage von Meyers Konversationslexikon, vom Jahre 1889, ist Nietzsche noch nicht zu finden.

In seiner äußeren Erscheinung machte Nietzsche auf den ersten Blick nicht den Eindruck eines Kranken: Die mittelgroße Figur, das ausdrucksvolle Gesicht waren wohl hager, aber nicht gerade verfallen. Allerdings schien er seinen guten Tag zu haben: er war bei klarem Bewußtsein und gutem Erinnerungsvermögen. Prof. Binswanger ließ sich mit ihm in eine Unterhaltung über sein Vorleben ein. Wir erfuhren, daß er bereits mit 24 Jahren Professor in Basel war und daß später anhaltende Kopfschmerzen ihn gezwungen hatten, sein Amt niederzulegen. Von seiner schriftstellerischen Thätigkeit erwähnte er kein Wort. Zuletzt, so berichtete er, hätte er in Turin gelebt, und er begann diesen Ort zu rühmen, der ihm besonders behagt hätte, da er die Vorzüge der Großstadt und der Kleinstadt vereinige, und nun schloß er ganz spontan daran eine allgemeine Auseinandersetzung über die Eigenthümlichkeiten der Großstädte und der Kleinstädte. Dieses Raisonnement machte mich hoch aufhorchen: so hatte ich noch nie einen Menschen sprechen hören. Später, als ich Nietzsche las, wurde mir klar, was mich so stutzig gemacht hatte. Ich hatte eben zum ersten Mal die Zauberwirkung des Nietzsche’schen Stils verspürt. Denn er sprach so, wie er schrieb: Knappe Sätze voll eigenthümlicher Wort-Combinationen und kunstreicher Antithesen, selbst die eingestreuten französischen und italienischen Wendungen, die er namentlich in seinen letzten Schriften so liebte, fehlten nicht. Seine Art, zu sprechen, hatte durchaus nichts Professorales oder Docirendes an sich. Es war eine Causerie, und an dem sanften Ton der sympathischen Stimme und der vornehmen Mimik und Gestikulationen erkannte man den Mann von bester Erziehung. Leider führte er seine Auseinandersetzung nicht zu Ende, mitten in einem Satz riß ihm der Gedankenfaden und er versank in Schweigen.

Prof. Binswanger wollte nun seinen Hörern einige Störungen im Gange des Kranken demonstriren. Er bat Nietzsche, im Zimmer auf- und abzugehen. Aber der Patient that das so langsam und lässig, daß man die fraglichen Symptome nicht wahrnehmen konnte.

"Nun, Herr Professor," wandte sich Binswanger an ihn, "ein alter Soldat, wie Sie, wird doch noch ordentlich marschiren können!"

Diese Erinnerung an seine Militärzeit schien ihn angenehm zu berühren. Sein Auge leuchtete auf, seine Gestalt wurde straffer, und er begann festen Schrittes den Hörsaal zu durchmessen.

Kurze Zeit darauf sah ich Nietzsche wieder, gelegentlich der Visite, die unser Lehrer mit uns auf den Krankenstationen abzuhalten pflegte. Er bot da allerdings ein anderes Bild: er befand sich in einem Zustand hochgradiger Aufregung und sein Bewußtsein war offenbar getrübt. Mit stark geröthetem Antlitz und wild-schmerzlich flackerndem Auge saß er da, von einem Wärter bewacht. Es war das letzte Mal, daß ich Nietzsche gesehen habe; nicht lange danach ist er von Jena fortgebracht worden.


"Der sieche Dionysos: eine persönliche Erinnerung"
Sascha Simchowitz, Kölnische Zeitung, 29. August 1925.

Ein Vierteljahrhundert ist nun seit dem Tode Nietzsches verflossen und mehr als ein Menschenalter ist dahingegangen, seitdem unheilbares Siechtum ihn, der sich zuletzt ein widerkehrender Dionysos dünkte, aus der Reihe der Lebendig-Tätigen ausgeschaltet hat. Seine Gestalt ist inzwischen mythisch geworden, war es zum Teil schon, da der Leib noch nahezu ein Dutzend Jahre auf Erden weilte, den göttergleichen Geist aber schon die Dämmerung umfangen hielt. Mythisch geworden durch Notwendigkeit, denn alles Große an Ereignissen und Menschen wird den Nachfahren zur Mythologie. Das überholt aber nicht die Pflicht, sich immer von neuem historisch zu sichern, sich Klarheit darüber zu schaffen, wie (um ein Wort Rankes zu gebrauchen) Dinge und Menschen "eigentlich" gewesen sind. Das ist im falle Nietzsches keine leichte Aufgabe. Denn außer den eignen Zeugnissen der Persönlichkeit gehören die Zeugnisse der Zeitzeugen dazu, und die Anzahl von Nietzsches Weggefährten war schon von Jugend an gering, und je älterer wurde, desto mehr zog er sich in die selbstgewählte Einsamkeit zurück. Nur wenige aber hatten Gelegenheit, ihn zu sehen, da sich in ihm der geistige Zusammenbruch vollzog. So mag denn eine persönliche Erinnerung gerade an diese Zeit ihren bescheidenen Wert haben und behaupten.

Im Wintersemester 1888/89 hielt ich mich als Mediziner studienhalber in Jena auf und besuchte Vorlesung und Klinik des bekannten Psychiaters Professor Otto Binswanger. Eines Tages—es dürfte im Januar 1889 gewesen sein—wurde ein Patient in den Hörsaal geführt, der vor Kurzem in die Anstalt gebracht worden war. Binswanger stellte ihn uns als—Herrn Professor Nietzsche vor! Man denkt nun, das hätte einen gewaltigen Aufstand gegeben! Aber gar keine Spur. Trotzdem schon im Jahre 1888 Georg Brandes in Kopenhagen über ihn Vorlesungen gehalten hatte, war der Name Nietzsche in Deutschland so gut wie unbekannt, nicht nur uns Jenaer Klinizisten, sondern auch noch ganz andern Leuten. Es gibt dafür einen klassischen Zeugen: in der vierten Auflage von Meyers Konversationslexikon vom Jahre 1889 ist Nietzsche noch nicht zu finden! Und welches Kleinfedervieh ist darin zu finden—und im Jahre 1889 war ja Nietzsches literarische Tätigkeit für immer abgeschlossen. Man darf es deshalb auch Professor Binswanger nicht verdenken, wenn er uns über Nietzsches schriftstellerische Tätigkeit nur zu sagen wußte, daß Nietzsche sich früher als eifriger Wagner-Apostel betätigt hatte, daß er aber in den letzten Jahren ein ebenso fanatischer Wagnerfeind geworden war, und daß diese Wandlung seine Freunde stutzig gemacht hätte. Ich für meine Person entsann mich, daß ich ihn schon gelegentlich einmal in den Schriften des hervorragenden Wiener Musikkritikers Eduard Hanslick gelesen hatte, und zwar in einem Aufsatz, der im Jahre der ersten Baireuther Nibelungenfestspiele (1876) geschrieben und in dem die damalige Wagner-Literatur kritisch beschaut wurde. Von Nietzsche lagen damals, in diesen Kreis gehörend, die beiden Schriften vor: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik und Richard Wagner in Baireuth [sic!]. Hanslick tat sie mit einer verächtlichen Handbewegung ab und charakterisierte den Verfasser als einen überspannten Philologen, der von Musik eigentlich keine Ahnung hätte. Nein, Nietzsche war wirklich damals, als er in die Jenaer psychiatrische Klinik gebracht wurde, dem deutschen Publikum ein unbekannter Mann, und es dürfte wohl die größte Ironie der Literaturgeschichte sein, daß man seine Schriften genau in dem Moment zu lesen begann, als er zu schreiben aufgehört: ein bis zwei Jahre später ist Nietzsche die große literarische Mode.

Doch kehren wir wieder in den Jenaer Hörsaal zurück. Der Mann, der da vor uns saß, machte auf den ersten Blick in seiner äußeren Erscheinung nicht den Eindruck eines Kranken. Die mittelgroße Gestalt hält sich straff, das Gesicht wohl hager, aber nicht gerade verfallen,—dies Gesicht, das kurze Zeit darauf alle Welt aus Abbildungen kannte: die prachtvolle Stirn von dichtem, schlichtem, dunkelblonden Haar begrenzt, unter starken Brauen das geisterfüllte Auge, die Nase fast bismärckisch kurz, und darunter ebenfalls an den Bismarck-Typ gemahnend, der Schnauzbart, der die schöngereimten Lippen deckte, und als Abschluß des Ganzen ein unsäglich reizvolles Kinn. Die Kleidung einfach, aber sauber und sorgsam. Allerdings schien er seinen guten Tag zu haben: der Kranke war bei klarem Bewußtsein und gutem Erinnerungsvermögen. Prof. Binswanger ließ sich mit ihm in eine Unterhaltung über sein Vorleben ein. Wir erfuhren zu unserem Erstaunen, daß er bereits mit 24 Jahren, noch bevor er zum Doktor promoviert war, Professor in Basel war, und daß später anhaltende Kopfschmerzen ihn gezwungen hatten, sein Amt niederzulegen. Von seiner schriftstellerischen Tätigkeit erwähnte er kein Wort. Zuletzt, so berichtete er, hätte er in Turin gelebt, und er begann diesen Ort zu rühmen, der ihm besonders behagt hätte, da er die Vorzüge der Großstadt und der Kleinstadt vereinige, und nun schloß er ganz spontan daran eine allgemeine Auseinandersetzung über die Eigenthümlichkeiten der Großstädte und der Kleinstädte. Diese Erörterung machte uns alle hoch aufhorchen: so hatten wir noch nie einen Menschen sprechen hören. Und man war in diesem Punkte damals in Jena sehr verwöhnt, denn es lehrten dort gleichzeitig Leute wie Ernst Haeckel, Rudolf Eucken, Otto Liebmann, Wilhelm Preyer, alle nicht nur berühmte Wissenschaftler, sondern auch glänzende Redner. Aber dieser emeritierte Basler Professor war doch ganz was andres! Später, als ich Nietzsche las, wurde mir klar, was mich so stutzig gemacht hatte. Ich hatte eben zum erstenmal die Zauberwirkung des Nietzscheschen Stils verspürt. Denn er sprach so, wie er schrieb: Knappe Sätze voll eigentümlicher Wortkombinationen und kunstreicher Antithesen, selbst die eingestreuten französischen und italienischen Wendungen, die er namentlich in seinen letzten Schriften so liebte, fehlten nicht. Seine Art, zu sprechen, hatte durchaus nichts Professorales oder Dozierendes an sich. Es war eine "causerie" und an dem sanften Ton der sympathischen Stimme und der vornehmen Gebärde erkannte man den Mann von bester Erziehung. Leider führte er seine Auseinandersetzung nicht zu Ende, mitten in einem Satz riß ihm der Gedankenfaden, und er versank in Schweigen. Professor Binswanger wollte nun seinen Hörern einige Störungen im Gange des Kranken demonstrieren. Er bat Nietzsche, im Zimmer auf und ab zu gehen. Aber der Patient tat das so langsam und lässig, daß man die fraglichen Symptome nicht wahrnehmen konnte. "Nun, Herr Professor," wandte sich Binswanger an ihn, "ein alter Soldat wie Sie wird doch noch ordentlich marschieren können!" Diese Erinnerung an seine Militärzeit schien aufmunternd auf ihn zu wirken. Sein Auge leuchtete auf, seine Gestalt wurde straffer, und er begann festen Schrittes den Hörsaal zu durchmessen.

Ich habe dann Nietzsche noch öfter gesehen, gelegentlich der Visiten, die unser Lehrer mit uns auf den Krankenstationen abzuhalten pflegte. Sein Befinden war wechselnd: bald sah man ihn ruhig und freundlich, bald hatte er seine bösen Tage. Als ich ihn das letztemal sah, bot er ein anderes Bild als das erstemal: er befand sich in einem Zustand hochgradiger Aufregung und sein Bewußtsein war offenbar getrübt. Mit stark gerötetem Antlitz und wild-schmerzlich flackerndem Auge saß er da, von einem Wärter bewacht. Im ganzen aber wirkte die Anstaltsbehandlung günstig auf ihn ein, er beruhigte sich und konnte nach einiger Zeit der Obhut seiner Mutter und Schwester übergeben werden, die ihn zu sich nach Naumburg nahmen.

Und Nietzsches Krankheit? so wird man fragen, was war sie denn eigentlich? In Jena hatte man die Diagnose gestellt: "Progressive Paralyse auf luetischer Grundlage." Denn wie Nietzsche selbst in Jena ganz klar angab, hatte er sich während des Feldzugs 1870/71, den er als Sanitäter mitmachte, eine Lues zugezogen, die sich bald darauf, noch während seiner Basler Zeit, in eine luetische Erkrankung der Netzhaut des Auges geäußert; Professor Schieß, der damalige Basler Ophthalmologe, hat diese Erkrankung behandelt. So präzis und genau lautete Nietzsches eigene Angabe. Nach der in Jena gestellten Diagnose konnte man Nietzsche keine lange Lebensdauer voraussagen. Nun hat er aber noch nahezu ein Dutzend Jahre in leidlichem körperlichen Zustand gelebt. War er wirklich Paralytiker? Ich begann, je länger, je mehr daran zu zweifeln; aber ich war im Laufe der Jahre diesen Gedankenkreisen zu sehr entfremdet, um hierin ein Urteil, ja auch nur eine Meinung mir herauszunehmen. Bald nach Nietzsches Tod hatte ich Gelegenheit, einen bedeutenden Nervenarzt, Dr. Erlenmeyer-Benndorf, zu sprechen. Wir kamen bald in eine Unterhaltung über den großen Toten: ich erzählte ihm meine Erlebnisse und trug ihm auch meine Zweifel in betreff der Diagnose auf Paralyse vor. Er gab mir hierin vollkommen recht und kam dann zu dem Schluß, daß es sich bei Nietzsche nicht um eine progressive Paralyse, sondern um eine Hirnlues gehandelt haben dürfte. Das Weitere mag der Fachwissenschaft überlassen bleiben.

Ein Menschenalter ist nun verflossen, seitdem ich Zarathustra von Angesicht zu Angesicht sehen durfte. Aber in meiner Erinnerung sind diese Bilder noch frisch lebendig: das Bild des ruhigen Mannes, der an einem trüben Januarnachmittag, von einer fast apollinischen Anmut umflossen im grauen Hörsaal vor uns saß, und das Bild des auf seinem Zimmer von der Krankheit grausam Gepeinigten, den man nur mit tiefstem Mitgefühl betrachten konnte. Und wiewohl ich mit leiblichem Auge seine Leiden gesehen und der zergliedernde Verstand nach Grund und Ursache fragt, in des Geistes Auge, in der innern Anschauung wird er doch wieder mythisch: das unvergleichliche Antlitz von laokoontischem Schmerze durchwühlt, gramvoll erglühend der Blick,—ja, er selbst ist der Gott des Lebens, den er so inbrünstig verehrt, von der Schlange der tödlichen Krankheit umwunden: der sieche Dionysos.


"What Was the Cause of Nietzsche's Dementia?"
by Leonard Sax, M.D., Ph.D.,
Journal of Medical Biography, Royal Medical Society, London, February 2003, 11: 47-54.

Summary: Many scholars have argued that Nietzsche’s dementia was caused by syphilis. A careful review of the evidence suggests that this consensus is probably incorrect. The syphilis hypothesis is not compatible with most of the evidence available. Other hypotheses—such as slowly growing right-sided retro-orbital meningioma—provide a more plausible fit to the evidence.


"The madness of Dionysus: a neurological perspective on Friedrich Nietzsche."
by Christopher M. Owen, M.D., Carlo Schaller, M.D., Devin K Binder, M.D., Ph.D.
Neurosurgery (2007):626-32.

Summary: A close examination of Nietzsche’s symptomatic progression and neurological signs reveals a clinical course consistent with a large, slow growing, right-sided cranial base lesion, such as a medial sphenoid wing meningioma. Aspects of his presentation seem to directly contradict the diagnosis of syphilis, which has been the standard explanation of Nietzsche’s madness. The meningioma hypothesis is difficult, though not impossible, to prove; imaging studies of Nietzsche’s remains could reveal the bony sequelae of such a lesion.

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